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Ehrenspiegel zusammen. Der zunehrneicke Radikalis­mus führte in der Folgezeit zur Trennung der rein studentischen von den politischen Reformern, die sich nunmehr die revolutionäre Erhebung zum Ziele setzten und von den Gymnasialturnplätzen in Darm- stoLt und Gießen ihren Nachwuchs bezogen.

An der Wiege der Gießener Burschenschaft hatten von Anfang an praktische Politiker, insbesondere Mitglieder und Mitwisser Les sogenannten Hofs- mannsbundes Pate gestanden. 1816/17 wurde gegen die Schwarzen die Anklage erhoben, daß sie Deutschland zu einem Staat vereinigen wollten. Deutschland als ihr eigentliches Vaterland betrach­teten und auf Kommersen statt des hessischen Lan­desherrn den preußischen König hoch leben ließen". Die Entwicklung der Gießener Burschenschaft trug einen wettgehend selbständigen Charakter. Es ge­sellte sich zur Jenenser Richtung mit studentischem Kern und zur philosophischen Heidelbergs, die zu­nächst auf allgemeinen Menschheitsidealen fußte, die christlich-deutsche Burschenschaft, die den Gedanken der Volkheit am tiefsten erfaßte. In Gießen waren die Ausländer und Nichtchristen ausgeschlossen. Die Schwarzen wurden in der Folge zum völkischen Ge­wissen der allgemeinen Burschenschaft. Aus ihr Be­treiben erhielten die Richtlinien der Verhandlungs­grundlagen des Jahres 1818' in den §§ 7 und 8 die folgende Fassung:3m allgemeinen wird jeder ein Bursch genannt, der auf einer Hochschule immatrikuliert ist und dort studiert. Ein Deutscher aber heißt, der durch deutsche Sprache zum deut» scheu Volk gehört und sich zu den Deutschen be- kennt, ohne Rücksicht, ob seinen Stamm das Un­glück unter ftemde Herrschaft gebracht hat oder nicht." 1819 setzte sich auf dem Heidelberger und 1820 auch auf dem Dresdener Burschentage die Forderung aus Ausschluß der Juden durch. Neben der Gleichheit der Abstammung und der Sprache verlangten die Schwarzen auch die Gleichheit des Glaubens. Sie spielten mit dem Gedanken einer Nationalkirche, der wohl dem Ideenkreis Arndts und der deutschen Gesellschaften entsprang. Ä)rem völkisch-politischen Tatendrang vermochten aber auch die christlichen Sittengesetze keine Schranken zu­setzen. Fallen prägte im Jahre 1818 den Grmcksatz der ..Unbedingten", der von dem Pfarrer Weidig in Butzbach verteidigt wurde: Uüberall, wo eine sittliche Notwendigkeit vorliege, sollten den von dieser Notwendigkeit Ueberzeugten alle Mittel er- laubt sein, um aus dieser Ueberzeugung die Konse­quenzen zu ziehen.

Trotz der schweren inneren und äußeren Kämpfe hat die Urburschenschaft vor 120 Jahren die eini­gende Formel gefunden. Der Kampf um die Einheit des studentischen Gemeinschaftslebens war zunächst ideenmäßig und auch machtpolitisch gewonnen. Die Sammlung der gesamten Studierenden unter der einen Fahne ist der Urburschenschaft aber versagt geblieben. Die Metternichsche Reaktion hat den hoff­nungsvollen jungen Baum in der ersten Blüte ge­knickt.

Die Formen des studentischen Lebens sind wandel­bar, entscheidend ist die Macht der Idee und die Haltung der Führer. 3n 3ena wie in Gießen waren diese Meister des Wortes und des Schwertes, die die Widerstände brachen, die der untergehende Pro­vinzialismus entgegensetzte. In Jena vollzog sich die Gründung der Burschenschaft unter Beibehaltung des studentischen Brauchtums, in Gießen unter jähem Bruch mit den überlieferten Formen.Niemals wer­den wir", fo betont der Burschenschaftsbericht 1818, uns herousnehmen dürfen, für erwige Zeiten eine Schale verfertigen zu wollen, in welche der Geist eingeschlossen werden soll. Aber das Negative können wir für immer sagen, daß jenen Geist nie eine Form fesseln müsse, die chm nicht entspricht."

