Ausgabe 
2.4.1938
 
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Iir.78 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

2./Z. April I9Z8

Englisches Zwielicht.

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England stand im Zeichen desGrand Natio­nal", des großen Hindernisrennens über sieben Kilometer bei Aintree unweit von Liverpool. Wieder hat eine Frau, die Amerikanerin Mrs. Scott mit ihrem PferdeBattleship" das schwerste Rennen der Welt, an dem sich dieses Jahr 38 Pferde beteiligten, gewonnen. Daß einer Ame­rikanerin der Sieg zufiel, ist für die Briten natür­lich schmerzlich. Denn dasGrand National" ist wie dieTimes" einenationale Institutio n". Seine Entscheidung darum nicht minder eine na­tionale. Und wie sich in Deutschland an den großen Feiertagen der Nation ein ganzes Bolk vor den Lautsprechern zum Gemeinschaftsempfang versam­melt, so Ende März das gesamte britische Bolk, um dem Verlauf des Rennens zu folgen. An diesem Tage ruhten alle Gegensätze der Parteien, schweigt aller politischer Streit, und es ist fast als ein Zei­chen nationaler Disziplinlosigkeit zu bewerten, daß das Londoner liberale AbendblattStar" zur Schlagzeile nicht den Sieger von Aintree, sondern die ebenso kriegerische wie sinnlose Protesterklärung der Opposition gegen Chamberlains große außen­politische Erklärung erhob. Sport pflegte bisher in Großbritannien ernst genommen zu werden, nicht aber in allen und jeden Fällen die Politik. Sollte hierin eine Aenderung eingetreten fein? Diese Frage stellen heißt, sich mit der Haltung Großbri- tanniens zu den vollzogenen und sich vollziehenden Ereignissen selbst befassen.

Auf die Entscheidung in Oesterreich hat die öffentliche Meinung Großbritanniens mit tödlichem Ernst reagiert, die gleiche öffentliche Meinung, die tagelang nur Interesse für dasGrand National" hatte. Ja, die Aufregung über den naturgegebenen Zusammenschluß der Deutschen im Reich und in Oesterreich grenzte geradezu an Hysterie. Diese Auf­regung ist trotz den Bemühungen der Arbeiter­partei und der Kommunisten, die Volksseele weiter kochen zu lassen und an diesem Feuer das eigene Parteisüppchen mitzuwärmen, so gut wie vollstän­dig abgeflaut. Man kann natürlich einen guten Teil der Erregung auf das Konto der Presse buchen. Wenn selbst dieTimes" von einem Ueberfaü des organisierten Apachentums auf Oesterreich" sprach, so kann man vomNew Chro- nicle" nicht erwarten, daß er sich gebildeter aus­drückt. Nun nimmt aber jede Zeitung hierzulande Rücksicht auf ihre Leser und Abonnenten. Sie wird also nicht dauernd an einer politischen Linie festhalten, die ihr nur protestierende Zuschriften einbringt, wie das ja bei der Times" zum Teil der Fall war.

Um der britischen Presse indessen etwas gerecht zu werden, ob sie das verdient, ist eine andere Frage muß man feststellen, daß die Wieder­vereinigung Oesterreichs mit dem Reich auf eine Ueberlagerung und Vermischung von Interessen, Wünschen, Absichten, Abneigungen und Zustimmun­gen stieß, die zu ordnen und zu klären schwer war und auf jeden Fall Zeit erforderte. Der gesamte Interessen- und Gefühlskomplex war ja nicht nur nach außen-, sondern auch nach inner- und partei­politischen Gesichtspunkten zu betrachten und aus­zuwerten. Und gerade die Entwicklung der letzten Tage hat erneut bewiesen, daß Oesterreich der neue Sturmbock der Opposition gegen die Regie­rung sein sollte, nachdem sich die offene Einmischung für das rote Spanien immer mehr als ein Fehl­schlag herausstellte. Ob die Opposition, die ja über feine Führer verfügt und deren außenpolitische In­teressen kein geringerer als Winston Churchill vertritt, mit ihrer Politik Erfolg hat, steht auf einem andern Blatt. Herr Attlee hält jedenfalls an ihr mit einer Verbissenheit, die einer besseren Sache würdig wäre, fest. Jeder Wahlkampf und im Hinblick auf ihn demonstrieren ja Arbeiterpartei

