Ausgabe 
1.9.1938
 
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lfr.204 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag, i. September 1958

Aus der Stadt Gießen.

September im Sprichwort.

Nach den normalerweise warmen Augustwochen ist natürlich Feuchtigkeit in gewissen Mengen er­wünscht, um der Erde neue Frische und den noch der Ernte entgegenreifenden Früchten des Feldes, Gar­tens und Wingerts Erquickung zu spenden. In die­sem Jahre hat allerdings der August schon Feuch­tigkeit genug gebracht. Allerdings sind September- aewitter weniger gern gesehene Gäste als nicht allzu lange Landregen: aber auch sie werden verschieden im Volksglauben und in der Wetterprophetie be­trachtet. Sagt man mancherorts, auf einen kalten Herbst deutend: ..Nach Septembergewittern muß man vor Kälte zittern", so heißt es andererorts: Septembergewitter zeigen ein fruchtbares Folge­jahr an": man sagt auch, sie brächten einen schnee­reichen März, und ein solcher ist ja meist, als Be­schluß eines normalen Winters, ein gutes Vor­zeichen für den Folgesommer.

Eine Bauernweisheit, die jedem einleuchten wird, stellt dieser Spruch aus dem deutschen Egerland dar:

Sind im September die Kartoffeln geraten, schmeckt dazu ein Schweinebraten."

Im übrigen beachtet man den Monatsbeginn: Ist's am 1. September hübsch und rein, wird's schön den ganzen Monat sein."

Der 1. September ist St. Aegidius geweiht. Man reimt von diesem Lostag:

Ist Aegidius ein Heller Tag, ich dir schönen Herbst ansag'." Sankt Aegidius' Sonnenschein bringt vier Wochen hell und rein."

Der Winzer meint:

Ist's an Aegidi klar und hell, so reift die Weintraube süß und schnell." In Süddeutschland sagt man:

Ist's an Aegidus trucke, soll der Bauer auf'n Pflug drucke!"

Dazu paßt diese niederdeutsche Mahnung, nun­mehr an die Wintersaat zu gehen:

Aegide,' Korn wart' nimmer bis mor'n!"

Und in Masuren reimt man übereinstimmend: Aegidius man säen muß!"

Am 8. September ist Mariä Geburt. Da gilt die Bauernregel:

An Mariä Geburt

gehören die Erdäpfel auf die Hurd (Hürde)"

Und wer noch nicht seinOhmd" im zweiten Heu- fchnitt gemacht oder gar hereingebracht hat, dem prophezeit man in Schwaben:

Wer vor Mariä Geburt nicht öhmden mag, muß nachher öhmden, wie er kann."

In österreichischen Gauen sagt man zusammen­fassend:

Maria Geburt g'hört's Grummet (Zweitheu) furt!" Maria geborn Bauer' Weiz'n und Korn!

In Württemberg besteht der alte Bauernbrauch, daß an drei Tagen nämlich am 29. August Johanni Enthauptung, am 8. September Maria Geburt und am 14. September Kreuzeserhöhung der Rebbauer durch seinen Weinberg geht und an jeder Rebe rüttelt: davon soll der Wein ein gutes Aroma bekommen.

Die Weinaussichten bereits für das Folgejahr wollen die westdeutschen Winzer aus dem Wetter des 21. September, Matthäustag, entnehmen:

Matthäus kchön und sonnig und klar bringt guten Wein iür das kommende Jahr." Auf diesen Tag fällt ab und zu der Herbstbeginn: und das mag Veranlassung zu diesem führt ge­drechselten Verslein gegeben haben:An Matthäi die Müß' über die Ohren zieh!" Die Sieben­bürger Sachsen sagen soaar:Der Mates is der Eisrämpler!" Nun, in Gebirgsländern kann der Frühherbst ja manchmal schon etwas winterlich fein, was aber kein Zeichen für einen harten Win­ter selbst ist. Im Gegenteil! In Bauern und den

Hessen-nassauische HZ.-Einheii in Ansbach.

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Am Mittwoch herrschte nach den letzten anstren­genden Marschtagen Ruhe, die auch dazu diente, die Uniformen in Ordnung zu bringen. Im Laufe des Tages besichtigten die Jungen das Schloß in Ans­bach.