Meine jungen Kameraden! Il)nen hat der Führer ein stolzes Banner anvertraut und zur Fahne einer Gliederung erhoben. Die Fahnen der Bewegung sind Sturmfahnen, und nur Kämpfer sind ihrer würdig. Die urburschenschafUiche Bewegung nahm nicht von großen Städten ihren Ausgang, sondern von Jena, und sie wurde entscheidend beeinflußt von Gießen. Vollenden Sie. die Sie das Vermächtnis der Ur- burfchenfchaft übernehmen, was der Burschenschaft nicht vergönnt war zu vollenden. Zu den heißesten Herzen, zu den Tapfersten und den Tüchtigsten steht der Führer. Unserm Führer ein dreifaches, begeister­tes Sieg-Heil!

Aus der Stadt Gießen.

OefWaldschmücktfich mit neuemGrüu. I

ilinier den blühenden Obstbäumen dehnt sich der i Wald. Tanney und Kiefern zeigen ihr dunkles I @riin, dazwischen stehen Buchen und Birken im j Schmuck der ersten Blättchen. Besonders die Birken den hängenden Zweigen sind bezaubernd. Der Frühling hat die jungen Blättchen wachgeküßt.

Die _ Anemonen leuchten schon seü Wochen, und die ersten Maiblumen wollen ihre Glöckchen läuten lassen. Schwellende Moospolster laden, den Wan- derer zur Rast ein.

Wenn wir in diesen hellen Maitagen, durch Flur und Frid kommend, in den Wald eintreten, grüßen uns Tausende von Vögeln mit ihrem Liebeslied. Die kleinen Meisen hüpfen und zirpen, von der Spitze der hohen Tannen lockt die Amsel. Drosseln und Finken schmettern chre Lieder.

Und mitten im Wald halten wir plötzlich inne mit unfern Schritten, denn von ferne ruft ein Kuckuck. Unwillkürlich fangen wir wie in den Kindertagen an zu zahlen. Eins, zwei, drei, vier usw.; denn so oft er ruft, fo lange sollen mir noch leben. Und wir greifen in die Tasche und sehen nach, ob mir noch Geld haben, denn dann geht es uns im ganzen Jahre nicht aus.

Die Spechte hämmern vor Freude an den hohen Kiefern, und in den Zweigen gurren die Tauben.

Vor dem hellen maigrünen, wie Seide glänzenden Laub der Buchen stehen trotzig und finster die Kie­fern und Tannen mit chrem dunklen Kleid. Aber auch in chren Spitzen treibt neues Leben hervor. Wie Kerzen leuchten die jungen Zweiglein. Die Lärchen, die einzigen Nabelbäume, die auch :m Winter chre Nadeln abroerfen, waren die ersten im 3arten Grün. Dann folgten die Dirken, die schönsten der Früblingsbäume.

Wie schön erst ist ein Birkenhain! Wir wandern darin wie in einem verzauberten Wald. Das ist ein Leuchten und Grüßen, wie wenn uns eine Schar junger blühender Mädchen begegnet.

Die Birken begnügen sich mit dem ärmsten Bo­den. Sie wachsen rasch und leicht an Plätzen, an denen andere Bäume noch jahrelang am Boden Geben. Die Birken sind rechte Sonnenbäume. Das zarte Grün nimmt im Laufe des Sommers eine tiefdunkle Färbung an, um dann im Herbst einem reinen Goldgelb zu weichen.

Und wie leuchtet der weiße, schlanke Stamm in der .Frühlingssonne! Die zarten, hängenden Aeste und Zweige geben jeder Windbewegung nach, drehen sich im Sturm nad) allen Seiten, und ge­rade diese Leichtigkeit, diese Heiterkeit machen die Birke zum Lieblingsbaum.

Wunder über Wunder, wohin dos Auge schaut. Leise bewegt der Frühlingswind das junge Laub. Man steht und staunt, und unwillkürlich kommen uns die alten, vertrauten Waldlieder in den Sinn: O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald! H.

vornotizen

Tageskaleader für Mittwoch.

