Nr. WZ Zweites Blatt • Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 4-Mai 1938
Was gibt es Neues in der Heilkunde?
Fortschritte und neue Erkenntnisse der Medizin.
Von Dr. p. Richter.
„Nervöse" sollen mehr Zucker effen!
Jeder weiß heute, daß es eine „Zuckerkrankheit" gibt. Sie äußert sich in einem Ueberschuß des Zuckers im Körper und beruht auf einer ungenügenden Bildung des bekannten Hormons der Bauchspeicheldrüse, des Insulins. Neuerdings hat die Wissenschaft festgestellt, daß es auch sozusagen düs Gegenteil der Zuckerkrankheit gibt — ein Leiden, bei dem nicht zuviel, sondern zu wenig Zucker im Körper vorhanden ist. Dem Zuckerkranken wird das fehlende Hormon Insulin künstlich zugeführt — umgekehrt ist bei der neu entdeckten Zuckermangelkrankheit zuviel Insulin in der Blutbahn, und daher wird der im Körper gebildete "Zucker dank der Tätigkeit des Insulins sofort wieder aus dem Sästestrom entfernt und als „Reserve" aufgespeichert. Auf diefe Weise entsteht im Blut ein mehr oder weniger starker Zuckermangel und damit die erwähnte Krankheit, deren Erforschung wir vor allem dem deutschen Gelehrten Prof. Wilder verdanken.
Wie kommt es nun, daß diese merkwürdige Krapkheit erst in letzter Zeit „entdeckt" worden ist — hat es sie vielleicht früher noch gar nicht gegeben? Wir haben hier eine recht interessante Bestätigung der Tatsache vor uns, daß die moderne Heilkunde immer häufiger und in immer stärkerem Maße Zusammenhänge zwischen scheinbar nur geistig-seelischen Störungen und rein körperlichen Vorgängen findet. So hat man neuerdings Heuschnupfen oder Asthma durch Hypnose geheilt, man ist gegen die gefürchtete Schizophrenie erfolgreich mit gewissen Arzneimitteln vorgegangen y und beider Zuckermangelkrankheit hat es sich herausgestellt, daß wir hier eine ganz bestimmte Form „nervöser Ueberreizbarkeit" vor uns haben, die an sich schon lange bekannt ist, aber erst jetzt auf ihre rein körperlich bedingte Ursache zurückgeführt werden konnte. Menschen, die bei der geringsten Kleinigkeit „verärgert" sind, die an allem herumzunörgeln haben, ohne ersichtlichen Anlaß starke Schweißausbrüche zeigen und schließlich — das wichtigste Anzeichen! — öfters von einem ganz plötzlich einsetzenden Heißhunger nach Süßigkeiten förmlich überfallen werden, weisen häufig Zuckermangel im Blut auf. Natürlich ist das nicht so zu verstehen, daß sich nun gleich jeder etwas nervyse oder überarbeitete Mensch zu den „Zuckerarmen" rechnen darf. Aber es gibt ein recht einfaches Mittel, die Diagnose zu klären: wenn die nervösen und körperlichen Störungen (unbegründete Müdigkeit, Unruhe der Hände, Gereiztheit und ähnliches) nach dem Verzehren einiger Kuchenstückchen oder sonstiger Süßigkeiten sehr bald verschwinden, dann haben wir Grund zur Vermutung, daß hier ein Fall von Zuckermangelkrankheit vorliegt.
