Geigenbogen, Taschentücher, Raubtiersallen
Deutsche Epeziatarbeiten, die sich die Wett eroberten.
Die Offenbacher Lederwaren gehören in der ganzen Welt zu dem täglichen Gebrauchsgut der Herren- und Damenwelt. Die Feintäschner und Feinsattler, wie man diese erfindungsreichen Handwerker bezeichnet, bringen alljährlich Tausende von Artikeln auf den Markt, die in alle Zonen und Breitengrade exportiert werden. Die Offenbacher verstehen es, den Geschmack eines jeden Volkes und einer jeden Gesellschaftsschicht herauszufinden. Das gilt für Damentaschen und Reiseartikel, für Geldbörsen, Markttaschen, Brieftaschen und Etuis und für alle sonstigen Kleinlederwaren, die die Fein- täschner in reicher Fülle herstellen Die Feinsattler, die Picknickkoffer, Scheeibmappen, Trinkbecher und Aktenmappen in handgenähter Sattlerarbeit in reichhaltigen Kollektionen entstehen lassen, bevorzugen das Rindleder. Die Feintäschner dagegen verwenden Juchten- und Schweinsleder, sowie die Haut von Krokodilen, Schlangen, Eidechsen, Haien und Fröschen. Auch Ziegen, Schafe, Pferde und Rehe müssen ihre Haut hergeben, damit die Offenbacher Qualitätserzeugung in reicher Fülle auf den Markt gebracht werden kann. Die Wertarbeit, die hier geleistet wird, hat den Ruf des guten deutschen Fertig-Erzeugnisses mit begründet.
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Eine Spezialität des gxoßen internationalen Wirtschaftsplatzes Leipzig ist die Rauchwarenversteigerung. In der deutschen Messestadt treffen sich alljährlich die Fachleute des Rauchwarenhandels der ganzen Welt, um an den berühmten Versteigerungen teilzunehmen. Die Leipziger Versteigerer üben ihr Gewerbe auch im Auslande aus, beispielsweise in Skandinavien (früher auch in Rußland). Die Versteigerung von Rauchwaren erfordert eine besondere Vertrautheit nut dem Handelsgut, das versteigert werden soll, und außerdem eine geschäftliche und technische Gewandtheit, die nur durch langjährige Praxis erworben werden kann. Die Ueberlieferung von Jahrzehnten bietet die Gewähr dafür, daß trotz mancher Schwierigkeiten die Leipziger Rauchwarenversteigerer ihr internationales Ansehen bewahren und ihre geschäftliche Vorzugsstellung erhalten.
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Uralt und weltberühmt ist der Geigenbau von Markneukirchen. Die Musikinstrumente, die hier hergestellt werden, gehen seit 300 Jahren über die ganze Erde. Weniger bekannt ist, daß sich beim Geigenbau in den letzten 150 Jahren eine weitgehende Spezialisierung herausgebildet hat. So gibt es ein Saitenmacherhandwerk, das im Vogtland zu Hause ist, und ein B o g e n m a ch e r Handwerk, das mehrere Meister in Markneukirchen betreiben. Die einzige Saitenmacher-Jnnung, die es in Deutschland und wahrscheinlich auf der ganzen Welt gibt, befindet sich in Markneukirchen. Musiksaiten,'aber auch Tennissaiten und technische Saiten werden aus getrockneten Rohdärmen hergestellt. Es handelt sich 'dabei meistens um Schafdärme, die einen chemischen Behandlungsgang durchmachen müssen, bevor sie dem Saitenmachekhandwerker als Werkmaterial dienen können. Die Erzeugnisse des Saitenmacherbandwerks sind ein begehrter Exportartikel. Die Bogenmacher sind wahre Künstler in der Feinmechanik und in der Bearbeitung des Holzes. Ebenso wie die fertigen Geigen tragen auch die fertigen Geigenbogen häufig den Rmnen des Handwerksmeisters, der sie geschaffen hat. Die meisten Bogenmacher stellen den handelsüblichen Bogen für Geigen, Baß, Cello und Violininstrumente her. Alle diese Meister sind bestrebt, deutsche Handwerks- Wertarbeit zu leisten. *
Das schlesische Land ist von jeher eine Hochburg der Woll- und Leinen-Weberei gewesen. Nachdem die Ablösung der alten Handwerksbetriebe durch die Fabriken im Laufe des 19. Jahrhunderts vor sich gegangen war, entwickelte sich in der Stadt Lauban das S p e z i a l g e w e r b e der Taschentuchhersteller. Annähernd 50 Fabriken stellen täg - lich 30 000 bis 40000 Taschentücher her und 400 000 bis 500 000 Stück werden, nachdem die Folgen der Krisenzeit überwunden worden sind, in
alle Teile Deutschlands und in andere Länder versandt. Man hat ausgerechnet, daß über 90 v. H. des deutschen Taschentuchbedarfs in Lauban hergestellt wird. Es gibt viele hundert Taschentuchmuster in allen Farben. Bevorzugt wird jedoch immer noch das weiße Taschentuch. Die reinleinenen Taschentücher, die natürlich auch noch hergestellt werden, sind in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger durch baumwollene abgelöst worden. In Lauban leben mehrere tausend Menschen von diesem Industriezweig, der ein Erzeugnis liefert, das in allen Kulturstaaten täglicher Gebrauchgegenstand geworden ist.
