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Nr. 260 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
5/6. November 1958
Die neue Kreiseinteilung in Oberhessen.
In Oberhessen ist vor einigen Tagen eine weitreichende Veränderung m der öffentlichen Verwaltung erfolgt Mit Wirkung vom 1. November 1938 wurde der Kreis Schotten aufgelöst und die Orte dieses Kreises auf die angrenzenden Kreise Gießen, Alsfeld, Lauterbach und Büdingen aufgeteilt. Am gleichen Tage ist aber der Stadtkreis Gießen ins Leben getreten und mit seinem Ge- bietsbereich aus dem Landkreis Gießen ausgeschieden. Durch diese zwiefache Neuordnung hat es sowohl in der Bevölkerungszahl der Kreise, als auch in ihrem flächenmäßigen Gebietsbestand erhebliche Aenderungen gegeben. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, daß nunmehr der Kreis Gießen — was vor der Auflösung des Kreises Schotten nicht der Fall war — auch an den Kreis Lauterbach grenzt, und zwar mit einem kurzen Geländeteil in der Nähe von Ulrichstein. Dadurch hat der Landkreis Gießen an seinen Kreisgrenzen Berührung mit allen übrigen oberhessischen Kreisen, nämlich mit Alsfeld, Lauterbach, Büdingen und Friedberg.
Die Orte des aufgelösten Kreises Schotten lind den Nachbarkreisen wie folgt zugeteilt worden:
Zum Kreis Gießen kamen die Gemeinden: Freienseen, Gonterskirchen, Klein-Eichen, Lardenbach, Laubach, Ruppertsburg und Wetterfeld, sowie die selbständigen Gemarkungen Laubacher Wald I, II und III und Stockhäuser Hof;
zum Kreis Alsfeld kamen die Gemeinden: Altenhain, Babenhausen II, Groß-Eichen, Helpershain, Höckersdorf, Ilsdorf (Solms), Köddingen, Ober-Seibertenrod, Schmitten, Sellnrod, Stumpertenrod, Unter-Seibertenrod und Wohnfeld;
zum Kreis Lauterbach kamen die Gemeinden: Feldkrücken, Hartmannshain, Herchenhain, Kölzenhain Meiches, Rebgeshain, Ulrichstein und Volkartshain, sowie die selbständige Gemarkung Petershainer Hof;
zum Kreis Büdingen kamen die Gemeinden: Betzenrod, Breungeshain, Burkhards, BUsenborn, Eichelsachsen, Eichelsdorf, Einartshausen, Eschenrod, Gedern, Glashütten, Götzen, Kaulstoß, Michelbach, Mittel-Seemen, Nieder-Seemen, Ober- Lais, Ober-Schmitten, Ober-Seemen, Rainrod, Rudingshain, Schotten, Siechenhausen, Steinberg, Etornfels, Ulfa und Wingershausen.
Der Kreis Fr i e d b e r g wurde von dieser Neuordnung nicht berührt.
Stadtkreis Gießen.
