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ltr.129 Drittes Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

4./5.Zuni (938

möglich sein, bei der Erschließung von Geldquellen für dieses verkehrswichtige und außerordentlich dringliche Projekt behilflich zu sein. Die Gießener Bevölkerung und mit ihr alle am Fährverkehr be­teiligten Kreise hoffen gern, daß durch die Zusam­menarbeit des Generalinspekteurs Dr. Todt mit der Reichsbahn dieser Notstand des öffentlichen Ver­kehrs in absehbarer Zeit behoben und er dann nur noch als eine Erinnerung an verkehrspolitisch längst überstandene Zeiten bestehen wird. B.

Trachtengruppen auf Fahrt.

Am 8. Juni zwischen 8 und 9 Uhr treten die hessischen Trachtengruppen die Fahrt nach Hamburg zum Reichstag der NSG.Kraft durch Freude" an, um dort an den Aufführungen in der Hanseaten­halle mitzuwirken. Am 14. fahren sie von dort nach Berlin, um bei der Einweihung des Hauses für den deutschen Fremdenverkehr in Anwesenheit des Führers zur Trachtenbereicherung beizutragen. Ein Teil der Gruppe fährt sodann mit dem KdF.-- DampferWilhelm Gustloff" nach Rom und nimmt dort an dem Weltkongreß für Freizeitgestaltung teil. Der erste Teil fährt von Berlin am 16. Juni

Aus der Stadt Gießen.

pfingstbrauchtum.

Wann läßt sich's wohl besser fröhlich sein, singen und scherzen, als wenn die Jugend im Frühling ihre Feste feiert? Verhaltener und inniger ist die Freude zu Weihnachten, draußen herrscht noch grimmig der Winter; zu Ostern erstrahlt der Glanz des Auserstandenen in leuchtender Frühlingssonne, aber noch immer zeigt der Winter seine Spuren. Erst zu Pfingsten leuchtet die Natur unbeschwert in ihrer Farbenpracht, kräftig und ungehemmt zeigt sie ihr Leben und von ihr wird die Jugend mitge­rissen, unbeschwert gibt sie sich der Fröhlichkeit hin.

Häuser und Höfe, Ställe und Scheunen unserer Dörfer sind geschmückt; Birken Reisig und Psingst- maien geben Kunde, daß der Frühling sich voll­enden will und daß der Sommer mit seiner Last der Früchte und der Reise naht. Unendlich ist die Zahl der Bräuche, die sich um dieses hohe Fest des Frühlings ranken. In jedem Gau sind sie anders, jeder deutsche Volksstamm hat in seiner langen Ge schichte seine eigenen Sitten entwickelt, und doch alle haben ein Gemeinsames, die Freude am Früh­ling, die sich in toller Lustigkeit und jugendlicher Lebensfreude äußert. Innig ist das Pfingstfest mit dem christlichen Gedenken an die Ausgießung des Heiligen Geistes mit dem urdeutschen Derbunden- sein mit der Natur verknüpft. Don jeher ist überall dort, wo nordische Menschen auf ihren weiten Wanderungen und auf ihren Kriegszügen seßhaft geworden sind und damit ihre Kultur und auch ihr Brauchtum weiter entwickelten, dieser Augenblick im Kreislauf der Natur in ganz besonderer Weise gefeiert worben. 1

Entstand das Pfingstgrün aus dem alten Frucht­barkeitssymbol germanischer Vorzeit, so ist das Pfingstbier eine Erinnerung an gemeinsames Essen und Trinken, als der Ausdruck natürlicher Fest­freude, die nur echt in der gesamten Dorfaemein- schast entstehen kann. Diese gemeinsame Auffassung einer Feier geht zurück auf die Zeiten der Opfer­begehungen, die mit gemeinschaftlichen Speisen ver­bunden waren. Zu jedem Fest, das im engen Zu­sammenhang mit kultischen und religiösen Bräuchen steht, gehört natürlich auch der Tanz. So durch­ziehen zu Maibeginn und ganz besonders zu Pfingsten Mädchen und Burschen die Dörfer und tanzen den Bänderreigen, der sinnbildlich die Be- sreiung derGefangenen Jungfrau" darstellt.