Eine andere schlesische Spezialität ist die Raubtierfallenindustrie, die seit etwa 70 Jahren ihren Sitz in Haynau hat. Haynauer Raubtier- fallen werden nicht nur in Deutschland und anderen europäischen Kulturstaaten, sondern auch in Afrika, in Indien, in Australien und Südamerika verwandt. Die Löwen- und Tigerfallen, die in der kleinen Stadt an der Deichsa hergestellt sind, haben schon manchen König der Wüste und des Dschungels in die Gefangenschaft geführt. Außerdem mbt es Netzfallen und Schlagnetze, durch die Kleinvögel unverletzt gefangen werden. Dann gibt es Habichtkörbe und' Rauboogelfallen, sowie eine besonders konstruierte Falle, die den Maulwurf überlisten soll. Die Kastenfallen für Kaninchen sind so gebaut, daß das gefangene Tier geschont wird und VÄch nicht wieder ins Freie gelangen kann. Die meisten Teile, die für die Herstellung von Raubtierfallen benötigt werden, werden mit der Hand hergestellt. Es handelt sich dabei um eine Präzisionsarbeit, die ein hohes technisches Können verlangt. Alle Jäger der Welt kennen die Raubtierfallen aus Haynau in Schlesien. ki. 1).
Kunst und Wissenschaft.
Trauerfeler für Thilo von Trotha und Hellmuth Ade.
Im Krematorium Berlin-Wilmersdorf fand die Trauerfeier für den infolge eines Autounfalls verunglückten Hauptstellenleiter Thilo von Trotha und seinen Mitarbeiter Hellmuth Ade statt. Unter den zahlreichen Ehrengästen bemerkte man u. a. den norwegischen Gesandten Scheel, den finnischen Gesandten W u o r i m a a , den schwedischen Gesandten Richert, die Mitarbeiter des Amtes Rosenbergs, Vertreter des Auswärtigen Amtes, des Innenministeriums und des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, der Wehrmacht, der Ordensburgen und der Gliederungen der Bewegung. Reichsleiter Rosenberg gab ein Bild von dem Schaffen und Wirken Thilo von Trothas und seines Mitarbeiters A d ö. „Wir sind", so führte er u. a. aus, „der festen Ueberzeugung, daß kein Dienst an den höchsten Werten des Lebens vergebens sein kann. Jeder der Toten hat sich bemüht, diesen Werten zu dienen". Thilo von Trotha habe zusammen mit seinem Kameraden alle Gebiete nordischer Kultur, Kunst und Wissenschaft bearbeitet und mitgewirkt, in Lübeck ein kulturelles und wissenschaftliches Zentrum aufzubauen. In selbstschöpferischer Arbeit habe er das deutsche Drama und die deutsche Kunst mitgestalten helfen.
Frühjahrsneuerscheinungen der Deutschen Verlags-Anstalt.