Im übrigen gehören derartige Fälle zu den leichteren, denn es gibt auch weit bedenklichere Erscheinungen, die durch st arten Zuckermangel im Blut ausgelöst werden. Es können Lähmungen und Verlust des Bewußtseins ober zum mindesten des Denkvermögens austreten, ferner Krampf- «nfälle, Zuckungen und ähnliche ausgesprochen schwere Krankheitsbilder. Glücklicherweise ist diese ernsthafte Form der Zuckermangelkrankheit sehr selten, während die von uns beschriebenen leichteren Fälle nach den neuesten Feststellungen verschiedener Wissenschaftler weit häufiger sind, als man bisher annahm. Bei so manchem Fall, der früher aus „nervöse Störung", Hysterie oder ähnliche seelisch bedingte Leiden behandelt wurde, stellt sich jetzt heraus, daß eine leichte Form des Zuckermangels vorliegt. Das ist natürlich für die Kranken sehr günstig, denn mit dieser neuen Diagnose ist auch sofort eine fast vollkommene Behebung der für den Patienten
und seine Umgebung oft außerordentlich quälenden Krankheitserscheinungen gesichert.
Die Behandlung geht verhältnismäßig einfach vor sich: man führt dem Patienten genau so Zucker — etwa in Form von Traubenzucker — zu, wie man umgekehrt beim Zuckerkranken das fehlende Infulin in Spritzen oder sonstigen Formen gibt. Nur in schwereren Fällen von Zuckermangelkrankheit wird Zucker als Einspritzung gegeben. Meist genügt der Genuß von Traubenzucker oder — in allen leichteren Fällen — die Ausnahme zuckerhaltiger Nahrungsmittel in regelmäßigen vom Arzt festzulegenden Abständen. Auf diese einfache Weise wird jetzt vielen Menschen geholfen werden, deren eigentliches Leiden bisher nicht richtig erkannt und daher auch nicht zweckentsprechend behandelt werden konnte. Insofern ist also die „Entdeckung" der neuen Zuckermangelkrankheit als recht erfreulicher Fortschritt zu betrachten, der zahlreichen Menschen die Freude am Leben zurückbringen wird.
Heilklima gegen Tuberkulose.
Neuerdings versucht man, bei der Behandlung der Tuberkulose möglichst ohne chirurgische Eingriffe auszukommen und an ihre Stelle die beste natürliche Heilmethode anzuwenden, die wir kennen: die Einwirkung der Sonnenstrahlung. Allerdings ist es nun keineswegs damit getan, den Patienten nur einfach ins Hochgebirge zu schicken — dort ist die Sonnenstrahlung ja besonders wirksam. Das könnte seine Krankheit unter Umständen statt zu bessern ganj. erheblich verschlimmern. Es aibt heute einen eigenen Wissenschaftszweig, die sogenannte Heliotherapie, die sich ausschließlich damit beschäftigt, die jeweils günstigsten Anwendungsarten der Sonnenstrahlung bei den verschiedenen Leiden zu erforschen. In den letzten Jahren hat sich nun immer deutlicher gezeigt, daß die noch vor gar nicht langer. Zeit so häufig geäußerte Ansicht, man ^ürfe Tuberkulöse keinesfalls an die See schicken, falsch ist! Ganz im Gegenteil wurde auf der Tagung der Bäder- und Klimaforscher in Kiel nachgewiesen, daß namentlich das Klima unserer Nordseeküste bei vielen Tuberkulosefällen ganz ausgezeichnet wirkt. Besonders gute Erfolge sind bei der Tuberkulose der Knochen und Gelenke erzielt worden. Der Meerwind verhindert eine Ueberhitzung des Körpers bei den ausgedehnten Liegekuren, daher werden die langen Sonnenbäder gut vertragen. Die feuchte Seeluft entlastet die Schleimhäute, üherhaupt wirken die Bedingungen des Seeaufenthaltes als „Reizklima", das viele Fäll- von Tuberkulose ebensogut, manchmal auch günstiger beeinflußt als das Hochgebirgsklima. Man sollte also, das ist die Lehre dieser Tagung, bei jedem Fall von Tuberkulose sehr genau die Frage prüfen, welches Klima jeweils gerade das richtige ist. Ob im Einzelfcckl Mittelgebirge, Hochgebirge ober Norbfee am besten für die Heilung geeignet sind, das ist eine für den Patienten oft geradezu entscheidende Frage — und wir sind heute, wie die Tagung bewies, zweifellos so weit, daß der geschulte Arzt sie mit Sicherheit richtig beantworten kann.
