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poMk der Nadelstiche.

Wer die seit langen Jahren immer wieder periodisch zwischen Japan und der Sowjetunion ausbrechenden Streitigkeiten in der Dreiländer­ecke Korea Mandschukuo Sowjet­union aufmerksam verfolgt hat und vor allem auch den zähen und stillen Kampf, der sich zwischen den sowjetrussischen Machthabern und den japani­schen Konzessionären auf Nordsachalin ab­spielt, muß zu dem Schluß kommen, daß hier ein System waltet, das von den Sowjets bewußt dar­auf angelegt wird, keine klaren Verhält­nisse zwischen Japan Und der Sowjetunion zu schaffen. Es ist die Politik der Nadelstiche, der Schaffung immer neuer Reibungsflächen, die im Falle der mandschurischen Grenzstadt Huntfchun zu einem groben und provozierenden Uebergriff wurde, im Falle Nordsachalin jedoch die Taktik verfolgte, den japanischen Konzessionären durch passive Resi­stenz, Bedrückung und Hinauszögerung aller ange­botenen Verhandlungen die vertraglich garantierte Arbeit unmöglich zu machen.

Mit welcher Folgerichtigkeit die Sowjets ihr System verfolgen, geht mit eindeutiger Klarheit aus zwei Feststellungen hervor, die in diesen Tagen das japanische Außenamt traf. Die eine stellt ein Resume der Verhandlungen dar, die zwischen Japan und der Sowjetunion über die Grenzstreitigkeiten in jenem Wetterwinkel an der mandschurischen Grenze stattgefunden oder vielmehr nicht stattge­funden haben. Denn seit dem Jahr 1932, als die japanische Regierung zum erstenmal die Bildung einer Kommission vorschlug, die aus Ver­tretern Japans, Mandschukuos und Sowjetrußlands zusammengesetzt sein sollte und die Aufgabe hatte, durch klare Grenzfestsetzungen jegliche Zwischenfälle zu vermeiden, haben die Sowjets es immer wieder verstanden, einer solchen Entscheidung auszuweichen. Sie verschanzten sich dabei hinter der Behauptung, daß die Grenze vom Khanka-See bis zum Tumen-Fluß also über eine Entfernung von rund 650 Kilometer durch den chinesisch-russischen Vertrag festge­legt worden sei. Die japanische Regierung wies mehrmals darauf hin, daß die Grenzziehung keines­wegs klar fei und daß eine nochmalige Demarkation von äußerster Bedeutung für die Verhinderung der oft blutigen Grenzzwischenfälle sei. Am 16. Juli 1935 legte die japanische Regierung erneut ihre Zeichnungen und Pläne vor, die zwischen Man­dschukuo und Sowjetrußland die strittigen Grenz- fraoen beseitigen sollten; aber wieder verstanden es die Sowjets auszuweichen. Für ihre Politik der Herausforderung, der steten Beunruhigung des Nachbarn, der Provokation kam ihnen die Mei­nungsverschiedenheit über jene Grenzgebiete sehr gelegen. Wo Klarheit herrscht, können keine Zwischenfälle eintreten, es sei denn, daß bewußte Böswilligkeit im Spiele ist.

