Ausgabe 
4.11.1938
 
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Nr. 259 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhejfen)

Zreitag, 4. November M8

Wie sieht es in derWirtschüst aus?

Das Verhältnis des nationalsozialistischen Staa­tes zur Wirtschaft ist in Düsseldorf von Staatssekretär Brinkmann untersucht worden. Die Anerkennung des Prinzips der Auslese durch die Leistung des einzelnen wird aber in der Praxis gehemmt nicht nur durch die beamtete Bürokratie, sondern auch durch die Betriebsbürokratie, die sich darauf beschränkt, den vorhandenen Umfang des Geschäfts nicht zu erweitern, sondern lediglich zu verwalten". Dadurch wird der W-lle zur Aus­dehnung lahmgelegt, der Wagemut der selbstandmen Unternehmer langsam getötet. Die Schädlichkeit dieser Faktoren hat Staatssekretär Brinkmann dargelegt, er hat die Zunahme der Kartellie- r u n g als Zunahme der Verwaltungsbürokratie gekennzeichnet und gemeint daß der Staat als oberster Wirtschaftsleiter hier einfchreiten werde, wenn der Drang zur Kartellierung anhält. Das Problem der Ueberfchußminderung bei erhöhtem Arbeitsaufwand beschränkt sich nicht allein auf Deutschland In Deutschland betrugen nach An­gaben des Staatssekretärs Brinkmann:

Volkseinkommen in Milliarden Mark: 1913 45,69? 1925 59,98; 1932 45,18; 1937 70,97

Steuern Zolleinnahmen in Milliarden Mark: 1913 5,14; 1925 13,31; 1932 13,81; 1937 23,79.

Sozialbeiträge in v. H. des Volkseinkom­mens: 1913 11,3; 1925 22,2; 1932 30,6; 1937 33,5.

Unbestreitbar wächst also der Anteil des Staates an der Wirtschaft selbst. Die öffent­liche Hand (irrt weitesten Sinne, also einschließlich aller sozialen und sonstigen Pflichtleistungen) for­dert 1937/38 etwa 35 bis 40 Milliarden RM., das ist mehr als die Hälfte des Volksein­kommens. Anderseits erteilt die öffentliche Hand (einschließlich der staatlichen Bauten und Betriebe) jährlich Aufträge in Höhe von etwa 45 Milliar­den RM., das sind zwei Drittel des Volkseinkom­mens? Diese Entwicklung bringt gewisse Gefahren mit sich, wenn wir auch noch nicht so weit sind wie die USA., wo sich, gemessen am Volkseinkommen, die 'öffentlichen Abgaben seit 1913 vervierfacht haben. Hinzu kam, daß die Wiederherstellung der Wehrhoheit sich auf wenige Jahre zusammendrängte und bei uns auf einmal große Ausgaben notwendig machte. Niemand ist blind gegen die Schattenseiten der Organisation und die Gefahren einer Monopol­stellung, die sich an manchen Stellen herausbilden können Der Unternehmer klagt über die lieber» roachungsstellen, über Bürokratie ober über den Preisstop oder über die Steuern. Staatssekretär Brinkmann hat das genau erkannt. Er hat aber auch dargetan, daß die staatliche Wirtschaftslenkung jetzt in allen großen Ländern an Boden gewinnt. Es ist Sache der privaten Wirtschaft ihren Anteil voll zu erfüllen und den Tendenzen der Verbreite­rung des staatlichen Wirtschaftssektors zu begegnen. Hier liegen die Grenzen, die, wohl nicht immer leicht zu ziehen sind.

