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lir.80 Drittes Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für OberWen)

Dienstag, 5. ApriN938

Aus der Stadl Gießen.

Kleines Liebeslied.

Täglich kann ich es vor meinem Hause hören. Immer ist es dieselbe gleichförmige Melodie, immer derselbe eintönige Text:Schilp, schilp! Schilp, schilp!" Weiter nichts als:Schilp, schilp." Mal klingt es von der Dachrinne her, dann vom Garten- Zaun und manchmal auch vom Fliederstrauch. Zu­weilen erklingt es sogar im Chor, doch dann dauert es nicht lange, und die Darbietung endet in einer wilden, aufgeregten Jagd, die von gellenden Pfeif- tönen begleitet wird. Bis schließlich der eintönige Gesang von neuem beginnt, und dann tönt es wie­der friedlich ohne Unterlaß:Schilp, schilp!"

Es ist gewiß ein mehr als bescheidenes Lied, aber es ist )och ein Liebeslied, das der gewöhnlich nicht fonderich beliebte Sperling solchermaßen unbeküm­mert singt. Der Frühling ruft alle Sänger zum edlen Streit, warum soll also der Sperling dabei fehlen? Ihm ist seine Stimme gegeben, wie jedem anderer Geschöpf, und daß er sie zu gebrauchen ver­steht, bwon zeugt eben jenes kleine Lied. Natürlich, es gibl kunstvollere Gesänge: die Meisen singen schon nelodischer, der Buchfink zeigt sich als her- vorrag«nder Tonmeister, vom Lied der Drossel und vom Shlag der Nachtigall gar nicht zu reden.

Aber achtet eine muntere Späßin etwa auf diese reiferer Künste? Leiht sie ihr Ohr dem Staren­gesang, oder horcht sie auf das schwermütige Lied des Rokehlchens? Mitnichten, sie will davon nicht das geingste wissen. Für sie ist das gleichmäßige Schilp schilp" die schönste Melodie, die es auf die­ser Wet gibt, und demjenigen grauen Sänger, der mit die:r Melodie ihr kleines Her^ betört, dem gibt sie sich schrankenlos zu eigen (was dann ohne Säumnz zur Gründung einer eigenen Häuslichkeit in der ^achrinnensphäre führt).

Es gbt unendlich viele Liebeslieder in dieser Frühlinszeit. Die Dichter wissen davon in zärt­lichen Torten und beschwingten Weisen zu berich­ten. Si bewundern den schluchzenden Ton der Nächtiget, sie frohlocken über den Ruf der Lerche. Dom Sprling hingegen wissen sie nichts zu sagen, und das ist fürwahr ein Unrecht. Mag der Gesang auch noa so einfach und wenig melodisch erscheinen: er ist ei rechtes Liebeslied, das uns auf Schritt und Trit entgegenschallt, in der Enge der Straßen und draHen vor den Toren der Stadt. Denn dieses Liebeslie birgt denselben Lobgesang, wie er jeßt triumphirend die ganze Zeit erfüllt: Die Welt wird schöner rit jedem Tag! H. W. Sch.

Dornotizen

Tageskalender für Dienstag.

! Sta'dtthater: 20 bis 22 UhrParkstraße 13". Moria-Plast:Verklungene Melodie". Licht­spielhaus:Juwelenraub im West-Expreß".

Stadttheater Gießen.

/ Heute, m 20 Uhr, findet eine Wiederholung des KriminalstckesParkstraße 13" vbn Axel Hvers statt. Spitleitung Hans Geißler, Bühnenbild Karl Löffler. Te Vorstellung findet als 25. Vorstellung der Diensig-Miete statt. Ende 22 Uhr.

Mittwo«, 6. April, Vorstellung der Mittwoch- Miete fäll aus.

Donnermg, 7. April, Anfang 20 Uhr, Ende 22 Ahr,fünftes Orchesterkonzert des großen städti­schen Orchsters, Haydn:Die Jahreszeiten", Ora­torium fülChor, Soli und Orchester. Leitung: Prof. Stefan Teiesvary. Außer Miete.

Freitag,^. April, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr ErstauffühungScharnhorst", Schauspiel in drei Akten vonÄerhard Menzel Spielleitung: Dr. Erich Schumache. Freitag-Miete 27. Vorstellung.