Die Marschgruppe Hessen-Nassau unterwegs. Jubelnd läuft die Dorfjugend nebenher. (Aufnahme: Herbert Philipps.)

bürgermeister Hänel, das Wort. Er sprach von den großen Aufgaben, die einst die Jugend über­nehmen muß und betonte, daß die HI. mit dem Bekenntnismarsch zum Führer alljährlich beweise, daß sie sich ihrer Verantwortung bewußt sei und unermüdlich an sich arbeite.

NSG. Die Marsch­strecke der Adolf-Hitler- Marscheinheit des Gebie- tes Hessen-Nassau führte um Dienstag von Ro­thenburg o d. T. nach Ansbach. Unterwegs be­gegneten den Jungen überall schon die Weg­schilder nach Nürnberg. Dieses Ereignis löste bei ihnen große Freude aus. Weit draußen vor Ans­bach war der Standort der Hitler-Jugend ange­treten, um die hessen­nassauischen Marschierer zu empfangen. Im straf­fen Schritt marschierten sie mit Musik durch die Straßen auf den Adolf- Hitler-Platz. Nach einem Fanfarenspiel der vier den Adolf-Hitler-Marsch begleitenden Frankfurter Fanfarenbläser, ergriff der Kreisleiter, Ober-

Nur noch wenige Kilometer ist die Marscheinheit Hessen-Nassau von Fürth entfernt. Der große Tag ist nicht mehr fern, der die Krönung des Marsches darstellt, der Vorbeimarsch am Führer. Alle Mühen und Strapazen werden dann vergessen sein, wenn sie die Fahnen am Führer vorbeitragen dürfen und ihm damit die Grüße der hessen-nassauischen HI. überbringen.

österreichischen Berglanden sagt man nach alter Er­fahrung:Schneit's vor Michaeli, so gibt's gelinden Winter: schneit's in den Alpen nach Michaeli, wird der Winter rauh." St. Michael, der alte deutsche Nationalheilige, hat sein Kalenderfest am 29. Sep­tember, das natürlich stark beachtet wurde. In Schwaben sagt man:

Wenn an Michaeli der Wind bläst von Franken (Frankreich), so müssen die Schäfer ums Heu sich zanken!"

Der Westwind ist ja ein Regenbringer: und wenn Heu jetzt noch draußen liegt, so wird man bei Herbstregen nicht vielGescheites" heimbringen. Auch sagt man:Regnet's am St. Michelstag, der Winter nicht streng werden mag."

Jedenfalls steht fest, daß des Jahres schönste Zeit nun zu Ende geht, und eben deshalb hat der Bauersmann in diesen Wochen noch alle Hände voll Arbeit, besonders wenn Frühwinterzeichen erkenn­bar werden, beispielsweise: ..Wenn um Michaelis die Hagebutten rot werden, ist es Zeit, die Winter­saat zu beschleunigen." W. L.

Dorrwiizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Spiegel des Lebens". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Geheimzeichen L. B. 17".

Zuständigkeit der Gerichte in Personenstandssachen.

LPD. Nach dem neuen Personenstandsgesetz sind die Gerichte in Zukunft nur noch in folgenden zwei Fällen zur Mitwirkung in Personenstandssachen be­rufen: Lehnt der Standesbeamte die Vornahme einer Amtshandlung ab, so kann er auf Antrag der

Beteiligten oder der Aufsichtsbehörden durch das Gericht dazu angehalten werden. Eine abgeschlossene Eintragung in d-as Familien-, Geburts- oder Sterbe- Buch kann nur auf Anordnung des Gerichts be­richtigt werden.

In Zukunft werden jedoch die Nebenregister jetzt Zeitbücher genannt nicht mehr bei den Gerichten, sondern bei den unteren Verwaltungs­behörden aufbewahrt. Damit gehen auch die mit der Aufbewahrung der Nebenregister verbundenen Ge­schäfte, wie Erteilung von Urkunden, Beischreibung von Aenderungen, auf die Verwaltungsbehörde über. Auf das Verfahren der Gerichte finden die Vorschriften des Reichsgesetzes über die Angelegen­heiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit entsprechend Anwendung. Für die Enstcheidungen sind ausschließ­lich die Amtsgerichte zuständig, die ihren Sitz am Ort eines Landgerichts haben. Ihr Bezirk umfaßt den Bezirk des Landgerichts.