Vor dieser Böswilligkeit schrecken die Sowjets natürlich nicht zurück, auch dann nicht, wenn Ver­träge und Abmachungen bestehen, die beiden Part­nern gewisse Rechte und Pflichten auferlegen. Als Beweis dafür mögen jene Ausführungen gelten, die der Sprecher des japanischen Außenamts in diesen Tagen über die Zustände auf Nord- sachalin machte. Es muß vorausgeschickt wer­den, daß zwischen dem Volkskommissar für hie sowjetrussische Schwerindustrie und dem japanischen Admiral Sakondschi als Präsidenten der japanischen Petroleum-Gesellschaft auf Sachalin Ende ver­gangenen Jahres ein Zusatzabkommen zum Ver­trage aus dem Jahre 1925 getroffen wurde, der den Japanern das Recht gibt, die Petroleum- und Kohlevorkommen in dem zu Sowjetrußland ge­hörenden nördlichen Teil der Insel auf weitere fünf Jahre auszubeuten. Trotz dieses unantastbaren Rechtszustandes sah sich der Sprecher des Außen­amtes genötigt, auf die stetigen Schikanen, Unter­drückungen und Vertragsverletzungen der Sowjets hinzuweisen, die bereits jetzt wieder Verhandlungen in Moskau und Alexandrowsk notwendig machten. Da in Nordsachalin nur während der kur­zen Sommermonate gearbeit werden kann, liegt natürlich bewußte Absicht der Sowjets darin, daß gerade jetzt die Fälle der Bedrückung und des passiven Widerstandes zunehmen. Außerdem versteht es der sowjetrussische Chef für die Schwer­industrie, der für die Verhandlungen verantwortlich ist, den Unterredungen mit den Vertretern der japa­nischen Konzessionäre durchAbwesenheit" oder Krankheit" auszuweichen, so daß jetzt bereits zwei wertvolle Arbeitsmonate vergangen find, in denen die Japaner ihre Arbeiten erheblich einschränken mußten. Der Sprecher des Außenamtes betonte weiter, daß die Sowjets sich entgegen ihrer vertrag­lichen Pflicht weigern, den japanischen Konzessio­nären Arbeitskräfte zu stellen, so daß der japanische Konzern der North-Saghalin Mining Company in­folge der ständigen Schikanen bereits genötigt war, die Arbeit in den Kohlenschächten e i n z u st e l l e n. Die Sowjetregierung entfernte nämlich kurzerhand das Bahngleis zu den Kohlengruben in Donei, ohne das Ergebnis von DerharMungen abzuwarten. Weiter weigerte sich die Sowjetregierung, den Bau einer Röhrenleitung unter See zu genehmigen, der für den Transport von Oel aus Catangury not­wendig ift, so daß die dortigen besonders reich­haltigen Oelvorkvmmen zur Zeit brachliegen. Das alles hat die japanische Regierung zu einem er­neuten Protest veranlaßt, der aber bei der Haltung der Sowjets kaum an der Sachlage etwas ändern dürfte.

Das Vorgehen der Sowjets bei Huntfchun und auf Nordsachalin hänat natürlich aufs engste mit den politischen Entwicklungen im Fernen Osten zusammen. Huntfchun ift ein bedeutender Handels­ort für den Transitverkehr, der von den Sowjets besetzte Berg Tschang-Kug-Feng beherrscht das vorliegende mandschurische und koreanische Ge­lände und das Tal- und Mündungsgebiet des Grenzflusses Tumen bis zum koreanischen Hafen Rafchin. Da Huntfchun zudem nur 45 Kilometer von der tief in das Land einschneidenden P o ß j e t- b u ch t entfernt ist, diese aber wegen ihrer Lage in naher Beziehung zu dem Hauptftützpunkt der sowjetrussischen Flotte, W l a d i w o st o k, steht und für die Verteidigung des südrusfifchen Küstengebietes äußerst wertvoll ist, sind die Zusammenhänge hier ohne weiteres klar.

Aehnlich liegen die Vechältnisse auf Sachalin. Die Oelausbeute betrug in den letzten Jahren etwa 250 000 Tonnen, von denen die Japaner allein zwei Drittel für sich verwerten. Wenn die Konzession der Japaner auf weitere fünf Jahre verlängert wurde, so tat man das auf feiten der Sowjets lediglich, um nicht offen mit Japan zu brechen. Da jedoch der eigene Oelbedarf der Fernostarmee Mar­schall Blüchers ständig steigt und viele hundert­tausend Fässer Treibstoff aus den Vereinigten Staaten ständig eingeführt werden mußten, außer­dem der Transport des Bakuöls zu kostspielig und langwieria ist, so ist auch hier unschwer das poli­tische Ziel der Sowjetunion zu erkennen. Als der

Vertrag des Jahres 1925 verlängert wurde, hoffte die Sowjetregierung zudem, eine Erschwerung der eigenen Ölversorgung in Kauf nehmen zu können, wenn es durch das Entgegenkommen gelingen würde, die Gegensätze und Spannungen zwischen Japan und Großbritannien weiter zu verschärfen. Denn Japan konnte die Oelförderung auf Nord- Sachalin nur auf Kosten der großen amerikanischen und brittschen Gesellschaften steigern, die nicht un- bettächttiche Verluste erlitten und sich aus diesem

Gebiet so gut wle ganz zurückgezogen haben. Wenn man jetzt also mit allen Mitteln versucht, die japanische Produktion zu verhindern und ihr Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten in den Weg legt, so ist unschwer zu ersehen, daß dahinter poli­tische Absichten stehen, die sich durch den japanisch­chinesischen Konflikt ergeben. Sowjetrußland liegt auf der Lauer und benutzt die Polittk der Her­ausforderung, um das Vorfeld des Gegners zu sondieren. D. S.

