Ausgabe 
2.2.1938
 
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Nr. 27 Erstes Blatt

Mittwoch, 2. Februar 1958

188. Jahrgang

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Oie britischen Manöver um Singapur beginnen.

London, 2. Febr. (DJIB. - Funkspruch.) In Singapur begannen am Dienstag die großen Manöver, die die^Leislungsfühigkeit der neuen Verteidigungsanlagen des wichtigsten britischen Kriegshasens am Osteingang zum Indischen Ozean erweisen sollen. Gleichzeitig wurde das neue große Dock von Singapur in Dienst gestellt. 3m Anschluß an die Manöver erfolgt die feierliche Lr- öfnung der ausgebauten Flottenbasis, an der auch drei amerikanische Kreuzer feilnehmen werden.

An den Manövern sind 27 Kriegsschiffe beteiligt. Ferner wurden 100 Flugzeuge, dar­unter auch Einheiten aus Indien und dem Irak zusammengezogen. Die Zahl der teilnehmenden Truppen beläuft sich auf 10 000.

Als das faschistische Italien den ostafrikani- schen Feldzug vor 2il2 Jahren einleitete, duckte sich der britische Leu zum Sprung, aber als er seine Krallen betrachtete und sah, daß sie ein wenig stumpf waren, besann er sich plötzlich eines Besse­ren. England stürzte sich nicht auf den vermeint­lichen Gegner. Seit jenem Zeitpunkt verbreitete sich über den ganzen Erdball die Meinung, daß Groß­britannien seine Stellung alß Beherrscherin der -Meere und als erste Weltmacht eingebüßt habe. Seit jenem Zeitpunkt ist aber auch die Londoner Regierung unablässig bemüht, dieser Meinung ent­gegenzutreten und den Prestigeverlust wieder aus­zugleichen. Das geschieht einerseits durch eine starke propagandistische Betonung der eigenen Macht­mittel, anderseits durch eine gewaltige Aufrü­stung, die sich nicht nur auf den Schutz der Hei­matinsel, auf die Verstärkung von Heer, Flotte und Luftwaffe, sondern auch auf den Ausbau der Marine st ützpunkte im Mittelmeer und in Uebersee erstreckt. Mit welch außerordentlichen Mit­teln die britische Regierung die Maßnahmen zur Empire-Verteidigung betreibt, dafür waren die letz­ten Wochen besonders aufschlußreich. Man denke nur an die Zeitungsdiskussion über die strategische Lage im Mittelmeer, wonach England durch den Besitz der Meeresengen das einfuhrbedürftige Ita­lien wie in einer Mausefalle fangen könne, man denke an die englisch-amerikanischen Verhandlun­gen über die Aufhebung der 35 000-Tonnen-Grenze für Schlachtschiffe, man denke vor allem an den forcierten Ausbau der Seefestung Singa­pur, dessen Vollendung Mitte Februar durch eine große Staatsfeier begangen werden soll.

Die kombinierten Manöver der Land-, Lust- und Seestreitkräfte vor und auf der Insel Singapur haben dieser Tage begonnen. Sie sosten den Auftakt geben zur Einweihung der neuen Befestigungen, sie sollen zugleich der Welt zeiget^ daß England an dieser Wegscheide zwischen Ost und West ein un­angreifbares Sperrfort besitzt, das jeder Beanspruchung standhält. Die strategische Lage der 30 Kilometer langen und 20 Kilometer breiten Insel Singapur ist außerordentlich günstig. An der Südspitze der Halbinsel Malakka und gegenüber dem niederländischen Sumatra gelegen, beherrscht sie grit Leichtigkeit den nur 14 Kilometer breiten Meeresarm zwischen Asien und Jnsulinde. Kein Schiff kann vom südchinesischen Meer oder vom Pazifik in den Indischen Ozean gelangen, ohne von den Signalgästen der königlich-britischen Flotte be­merkt und gemeldet zu werden.