250 Zentner Alteisen aesommelt.

Der Sammelaktion, die die SA. unseret Stan­darte 116 am vergangenen Wochenende in unserer Stadt unternahm, war ein voller Erfolg beschieden. Innerhalb kurzer Zeit gelang es den einsatzbereiten SA.-Männern, allein im Stadtgebiet 250 Zentner Alteisen, also über 12 Tonnen wertvolles Roh­material, zu sammeln und abzuliefern. Zahlreiche Kameraden setzten sich opferbereit für die Aktion ein. Innerhalb unserer Stadt waren die Stürme 11/116, 14/116, Pi. 2 und Pi. 3/116, ferner der Nachrichtensturm, der Sanitätssturm und die Re­serve-Stürme 41, 42 und 43/116 beteiligt.

Gießener Wochen Marktpreise.

* Gießen, 1. Sept. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, XA kg

1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 9, Eier, deutsche, Klasse D 10xA, bulgarische 11, Wirsing, kg 8 bis 10, Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 10 bis 12, gelbe Rüben und Karotten 10 bis 12, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 20, Römischkohl 8 bis 12, Bohnen, grün 25, gelb 25, Tomaten 20 bis 35, Zwiebeln 12 bis 15, Meerrettich 45 bis 60, Kürbis 6 bis 8, Pilze 30 bis 50, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,75 bis 4,20 Mark, Falläpfel, XA kg 15 bis 16 Pf., Aepfel 25 bis 40, Birnen 30 bis 40, Pfirsiche 50 bis 60, Brombeeren 40 bis 55, Zwetschen 40 bis 60, Mirabellen 50 Pf., junge Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suppenhühner 90 Pf. bis 1,05 Mark, Blumenkohl, das Stück 1$) bis 50 Pf., Salat 8 bis 15, Salat­gurken 10 bis 35, Einmachgurken 2 bis 6, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 10, Sellerie 15 bis 25, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bündel 8 bis 12 Pf.

*

* Arbeitsjubiläum. Bei der Firtna Lud­wig Bratfisch, Tuchgroßhandlung Gießen, famX der Prokurist Willy P o s e r am heutigen 1. Septem­ber auf eine 25jährige Tätigkeit zurückblicken Durch seine Pflichttreue und feine Hingabe für das Ge­schäft hat er sich das volle Vertrauen und die Zu­neigung seines Chefs erworben. Der Jubilar wurde von Betriebsführung und Gefolgschaft geehrt. Don der Deutschen Arbeitsfront wird ihm die Ehren­urkunde für 25jährige Betriebszugehörigkeit über­reicht.

** D i e Deutsche Stenographenschaft, Ortsverein Gießen, eröffnet am morgigen Freitag, 2. September, Kurse in Kurzschrift und Maschine­schreiben.

Die Frankfurter Schulen geschloffen.

Lpd. F r a n k f u r t a. M., 31. Aua. Amtlich wird mitgeteilt: Wie in jedem Jahre ist seit dem Beginn des Monats eine Vermehrung der Erkrankungen an spinaler Kinderlähmung aufgetreten. Im ganzen er­krankten bisher im gesamten Stadtgebiet Frankfurt tm Jahre 1938 27 Kinder, von denen 5 starben. Bei der Mehrzahl der Kinder handelt es sich um K l e i n-

fintier. Erst in den letzten Tagen sind auch einige Schulkinder erkrankt. Um einer weiteren Verbrei­tung der Seuche vorzubeugen, hat das Statitgesunti- heitsamt angeordnet, daß sämtliche Schulen ein­schließlich der Kindergärten ab heute bis ein­schließlich 10. September 1938 geschlossen werden.

Die jetzt von der Schule ferngehaltenen Kinder sollen möglichst die Wohnungen anderer Kinder nicht besuchen. Gemeinsame Wanderungen und größere Veranstaltungen und Zusammenkünfte in irgendeiner Form, bei denen zahlreiche Kinder zusammenkom- men, sind z u unterlassen. Es ist Pflicht der Eltern, auch bei den geringsten Erkältungserscheinun­gen und Gesundheitsstörungen in diesen Tagen s o - fort einen Arzt zuzuziehen und das Kind von anderen Kindern fernzuhalten. Selbstverständlich sollen die Eltern die Zeit des Schulschlusses nicht dazu benutzen, die Kinder nach auswärts zu schicken, weil sonst Weiteroerbreitung der Krankheit dadurch mög­lich wäre.

