Ausgabe 
3.9.1938
 
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Hr.206 viertes Blaff/

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Z./4. September (YZ8

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Vorbildliche LehnverkWle HeWgenstaedt

wöchentlich zweimal immer wieder in der Lehr-

Lehrling und Ingenieur mit aller Anteilhaftigkeit bei der Arbeit.

gebracht und räumlich

in

Ein freundlich-heller Saal ist für den theoretischen Unterricht hergerichtet.

müssen lernen, auch mit Zirkel und Lineal umzugehen.

Die Arbeit macht Spaß. Die Lehrlinge sind mit aller Aufmerksamkeit dabei.

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brin- Flä- eine

Nute alles

Technisches Zeichnen, ein Teilgebiet der Ausbildung.

Wenn man einmal, so wie wir für besonderen Zweck, Gelegenheit hat, der Werkzeugmaschinenfabrik am Aulweg einen Besuch abzustatten wenn man den kleinen Vorgarten durchschritten, sich beim Pfört­ner gemeldetchat und dann gleich eine der großen Hallen betritt, dann überfällt den Besucher sofort eine Fülle von Eindrücken. Das Ohr ist eingenommen von den mannigfachen Geräuschen, die die Halle er­füllen; das Auge schweift rasch durch den weiten Raum, der durch die großen Fenster in der Decke und in den Seitenwänden der Halle von gleichmäßigem Licht erfüllt ist, und versucht zu unterscheiden. Es fällt schwer! Hier sind Maschinen in der Montage begriffen, dort liegen blitzende Einzelteile, Scheiben, Räder usw., und daneben wieder Maschinenteile, von

feinem grauen Lack überzogen, die darauf zu warten scheinen, mit vielen anderen Teilen zur Drehbank, zur Fräs- oder zur Bohrmaschine aufgebaut zu werden.

Und überall dabei der Mann, der Arbeiter, der Werkzeugschlosser, der Techniker, Meister oder Ge­hilfe der Facharbeiter! Jener Facharbeiter, der in der Lage ist, nach einer gegebenen Zeichnung selbständig arbeiten zu können, der mit äußerster Sorgfalt seine Arbeit mit scharfer Reißnadel auf dem Werkstück anreifet, die Bearbeitungsmaschinen be­dient, die Arbeit der Maschinen verfolgt, mit spe­ziellen Geräten nachmißt, prüft immer wieder prüft! Bis alles auf den Zehntelmillimeter oder gar auf den Hundertftelmillimeter stimmt! Wo es um solche Präzisionsarbeit geht, kann sie nur der Fach­arbeiter leisten! In der Werkzeugmaschinenfabrik Heyligenstaedt stehen ihrer viele an den Werkbänken und an den Maschinen; mancher ältere Mann ist unter ihnen, dem die Erfahrung, die Sorgfalt und die Liebe zu seiner Arbeit aus dem Gesicht sieht. Mancher trägt das Gesicht jenes deutschen Arbeiters, der durch die Hingabe an seine Arbeit Teil hat an dem guten Ruf, den deutsche Arbeit in der Welt genießt. ______________________

Aber das Werk braucht auch den Fach­arbeiter-Nachwuchs! Um nun die Frage nach dem Nachwuchs nicht Problem fein zu lassen, fjat sich das Werk entschlossen, eine Lehrwerkstätte zu schaffen, für deren, Einrichtung und Unterhaltung keine kleinliche Rechnung ausgemacht wurde. Seitdem April d I. ist die Lehrwerkstätte in Betrieb I Sie dient ausschließlich der Erziehung junger Menschen ,3um Facharbeiter. Nicht allein Wirtschaftlichkeit, son­dern sorgfältige pädagogische Maßnahmen und syste­matisch aufgebaute fachliche Ausbildung bestimmen die Arbeit in dieser Lehrwerkstätte. Die Leitung liegt in Händen von Ingenieur W i e s l e i t n e r , der be­müht ist, nicht nur Lehrmeister, sondern auch Kame­rad und Helfer zu fein.