Die Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart-Berlin, wird im Laufe der nächsten Monate folgende Werke veröffentlichen: Johannes Müller, „Von der Würde des Menschen", 8 Aufsätze; Tania B l i x e n , „Afrika, dunkel lockende Welt", aus dem Englischen übertragen von Rudolf von Scholtz; Julius Kiener, „Reise nach Trias", ein phantastischer Roman; Jochen Klepper, „In tormentis pinxit", Bilder und Briefe des Soldatenkönigs; Maria von Ribbentrop, „Seit an Seite", Gesänge; Ellen S o e d i n g , „Umweg zum Frieden", Roman. — Weitere in Vorbereitung befindliche Werke: Lin P u t a n g , „Weisheit des lächelnden Lebens", aus dem Englischen übertragen von W. E. Süskind; Sir James Jeans, „Die Musik und ihre physika
lischen Grundlagen", aus dem Englischen übertragen von Gustav Kilpper jr.; I. B. Rhine, „Neuland der Seele". Illustriert. Uebersetzt und mit einer Einführung von Geheimrat Professor H. Driesch.
Ein wiederenldeckles Bild von Vermeer.
Nachdem erst kürzlich die aufsehenerregende Nachricht von der Entdeckung eines Gemäldes des Gior- gione im Frankfurter Städel durch die Zeitungen ging, kommt soeben die nicht minder sensationelle Meldung aus Rotterdam, daß ein dort unlängst bei einer Versteigerung alten Hausrates entdecktes Gemälde als ein Werk des berühmten Jan Vermeer van Delft aus dem Jahre 1660 anzusprechen sei. Es handelt sich um eine Szene aus dem Leben Jesu: „Christus und die Jünger von Emmaus ; man sieht in der Bildmitte, die Darstellung beherrschend, die Gestalt Christi am Tisch, rechts und links je einen Jünger, im Hintergrund die Magd nut dem
Brot, das Christus brechen wird. Es handelt sich allerdings nicht um eine völlige Neuentdeckung, wie ursprünglich angenommen worden war, sondern em seit langem aus dem Gesichtskreis der Oeffentlichkeit verschwundenes Werk ist wieder aufgetaucht: es sollte aus Familienbesitz nach England verkauft werden, doch gelang es dem Direktor des Rotterdamer Boymans-Museums — mit Hilfe namhafter Spenden einer vorbildlich opferfreudigen Bürgerschaft — das Werk für die Stadt Rotterdam zu sichern. Der Preis soll um 500 000 Gulden liegen (1 Gulden = 1,38 Mark). Jan Vermeer van Delft (1632 bis 1675) gilt als der bedeutendste Jnterieurmaler und der hervorragendste Kolorist, den das an künstlerischen Begabungen reiche Holland je hervorgebracht hat. Von seinen Werken sind nur etwa 40 erhalten, bzw. bekannt geworden. Um so größere Bedeutung kommt der Wiederentdeckung zu.
Massenflucht in China.
Don unserem gr.-Korrespondenien.
P e k i n g , im Februar.
Von den 6 Millionen Städten Chinas sind 4 in der Hand des „Feindes". Nur in Hankau und Kanton wirken noch die Amtsstellen der Kuomintang, während in Peking, Tientsin, Schanghai und Nanking die japanischen Besatzungsbehörden das entscheidende Wort zu sprechen haben. Der Ring, der das eigentliche China umschließt, zieht sich enger zusammen. Flüchtlinge, feindliche Flieger und evakuierte Ministerien und dazu die Isolierung von der Außenwelt haben das Leben im Innern Chinas tausend und mehr Kilometer hinter der Front in Mitleidenschaft gezogen.
Die Massenflucht war die erste für chinesische Begriffe selbstverständliche Reaktion auf die Kämpfe. In seiner langen Geschichte hat China so viele Invasionen aus dem Norden und aus dem Osten erlebt, und immer waren die reichen Leute, die Leute, die bare Geldreserven besaßen, der Weltgeschichte aus dem Wege gegangen. Man fuhr nach dem Süden od?r ins Innere und wartete ab, bis die Kriegsstürme sich beruhigt hatten. Später fuhren die jüngeren Mitglieder der Familie in die Heimat zurück und erkundeten die Lage, erforschten, was von dem alten Besitz noch zu retten war, und gaben im geeigneten Moment das Signal zur Rück- kchr. In Europa denkt man vielleicht viel zu wenig an das Leben der Vergangenheit. Dem Chinesen aber ist bisher noch nicht klar geworden, daß die Welt und die Voraussetzungen des Lebens durch die Fortschritte der Technik sich grundlegend geändert haben.