und Kommunisten auf der Straße, in der Presse und >m Parlament braucht seine Vorbereitungs­und Anlaufzeit. Die parlamentarische Erfahrung, man denke nur an den Sinowjewbrief, an die Pa­roleHängt den Kaiser", aber auch an die Volks-! abstimmung über den Völkerbund im Jahre 1936, j hat die Opposition anscheinend gelehrt, daß nicht alle möglichen schönen Versprechungen auf wirt­schaftlichem und sozialem Gebiet die Wähler locken, sondern eine handfeste außenpolitische Parole, hinter der das Kriegsgespenst drohend steht.

Der Mini st e rpräsident hat jetzt der Oppo­sition geantwortet. Natürlich nicht ihr allein; aber auch feine außenpolitische Erklärung im Unterhaus muß im Lichte des späteren Wahlkampfes gelesen und verstanden werden. Im Mittelpunkt der groß- angelegten und in ihren Formulierungen zweifel­los geschickten Rede des Ministerpräsidenten stand die genaue Definierung der Verpflichtungen, die Großbritannien unter seiner gegenwärtigen Re­gierung bis zum militärischen Einsatz einzuhalten gewillt ist. Als Staaten, denen gegenüber solche Verpflichtungen bestehen, nannte Chamberlain Frankreich, Belgien, Portugal, Aegypten und den Irak. Abgelehnt wurde eine gleichgeartete Ver­pflichtung gegenüber der Tschechoslowakei. Chamberlain hat sich auch nicht klar darüber ge­äußert, ob die Verpflichtungen, die Großbritannien aus seiner Zugehörigkeit zur Genfer Liga er­wachsen, in jedem Falle bindend sind. Er hat ledig­lich erklärt, daß die Probe auf die Politik der kollektiven Sicherheit fehlgeschlagen sei. Auch die Beantwortung der Frage, ob eine kleinere, aber mächtigere Staatengruppe die Probleme besser mei­stern könne, wurde offengelassen, vor allem mit dem Hinweis darauf, daß nur ein stark bewaff­netes England einer solchen Gruppe beitreten könne.

Trotz der Ablehnung einer direkten britischen Ga­rantie für die Tschechoslowakei ist Chamberlain einen Schritt weitergegangen. Mit der Feststellung, daß rechtliche Bindungen allein nicht maßgebend seien, wo es um Krieg und Frieden gehe, und mit dem Hinweis darauf,daß der unvermeidliche Druck der Tatsachen sich vielleicht als stärker erweisen würde als formale Erklärungen", ist Chamberlain den französischen Wünschen erheblich entgegengekommen. Seine Ausführungen zu diesem Punkte können ja nur so verstanden werden, daß in einem Konflikt, bei dem Frankreich aus seinen Bündnisverpflichtungen heraus der Tschechoslowakei zu Hilfe eilt, England nicht automatisch, wohl aber mit großer Wahrscheinlichkeit auf Seiten Frank­reichs stehen würde. In der Tschechoslowakei und in Frankreich sind diese Ausführungen Chamber­lains auch so verstanden worden. Ob diese britische Eventualgarantie dem Wunsche dienlich ist, die guten Dienste der britischen Regierung bei einer Vermittlung zwischen der Prager Regierung und her deutschen Volksgruppe anzubieten, möchten wir bezweifeln. Wir wissen diese guten Dienste zu schät­zen; die Erfahrung hat uns "aber gelehrt, daß jede außenpolitische Rückenstärkung Prags und eine solche stellt Chamberlains Erklärung ja zweifellos dar in Prag nur allzu oft die Wirkung hatte, daß über die Wünsche der Minderheiten mit Achsel­zucken hinweggeschritten wurde. Nicht Deutsch-, land hat ja um dieses zum Abschluß zu sagen die tschechoslowakische Frage zu einem Problem gemacht, dessen Lösung die Staatsmänner unablässig beschäftigt, sondern umgekehrt die Staatsmänner der Demokratien und ihre Presse haben sie künstlich konstruiert, um mit ihrer Hilfe den natürlichen Ordnungs- und Klärungsprozeß in Mitteleuropa aufzuhalten.

Menschast im Dienst der Wirtschaft.