Der Staatssekretär hat das Hohelied der klei­nen und mittleren Selbständigkeiten gesungen, weil es die Männer und Könner sein rocrben, die der Wirtschaft eigene Impulse geben. Er hat aber gleichzeitig darauf hingewiesen, daß an solchen Unfernehmernaturetj in der Industrie kein Ueberfluß ist. Das Erbgut des selbständigen Fühlens werde nicht mehr so gepflegt wie es bei den Vätern war Derweibliche Teil" des Volkes ziehe zudem jedenPensionsberechtigten" dem frei Schaffenden vor, die männliche Jugend saae beamteten Stellun­gen nach. Man flieht das Risiko, das in der selb- ständiaen Wirtschaftung nun einmal zu Hause ist. Der Staatssekretär hat hier eine ernste Frage an­geschnitten. In ihr liegt eigentlich schon ein Teil der Antwort, ob. sich der Privatbetrieb neben der staat-

Göring besichtigt dasAmt für Berufs- erziehung und Betriebsführung"

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Berlin, 3. Nov. (DNB.) Ministerpräsident Ge­neralfeldmarschall Göring stattete in Begleitung von Staatssekretär Körner demAmt für Berufserziehung und Betriebsfüh­rung" in der Deutschen Arbeitsfront einen mehr­stündigen Besuch ab. Der Generalfeldmarschall wurde zunächst von Reichsleiter D r. Ley und Amtsleiter Prof. Dr Arnold über Aufbau, Glie­derung, Zielsetzung und bisherige Erfolge dieser Dienststelle der Deutschen Arbeitsfront unterrichtet, und besichtigte anschließend sämtliche Abteilungen des Amtes. Er sprach Dr Ley und dessen Mitarbei-

lichen Wirtschaft auf die Dauer voll behaupten kann. Zwischen dem Staat und der Wirtschaft steht eben als dritter Faktor d e r M e n s ch. Es soll keines­wegs gesagt werden, daß in dem staatlichen oder kommunalen Großbetrieb für die Persönlichkeit kein Platz sei es ist auch hier Großes geleistet worden, man denke etwa an unsere Reichsbahn. Die private Wirtschaft aber steht und fällt mit dem Vor­handensein von unternehmungsmutigen Männern, die ein echtes Führertum in die Wirt­schaft hineintragen.

Am 27. Oktober ist die Wiener Börse wieder eröffnet worden und damit das äußere Zeichen ge­geben, daß der wirtschaftliche Anschluß Oesterreichs an das Reich vollzogen ist, nachdem bereits am 1 Oktober die Zollschranken fielen und nur für be­sonders schutzbedürftige österreichische Erzeugnisse eine Uebergangsfrist vorgesehen ist. Nach 7'/- Mo­naten Börsenpause wird die Wiener Börse nunmehr den Regeln folgen, die für alle deutschen Börsen bestehen. Die Börse wird durch den Ausschluß aller

tern seinen Dank und seine Anerkennung über die auf diesem wichtigen Gebiet geleistete wertvolle Ar­beit aus, die in Zukunft noch mehr als bisher dem Vierjahresplan dienstbar gemacht wer­den soll. Auf unserem Bild erläutert Prof. A r - nold dem Generalfeldmarschall das Modell der Dr. - Ley-Mu st erberufsschule und -Ge­meinschaftslehrwerke in Frankenthal (Rhein­pfalz). Rechts Dr. Ley, ganz links der Konstruk­teur des KdF.-Wagens, Prof. Porsche. (Scherl- Bilderdienst-M.)

Nichtarier kleiner im Umfang sein, dafür aber an Gehalt gewinnen, zumal die österreichische Wirt­schaft wieder blüht und natürlich durch neuss,Aktien usw. ihre Finanzierung finden wird. Bisher waren an der Wiener Börse etwa 245 Werte zugelassen, aber es war bezeichnend, daß z. B., der Pfandbrief­umlauf von 221 Millionen Mark Ende 1936 auf 192 Millionen Mark Ende 1937 zurückgegangen war. Die Zahl der notierten Aktien belief sich Ende 1937 auf 216, davon waren 75 ausländische, vor allem südosteuropäische, Aktien. Die Schrumpfung hatte in den letzten Icchren auch die Wiener Börse ergriffen - * .