Die chinesische Massenflucht von 1937 war eine Panik. Die Bedingungen des modernen Krieges waren doh den Chinesen, auch den westlich gebildeten, kaum verstanden worden. Zum mindesten waren ihnen erlernte Kenntnisse nicht in Fleisch und Blut übergegangen, und gerade im Augenblick der Gefahr kam die Primitivität des chinesischen Denkens und Handelns zum Vorschein. Schon vor dem Ausbruch der Kämpfe bekam man von Leuten in der Großstadt Sachen zu hören, die einen den Kopf schütteln ließen, wie dieses Volk sich im Augenblick der Gefahr benehmen würde. Ich entsinne mich noch der chinesischen Studentin, mit der ich mich vor ein paar Jahren bei einer Fliegerschau über Luftangriffe unterhielt. Sie sah auf die grauen Punkte hoch oben in der Luft und meinte beruhigt: „Wenn die Flieger so hoch sind, können sie mit ihren Geschossen die Erde doch überhaupt nicht erreichen; die Entfernung ist viel zu groß".
Die Massenflucht wurde zuerst seltsamerweise von den chinesischen Behörden, vor allem von dem Militär, b e g ü n st i g t. Die Evakuierung der Millionen entsprang ungefähr der gleichen Geistesrichtung, mit der die Russen 1812 ihren Widerstand gegen Napoleon geführt haben. Die Vorstellung von den u n - begrenzten Weiten des eigenen Landes und dem Feind, der darin verhungern muß, wenn er zu tief ins Innere vordringt. Das chinesische Denken steckt noch in der Zeit vor hundert Jahren. Daß China heute übervölkert ist und sich eine solche Evakuierung bei abgeschnittenem Import und völlig zurückgebliebenen Verkehrsmitteln nicht leisten kann,
wollten selbst solche Chinesen nicht glauben, die europäische Bildung genossen haben. Ebenso wenig, daß man mit der heutigen Technik die notwendigen Entfernungen für alle Armeetransporte überbrücken kann. China hat den Krieg der E r s ch ö p f u n g begonnen, und man sieht heute überall, wie es sich selbst erschöpft.
Eine Schätzung, die natürlich nur oberflächlich fein kann, besagt, daß sich heute in den besetzten Gebieten etwa 25 Millionen Menschen weniger befinden als in früheren Zeiten. Da sicherlich Millionen ums Leben gekommen sind, müßten immerhin einige zwanzig Millionen ins Innere gezogen sein. Aber es gab z u viele Flüchtlinge. Man konnte für die Leute nichts mehr tun. Sie liegen auf ihren Matten noch irgendwo in den Städten des Jangtfe- tales. Taufende gehen zugrunde. Aber der größte Teil dieser Flüchtlinge ist verschwunden. Man weiß heute, wohin sie gegangen sind. In den bergigen Südprovinzen sind die Flüchtlinge der Terror der ortsansässigen Bevölkerung geworden. Viele haben Waffen mitgebracht. K i a n g s i war oft als die Provinz bezeichnet worden, in die Tschiangkaischek sich zurückziehen würde, falls China die Küstengebiete in einem Konflikt mit Japan räumen muß. Aber gerade in dieser Provinz hat die Zentralregierung zuerst die Autorität verloren.