Freigabe der Neichsauiobahn zwischen Homberg und Aulatal.

Lpd. Kirchhain, 31. Aug. Arn 1. September wird die Strecke der Reichsautobahn zwischen Hom­berg und Aulatal (bei Kirchhain) in beiden Fahrt-

Känguruhs

sind merkwürdige Tiere.

Von Heinrich Hauser.

Mit dem WortAustralien" stellt sich gleichzeitig die VorstellungKänguruh" ein. Als aber die ersten holländischen Seeleute im 17. Jahrhundert austra­lischen Boden betraten und die seltsamen Spuren des Känguruhs im Sand sahen, ohne das Tier selbst zu erblicken, da hielten sie es für ein gefähr­liches Raubtier und zogen es vor, die Nacht an Bord ihres Schiffes zu verbringen.

Das Känguruh muß damals und noch hundert Jahre später in einem paradiesischen Zustand ge­lebt haben, denn als der Seekadett Flinders im Jahre 1799 die Känguruh-Insel in Spencers Golf entdeckte, da fand er Taufende von Känguruhs und Seehunden in friedlichem Verein: sie waren so zahm, daß sie die Menschen ruhig an sich heran- fommen und sich töten ließen. Flinders schrieb dar­über wie folgt:Die Seehunde waren immerhin noch die gescheiteren. Sie schienen immerhin zu er­kennen, daß wir keine Känguruhs waren, wahrend die Känguruhs uns sichtlich für eine Art Seehunde hielten."

Das gewöhnliche Känguruh ist bei uns durch die Zoologischen Gärten ganz gut bekannt, ja, es tst sogar volkstümlich seit der Olympiade 1936, bet der die Mannschaft Australiens das Olympische Dors durch das lebendig mitgebrachte Wappentier Austra­

liens erfreute.

In Australien behaupten viele Känguruh-Jager steif und fest, das Känguruhjunge wüchse am Euter seiner Mutter in der Tasche. Das tut es indessen nicht, obwohl das Junge, sehr klein, haarlos und blind wie eine Verlängerung des Euters aussteht. Bei der Geburt des Känguruhbabys hockt die Mut­ter auf dem Boden, den breiten Schwanz nach vorn zwischen die Beine gelegt, und das Junge landet auf dem weichen Fell des Schwanzes. Mit ihren Vorderpfoten öffnet die Mutter geschwind ihren Beutel, stopft mit ihren Lippen das kleine Wesen in die Tasche und drängt es an ihr Euter. Dorr hält sie es so lange, bis die Milch in das Mau des Kleinen quillt, das kaum Kraft gering hat, selbst zu saugen. Von diesem Augenblick an schwillt die Brustwarze und formt im Mäulchen des Jungen eine Art Knebel. Wenn man das Junge in diesem Zustande mit Gewalt entfernt, so wird entweder sein Maul ober das Euter bis zum Bluten be­schädigt. Einmal entfernt, kann das Junge nie wieder angesetzt werden, und es geht ein. Die Jungen werden übrigens im Winter geboren

Noch weniger ist es bei uns bekannt, daß es ungefähr dreihundert Känguruharten gibt; in der

Größe so verschieden, daß einige hoch werden wie ein Pferd und andere nur so klein wie eine Ratte. Es gibt Arten, die auf Bäumen leben. Don den großen Arten wird das ausgewachsene Männchen in der Jägersprachealter Mann" genannt ober auchBoomer". Aehnlich wie unser Hase, läuft bas Känguruh besser bergauf als bergab. Faul in den Sanb gestreckt, bie langen Beine elegant gedehnt ober übereinanber geschlagen, ben zarten Hals etwas erhoben, hat es mich immer an eine Babeschönheit am Stranb erinnert; bie Breithüstigkeit bes Ge­schöpfes trug zu biefem Einbruck bei, und die Wonne des Sonnenbades war jedenfalls dieselbe, auch das Spielen mit den eigenen Fingernägeln. Die befingerten Vorderpfoten des Geschöpfes, mit denen es ganz menschlich etwa ein Gläschen zierlich erfaßt, um es auszutrinken, haben etwas Unheim­liches. Das Känguruh kann boxen, wie man weiß; aber nicht die Vorderpfoten sind feine gefährliche Waffe, sondern die unheimlich starken Hinterbeine mit ihren scharfen Krallen.