Auf Veranlassung des Reichswirtschaftsministers ist ein Gesetz zur Kredit Versorgung der su­detendeutschen Gebiete erlassen worden, das zur Förderung der borkigen gewerblichen Wirt­schaft Garantien dis zur Höchstgrenze von 150 Mil­lionen RM bereitstellt. In den 20 Jahren der tsche­chischen Unterdrückung hat gerade die sudetendeutsche Industrie schwer gelitten, zahllose Werke wurden still­

gelegt, die Arbeitslosigkeit der Sudetendeutschen wuchs und die finanziellen Reserven der sudeten­deutschen Industrie sind längst dahingeschwunden. Selbst wo die Werke noch teilweise beschäftigt wa­ren, sind keine Mittel mehr vorhanden, um die Produktion auf den Stand des Wirtschaftsganges im Altreich zu bringen. Die Verarmung der sude­tendeutsche Industrie und der ehemals durch sie Beschäftigten machte eine sofortige Hilfe notwendig, die naturgemäß bei dem Grad dieser Verarmung ebenso groß sein mußte wie die Hilfe für Oesterreich, das im April einen garantierten Kreditbetrag eben­falls von 150 Millionen RM erhalten hatte und dessen Wirkung in einem Aufblühen der österrei­chischen Wirtschaft und einer geradezu reißenden Abnahme der Arbeitslosigkeit schon sehr bald zu verspüren war. Mit der Prager Regierung wurden alle Eisenbahn- und Po st fragen erledigt. Die Rückerstattung des rollenden Materials und der Posteinrichtungen aus dem sudetendeutschen Gebiet verläuft zur Zufriedenheit. Am 1. November wurden die Eilzüge von Breslau über Gl atz bis Mittelwalde und von dort bis Mährisch-Schönberg durchgeführt, gleichzeitig wurden andere Verbin­dungen wieder aufgenommen und ebenso die ^-Zug-Verbindungen von Eger bis Reichenberg über Karlsbad, Aussig, Bodenbach. Von Bodenbach aus hoben die Züge Anschluß nach Berkin Der Personen-Omnibusverkehr ist ebenso wie der Güter­verkehr auf Lastwagen bereits Mitte Oktober von der Reichsbahn im sudetendeutschen Gebiet eingerich­tet worden, so daß also das Sudetenland 'jetzt dem Strom des deutschen , Verkehrswesens eiygeglie- dert ist.

Ein Treffen

der ersten BDM -Mädel.

NSG. So rasch lebt unsere Zeit und so vielerlei und immer neue Aufgaben stellt sie uns/ daß es manchmal scheinen mag, wir seien sehr weit schon vom Beginn unserer jungen Revolutipn entfernt und ihre ersten Träger vergessen. Und *boch haben gerade sie den größten und persönlichsten Anteil an unserem Schaffen Aus diesen Gedanken heraus hat der BDM.-Obergau für das kommende Wochenende die Besten der alten Führerinnen und Mädel, die das Goldene Ehrenzei­chen der HI. tragen, zu einem Treffen n ad) Wiesbaden geladen. Sie sollen einmal im Mit­telpunkt unseres Interesses stehen und von hier aus sehen, was in all den Jahren aus den kleinen An­fängen der Kampfzeit aus unserem Mädelbund ge­worden «ist. Sie sollen sich auch freuen im Kreis der Kameradinnen und alte Erinnerungen mit bem Stolz auf das Erreichte verbinden können.

Rund 150 Mädel werden am Freitagabend in der Jugendherberge Wiesbaden von Obergauführe-

Zwischen Göttern und Oämonen der Mensch.

Weinhebers neues Gedichtbuch.