Hochinteressant vom Leiter des Werks, wie auch vom Ausbildungsleiter zu hören, wie der Erziehungs­gang der Lehrlinge in dieser Werkstatt gedacht und verwirklicht wird

Vier Jahre muß der Lehrling lernen, wenn er Facharbeiter werden will. Der Ausbildungsleiter nimmt sich zunächst jeden Jungen vor, sieht in seine Schulzeugnisse, prüft selbst, ob der Knabe die vier Grundrechnungsarten, Bruchrechnung usw. tatsächlich beherrscht, er prüft Auffassungsgabe für seinen Beruf, Ordnungssinn, läßt den Arzt mitreden, und dann gibt es erst noch einige Wochen Probezeit! Wer dann zu leicht befunden wird, wird zu seinem eigenen Vor­teil aus der Lehrwerkstätte ausgeschieden. (In einem anderen Beruf ist der Junge vielleicht ausgezeichnet tauglich!) Diejengen aber, die geeignet befunden wer­den, die erhoffen lassen, daß sie ihren Mann im Fach stellen können, erfahren nun eine Ausbildung, die man jedem jungen Menschen zu seinem Berus wün­schen möchte.

Zwei Jähre bleiben die Knaben gegenwärtig etwa 25 an der Zahl ausschließlich innerhalb der großen Lehrwerkstatt, die im Hauptbau unter-

werkstätte beschäftigt.

Und dann kommt etwas ganz Wesentliches hin­zu' Jede Leistung wird exakt bewertet und in Noten festgehalten. Exaktheit, Sauberkeit der Ausführung, Zeitdauer (dabei wird selbstverständlich nicht ge­drängelt) festgestellt and das alles in einem Lei- stungsblatt niedergelegt. Jedes bearbeitete Stück wird nach Ebenheit, Äinklichkeit, Maßhaltigkeit und

ober dieser Zapfen aussehen müßte. Jeder hat Ge­legenheit zu beweisen, ob er mit dem Kopf bei seiner Arbeit ist!

Der Ausbildungsleiter ist immer inmitten der Lehrlinge Er erklärt einmal, ein zweitesmal, viel­leicht auch ein drittesmal, er hilft, fördert, aber von einem gewissen Zeitpunkt ab hat der Junge Selbständigkeit zu beweisen. Selbstverständlich, daß der ausbildende Ingenieur ein Auge darauf hat, ob

prüfen, sind vorhanden.

Und eins ist wichtig: möglichst jedes Stück, das aus der Lehrwerkstätte herauskammt, soll, nachdem es kontrolliert ist, im eigenen Betrieb des Werks gebraucht werden können. Meist kann es auch ver­wandt werden! Das erst gibt der Arbeit des Lehr­lings tieferen Sinn! Er soll, wenn er durch die Hallen geht, sich und anderen sagen können:,Dies Teil an jener Drehbank habe ich als Stift im ersten Lehrjahr gemacht!" Deshalb werden die Aufgaben .unmittelbar aus Erfordernissen des Betriebes ge-

Es ist ein Vergnügen, die Lehrlinge bei ihrer Arbeit am Schraubstock, an der Drehbank, an der Fräs- oder Bohrmaschine zu beobachten. Ganz an­gelegentlich sind sie bei ihrer Arbeit, feilen, messen, drehen, messen wieder. Bald setzen sie wie die Alten" den Winkel oder das Mikrometer, die Lehre an! Dabei bleibt die Arbeit nicht einseitig. Durch Führungen, Vorträge und durch praktische Vorfüh­rungen lernen die Knaben auch Nachbargebiete ihrer eigenen Arbeit kennen, wie z. B. die Modellfchrei- nerei, die Gießerei usw. Breiten Raum nimmt Ma­terialkunde ein. Zwei Jahre lang erfahren sie so eine Grundausbildung. Dann erst kommen sie in den Betrieb an verschiedene Plätze, werden aber

in den Winkel zu' gen, Kanten und chen, später auch schräge Fläche, eine zu feilen und dabei

so, daß es auf Bruchteile eines Millimeters stimmt. Alle Hilfsmittel, die Ar­beit der Hand zu über«

der Junge überhaupt be­griffen, hat, um was es geht!

