Ausgabe 
4.4.1938
 
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Nr. 79 Zweites vlatt

Montag,4.ApriU938

Gießener Anzeiger iGenerai-Anzeiger für Oberheffen)

Frei das Volk, stark die Wehr!

Dies schuf der Führer! Bekenne Dich zu ihm am 10. April: Gib ihm Dein Ja!

Harte Männer.

6s wurde ihnen nichts geschenkt. - Neuer Glaube.

Von unserem auf eine Oeutschlandreise entsandten Sonderberichterstatter Heim Otto.

S t. A n t o n am Arlberg, im April 1938.

Es ist ein eigentümliches^ beglückendes Gefühl durch das schöne Land Tirol zu fahren und zu wissen, das ist jetzt deutsches Reichsgebiet. Diese schneebedeckten Berge, diese sauberen Dörfer und Städtchen, die sich zu beiden Seiten des Tales die Berghänge hinaufziehen, das alles ist Deutsch­land.

Es war eine harte Zeit, die dieses Land und seine Menschen hinter sich haben. Es war ein erbitterter Kampf, den die Bevölkerung hier hat führen müssen, ehe der Traum von dem großen Deutschland Wirk­lichkeit wurde. Heute morgen stand ich zusammen mit einem Parteigenossen der Gauleitung Tirol am Fenster seines Dienstzimmers. Er erzählte von den bitteren Jahren, die jetzt soweit zurückliegen, als wären sie im vergangenen Jahrhundert gewesen. Er führte mich zum Fenster und zeigte hinüber zum Landesgefangenenhaus, dessen vergitterte Fenster über eine graue Mauer auf der anderen Straßen­seite sahen.

Dort drüben, hinter dem dritten Fenster in der zweiten Reihe, da habe ich drei und einen halben Monat gesessen, dann schaffte man mich in bas K o n z e n t r a t i o n s - Lager K a i s e r st e i n- b r u ch an der ungarischen Grenze. Dort habe ich zusammen mit mehr als sechshundert meiner Ka­meraden lange Monate gesessen, bis wir in den Hungerstreik traten. Zehn Tage haben wir nichts gegessen, dann hat man uns in ein Spital nach Wien überführt. Es ist uns nichts geschenkt worden."

Keiner von den Parteigenossen, mit denen ich sprach, hatte weniger durchgemacht. Gefängnks und Verfolgung, Hunger und Rot, das war das Zeichen, unter dem der Kampf der letzten Jahre stand. Dann

kam der 12. März, dann kam die Befreiung. Ohne jeden Zwischenfall übernahmen die Nationalsozia­listen die' Macht. Es ist fast unbegreiflich, daß nach alledem, was diese Männer hier durchgemacht haben, der Umschwung so reibungslos vor sich ging. Ein SA.-Führer, mit dem ich durch die Straßen von Jnnbruck ging, diese Straßen einer zu neuem Leben erwachten Stadt, aus die von allen Seiten die schneebedeckten Berggipfel majestätisch herab­schauen, erklärte mir, wie eine so völlig diszipli­nierte Revolution möglich wurde.

Die letzten fünf Jahre der illegalen Partei­arbeit haben ein so ungeheures Maß an Disziplin gefordert, daß es auch jetzt am Ziel nicht schwer war, die Zügel in der Hand zu behalten. Unsere Kameraden sind es gewohnt, den Befehlen blind zu gehorchen. Es gibt keine wilden Aktionen persön­licher Rache. Obwohl manche unserer Gegner, die jetzt frei herumlaufen, ohne daß ihnen ein Haar gekrümmt würde, es wohl verdient hätten, daß wir den Spieß umgedreht hätten, geschah nichts dergleichen. Das Glück, das fehnlichst herbei­gewünschte Ziel endlich erreicht zu haben, hat alle Gefühle persönlicher Rache verschwinden lassen. Wir sind stolz darauf, treue Gefolgsmänner des Führers sein zu dürfen. Unser Führer ist aber zu groß, als daß in feinem Namen Rache geübt werden dürste. Wir sind uns bewußt, daß alles, was wir tun, schließlich im Namen des Führers getan wird."