H

I

Der Vierjahresplan des Führers sichert dem deutschen Volk die Wirtschaftsfreiheit. Er macht Deutschland unabhängig von jenen Stoffen des Auslandes, die durch unsere Fähigkeit, durch unsere Chemie und Maschinenindustrie sowie unseren Bergbau beschafft werden können. Gib auch Du dem Führer neue Kraft, indem Du Dich zu ihm bekennst: Am 10. April Dein Ja dem Führer.

Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte

Don Ernst von Aiebelschüh.

Wieder einmal macht der Maschinenmensch seine Runde, derRoboter", der seit dem Metro- polis-Film nicht aufgehört hat, auf die Nerven der Menschen einen merkwürdigen Kitzel auszuüben, ihre Einbildungskraft mit Bildern ferner Möglich­keiten zu erfüllen und ihren Erfindungsgeist dazu anzuspornen, ein Wesen auf die Beine zu stellen, das ihnen selbst ähnlich sei, auch wenn es nur eine Atrappe aus Stahl und Leder ist.

Diese unheimliche Aussicht ließ drei junge böh­mische Artisten nicht ruhen; sie begannen Geld xu sparen, denn ihr Roboter sollte an Präzision alle seine Vorgänger übertreffen, nach Möglichkeit sogar sein lebendiges Ebenbild, den Menschen selber. Das ist ihnen denn auch gelungen, sofern man nämlich zugibt, daß keineswegs alle Menschen imstande sind, größere Zahlenwerte zu dividieren oder zu sagen, welche Minute die Uhr gerade anzeigt. Der Ma- schinenmensch kann das alles, fein Ohr ist ein Mikro­phon, fein Auge eine lichtempfindliche Seelenzelle, Tausende von Drähten laufen durch feinen Körper

würzig mild - mit dem bekannten Schinkenbild!

und bilden eine Art Nervenapparat, der auf jeden Anruf von außen so reagiert, daß man meinen könnte, der Roboter handele aus eigenem Antrieb. Einer dieser Drähte steht sogar mit einer elektrischen Säugpumpe in Verbindung, die es ermöglicht, den künstlichen Menschen rauchen zu lassen, andere wie- der lösen einen Phonographen dergestalt aus, daß in den staunenden Zuhörern die Vorstellung des selbsttätigen Sprechens entsteht.

Das alles wird voll Augenzeugen bestätigt, so daß kein Grund oorliegt, an dem Roboter als einem technischen Wunderwerk zu zweifeln. Woran man allein irre werden kann, daß er in dem Maße, wie es hier geschieht, die Phantasie des homo sapiens beschäftigt und einen solchen Grad von Aktualität, sa sogar Popularität zu erlangen vermag. Das erst macht den Fall psychologisch interessant. Alle Er­findungen der Menschheit gehen doch auf eine Sehn­sucht der Vernunft nach besseren, vollkommeneren Zuständen zurück; man erfindet nichts, was nicht als das Wunschziel einer künftigen Entwicklung vor dem geistigen Auge steht. Der nur von außen an- gefurbeite Mensch, die Marionette, der Mensch ohne Seele sollte er wirklich das Ideal einer Zeit sein, die auf weiten Strecken unserer Erde im Begriff ist, aus Ueberbüröung mit Technik den Menschen selber zu verlieren?

*

Die vorstehende Betrachtung schließt freilich nicht aus, daß wir unter besonderen Umständen durchaus geneigt sind, den toten Dingen so etwas wie ein Herz zuzutrauen. Nicht immer sind sie sosachlich", wie sie scheinen; es können Verhältnisse eintreten, die Beziehungen können sich so vermenschlichen, daß ein Teil der Schicksale, die sich an ihnen, um sie herum abgespielt haben, auf sie übergeht. Alle An­denken an liebe Menschen, sie mögen an sich noch so wertlos sein, haben etwas von dieser ganz per­sönlichen Färbung, sie vertreten gleichsam das Le­bendige, in dessen Besitz sie einst waren.

Da rostet in einer Schlucht dicht bei der transjordanischen Stadt Es-Salt, halb überdeckt vom Sande der Wüste, eine alte, jetzt wie­der aufgefundene Kanone. Sie gehörte vor zwan-

Freundschaft mit Büchern.

Don Karl Heinrich Waggerl.