Gejagt wird es, weil es in feiner Millronenzahl im Innern Schafen und Rindern bie Nahrung weg­frißt. Känguruhs äsen bie Weiben grünblicher ab als Schafe unb gebeihen auch noch dort, wo kein Schaf mehr leben kann. Auf einem einzigen Weibe- gut, bas ich kenne, würben 1936 zehntausenb Kän­guruhs abgeschossen, im Jahr bavor fünszehntausenb. In ber Weibelanbschaft erblickte man mehr Kän­guruhs als Schafe. In ben Dürrezeiten wanbern sie auch zu Zehntausenben in bie Ackerbaugebiete. Ihre Zahl nimmt eher zu als ab; sie vermehrt sich, je stärker man bie Känguruhfeintie oerbrängt ben Dingo unb ben Eingeborenen.

Der berufsmäßige Känguruhjäger ist hauptsächlich im Winter unterwegs, zu Pferb unb neuerdings auch mit dem Auto Meist sammeln sich die Farmer einer Gegend zur Treibjagd, unter Führung von eingeborenen Spurenfindern und mit Hundemeuten geht es in rasendem Galopp mit tollen Kuu-ih!- Rufen durch den Busch, Meilen und Meilen über Stock und Stein. Das gestellte Känguruhmannchen nimmt oft ben Nahkampf auf mit Rückenbeckung an einem Baum ober an einem Stein, oft wmben sich mehrere Hunbe mit von ben Krallen aufgeschlitz­ten Bäuchen am Boben, ehe ber Fangschuß gelingt.

Wenig sportlich erscheint bem beutschen Jäger bie Jagb vom Auto aus, aber sie wirb sportlich gemacht burch ben Ehrgeiz, bas Tier lebenbig zu fangen. Ich sah bas einmal von einem einzigen Mann ausgeführt: In toller Gelänbefahrt sauste ber Wagen hinter bem grauen, fpringenoen Schat­ten her, ber vorüdergehenb eine Geschwindigkeit von 70 Stunbenfilometer erreichte. Nach ungefähr zehn Minuten lag ber Wagen neben bem keuchend galoppierenden Tier, blitzschnell beugte ber Fahrer sich hinaus, packte im Sprung bes Treres jemen

Schwanz unb riß es in den Wagen. Es wog fast anderthalb Zentner; eine glänzende Fahrkunst und eine sehr starke Faust gehörte schon dazu, dieses Kunststück auszuführen.

Der Känguruhjäger, der fein Geschäft als Geld­erwerb betreibt, ist nicht gerade das, was wir einen weidgerechten Jäger nennen würden. Er fetzt sich einfach auf Anstand an einem Wasserloch unb feuert auf die Tiere, bie burftig zur Tränke kom­men. Beim Knall ber Schüsse flieht bie Herbe, kehrt aber, vom Dürft getrieben, immer roieber zum Wasserloch zurück. Die Felle werben getrocknet unb bann zum Markt gebracht. Ein tüchtiger Jäger ver­dient bei guten Fellpreisen zwanzig, aber auch dreißig Pfund die Woche. Meist indessen erntet er knapp seinen Lebensunterhalt.

Geschichte

vom schlafenden Wächter.

Don Christian Bock

Der Anton Kischka genießt seine Schulbildung in ber Höheren Lehranstalt eines Stäbtchens, bas man am einfachsten unb besten Sounbso nennt.

Ergenießt" biefe Schulbilbung allerbings nicht säuberlich aber in Lebensläufen heißt es nun mal später so: Er genoß seine Schulbilbung in ber So- unbso-Lehrcmstalt zu Sounbso.

Aber ber Anton Kischka ist in jenen ganz be­stimmten Jahren, wo man,, alles anbere lieber ge­nießt als seine Schulbilbung.