Stadttheater: 20 bis 22.30 UhrParkstrahe 13". Gloria-Palast, Seltersweg:Olympia, Fest der Schönheit". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Groß-Alarm". Oberhefsischer Kunstoerein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand. Maienblasen auf Dem Turm der Iohanneskirche 19 Uhr. Matthäusgemeinde: 20 Uhr in der Stadt- kirche Abendandacht.

Stadllhealer Gießen.

Heute, um 19.30 Uhr, findet zum letzten liale eine Aufführung des spannenden Kriminalstückes Partstraße 13" von Axel Ivers statt. Spielleitung Hans Geißler. Die Vorstellung findet gleichzeÜig als 30. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Ende 21.30 Uhr.

BDM.- u. ZM.-Untergau 116, Gießen.

Bett. Tagung der IM.-Gruppenführerlnneu.

Heute findet um 15.30 Uhr auf der Dienststelle des Untergaues die Tagung der IM.-Gruppen­führerinnen des Untergaues statt. Turnzeug ist mit- zubringen.

Detr. Tagung der M.-Gruppenführerinnen.

Am Freitag, 6. 5., kommen alle M.-Gruppen- führerinnen um 1930 Uhr zu einer Besprechung auf die Dienststelle des Untergaues. Turnzeug ift mitzubingen.

Heil Hiller!

Die Führerin des IM.-Untergaues 116:

Liefe! Gödel, Iungmädelgruppenführerin.

Bett. Leistuagsadzeichen.

Dienstag, 10. 5., werden ab 6.30 bis 7.30 Uhr mittags im Dolksbad die Schwimmprüfungen für das Leistungsabzeichen abgenommen.

Samstag, 21. Mai, findet Zielwandem statt.

Sonntag, 22. Mai, findet 25-l<m-Wandern statt.

Befr.: Gruppenappell.

Montag, 9. Mai, findet in der Turnhalle der Goetheschule ein Gruppenappell der M-Gruppe 3/116 statt. Alle Mädel bringen Turnzeug mit.

NS.-GcmeinschaftKraft durch Freude". Omnibusfahr!

zum Blüttnsest in Auerbach an der Bergstraße.

Am Sonntag, 15. Mai, führen wir die vorstehende Omnibusfahrt durch. Teilnehmerpreis einschließlich Mittagessen 6,80 RM. 3068V

Kartenverkauf: ,KdF."-Kartenverkaufsstelle Gie­ßen, Seltersweg 60. Ruf 2141.

Reue Sportturfe.

Reichsfporlabzeichen, für Männer und Frauen ge­meinsam. Samstags von 16.30 dis 18 Uhr, Universi­tätssportplatz. Gebühren: DAF. = 6 Stunden 1,80 Reichsmark, Normalgebühren: 6 Stunden 3, RM. Beginn 7.5. 38. 3066D

Leichtathletik, für Männer und Frauen gemeinsam. Donnerstags von 19.15 bis 20.45 Uhr, Universitäts- sportplatz. Gebühren: DAF. 30 Ps., Normalgebühr: 50 Pf. pro Stunde. Beginn 12.5.38.

Tennis, für Männer und Frauen gemeinsam. Montags von 18 bis 20 Uhr und Sonntags von 8 bis 10 Uhr auf den städtischen Tennisplätzen am Schützenhaus. DAF.-Gebühr: 6 Stunden 6 RM., Normalgebühr: 6 Stunden 9 RM. In der Kursus- gebühr sind einbegriffen: Platzdenutzuntz, Bälle, Schläger, Tennislehrer und Balljungengebuhr.

Anmeldungen werden auf der Dienststelle, Selters­weg 60, entgegengenommen.

Theatervorstellung.

kdF.'Miele Gruppe II. Große Miele, 16. Vorstellung. Samstag, 7. Mai 1938, 20 Uhr:D ie Deiber von R e d d i h", Lustspiel in sieben Bildern von Forster. Linzelkarlen zum Preise vonL0 und 1, Reichsmark sind noch in der karlenverkaufsstelle Gießen, Seltersweg 60. erhältlich 3075V

Jahreshauptversammlung des Kaufmännischen Vereins.