Vitamine gegen Krampfadern.
Der Freiburger Arzt Dr. Krieg hat in 35 Fällen von Krampfadererkrankungen die Beobachtung gemacht, daß bei einer Behandlung mit Vitamin-B-Präparaten häufig eine erhebliche Besserung der bei Krampfadern ost vorhandenen neuralgieähnlichen Beschwerden eintritt. 11 e b er ei nf t [mm e nb gaben die Kranken an, 'daß sich ihre Krampfaderbeschwerden mehr oder weniger rasch, im Durchschnitt etwa vier bis acht Tage nach Beginn der Ditaminzufuhr, besserten ober ganz ver-
schwanden. Der Druck unb die Schwere in den Beinen wichen einem wohltuenden Leichtigkeitsgefühl, bie lästigen, vom leichten Ziehen dis zu krampfartigen Attacken sich fteigernben Schmerzen im Krampfaberbein verschwanden. Die Patienten konnten besser und weitere Strecken ohne besonbere Ermübung gehen unb vor allem auch längere Zeit stehen. Selbst Witterungseinflüsse, unter denen Krampf- aberträger desonbers leiden, blieben ohne Einfluß.
Neben dieser schmerzlindernden Wirkung konnte aber noch etwas anderes beobachtet werden, und zwar eine Zusammenziehung der Krampfadern während der Zufuhr des Vitamin-B- Präparates, das in bie Muskulatur gespritzt wirb. Dadurch nimmt nicht nur der Durchmesser der erkrankten Venen vorübergehend ab, sondern gleichzeitig auch der Umfang der Erkrankung. 'Leider ist die Dauer der Einwirkung des Vitamins B auf das
Krampfaderleiben im großen und ganzen an bie. im Gefolge von Operationen burch vorbeugende Zufuhr bes Mtaminstoffes gebunben. In ber größe-1 Dttaminbehandlung bekämpfen kann.
ren Zahl ber Fälle trat nämlich etwa sechs bis zwölf Tage nach Abbruch ber Kur ber frühere Zu- ftanb roieber ein, wenn auch nicht feiten in beutlich verringertem Maße. Befonbers lang anhaltend war bie linbernde Wirkung auf bie Schmerzen, bie sich bisweilen auf Wochen erstreckte.
Es fragt sich also, inwieweit eine rechtzeitige Be- hanblung mit Vitamin B in gewissen Fällen die Krampfaberentstehung überhaupt verhinbern kann. Ganz befonbers würbe dies für die Monate der Schwangerschaft in Erwägung zu ziehen fein, in der bann längere Zeit hinburch eine Vitamin-Kur durchgeführt werden müßte. In erster Linie käme diese vorbeugende Maßnahme für solche Frauen in Betracht, die schon Anfänge von Krampfaderbildun- gen an sich gespürt haben. Darüber hinaus ist "die Frage zu prüfen, ob der Chirurg vielleicht mit diesem Vitamin auch die gefährliche Thrombose
BDM.aufWochenendsahrtimOdenwald.
Schulung der Zahrtführerinnen des BOM.
Vor einiger Zest wurde von ber Sommerarbeit im BDM. gesprochen; Fahrten, Laaer unb Sport stehen im Mittelpunkt! Nun ist bie Zeit gekommen, wo bie Natur hinauslockt. Die Sonne, der Wind, bie Wolken rufen uns aus ben engen Zimmern. Unsere Mäbel im Untergau Gießen sollen sich in diesem Sommer ben Odenwald erwandern. Damit die Fahrten ein wirklicher Erfolg werden, sind die Fahrtenführerinnen unb auch bie Mäbel selbst auf bas Sorgfältigste vorbereitet worden.