Als nach dem Kriege der englisch-japanische Freundschaftspakt nicht wieder erneuert wurde, wußte man in London, daß nunmehr dem alten Piratennest, das Singapur einst gewesen war, und das die Briten 1819 vorsorglich in Besitz genommen hatten, eine erhöhte Bedeutung zukommen würde. Man beschloß daher, diesen Stützpunkt zu einer erstklassigen Seefestung und zu einem gewaltigen Heimathafen für die künftige ostasiatische Schlacht­flotte zu entwickeln. Das englische Parlament be­willigte 10,5 Millionen Pfund, so daß schon 1923 mit den Befestigungsarbeiten begonnen werden konnte. Heute befinden sich in Singapur ein Trockendock und ein Schwimmdock, die reparatur­bedürftige Schlachtschiffe von 55 000 Tonnen Größe aufzunehmen vermögen. Außerdem sind vorzügliche Flugplätze und erweiterte Hafenanlagen vorhanden. Eine Reihe großer Oeltanks befindet sich teils über, teils unter der Erde in bombensicheren Beton­kellern, um die in Ostasien operierende Schlacht- flotte mit dem nötigen Brennstoff zu versorgen. Natürlich sind auch vor Luftangriffen geschützte Munitionskammern in ausreichender Zahl vorhan­den, denn die Forts sind mit Geschützen bis zu allerschwersten Kalibern gespickt. Die neueste Er­rungenschaft bilden 45-Zentimeter-Geschutze, deren Rohre 20 Meter lang sind und deren Geschosse ein Gewicht von nahezu 30 Zentner haben. Die Gra­naten dieser Geschütze haben eine Reichweite von 50 Kilometer, sie können auch die Panzerplatten der stärksten Schlachtschiffe durchschlagen Daneben gibt es mehrere Batterien mit 37,5-Zenttmeter-Ge« schützen und zahllose Flakbatterien, die in dem hügeligen und baumbestandenen Gelände rings um die Befestigungen geschickt verborgen sind.

Alles in allem darf die britische Manneleitung mit diesem Werk wohl zufrieden sein, das sie unter so ungeheuren Kästen errichtet hat. Die inaßgebenden Männer wissen, daß Singapur von der Seeseite aus weder zerstört noch erobert werden kann. Aber es besteht auch die Gefahr einer Ueberraschung vom Lande her, die Gefahr feindlicher Truppenlan­dungen im Rücken des Festungsgebietes. Die nun­mehr begonnenen Manöver sollen vor allem be= weisen, daß Singapur stark genug ist, um auch

dieser Möglichkeit im Ernstfall zu begegnen. Da der Bau von Kriegsschiffen sehr lange Zeit in An­spruch nimmt, und da die Lage in den europäischen Gewässern immer noch ungeklärt ist, wird England jedoch erst etwa 1940 daran denken können, das Ostasiengeschwader durch mehrere Schlachtschiffe zu verstärken. Die jetzt bei den Manövern zum Einsatz kommende Flotte, die zur Gänze dem angreifenden Blauland" zugeteilt ist, besteht nur nus drei Kreu­zern, einem Flugzeugträger, sechs bis acht Zer­störern, zehn Unterseebooten, einem Depotschiff und verschiedenen anderen Hilfsfahrzeugen, insgesamt 27 Kriegsschiffe. Die Verteidiger haben 10 000 Mann Landtruppen, 9 Staffeln von Landbombern, Erkun- dungsflugbooten und sonstigen Marineflugzeugen zur Verfügung.

Der M a n ö v e r p l a n ist auch in den Einzel­heiten ziemlich genau festgelegt, obgleich die leiten­den Oiziere in ihrer Entschlußfreiheit und in ihren taktischen Erwägungen möglichst wenig behindert werden sollen. Man will aber auch alle Möglichkeiten durchprobieren, die im Kriegsfälle eintreten könnten, und die sich hus dem Zusammenwirken der verschie­densten Waffengattungen ergeben. Landungsversuche werden mit Bombenangriffen auf feste und beweg­liche Ziele abwechseln, es wird Tankdurchbrüche und Fernbeschießungen geben, Flugzeugkämpfe und Luft- schutzübungen für die eingeborene Bevölkerung. Das' Ergebnis dieser umfangreichsten Manöver, die je­mals in Singapur stattgefunden haben, dürfte auch

auf die Gestaltung der künftigen Empire-Politik nicht ohne Einfluß bleiben. H. Evers*

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ÄQUATOR,

Flottenrüstung und Monroe-Doktrin.

Erläuterungen zu den Plänen des amerikanischen Flottenchefs.