Am Montag hiett der Kaufmännische Verein im Hotel Kobel seine diesjährige Hauptversammlung unter Leitung des Dereinsführers Heinrich Erle ab, der zunächst der verstorbenen Mitglieder Oskar Gutmann, Gießen, und Ludwig Kirchner, Wiefeck, gedachte.

Aus dem Bericht des Schriftführers K. H. Kuhl über das 65. Vereinsjahr war zu entnehmen, daß die Mitgliederzahl ungefähr die gleiche geblieben ist wie seither, und daß der Verein durch seine Vor­träge, die der Belehruna unb Unterhaltung dienen und bekanntlich gemeinsam mit dem Goethebund durchgeführt werden, seinen Mitgliedern große Vor­teile bietet. Im verfloßenen Vereinsjahr wurden in der Universität allein 10 Vorträge von bedeu­tenden Dortraaskünstlern gehalten, die alle einen sehr guten Besuch aufwiesen, und zu dem jedem Mitglied bis zu drei Plätzen frei zur Verfügung

standen. In dem Kaufmännischen Vereinshaus ist die Höhere Prioatschule untergebracht, die auch die ehemaliaen Gastwirtschaftszimmer nach als Schul­räume benutzt.

Aus dem Kassenbericht des Rechners Georg Mootz war zu entnehmen, daß die Vermögens­verhältnisse geordnet sind, so daß auch der Voran­schlag für das neue Geschäftsjahr ungefähr die glei­chen Zahlen wie im Vorjahre ausweist. Besonderer Wert ist wieder auf die Auswahl der Vortragenden gelegt und dabei gewahrt, daß nur zeitgemäße, interessante Vorträge gehalten werden.

Dem Vereinsführer, Rechner und Schriftführer wurde für chre Arbeit gedankt. Der Vereinsführer Heinrich Erle wies noch darauf hin, daß auch die Aussichten für das neue Geschäftsjahr günstig feien, dankte den Mitgliedern für ihre Treue und schloß die Versammlung mit dem Gruß an den Führer.

** Dienstjubiläum bei der Stadt Gießen. Die Stadtverwaltung Gießen teilt mit: Zu der Notiz vom 30. April ist noch nachzutragen, daß es sich bei dem 25jährigen Dienstjubiläum um die beamtete Dienstzeit des Dollstreckungssekretärs Gustav Kessel handelt. Herr Kessel steht bereits seit 1902 im Dienste der Stadt Gießen und kann auf eine fast 36jährige Gesamtdienstzeit zurück­blicken.

"Oeffentliche Bücherhalle. Im April sind 2068 Bände ausgeliehen worden. Davon kamen auf: Zeitschriften 19, Gedichte und Dramen 13, Erzählende Literatur 1192, Jugendschriften 316, Länder- und Völkerkunde 144, Kulturgeschichte 2, Geschichte und Biographien 247, Kunstgeschichte 3, Naturwissenschaft und Technologie 47, Heer- und Seewesen 41, Haus- und Landwirtschaft 1, Gesund­heitslehre 4, Religion und Philosophie 4, Staats- Wissenschaft 32, Sprachwissenschaft 1, Außerdeutsche Literatur in den Original sprachen 2 Bände. Nach auswärts kamen 36 Äänbe.

Große Strafkammer Gießen.

Vor der Großen Sttafkammer hatte sich am gestrigen Dienstag der Otto Jung aus Gießen wegen Kuppelei zu verantworten. Die Hauptver Handlung, die unter Ausschluß der Oefsentlichkeit ftattfanb, ergab, daß der Angeklagte in vier Fäl­len seine eigene Ehefrau verkuppelt hatte. Jung, dessen Verhalten jegliche Ethik und Moral vermis­sen läßt, beging die Straftaten gewohnheitsmäßig und ließ sich hierfür eigene Vorteile gemäßen. Das Gericht verurteilte ihn wegen schwerer Kup" pelei in Tateinheit mit einfacher Kuppelei in vier Fällen zu einer Gesamtzuchthaus st rase von einem Jahr und vier Monaten un­ter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf drei Jahre. Außerdem wurde er unter Polizeiauf­sicht gestellt. Da der Angeklaate in vollem Umfang geständig war, wurde ihm Die Untersuchungshaft angerechnet.

Rundfunkprogramm

Donnerstag, 5. Mai.

