Nr. 282 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Hreitag, 2. Dezember (938
Höchstleistung.
Von Dr. Erich Schmidt.
Wenn der Deutsche ins Ausland kommt, wundert er sich meist über das andere Arbeitstempo, das bei den übrigen Völkern vielfach zu Hause ist. Das ist schon immer so gewesen. Wir kennen auch den Grund. Deutschland ist nicht überreich mit Naturgütern gesegnet. In weiten deutschen Landstrichen mußte seit Jahrhunderten der Lauer sich im Schweiße seines Angesichtes schwer plagen, um dem mageren Loden eine Ernte ab- ringen zu können. Was wir als Nation besitzen, die Fruchtbarkeit unserer Aecker, die Schönheit der deutschen Städte, die Vorbildlichkeit unserer Straßen, den hohen Stand der deutschen Kultur und Lebensführung, alles das ist das Werk des Fleißes unserer Arbeit.
In dieser Schule ist der Deutsche seit Generationen herangewachsen, und wird er auch zukünftig heranwachsen. Wir wissen ganz 'genau, daß nur der Höch st e Stand der deutschen Ar- beitsleistung — im wörtlichen Sinne und auf allen Gebieten des Lebens — uns die führende Stellung unter den Völkern der Welt zu erhalten vermag, die uns zukommt. Würde die deutsche Nation jemals hierin nachlassen, so müßten die Folgen außerordentlich rasch eintreten. Sehr bald müßte sich dann zeigen, was es bedeutet, daß so viele der übrigen Völker auf günstigeren natürlichen Lebens- bedinaungen aufbauen, also vor uns einen gewaltigen Vorsprung haben an der Weite ihres Raumes, an den natürlichen Schätzen ihres Landes. Für uns Deutsche kann deshalb die Schlußfolgerung nur immer darin bestehen, daß H o ch st l e i st u n g in den deutschen Landen erforderlich ist.
Wie diese Höchstleistung erreichen? Ihre wichtigste Voraussetzung ist erst durch den Nationalsozialismus wieder geschaffen worden. Sie heißt: Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Solange Millionen Hände zur unfreiwilligen Untätigkeit verdammt waren, konnten wir als Nation'ja gar nicht die Höchstleistung vollbringen, zu der wir fähig sind. Erst durch die Verwirklichung des Rechtes auf Arbeit ist die Grundvoraussetzung für eine Erfüllung des deutschen Gesetzes der Höchstleistung gegeben.
Auf Lieser Grundvoraussetzung muß weiter auf- gebaut werden. Die Betätigung jeder Arbeitskraft sichert eine allgemeine Teilnahme aller Volksgenossen an der Gesamtleistung der Nation, aber an sich noch nicht unbedingt die Höchstleistung. Denn jetzt muß weiterhin jede einzelne Arbeitskraft an den richtigen Platz gestellt werden, wo sie das Höchstmaß an Leistung zu vollbringen vermag, und es muß jede Arbeitskraft durch dauernde Schulung zur Höch ft en Form befähigt werden. Sehr treffend sagte kürzlich Reichsorganisationsleiter Dr. Ley auf der Kundgebung des Reichsc-usschufses für den Berufswettkampf aller schaffenden Deutschen, daß niemand zum Lernen zu alt ist. Jeder, der in der Wirtschaft an irgendeinem Platze steht, muß das Streben haben, darüber nachzusinnen, wie eine noch höhere Leistung seiner Arbeit erzielt werden kann.