Sonntac 10. April, Anfang 11.30 Uhr, Ende 12.30 U hi 13. Morgen Veranstaltung,Ostland". Leitung: Iolfgang Kühne und Joachim Popelka. Anfang ll Uhr, Ende 21.30 Uhr,Das Land des Lächelns", Romantische Operette von Lehar. Mus. Leitung: Jachim Popelka. Spielleitung: Karl-Lud­wig Lindt.Außer Miete.

Naturschutzgebiet Hangelstein.

Der Kreisbeauftragte für Naturschuß im Kreise Gießen schreibt uns:

Durch Verordnung des Reichsstatthalters in Hes­sen Landesregierung vom 29. Mai 1937 ist ein Teil des H a n g e l st e i n s bei Gießen als Naturschutzgebiet sichergestellt worden. Die in Frage kommenden Waldabteilungen sind in jener in den Tageszeitungen veröffentlichten Verordnung genau benannt worden. Ferner ist später durch den Kreisbeauftragten für Naturschutz in der Tages- presse eine Beschreibung des Schutzgebietes unter Beifügung einer Grenzskizze erfolgt. Nunmehr sind in den letzten Tagen an allen Zugangswegen an ber Stelle, wo diese in das Naturschutzgebiet hmein- führen, Tafeln mit der AufschriftNa­tu r s ch u tz g e b i e t" aufgehängt worden. Damit ist eine so klare Umgrenzung erfolgt, daß sich nie­mand mehr, der beim Uebertreten der Schonvor­schriften betroffen wird, mit Unkenntnis entschul­digen kann.

Es wird noch einmal ausdrücklich daran erinnert, daß das Schutzgebiet nur auf den Wegen be­treten werden darf und daß jedes Pflücken, Sammeln, Ausgraben oder sonstiges Be­schädigen von Pflanzen jeder Art unter Strafe gestellt ist. Dasselbe gilt sinngemäß für die Tier­

welt. Es ist dabei gleichgültig, ob eine Pflanzenart nur in wenigen Stücken, oder ob sie tausendfach vorkommt: das Abpflücken einer selte­nen Pflanze ist genau so strafbar, wie etwa das Sammeln von Maikraut in­nerhalb des Schutzgebietes. In diesem Gebiete soll die vorhandene Pflanzenwelt sich ohne Störung durch den Menschen vermehren können. Wer einmal den Hangelstein im Schmuck gerade der Pflanzen gesehen hat, die ihn besonders kennzeich­nen, wird seine Freude daran haben. Mögen alle Besucher dankbar anerkennen, daß die Schutzmaß­nahmen gerade in ihrem Interesse liegen, und hel­fen. sie zu einem Erfolge werden zu lassen. Wer aber glaubt, sich über die Rücksichten auf die All­gemeinheit Hinwegsetzen zu können, sei gewarnt! Die Strafen, die das Naturschutzgesetz androht, find empfindlich, ganz besonders dann, wenn noch ma­terielle Gründe, wie bei gewerbsmäßigen Pflanzen- lammlern, eine Rolle spielen.

Die Aufsichtsorgane des Forst-, Jagd- und Na­turschutzes sind angewiesen, gegen Zuwiderhandlun­gen unter allen Umständen einzuschreiten. Hoffent­lich machen Natur- und Heimatliebe der Besucher dies unnötig!

Empfang der Fliegertruppe.

Circus Atthoff in Gießen.

Am morgigen Mittwoch früh trifft der Circus Franz Althoff, nicht zu verwechseln mit dem Circus Geschwister Althoff, zu einem zweitägigen Gastspiel in Gießen ein. Die Eröffnungsvorstellung wird am morgigen Mittwochabend in dem großen Zeltbau auf Oswaldsgarten stattfinden. Der Circus wird nach den Mitteilungen, die uns zugeleitet wurden, ein reichhaltiges und vielseitiges Programm bieten, das den Freunden der Circuskunst während dreier Stunden gute Unterhaltung bereiten dürfte.

SOM.-Untergau 116.

Dienstbefehl an jedes Mädel und Jungmädel!

In der Woche vor der Wahl am 10. April tragen alle Mädel und Jungmädel des Obergaues 13 Hessen-Nassau ständig Kluft!

Für diese Woche fetzt die Untergauführerin fol­gende Appelle an:

Dienstag, 5. April: 20 Uhr, Singewettstreit der Gruppe 8/116 in Geilshausen. Appell in Reinhards- Hain. 21 Uhr, Singewettstreit der Gruppe 7/116 in Allendorf a. d. Lda.

Mittwoch, 6. April: 20 Uhr, Singewettstreit der Gruppe 16/116 in Großen-Linden, anschließend Sportabend durch die Untergausportwartin. 21 Uhr, Singeabend des Standorts Burkhardsfelden durch die Musikreferentin.