5 Uhr: Frühmusik. 5.45: Ruf ins Land. 6: Mor­genspruch, Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nach­richten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Froher Klang zur Werkpause. 9.40: Kleine Ratschläge für Küche und Haus. 10: Schulfunk. Volksliedsingen. 11.40: Volk und Wirtschaft. Preis und Verbrauch. 11.45: Offene Stellen. 12: Mittagskonzert. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert (Fortsetzung). 14: Nachrichten. 14.10: Heitere Welt der Bühne. 15: Bilderbuch der Woche. 15.30: Für unsere Kinder. 16: Nachmittagskonzert. 18: Zeitgeschehen. 18.30: Der fröhliche Lautsprecher. 18.50: Allerlei vom Sport der Woche. 19: Nach­richten. 19.10: Unterhaltungskonzert. 21: Frühling läßt sein blaues Band ... Eine Textfolge.

Landkreis Gießen

§ Lollar, 3. Mai. In die hiesige Volks­schule wurden an Ostern 33 Abc-Schützen aus­genommen, und zwar 19 Knaben und 14 Mädchen, während 40 Schüler (15 Knaben und 25 Mädchen) entlaffen wurden. Die zweite und dritte Klasse der Sibule werden sich vom 17. bis 25. Juni zu einem Schulland h eimau s enthalt in der Jugendherberge Schloß Berleburg nach Schlitz begeben.

Fäden hin und her.

Vornan von Hedda Westeaberger.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.

13. Fortsetzung (Nachdruck verboten!)

Äann ich nicht finden. Und es rft reichlich blöd für Leute, die mal miteinander verlobt waren."

Sooo? Ach! Waren wir mal miteinander ver­lobt? Ach ja, richtig, ich entsinne mich dunkel."

Marga, tu nicht so albern. Und wenn du in allem so ein famoser Kerl wärest wie im Beruf, dann würdest du dich verpflichtet fühlen, mir heute zu erklären, warum du mir eigentlich damals so Knall und Fall durchgebrannt bist. Du hast mir damals nur ganz kurz geschrieben, du liebtest mich, aber du könntest mich trotzdem nicht heiraten. Wetter nichts. Und das heißt gar nichts. Und wenn du vielleicht damals innerlich aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage warft, mir eine andere Erklärung zu geben, so kannst du sie mir heute dock bestimmt geben. Heute, da wir alle beide über diese Dinge längst hinweg find. Also los, rede!"

Marga hat sich langsam zu Tapsy hingekniet und ihren Arm um den Hund gelegt, der ganz still, ganz in diesen unerhörten Genuß von Frauchens so naher und zärtlicher Gegenwart versunken, da- sitzt. So schaut sie zu Walter Lenzsch auf, der, beide Hande auf beide Knie gestützt, immer noch in ge­bückter Haltung steht. Und wahrscheinlich nicht ohne Hintergedanken. Denn von weitem muß es aus­sehen, als beschäftigten sich diese beiden, Marga Montwill und Matter Änzsch, lediglich mit dem Hund.

Resten soll ich?" sagt Marga langsam, und chre dunklen Augen leuchten von unten her zu Walter Lenzsch mtt einem merkwürstig verlorenen Licht her­auf. ~Reden soll ich? Ach, weißt du, Waller, ich erinnere mich wirklich gn gar nichts mehr. Wir waren verlobt, und ich hi elf s nicht aus und brannte durch. Das genügt doch eigentlich. Und ich muß ehrlich gestehen, es lockt mia) auch gar nicht, mich an Einzelheiten zu erinnern. Ich weiß nur noch: Es war entzückend, solange wir nur verliebt waren und es war schrecklich, als wir Verlobte wurden."

Walter Lenzsch richtet sich auf und wirft einen verstohlenen Blick zu den Hammerbachers hinüber. Gott sei Dank, die umstehen immer noch das weiß angestrichene Apfelbäumchen hinten am Gitter.

Aber, erlaube mal, schließlich host du mich doch damals sehr beleidigt! Und betrogen auch. Denn

immer hast du von deiner Liebe geredet, aber die ganze große Liebe hat dich nicht davon abgebracht, auszukneifen, als es ernst wurde. So sag mir doch wenigstens, daß du mich nie geliebt hast, und daß dich nur deine Ettern zu dieser Verlobung ge­zwungen haben."