Aus meinem Kindesalter sind mir zwei Bücher in dauernder Erinnerung geblieben, ein geistliches und ein weltliches. Das eine war das Gebetbuch meiner Mutter. An Sonntagen, wenn ich neben ihr im Kirchehstuhl hockte und nach und nach alles versuchte, was sich mit bloßen Händen und Füßen gegen die Langewelle erfinden läßt, dann sah die Mutter plötzlich zürnend auf mich nieder und gab mir das heilige Buch.

Sie hätte sichtlich gern ein Kopfstück voraus- geschickt, aber das durfte sie hier nicht tun, die Kirchenbank war eine Freistatt aller Sünder. So saß ich also beglückt und warm zwischen weiten Frauenröcken eingebettet, hielt das Buch auf meinem Schoß und blätterte darin. Schon der Druck war wunderlich genug, groß und verschnörkelt, Gottes oder Christi Namen standen immer rot da­zwischen und füllten eine ganze Zeile aus. Ich buch­stabierte die seltsamen Anrufungen und Litaneien, darin die Mutter Gottes ein elfenbeinerner Turm genannt wird, ein goldenes Haus oder eine Arche, und sie nimmt es nicht übel. Vor allem aber be­trachtete ich immer wieder die vielen losen Bilder zwischen den Blättern. Da gab es Andenken an Wallfahrten, die sich meine gute Mutter für das Heil der Ihren auferlegt hatte, manche kostbar be­malt oder mit Goldstaub bestreut, und andere, die man auseinanderfalten konnte, und dann kam Unsere Liebe Frau zum Vorschein, schwarz von Angesicht und ein wenig einer gesprenkelten Motte ähnlich. Auf etlichen Blättern sah man Heilige ab­gebildet, die wurden einem nach der Beichte mit­gegeben, damit der Büßende nicht ganz ohne Trost und Beistand blieb. «

Am zahlreichsten aber waren die Sterbebllder. Ich fand unsere ganze jenseitige Verwandtschaft im Gebetbuch der Mutter versammelt. Einige habe ich selber bei Lebzeiten gekannt, dann waren sie plötz­lich verschwunden, und eine Weile später tauchten sie in diesem Buche wieder auf. Diele aber waren mir ganz fremd, die Mutter nannte mir ihre Namen, wenn ich sie auf dem Heimweg danach fragte, und manchmal knüpfte sie auch ein mahnen­des Wort daran. Der war liederlich, sagte sie, und deswegen ließ ihn Gott in den Wildbach fallen, merk dir das! Noch schlimmer stand es mit anderen, ettva wie unserem Großvater, von dem die Sage ging, daß er als Bergführer eine Goldader ent­deckt hatte, aber vorzeitig krank wurde und als der düstere Mensch, der er war, mit seinem Geheimnis zu Grabe ging! Manchmal, wenn ich sommers um Beeren geschickt wurde, nahm ich heimlich sein Bild mit mir, des Glaubens, er werbe es sich doch nicht versagen können, ein bißchen das Gesicht zu ver­

ziehen, wenn ich zufällig seinem Schatz auf die Spur käme. Aber das tat er nicht, er blieb ver­schlossen, ein unheimlicher Mann mit seinem schwarzen Wangenbart, Gott verzeihe ihm! Wir könnten alle in Frieden leben, wenn er nur recht­zeitig den Mund aufgetan hätte.

Das andere, das weltliche Buch, aber war der Kalender. Den kaufte der Vater im Spätherbst auf dem großen Jahrmarkt, und wenn der dicke Band endlich erstanden war und sicher in meinen Armen Ipg, dann hatten die Buden mit ihren Knallbüchsen und Rollschlangen, mit Lebkuchen und türkischem Honig keinen Reiz mehr für mich. Denn der Ka­lender barg unerschöpfliche Schätze an Kurzweil und Erbauung für ein ganzes Jahr. Die eigentlichen Kalenderseiten blieben freilich der Mutter Vorbehal­ten. Sie merkte dort an, wenn nach der Gestatt des Mondes und nach den Tierkreiszeichen unsere Haare geschnitten oder die Bohnen im Garten gelegt wer­den mußten. Das war eine geheime und weitläufige Wissenschaft, in der nur die Mutter Bescheid wußte, und selbst der Vater zweifelte offenbar nicht daran, daß sie es gewissermaßen in ihrer Macht hatte, uns alle mit krausem Haar vom Widder ober mit glattem vom Wassermann zu versehen.