Der Grenzkonflikt im Fernen Osten.

Gowjetrussische Lustangriffe über koreanischem Gebiet.

Tokio, 1. Aug. (DNB.) Von der Presseabtei­lung des koreanischen Hauptquartiers in Keijo wird gemeldet, daß etwa acht Sowjetflugzeuge am Mvn- tagrnittaa die Truppen in der v o r d e r st e n ja­panischen Linie mit Bomben und MG.-Feuer belegte, ohne ihnen jedoch Schaden zuzufügen. Um 14.30 Uhr überflogen sowjetrussische schwere Bom­ber in geschlossener Formation die Grenze am Unterlauf des Turnen-Flusses; sie flogen dann wei­ter über koreanisches Gebiet und bombardier­ten die E i sie n b a h n l i n i e bei Kinsojyo südlich von Kogi. Später wurde die Brücke bei Keijo bombardiert, doch wurde auch bei diesen Angriffen kein ernstlicher Schaden angerichtet. Fünf sowjet- russische Flugzeuge wurden von den Japanern a b- geschossen. Das Hauptquartier in Keijo meldet ferner, daß bei den Luftangriffen an sowjetrussischen Verlusten 3 7 Tote festgestellt wurden, die nach Uniform und Abzeichen dem GPU. - Grenz­schutz verschiedener Formationen angehören. Im japanischen üuftverteidigungsabschnitt VI wurde für die Provinz F u k u ck a in Nord-Kyuschu ab Mitternacht erhöhte Alarmbereitschaft durch Verdun­kelung angeordnet. Fukucka ist ein wichtiges Zen­trum der japanischen Industrie.

Die von den Japanern zurückgeworfenen Sowjet­truppen haben sich nach zweimaligen Gegenstößen auf eine Höhenstellung östlich des Tschanghie-Sees, der unmittelbar hinter der russischen Grenze liegt, zurückgezogen. Die nunmehr von den Japanern wieder, genommenen Höhen bei Schangfeng waren von den sowjetrussischen Grenztruppen mit Infan­terie- und Artilleriestellungen versehen. Die neuen Stellungen östlich und westlich des Tschanghie-Sees sind etwa 3 Kilometer voneinander entfernt. Eine vom Kriegsministerium herausgegebene Skizze über die Frontlage bei Schangfeng verzeichnet so­wohl die Grenzlinie, wie sie auf den sowjettussischen Generalstabskarten eingezeichnet ist, wie auch die Grenzlinie gemäß dem Huntschun-Dertrag. Daraus ist klar ersichtlich, daß beide Linien östlich derHöhenvonSchangfeng liegen, daß also die japanische Abwehraktion einwandfrei a u f mandschurischem Gebiet erfolgt ist.

Die Auffassung in Tokio.

Tokio, 1. Aug. (Europapreß.) Mit welchem Ernst man in Japan die Lage verfolgt, beweist die unerwartete Rückkehr des japanischen Generalstabs­chefs, Prinz Kanin, nach Tokio, das er erst vor kurzer Zeit verlassen hatte, um auf dem Lande einen kurzen Urlaub zu verbringen^ Nach Eintref­fen der Meldungen über die Grenzzwischenfälle in Mandschukuo und über neue sowjetrussische Trup- penzusammenziehungen an der Grenze wurden Mi­nisterpräsident Fürst Konoe, Kriegsminister Gene­ral Jtagaki und Prinz Kanin vom Kaiser in Audienz empfangen und berichteten ihm ausführlich über die neue Lage. Ein Regierungsvertreter stellt fest, es hänge von der sowjettussischen Haltung ab, ob sich die neuen Grenzzwischenfälle zu einem grö­ßeren Konflikt entwickelten oder nicht. Jedenfalls müsse man Geduld haben, wenn man mit den Sowjetrusftn verhandeln wolle.