Donnerstag, 7. April: 20 Uhr, Standortappell in Lollar, Schar 1 und 2. 21 Uhr, Appell in Staufen­berg.

Freitag, 8. April: 20 Uhr, Singewettstreit ber Gruppe 15/116 in Leihgestern. 20 Uhr, Appell in Steinbach und Garbenteich. Singewettstreit der Gruppe 17/116 in Klein-Linden.

Milte MW MMsml

Sportamt ber TXS<5>.Kraft durch Freude".

Ab heule werden unsere Dienstags-Schwimmslun- den im Gießener Volksbad bis zum Herbst eingestelll. Die Schwimmstunden Freitags, von 20.30 bis 21.30 und 21.30 bis 22.30 Uhr, werden weiter durch- geführt. 2254D

Drei neue Mädeldienstlager eröffnet.

NSG. Am Dienstag kann der BDM.-Obergau 13 drei neue Landdienstlager eröffnen. Es sind dies:

Bernsburg im Kreis Alsfeld, Frau-Rom- bad) und Rimbach im Schlitzer Land. Zum 15. des Monats werden weitere drei Lager fertig­gestellt: Nieder-Olm in Rheinhessen, Budenheim und Thalhof bei Jugenheim an der Bergstraße. Da­mit ist der Einsatz des BDM.-Obergaues auf acht Lager erhöht, denen im Laufe der nächsten Wochen weitere folgen werden.

WHW. Ortsführunq Gießen-Süd.

Kohlenabrechnung.

Die Kohlenhändler werden hiermit aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine der Serie F am Dienstag, 5. April, 19.30 Uhr, auf der Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Spä­ter eingereichte Kohlengutscheine werden nicht mehr angenommen.

Sieger des Sauentscheids im Handwerkerwettkampf.

NSG. Nachdem am Sonntag in Frankfurt der Gauentscheid im Handwerkerwettkampf für das Friseur-Handwerk als letzter durchgeführt worden ist, gibt die Deutsche Arbeitsfront nunmehr die Sieger des Gauentscheids im Handwerkerwettkamps bekannt. In den verschiedenen Handwerksberufen wurden aus Oberhessen.die nachstehend genannten jungen Männer Gausieger:

Ludwig V ö l z i n g , Gießen, Sattler, Klasse A; lauer Hertel, Gießen, Schuhmacher Klasse B.

Frühlingsstürme verursachen Schäden.

LPD. Die schweren Stürme, die am Sonntag, teilweise auch noch am Montag, mit 8 bis 12 Sekundenmeter Geschwindigkeit über Südwestdeutsch­land brausten, haben vielfach erheblichen Schaden angerichtet. Am heftigsten wütete der Sturm in her Wetterau und in Oberhessen. Dort wurden in den Dörfern Dächer abgedeckt, Gartenzäune eingedrückt und Obstbäume umgelegt. Die Fußgänger aus den Landstraßen hatten oft Mühe, dem Sturm Wider­stand zu leisten, und mitunter wurden Kraftwagen durch die plötzlich mit ungeheurer Kraft auftreten- ben Böen aus der Fahrtrichtung gedrängt. In den Wäldern, insbesondere im östlichen Taunus zwi­schen Bad-Nauheim und Butzbach, gab es erheblichen Windbruch. In der Umgebung von Frankfurt haben die Obstbäume stellenweise unter dem Sturm ge­litten, denn junge Triebe und Blütenzweige wurden abgerissen. Zerbrochene Fensterscheiben und her­untergestürzte Fahnenstangen waren die weitere Folge des eisigen Frühlingssturmes.

Oberstleutnant L a ck n e r. (Aufnahme: Privat.)

Am kommenden Freitag, 8. April, um 1130 Uhr, findet auf dem Trieb die feierliche Begrüßung der in ihrem neuen Standort Hießen eingetroffenen Fliegertruppe statt. Die Begrüßung wird in Gegen­wart des Kommandierenden Generals erfolgen und mit einem Parademarsch abschließen.