Der Stadtkreis Gießen hat nach dem Gebietsstand vom 1. Oktober 1938 und hinsichtlich der Wohnbevölkerung nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung vom 16. Juni 1933 eine Fläche von 41,76 Quadratkilometer und eine Einwohnerzahl von 35 913 (davon männlich 17 295, weiblich | 18 618). Die Berufsgliederung der Bevölkerung, am 16. Juni 1933 nach dem Gebietsstand vom 1 Oktober 1938 zeigt folgendes Bild: Landin d Forstwirtschaft 712 = 1,9 v. H.; Industrie und Handwerk 9508 = 26,6 v. H.; Handel und Verkehr 8973 = 25,0 v. H.; öffentliche Dienste und private Dienstleistungen 7029 = 19,6 v. H.; häusliche Dienste 1425 = 3,9 v. H.; ohne Beruf 8266 = 23,0 v. H. Die Familien- und Haushaltungs- -t a t i st i k 1933 nach dem Gebietsstand am 1 Oktober 1938 gibt nachstehenden zahlenmäßigen Aufschluß: Insgesamt 9380 Einzel- und Familienhous- baltungen, davon 632 Einzelhaushaltungen und 8748 Familienhaushaltungen, weiter bestehen hier mach 29 Anstaltshaushaltungen, in dentzn nach fener Statistik 2176 Personen gezählt wurden. Die Gesamtzahl aller Haushaltungen im Stadtkreis Gieren bezifferte sich also nach jener Statistik auf 9409. Die Religionszugehörigkeit der nach der Volkszählung vom 16. Juni 1933 im Stadtkreis Gieren vorhandenen 35913 Einwohner wird von der Statistik wie folgt verzeichnet: 30 305 Evangelische
(Landeskirche), 9 Altlutheroner, 668 Evangelische (Sekten), 3534 Römisch-Katholische, 3 Orthodoxe, 5 Altkatholische, 855 Israeliten (mittlerweise sind es allerdings durch Wegzug erheblich weniger geworden), 56 andere Nichtchristen, 436 Gemeinschaftslose, 42 ohne Angabe. Die Gewerbebetriebe am 16. Juni 1933, aber nach dem Gebietsstand am 1. Oktober 1938 sind in der Statistik mit insgesamt 2320 angegeben Die Zahl der land- und forst- wirtschaftlichen Betriebe bis 0,5 na Betriebsfläche wurde am 16. Juni 1933 mit 3222, die der Betriebe mit mehr als 0,5 ha Betriebsfläche mit 99 ermittelt.
Landkreis Gießen.
Nach dem Gebietsstand am 1. Oktober 1938 hat der Landkreis Gießen in seiner neuen Gestalt, also mit Einschluß der „Laubacher Ecke", eine Fläche von 653,36 Quadratkilometer. In 86 Gemeinden des Kreises wohnen — nach der Volkszählung vom 16 Juni 1933 — 74 420 Einwohner. (Davon 36 751 männlich, 37 669 weiblich.) Nach der Berufsgliederung, entsprechend den Ermitt
lungen vom 16. Juni 1933 und nach dem Gebietsstand vom 1. Oktober 1938 verteilt sich die Einwohnerzahl wie folgt auf: Land- und Forstwirtschaft 26 275 — 35,3 v H.; Industrie und Handwerk 27 929 = 37,5 v. H.; Handel und Verkehr 8044 = 10,8 v. H.; öffentliche Dienste und private Dienstleistungen 3905 — 5,3 o H.; häusliche Dienste 770 = 1,0 v. H.; ohne Beruf 7497 = 10,1 v. H. Die Familien- unb Haushaltungsstatistik ergibt für das neue Kreisgebiet 17 748 Einzel- und Familienhaus- haltungen; davon 773 Einzelhaushaltungen und 16 975 Familienhaushaltungen, fernerhin 11 An- staltshaushaltunqen. Die Gesamtzahl aller Haushaltungen im Landkreis Gießen beläuft sich also guf 17 759. lieber die Religionszugehörigkeit der 74 420 Einwohner des Landkreises, entsprechend den Ermittlungen der Volkszählung vom 16. Juni 1933, wird in der Statistik folgendes angegeben: 71646 Evangelische (Landeskirche), 110 Altlutheraner, 695 Evangelische (Sekten), 961 Römisch-Katholische, 733 Israeliten (heute ist die Zahl sicher niedriger), 62 andere Nichtchristen, 162 Gemeinschaftslose, 51 ohne Angabe. Die Zahl der Gewerbebe
triebe im Kreisgebiet ist auf 4823 beziffert. Die Zahl der land- und for st wirtschaftlich en Betriebe bis 0,5 Hektar Betriebsflache belief sich nach dem Ergebnis der Statistik von 1933 auf 7259, die der Betriebe mit mehr als 0,5 Hektar Betriebsfläche auf 8261
Kreis Büdingen.
Nach der Neugliederung durch die Auflösung des Kreises Schotten ist der Kreis Büdingen mit 730,34 Quadratkilometer Fläche der flächenmäßig größte Kreis in Oberhessen. Die Einwohnerzahl dieses Kreises in 102 Gemeinden, nach der Zählung
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der Optiker am Bahnhof.