Eine andere Gruppe von Flüchtlingen hat Geld und Wertsachen mitgebracht. Wenn es sehr begüterte Familien sind, haben sie außerdem Auslandsguthaben. Aber diese Chinesen sind größtenteils schon nicht mehr in der Heimat. Selbst die höchsten Exponenten der Staatsmacht haben wenigstens ihre Frauen nachdembri'tischenHong- k o n g geschickt. Die andern verbrauchen zuerst ihr Geld und suchen chre Wertsachen flüssig zu machen. Wertvolle Bilder, seltene Bronzen und Brokate werden heute im Innern zu einem Hundertste! ihres früheren Preises angeboten. Dabei hat Inner-China eine „Hungersnot-Teuerung". Gewiß, mit europäischen Mitteln und einer gesicherten Existenz lassen sich die Preise immer noch bezahlen. Aber für den Chinesen ist die Teuerung unerträglich, weil jeder Verluste hat. Dabei war die Ernte des letzten Jahres gut. Man wirft den Bauern vielfach vor, daß sie mit ihrem Reis, ihrem Weizen und ihrem Bohnen unberechtigte Profite machen. Auch das ist falsch. Der Bauer verliert wie jeder andere. Denn was er am Reis verdient, verliert er an seinen anderen Kulturen. Gerade Mittelchina war die Pflanzstätte der vielen chinesischen Sondererzeug- nisse. Holzöl, Gallen, Kantariden-Käfer, Baumtalg, Eier und -erzeugnisse usw. Alle diese Exportartikel liegen heute unverkäuflich auf dem Markt.
Die Zentralregierung, die die Verantwortung für die chinesische Zukunft hat, ist über verschiedene Städte verstreut. Sie will bis zum letzten ausharren. Es wird mobilisiert. Die ortsansässigen jungen Leute, Söhne der Bauern und Städter, erhalten militärische Ausbildung. Es gibt vielfach wirklich Begeisterung und fast überall einen fanatischen Haß. Aber die Flüchtlinge erzählen zu viel von den Schrecken der japanischen Waffen, die ein Gewitter ohne Ende sind.
Nelkenkomödie.
Von Christian Bock.
Wenn er sich alles der Reihe nach, etwas nüchtern und genau überlegte, war es ja reichlich komisch, daß er sich da mit einer jungen Dame verabredet hatte, die er absolut nicht kannte, die nur am Telephon so eine reizende Stimme zu haben schien.
Geradezu dumm war das. Eine falsche Verbindung, weiter nichts. Eine Laune, in der er diese falsche Verbindung eine Weile aufrechterhielt, und sich dann — absolut kindisch — mit der jungen Dame verabredete. Noch dazu in einer Konditorei. Und noch dazu mit einer Nelke im Knopfloch.
Aber naja! Weil er nun mal zur Konditorei schon unterwegs war.
Sogar seinen Namen hatte er gesagt: Hans Keller. Nur von der naiven Offenheit verführt, mit der sie gleich ihren Namen genannt hatte: Ellen Ostry. Komischer Name: Ostry.
Knapp ein paar Schritte vor der Konditorei fiel ihm immerhin noch etwas Gutes ein: Er brauchte sich wenigstens nicht gleich zu verraten, er könnte sich ja die junge Dame mit aller Ruhe erst einmal ansehen, wenn er die Nelke, die er unter dem Mantel am Rockaufschlag trug, einstweilen in die Tasche steckte.
Um das rasch noch zu erledigen, ging er ein Stück an der Konditorei vorbei, zerrte die Nelke aus dem Knopfloch, praktizierte sie in die Tasche, kehrte dann um und ging hinein. *
In diesem Augenblick entdeckte eine junge Dame in der Konditorei, daß sie vergessen hatte, sich zu Hause schon die Nelke anzustecken, an der sie hier ein gewisser Herr Keller erkennen sollte: die Nelke lag in der Handtasche.
Aber sah das nicht reichlich albern aus, hier mitten im Caf6 eine Nelke aus der Tasche zu kramen und anzustecken? Sie sah in die Tasche: die Nelke war da. Sie wollte schon danach greifen, sie zögerte noch und sah sich etwas um, aber bann hatte sie einen guten Einfall: Ich werde warten!, fiel ihr ein. Ruhig abwarten! Und wenn dann hier ein Herr hereinspaziert mit einer Nelke am Rockaufschlag, werde ich mir den Herrn erst einmal ansehen und noch überlegen, ob ich mir meine Nelke aus der Tasche hole — oder nicht. Vielleicht auch nicht.