Mit wem ich auch immer spreche, überall be­gegnet mir die gleiche Einstellung. Niemand denkt mehr daran, was war, alle Gedanken sind auf das gerichtet, was jetzt fein wird. Es sind schon Tage her, daß der Feldmarschall Göring in Wien das Aufbauprogramm für Oester­reich verkündete. Jeder Tiroler Bauer, jeder

Geschäftsmann und Arbeiter ist erfüllt von diesem Ereignis. Man kann sich im Reich jetzt nach fünf­jährigem Aufbau keinen Begriff davon machen, wie ich die Verkündung dieses Arbeitsprogramms hier ausgewirkt hat. In einem Land, in dem Jahre hindurch nur geredet wurde von der Hilfe, die eigentlich nötig sei, und wo bann am Ende jeder dieser Hilfsaktionen nichts übrig blieb als irgendein Skandal und eine bittere Enttäuschung, haben die Worte Hermann Görings Wunder gewirkt. Denn obwohl man bisher immer wieder enttäuscht worden ist, kommt jetzt auch nicht für eine Stunde der Gedanke auf, daß das angekündigte Programm etwa nicht erfüllt werden könnte. Man hat trotz aller Hetze gegen das Dritte Reich in den vergan­genen Jahren sehen können, daß es im national* ozialiftischen Deutschland keine leeren Versprechun­zen gibt, sondern daß den Worten die Tat o l g t.

In St. Anton sitze ich mit drei alten Bauern zusammen beim Tiroler Landwein. Die Köpfe die­ser Männer sind wie aus Holz geschnitzt, hart und kantig. Es ist kein eigentliches Gespräch, das wir miteinander führen. Diese Männer sind das Reden nicht gewöhnt. Sie fragen nur nach den Dingen, die sie am meisten bewegen. Sie wollen wissen, wie der Bauer im Dritten Reich lebt, was mit dem drückenden Zinswucher, dem sie bisher ausge­setzt waren, werden wird, wie es mit dem Vieh- absatz sein wird, wie das mit dem Erbhof- gesetz sei, ob die Bauern, die durch wucherische Forderungen jüdischer Darlehensgeber von Haus und Hof vertrieben wurden, damit rechnen können, ihre Höfer wieder zu bekommen und vieles andere mehr. Es sind ernste Dinge, drückende Fragen, die hier erörtert werden. Aber aus all den Worten klingt immer wieder das bedingungslose Vertrauen zum Führer,der schon alles zur Zufriedenheit regeln wird."

Ein ganz Alter, der oberhalb von St. Anton einen kleinen Hof hat, meint in seinem für uns Nord­deutsche schwer verständlichen Dialekt, man solle ruhig abwarten, der Adolf wird das schon machen. Es wäre solange gegangen, ohne Hoffnung auf ein Besserwerden, da soll man jetzt nicht mit zuviel Fragen kommen, die nachher eine nach der anderen schon in Ordnung gebracht würden.

Der Bauer im Reich, der auf fruchtbarer Erde sein Korn baut, kann sich kaum vorstellen, wie hart die Lebensbedingungen dieser Tiroler Bauern sind. Die gewaltige Landschaft, die Felsenberge mit ihren Schneegipfeln, die steinigen Aecker haben durch Jahrhunderte diese Menschen geformt. Noch heute lebt in ihnen der ©ei ft eines Andreas Hofer, der Geist des freien Mannes, der stolz ist auf fein Deutschtum, der bereit ist, Gut und Blut für fein Land und Volk zu opfern.

Als ich mich von den Alten in St. Anton ver­abschiedete, da drücken mir die schwieligen Fäuste, die sie mir zum Abschied reichen und die meine Hände umschlossen "halten, viel mehr von dem Glück über die Wiedervereinigung ihrer Heimat mit dem großen Reich aus, als viele Worte es je zu sagen vermöchten.Wann wird denn der Führer zu uns kommen, daß wir ihm danken können?"