In die Psingstzeit fallen auch die Wettrennen, die Gildenfeste, die Wallfahrten und Schützenfeste. Don den sportlichen Wettkämpfen gehen die pfingst­lichen Pferderennen auf frühesten Ursprung zurück. Der Ritt des Bauern und des Pferdeknechtes um das bestellte Feld war die feierliche Uebergabe der im Frühjahr geleisteten Arbeit in die Hand des Sommers, der sie nun zu Segen und reiche Ernte führen soll. In diesem Brauch liegt sehr viel Ernst, der gar nicht zu den anderen lauten und fröhlichen Umlügen durch Dorf und Feld passen will.

Eine recht eigenartige Pfingstsitte, der man oft in Niedersachsen beaegnet, ist die derBullenjung­fern". Sie hat den Auftrag, überall in den Dörfern der Umgebung zum Einkauf von Geschenken für den Gemeindehirten Geldbeträge zu sammeln. Zum Zeichen ihres hohen Amtes benäht sie sich ihren gestrickten Sammelbeutel mit kleinen Glöcklein. Am Pfingstmontag machen nun die Buttenjungfern mit Hilfe der Dorfburschen einen großen Strohmann mit einem Buchsbaumkopf, mit Pfingstrosenaugen und einer riesigen Tulpennase, der mit den von dem Geld eingetauften Geschenken: einem Hemd, einem bunten Halstuch, mit der Pfeife und dem Tabak behängt wird. Unter Anführung der Bullen­jungfern geht dann der Zug der Dorfjugend hin­aus zumKauläger", wo der Hirte sie in seiner Sonntagstracht und seinem Amtszeichen, dem ge­waltigen Kuhhorn und der langen Peitsche, erwartet Nach den Klängen lustiger Musik tanzen die Bullen- jungfern mit dem Hirten den Ehrentanz, während die Burschen mit der Frau des Hirten tanzen.

Bahnstrecke als Verkehrshindernis.

Seit Jahren ist in Gießen über ein großes Schmerzenskind des Verkehrs zu klagen. Schon lange vor der umfassenden Motorisierung des Verkehrswesens waren jene Klagen stark und leider auch sehr begründet. Die gewaltig gestiegene Be­nutzung des Kraftfahrzeugs für den Reise- und Güterverkehr aller Art hat die Klagen nunmehr so eindringlich und weithin vernehmlich gemacht, daß die Beseitigung des Grundes dieser Beschwerden eine der allerdringlichsten Aufgaben unserer Zeit im Be­reiche des gesamten Rhein-Main-Gebietes geworden ist. Es handelt sich um das Verkehrshinder­nis der Oberhesfischen B a hn st recke in der Stadt Gießen und im Bereich der Außen­viertel. Ein Erlebnis in den jüngsten Tagen macht diese Verkehrsnotlage wieder einmal besonders deutlich.

Es war in der Frankfurter Straße am Bahn­übergang. In der verkehrsreichsten Zeit des Nach­mittags war die Bahnschranke, wie leider oftmals, längere Zeit geschlossen. Ein Güterzug wurde er­wartet, außerdem machte das Umsetzen einiger Wagen mit der Lokomotive die Benutzung der Schienen auf der Straßenüberfahrt notwendig. In kurzer Zeit hatten sich beiderseits der Schranken lange Schlangen von Kraftfahrzeugen, Gespannen, Radfahrern und auch einige Handwagen gebildet. Als schließlich die Schranken hochgezogen wurden, entstand das übliche, immer mit vielerlei Gefahren verbundene Durcheinander der Fahrzeuge. Dabei kam es zu einer Karambolage zwischen mehreren Kraftwagen, um ein Haar wären auch noch ein Motorradler und ein Radfahrer in diese brenzliche Situation hineingeraten. Glücklicherweise blieb alles bei kleinem Sachschaden, Personen kamen nicht zu Schaden. Es gab aber viel Aufregung und heftigen Zorn, dem namentlich ein Autofahrer, der anschei­nend mit seinem Kraftwagen schon weitgereift war, kräftigen Ausdruck verlieh. Er wandte sich mit sei­nem Zorn nicht etwa gegen die anderen, ebenso unglücklichen Teilnehmer an diesem Mißgeschick, sondern er machte aus seiner stärksten Mißbilligung der Derkehrsverhältnisse an dieser starkbefahrenen Stelle fein Hehl. Nachdrücklich machte er geltend, daß ein solcher Zustand einer viel befahrenen Straße ein Skandal sei, der im Interesse des Fähr­verkehrs und namentlich auch im Hinblick auf die von dem Führer selbst immer wieder gewünschte und in dankenswerter Weise stets tatkräftig geför­derte Motorisierung des Verkehrs unbedingt besei­tigt werden müsse. Er nannte die jetzigen Verkehrs­verhältnisse an jener Stelle der Frankfurter Straße vorsintflutlich und mittelalterlich, ja in ihrer Aus­wirkung verkehrsfeindlich im Zeitalter der moder­nen Verkehrsmittel, und nicht zuletzt auch sehr nach­teilig für die Stadt Gießen. Wer die Kritik dieses Mannes hörte, kann nicht anders, als ihm nur zu- ftimmen, denn er beanstandete mit Recht einen Miß­stand, für den es keine lange Lebensdauer mehr geben sollte.