Marga lacht leise auf:Gott, Waller, ich hab' dich noch mindestens drei Jahre rasend geliebt"

Waller Lenzsch lehnt sich gegen die Hauswand und macht eine hilflose Bewegung mit der Hand, die die Zigarette hält.Also bann weiß ick nicht..." sagt er nach einer Welle leise, wobei sicy sein Ge­sicht langsam rötet

Jetzt steht auch Marga auf.Siehst du und ich weiß eben auch nicht Und jetzt laß das! Es ist fast zehn Jahre her. Schwamm drüber!"

Und ihren Arm in den feinen schiebend:Also, lieber Doktor, Freund meines lieben Bruders, wir verstehen uns doch?"

Walter Lenzsck lächelt dünn unb ein bißchen un­glücklich.Don Verstehen ift zwar keine Rede. Aber meinetwegen. Obgleich ... wenn man bedenkt Aber sag mir noch schnell: Ist es wahr, daß du mich noch drei Jahre lang geliebt hast?"

Da legt Marga Montwill auch ihren zweiten Arm noch mtt in den von Walter Lenzsch. Das sieht ziem­lich zärllich aus, und Monika, die sich unauffällig nach den beiden umgesehen hat, sieht es mit Herz­klopfen.

Aber ja, Waller. Gute drei Jahre hab' ich noch hinter dir hergeirauert, mein Ehrenwort. Wenn ich mich sonst auch an gar nichts mehr erinnere. So. Und jetzt wirklich Schwamm drüber, Herr Doktor!" Und sanft dirigiert sie den Widersttebenden hinüber zu Monika.

Aber Monikas Blick ruht fremd unb abweisend auf dem jungen Doktor. Bildet er sich vielleicht ein, er kann hier doppeltes Spiel spielen? Ihr bei Tisch zärtliche Blicke zuwersen und mit jener in Garten­winkeln flirten ?

Ich hätte so gern dies und das Erlebnis von früher zusammen mtt Fräulein Montwlll auf ge­frischt", sagt Lenzsch deshalb entschuldigend unb setzt sich entschlossen an Monikas Seite, da alle nun wie- der dem Hause zuschreiten,aber, leider kann sich Fräulein Montwill an gar nichts mehr erinnern, an rein gar nichts mehr. Ist das nicht traurig?"

Gott", gibt Monika zurück, unb zum erstenmal streift ihr Blick bis andere beinahe freundlich,Gott, wer weiß, vielleicht hat Fräulein Montwill eben die wesentlicheren Dinge ohne Sie erlebt. Meinen Sie nicht auch?"

Dann schweigen sie beide, eine ganze Gemischt­warenhandlung widerstrebender Gefühle im Busen er wie sie.

IL ,Hch dreihöckriger Esel!" jagt Breda.

Joseph Breda ist an diesem Samstagabend nicht so sehr rosiger Laune. Das kann man nicht behaup­ten.

Er gehört zu den unglücklichen Junggesellen, die immer nur so tun, als ob sie herrlich allein fertig würden. In Wirklichkeit braucht er aber immer je­manden, der sich um ihn kümmert: Jetzt gehst du mit dahin, unb morgen tun wir bas, und über­morgen besorgst du Karten für die Philharmoniker. Ach, und dein Hut, Jupp! Rennt ein anständiger Mensch mit so einem speckigen Hut herum. Komm, Jupp, Hütchen kaufen. Komm, Jupp, Schuhe kaufen. Deine sehen aus wie verwitterte Nilkähne. Komm, Jupp, mal 'n bißchen ins Grüne laufen. Du siehst gelb aus wiene alte Quitte, alter Junge ... und so fort Zwar schimpft er dann und mault und meu­tert und redet von Schikane und albernem Getue, aber es tut doch gut, es ift doch gemüttich, so mit* gezerrt und aufgeputscht zu werden und am schönsten von allen Menschen, die chm begegnet sind, kann es Marga Montwill. Und eigentlich, wenn die Leute immer sagen, Joseph Breda sei Marga Mont« wills Kümmerer geworden, weil Marga zu den Frauen gehöre, die überall und immer einen Küm­merer suchen unb finden, so sagen die Leute nur die halbe Wahrheit, denn Marga Montwill ist ebenso­gut Joseph Bredas Kümmerer geworden, weil Jo­seph Breda zu den Junggesellen gehört, die überall und immer einen weiblichen Kümmerer brauchen.