Aber der übrige Teil des Kalenders gehörte mir. Wochen brachte ich allein damit zu, die Bilder alle farbig auszumalen ober nach meinem Gefallen zu ergänzen, unb bann waren noch immer bie Geschich­ten noch nicht gelesen, bie Merkwürdigkeiten der Wett nicht bestaunt, kein RMel war gelöst und fein Spaß verstanden. Beiläufig gesagt, ich konnte mich an Scherzen überhaupt nicht belustigen, ich wollte jeden ergründen. War etwa von dem Gast bie Rebe, dem der Kellner die Fliege in der Suppe als Fleischgericht anrechnete, so plagte ich den Vater tagelang mit dieser Fliegengeschichte, sie war für mich kein Scherz, sondern eine bitter ernste Rechts> frage.

Bitter ernst nahm ich auch alle anderen Erzäh­lungen. Der Kalendermann hatte einen seherischen Blick für alles Rätselhafte und Künftige, und wenn­gleich die Mutter meinte, ein Mensch werde niemals fliegen lernen, es holte ihn denn der Teufel durch die Lüfte, wie es zuweilen vorgekommen sei, so glaubte ich doch an das Wunder, und mein Glaube hat recht behalten. Ich las die Berichte von den Aben­teuern frommbeherzter Missionare, die ergreifenden Beispiele vom Kampf der Tugend gegen die Mächte der Finsternis ach, nie wieder im Leben ist mir das Gute so liebenswert, das Böse so verächtlich er­schienen! Manche dieser Geschichten könnte ich heute noch nacherzählen, heute freilich nicht ohne ein Lä­cheln. Aber vielleicht macht es gar nicht sehr viel aus, daß ich zuallererst bei einem einfältigen Kalender­macher statt bei einem größeren Licht des Geistes in die Lehre ging. Und heimlich hole ich mir ja noch immer Rat'aus der Erinnerung, wein mein eigener Witz versagt unb alle Weisheit, die auf Stelzen geht.

Um jene Zeit kamen auch andere Bücher in meine Hand, aber die meisten waren mir viel weniger lieb. Denn zwischen der ersten Fibel und dem Leitfaden der Naturgeschichte für die Oberstufe senkte sich immerfort Schulstaub unb Mühsal auf meine Kinber- helt herab. Die Mutter hätte es für sündhaft gehalten, ein Buch zu kaufen, das nicht zum Lernen oder sonst für einen nützlichen Zweck taugte. Ich aber war um so eifriger hinter allem Gedruckten her, und beson­ders die Ruhebänke auf den Promenaden hielt ich im Auge, weil vergeßliche Kurgäste dort manchmal ihre Bücher liegen ließen. Brachte ich fo einen Fund nach Hause, so verschloß ihn die Mutter gleich in der Nählade, damit ich nicht daran verdürbe. Aber ich hatte das Buch schon längst gelesen, weit schneller, als meine gute Mutter es für möglich hielt, und sie wunderte sich nicht wenig, daß ich ihr Fortgang unb Enbe gleichsam weissagen konnte, wenn ihre eigene Neugier noch kaum über die ersten Seiten hinaus war.

Eine dieser Geschichten ist mir schon damals vor allen lieb gewesen, nämlich bie des schiffbrüchigen Robinson. Das Buch gehörte dem Sohne des Doktors in der Nachbarschaft, unb weil es ihm streng verboten war, mit uns Gassenkinbern umzugehen, mußte ich meinen ganzen Scharfsinn baran wenden, bis ich diese Kostbarkeit endlich durch einen recht anrüchigen Kunstgriff beim Kugelspiel an mich bringen konnte.

Ich besaß den Band noch, als ich längst den Kin­derstrümpfen entwachsen war und meine Jugend in den Schützenlöchern und Kavernen der Gebirgsfront begraben mußte. Irgendwo verlor ich dann bas Buch auf ben endlosen Märschen ober in ber traurigen Dämmerung ber Gefangenschaft, ich weiß es nicht mehr, damals verlor ich viel. Es gesellte sich auch in diesen Jahren manches andere Buch zu mir und wurde nicht eben wert gehalten, aber einige blieben mir doch dauernd, aus Zufall ober weil sie mir wahr­haft teuer waren.