Es ist aber nicht allein der Verkehr in der Frank­furter Straße, der in dieser Weise alle Tage stark behindert wird. Die gleiche beklagenswerte Er­scheinung ist in der Licher Straße mit ihrem starken Fährverkehr in ber Richtung Waldkaserne und Reichsautobahn zu beobachten, ebenso am Schiffen- berger Weg und auch im Bereiche der Ausfall­straßen unserer Stadt an den Landstraßen in Rich­tung Reiskirchen und Rödgen. Zwar erreicht an diesen Stellen abgesehen von der Licher Straße in Richtung Waldka'serne und Reichsautobahn das Ausmäß der Verkehrsbehinderung nicht jenen gewaltigen Umfang, den man in der Frankfurter Straße bemerken kann, aber wer sich die Wichtig­keit eines unbehinderten Verkehrs auch in den ge­nannten Ausfallstraßen vor Augen hält, der wird nicht umhin können, die Berechtigung der andauern­den Beschwerden aller am Fährverkehr beteiligten Personen und öffentlichen Dienststellen anzuer­kennen.

Die Feststellung dieses Sachverhalts bedeutet na­türlich keinerlei Vorwurf gegen die heutige Leitung der Reichsbahn, denn diese Schienenanlage wurde ja zu einem Zeitpunkt geschaffen, an dem noch nie­mand mit einer solchen Verkehrssteigerung wie heute rechnen konnte. Aber man wird nicht umhin können, doch hervorzuheben, . daß der Uebelstand eben nur bei der Reichsbahn beseitigt werden kann. Der Weg dazu ist die Verlegung Der bei­den Linien der Oberhessischen Bahn aus dem Stadtbereich. Projekte für diese Neugestaltung sind schon mehrfach ausgearbeitet worden und liegen wohl griffbereit vor Man weiß auch, daß die annehmbarste Lösung der ganzen Frage darin bestehen dürfte, die Bahnstrecke von Fulda her aus der Gegend von Rödgen nach nord­westlicher Richtung zu führen und in der Nähe des Rodtberges in die MainWeser-Bahn einzufuhren, die Strecke von Gelnhausen her bei Garbenteich nach Westen zu abzudrehen und etwa bei Großen- Linden in die MainWeser-Bahn zu leiten. Be­sondere bauliche Schwierigkeiten dürften sich dabei wohl nicht ergeben, es dürfte wohl auch möglich sein, die Umleitung der Fuldaer Strecke nördlich an der Stadt vorbei dadurch annehmbar zu machen, daß die Landstraße GießenMarburg durch den Bahnkörper unterführt wird.