Um fünf waren sie verabredet. Es ist schon nach fünf. Hans Keller fitzt in einem Sessel und raucht und sieht sich in der Konditorei um. Noch scheint sie nicht da zu sein. Nebenbei, ein prächtiger Einfall von ihm, sich erst noch keine Nelke anzustecken. Ein guter Einfall, denkt er, man fitzt unerkannt wie irgendein Herr T und P da, wie unsichtbar — und trotzdem kann man selbst sehen, was man sehen will: die Dame mit der Nelke, die hier kommen wird.
Und kaum hat er das gedacht, da kommt eine Dame mit einer Nelke am Mantel zur Tür herein. Aber keinesfalls eine junge Dame und keinesfalls eine reizende Dame — beim besten Willen könnte man das nicht behaupten, und Hans Keller schießt das Blut zu Kopf bei dem Gedanken, daß sie jetzt gleich auf ihn zusteuern wird. In seiner Verwir- rund denkt er erst eine Sekunde später daran, daß er ja ohne Nelke dasitzt, ganz anonym und sozusagen unangreifbar. Er seufzt vor lauter Erleichterung. Die Dame steuert auch an ihm vorbei und nimmt zwei Tische weiter Platz.
Aber etwas ungemütlich ist ihm das Ganze doch. Wie man sich täuschen kann! So eine reizende, lustig hüpfende Stimme am Telephon — und öanrt gehört diese Stimme einem etwas ältlichen, robusten Mädchen mit einem sauren Gesicht. Und nun sitzt diese Enttäuschung auch noch hier und ahnt nicht, daß er ein paar Schritte neben ihr sitzt.
Ein Boy wandert mit einer Tafel durch das Lokal und lenkt mit einer Klingel die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich. Auf der Tafel steht, daß Fräulein Soundso am Telephon verlangt wird. Ja, anrufen müßte er hier wenigstens. Daß er leider im letzten Augenblick verhindert worden wäre oder so etwas.
Und da hat er seinen zweiten Einfall heute: er wird sie hier aus der Konditorei, aus der Telephonzelle drüben, anrufen! Eine teuflische Idee eigentlich, selbst durch das Fensterchen der Telephonzelle zuzusehen, wie der Boy die Tafel durch das Lokal trägt: Fräulein Ostry wird am Telephon verlangt!, wie sie aufsteht und ans Telephon geht — ganz teuflisch! Aber wenn man so enttäuscht wird?
Hans Keller geht in die Telephonzelle. Sucht die Teleponnummer der Konditorei, in der er sitzt. Findet sie und wählt, — ob das wohl jemals einer schon gemacht hat? Die Konditorei aus der Konditorei anrufen? — Und die Konditorei meldet sich. „In Ihrer Konditorei", sagt er, „sitzt ein Fräulein Ostry. Können Sie sie bitte ans Telephon rufen?"
Durch das Fenster der Telephonzelle äugt er ms * Lokal. Da kommt schon der Boy mit seiner Tafel,
und auf der Tafel steht mit Kreide gemalt: Fräulein Ostry wird am Telephon verlangt! Der Boy geht jetzt an dem Tisch vorbei, an dem sie sitzt. Sie sieht auf, lieft, was auf der Tafel steht — aber warum steht sie denn nicht auf? Als ginge sie das gar nichts an! Gleichgültig, als hätte sie nie so geheißen, sieht sie wieder weg.
Hans Keller wartet noch etwas am Telephon. Vielleicht hat sie doch nicht gelesen, was auf der Tafel stand. Der Boy wird ja auch noch einmal an ihrem Tisch vorbeigehen.
Aber plötzlich meldet sich eine Stimme am Telephon: „Ja — bitte?"
Hans Keller ist völlig verblüfft: Was ist das?
„Jaa" — sagt er, „wer — wer ist denn da?" „Hier? — Hier ist Ellen Ostty!"
Rasch schaut er wieder durch das Fensterchen ins Lokal: die Dame mit der Nelke sitzt noch an ihrem Tisch!
„Hier ist Keller", sagt er dann und sucht verzweifelt den Zusammenhang zu begreifen. Da sieht er vorne neben dem Küchenbüfett eine junge Dame mit einem Telephonhörer am Ohr stehen. Schlank, nett, soweit er sehen kann, — denn sie dreht ihm den Rücken zu. „Ich rufe Sie nur an", sagt er schnell, „weil ich leider etwas später komme, aber ich bin nun gleich da — in fünf Minuten."