Bei cer gegenwärtigen Erörterung der Leistungsfrage stctzt die Lehrlingsausbildung besonders' im Vordergrund. Das ist natürlich. Der Lehrling von heute ist der Geselle von morgen und, falls er den Durchschnitt überragt, später der Meister. Was er in der Lehrzeit sich an Kenntnissen und Fähigkeiten aneignet, bildet die Grundlage für sein gesamtes späteres Arbeitsleben. Es ist entscheidend für die Leistung eines ganzen Lebens und, auf die Allgemeinheit einer Lehrlingsgeneration übertragen, für die Leistung des Volksganzen in Jahrzehnten. -Wer diö Lehrlingsfrage leicht nehmen würde, wer der Auffassung wäre, daß wir bei der Lehrlingsausbildung Experimente von fragwürdigem Ausgang leisten könnten, der würde sich an der zukünftigen Leistungsfähigkeit des deutschen Volks versündigen.
Auch die Lehrlingsfrage kann naturgemäß nicht allein für sich gesehen werden. Ihre Beurteilung lnuß ebenso wie die aller anderen Fragen der Nation vom Blickpunkt der Erfordernisse für die Volksgesamtheit aus erfolgen. Wer dies aber im gegenwärtigen Zeitpunkt tut, der darf unmöglich die Tatsache übersehen, daß ein möglichst baldiger Ausgleich des Facharbeitermangels ein dringendes Erfordernis ist, um die so entscheidungsool- len Aufgaben der Gegenwart meistern zu können.
Um hier zu dem richtigen Bild zu gelangen, muß zunächst die Beurteilung der Lehrlingsfrage an sich untersucht werden. Wenn auch die gewaltigen Anstrengungen der Industrie auf zahlenmäßige Erhöhung ihrer Ausbildungsziffern und auf fachliche Vertiefung der Ausbildung selbst keineswegs verkleinert werden soll, so wißen wir doch, daß das Schwergewicht der gewerblichen Lehrlingsausbildung beim Handwerk liegt. Für das Handwerk hat im November 1936 der Generalsekretär des Reichsstandes Dr. Schüler grundlegende Ausführungen über die Lehrlingsfrage gemacht. Dr. Schüler ging davon aus, daß um die Jahrhundertwende die Lehrzeit im Handwerk 3 bis 4 Jahre betragen habe. Bei gleicher Lehrzeit wie um 1900, erklärte der Generalsekretär des Reichsstandes dann, gehen von der praktischen Ausbildungszeit folgende Zeitspannen ab: 1. Herabsetzung Der täglichen Arbeitszeit von 10 auf 8 Stunden; 2. in der Regel 1 Tag je Woche für Besuch der Berufsschule; 3. jährlicher Urlaub von 2 bis 3 Wochen; 4. Inanspruchnahme ür körperliche und staatspolitische Ausbildung. Durch alle diese Einflüsse zusammen, deren Berechtigung außer jedem Zweifel steht, wird gegenüber früher die zur Verfügung stehende praktische Arbeitszeit um etwa ein Drittel vermindert.
Ohne Zweifel ist es gelungen, diese Verminderung der für die praktische Ausbildung zur Verfügung stehenden Zeit durch Verbesserung der Ausbildungs
methoden auszugleichen. Ja man kann betonen, daß — so widersprechend es vielleicht auf den ersten Augenblick zu sein scheint — gerade die Verminderung der Ausbildungszeit die Verbesserung der Ausbildungsmethoden in vielen Punkten überhaupt erst ermöglichte. Dies ist ganz ohne Zweifel bei der Gewährung genügender Frei- und Urlaubszeit für den Lehrling der Fall und ebenso bei dem Besuch der Berufsschule. Denn übermüdete Jungen sind niemals hundertprozentig aufnahmefähig, und die praktische Ausbildung bedarf unter allen Umständen ihrer schulmäßigen, d. h. theoretischen Untermauerung, um das höchste Ausbildungsziel zu erreichen.
Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht übersehen, daß heute an den Lehrling ganz andere Anforderungen gestellt werden müssen, als es um die Jahrhundertwende der Fall war. Die Verbesserungen und Verfeinerungen unserer Produktionsmethoden stellen früher überhaupt nicht gekannte Ansprüche ^n das Können des schaffenden Menschen. Damit aber ist zum Ausdruck gebracht, daß der Verkürzung der Lehrzeit Grenzen gesetzt sind, die nicht überschritten werden können, es sei denn, daß bei Beginn der Lehrzeit ein ungleich höherer Grundstock an Wissen und Fertigkeiten gegeben wäre als früher. Ob und wann dies der Fall ist, kann heute einwandfrei festgestellt werden durch die A n f a n g s p r ü f u n g e n , die in den Berufsschulen von jedem neu eingetretenen Berufsschuljahrgang gefordert werden.
Diese grundsätzlichen Ausführungen über die Lehrlingsfrage waren erforderlich, um von ihnen aus die Beurteilung der gegenwärtigen Notwendigkeit einer möglichst raschen Ueberwindung des Facharbeitermangels richtig finden zu können. Es müssen also die Erfordernisse der Gegenwart abgewogen werden gegenüber den Notwendigkeiten für die weitere Zukunft. Dies hat der Reichswirtschafts
minister mit seiner Anweisung vom 22. Oktober getan. Der Minister hat, um die Grundzüge darzulegen, eine Vorverlegung der Lehrabschlußprüfung angeordnet und die znständi- gen Stellen ersucht, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, daß vom 1. April 1939 an keine Lehrver- hältnisse über eine mehr als dreijährige Dauer begründet werden. „Nur wenn sich das Lehrziel", heißt es dann wörllich, „auch bei intensiver Ausbildung in drei Jahren nicht erreichen läßt, kann für einzelne Berufe einer Verlängerung von drei bis sechs Monaten zugestimmt werden." Der Minister hat aber vor allem bestimmt, daß auch bei den vorverlegten Prüfungsterminen die Prüfungen unbedingt nach den vorgeschriebenen Prü- hingsanforberungen abzuhalten sind. Deshalb sagt der Minister in seiner Anweisung, daß sich die erfolgreiche Vorverlegung der Prüfungstermine nur ermöglichen läßt „durch eine außerordentliche Verschärfung des Ausbil- bildungsganges unter Zurückstellung aller Anforderungen an die Jugendlichen und an die mit ihrer Ausbildung betrauten Personen, die nicht unmittelbar der Erreichung des Ausbildungszieles dienen".
Sichern wir so durch die pflegliche Behandlung der Lehrlingsfrage die höchste Leistungsfähigkeit des deutschen Menschen für die Zukunft, dann werden auch alle anderen für die Höchstleistung notwendigen Voraussetzungen erfüllt werden können. Denn noch immer ist es der Mensch, der die' Probleme zu lösen hat und löst. Noch immer wird wirkliches Können allein auch die Möglichkeiten weiterer arbeitsparender Produktionsmethoden erschließen, um der menschlichen Arbeitskraft ohne zeitliche Ueberbeanspruchung eine Steigerung der Leistung zu ermöglichen.
Die Gliederung der deutschen Wehrmacht.
Das Heer.
Die am 24. November erfolgte Ernennung des bisherigen Kommandierenden Generals des VI. Armeekorps, General der Artillerie von Kluge, zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe 6 lenkt die Aufmerksamkeit auf Gen weiteren Ausbau der Gliederung des deutschen Heeres, wie er durch die Eingliederung der yftmark und des Sudetenlandes erforderlich geworden ist. Nach Angaben, die Major von Wehe von der Pressestelle des Oberkommandos des Heeres in einem Vortrag in der Berliner Hochschule für Politik gemacht hat, ist das Heer jetzt folgendermaßen gegliedert:
Oberbefehlshaber des Heeres: Generaloberst von Brauchitsch.
Chef des Generalstabes des Heeres: General der Artillerie Halder.