Mit „Halali" und „Horrido" im Heuchelheimer Feld
Wenn es auch gestern den ganzen Tag regnete, so brauchte doch niemand Zweifel darüber zu hegen, daß die Hubertusjagd stattfinden werde. Pünktlich um 13 Uhr verließ denn auch der stattliche Zug der Reiter und Reiterinnen die Bleidorn-Kaserne an der Grünberger Straße. Voraus ritt das Trompeterkorps des Art.-Rgts. 9. Der große Aufzug brachte viele Zuschauer an die Straßen. Ueber Kaiserallee, Moltkestraße, Hitlerwall, Neuenweg, Seltersweg und Frankfurter Straße bewegte sich der Zutz der Reiter nach Klein-Linden, um dann am Allendorfer Wäldchen nach dem Heuchelheimer Feld abzubiegen.
Vom Eintreffen am Sattelplatz bis zum Signal „Frisch auf Kameraden" vergingen nur wenige Minuten. Nun schnürten der „Fuchs" und die beiden „Hunde" voraus, nahmen spielend die ersten Hindernisse, dann folgten die Reiter des etwa 50 Mann starken ersten Feldes der Offiziere und Gäste in scharfem Galopp. Erst ein Graben, die Straße und der Bachlauf der Bieber hemmten das Tempo für kurze Zeit, denn mehr oder weniger willig nahmen die Pferde den tiefliegenden Wassergraben. Für die Zuschauer gab es dabei dankbare Minuten. Weiter ging es über das flache Feld, auf dem es noch eine Reihe von Hindernissen zu nehmen galt, bis
angesichts des Dorfes Atzbach die Strecke ausging und das ,Halali" für das erste Feld erklang. Das Geläuf war durch den anhaltenden Regen sehr schwer geworden und stellte an Pferd und Reiter hohe Anforderungen. Oftmals sanken die Pferde bis an die Fesseln ein.
Minuten später preschte dann auch das zweite und schließlich das dritte Feld der Unteroffiziere, der Wachtmeister und Hauptwachtmeister (beide Felder mit 45 und 40 Reitern, nicht weniger stark als das der Offiziere) heran. Dreimal also erscholl das .Halali" im weiten Feld.
Von überall her und rasch fanden sich nun auch die Zuschauer ein, und vor allem der Jugend kam es auf einen Dauerlauf über größere Distanz nicht an. Kraftwagen schlitterten auf morastigem Wiesenweg dem Sammelplatz zu, Kutschen und Krümperwagen gesellten sich dazu. Das Heuchelheimer Feld hatte eineif großen Tag. Nur Mümmelmann schien die Unruhe nicht zu behagen.
Den Höhepunkt der Hubertusjagd bildeten dann die Fuchsjagden. Sie dauerten nicht lange. Es war rasch zu erkennen, daß bei der großen Zahl der ausgezeichneten Reiter der jeweilige „Fuchs" die Trophäe nicht lange behalten und der fintenreichste
Ritt des „Fuchses" nur wenige' Minuten dauern konnte. Insgesamt bot sich bei den drei Fuchsjagden ein begeisterndes reiterliches Bild.
Auf das Kommando von Generalleutnant Oß - wald, der als Jagdherr noch bei keiner der diesjährigen Jagden fehlte, preschten die Felder für die Fuchsjagden mit großem Elan los. Dann wurden durch den Jagdherren die Brüche mit der Erinnerungsschleife verteilt. Mit dreifachem „Horridoh" wurden die Reiter, die den Füchsen die Trophäe abjagen konnten, geehrt.
Im Feld der Offiziere und Gäste ritt Oberleutnant Grisar (Chef der 7. Batterie) als Fuchs. Hauptmann Kurtz (Chef der 5. Batterie) brachte ihn um die Jagdtrophäe.