Wenige Stunden später sitze ich in einem andren Bauerngasthof mit einem Mann zusammen. Es dauert lange, ehe ich mit ihm in ein Gespräch komme. Etwas scheint ihn zu bedrücken. Schließlich löst sich seine Zunge. In unbeholfenen, knappen Worten spricht er von seinem Kummer.Vor einem halben Jahr habe ich meinen Buben davongejagt. Ich wollte nichts zu tun haben mit den National­sozialisten, und der Junge war in der SA. Es ging uns eh' schon schlecht, und ich wollte den Hof nicht verlieren, denn das war so, daß jeder Bauer, der zu den Nationalsozialisten hielt, Furcht haben mußte, am Ende von seinem Hof vertrieben zu werden. Aber nicht nur deswegen. Ich habe damals auch nicht daran geglaubt, und nun ist das alles so anders gekommen, und nun hat der Bub doch recht behalten. Ich weiß

nicht, wie ich meinem Jungen unter die Augen treten soll?"

Es ist still in der kleinen Gaststube geworden. Dom Ofen her knistern die Holzscheite. Wie ein schwerer Eichenklotz sitzt der Bauer mir gegenüber am Tisch. Es war ein erschütterndes Bekenntnis, das er ablegte, und es ist schwer, diesem Manne klarzumachen, daß die Vergangenheit jetzt vergessen sein soll, und daß sein Sohn der erste sein wird, der ihm die Hand zur Versöhnung entgegenstrecken wird.Ich will es glauben, und ich will m11 - helfen und arbeiten, um das wieder gut­zumachen, was ich an meinem Buden gesündigt habe!" Schwerfällig erhebt sich der Mann und geht tumm hinaus. Ich bleibe allein m dem niederen Gastzimmer mit meinen Gedanken. Wie groß ist die nationalsozialistische Idee und ihr Führer, daß sie o harte Menschen, wie diese Tiroler Bauern, um­zuformen vermag.

Kleine politische Nachrichten.

Der Duce hat auf das ihm zu seiner Ernennung zum Ersten Marschall des Imperiums gesandte Telegramm des Führers wie folgt ge­antwortet:Hitler, Berlin. Ich danke Ihnen herzlichst für Ihr Telegramm und die Wünsche, die Sie für das faschistische Italien aussprechcn. Ich sende Ihnen meine freundschaftlichsten Grüße.

Mussolini."

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Der tschechoslowakische Gesandte in Berlin hat im Auswärtigen Amt eine Note überreicht, in der der Beschluß der tschechoslowakischen Regierung mit»

Es ist nicht alles Gold was glänzt^WW^

geteilt wird, ihre diplomatische Vertre­tung in Wien mit dem 2.April 1938 aufzu- lösen. Das tschechoslowakische Generalkonsul lat verbleibt in Wien.

*

Die Frauenführerin des nationalen Spaniens, Fräulein Pilar Primo de Rivera, die mit derCap Arcvna" in Hamburg eingetroffen und von der stellvertretenden Reichsfrauenführerin Frl. Else Paul und vor Frl. von Wedel als Vertreterin der Reichsjugendführung empfangen worden war, reifte nach Berlin weiter, wo sie, einer Einladung der Reichsfrauenführerin Frau Scholtz-Klink fol­gend, das Schulungswesen der Frauen- und Mädel­führerinnen und den Aufbau des BDM. studieren wird.

Der Führer und Reichskanzler hat dem langjährigen Präsidenten des Rechnungshofes des Deutschen Reiches und Chefpräsidenten der Preu­ßischen Oberrechnungskammer, Staatsminister a. D. Dr. med. h. c. Friedrich S/i misch, anläßlich seines Uebertritts in den Ruhestand seinen Dank und seine Anerkennung für die in langjähriger Arbeit dem deutschen Volk geleisteten hervorragenden Dienste ausgesprochen.

Zwischen dem- italienischen Außenminister Graf C i a n o und dem englischen Botschafter Lord Perth hat im Außenministerium am Samstag­nachmittag eine neue Unterredung stattge­funden.

Der Räuber aus der Masserburg.

Von 3R Zacoby.