Die japanische Generalität trat unter dem Vor­sitz des Kriegsministers im Kriegsministerium zu­sammen und entschied, vorläufig alles zu vermei­den, was die Lage verschärfen könnte. Man sei aber vorbereitet und entschlossen, weiteren Provokationen der Sowjets entgegenzutreten. Man nimmt an, daß die Sowjets mit den Luftangriffen eine Demon­stration gegen die Wiedereinnahme Tschangsengs durch die Japaner beabsichttgten. Von Moskau ver­breitete Nachrichten, daß sowjetrussische Flieger Charbin und die koreanischen Hafenplätze Set­schin und Raschin angegriffen hätten, werden in Tokio entschieden dementiert. Dabei wird jedoch angedeutet, daß sowjetrussische Flugzeuge tatsächlich bereits nach den genannten Städten unterwegs waren, aber angesichts des Schicksals der bei Tschangfeng abgeschossenen fünf Maschinen wie­der umkehrten. Bestättgt wird, daß während der Nacht in der Provinz Fukuoka in Südwest- Japan Verdunkelungsmaßnahmen durch­geführt werden. In anderen Teilen Japans sind als Vorsichtsmaßnahmen gegen Luftangriffe die Horch- posten besetzt worden. Truppentransporte nach den dem Festlande gegenüber gelegenen Häfen sind im Gange. Abgefehen von der scharfen Verurteilung der sowjettussischen Herausforderungen legt sich die Presse große Zurückhaltung auf. Ueber die voraus­sichtliche weitere Entwicklung werden keine Mut­maßungen angestellt. Die allgemeine Auffassung geht vorläufig jedoch dahin, daß es gelingen wird, einen Krieg zu vermeiden.

Japan zieht Truppen zusammen.

Paris, 2. Aug. (DNB. Funkspruch.) Die Pari­ser Frühpresse meldet aus Tientsin, daß seit vier Tagen 20000 Mann japanischer Truppen aus Nordchina und Schansi durch Tientsin nach der Mandschurei abgezweigt worden seien. Des weiteren sollen zahlreiche Truppentransporte in 2) a i r e n eingetroffen sein. Nach einer Meldung aus Schanghai soll eine starke Abteilung von K o m- munisten verachten Armee in Mandschukuo eingetroffen sein und im Begriffe stehen, die Ort­schaften und Dörfer gegen die Japaner aufzuwie­geln. Die Kommunisten hätten sogar einige Kilome­ter von Jehol entfernt zwei japanische Flugzeuge abgeschossen. Man hält es in Paris für möglich, daß der Generalstad der Roten Armee im Fernen Osten Maßnahmen ergreife, um die von der japanischen Armee besetzten Hügel wie­der zu rückzuerobern. Die Höhen hätten für beide Teile eine außerordentliche strategische Bedeu­tung, da sie die gesamte Dossiet-Bucht beherrschten. Schangfeng erneut von sowjetrussischen

Bombern angegriffen.

Tokio, 2. Aug. (DJtB. Funkspruch.) Das japa­nische kriegsministerium teilt einen neuen Grenz- zwifchenfall mit. Am Dienstag früh haben danach 15 Sowjetflugzeuge die Grenze überflogen und Schangfeng bombar­diert.

Auf neuen Wegen nach dem neuen Peking.

Von unterem H. Tr.-Äerichtersiattti.

Der Fahrtenbericht unseres mandschurischen Kor­respondenten hat seit dem 2. Juli durch Ausbleiben der Briefpost aus dem Fernen Osten eine unlieb­same Unterbrechung erfahren, so daß wir erst heute in der Lage sind, den vierten Reisebericht zu ver­öffentlichen.

IV. Haupibahlihos Iehol.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

I e h o l, im Juli 1938.

Nach fast 20stünüiger Fahrt ist der Personenzug MukdenJehol endlich im man muß das gesperrt schreiben!Hauptbahnhof Jehol" einge­laufen. Denn dieses Jehol doch das lese man lieber in dem gleichnamigen Buche von Sven Hedin nach, dessen Forscherherz sich bei dem WorteHauptbahnhof Jehol" wahrscheinlich schmerz­haft krampfen wird. Seine Reise nach Jehol war damals noch eine Expedition, heute wird man am Zuge von einem weißgekleideten chinesischen Kellner desBahnhofs-Restaurant Jehol" erwartet, der sich in fließendem Englisch und mit einer eben­so flüssigen Perbeugung danach erkundigt, ob man der an gemeldete For eigner sei. Angemel­det hat man sich zwar nicht, immerhin: dieser Diensteifer des japanischenJntelligence-Service- Bureau" ist lobenswert, weil er das den Japanern Nützliche mit dem für die Fremden Angenehme vorbildlich verbindet.