Im Feld der Artillerie (Unteroffiziere und Wachtmeister) startete Hauptwachtmeister Schmitz (9. Batterie) als Fuchs; Unteroffizier Klauke (9. Batterie) griff den Fuchsschwanz. — Im Feld der Infanterie wurde Hauptwachtmeister Koch als Fpchs gejagt. Ihm entriß Unteroffizier Wenzel vom Stab der 9. Division die Trophäe.
Nachdem das Trompeterkorps noch ein kurzes Platzkonzert gegeben hatte, wurde zur Stadt zurückgeritten.
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Zu unseren Bildern: Links: Das erste Feld der Offiziere und Gaste auf dem Wiesenplan an der Heuchelheimer Brücke. — Neben st ehend: Generalleutnant Oßwald mit den Reitern, die den „Füchsen" die Jagdtrophäe entrissen. — (Aufnahmen s2s: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Der Köier.
Von Dorothea Hollah.
Ich hatte einmal einen Hund. Er war schauderös. Wenn SleTfer dabei war, ging Eberhardt nicht einmal bis zum Briefkasten mit, und er bekam einen roten Kopf, wenn ich erzählte, daß wir, d. h. Meier und ich, Herrn oder Frau Soundso getroffen hätten.
„Du hast eben keine Spur von Menschenwürde mehr", tadelte er. „sonst würdest du dich mit einem solchen Köter nicht, sehen lassen."
„Du verkennst ihn", verteidigte ich Meiern, „er hat einen makellosen Charakter, und das >st mehr wert als äußere Vorzüge — nicht wahr, M-,er. chen?" „.
Meier juckte sich und schnappte nach einer Mucke. Eberhardt grinste.
Ich hatte Meier mit der Flasche groß gezogen, Er wuchs ins Unermeßliche, barg alle Rassen in sich, trug alle Farben und huldigte allen Lastern. Siebte Mtzier mich? Ich weiß es nicht. Er war mmer selig. Selig, wenn es regnete^ selig, wenn ss brutheih war, selig, wenn der Schnee knirschte. Jede dieser Jahreszeiten hatte er bisher einmal ^Jch^chreibe hier ein Bekenntnis, und ich bekenne, daß ich Meiers überdrüssig wurde. Ich ärgerte mich, vaß Eberhardt sich ärgerte, ich schämte muh, Daß meine Bekannten sich meiner schämten, und mich s'elbst, ich muß es gestehen, befremdete Meiers impertinenter und durch nichts zu dämmender liebermut.
Darum setzte ich in die Zeitung, baß ein Hund ßu verschenken sei, an gute Leute, versteht sich. Die Rasse wußte ich nicht anzugeben. Drei Tage lang Samen von fern und nah die sonderbarsten uJcanner, Frauen und Fräuleins, und einer von ihnen krieche hn: der Schulverwalter eines Nachbardorfes. Cs war mir etwas dick in der Kehle, als ich Meiern ijum letztenmal... Aber er zog selig ab, lAumnzette n neue Abenteuer. Das gab mir den Rest. „Du hattest Recht, Eberhardt, er hatte keinen Charakter
Nun begann ein Interregnum voll Wehmut, sprechen wir nicht darüber! Eberhardt behauptete, wahrhaft treue Hunde fänden den Weg zu ihrem alten Herrn zurück, auch wenn zwanzig Kilometer dazwischen lägen; aber ich brauchte weder -öe« ürchtungen noch Hoffnungen wegen Meiers Treue j ;u hegen, meinte er, der Köter wüßte bestimmt nichts mehr von mir.
Mein Herz war leicht verwundet, aber ich mochte es mir selbst nicht eingestehen und trug mein Leid chweigsam. Auch erfuhr Eberhardt nie, daß ich den zerknabberten Gummiball, der unterm Schrank lag, heimlich aufhob.