Unter gleichen grund­sätzlichen Gesichtspunkten steht die praktische Arbeit. Da wird nichts verlangt, was der Junge, der nun als befähigt in die Werk­statt aufgenommen wurde, nicht leisten könnte. Er wird vor keine Arbeit gestellt, die seine Kräfte übersteigen, ihn der Ver­zweiflung anheimgeben oder des Selbstvertrauens berauben könnte. Da gilt es zunächst von einem langen O-Eifen ein Stück abzufchneiden, es genau

sich geschlossen ist. Da ist ein freundlich-heller Raum geschaffen worden, der ausschließlich dem theore­tischen Unterricht vorbe­halten ist. Da wird ge­schrieben, gerechnet, g e - zeichnet (Zeichnen wird hier groß geschrieben!), da werden an der Tafel geometrische Figuren, ein­fache Maschinenteile ver­anschaulicht, da hat man­cher Junge selbst einmal die Kreide, die Reiß­schiene, den Zirkel in die Hand zu nehmen und an der Tafel zu zeigen, wie er sich denkt, daß dieses ober jenes Teil eines Rades, der Zahn auf einem Zahnkranz, der Bolzen in einer Platte, auf einer Achse, jene Nute

seinen Quersummen Monat um Monat erkennen, ob und welche Fortschritte der Lehrling gemacht hat. Gleichbleibende Leistung ober Fortschritt werden aber auch noch in einfacher Form eines Diagramms auf einem weiteren Blatt festgehalten, bas ber Lehr­ling auf feinem Arbeitsplatz immer vor sich hat. So kann jeber von jebem wissen, wie es um ben ein­zelnen steht. Das bebeutet immerwährenden An­sporn. Eine große Rolle spielen auch das Betragen und die Ordnungsliebe. In einem besonderen Werk­stattheft hat der Lehrling eigene Aufzeichnungen über seine Tätigkeit zu machen. Auch diese Werk- statthefte sind ein Spiegel der werdenden Persön­lichkeit.

Aber auch dabei läßt man es nicht bewenden! Auch der Gesundheitszustand, Maße, Gewicht, Aus­sehen, sportliche Leistung im 100-Meter-Lauf, 1000- Meter-Lauf, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung usw. (beim täglich einstündigen Frühsport) werden beobachtet und schriftlich festgehalten. Und wenn dem Ausbildungsleiter einmal der eine oder andere Junge gar nicht gefällt, dann wird zu Haufe nach­gefragt werden, Vater oder Mutter zu einer Rück­sprache gebeten, geholfen und geraten, wo es nottut.

Wenn bann vier Jahre um sind, wenn ber Lehr-

bie Rechnung richtig angepackt, bie Zeichnung sau-1 Sauberkeit überprüft. Dieses Leistungsblatt läfet in ber ausgeführt wird, ob

Kannst du zurück, Dore?

Roman von Hedda Lindner.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.

5. Fortsetzung (Nachdruck verboten!)

Was hatte Gerald ihr zu schreiben, sie legte den Brief vor sich auf die Bettdecke, ihr Herz klopfte in wilden, flatternden Schlägen. Vielleicht kann er erst später zum Kaffee kommen, dachte sie und wußte im gleichen Augenblick, daß es Unsinn war, deswegen schreibt er nicht.

Dore!" Diese großen schwarzen Buchstaben schie­nen mit einem Male lebendig geworden und liefen durcheinander wie Ameisen. Sie ergriff den Bries mit einem heftigen Ruck, riß den Umschlag auf und las.

Dann liefe sie sich langsam in die Kissen zurück- sinken und machte die Augen zu. Sie träumte noch, natürlich träumte sie noch, aber es war ein schlechter Traum, und darum mußte sie ganz rasch aufwachen. Man konnte sich zwingen aufzuwachen, gewiß, bas konnte man. Und sie würde sich zwingen!

Sie sprang aus dem Bett, lief auf nackten Füßen zum Fenster und riß den Vorhang auf. Nun flutete die Sonne ungehemmt in breiter Bahn hinein, gegen­über erglänzte das makellose Weiß der Gipfel, weiter unten schimmerte bläulich der Gletscher, ber Gletscher, zu bem sie mit Geralb ...

Mit einer mutlosen Bewegung roanbte sie sich ab unb ging wieder auf ihr Bett zu. Der Brief war bei dem hastigen Aufspringen zu Boden geglitten, sie hob ihn auf und hielt ihn in der Hand. Es wurde nicht anders: dieser Brief war ein Abschied Besser, wenn ich ohne Abschied gehe"um so leichter zurück in dein Leben"Vergiß und habe Dank, Dore!"

Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen, formten ich zu ben seltsamsten Gebilden, aber wenn sie ich zwang, richtig hinzusehen, würben immer bie- eiben unbarmherzigen Worte baraus.