Die Heeresgruppen:
Gruppe 1 (Berlin): Oberbefehlshaber: Generaloberst von Bock;
Gruppe 2 (Frankfurt a. M.): General der Infanterie von Witzleben;
Gruppe 3 (Dresden): General der Infanterie Blaskowitz;
Gruppe 4 (Leipzig): General der Artillerie von Reichenau;
Gruppe 5 (Wien): General der Infanterie List;
Gruppe 6 (Hannover): General der Artillerie von Kluge.
Jede dieser Gruppen umfaßt einige Armeekorps.
Die Armeekorps.
I. Armeekorps, Königsberg. Befehlshaber: General der Infanterie von Kücyler. 1. Dioi=
sion, Insterburg; 11. Division, Allenstein; 21. Division, Elbing; 1. Kavalleriebrigade, Insterburg.
II. Armeekorps, Stettin. General der Infanterie Strauß. 2. Dioison, Stettin; 12. Division, Schwerin; 32. Division, Köslin.
III. Armeekorps, Berlin. General der Artillerie Haase. 3. Division, Frankfurt a. d. Oder; 23. Division, Potsdam; 3. leichte Division, Kottbus; 3. Panzerdivision, Berlin.
IV. Armeekorps, Dresden. General der Infanterie von Sck)wedler. 4. Divison, Dresden; 14. Division, Leipzig; 24. Division, Chemnitz.
V. Armeekorps, Stuttgart. General der Infanterie Geyer. 5. Dioison, Ulm; 25. Division Ludwigsburg; 35. Division, Karlsruhe.
VI. Armeekorps, Ni ü n ft e r. General der Pioniere F o e r st e r. 6. Division, Bielefeld; 26. Division, Köln; 1. leichte Division Wuppertal.
VII. Armeekorps, München. General der Infanterie Ritter von Schober. 7. Division München; 27. Division, Augsburg; 1. Gebirgsdivision, Garmisch-Partenkirchen.
VIII. Armeekorps, Breslau. General der Infanterie Busch. 8. Division Neiße; 18. Division Liegnitz; 28. Division Breslau; 5. Panzerdivision Oppeln.
IX. Armeekorps, Kassel. General der Artillerie D o l l m a n n. 9. Division Gießen; 15. Division Frankfurt a. M.; 29. Division, Erfurt; 2. leichte Division, Gera; 1. Panzerdivison Weimar.
X. Armeekorps, Hamburg. General der Kavallerie Knochenhauer. 20. Division, Hamburg; 22. Division, Bremen; 30. Division, Lübeck.
XI. Armeekorps, Hannover. General der Artillerie Ul ex. 13. Division, Magdeburg; 19. Division, Hannover; 31. Division, Braunschweig.
XII. Armeekorps, Wiesbaden. General her*
Infanterie Schrokh. 33. Division, Mannheim; 34. Division, Koblenz; 36. Division, Kaiserslautern.
XIII. Armeekorps, Nürnberg. General der Kavallerie Freiherr von Weich s. 10. Division, Regensburg; 17. Division, Nürnberg; 46. Division, Karlsbad; 4.'Panzerdivision Würzburg.
Generalkommando XIV Magdeburg, General der Infanterie von Wietersheim.
Generalkommando XV Jena, General der Infanterie H o t h.
Generalkommando XVI Berlin, Generalleutnant H o e p p ne r.
XVII. Armeekorps Wien, General der Infanterie Kienitz. 44. Division Wien; 25. Division Linz; 4. leichte Division Wien; 2. Panzerdivision Wien.
XVIII. Armeekorps Salzburg, General der
Erinnerung an Beaie.
Von Hermann J. Theisten.
Sie war noch ein Kind, als ich sie vor fünf Jahren kennenlernte, eine jener freudebringenden Menschenkinder, die zwar um die beglückenden Eigenschaften wissen, mit denen die Natur sie gesegnet hat, die aber zu bescheiden find, sich ihrer zu bedienen. Auf der Suche nach einer kleinen Wohnung nahm ihre Mutter sie mit in unser Haus, in dem ein paar Räume leerstanden.