Drei Wochen ging es so, dann war ich dahinter gekommen, daß sich das Leben nicht nur auch ohne Meiern fortbewegte, sondern sogar besser, reibungsloser verlief. Eberhardt und ich, wir kamen uns wieder näher, und ich konnte auf der Straße wieder Radfahrer sehen, ohne vor Angst in Schweiß auszubrechen. Eberhardt meinte: „Gesteh es doch endlich, es war ein grausam schimmliches Vieh!" Und ich gestand es. e
Aber nach drei Wochen, abends um elf, ich kam aus einem Konzert, es goß, und die Stadt war voll Pfützen, da stand er draußen auf der Straße vor meiner Tür. Er, Meier! Er wagte nicht zu bellen. Als er mich kommen sah, tobte er vor Freude. Ja, da stand er — mit durchgekauter Leine, schlanker, männlicher. Er war entschieden veredelt.
Die Begrüßung zu beschreiben würde Seiten füllen. Ich trommelte Eberhardt aus dem Schlaf: „Junge, Meier ist wieder da! Er ist ausgekniffen und zurückgekommen! Wie treu von ihm! Und schön ist er geworden! Er hat ganz goldene Augen gekriegt! Und einen herrlichen Schweif! Guck nur mal!"
Eberhardt grunzte verzweifelt: .Hosefmarie, letzt hat er sogar einen Schweif statt eines triefnassen Schwanzes!" _
„Eberhardt, du bist roh! Du hast kein Gemüt!
„Mag sein." .
Ich gab Meiern zu trinken. Sein Anblick trieb mir Tränen in die Augen. Wäre, ich nicht gerade aus einem Konzert gekommen, wäre ich vielleicht standhafter gewesen. So aber... Eberhardt kam im Pyjama angewandelt und stellte nach nüchternen Betrachtungen fest: „Stimmt, er ist kultivierter geworden, etwas entrunbet."
Ich fiel ihm dankerfüllt in die Arme: „O Junge, ich finde ihn einfach himmlisch!"
Eberhardt kniff die Augen zusammen und rieb sich die Gänsehaut auf den Armen. Als er sich endlich beruhigt hatte, erklärte er mild: „Aber du mußt ihn natürlich zurückgeben, Kind Er gehört dir nicht mehr Er ist eine zugelaufene Sache, auf die du keinen Anspruch hast." So sprach das kalte
Juristenherz. _ r .
Das entrüstete mich über alle Maßen. „3d) tgn zurückgeben? Ich Meiern zurückgeben? Dieses Bild der Treue? Nie und nimmer, komme, was kommen mag!" So das unlogische, aber liebende Mutterherz
Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß
das Gefühl über die Logik siegte. Denn die Logik kennt nur einen Weg, das Gefühl aber weiß hundert Wege, und das ist fein ewiges Plus.
Eberhardt aber bezahlte mit Anstand das Kostgeld an den Schulverwalter.
Mundartliches aus einer deutschen Weinlandschast.
Wer als Fremder den Gesprächen Einheimischer in einem deutschen Weinland, die das für sie so wichtige Thema vom Wein zum Gegenstand haben, einige Zeit zuhört, wird immer wieder auf Wörter stoßen, die ihm völlig unverständlich bleiben. Wenn man die Blütenlese solcher mundartlichen Wörter und Redensarten bei der Traubenlese und Weinbereitung durchsieht, die Heinrich Mathes aus feiner Heimat, der Südwestecke der Provinz Rheinhessen, in der Zeitschrift des Deutschen Sprachvereins „Muttersprache" mitteilt, so sieht man, wie reichhaltig die Sprache der Weinbauern ist und wie schwer es oft wird, die verschlungenen Wege zu verfolgen, auf denen es zu diesen Wortbildungen gekommen ist. Um ein Beispiel herauszuheben, so gehörte zu den Keltern der alten Bauart eine senkrecht stehende Holzwelle mit Querhölzern zum Drehen, die den sonderbaren Namen Tummler oder Tummelbaum hatte. An dem Tummelbaum war ein starkes Seil befestigt, das den Kelterhebel mit dem Tummler verband. Wurde nun die Welle bewegt, so wickelte-sich das Seil darum, zog den Kelterhebel an, somit auch die Schraube Den Tummelbaum zu drehen, war nicht jedermanns Sache, man wurde leicht schwindlig oder, wie man dort sagt, tummelig, und daher ist der Name entstanden.