Washington, l.Fedr. (DNB.) Der ameri­kanische Flottenchef Admiral Leahy machte am Dienstag weitere ergänzende Aussagen vor dem Marineuusschuß des Abgeordnetenhauses. Seines Wissens baue ober besitze feine Nation Schlacht­schiffe, die größer als 35000 Tonnen seien. Obwohl nach verschiedenen Pressemeldungen Ja­pan erheblich größere Schiffe auf Kiel gelegt haben solle, habe die Regierung der Vereinigten Staaten hiervon keine amtliche Kenntnis. Für den Fall, daß von anderen Mächten die in London vertraglich festgelegte Angrenzung nicht be­achtet werden würde, so würde auch Amerika diesem Beispiel folgen. Die Möglichkeit, daß Schlachtschiffe von über 40 000 Tonnen den Panama-Kanal passieren könnten räumte er ein. Wenn das gegenwärtige VeIchält- n i s weiter aufrechterhalten bleibe, werde es für jede andere Nation außerordentlich schwierig fein, einen erfolgreichen Angriff auf die Vereinigten Staaten durchzuführen. Allerdings fei die briti - s ch e Flotte wesentlich stärker als die amerikani­schen Seestreitkräfte und die Durchführung der ge­planten Neubauten werde auch das alte amerika­nisch -japanische Verhältnis von 5:3 nicht wieder Herstellen können. Der Flottenchef befürwor­tete im Interesse der Landesverteidigung den ver­stärkten Ausbau der Schiffswerften an der Küste des Pazifik.

Die Ausführungen Leahys werden lebhaft erör­tert. Außenminister Hu-ll lehnte jede Stellung­nahme ab. Auch zu Leahys Erklärung, daß die Monroe-Doktrin gegen eine Verletzung durch nichtamerikanische Mächte nur durch die Kriegs­marine der Vereinigten Staaten geschützt sei, wurde nicht Stellung genommen. Da die Gefahr besteht, daß ein Teil Der latein-amerikanischen Staaten diese Ausführungen als die Rückkehr z u D e jn früheren Imperialismus der Vereinig­ten Staaten bezeichnen werde, erklärte man, der Flottenchef habe keine imperialistischen Ideen vertreten. Er habe vielmehr nur dar­auf Hinweisen wollen, daß eine eventuelle Lan­dung fremder Truppen in Mittel- öder Südamerika sehr bald die Sicher­heit der Vereinigten Staaten bedrohen könne. Während zur See jeder feindliche Angriff auf die Küsten abgeschlagen werden könne, so än­dere sich die strategische Lage sofort zu Ungunsten der Union, wenn der Gegner z. B. in Mittelame- rkka oder Mexiko lande und von dort aus Luft­angriffe gegen die Vereinigten Staaten durchführe. Aus diesem Grunde müsse daher eine Landung irgendwelcher feindlicher Truppen auf dem Boden des amerikanischen Kontinents verhindert werden.

Mussolini feiert die faschistische Miliz.

»Italienist bereit,seinen Frieden und seine Zukunft gegen jedermann zu verteidigen"

Rom, 1. Fobr. (DNB.) Der 15. Jahrestag der Gründung der faschistischen Miliz ist zu einer ein­drucksvollen Heldenehrung der für die Eroberung des Imperiums und in den antibolschewistischen Kämpfen in Spanien gefallenen Offiziere und Le­gionäre der Miliz geworden Vor dem Colosseum war eine Anzahl Milizbataillone mit Abordnungen des Heeres zur Parade angetreten. Der Militär-Ver­dienstorden des italienischen Königshauses wurde vom Duce persönlich den Frauen oder Geschwistern der Gefallenen bzw. den MilLzoffizieren und Sol­daten überreicht und angeheftet.Schulter an Schul­ter", so führte der Duce dann aus,steht an der Seite Der übrigen Streitkräfte Des Staates Die Mi­liz, Die in brüderlicher Kameradschaft in Friedens­zeit ihre gewaltige Aufgabe mit ihnen teilt und in Krieqszeir ihre Bataillone mobilisiert, um den Hel­dengeist der ersten faschistischen Sturmstaffeln als den treuen Wächter der Revolution von Geschlecht zu Geschlecht weiterzutragen. Während dieser fünf­zehn Jahre hat die Miliz in Libyen, in Aethiopien und in den spanischen Landen ihr Blut vergossen und Blätter Des Ruhmes geschrieben Sie ist bereit, sich auch noch in kühneren Kamps taten zu stählen. Ich weiß, ihr wartet nur auf Den Rus Darauf. Der neue römische Par a d e l ch r 111 ist das Symbol der Kraft, des Willens der Energie der jungen Geschlechter des Llktorenbun- dels, Die davon begeistert sind. Es ist ein schritt schwierigen und harten Stils, Der eine besondere Vorbereitung erfordert und gerade deshalb wollen wir ihn. Es ist ein Schritt, den Stubenhocker, Fett­wänste und die sogenannten Blindgänger niemals werden machen können und gerade deshalb gesall er uns. Das faschistische Italien ist stark. Es hat viele Waffen und noch mehr Manner zu ihrer Handhabung. Es hat ein einziges Kommando und eine in vier Kriegen gestählte Willenskraft. Das Italien des 16. Jahres Der faschistischen Zettrechung achtet die Interessen aller. Aber es 'st bereit, leinen Frieden und seine Zukunft gegen jedermann zu verteidigen. Seine Schluhfrage: ,chabt ihr verstanden. wurde

von den Massen stürmisch mit einem tausendfachen I unbeantwortet.