Mit langsam automatischen Bewegungen kleibete sie sich an unb verließ bas Hotel burch eine Seiten- tür. Nur erst mal hier fort, nur erst mal mit sich allein sein, aber wohin? Sie sah sich um mit einem so verstörten, geiftesabroefenben Blick, daß ein paar Vorübergehende sie erstaunt musterten

bort hinten ragte ber kleine Kirchturm auf, unb nUSr.ro m e wohin sie gehen konnte.

Y\r Gehen würbe fast ein Laufen, bis sie den Friedhof erreicht hatte; dort mäßigte sie ihre Schritte, ging aber unbeirrt weiter, bis sie in ben vorbersten fr yIan9te- Sie sah sich forschenb um, hier würbe |o leicht niemand kommen, dann kauerte sie sich auf bie (rinfaffung eines Hügels, legte die Arme auf die hochgezogenen Knie unb ben Kops darauf. So saß sie regungslos, genau so starr und unbeweglich wie ber steinerne Engel, ber gegenüber Wacht hielt.

Allmählich lichtete sich bas Chaos ihrer Gedanken. Es war genau wie nach einem schweren Sturz ober Schlag, wenn bie Betäubung langsam weicht. 'Sie versuchte jetzt ganz vernünftig, sich über bie Lage klar zu werben.

Was war eigentlich geschehen?! Ein Mann, mit bem sie vierzehn Tage zusammenbleiben wollte, war nach ber wievielte Tag war benn über­haupt ber zwölfte schon nicht möglich! Sie rechnete nochmals es stimmte. Drei Tage später wäre ohnehin alles vorbei gewesen. Cs hanbelte sich also nur um brei Tage brei Tage waren boch kein Grunb, bie ganze Welt Zusammenstürzen zu lassey. Ober war sie tatsächlich so töricht gewesen, sich einzubilden, es würbe auch nach biesen vierzehn Tagen auf irgendeine Weise weitergehen? Hatte ihr der Mann den leisesten Grund zu dieser alber­nen Hoffnung gegeben? Nein, bas hatte er nicht, ehrlich mußte sie sein, so bitter biefes Eingeständnis auch war.

Er war ritterlich und aufmerksam gewesen unb manchmal leibenschaftlich, wenn er bie Frau in ihr suchte, aber Herz, Herz hatte sie nie gespürt.

Bis auf gestern! Nun wußte sie, was sie an biesem Kuß so seltsam berührt unb verwirrt hatte: es war ein Abschieb gewesen, unb >n biesem Ab- schieb hatte etwas anberes gelegen als in feinen sonstigen Liebkosungen.

Und nun war er fort, und sie hatte sich bannt adzufinden. Eigentlich war es sogar rücksichtsvoll von ihm, baß er ihr den Abschied erspart hatte, sie hätte sich vielleicht verraten, unb bas wäre pein­lich gewesen für beide Teile. Sv erfuhr er nie, daß sie unter der Trennung litt, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Einmal schon hatte sie dieses Gefühl gehabt, diesen zerrenden, bohrenden Schmerz damals, als der Sarg mit ihrem Manne lang­sam in die Tiefe ging, und sie wußte: nun ist

er fort, unwiederbringlich, unwiderruflich, fort aus meinem Leben. Aber das war ihr Mann gewesen, den sie länger als ein Jahr gekannt hatte, während Gerald ...

Heute vor vierzehn Tagen um diese Zeit hatte sie noch nicht gewußt, daß es überhaupt einen Gerald Hilger auf der Welt gab.

Sie hob den Kopf und seufzte tief auf. Ihre Augen brannten, aber sie konnte nicht weinen. Warum auch es war ja nichts geschehen. Sie hatte vierzehn Tage ihres Lebens einem fremden Monn geschenkt, dieser Mann hatte ihr' großmütig drei Tage davon wieder zurückgegeben, und nun kehrte sie nach Hause zurück, womit die Sache erledigt war.

Schluß! Aus!