Es ist schon des öfteren davon die Rede gewesen, daß das Werk des nicht mehr jungen Wiener Dich­ters Josef W e t n h e b e r , welches noch vor weni­gen Jahren erstaunlicher und beschämender Weste nahezu völlig unbekannt war, in der deutschen Dich­tung unserer Zeit eine außerordentliche _ Stellung einnimmt Dieses Außerordentliche begründet sich zunächst im sehr hohen Range der künstlerischen Lei­stung an sich. Weinheber ist ein Repräsentant der reinen Dichtung, ein Meister des lyrischen Kunst­werkes und er hat dieser dichterischen Gattung etwas vom Glanz des Priesterlichen Heiligen und Göttlich-Geheimnisvollen wiederzugeben vermocht, dessen sie freilich oft und leichtfertig genug ent- kleidet worden ist. (Das konnte am Ende dahin führen, daß etliche Ahnungslose und Betriebsame den wahrhaft unsinnigen BegriffGebrauchslyrik glaubten erfinden und anpreisen zu können, der leider oft genug gedankenlos nachgebetet wurde.) Das ist gottlob', vorüber. Aber noch immer selten geschieht es, daß das Gedicht mit Jo hohem und reinem Anspruch auftritt wie bei Welmieber, d ß es aus solchen Gründen des Denkens, Empfindens und Anschauens, emportaucht und Gestalt annimmt wie bei ihm. Davon legt sein vor kurzem erschiene­nes neues Werk Zeugnis ab.* Zur Entstehungsweste dieses schmalen Buches >st zunächst zu bemerken: Wemheber schreibt nicht, im landläufigen Sinne und nach der Üblichen Vorstellung vom Wesen uno Wirken des Lyrikers, ein Gedicht.-er denkt, konzipiert und gestaltet vielmehr m Zyklen, m. lyrischen Büchern gewissermaßen. Er hat . schon ein in sich ruhendes, innerlich Zusammengehörigem, organisches Ganzes vor sich, wenn er die ente Strophe niederschreibt Auf diese Welse ist die Z fälligkeit einer mehr oder weniger äußerlich oe- grünbeten, vielfach erzwungenen Auswahl oder £u- sammenstellung von vornherein ausgeschaltet. JteDen früher erschienenen Dichtungen wie dem Sonetten­kreiseDon der Kunst und dem Künstler in dem auch von uns besprochenen Buche ,^Spate Krone bilden das einleuchtendste Beispiels für diese Form lyrischen Schaffens die zehnmal vier großen üoen des BandesZwischen Göttern und Dämonen Man hat sich seither mit jedem neuen Buche stau­nend und bewundernd, davon Überzeugen konn , über welche unerhörte Reichweite Wembebers o - beqabung verfügt. Erkann", rein technisch ge| Y - alles; es scheint für ihn keine Schwierigkeiten Z

* Josef Weinheber: Z»w i f ch en Göt­tern und Dämonen. Vierzig Odem 68 Seiten In Leinen gebunden 3 RM Verlag A bert Langen/ Georg Müller, München 1938. (303)

geben. Diese vierzig Gedichte nun, ./geschrieben in Kirchstetten in der Zeit von Juni 1937 bis Juli 1938", fügen sich neben und ineinander wie eine nach großen Gesetzen empfundene und ausgewogene Architektur. Zwar:

... streng verbarg sich hinter dem Werke des Werkers Antlitz.

Doch, fei erlaubt, von Grundsatz und Griff der Hand zu reden: Zehn Mal hob sich die Säulenflucht, vier Quadern hoch; mit vieren Schritten maß ihren Abstand der Schuh, und jeder

der Schritte währt' vier Herzschläge lang: Genug, um Rechenschaft zu geben ..."

So sieht Wemheber, im letzten der vierzig, es selber.

Solche sehr bewußte und sehr geschmeidige Be­herrschung der Form ist natürlich und stillschweigend vorauszusetzender Besitz eines Menschen, dem die Antike mehr bedeutet als einen farblos-abgegrif­fenen und humanistisch verstaubten Begriff: nämlich lebendiges Wesenselement feines Weltgefühls. Eine Bindung an die Antike in solcher Strenge, so aus innerer Notwendigkeit und Verwandtschaft, wie sie sich in diesen und manchen früheren Gedichten Wein­hebers erkennen läßt, hat es wohl nur im Jahr­hundert der deutschen Klassik gegeben; seit Hölder­lin, wenn man etwa von George absehen will, sind im Deutschen Gedichte von solcher Härte und Zucht, von solcher Leidenschaft der Empfindung und solcher Unbedingtheit des (Zedankens nicht mehr ge­schrieben worden. Es hat seinen tiefen Sinn, daß das Leitwort zu Weinhebers Buche demHyperion" entnommen ist, und mehr als einmal weht dem Leser aus seinen Strophen ein Hauch jener groß­artig-unerbittlichen Rhythmen desSchicksalsliedes" entgegen.