Die Tatsache, daß es einen Bahnhof in dieser Tempekstadt Jehol gibt, deren Besuch eine Reise nach Tibet erspart, will einem zunächst noch gar nicht in den Sinn und vielleicht haben auch die Japaner das gleiche dumpf gefühlt: denn sie haben hier keinen modernen Steinbaukasten aus Eisen, Glas und Beton hingesetzt, sondern auf dengenius huius loci" Rücksicht genommen und hier ein Bahnhofsgebäude im Stile eines altchine­sischen Tempels errichtet. Mit geschwungenen Dächern, gelbglasierten Ziegeln, Dachreitern und Drachenornamenten ein Gebäude, das im Schein der unzähligen grellen Bogenlampen fast wie eine Theaterdekoration in einem chinesischen Feen-Spiel wirkt. Mit den blauschwarzen, zackigen schweigenden Bergen als Kulissen im Hintergründe .Dieser Ein­druck wird durch 20 chinesische Hotelportiers aus der nahegelegenen, eigentlichen Stadt Jehol nur noch verstärkt: von japanischen Gendarmen säuberlich ausgerichtet, bilden sie am Ausgang Spalier, jeder hält ein kleines Bambusstöckchen in der Hand, an dem ein brennender Lampion baumelt, dessen schwarze rätselhafte Schriftzeichen die Namen der chinesischen und japanischen Herbergen vermelden. Phantastisch gekleidete Burschen, die an Statisten

irgendeines Zauberspiels erinnern Vor dem Bahn­hof weiter hin ein paar Autobusse, dle im Zwielicht an Saurier erinnern, ein Dutzend Taxen, japanische Pferdeburschen mit den Reitpferden für einen eben­falls frisch eingetroffenen Stab, eine Unzahl Riesen- Schildkröten in Gestalt vorsintflutlicher Droschken und das ganze bunte Gewimmel wie unter zu­sammengefaßtem Scheinwerferlicht messerscharf her- ausgeschnitten aus dem Nachtdunkel einer riesenhaf­ten Bühne. Aber gerade deswegen verzichtet man gern auf einen an sich verlockenden Nachtbummel, weil man eben nicht weiß, was auf japanischHalt Werda?" heißt und auch die chinesischen Gue­rilla-Krieger sich erfahrungsgemäß auf lange De­batten nicht einzulassen pflegen.

Rasches Abendessen im Bahnhofsrestaurant, das genau so eingerichtet ift, wie alle Bahnhofs-Restau­rants der Südmanschurischen Eisenbahn, mögen sie hoch oben am Amur, an der sibirischen Grenze oder eben in der Einsamkeit Jehols liegen. Sogar die Speisefolge und Speisekarte ist die gleiche wie auf all den unzähligen Stationen dieser heute wohl größten Eisenbahn-Direktion des Fernen Ostens und wer einmal eine abgegessen hat, kennt alle anderen auch. Drei saubere, europäisch eingerichtete Gastzimmer besitzt dieser Bahnhof und der Ueber- nachtungspreis von zwei Reichsmark ist im Hinblick auf das Gebotene als außergewöhnlich billig zu bezeichnen. Man schläft hier gut und fest nach lan­ger Fahrt und am andern Morgen um sechs Uhr weckt der Boy und überreicht die Fahrkarte Jehol Peking für jene 220 Kilometer lange Strecke, die von den Japanern in sechs Monaten fertiggestellt worden ist, und die d a sZ w e i t e L o ch" i n b i e Große Mauer gebrochen hat. Denn das erste heißt Na n kau, wo die Eisenbahn Tientsin PekingKalganSuyuan durch die Große Mauer hindurch und hinein in das Land der ehemaligen ..Nordwestlichen Barbaren" führt, das heute n - nere Mongolei" genannt wird.