Die Fliegertruppe steht unter dem Kommando des Oberstleutnants L a ck n e r. Oberstleutnant L a ck- n e r ist Ostpreuße, wo er am 5. Februar 1891 in Insterburg geboren wurde. Am 1. Juni 1910 wurde er Leutnant im Grenadier-Regiment Kronprinz (1. Ostpreußisches Nr. 1) in Königsberg i. Pr. Mit diesem Regiment rückte er am 1. August 1914 ins Feld. In der Schlacht bei Gumbinnen wurde er durch Brustschuß so schwer verwundet, daß er in der Folge nicht mehr tauglich zum Infanterie-Dienst war und auf feine Bitte zur Fliegertruppe kom­mandiert wurde. Nach kurzer Ausbildung wurde er im März 1915 als Beobachter zur Feldflieger-Ab­teilung 11 (Frankreich) versetzt. Bis Kriegsschluß kämpfte er in der Fliegertruppe, hauptsächlich an der Westfront, u. a. als Führer einer- Schlachtstaffel und einer Schlachtstaffelgruppe. Im März 1919 trat er zum Grenadier-Regiment 1, dem späteren In­fanterie-Regiment 1, zurück. Bis 31. Mai 1922 diente er in der Reichswehr, zuletzt als Hauptmann und Regiments-Adjutant des Jnf.-Reg. 1. Nach seinem Ausscheiden aus der Reichswehr war er im Wirtschaftsleben tätig, später tat er Dienst im Reichs­wehrministerium. In den Heeresdienst zurückge­kehrt, kam er dann in das Reichsluftfahrtministe­rium, wurde am 1. Februar 1934 zum Major, am 1. Januar 1936 zum Oberstleutnant befördert. Seit 1. September 1937 ist er Kommandeur der nun­mehr hier in Garnison stehenden Fliegertruppe.

Oie Abstimmungsbezirke und Abstimmungsräume am 10 April.

Der Oberbürgermeister (Wahlamt) gibt heute die Einteilung der Stimmbezirke und die Abstimmungs­räume für die Volksabstimmung und Wahl zum Großdeutfchen Reichstag am 10. April für den Be- reich der Stadt Gießen mit Gemarkung Schiffen­berg und Herrnwald bekannt. Auf diese wichtige Bekanntmachung seien unsere Leser besonders hin­gewiesen.

die Möl

Plätzen der Oschehnisse umzugehen. Der Flughafen in der Wüst, die Verlassenheit unter sengender Sonne, das l'wühl in den Broadways Neuyorks, die luxuriöse lmgebung im Berliner Haus, das Krankenzimm eines Kindes, das Nachtlokal, der Ozeandampfer- das alles gab den stets anregen­den Rahmen ir Irrtum und Leidenschaft m der Liebe zweier enschen.

Brigitte Hovey als liebendes und enttäuschtes Mädchen als n ein krankes Kind bangende Mut­ter und als pfhttreue Frau hatte eine reiche Skala d°rst°ll«ri,ch-n!lusdrucks^u bemetfen um ihrer Rolle Gerecht werden. Sie gab die Barbara Lo­renz mit aroV Innigkeit. Willy Birgel hatte seinerseits keinleichte Ausgabe darim den souvera- nen Busineß ^nn und den leidenschaftlich Ver­liebten zu verk'gen. Karl Raddatz, Druder des Generaldirektoi verkörperte überzeugend den Kon­flikt, in den erUM Bruder und zu Barbara gerat.

Verklungene Melodie."

Gloria-Palast.

Der net Film im Gloria-Palast bringt eine Liebesgeschhte von bestrickendem Reiz, einer großen Vielfalt de Ereignisse und einer Dramatik, die in einzelnen izenen fast an Sensation grenzt. Der Schauplatz )er Handlung ist wieder einmal jene Welt, in" hr der allmächtige Generaldirektor die tragende Rlle hat, eine Welt, die vielen als das Ziel der Ansche erscheinen könnte, wenn es nicht auch in ihrlnvollkommenheiten gäbe, und Grenzen des Lebensückes, das mit Geld allein nicht zu be­gründen ist Der Generaldirektor, der den Flug über die- Aste trotz eines nahenden Sandsturmes wagt und n Mädchen nach Berlin bringen will, mit ihr in lot gerät, weil der Flug nicht gelingt, beschwört d Liebe seiner Gefährtin heraus. Aber er glaubt, 's er wieder in der gewohnten Um­gebung ist, hr die Erfüllung versagen zu müssen, weil er sichlls ein Mann des Geschäftes, des un­bändigen Lbenshungers und der stetigen Ab­wechslung filt, weil er glaubt, sie nicht an sich bin­den zu dürn. Da verläßt sie in der Stunde der harten Erkeitnis, daß sie nichts zu hoffen hat, das Haus. Als er sie nach Jahren in Neuyork sehr zusälligwiedersieht, als Frau eines anderen Mannes, alMutter eines Kindes, nun in heftiger Liebe zu ih entbrennt und sie in feinen Kreis reißen will, >a hält sie das Pflichtgefühl zuruck,

ihm zu folge , e .