Die Hauptfrage ist jetzt die Finanzierung. Die Stadt Gießen wird dabei natürlich nicht im Vorder­gründe stehen können. Es ist vielmehr an die Reichs­bahn zu appellieren, zur Lösung dieser dringlichen Aufgabe Mittel bereitzustellen. Die Bitte der Stadt Gießen um möglichst beschleunigte Beseitigung dieses Notstandes wird auch sicher bei dem Generalinspek­teur für das deutsche Straßenwesen, Dr. Todt, ein bereitwilliges Ohr und verständnisvolle Würdigung finden, vielleicht wird es dem Generalinspekteur auch

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zurück. Die Gruppen kommen von Frankfurt im Auto und nehmen in Friedberg die Wetterauer Bauernkapelle auf. Dann kommen sie nach Gießen. Hier sind inzwischen die Trachtengruppen aus Schlitz und aus dem Hüttenberg unter Leitung unseres Heimatdichters Georg Heß eingetroffen. In einem zweiten Auto fahren diese Gruppen zu­sammen mit den anderen ab. Am Gießener Bahn­hof verabschieden sie sich mit einem Musikstück.

Neue Wohnhäuser im Gchtvarzlachgehiei

Die Gemeinnützige Wohnungsbau-G. m. b. H. von denen unser Bild einen Ausschnitt zeigt. Die Gießen hat im Stadtteil am Schwarzlachweg- Wohnhausbauten tragen zur guten Gestaltung dieses Werrastraße eine Reihe von Wohnhäusern errichte^. Wohnviertels vorteilhaft bei. (Aufnahme: Fischer.)

pfingstrummel.

Don Gertrud Aulich.

Es war vor vielen Jahren zu Pfingsten, daß ich als junges Mädchen in der Wohnung von Ver­wandten am Fenster stand und auf den bunten Rummelplatz hinaussah. Das Fenster stand des warmen Tages wegen offen, von der entfernten Kirche läuteten die Glocken, der Wind trug ihren Klang mit dem süßen Geruch von Akazienblüten heran.

Unten dröhnte der pfingstliche Betrieb, die Men­schen begannen langsam zusammenzuströmen, vor allen Dingen Kinder, auf dem Marktplatz der Stadt reihte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt, und die fliegenden Händler, die von sauren Gurken bis zu Eis und Luftballons alles Erdenkliche ausschrien, vergrößerten das grelle Gewirr noch mehr. Die Drehorgeln der kleinen Karussells und die mechani­schen Musikinstrumente der besseren Schaubuden vollführten einen Höllenlärm, der, obwohl er den Ohren wehtat, doch eine lockende nervöse Unrast im Blut entfesselte und unoorftelLbare Genüsse zu ver­sprechen schien.

Ich kannte von früher her diese schillernden Ver­gnügungen, Achterbahn, den größten und den klein­sten Mann, die dickste Dame der Welt und die Dame ohne Unterleib, das Gespensterhaus und das Lachkabinett. Gerade vor meinen Fenstern war ein rotgeftreiftes Zelt mit Ringkämpfern, ein athletisch gebauter Mann stand auf der Rampe und ließ vor den Leuten seine Muskeln spielen, ein zweiter lockte durch ein Sprachrohr die Massen an.

Die Uhr im Zimmer hinter mir schlug viermal. Gleich würben Onkel und Tante ihren Mittagsschlaf beenden und bann würde es zum Kaffee selbstge­backenen Streußelkuchen geben. Irgendeine alte Dame wurde noch erwartet. Aber auch dieser Be­such würde den Nachmittag nicht kurzweiliger machen.

Vor der Ringkämpferbude gewahrte ich einen mit­telgroßen schlanken Mann in einem hellgrauen kar- rierten Anzug und mit einem braunen steifen Hut, den er der Hitze wegen in den Nacken geschoben hatte. Na, den Anzug und den.Hut kannte ich doch! Eine starke und unliebsame Erinnerung durchfuhr mich im gleichen Augenblick, die Erinnerung an einen Menschen, an den ich nur mit Wut und Em­pörung denken konnte und der mir noch eine Er­klärung über sein Verhalten schuldig war.

Ohne zu überlegen und ohne einen Bescheid zu hinterlassen, lief ich die Treppe hinab und auf den

Platz hinaus, wo der Mensch immer noch stand und mir seinen forderten Rücken zuwandte. Ich stieß ihn von hinten an, zugleich rief ich mit einer vom Laufen und von Erregung Witternden Stimme zwei­mal seinen Namen: Richard. Richard Jung ... Der Mann wandte sich um, ich hatte ihn am Arme ge­faßt, er sah mich ratlos an. Im gleichen Augenblick erkannte ich, daß es Richard nicht war, ich hatte mich geirrt, es war ein fremder Mensch.