Sie stand auf, schwerfällig, mit steifgeworbenen Gliebern, warf noch einen langen Blick auf bie Berge ringsum unb wandte sich zum Gehen. Hier bleiben, hier am selben Ort, das konnte sie nicht, nicht einen Tag hielt sie das aus. Unb ba sie andererseits auch nicht eher nach Hause kommen wollte, als einmal besprochen war schon um allen unnützen Fragen zu entgehen, mußte sie die paar Tage wohl ober übel noch irgenbmo ver­bringen. Sie überlegte, währenb sie langsam bem Hotel zu schritt am besten wäre eine Stadt, in ber keine Alpenwiese, kein blauleuchtenber Gletscher an biete Tage erinnerte, bie sie vergessen mußte. Bern schieb aus, sie spürte sofort bas schmerz­hafte Stechen in ber Brust, wenn sie baran dachte, daß sie sich dort mit Gerald getroffen hatte, blieb Basel ober Zürich. Beibes lag an ihrem Wege.

Im Hotel suchte sie sofort bas Büro auf.Ich möchte auch abreisen."

Ihre Pension ist bis Samstag bezahlt", sagte bie Besitzerin, bie selbst anwesenb war, höflich.

Wie aufmerksam von ihm, baran zu benken. Dore wußte nicht, wie bitter ihr Lächeln war. Trotzbem ich möchte fort", sagte sie leise.

Dir Wirtin sah sie an. Sie war selbst eine Frau unb fanb halb bie Verbindung zwischen der plötz­lichen Abreise des Herrn und' dem blassen Gesicht vor ihr.Dann zahle ich Ihnen einen Anteil für bie Verpflegung zurück", sagte sie entgegenfommenb.

Gleich nach zwei geht ein Zug nach Interlaken mit Anschluß nach Bern, wollen Sie mit dem fahren?"

Ja, danke, den mochte ich nehmen", sagte Dore und ging, um ihre Sachen zu packen.

Man geht durch eine fremde Stadt, durch Stra­ßen, die man nicht kennt, ebensowenig wie die Namen an Läden und Türschildern. Man schaut von außen in Cafes und Lokale, sieht fremde Menschen, die lachen, essen, plaudern, unb hat ein wunder­liches Empfinben ber Unwirklichkeit dabei. So als wenn man im Kino sitzt und einen Film ansieht, der nyr den Verstand fesselt, bem man folgt ohne irrere Anteilnahme.

So erging es Dore in Zürich. Die Stadt gefiel ihr, sie lief von morgens bis abends herum, um sich abzulenken unb sich mübe zu machen. Es gab unendlich vieles, was ihre Aufmerksamkeit fesselte, aber nicht einen Augenblick verlor sie bas seltsame Gefühl völliger Vereinsamung. Es- war, als sei sie hinter einer gläsernen Wanb, bie ihr zwar erlaubte, die Menschen unb Dinge um sich herum zu sehen, aber gleichzeitig jede-Fühlungnahme mit der Um­welt verbot.

Aber sie schlief nicht fest, bleischwer und traumlos. Unb bas war gut so. Vor ben Nächten hatte sie sich am meisten gefürchtet.

Dann waren auch biefe Tage vorbei, und sie konnte abreisen zurückkehren in das gewohnte Dasein.

*

Grünhagen war eine ruhige Mittelstabt. Sie hatte nur wenig Jnbustrie, unb ihre lanbschaftlich schöne Lage machte sie zum bevorzugten Aufenthaltsort'- älterer Leute, bie bort beschaulich ihren Lebensabend verbringen wollten. Ihr Ruf als Penfionopolis war weit verbreitet.

Es lebte sich wirklich nett hier, besonders wenn man sich im Laufe der Jahrzehnte eine so an- gesehene Stellung geschaffen hatte wie der Ober­studienrat Dr. Bertram, Ordinarius ber Obersekunba bes Realgymnasiums.

Bertram war ein mittelgroßer, sehr beweglicher Mann, trotz seiner sechzig Jahre unb trotz recht an­sehnlicher Runbung, die er von Zeit zu Zeit mit heftigen, Gymnastikübungen bekämpfte. Er würbe von seinen Sekunbanern Cato genannt. Warum wußte keiner. Jrgenbwie zu irgenbeiner Zeit war dieser Name aufgetaucht unb würbe nun von allen folgenben Generationen gewissenhaft übernommen. Seine Hauptunterrichtsfächer waren Deutsch, Ge­schichte jmb Englisch; er verstand es ausgezeichnet^ seinen Schülern den Lehrstoff nahezubringen, und war allgemein beliebt. (Fortsetzung folgt.) ,