England wünscht Befestigung der südarahischen Küste.

Kairo, 1. Febr. (DNB.) Nach Meldungen aus Dem Jemen soll England bei Dem Jman Iehia nachDrückliche Versuche unternehmen, um Die mo- Derne Befestigung Des Küstenstriches von Bab­el - M a n D e b am Ausgang Des Roten Meeres unter weitgehenDer englischer Unterstützung durch- zusetzen. Die VerhanDlungen sinD bisher anschei- nenD ergebnislos verlausen, weil zwischen dem Jemen und England noch ungeklärte Ter- ritorialfragen hinsichtlich Der Aden-Stämme unD Der HaDramaut-Protektorate schweben, Die von Dem Jemen in Die Besprechung miteinbezogen wur­den.

Scharfe Kritik an der britischen Kolonialverwaliun<z auf Trinidad.

LonDon, 1. Febr. Mit den schweren kom­munistischen Unruhen im Juni 1937 auf Trini - D a D , einer an Der Nordostküste Südamerikas ge­legenen, überwiegend von Negern bewohnten briti­schen Kronkolonie, befaßte sich Der Bericht einer dorthin entsandten Untersuchungskommission. Er macht dem britischen Goeuverndur Fletcher und Dem Kolonialsekretär Nankevall schwere Vor­würfe. Sie seien wegenunzeitgemäßer und un­glücklich formulierter Reden" zu einem großen Teil für Die kommunistischen Unruhen verantwortlich. Die Verwaltung habe mit einem Streikagitatorin unangemessener Weise" verhandelt. Die Polizei habe allzu große Nachsicht gezeigt. Der wahre GrunD für Die Ausschreitungen sei Die U n z u f r i e D e n h e i t Der Eingeborenen mit Der Steigerung Der Lebenskosten und ihrem Mißverhältnis- zu Den Löhnen. Die Kommission schlägt die Errichtung eines Arbeits- und Jndustrieamtes und sonstige Ver­besserungen im Gesundheits- und Hauswirtschafts­wesen vor.

Die Bratenriecher.

X>on unserem K. Sch -Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

B u f a r e ft, Ende Januar 1938.

Der alte Professor Sorga, Rumäniens bekann­ter Geschichtsforscher und ehemals Ministerpräsi­dent, der mit seinem wallenden Barte eine auf­fallende Erscheinung Des öffentlichen Lebens ist, hat vor vielen Jahren ein Wort geprägt, Das seit- Dem Eingang in Den rumänischen Sprachschatz ge­funden hat und in diesen Tagen sogar zum Mode­wort geworden ist.Friptura" heißt im Rumäni­schen der Braten, und Jorga führte die Ableitung Fripturisten" ein was man aber auch rumä­nisch aussprechen muß: recht voll und möglichst saftig: das Fett soll zwischen den Zähnen förmlich hervorquellen. Zu übersetzen sind die Fripturisten nur schwer.Bratenriecher" sagt die deutsche Presse in Rumänien und meint damit, dasselbe wie wir im Reich, wenn wirKonjunkturritter" sagen. Die Bratenriecherei steht derzeit hoch im Kurse in Rumänien, es ist kaum zu glauben, was sich alles der nationalchristlichen Partei, seit sie an die Regierung gekommen ist, anschließt, um an das Fettnäpfchen zu gelangen, aus dem man in den nächsten Jahren satt zu werden hofft.