Die Handng gab ber Regie (Io uj an ff g) ""glicht«, fast verschwenberisch mit ben Schau­der Oschehnisse umzugehen. Der Flughafen

die seine Liebe nicht erwidern kann. Hans Brause­wetter stellte geschickt den etwas übereifrigen Journalisten dar. Die Regie nützte alle gegebenen Möglichkeiten aus. Man konnte sogar auf das glück­liche Ende verzichten. Straff zusammengefaßt war alles, was bei weniger Geschicklichkeit leicht hätte breit werden können. Die Photographie war, wie man es bei einem Ufa-Film kaum anders erwartet, untadelig in der Technik und in den Bildwirkungen. Die Musik allerdings trat mehr in den Hintergrund, als man es vielleicht nach dem Titel vermutet hatte.

Im Beiprogramm sah man einen außerordent­lich eindrucksvollen Film, der in Bilddokumenten die Zeiten vor der Machtergreifung durch den Füh­rer und die Jahre des nationalsozialistischen Auf­baues- schilderte. Die Wochenschau stand ganz im Zeichen der österreichischen Ereignisse. In vielen Bildern erlebte man die Freude der österreichischen Bevölkerung über die Vereinigung mit dem Reich.

H. L. Neuner.

Oer Bub aus Vorarlberg.

Don Werner (Schumann.

Ich stelle vor: Rudi, acht Jahre alt, Zweitältester unter fünf Kindern eines Sennen in den Vorarl­berger Alpen, schmal, mager und barfüßig. Im Winter besucht er in Au die Gemeindeschule. Im Frühjahr aber, wenn die Stürme toben und der Schnee droben noch lange nicht zu schmelzen be­ginnt, zieht seine Mutter mit den Kindern hinauf in die Berge. Der Vater, der in Au noch einen kleinen Gasthof hat, den in den Sommermonaten sein Bruder weiterführt, sieht bis Juni zweimal in der Woche nach dem Rechten und brin.gt Lebens­mittel. Spielend transportiert er einen gehörigen Sack voll auf steilen Pfaden 1800 Meter bis zur Hütte, die die Schneehäupter der Bergriesen wie regungslose Wächter der Urwelt umringen.

Die Bergsteiger, die zuweilen hier Haltmachen und ein Glas frischer, unabgekochter Kuhmilch trin­ken, freuen sich des fast unirdiscb schönen Sonnen- auf- und -Unterganges, der Menschenferne und Got­tesstille, der gelben Alpenaurikel und des blauen Enzians. Die Kinder des Sennen jedoch haben für derlei Dinge keine Zeit. Sie haben die Herden zu hüten, die Kühe und Ziegen zu melken, die Ställe zu säubern und Holz für den Herd zu hacken.

Dies alles tat auch Rudi, obwohl er schwächlicher als seine Geschwister schien. Lautlos trabten seine braunen, schmutzigen Jungenbeine hinter der ge- mächlich über die Alm ziehenden Kuhherde. Wenn

er sprach, waren es die Namen zurückbleibender oder sich entfernender Kühe, die er zurückholte und ihnen dabei eins hinten aufklatschte. Sie gingen da­hin wie in einer Wolke von hellem und dunklem Glockengetön: der kleine Bub hinter den schweren, starken Tieren. Kein Laut war in der Luft, und das emsige Leben der Täler hallte nicht bis hier­her.

So sah ich ihm einmal zu und hatte, weiß Gott, meinen Spaß an dem kuriosen Mißverhältnis zwi­schen der unscheinbaren Jungengestalt und den wuch­tigen Leibern der Kühe, als ihn die Mittagsglocke der Mutter zum Essen heimrief. Im Trab ging es der Hütte zu, und da die Wiesen sich senkten, geriet die Herde, die Rudi mit einem Stock vor sich her­trieb, bald in einen immer jagenberen Galopp. Es war ein schöner Anblick, wie sie so mit dumpfem Hufgetrommel durch den Mittag stürmten.