An diesemNankau-Paß" haben sich im Herbst des vergangenen Jahres die erbittertsten Kämpfe zwischen den angreifenden Japanern und den hier die Große Mauer verteidigenden Truppen der 29. chinesischen Armee abgespielt und der militä­rische Durchbruch der Japaner war hier genau so schwierig wie der eisenbahntechnische Einbruch durch die gleiche Mauer im Zuge der neuen Jehol Peking-Bahn. 220 Kilometer lang ist diese neue Bahnlinie, die in sechs Monaten in aller Heimlich­keit und Stille fertiggestellt worden ist. 14 Tunnel mußten gebohrt und sechs großeSpitzkehren" zur Ueberwindung jenes großen Gebirgsmassivs ange­legt werden, das mit der Großen Mauer auf dem Rücken das eigentliche Nordchina gegen die Jehol-Provinz bzw. gegen" die Mandschurei ab--

grenzt. Zahllose Schluchten mußten mit Erddanv men überwunden und edensoviele schmale Berg­rücken durchstochen werden das Ganze eine un- erhörte technische Leistung, die näher sich anzusehen, auch eine weit längere Reise als die von Dairen über Mukden nach Jehol gelohnt haben würde ...

Der täglich einmal von Jehol nach Peking ab­gehende Zug besteht aus einer Maschine und einem Waggon 2. und 3. Klasse. Das ist überraschender, weise alles! Daraus darf man auf alle Fälle schließen, und das ist sehr wichttg! daß diese neue Bahn bis auf weiteres noch nicht für ' Truppentransporte oder gar größere Truppenver- schiebungen in Frage kommt, eine Vermutung, die auf der Reise nur allzubald ihre Bestätigung findet. Denn die Geschwindigkeit des neuen Jehol-Peking- Expreß beträgt allerhöchstens 10 bis 15 Kilometer in der Stunde, und manchmal schwanken die Wagen so erheblich hin und her, daß man das Gefühl hat, auf leichtbewegter See zu gondeln. Grund und Ursache sind bald geklärt: Der Bau ift so schnell erfolgt, daß sich die im Winter fertiggestellten An­schüttungen jeder Art unter dem Einfluß des Früh. jahr-Tauwetters an sehr vielen Stellen erheblich gesenkt haben, so daß man heute bis zur Großen Mauer bei Kupeiku eigentlich durch ein ununter­brochenes Spalier von Kulis fährt, die hier zu Tausenden als Sttecken-Ausbesferungs-Arbeiter an- gesetzt sind. Sie flechten überall aus starkem Draht wurstähnliche Schläuche von zwei dis drei Meter Länge und einem Halden Meter Durchmesser, Drahtrollen, die mit Steinen gefüllt, dicht neben­einander auf die Böschungen gelegt und hier ver. ankert werden. Ein ideales Befestigungsmittel, das Zement und Kalk erspart und ttotzdem den Sturz­bächen ausgezeichneten Widerstand leistet.

Aber auch sonst tritt das Behelfsmäßige der neuen Strecke überall klar in Erscheinung: alle Brücken durchweg aus ftischgeschlagenem Holz erbaut, auch die verschiedenen Stationen sind zunächst noch nichts weiter als saubere Bretterbuden, die von Hunderten von neugierigen Chinesen umlagert sind. Sie haben in dieser gottverlassenen und abgelegenen Gegend vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben eine Eisenbahn gesehen, denn die Kinder laufen schreiend vor Begeisterung neben dem langsam fahrenden Zuge her, aus den Feldern flüchten entsetzt die schwarzen Schweine, vor den kleinen Straßenkarren bäumen sich die Pferde senkrecht in die Höhe, und selbst die chinesischen Esel, denen sonst nichts in der Wett zu imponieren pflegt, hatten erstarrt in ihrem emsigen Trott inne, lassen ihre Ohren zu unwahr­scheinlicher Länge emporschießen und bekommen Augen so groß wie Untertassen. Aber größer noch als das Staunen der Tiere scheint die Freude der Landbevölkerung zu sein, und die chinesischen Bau­ern, die mit Kind und Kegel den Wagen 3.Klasie füllen, haben sich alle der Bedeutung des Ereig- nisses bewußt ganz besonders fein gemacht. Sie fahren sichtlichstolz" mit dieser neuen Bahn, deren Anlage den Japanern ganz' unzweifelhaft in diesem weltabgeschiedenen Gebiete gewisse Sympathien ein­gebracht hat, und vielleicht ist auch aus diesem Grunde von einer Streckenbewachung nicht das geringste zu bemerken. Keine Pattouillen, keine Posten an den Brücken, keine Bahnhofswachen Nichts! Und wenn die chinesischen Freischärler wirk­lichwollten", konnten sie unbemerkt den ganzen Oberbau auf langer Strecke einfach wegtragen und in den nächsten Abgrund merfen.