Nun ist das Problem der Ueberläufer,* die nicht aus Ueberzeugung kommen, sondern weil sie den Braten riechen und ihnen sonst der Brotkorb zu hoch hängt, in Rumänien anders zu bewerten als in anderen Ländern. Es ist hierzulande üblich, bei jedem Regierungswechsel, Der ein Wechsel Der herrschenDen Partei ist, einen grünDlichen Be­amt e n s ch u b vorzunehmen. Die Regierung Goga ist bei ihrem Antritt nicht anders verfahren als die liberale Regierung vor vier Jahren oder die natio- nalzaranistische Regierung vor acht Jahren; sie er­setzte die 71 Präfekten des Landes durch Männer ihres Vertrauens, sie löste die Bezirks- und Ge­meindevertretungen auf und berief vorläufige Aus­schüsse, die aus Anhängern der nationalchristlichen Partei bestehen, und in den Ministerien wurden die maßgebenden Männer nicht minder ausgewechselt. Kein Mensch findet etwas daran, der Vorgang ist natürlich und wird von jedermann eingesehen. Jedermann hält es aber auch für selbstverständlich, daß in Zeiten des politischen Umschwungs, vor allem in den Wochen vor den Wahlen, ein großes Kämmerchen-Wechseln anhsbt. Hier treten Politiker mit großem Tam-Tam aus und treten dort wieder ein, ganze Bezirksverbände folgen stramm ihren Vorsitzenden, und nachher stellt es sich heraus, daß es einige Männlein waren, von denen so viel Auf­hebens gemacht wurde. Das geht mit romanischem Temperament vor sich, und ebenso schnell, wie po­litische Totfeindschaften entstehen, verschwinden sie wieder. So ist Das nun einmal ...

Nun will aber die nationalchristliche Regierung mehr sein als eine von vielen Regierungen, Die Dieses Land schon gesehen hat. Gogas Antritt soll nicht nur ein Parteiwechsel, fonDern mehr: e i n Systemwechsel fein. Es ergibt sich Damit für Die nationalchristliche Partei Die schwere Frage, was sie mit Den Fripturisten anfängt. Einerseits ist Die Partei Darauf angewiesen, Männer, Die et­was von Den Dingen verstehen, für sich zu gewin­nen, denn der Block Der alten Parteianhänger ist nicht so groß, als daß sich mit ihm allein eine na­tionalchristliche Staatsführung Durchführen ließe. AnDerseits sehen die alten Cuzisten unD Gvga-An- bänger mit einigem Mißbehagen Den Schwarm Der Fripturisten anmarschieren. Es wirD eines Der ganz wesentlichen Probleme der nächsten Zeit fein, ob Die nationalchristliche Weltanschauung sich ungeach­tet Dieses Zuwachses ihrer Anhänger rein erhält. Denn jeDe Verfälschung bedeutet eine Gefahr bei der Durchführung ihrer Lehre, Die einen Umbau Des rumänischen Staates und eine Erneuerung der rumänischen Volks- und Gesellschaftsordnung her­beiführen will. i

Wir hatten Gelegenheit, uns mit dem Staats­minister A. C. Euza, ehemaligem Professor an Der Universität Jassy, hierüber zu unterhalten. Cuza, der über Achtzigjährige, ober immer noch Rüstige, ist der oberste Führer Der nationalchrist­lichen Partei, Staatsminister ohne Geschäftsbereich, gewissermaßen Der weltanschauliche TreuhänDer Der Regierung. Ihm liegt es besonders am Herzen, daß Das Programm seiner Partei auch Durch geführt werde. Er glaubt an eine in Wahrheit revolutionäre Bewegung in Rumänien, nicht nur an einen vorübergehenden Regierungs­wechsel. Eben deshalb hofft er, daß Die Bewegung echte Nationalisten finDen werde, die zu ihr stoßen, nicht nur Konjunkturitter, die bei/ fter Gelegen­heit wieder abschwimmen. Cuza siebt diele Aufgabe klar unD richtig, wie sich überhaupt ein erstaunli­cher Scharfsinn mit großer Zähigkeit und unermüd­licher Tatkraft in ihm paaren. Man wirft ihm seine doktrinäre Einstellung vor; er habe sein Leben lang nichts anderes gekannt unD im Auge gehabt als Die JuDenfrage, so Daß er auch heute nicht Davon lost'ommen könne unD meine, mit Der Lösung Des jüdischen Problemes seien für Rumä­nien auch alle anderen Probleme gelöst ohne zu sehen. Daß Dann erst das ~cID frei wirb, auf Dem sich unzählige andere, mir ' häßliche, soziale, kul­turelle, außenpolitische Probleme tummeln. Die so sprechen, haben vielleicht recht, wenn es nur um Die Persönlichkeit Cuzas ginge, aber es geht ja um Die Bedeutung, die er im Rahmen der national- christlichen Bewegung hat, gewissermaßen um seine Funktion. Cuzas reine und lautere Gestalt, sein jahrzehntelang erprobter Idealismus und fein Fa­natismus sind eine Säule, an der so mancher Frip- turift sich noch eine Beule holen wird.

'Rumänien geht jetzt Wahlen entgegen. Goga und Cuza haben sich das Recht Vorbehalten, die Kan-