VomInhalt" zu sprechen, erscheint bei Gedichten noch weit fragwürdiger als bei den meisten an­deren Formen künstlerischer Aeußerung; dies führt zu ähnlichen Schwierigkeiten oder völliger Hilf- und Ratlosigkeit, wie wenn man genötigt würde, den Inhalt" einer Symphonie oder einer Sonate an­zugeben. Während man, sicher mit Recht, gesagt hat, es sei das Merkmal jeder guten Erzählung, daß man sie nacherzählen könne-, wird man sich in der Lyrik, wie in der Musik, je weniger sie an der Oberfläche des rein Gegenständlichen hastet, der Schwierigkeit ober gänzlichen Unmöglichkeit gegen­überfinden, das Eigentliche und Wesentliche ihrer Wirkung auf Hörer oder Leser zu umschreiben. Es ist auch eine verhältnismäßig bekannte Erscheinung, daß Gedichte, die dem Hörer oder selbst dem Leser bei der ersten. Begegnung einen unmittelbar emp­fundenen, tiefen Eindruck machen, keineswegs von ihm sogleich verstandesmäßig völlig erkannt, durc^ schaut undbegriffen" zu sein brauchen. Freilich wird sich dann beim wiederholten Hören und vor

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allem bei nochmaligem aufmerksamen und genauen Lesen unweigerlich Herausstellen, daß das dunkel, melodisch und geheimnisvoll Flutende einer kunst­voll nach altem Gesetz sich aufbauenden Wortfolge, die zunächst nur als sinnlich bestrickender, verführe­rischer Klang das Ohr erreichte oder der Empfin­dung durch das Auge vermittelt wurde, einen syn­taktisch greifbaren Zusammenhang, einen gedank­lich faßbaren Sinn aufweist, der im ersten Eindruck nicht zu bewältigen war

Dies im voraus und grundsätzlich zu bemerken, scheint nicht überflüssig angesichts eines Werkes, das kaum je so volkstümlich werden wird wie manches andere von Weinheber, beispielsweise die Kalender­gedichte aus dem Buche ,£) Mensch, gib acht" oder die mundartlichen Idyllen aus dem BandeWien wörtlich" Die vierzig OdenZwischen Göttern und Dämonen" kommen dem Leser auf keine Weise entgegen, sie sind alles andere als eine leichte und bequeme Lektüre, sie erfordern gesammelte Konzen­tration, Aufnahmebereitschaft und Hingabe an die große Vision des reinen Gedichtes, das man, wie Rudolf G. Binding es pflegte, langsam und laut und wiederholt lesen muß: dann blitzt aus der strengen, maßvollen Musikalität der ebenmäßigen Wortfolgen der schöpferische Gedanke auf. Diese Oden sind weder Naturgedichte noch Liebesgedichte ihr Thema unb, Leitmotiv ist so ungewöhnlich wie unerschöpflich: am Anfang unb am Enbe der wortgewaltigen Vision steht ber Mensch, ..schöner, schrecklicher Mensch" auf ber schmalen Grenze zwi­schen bem oberen unb dem unteren Reich, zwischen Göttern unb Dämonen, anheimgegeben seinem Schicksal, abermit bem Mut Zu sich selber" unb immerbas Maß der Dinge"

... Einen Augenblick

nur sehn die Götter weg: Und wir fallen schon hinab und an die Untern heim. Da

fühln wir die Schuld, aber schmähn das Leiden.

Die Obern freilich gehen uns nach und ziehn uns leise wieder, liebender noch, an sich.