Aber Rudi war den hintersten Tieren gefährlich nahe; und im nächsten Augenblick war es auch schon geschehen: von einem Huf mitten ins Gesicht ge­troffen, flog der Junge, sich überschlagend, wie ein Ball durch die Luft und blieb regungslos' liegen, während die Herde zügellos weitergaloppierte. Mich trennten etwa hundert Meter von dem bewußtlosen Kinde. Doch noch ehe ich es erreichte, um ihm die erste Hilfe zu bringen, fah ich mit Staunen, wie es sich langsam und torkelnd erhob, wie trunken ein paar Schritte vorwärts tat, sich bückte, ein Gras­büschel rupfte und damit, als fei ihm nur von un­gefähr ein kleiner Schmutzspritzer ins Gesicht gera­ten, sich das Blut von Stirn, Nase und Wangen wischte. Rudi schrie nicht. Er rief nicht nach seiner Mutter. Kein Laut kam über seine zerschundenen, noch immer heftig blutenden Lippen.

Rudi! Rudi! rief ich und hoffte ihn einzuholen, um ihn wenigstens zur Hütte zurückführen zu kön­nen. Aber er sah sich nicht einmal um. Vielleicht dröhnte es so in seinem kleinen Schädel, daß er mich nicht hörte.

Und das Wunderbare wie soll ich es anders nennen? das Wunderbare geschah, daß dieser schmale, abgemagerte Hirtenbub, den eben mit vol­ler Wucht der Hinterhuf einer galoppierenden Kuh ins Gesicht gestoßen und erheblich verletzt hatte, sich schon wieder in Bewegung setzte und seinen Aus- reißern nachlief, die er denn wahrhaftig noch vor dem Stall einholte.

Wie ein geschlagener, kleiner Gott war er auf­gestanden, heroisch, ohne es zu wissen, tapfer, ohne dafür Lob ernten zu wollen: Kind der Berge!

Sein Atem flog, seine Wunden bluteten, in seinem Kopfe hämmerte und rauschte es wild er aber

tat schweigend feine Hirtenpflicht. Die Kühe zu hüten, sie wieder in den Stall zurückzubringen, dies war seine Pflicht. Dann ging er zu seiner Mutter in die Küche, um sich säubern und einen Verband anlegen zu lassen. Tränen perlten in feinen Augen, weil er heute dem Vater nicht wie sonst entgegen- springen konnte. Darum meinte Rudi ...

Bilanz eines Schauspielers

Den Aufzeichnungen des englischen Schauspielers Palmer ist u. a. die folgende merkwürdige Bi­lanz zu entnehmen:

Dem Theater gehörte ich 45 Jahre lang an. Aufgetreten bin ich 9991mal in 1112 verschiedenen Stücken und 1876 verschiedenen Rollen. Verlobt wurde ich dabei 2827 und verheiratet 887mal. 1731 liebe Kinder hatte ich, nämlich 1421 Töchter und 310 Söhne. Erbschaften fielen mir 231 zu und das große Los gewann ich 37mal. Bankerott mußte ich 89mal machen, mit mir anvertrauten Kaffen durch­brennen 119mal, andere Spitzbübereien wie Testa- ments- und Wechselfälschungen usw. verüben ober baran teilnehmen SOlmal. Berufliche Küsse mußte ich 12 831 geben unb genau eben so viele empfan­gen. 468 Mordtaten oerschiebener Art mußte ich begehen. 31mal mußte ich mich ertränken, aber nur 17mal brauchte ich mich aufzuhängen. In Ohn- macht sank ich 132mal, blinb war ich nur 3mal, taub 19, stumm 16, taubstumm lOmaL Gesegnet würbe ich 464, verflucht 571mal Kaiser war ich 118mal, Sultan 4, Gespenst, guter ober böser Geist 241, Richter, Anwalt, Arzt, Bürgermeister, Lehrer 302mal, Künstler 226, Akrobat 14, Kaufmann und sonstiger Gewerbetreibender 1888, Bauer, Förster, Jäger 741, Offizier 929, Soldat und Matrose 333, Fischer 15, Bettler 118, geheimnisvoller Unbekann­ter 75, Henker 24, Kerkermeister 39, Folterknecht 17mal. 177mal wurde ich vergiftet, 211 mal er­stochen, 532mal erschossen, eingekerkert wurde ich 1714, hingerichtet 155, überhaupt gewaltsam aus der Welt geschafft 1095maL Natürlichen Todes, nämlich an Altersschwäche, starb ich auf der Bühne nur 9mal." P. H.

Hochschulnachrichten.

Der Reichs- und preußische Minister für Wissen­schaft, Erziehuna und Volksbildung hat dem Dr. phil. habil. Kurt Scharlau von der Univer- sftät Marburg die Dozentur für das Fach der Geographie verliehen.