Später, als ich in die Stille geriet unb mein Leben im Dorf einzurichten begann, fügte es sich bei meinem Hang zum Handwerk ganz von selbst, daß ich mich mehr und mehr auch mit dem Aeußeren des Buches befaßte, mit feiner dinglichen Gestalt. Viele vergilbte Schwarten habe ich mühsam zerlegt, um ben alten Meistern hinter ihre Schliche zu kommen. Ich sah mit Bewunberung, wie sie den Vorsatz falzten ober bas Kapital umstachen unb noch den Heftfaden kunstvoll über die Bände schlangen, obwohl bas doch nie jemand zu Gesicht bekam. Schließlich lernte ich es auch, unb baran habe ich noch immer meine Freube. Stehe am Schrank vor den schön gewandeten Büchern, befühle bas köstliche Leder, schlage eins unb bas andere auf und suche darin nach dem Wort, das mir lieb ist. Unb so wird es wohl auch bleiben: am liebsten binde ich Bücher, weniger gern lese ich sie, unb am wenigsten mag ist sie selber schreiben.

An einem Haar ...

Vor fünf Jahren würbe in Sofia der Rechts­anwalt Dr. Gavrilow ermordet. Passanten ent­deckten ben Toten in einer Seitengasse der Stabt. Vergebens suchte die Polizei nach Spuren, die den Täter hätten verraten können. Nur ein einziges Haar fanden die Beamten in der Faust des Er­mordeten. Gavrilow hatte es wahrscheinlich im Kampf mit dem Mörder dem Unbekannten ent­rissen. Ader was sollte man mit diesem Fundstück beginnen? Es schien gänzlich wertlos.

Die Kriminalpolizei bewahrte es dennoch sorg­fältig auf und untersuchte es in ihrem Laboratorium. Nur wenige wissen, daß auch bas Kopfhaar bei verschiedenen Menschen eine verschiedene Struktur besitzt. Diese Abweichungen, bie natürlich nur mikro­skopisch erkannt werben können, sind zwar sehr ge­ringfügig,. aber sie genügen boch, um bas Haar eines Menschen von bem eines anderen sicher zu unterscheiben. Auf biefe Tatsache baute die Krimi­nalpolizei ihre weitere Arbeit. Da man keine ande­ren Anhaltspunkte für bie Verfolgung bes Mörbers befaß, so wurden die bulgarischen Polizeibehörden angewiesen, künftig bei allen neuen Verhaftungen nicht nur bie' Fingerabbrücke ber Verhafteten, son- bern auch eine Haarprobe nach Sofia zu senden.

Unzählige Leute mußten in ber Folgezeit Haare lassen, viele Proben gingen nach Sofia, aber bas gesuchte Haar war nicht barunter. Spottlustige Beamte machten sich über diese seltsame unb um- stänbliche Methode, einen Verbrecher zu verfolgen, lustig. Die Jahre vergingen, ohne daß die Kriminal­polizei ben Täter entdeckte. Aber fast genau fünf Jahre nach jener Bluttat gab es eine große lieber» raschung im Laboratorium bes Präsibiums zu Sofia: ber Beamte, ber seit 1933 die eingefanbten Haarproben untersuchte, melbete, er habe soeben bas richtige Haar gefunben. Es weise eine genaue Uebereinftimmung mit dem Funbstück von damals auf.

Nachforschungen ergaben, baß bas verbächtige Haar einem gewissen Wlabimir Wilkow gehöre, ber wegen Urkundenfälschung verhaftet war. Ob­schon die beiden Haare verdächtig genug waren, genügten sie doch nicht für einen schlüssigen Beweis. Man entschloß sich daher, Wilkow, der zweifellos die Tat leugnen würde, zu überrumpeln. Als er in tiefem Schlaf in feiner Zelle lag, weckte ihn ein Beamter und fragte ihn:Was haben Sie denn mit dem Revolver gemacht, nachdem Sie Gavrilow erschossen hatten?" Der schlaftrunkene Häftling rieb sich verwirrt die Augen und erwiderte:Wegge* warfen habe ich ihn!" Damit hatte er ein unfrei­williges Geständnis abgelegt, das die Feststellung der Haaruntersuchung bestätigte unb Wilkow auf bie Anklagebank bringen wird. MW.