Um die Jahreswende überschlug der Müller, wie­viel die Karpfen in feinen Teichen in diesem Jahr ihm wohl bringen könnten. Im März hatte er sie ols halb- und dreiviertelpfündige eingesetzt, und nun würden sie etwa drei Pfund im Durchschnitt wiegen. Das würde eine ansehnliche Summe ergeben.

Am nächsten Morgen aber stand der Müller an feinen Teichen und fluchte lästerlich. Ein halbes Dutzend fetter Karpfen lag da in der Nähe des Ufers. Aus dem Rücken waren die besten Stucke herausgerifsen, und dann hatten sich die Krähen darüber hergemacht. Ein Otter, brummte der Mül­ler wütend, und als sich ihm in den nächsten Tagen das gleiche Bild bot, da kannte seine Wut keine Grenzen. Einige Dutzend der besten Karpfen hatte er verloren und kam dach noch glimpflich davon, denn nach einer Wache war der Otter verschwunden, weil ihn die Fährte des Menschen am Ufer gestört hatte.

Lutra, der starke Otterrüde, war über Land ge­gangen zu dem Fluß, der sich wie ein breites Sil­berband durch die Wiesen zog. Dort stieg er ein, jagte einen alten Hecht und die flinke Bachforelle und ließ sich dann stromabwärts bis zu der ein­samen Brücke treiben, an der ein paar alte Weiden standen. Unterhalb der Brücke begann der Bruch- rvald, und diese Gegend suchte Lutra besonders gern auf, denn hier war er ungestört und konnte auch am Tage an Land steigen, ohne befürchten zu müs­sen, von den Hunden des Jagdpächters aufgespurt zu werden. Hier hatte er auch einen Bau, den er schon mehrere Jahre benutzte. Der Eingang lag unterhalb einer der beiden Kopfweiden im Wasser verborgen und führte dann etwa zwei Meter sm^og auswärts in das Ufer hinein, wo der Gang fid) flu einem geräumigen Kessel erweiterte, der mit trocke­nem Gras ausgepolstert war.

Es war Nachmittag geworden, als Lutra in sei­nem Kessel erwachte. Er glitt durch die Rohre ms Wasser und schwamm stromaufwärts. Weiter oben, wo der Fluß den Schmalsee durchfloß, gab es En­ten. Der Otter schwamm am Ufer entlang, tauchte nur dann und wann so weit auf, daß gerade oie Nasenspitze aus dem Wasser ragte, und war wieder verschwunden. Nur eine feine Perlenkette dünner Lustbläschen, die aus feinem Balg aufftieg, bezeich­nete den Weg, den Lutra nahm. Diesen feinen Strich aber sahen die Enten nicht: sie gründelten und schnatterten und schienen sich vollkommen sicher zu fühlen. Lutra hielt über dem überhängenden, verdorrten Schilf an und blickte nach den Enten hinüber, die nur wenige Schwimmstäße von ihm

entfernt waren, ihren Feind aber nicht bemerkten. I Da sah er, wie eine der Enten abermals den Hals ins Wasser senkte und den Schnabel in den moori­gen Grund bohrte. Wie der Blitz schoß Lutra unter Wasser heran, durchbiß der Ente den Hals und zog sie, die mit den Flügeln verzweifelt um sich schlug, in die Tiefe. Erschrocken stoben die Enten ausein­ander, während der Otter ein Stück abwärts schwamm und dann am Lande die Beute verzehrte.

Der Frost hatte dem schnell fließenden Wasser bisher noch nichts anzuhaben vermocht, während alle Seen in der Umgegend schon mit einer starken Eisdecke überzogen waren und das Land eine weiße Schneedecke trug. Nachts hörte man am Ufer das leise Kichern des Otters, der sich behaglich von den Wellen treiben ließ oder am Ufer spielte. In solchen Nächten wanderte Lutra auch gelegentlich über Land zu den Seen, in deren Eisdecke die Fischer Löcher geschlagen hatten, um die Fische vor dem Ersticken zu bewahren. Diese Löcher suchte er auf, jagte schlangengleich durch das Wasser, fing den gestreif­ten Barsch und fette Brachsen, den glatten Aal und den Zander, tauchte aus dem nächsten Eisloch wie­der auf und glitt auf der Eisfläche dähin, um bei einem anderen Eisloch wieder einzusteigen.