Unsere erste Begegnung geschah im Hausgang, ich stand lesend am Treppenpfosten, als ich Beate in den oberen Stockwerken fingen und turnen hörte. Sie teilte das Lied in lauter Silben auf, und bei jeder ließ sie sich ein Stück tiefer das Geländer her- untergleiten. Als sie mich gewahrte, hielt sie verschämt mit Singen ein, dafür ließ sie sich um so unbekümmerter, anscheinend einem plötzlichen Einfall nachgebend, das meterlange Stück rutschen, das sie noch vsn mir trennte. In der Besorgnis, sie könnte das Gleichgewicht verlieren, auch bereit, durch ein verweisendes Wort ihren Leichtsinn zu strafen, hob ich die Arme, in die sie sich, ohne sich weiter am Geländer festzuhalten, mit einem Kichern fallen ließ. Es blieb mir nichts anderes übrig, als sie hochzuheben und abzusetzen, und ich tat das mit einer Behutsamkeit, daß ich über mich selbst unwillig wurde, weil nun aus der beabsichtigten Zurechtweisung so etwas wie eine Gutheißung geworden war. Und als sie erst vor mir stand, die Stirn gesenkt und die großen Augen nach oben gerichtet, gleichzeitig auf Strafe und Liebkosung gefaßt, da konnte ich ihr weder einen strengen Blick, noch ein rauhes Wort geben. Vielmehr fühlte ich mich versucht, zu lachen und, um sie damit zu necken, nach einem Namen zu suchen, der diesem Häufchen anmutiger Frechheit gerecht wurde. „Krabbe", schalt ich sie.
„Ich heiße Beate", war ihre rasche Antwort, die wohl erklärend, aber auch verbittend gemeint sein konnte.
,3a", erwiderte ich, „so heißt du, und du bist eine kleine Krabbe."
Eine Krabbe, so belehrte sie mich, sei ein häßliches Tier, das immerzu herumkrabbele und sich, wenn man es an fasse, mit seinen Scheren festbeiße, so daß man es nicht mehr loslösen könne. So gerieten mir durch den Widerstreit unserer Ansichten in ein spaßiges Wechselgespräch, dessen letztes Wort die kleine Dame behielt; bevor sie, ein neues Lied anstimmend und zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinaushopste, sagte sie mit einer selbstoewußten Gebärde, die jedes Gegenwart wirkungslos machte: „Beate heißt: Die Glückselige."
Im Laufe der Zeit hatte ich denn auch des öfteren Gelegenheit, zu sehen, wie ihr Name in einer bejahenden Beziehung zu ihrem Wesen stand. Aber eines Tages lag ein Briefchen unter der Tür, ein Stück hellblaues Seidenpapier, dessen Ränder mit der Schere eingezackt waren. Ich las: „Ich komme in ein Pensionat, ich möchte aber viel lieber hier bei Ihnen bleiben. Wenn ich etwas älter wäre, würde ich Sie heiraten, dann brauchte ich nicht weg. Mit vielen Grüßen bleibe ich ewig Deine Beate."
Bevor sie abreiste, kam sie zu mir. „Ich komme, um Abschied zu nehmen", sagte sie, mit Mühe jenes entsagende Lächeln festhaltend, aas Erwachsene in den Minuten der Trennung aufzusehen pflegen. Ich sah ihr an, daß sie ganz die Heitere geblieben und daß das bevorstehende Fremde nicht etwa wie ein dunkles Tor, sondern wie ein Vergnügungspark vor ihr lag. Denn während sie traurig zu sein vorgad, konnte sie sich nicht enthalten, ein keckes Liedchen zu summen in einer putzig wirkenden Emsigkeit den. Staub von den Möbeln zu wischen und ohne zu fragen — die Stunde rechtfertigte diesmal ein vertrautes Benehmen — ein Plätzchen von meinem Obstteller zu greifen. Dann sagte sie: „So, nun muß ich aber wirklich Abschied nehmen!" Und wartete. Sie blieb auch noch wartend vor mir stehen, als ich ihr die Hand gegeben und ein paar gutgemeinte Mahnworte ausgekramt hatte.