„So", sagte sie mit dieser lustigen netten Stimme, die er kennt, „ich dachte schon, Sie kämen gar nicht mehr!"
„Doch, doch", sagt er und sieht selbst zu, wie sie da vorne steht und mit ihm telephoniert, „aber drehen Sie sich doch mal um, Bitte!"
„Was soll ich?"
„Ja, drehen Sie sich doch mal um!"*
„Aber das verstehe ich nicht, ich —"
„Bitte! Tun Sie es doch!"
Mehr automattsch dreht sie sich wirklich um. Nun sieht er in ihr Gesicht. „Oh, Sie sind reizend!" sagt Keller in seiner Telephonzelle. „Aber Sie sind frech!" sagte sie, „und überhaupt begreife ich nicht, wie Sie wissen können, wie ich hier stehe und wohin ich mich drehe —"
„Sie tragen ja auch die verabredete Nelke nicht!" „Aber wie ist es denn möglich, daß Sie das —" „Doch, man kann Sie hier von der Telephonzelle aus sehen", sagt Hans Keller, „und bann hängen Sie nur ruhig ab, ich komme gleich heraus."
„Sowas!" sagt sie und hängt ab.
„Sowas!", sagt er und begrüßt sie. Dann endlich setzen sie sich zusammen an einen Tisch.,.
Das Fabeltier.
Auf einer Farm in der Nähe von Salisbury (Rhodesien) ereignete sich kürzlich folgende heitere Geschichte. Ein Negerjunge kam mit allen Zeichen heftiger Erregung zu seinem Herrn, dem Farmer, gelaufen und berichtete ihm, daß er und seine Kameraden während der Feldarbeit ein sonderbares, bisher nie gesehenes Tier gefunden hätten. Es habe eine große Schnauze, ganz lange Ohren und absonderliche Füße. Der Farmer träumte schon von dem Ruhm, einen wichtigen zoologischen Fund gemacht zu haben. Er ergriff seine Büchse und eilte dem Negerjungen nach auf das Feld. An der Fundstelle standen bereits vier andere Negerburschen, von denen einer beim Herankommen seines Herrn diesem zurief: „Schnell, Herr, seht, es schrumpelt!" Der Farmer trat näher, und was er sah, vernichtete seinen Traum. Bei irgendeiner Festlichkeit war ein kleiner Ballon in der Form einer Micky-Maus aufgestiegen und nach langer Luftfahrt hier auf seinem Feld niedergegangen. Nun ging diesem weltbekannten Fabeltter, das aber die Negerburschen nie gesehen hatten, unter größter Anteilnahme Der Schwarzen die Lust aus.
Zeitschriften.
— „Es ist nicht der Tod, der des Menschen ewiges Antlitz formt, sondern der Lebendigste unter den Lebendigen — der Künstler." So schreibt Richard Hamann-Mac Lean in einem Aufsatz zu der großen Kunstoeröffentlichung im Märzheft der „neuen I i n i e", die unter dem Titel „Männer um Adolf Hitler" die besten Porträt-Plastiken des Führers und feiner Minister vereinigt und uns diese aus unzähligen Momentaufnahmen und Wochenschaubildern bekannten Männer im Ausdruck ihres Wesentlichen erkennen läßt. Wie unendlich reich das Spiel mit dem Zufall fein kann und sich dabei doch auf einige verblüffende Grundformen zurückführen läßt, zeigt im gleichen Heft die Gemeinschaftsarbeit eines Photographen und eines Zeichners, die in einigen wirksamen Tiergruppen bestimmte Grundelemente geläufiger Ornamenttor- men entdeckt haben. — Eine jahrzehntealte Tra- dition haben sich die großen Porzellanmanufakturen bewahrt. Mit dem Bildbericht „Nymphenburg" beginnt eine Reihe, die die deutschen Porzellanmanufakturen und ihre Erzeugnisse würdigen soll. Das Ergebnis des jährlichen Erzählerwettbewerbs, der im deutschen Schrifttum ein hohes Ansehen ge< meßt. (Verlag Otto Beyer, Leipzig.)