An einem ber letzten Sonntage fand nun eine Schulungsfahrt der Fahrtenführerinnen statt. Sie wurden mit dem Gebiet ihrer Wanderungen bekanntgemacht, lernten besondere Eigenschaften ber Menschen und der Landschaft kennen, so daß sie auf alle Fragen der Mädel Antwort geben unb ihnen wirklich die Gegend ihrer Fahrt nahebringen können. Lesen wir nun den Bericht einer Fahrtenteilnehmerin:
Samstags waren pünktlich um 13 Uhr alle 30 Mädel am Bahnhof angetreten, und mit großen Erwartungen fuhren wir nach Darmstadt. Dort wartete schon der Omnibus, um uns durch die Stadt unb bann bie Bergstraße entlang nach Heppenheim zu fahrep. Es schien uns allen, als hätte sich bie Landschaft besonders geschmückt. Die blühenden Aprikosen-, Pfirsich- und Mandelbäume boten einen wunderschönen Anblick. Am Spätnachmittag trafen wir in Heppenheim ein, wo wir von den Herbergseltern herzlich begrüßt wurden. Die Jugend, herberge liegt in der alten bischöflichen Residenz, unb offene Türen des alten Gebäudes verlockten manches Mädel, das Haus, in dem ehemals Bischöfe ihre Sommerresidenz hatten, zu betreten. Aber es war nichts zu sehen! Der Bau wird gründlich überholt. Die Handwerker behaupteten bas Felb.
Um einen schönen Ausblick über die Gegend zu erhalten, wurde noch ein Spaziergang auf die Starkenburg unternommen. Leider war die Aussicht so schlecht, daß' es sich gar nicht lohnte, aus den Turm zu klettern. Die Sonne schien aber noch so schön, daß wir uns oben um den alten Brunnen setzten und Frühlingslieder fangen. In bester Stimmung kehrten wir zur Jugendherberge zurück. Nach dem Abendbrot gingen wir noch durch die Gassen von Heppenheim.
Am andern Morgen nahmen wir mit einem frohen Lied von den Herbergseltern Abschied und verließen' unter Gesang dje Stadt. Die Fahrt durch den schönen FrühlingsmorFen gab uns ein eindrucksvolles Bild von der Schönheit des Oben- waldes. lieber Waldmichelbach, Beerfelden,. durch das Mümlingtal fuhr unser Auto nach Erbach. Dort wurde Halt gemacht, um die Sammlungen des Grafen von Erbach zu besichttgen. Bei den alten Plastiken der römischen Feldherrn kramte manche ihre Geschichtskenntnisse aus und versuchte, sich die Taten der großen Männer ins Gedächtnis zurück-
zurufen. Auch dem Rüstungssaal wurde ein Besuch abgestattet. Don Erbach ging es weiter nach Michelstadt. Dort machten wir zu einem kräftigen Eintopf ber Bauemschule einen Besuch. Dann konnten wir frisch gestärkt bas liebliche Städtchen besichttgen. Zunächst holten wir üns einen Gesamtblick über den breiten Talkessel, über bas Städtchen mit seinen alten, Dächern und Giebeln. Dann bewunderten wir alte, stolze Bürgerhäuser, Fachwerkbauten mit geschnitzten Erkern und schließlich den reizvollen Marktplatz.
Dann zog es uns nach dem alten Wasserschloß Fürstenau, dgs in einem schönen Park liegt und uns den Eindruck eines Märchenschlosses machte. Von hier aus wurden wir nach der nahe gelegenen Einharts-Basilika geführt, einer der ältesten Kirchenbauten Deutschlands. Leider neigte sich die schöne Fahrt, die uns in so kurzer Zeit so viel Eindrücke gebracht hatte, ihrem Ende zu. In rascher Fahrt x ging es Darmstadt und weiter Gießen entgegen.
Wir freuen uns nun natürlich alle, unsere Mädel auf der Hessen-Nassau-Fahrt über Pfingsten durch ein so schönes Gebiet unseres Gaues führen zu können. Die Fahrt wird für jedes Mädel das gleiche Erlebnis werden, wie sie es für die Fahrtenführerinnen schon wär.