„Werden Sie ...?" Sie lächelte zweifelnd.
„Werden Sie ... werden Sie mich auch ...?"
Nun mußte ich lachen, denn nun wußte ich das Wörtchen, das auszusprechen sie sich nicht getraute. Wie sie so vor mir stand, blond und blau, ein wenig verschämt und doch ganz Lieblichkeit, ein Hauch von Hoffnung und Zweifel um den Mund, sand ich sie zum Küssen anmutig. Ich hob sie hoch und gab ihr einen Kuß. Und half ihr aus der Verlegenheit. „Gewiß werde ich dich heiraten. Wenn du erst etwas älter bist, sagen wir, wenn du das Pensionat hinter dir hast."
Da schwand auch der letzte Rest von Enttäuschung aus ihrem Gesicht.
Dos sind nun Jahre her, in denen ich Beate nicht ein einziges Mal sah, denn Weihnachten, die einzigen Tage im Jahre, an denen sie nach Hause durste, verbrachte ich regelmäßig auswärts bei meinen Eltern. Wenn ihre Mutter mir nicht ab und zu einen Gruß übermittelt hätte, würde ich sie ganz und gar vergessen haben, wie ja Erlebnisse schließlich ' Nebelhafte sinken, wenn die Umwelt uns nicht ständig an sie erinnert. So mußte ich mich erst auf sie besinnen, als sie eines schönen Vorfrühlingstages wie hereingeschneit in meinem Zimmer stand, nachdem ich ein leises Klopfen unbeantwortet gelassen, we 1 .1) es für ein Geräusch im Kamin gehalten hatte.
Vor mir stand eine junge Dame, sie mochte zwischen sechzehn und siebzehn sein, ihre Gesichtszüge kamen mir zwar bekannt vor, jedoch wußte ich, sie nicht in die Reihe meiner Bekannten einzuordnen. Sie nannte meinen Namen, sah sich im Zimmer um, ob sich in der Anordnung der Möbel nichts geändert habe, und als ich vor lauter Unsicherheit überhöflich wissen wollte, was sie zu mir führen, lachte sie frei heraus, wobei ihre Augen blitzten und ihr hellroter Mund sich kreisrund öffnete.
„Ich bin doch Beate!" sprudelte sie endlich los. „Kennen Sie mich denn nicht mehr? Oh, ich habe Sie aber gleich erkannt. Wissen Sie noch, damals, vor vier, nein vor fünf Jahren, als sie mir an meinen Schularbeiten halfen? Jetzt brauch ich nicht mehr zur Schule, jetzt werde ich in Stellung gehen. Haben Sie auch Ihren Kater noch?"
„Ja", sagte ich nach einer halben Ewigkeit des Staunens, „das ist schon lange her. Und zum Treppenrutschen bist du nun wohl zu groß geworden. Ist es nicht so?" Und als sie lachend bejahte, drängte sich mir plötzlich eine längst versunkene Frage der Erinnerung auf. „Weißt du denn auch noch, daß du — daß ich dir damals versprechen mußte--?"
Sie sah mich neugierig an und schien von nichts mehr zu wissen.
„Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, mein Versprechen einzulösen", lachte ich vieldeutig.
„Was haben Sie mir denn versprochen?"
„Dich zu heiraten. Erinnere dich nur!"
Natürlich erinnerte sie sich wieder. Und das geschah mit einem Lächeln über sich selbst, die Beate von sechzehn lachte über die Beate von elf Jahren. Darauf sah sie mich an und errötete.