Dreimal war schon das Gelächter des Waldkauzes durch den Tannenwald geklungen, als der Otter in seinem Kessel erwachte. Durch die Röhre fuhr er ins Wasser und tauchte auf. Ein gellendes Girrrk klang über die Wasserfläche hin und zeigte an, daß Lutra Hunger hatte. Er tauchte und erwischte eine Wasser­ratte als sie gerade ihren Bau am Ufer verließ. Dann stieß der Otter aus. Hell schien der Mond auf die weiße Schneedecke, daß sie glitzerte und funkelte. Da stutzte er. Ein helles Pfeifen ließ ihn aufhorchen. Wieder pfiff es und nochmals horte er den wohlklingenden Laut, der sein Blut in Erregung versetzte. Lutra fuhr ins Wasser und schwamm dem Bruchwald zu und ließ nun selbst ein helles Pfeifen ertönen bis vom anderen Ufer Antwort kam. Es war die Fähe, mit der Lutra schon im vergangenen Februar sich im Liebesspiel gejagt hatte. Nacht für Nacht waren nun die beiden Ottern zusammen, jagten und spielten, bis schließlich die Fähe ßutras überdrüssig ward und verschwand. Da kehrte auch der Otterrüde nach seiner Wasserburg zuruck.

Langsam wurden die Tage wieder langer, die Sonne schien wärmer, und Lutra brachte oft ganze Stunden im Bruchwald zu, wälzte sich in wohligem Behagen auf den jungen Grasflachen, spielte mit einem Hasenlauf, den der Fuchs dort im Winter hatte liegen lassen, und besuchte gelegentlich auch wieder die Karpfenteiche des Müllers. Um diese Jahreszeit war ihm der Tisch Überreich gedeckt. Wo er jetzt auftauchte, verbreitete er unter dem Wasser­geflügel Angst und Schrecken. Der Fischereipächter schwor ihm Rache, aber Lutra war auf der Hut.

Alle Hinterhalte an seinem Aus- und Einstieg, mochten sie noch so verwittert sein, umging er sorg­fältig. Eines Tages aber war er verschwunden.

Der Fischereipachter und auch der Müller atme­ten auf. Aber der Fischer merkte bald, daß es noch andere Fischdiebe gab. In einer von Wasserpest und Froschlöffel verfilzten Bucht des Schamlsees fand er eine Reuse, die einer gelegt, der dort nichts zu suchen hatte, und als- er sie hob, da entdeckte er zu seiner größten Ueberraschung im Reusensack einen toten Otter. Es war Lutra. Er hatte einen Karpfen verfolgt und war dabei in den Reusensack geraten, aus dem er sich nicht wieder hatte befreien können. So war Lutra erstickt.

Als es aber Winter wurde und der Müller um die Jahreswende wieder den Gewinn aus seinen Karpfen überschlug, da fand er eines Morgens wieder die Trittsiegel eines alten Otters und meh- rerere junger am Ufer feiner Teiche, und Reste fei­ner besten Karpfen zeigten an, daß das Geschlecht der Otter mit Lutra noch nicht ausgestorben war. Es war die Fähe mit ihren und ßutras Kindern, die hier gefischt hatten, und wenn es auch dem Mül­ler in den folgenden Nächten gelang, einen der jungen Ottern zu fangen, so hat er doch noch man­chen Karpfen den Wassermardern lassen müssen, bis sie wieder zum Fluß wanderten und ein Sohn ßutras die Wasserburg bezog, die solange von seinem Vater bewohnt worden war.

Oie halbe Flasche.