Und nun sitzt man da, und es ist Samstagabend. Alle Well bummell irgendwo herum, im Kino, im Kaffeehaus, im Theater, bei Einladungen oder auch nur so an den Kinos und Kaffeehäusern vorbei, und alle Welt hat ein festes und vernünftiges Programm für Samstagabend und den ganzen Sonntag, unb nur man selbst sitzt da unb weiß nicht, was mit sich anfangen.

Gewiß, man könnte ja allerlei tun. Man hat ja außer Marga Montwill noch andere Freunde unb Bekannte. Aber, ach Gott, da muß man jetzt erst anrufen unb fragen, was sie vorhaben, unb bann muß man rennen unb versuchen, ob man zu diesem ober jenem auch noch Karten kriegt, und schließlich kriegt man nur viel teurere, oder die Bekannten bringen andere Bekannte mtt, mit denen man nichts anzufangen weiß, ober die einem unsympathisch sind, und so weiter. Ach, fieber nicht.

Und übrigens hat man ja Samstags nie so be­sonders viel unternommen. Meistens hat man bei

Marga Montwill in der netten, behaglichen Drei­zimmerwohnung gesessen, hat lecker gegessen, hat eine gute Flasche getrunken, hat ein bißchen Musik gemacht, mal Radio, mal selber, am Flügel, hat ein paar Seiten in irgendeinem guten Buch gelesen oder Prospekte über Neuerscheinungen studiert, und auf einmal war zwölf Uhr vorbei, und Marga räumte energisch die Gläser und die Plätzchen und die Nüsse weg unb sagte:So, Jupp, Schluß für heute! Komm gut heim und steck den Brief da noch ein!" Man ging gehorsam heim unb hatte merkwürdiger­weise das Gefühl, ein sinnvolles und ausgefülltes Leben zu leben.

Was noch viel merkwürdiger ist! Man hat im­mer das Gefühl gehabt, man selber, mit seiner Persönlichkeit, mit seinem ... ad) ja, sagen wir's ehrlich: mit seinem Geist, seinen vielen Interessen und seinem Talent, sich gescheit zu unterhalten und tiefschürfend zu denken, man selber also, in höchst­eigener Person, habe diese Abende so ausgefüllt und sinnvoll gemacht. Aber das scheint ein trauriger Irrtum zu sein. Denn wäre es an dem, so müßte ja auch dieser Abend ausgefültt und sinnvoll und hübsch sein, obgleich man allein ist.

Hat man nicht ebenfalls gut gegessen? Steht da nicht ebenfalls eine einundzwanzigerZeller- schwarze-Katz"-Auslese? Hat man sich nicht sogar wohlweislich geschälte Haselnüsse gekauft, um an diesem Abend nichts, aber auch gar nichts zu ent­behren?

Uuhaaa... uuhaaa...

Und nun sitzt man da unb gähnt.

Und nun sitzt man da, unb zwischen den Nüssen sirck immerzu schlechte.

Und nun sitzt man da und hat nicht einen ein­zigen gescheiten und denkenswerten Gedanken im Kopf.

Joseph Breda rutscht auf seinem Klubsessel her­um, als habe er sich auf eine ziemlich warme Herd­platte gesetzt: Rechtes Bein Übers linke, so, jetzt ist's gemütlich! Ach, doch noch nicht. Also mal linkes Bein übers reckte! Nee, auch nicht. Also beide Beine über die Lehne! So ... nee verflucht, wieder runter damit unb weit ins Zimmer gestreckt! Ah, so geht's!

Aber bas Radio müßte spielen. Augenblick mal!

Und jetzt noch eine Zigarette und den Aschen­becher in greifbare Nähe! Du lieber Himmel, was doch alles dazugehört, wenn man sich's gemütlich machen will! Sonst ist ihm das nie fo ausgefallen, da hat immer Marga diese kleinen Handgriffe er­ledigt.

(Fortsetzung folgt.)