Verzeihen Sie, stammelte ich peinlich erschrocken, ich habe Sie mit jemandem verwechselt, der einen ebensolchen Anzug ...

Ja, das kommt vor, das macht doch gar nichts, sagte er, und betrachtete lächelnd mein errötetes Ge­sicht. Aber es waren nicht seine Worte, die mich be- ruhiaten, es waren seine Stimme und fein Lächeln, ein schönes, wie von innen her leuchtendes Lächeln.

Ich ließ seinen Arm los und wollte mich ent­fernen; aber es hatte sich inzwischen vor dem Zelt ein Haufen Neugieriger angesammelt, wir standen in der Menge eingekeilt, und der Fremde sagte: Allein werden Sie da nicht durchkommen, behalten Sie nur ruhig meinen Arm, ich führe Sie schon heraus. Er sagte das in einem bezwingenden Tone, daß nichts in diesem Augenblick selbstver­ständlicher schien, als an seiner Seite zu bleiben und mich seiner Führung zu überlassen. Es mar, wie das zwischen fremden Menschen oft geschieht, sofort eine innere Beziehung zwischen uns herge­stellt, als kennten wir uns seit jeher in der besten und glücklichsten Weise.

Der Ringkämpfer mit t)em Sprachrohr forderte erneut die Menschen zur Kasse auf, er schrie auch uns etwas zu, was ich nicht verstand. Mein Be­gleiter sagte: Wollen wir hineingehen? Und zu meiner völligen Verblüffung hörte ich mich ant­worten: Meinetwegen, gehen wir hinein.

Es war eine harmlose Attraktion, die beiden Athleten rangen zum Schein ein wenig miteinander, ber, an dem die Reihe war, fiel beinah von selber um, das spärliche Publikum lachte gutmütig.

Wir traten wieder hinaus, und jetzt erlebte ich etwas Merkwürdiges. Mein Begleiter begann Laute des Vergnügens auszustoßen, schrie entzückt einmal übers andre: Fabelhaft! Großartig, die beiden! Ha, wie der Dicke den andern hinwarf, das ist ein­mal ein Ringer! Und er wandte sich mit solchen Worten an die Menschen, die unschlüssig vor dem grellbemalten Eingang standen und bewirkte, daß eine ganze Schar'zur Kasse stürzte.

Ich ließ es bei meinem Erstaunen bewenden, ich verstand von diesem Männersport nicht das, ge­ringste, Gott weiß, ob nicht doch eine treffliche Leistung dahintersteckte. Aber es begann mir ein

wenig unbehaglich zu werden, ich gedachte, mich bei guter Gelegenheit zu verabschieden.

Wir würfelten an-verschiedenen Ständen, ich ver­lor fünf Groschen und gewann schließlich einen elenden Tonhund, aber vor einer Paschbude hatten wir mehr Glück, man händigte mir einen aus Weiden schlecht geflochtenen Sessel aus. O, sagte mein Begleiter, das ist ein Gewinnchen, und so billig! Und er setzte sich zum Spaß' in den Stuhl hinein und' lachte, und da gewahrte ich zum ersten- mal, daß er nur mit dem Mund lachte, seine 'Augen waren ganz unbeteiligt, still und ernst.

Vor dem Lachkabinett sagte er: Es wird nicht lange dauern. Wallen Sie mich begleiten ober wer­ben Sie draußen auf mich warten? Seine Augen waren mit einem Ausbruck bittenber Furcht auf mich gerichtet, aber ich verstaub ihn nicht, ich ent­gegnete: Ja, müssen Sie benn unbebingt ba hinein, finden Sie ben ganzen Rummel nicht sehr lang­weilig?

Er seufzte nur. Wenn Sie babei sind, wird es nicht langweilig sein, sagte er. Tun Sie mir die Freude.

Es endete damit, baß wir hineingingen. Er drückte zum Dank leise meine Hand. Erst später fiel es mir auf, daß er nicht bezahlte, die dicke Madame an der Kasse nickte ihm zu, und wir schlüpften durch den Vorhang. Guter Gott, er hatte auch bei ben Ringkämpfern nicht bezahlt, sicher gehörte er mit zur Zunft, mein Interesse an biefem Unbekann­ten sank merklich.