Von unsrer Schmach gespornt, erhöhn sie einen der Unfern. Der folgt und führt uns"

Mit Strophen wie diesen umkreist Weinhebers gestaltende Phantasie die Erscheinung des Menschen, der seiner alten Bestimmung überantwortet ist. sich zu bewahren und zu behaupten im Ansturm der außer- und übermenschlichen Gewalten. In den vierzig Oden wird der ganze Umkreis des ewig ge­fährdeten, ewig bedrohten, von Tag zu Tag aufs neue zu innerster Bewährung aufgerufenen Lebens abgeschritten, werden, aus tiefer Einsicht unb schmerzlicher Erfahrung, die Kräfte unb Binbungen sichtbar gemacht, welche ben Menschen zwischen der obern unb der untern Welt mit sich selber im Ein­klang halten. Weinheber weiß um bie von Anbe­ginn zwischen Mann unb Weib, zwischen Geist unb Seele gesetzten Grenzen und Spannungen, um die

Verpflichtung der Lebenden gegen die Toten, die Hingabe an die Gemeinschaft des Volkes und die unsterbliche Größe und- Würde der Mütter.

Wer die Mütter sind? Aus geheimem Schoße sprießt ihr Baum nach unten und oben: Dies ist sicher; und ein Glück, wie die Erde feine dem Menschen gesetzt hat."

Hans Thyriot.

Gloria-Palast: ,,Ou und ich."

Nichts ist, was dich bewegt. Du selber bist das Rad, Das aus sich selbsten läuft Und keine Ruhe hat."

Die zweite Zeile aus dem Spruchgedicht des alten Angelus Silesius wurde zum Titel und Leitmotiv eines Romans oon Eberhard Frowein. Dieser Roman, die Vorlage für ben FilmDu und ich", schilbert das merkwürdige und bewegte Leben eines kleinen sächsischen Strumpfwirkers, der es am Ende zum Fabrikbesitzer bringt: ein Leben, angefüllt mit Mühe und Arbeit, Sorgen und Schulden, Plä­nen und Hoffnungen, Widerwärtigkeiten und Erfol­gen; das beginnt in den neunziger Jahren und endet mit dem Weltkriege, ziemlich genau da, wo Fro- weins zweiter RomanMein eigenes propres Geld" einsetzt, der das Drehbuch für den FilmAm seide­nen Faden" lieferte: hier werden die technischen und menschlichen Probleme weitergesponnen, die fick) mit der Strumpfwirkergeschichte entwickeln- Das Thema ist reizvoll und ernsthaft, aber kaum ein Filmstoff, man merkt das dem Film guch an, dessen Durchformung Wolfgang Liebeneiner mit spürbarer Liebe, Sorgfalt und Wirklichkeitstreue unternommen hat. Ein reiner Gewinn ist die Dar­stellung der Strumpfwirkersfrau Anna Uhlig durch Brigitte Harney: in ihr wird, auf eine ganz von innen kommende Weise, gewissermaßen bie leise, seelische Begleitmusik ber technisch-kapitalistischen Entwicklung vernehmbar; ihre gute, halblaute Stimme und ihr feines, stilles, belebtes Gesicht strahlen so viel frauliche Wärme und innige Hingabe aus, daß ein paar heftige Ausbrüche leidenschaft­lichen Temperaments fast betroffen machen. Um ihretwillen sollte man den Film gesehen haben. Die Darstellung der Horney wird durch Joachim Gott­schalk. der den Johann Uhlig gibt, sympathisch und einfühlend aufgefangen und ergänzt. Aus dem riesigen Aufgebot um diele beiden herum seien einige der lebendigsten Charaenfiguren hervorgehoben: Paul Bildt als Bankier, Andre St. G e r m a i n (Forescu), Carl Hannemann (Merkner), Heinz Welzel (Otz Uhlig) und Cordula Grün (Friedel Schütz); bie Gießener werben in einer kleinen Szene auch unfern früheren Jntenbanten Dr. P r a s ch be­merken Das Drehbuch schrieb Eberhard F r o wein zusammen mit Curt I. Braun für die Terra. Hans Thyriot.