Darum mußte auch ber Anton Kischka an einem Nachmittag, an bem bie ersten herbstlichen Blätter zur Erbe schaukelten, nachsitzen. Er hatte sich im Klassenzimmer um vier Uhr einzufinben.

Anton Kischka fand sich ein. Unb auch fein Klas­senlehrer fanb sich ein, gab ihm ein Buch, ersuchte ihn, zwei Gebichte baraus ausroenbig zu lernen, unb ging. In zwei Stunben mürbe er roieberfommen unb bie Gebichte abhören.

Da saß nun ber Kischka Anton allein im Klassen­zimmer mit bem Buch unb ben Gebichten im Buch. Unb bie Fenster stauben weit offen, bie Sonne schien, ein leiser Winb rumorte draußen in den Bäumen, unb die Luft dieses Nachmittags war schwer und süß, wie sie es manchmal im Anfang des Herbstes ist, süß unb wunberlich betäubenb.

Der Kischka Anton sog biefe Luft ein und genoß sie. Mehr als man jemals Schulbildung genießen kann v ,

Langsam senkten sich seine Augenlider. Langsam senkte sich auch sein Kopf auf bas Buch unb die Gedichte. , . ,

Währenddes saß sein Klassenlehrer im sogenannten

Konferenzzimmer. Unb es fiel ihm, zum Unglück seines Schülers Kischka, nach einer knappen Stunde ein, zwischenburch einmal im Klassenzimmer nachzu- sehen', wieweit ber Kischka Anton mit ben Gedichten wäre.

Er machte die Türe auf und sah den Schüler Kischka schlafen.

Auf Zehenspitzen trat er ein, stellte sich vor ben schlafenden leise schnarchenden Kischka hin, aber die Nähe seiner Autorität weckte ben Schüler nicht auf.

So ein Bursche, dachte er. Unb das möchte ich doch sehen, dachte er, wie lange ber hier noch schla­fen unb schnarchen will, unb setzte sich in eine Bank bem Kischka gegenüber hin. Der Kischka schlief, unb fein Lehrer wachte über seinen Schlaf.

Unb bie Fenster ftanben weit offen, bie Sonne schien, ein leiser Winb rumorte draußen in ben Bäumen, unb bie Luft war schwer unb süß, wie sie es manchmal im Anfang bes Herbstes ist. süß unb wunberlich betäubend.

Unb ber Klassenlehrer, seinem schlafenden Schü­ler gegenüber, sog die Luft ein, unb sie gefiel ihm wohl. Sein Schuler schlief noch immer, schlief un- enblich lange.

Unb bie Augenliber bes Klassenlehrers senkten sich, unb sein Kopf senkte sich langsam auf ben Tisch ber Schulbank. So schlief er ein, schlief unb hob sogar nach einer Weile etwas zu schnarchen an.

Unb ba mußte er bann einmal einen besonberS herzhaften unb traumhaften Schnarcher getan haben, der Krischka Anton wachte erschreckt von bem Get räusch auf, bas ba aus nächster Nähe kam.

Er traute seinen Augen nicht in seiner schlaf­trunkenen Verwirrung, aber es war so, es half nichts: ba vor ihm schlief sein Klassenlehrer und schnarchte mit Behagen

Unb ber Kischka Anton sah gleicy ein, baß man feinen Klassenlehrer nicht mit Geräusch und Lärmen wecken unb berart blamieren barf. Er sah gleich ein, baß er sich hier still unb vornehm zurückzuziehen habe. Wie ein Dieb in einem Porzellanlager schlei­chen mag, so schlich ber Kischka Anton hinaus unb ging nach Hause

Nur bas große Donnerwetter am nächsten TagÄ fürchtete er noch.

Aber es kam Feins. Der Klassenlehrer trat ein wie sonst, legte seine Bücher auf bas Pult wie sonst, unterrichtete wie sonst, bie Fenster ftanben weit offen, bie Sonne schien, unb ein leiser Windrumorte te braufeen in ben Bäumen ber Klassenlehrer! sagte nichts.

Der Kischka Anton auch nicht. Wenigstens seinem Klassenlehrer nicht, nur seinen Mitschülern: sonst wäre auch biefe Geschichte nie zu Ohren eines Kerls wie ich einer bin, gekommen, ber solche Geschichten gerade sucht, sich also gleich hinsetzt unb sie au ft schreibt.