An den Wänden hingen Spiegel, konvexe Spiegel, konkave Spiegel, die Gestalten und Ge'ichter komisch verzerrten. Er sah nicht einmal hin, er setzte sich abseits in meinen Sessel, als sei er müde ober traurig. Ich schüttelte ben Kopf. Dann gingen wir hinter ben andern hinaus.

Aber schon beim Hinausgehen veränberte er sich völlig. Er begann laut unb ungehemmt zu lachen, schrie unb hustete vor Vergnügen, schlug sich auf Schenkel unb Knie unb schien vor Lachen zu er­sticken. Sein Lachen klang völlig echt, er riß bie Unschlüssigen hin unb entfesselte wahre Lachsalven, unb sogar, als er sich seinen Weg durch die Menge bahnte, prustete er immer wieder von neuem los. Die Menschen stürmten zur Kasse.

Nun begriff ich alles, aber um ihn auf die Probe zu stellen, fragte ich ein wenig abseits: Finden Sie das Ganze wirklich so lustig?

Er richtete seinen stillen und ernsten Blick auf mich, feine Augen waren schön und klar, ohne Falsch und Lüge, in ihnen stand die Antwort auf meine Frage. Er schwieg. Er hätte doch sagen können:

Mein liebes Fräulein, man muß doch von irgend etwas leben.

Er sagte nichts dergleichen. Er hiett lange meine Hand in der seinen, und schließlich meinte er: Nun werden Sie mich verlassen wollen. Aher schon diese eine Stunde war sehr viel für mich. Haben Sie Dank! Da er meine Gedanken erriet, wußte ich nichts zu erwidern, und wir schwiegen wieder. Plötz­lich drehte er meine Hand mit ber Hanbfläche nach oben, hob sie zu seinem Gesicht, sah flüchtig hinein unb ließ sie wieder sinken.

Das Schwerste ist, immer ben Kopf oben zu be­halten, sagte er mit seiner weichen, freunblichen unb müden Stimme. Möge es Ihnen gelingen.

Hatte er in meiner Hand gelesen und wußte er mehr, als andre Menschen wissen? Oder wollte er sich nur einen guten Abgang verschaffen?

Vor meiner Haustür trennten wir uns. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, daß er mit einem langen BUck von mir Abschied nahm. Wollen Sie mir ben Hunb schenken? bat er.

Ich gab ihm ben Tonhund, er war ohnehin nichts wert.

Kindlicher Choral.

3m Morgenlicht gehe ich an einem thüringischen Dorfschulhaus vorüber. Es steht unter einem riesi­gen Kastanienbaum. Eine Schar Vögel singt unb zwitschert und melobeit auf ihm. Unb bie Schule, bie unter ihm steht, wird unter diesen Vogelmelo­dien wie hochgehoben.

Ja, ja: die Schule singt schön. Helle Kinder- ftimmen von sieben bis acht Jahren. Selige Stim­men, übermütige, quellfrische Stimmen. Es ist eine Lust zu lauschen. Und noch dazu in der schönsten Frühlingsmorgenstunde. Ein frommes Lied fingen die Kinder. Ganz weich und wehmütig wird man babei. Vor meiner Seele tanzt unb wimmelt meine Jugenb umher. Ach, wie lange ist bas her, daß ich biefes fromme Lieb gesungen habe:Allein Gott in ber Höh' sei Ehr'". Jetzt wird es wohl bald zu Enbe sein.Nun ist groß' Frieb' ohn' Unter­laß, all' Fehd' hat nun ein Enbe" Aber was wirb benn bazwischen gesungen? Eine leuchtenbe Stimme singt ganz jubelnb in biefen zuversichtlichen Reim:Nun ißt ©ottfrieb ohn' Unterlaß, Alfreb ist schon zu Ende". Wie ein bunter, luftiger Kctsper- fprung war bas, in eine Versammlung heiliger Männer hinein.

Ich muß laut auflachen. Der Kastanienbaum biegt seine grüne Wellen. Die Dorfuhr summt. Und bie Sonne steht vor ber Schulhaustür wie einer von ben golbencn Engeln, bie einst norm Paradiese standen. Max Jungnickel.