Diese herrliche Plakette hat das Deutsche Handwerk, in der Deutschen Arbeitsfront für die Reichssieger im Handwerkerwettkampf 1938 Herstellen lassen. Die Plakette ist eine Schmiedearbeit, die die sieben Hauptwettkampfgruppen symbolisch darstellt. Sie wird vom Reichsorganifationsleiter Dr. 5ey am
„Tag des Deutschen Handwerks",
den Reichssiegern persönlich überreicht.
Zwanzig Jahre Gesellschasi Hessischer Bücherfreunde.
' Von der Gesellschaft Hessischer Bücherfreunde in Darmstadt wird uns geschrieben:
In diesem Frühjahr find 20 Jahre verflossen feit der Gründung des Gesellschaft Hessischer Bücherfreunde. Im Gegensatz zu den anderen bibliophilen Gesellschaften Deutschlands stellte sie sich die Aufgabe, in den Veröffentlichungen nur heimatliche Buchkunst, Buchkultur und Literatur zu pflegen, mit einem Wort, ihr Veröffentlichungsbereich auf hessische, insbesondere barmst ab tische Kunst und Kultur zu beschränken. Das war ein weise gestelltes Programm, das im Laufe der vergangenen 20 Jahre viele wertvolle Veröffentlichungen, zumal auf dem Gebiete der hessischen Kunstgeschichte, gezeittgt hat. So konnten die so wichtigen Künstlermonographien über Joh. Ehr. Fiedler, L. Gläser, Aug. Fritz, F. I. Hill, I. L. Strecker, W. Merck, A. Lucas erscheinen. An literarischen Veröffentlichungen wurden wertvolle Beiträge zur Kenntnis N i e b e r g a l l s m Gestalt einer umfangreichen Biographie und einer schönen, mit Scherenschnitten gezierten Ausgabe des „Datterichs" geliefert. Die Darmstadter The ater - gefchichte fand Berücksichtigung in den anziehenden Erinnerungen F. A. Winters, ^e Stadtgeschichte in der Veröffentlichung „Darmstadter Allerlei" von A. Beck, die Umgebung in Wunzers Wandererinnerungen, in „Frankenstein in Wort und Bild" unb in bem Büchlein „Der Dichter bes Nibelungen-Liebes", bas ben Dichter in Lorsch vermuten läßt. Eine besonbere Kostbarkeit unter ben Veröffentlichungen ist die Faksimile-Wiedergabe des berühmten Niddaer Jagdbuches von Valentin Wagner, eines bedeutsamen Dokumentes in der Geschichte der Jägerei.
Außer den Jahresgaben brachte die Gesellschaft mancherlei lustige und bibliophil leckere Kleinigkeiten heraus, die in geringer Auflage nur einem, engeren Kreis von Liebhabern zugänglich blieben.
Alles in allem hat die Gesellschaft seit dem Tage ihres Bestehens in sehr fruchtbarer Weise aus das Buchgewerbe in Darmstadt gewirkt, den Druckereien schöne und erfreuliche Ausgaben gestellt und in weiten Kreisen das für die deutsche Kultur so wichtige Gebiet der B u ch p f l e g e heimisch gemacht Die letzte große Aufgabe, die sich die Gesellschaft gestellt hat, ist die Herausgabe einer Geschichte der Darmstädter Malerei, von ber bis jetzt die ersten beiden Bände erschienen sind. Dieses
Werk wurde mit Unterstützung der Stabt Darmstadt ins Leben gerufen und bedeutet schon jetzt einen’ unentbehrlichen Baustein in der Geschichte unserer Kunst.