Bismarck, für dessen Kunst, feine Gegenspieler diplomatisch matt zu setzen, berühmt war, erlog doch auch einmal einer ßist, die feine Familie gegen ihn anwandte. In feinem Alter nämlich hatte der Arzt ihm zu feiner Stärkung täglich ein Glas Sekt ver­ordnet. Um dieser Verordnung Nachkommen zu kön­nen, schaffte Bismarck sich einen Vorrat von Halden Flaschen Sekt an. Am ersten Tage trank er die Hälfte einer Flasche und wollte die zweite Hälfte davon für den nächsten Tag aufheben. Vergeblich versuchten die Seinen ihm klar zu machen, daß sich Sekt nicht unbeschadet aufheben ließe, und daß er sich schon jeden Tag eine neue Flasche leisten müsse. Der alte Herr beharrte darauf, am zweiten Tag den Rest der angebrauchten Flasche auszutrinken, und er triumphierte, als dieser Rest genau so frisch schmeckte, als sei die Flasche eben erst auf­gemacht. Das war sie aber tatsächlich. Heimlich hatte man ihm eine frische Flasche hingestellt, von der die Hälfte schon abgegossen war. So ging es einen Tag um den anderen: Bismarck triumphierte, daß er seinen Willen durchgesetzt hatte und feine Familie triumphierte heimlich über die gelungene List.

Prinz Eugen als Bücherfreund.

Prinz Eugen von Savoyen, der geniale Feldherr, wird durch den Abdruck eines alten Berichts 'M Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" von einer Seite gekennzeichnet, von der man ihn kaum kennt: als der feine Kulturmensch, dessen ßeiden- schaft die Bücher waren. Im Jahre 1740 erschien ein BuchNeueste Reisen durch Teutschland, Böh­men, Ungarn, die Schweiz, Italien und ßothringen" von dem vielgewanderten I. G. Keyßler, und dieser widmet bei feiner Beschreibung Wiens dem Palast des Prinzen Eugen eine ausführliche Schilderung, in der ein interessanter Abschnitt der Bibliothek ge­widmet ist:Die allhier befindliche Bibliothek ist sehr kostbar. Es ist bekannt, was für große Sum­men Geldes der Prinz auf rare Bücher gewandt und wie öfters kleine Duodezschriften von ihm mit dreyßig, vierzig und mehr Dukaten sind bezahlet worden, die vermutlich nebst anderen Curiositäten, welche dieser Herr von langen Jahren her sammlet, in einem besonderen Orte aufgehoben werden. Dis meisten Bücher, woraus die itztgedachte Staats­bibliothek besteht, sind Folianten, und hat man in der ganzen Sammlung vierzehntausend Volumina, die mit ihren roth-safian- oder französischen Bänden gut in die Augen fallen. Eine sonderbare Zierde gibt ihr die Sammlung von solchen Kupferstichen, welche Portraite berühmter Kriegshelden, Poten­taten, Damen, Gelehrten usw. vorstellen und in Portefeuilles ober Kästchen, die als große, in rothen Saffian gebundene Folianten mit vergolde­tem Rücken und Titeln anzusehen sind, verwahret liegen. Ihre Anzahl nimmt täglich zu und sind wirklich schon von Frankreich achtundvierzig, von Teutschland einundsechzig, von vereinigten Nieder­landen zehne, von spanischen Niederlanden neune, von ßothringen zwey, von Groß-Brittanien drey- zehn etc. und insbesondere von geistlichen Orden dreyzehn Volumina vorhanden ..."

Bei dem Bücherschatz des großen Soldaten han­delte es sich nicht etwa nur um eine Art Schau- und Prunkbibliothek, wie aus folgenden Worten Keyßlers hervorgeht:Er liest gern: und als im Jahre 1719 die spanische Partey am kaiserlichen Hofe Oberhand gewann, auch verschiedene Dinge vorfielen, die dem Prinzen so empfindlich waren, daß er auf eine Niederlegung aller seiner Bedie­nungen bedacht war, sagte er unter anderem zu einem auswärtigen Minister, dem er sich in diesem Stücke vertraute: ,Jch kann mit zehntausend-Gulden jährlicher Einkünfte ruhig und ohne Verdruß leben. Ich bin auch mit einem solchen Vorrathe von* chern versehen, daß mir die Zeit nicht lang' roer* den kann?