An so einem Abgrund entlang keucht das Bähn- chen gerade und arbeitet sich mühsam in ein gran­dioses Gebirgsmassiv hinein, um ganz urplötzlich mit einem unvermittelten Ruck stehen zu bleiben. Zehn Minuten zwanzig Minuten eine halbe Stunde vergeht. Eine leichte Unruhe beginnt Platz zu greifen allgemeine Frage:Was ift los?" Keiner weiß es, plötzlich erscheint der Schaffner und fordert die ehrenwerten Gäste auf, b i e Wagen zu räumen.So so! also doch!" Aber augenscheinlich war die Strecke schon seit mehreren Tagen nicht mehr brauchbar, denn auf der einige hundert Meter entfernten Landstraße erscheinen plötzlich zwei Autobusse, in denen jetzt der gesamte lebende und tote Inhalt des ganzen Eisen­bahnzuges verftachtet wird. Und zwar in einer Form, die alle bekannten Oelsardinenvergleiche inso­fern unmöglich macht, als das Gedränge in den beidenaufgeroärmten Leichen" (so nennt man in Fernost uralte Autos, die irgendein geschäststüchttger Unternehmer aus 20 unbrauchbar gewordenen Wagen zusammengeflickt hat) überhaupt keine Der- gleichsniöglichkeiten zuläßt.

Als ich als Schluß-Last von zwei riesigen Scham tung-Kulis durchs enge niedrige Türchen ins In­nere gestemmt werde, stand vor mir eine nette kleine Japanerin, die naturalia non sunt turpia ihr Kind vorher getränkt und in der Eile des Umzugs und der drangvoll fürchterlichen Enge des Vehikels ihr Gewand nicht hatte schließen können. Die Tatsache, daß ich plötzlich trotz verzweifelter Gegenwehr mit dem Gesicht an ihren mütterlichen Busen zu ruhen kam, kennzeichnet die Enge des Raums wohl am besten, in dem man überdies nur in der Kniebeuge stehen konnte. Aber die Heiterkeit war allgemein, und am meisten schien sich die junge Mutter über den unerwartetenZuwachs" zu freuen. Aber das Lachen verging, der engverpackten Menfchenmasse nur allzubald: Tut! Tut! machte der llchauffeur und raste plötzlich mit jener Un­bekümmertheit davon, die für die Chauffeure Asiens, die an Stelle der Nerven Stricke besitzen, so charak« teristtsch ist. Auf dem Wege zur Paßhöhe ging es noch einigermaßen, aber dann oben an gekommen Gas gegeben und haste nich gesehen im 40-Kilometer-Tempo immer hart am Abgrund ent­lang die Serpentinen mit den haarscharfen Kurven hinab ins 2000 Meter tiefe Tal, daß sogar die Frauen vor Angst mit dem Kreischen aufhörten. Manchmal stand der Wagen in der Kurve auf zwei Rädern, aber der Chauffeur mit eisernem Gesicht, die erloschene Zigarette im Mundwinkel, nahm eine Kehre nach der anderen mit einer Gewandtheit und Sicherheit, die ihm auf der Avus die goldene Me­daille eingebracht haben würde. Ueber- und unter­einander saßen, hockten, standen, kauerten und lagen die Menschen in diesem Karren, eine einzige kom­pakte Masse aus Koffern und Soldaten, Frauen und Kisten, Kindern und Säcken, und diese fompafte Masse machte, an die Wände geleimt, jede Schwan­kung des Wagens bis 45 Grad mit, und mehr als einmal sah es aus, als ob dieaufgewärmte Leiche koppheister und sich hundertmal überschlagend im Abgrund landen würde, wo qualmender Rauch he Anwesenheit eines Hilfszuges verriet.

Iapanfeinvliche Verschwörung in Schanghai.

Schanghai. l.SIug. <DNB.) Der Polizei- ch e f der von den Japanern eingesetzten Regierung von Groß-Schanghai ist z u f a m m e n m i t 2 0 höheren Polizeibeamten von japanischen Gendarmen verhaftet worden. Die Verhafteten werden verdächtigt, insgeheim eine Rebellion gegen

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