Hr.50 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, l. März 1938
Aus der Stadt Gießen.
März.
Eine alte Bauernregel sagt: „Mit dem Märzen ist nicht zu scherzen". Das stimmt einmal insofern, als dieser Monat sehr grimmig sein kann und oft nachholt, was König Winter sonst an wüstem Stürmen unterließ; anderseits bringt es aber die Jahreszeit um die Tag- und Nachtgleiche mit sich, daß die Witterung sich sprunghaft verändert.
Trocken, also frostig bei Nacht, aber am Tage heiter und ohne zu häufige Niederschläge, ist der Lenzmond dem Landmann willkommen. Er weiß das Wort zu würdigen:
„Läßt der März sich trocken an, bringt er Brot für jedermann." Hingegen prophezeit man mit Recht:
„März allzu feucht,
macht das Brot leicht."
Auch ist ein unnormal milder Märzmonat zumeist Borbote eines unruhigen wetterwendischen April:
„Wenn der März nicht tut, was er soll,
ist der April der Launen voll."
Und wenn die Natur in den Wochen um den offiziellen Frühlingsbeginn gar zu verschwenderischen Vorschuß auf die Frühjahrsfreuden gibt, ist es schon ganz verkehrt:
„Schlägt im Märzengrün der Fink, ist es ein gefährlich Ding."
In diesem Jahre fällt der Aschermittwoch auf den 2. März; der Niedersachse sagt: „Wenn's Aschermidwoch rägent, holt dat Land keen Feucht un wärd Asch". Im übrigen gilt das Wetterorakel seit alters: „Wie der Aschermittwoch witterte, so witterte die ganze Fastenzeit."
Der 3. März ist der heiligen Kunigunde geweiht; auch dieser Tag soll Künder künftiger Witterung sein. In Westniederdeutschland sagt man deshalb: „Wenn et Kunigunden srüst (friert), sau (so) früst et verzig Nächt." Im allgemeinen aber rechnet man in milderen Gauen Deutschlands damit, daß nun die Tagessonne die Erde schon ein wenig nachhaltiger durchwärmt, drum reimt man im schönen Nahetal:
„Kunigunden — matt warm von unden".
Der 12. März nennt St. G r e g o r als Kalendermann:
„Weht am Gregorstag der Wind, noch vierzig Tage windig sind."
Da aber nun die Außenarbeit verstärkt einsetzt, gilt auch diese Bauernregel: „Wenn Gregorius sich stellt, muß der Bauer in das Feld". Aehnliche Ausblicke eröffnet — hinsichtlich Witterungsbildung und Freiland- wie Gartenarbeit — der Gertruds- tag, der 17. März:
„To Gertraud flügt de Swölke (Schwalbe) ut;
do maut de Buer'e med den Pflauge rut."
Und auch der Hirt geht nach Möglichkeit mit der Herde ins Gelände: „Zu Gertrud — geiht der Schoap mit dem Lamme rut". Sodann heißt es:
„Gertrude nützt dem Gärtner fein, wenn sie sich zeigt bei Sonnenschein."
Und wie im Garten nun manches zuwege kommt, so ist auch im Geflllgelhof manches besser geworden mit dem vordringenden Frühling; im Harz konstatiert die Bauersfrau zufrieden: „Sankt Gertrud legt Ent und Put".
Zum Benediktstag, 21. März, dichtet der Volksmund: „St. Benedikt macht de Bölle (Zwiebel) dick".
Schließlich beachtet der Bauersmann noch den 25. März, Mariae Verkündigung:
„An Mariae Verkündigung^ legt man die Lampen nieder,
an Mariae Geburt (28. Sept.) holt man
sie wieder." W. L.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20.11 bis 22.11 Uhr großer Fa- schingsaben'd „Eine Fahrt ins Blaue". — Gloria-
Kinder-Fasching in Gießen.
Nach den mancherlei Maskenbällen, Kostümfesten und Kappensitzun-- gen der letzten Zeit in unserer Stadt erreicht nun die Fastnacht mit dem heutigen Dienstag ihren Höhepunkt. Der Rosenmontag sah zwar in Gießen nicht so aus wie in Mainz, und deshalb zogen es auch Hunderte unserer faschingsfreudigen Gießener Volksgenossen vor, sich in den Mainzer Faschingstrubel zu stürzen und nach Mainz zu fahren. Im Cafe Leib fand gestern abend das traditionelle Rosenmontags konzert statt.
In den Straßen unserer Stadt zeigte sich der Fasching allerdings noch nicht sonderlich an. Am gestrigen frühen Nachmittag nur sah man faschingsgeputzte Kinder, von der Mama sorgfältig geführt, in den Straßen auftauchen und ganz bestimmten Zielen zustreben.