In den Wirtschaften trinkt man einen Halben oder auch mehr, in Kreuznach aber und Münster am Stein ein Remische. Man hat dieses Fremdwort mit feiner deutschen Endung verschieden gedeutet. Man hat es von dem „Römer", dem bekannten bauchigen Weinglas, ableiten wollen, das von „roemen", rühmen, stammt und ursprünglich das Prunkglas meint, mit dem man einen Trinkspruch zu jemandes Ruhm ajisbringt In Rheinhessen kennt man den „Römer" aber gar nicht, sondern nur das „Weinglas", und so ist die andere Deutung wohl zutreffender, die auf. bas französische „remettre, remis“, sich erholen, sich wiederherstellen, zurückgeht. Remis'che wäre danach etwas, was uns zur Erholung gereicht wird Es hat sich in dem Kampfe gegen die Fremdwörter behauptet, wohl weil das Wort bei dem Weintrinker besonders angenehme Gefühle auslöst.
Hinter manchem mundartlichen Wort steht auch eine lustige Geschichte. So wird eine alte Mär erzählt, die zu der Bezeichnung 7,-Binger Bleistift" ge- geführt hat. Die Binger Ratsherren pflegten nach angestrengter Sitzung einen kräftigen Trunk aus dem Stadtkeller zu tun. Als nun eines Abends der Kellermeister alles darauf vorbereitet hatte, wollte der Herr Bürgermeister noch etwas aufschreiben. Das Schreibzeug war schon weggeräumt; so erbat er sich von dem Hm zunächst Sitzenden einen Blei, stift. Der hatte keinen — keiner von den Zwölfen hatte einen Bleistift. Mit dem Schreiben war es nichts. Und als nun die Flaschen entkorkt werden sollten, da fehlte dem Herrn Bürgermeister der Korkzieher. Sollte nun auch aus dem fröhlichen Trunks nichts werden? „Hat einer vielleicht einen Stobbe- zieher?", fragte er. Und siehe, ein jeder streckte ihm dieses für sie so unentbehrliche Ding, einen Kork- zieh er entgegen, und „Das ist unser Bleistift!" schrie alles voll Begeisterung. Ja, das war der Binger Bleistift.
Unerschöpflich scheint der Wortvorrat zu sein, der sich mit den verschiedenen Graden des Weinrausches beschäftigt. Hat sich einer beim Trinken etwas übernommen, so heißt es: „Er hot." So unbestimmt das Sätzchen ist, so viel kann es bedeuten. Weiter aber sagt man: „Was hot er dann? En Hieb, en Strich, e Stormche, en Storm, e Hormel, er hot's im Ohr, Hot sich befebelt, sich zugericht't, die Schnitt getunkt, die Gorjel geschwenkt, die Nos voll, schief gelaarn, über die Schnur gehae, zu tief ins Glas geguckt, Babbelwasser getrunke, Staab unner de Kapp, Hofs im Dach." Darum geht er „übers Kreuz, er torkelt, lallt, macht lange Aadeckel; er ist angeraacht, berußt, schwarz, blo, mole, schicker, nicht mehr recht bei sich, nicht mehr klar, nicht mehr allaa (allein), benewelt, voll, vollgesoss. B.
Zeitschriften.
— Zum 9. November 1938 veröffentlicht die l - lustrirte Zeitung Leipzig" den bebilderten Beitrag „Ehrenmale der Bewegung" von Dr. Siegfried Scharfe. Es folgt eine Betrachtung „Die deutsche Kunst im Böhmen". Besondere Erwähnung verdienen die bebilderte Abhandlung über „Das Haus in den Bergen" und „Russischer Totentanz" von Edwin Erich Dwinger, in dem an Hand von wenig bekanntem Jllustrationsmaterial die Führer des weißrussischen Widerstandes gegen den Bolschewismus und ihre Schicksale gewürdigt werden Dis Kunstbeilage zeigt in Tiefdruck ein Motiv vom Chiemsee und eine ostpreußische Fischerfrau.