In mancher Beziehung hat bie Gesellschaft Hessischer Bücherfreunde das, was mit ber Grünbung ber Ernst-Ludwig-Preste seinerzeit angestrebt wurde, weiter ausgebaut, und zwar in volkstümlicher Weise. Gewissermaßen hat bie Gesellschaft Hessischer Bücherfreunde die Tradition, die durch bie Ernst- Lubwig-Presse geschaffen war, übernommen und sich damit logisch eingereiht in das bekannte Darmstädter Kulturstreben. Möge es der Gesellschaft und ihrem unermüdlichen Vorstände gelingen, alle ihre Aufgaben auch noch fernerhin durchzuführen. Es gibt noch fo manches, was aus der Kulturgeschichte Darmstadts gesammelt und festgestellt werden müßte.
Aepfel in Nachbars Garten.
Von D. G. Schumacher.
Des Nachbars junger Hund war heute wieder einmal über den Zaun gesprungen und hatte sich erfrecht, eine Tüte Blumenzwiebeln im Maule fortzutragen. Das ging nun doch nicht länger so!
Wie aber sollte Netti es dem Nachbarn sagen? War er so in sein Rechtsstudium vertieft, daß er nie gemerkt hatte, wie sie feinen Hund wiederholt schon aus ihrem Garten gejagt hatte?
Dann fiel ihr ein, ihm zu schreiben. Sie tat es auch sogleich:
„Geehrter Herr Doktor! , .
Darf ich bitten, Ihren Hund Jo kl fortan vom Besuch meines ©artens abzuhalten! Sie „schicken mir auch wohl die Blumenzwiebeln zurück die er hier „entliehen" hat.
Das Hausmädchen steckte den Brief in Dr. Bert Lachners Postkasten. Schon nach zehn Minuten hatte sie feine Antwort:
„Sehr geehrtes Fräulein! -
Hier erhalten Sie die Blumenzwiebeln zurück, ich empfinde den Vorfall äußerst peinlich; Ioki werde ich bestrafen. — Indessen bitte auch ich, ben über meine Frühbeetkästen hangenden Ast Ihres Apfelbaumes absägen zu lasten, da er 1. die Sonne abhält, 2. die Glasschettien der Beete durch herunterfallende Aepfel zerschlägt. ßeiber muß ich auf dieser Bitte rechtlich bestehen und bleibe
Ihr ergebenster
Dr. - Bert Lachner.
„Das ist doch die Höhe", rief Netti — „ben Ast abfägen unb daburch ben Baum ruinieren kümmert er sich sonst so um seine Beete?
Dennoch — sie mußte es wohl tun. Am nächsten Morgen beobachtete Ioki, 'ber Hunb, wie Fräulein Netti, höchstselbst, mit ber Leiter am Zaun hochstieg ... als sie aber nach ihrer Säge zurückgreifen wollte, glitt sie aus und saß plötzlich völlig unverletzt, aber um so verblüffter, auf einem Sanbhau- fen, neben Dr. Lachners Frühbeetkästen — während eine sympathische Stimme sprach:
„Sie haben sich doch nichts getan?"
Er war herbeigelaufen, ftteckte ihr die Arme hin.
„Danke, danke, ich brauche keine Hilfe, Herr Dok-tor!" und wollte auf und davon.
Er legte seine Hand auf ihre Schulter.
„Warten Sie doch!"
„Was fällt Ihnen ein?"
„Ja, das ist ein interessanter Rechtsfall. Sie gehören mir, Fräulein Blank! Was von Nachbars Baum in meinem Garten fällt, ist mein (Eigentum! Ich laste Sie nur los, falls Sie versprechen, nicht fortzulaufen? Ich kann jetzt tun, was mir beliebt, Sie behalten, küssen oder essen, verkaufen, einsperren und füttern — ja, das möcht' ich schon —"
Ihr ward unerträglich warm.
„Lassen Sie mich sofort los!"
Es kam ganz ärgerlich heraus.
„Ich bin aber im Recht! Fragen Sie nur die Polizei! Ich kann Ihnen ja auch den Paragraphen gedruckt zeigen!"
„Wenn Sie ein Gentleman sind, so werden-Sie mich loslosten, verstehen Sie!"