Und ich ahnte, daß die Zeit nicht nur ihre Gestalt, sondern auch ihre Wünsche gewandelt hatte, und daß vielleicht schon einer gekommen war, der die gleiche Frage, die sie mir vor Jahren kindlich stellte, mit mehr Berechtigung und mehr Hoffnung an sie gerichtet hatte.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Georg August Wagner, Ordinarius für Geburtshilfe und Gynäkologie an der Universität Berlin, wurde wegen Erreichung der Altersgrenze von feinen amtlichen Verpflichtungen entbunden.
Der Dozent Dr. med. Hanns Russin an der Universität Freiburg wird im Winterhalbjahr die an der Universität Köln durch die Wegberufung von Professor de Crinis freigewordene Professur für Psychiatrie wahrnehmen.
Uraufführung der „Zirkuskomödie" von Bernhard Graf Golms.
Der im vorigen Jahre jung verstorbene Berliner Intendant Bernhard Graf Solms, dem nach der Machtübernahme die Leitung der Berliner Volksbühne übertragen worden war, hat eine (erste und einzige) Theater-Arbeit hinterlassen, in der er die bürgerliche Welt und die des Zirkus-Zigeuners gegeneinanderstellt. Ein junger Arzt, mit Der unüberwindbaren Sehnsucht in die Weite, geht aus der Bürgerlichkeit unter die Zirkus-Leute, das Mädchen der Gesellschaft bleibt zurück und wird die Frau eines Rechtsanwaltes, ohne Die alte Liebe ganz zu überwinden, und als der Arzt, nun als Artist Carlo O'Carli, mit Dem Zirkus in seine Heimatstadt zurückkommt, gibt es große Verwirrungen, sein schäbiger'Bruder bangt um die ihm allein zugefallene Erbschaft, der Anwalt um seine Frau und O'Carlis Partnerin und Geliebte um ihre ganze innere Welt; als sie vom Trapez stürzt, weil O'Carli feine ehemalige Braut in der Loge sieht und nicht aufpaßt, droht ein schlimmes Ende; aber in Der Bürgersfrau siegt, nach Der Zeit Der Halbheit, das Gefühl für das Glück Der Geborgenheit und in Den Zirkus- Leuten Die tiefe Verbundenheit: „Eng find unsere Wagen, doch sie rollen durch Die Welt, — eng ist unser Magen, aber weit ist unser Zelt."
Es ist bekannt, Daß Graf Solms in großer Liebe zum Zirkus als Junge selbst sich im Zirkus produziert hat. Mit Diesem Stück schreibt sich offenbar der Sproß des alten hessischen Geschlechtes seine tiefe Hingabe an die Welt Des KomöDiantentums vom Herzen, nicht ohne Bitterkeit gegen Das Leben und seine gesellschaftliche Verlogenheit und mit aller Bewunderung vor Den Berufs-Notwendigkeiten Des lachenden Bajazzo. Gerade weil Das Stück noch mannigfach Die tastende Hand eines frühen Versuches verrät, muß und kann von Der Musik vieles überbrückt werben. Kurt Heuser von Der Berliner Volksbühne hat, noch in enger Zusammenarbeit mit Solms, LieD unD Sprechgesang musikalisch gestaltet und findet ebenso die' feine, lyrische Melodie („... bist du einmal im Himmel gewesen und hast Den Herrgott gesehen") wie Die rhythmisch erregenDc oDer ironisierende, am stärksten wohl in Dem Lied vom Zirkuswagen.
Die Inszenierung am Stadttheater in Frankfurt an Der Oder leitete Bruno Karl, Der auch Den O'Carli spielte, mit gewissenhafter Vorbereitung; es gab lange anhaltenden Beifall. Der Aufführung wohnten u. a. Prinz August Wilhelm in alter SA- Kamer ad schäft zu Graf Solms, Prinz Schaumburg- Lippe, Sigmund Graff vom Propaganda-Ministerium und Bernhard Herrmann, der Leiter Der Fachschaft Bühne, bei. Hans Knudsen.