Er sah sie strahlend an:
„Auch bei so naher Besichtigung bleiben Sie bie reizenbste Dame in ber ganzen Gegenb, Fräulein Netti! Hab' ich ein Glück! Wären Sie nur vom Zaun gefallen, so hätte ich nichts gesagt — aber vom Baum ..." r. v
„Wenn Sie mit biefen üblen Scherzen fertig sind, so holen Sie die Leiter, damit ich wieder an meine Arbeit komme!"
„Das werde ich schon! Aber zunächst hole ich einmal bas Bürgerliche Gesetzbuch unb sperre Sie inzwischen hier in diesen Schuppen ein ..."
Er fühlte wohl, wie Netti zwischen Zorn unb Neigung kämpfte. Da riß er sie in den Arm unb trug sie in ben Schuppen, ben er rasch von außen verschloß. Als sie, halb lachenb, halb weinend, gegen die Tür schlug, rief er zurück:
„Tut mir leid! Ich komme sofort wieder, hole nur das Buch!"
Netti sah sich um. An ber Wand hing em Schlüssel, es war der zweite von diesem Schuppen, sie konnte also entwischen. Aber sie tat es nicht.
„Das Ungeheuer!" stöhnte Netti — aber um ihren Mund zuckte die Lust an diesem Spiel.
Schon war Bert wieder da.
„Hier ist das Bürgerliche Gesetzbuch, aber auch ohne das könnten Sie mir, als einem Rechtsgelehr. ten, glauben!"
„Freut mich — lasten Sie mich aber nun frei« willig gehen! Sonst brülle ich, bis Mama kommt, und dann fallen Sie mal sehen!"
„Blech, Fräulein Netti! Ihre Frau Mama habe ich ja zur Stadt fahren fehen!" Er griff nach ber Leiter und führte Netti aus bem Schuppen. Noch ehe sie ganz an ihm vorbei konnte, hatte er sie roieber umschlungen:
„Ha, zu spät! Sie hätten ja entkommen können» be,nn ber zweite Schlüssel, hing in bem Schuppen, sahen Sie ben nicht?"
Mit gutgespielter Unschuld schüttelte sie den Kops und mußte ihm, festgehalten, gerade in die Augen sehen.
„Ich finde, Herr Doktor, Sie betragen sich unerhört ..."
„Ach wo, Sie finden es gar nicht. Denken Sie, ich merke es nicht?"
Dann wurde es sttll unter bem Apfelbaum.
*
Nach Aussagen des Gärtners bem Hausmädchen gegenüber darf man annehmen, daß Fräulein Netti die Rechtslage zu Berts Gunsten hat zugeben müssen.
Heiter ist die Kunst.
Theodor Döring, ber als einer der einfalls reichsten Darsteller in der Theatergeschichte fortlebt beherrschte seine Rollen nicht immer sicher. So roai er häufig auf ben Einhelfer angewiesen. Einmal be= fanb er sich auf einer Gastspielreise. In einem Stäbtchen fanb er eine Frau als Einhelferin, mit ber er schon währenb ber Probe nichts anzufangen wußte. Immer roieber blieb er stecken. Döring begehrte sie, wie er gewöhnt fei, zu spielen. Nichts half. „Bei ber Frau bin ich verloren!", seufzte ber große Mime. „Ihr Anblick breht mir bas Herze um — wenn bas Elenb im Kasten sitzt, kann ich nicht spielen! — Schminken Sie sich rote Backen, stecken Sie sich eine Rose ins Haar — bann roirb’s gehen!" Unb so geschah es. Die übrigen' Schauspieler halfen bie Einhelferin schmücken, bevor sie sich in ihren Kasten setzte. Döring hatte am Abend einen Erfolg wie selten. Das Publikum jubelte chm zu. Da ließ er bie Einhelferin während ber Pause zu sich kommen. „Sehen Sie, so ift's gut!", fagte er anerkennend. „Merken Sie sich: Heiter ist die Kunst! Heiter!"