Im UC. in der Blockstraße und im Cafs Amend in der Bahnhofstraße wurden Kinderkostümfeste abgehalten, und in beiden Gaststätten war es so voll, daß die Türen zeitweilig geschlossen werden mußten. In ihrer fröhlichen Gemeinschaft waren die Kinder rasch miteinander vertraut, und zu den Klängen der Musik versuchten sie, so gut es eben ging, zu tanzen. Da schwang sich ein rassig aufgemachter Cowboy mit einer zarten Rokokodame im Tanz, da sah man das Rotkäppchen mit einem Teufelchen bei
sammenstehen, da pendelten die kleine Gärtnerin, der kleine Schornsteinfeger, der Kavalier aus dem 17. Jahrhundert, immer zwischen dem Tanzparkett und der Mama hin und her, die den Platz hielt inmitten des bunten Gewühls, dem die Kinder mit ganzer Seele hingegeben schienen. Zu früher abendlicher Stunde machte man sich dann, wohl etwas müde von der Bewegung und den vielen Eindrücken, auf den Heimweg. Unser Bild gibt einen Eindruck vom Kinderkostümfest im UC. (Aufn.: Neuner.)
der ursprünglich festgesetzten Frist zum 31. März 1938! ausgeführt werden können, hat der Reichsarbeits». minifter die Frist bis zum 30. Juni verlängert.
Gietzener DochenmarktpreUe.
* G i e ß e n, 1. März. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier, deutsche, Klasse A 12%t Klasse D 10>-, Wirsing, kg 12, Weißkraut 9 bis 10, Rotkraut 10 bis 12, gelbe Rüben und Karotten 10 bis 12, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 18 bis 20, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 15, Rosenkohl 25 bis 28, Feldsalat, Vio 8 bis 10, Tomaten, % kg 40 bis 45, Zwiebeln 9 bis 10, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 35, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,25 bis 3,75 Mark, Aepfel, y2 kg 10 bis 25 Pf., Birnen 20 bis 25, Suppenhühner 90 Pf. bis 1,10 Mark, Blumenkohl, das Stück 50 bis 60 Pf., Salat 20 bis 30, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 35, Rettich 5 bis 10 Pf.
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** Dienstjubiläum. Die Oberpflegerin der Psychiatrischen und Neroenklinik Gießen, Frl. Marie Kaiser, begeht am heutigen 1. März ihr 25jähriges Dienstjubiläum. Frl. Kaiser ist in Patienten- und Gefolgschaftskreisen sehr geschätzt und erfreut sich allgemeiner Beliebtheit.
** Silberhochzeit. Der Möbeltransporteur Heinrich Frey und Frau Marie, geb. Baumann, Neustadt 47, können am heutigen Dienstag das Fest der silbernen Hochzeit feiern.
** Feuerwehr-Schulungsfahrt nach Groß-Gerau. In unserem gestrigen Bericht über die Führerratstagung des Kreisfeuerwehrverbandes
irischer, reiner eitern
gründliche, schonende Reinigung, verhindert den Ansatz von Zahnstein.
Sroße Tube 40 'EL, kleine Tube 25 *Ef.
Palast (Seltersweg): „Der Tiger von Eschnapur". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Andere Welt". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand. — 1900-Mas- kenball im Cafe Leib, Beginn 19.61 Uhr.
Sladtthealer Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute um 20.11 Uhr findet der große Faschingsabend „(Eine Fahrt ins Blaue", Faschingszug im 100-km- Tempo mit bunten Stationen, statt. Fahrtdienstleiter sind Hans Geißler und Karl-Ludwig Lindt. Für die Musik sorgen Heinz Markwardt und Joachim Po- pelka. Vergnügungsbeamte sind: das Solopersonal, die Tanzgruppe, der Chor des Stadttheaters und das Städtische Orchester. Es liegt in der Absicht des Theaters, wenn möglichst viele Theaterbesucher bereits im Kostüm im Theater erscheinen. Die Dauer des Abends ist so gelegt, daß jedem Besucher im weiteren Verlaufe der Fastnacht noch der Besuch anderer Veranstaltungen möglich ist; die „Fahrt ins Blaue" ist um 22.11 Uhr beendet. An diesem Tage fällt die Vorstellung der Dienstag-Miete aus, da der Faschingsabend außer Miete stattfindet.
Sportamt RSG. „Kraft durch Freude".
Heute, Fastnacht-Dienstag, fallen die Schwimmstunden im Volksbad Gießen aus. 1321V
10 Porzellan-Soldaten marschieren auf.
NSG. Die Reichsstraßensammlung am 5. und 6. März wird von SA., ff., NSKK., NSFK.,. NSKOV. und RDK. durchgeführt. Zum Verkauf kommen Wehrmachtsabzeichen aus Porzellan.
Für die März-Straßenfammlung wurden 20 Millionen Wehrmachtsabzeichen in Porzellan hergestellt, die darstellen: Einen Matrosen, einen See-Offizier, einen Flieger im Ausgehanzug, einen Flieger-Offizier, einen Flieger im Sturzhelm, einen Infanteristen, einen Infanterie-Offizier, einen Schützen eines Panzer-Regiments, einen Soldat der Gebirgstruppe und einen Hornist.
Die Abzeichen wurden in 40 Porzellan-Fabriken im ganzen Reich angefertigt. Nachdem die Bemalung und Ausführung der Modellfiguren von den zuständigen Stellen der Wehrmacht geprüft worden war, konnte mit der Herstellung begonnen werden.
Es ist zu erwarten, daß alle deutschen Volksgenossen diese zehn Wehrmachtsabzeichen ans Herz schließen werden — im wahren Sinne des Wortes, denn jedes Porzellanfigürchen hat auf der Rückseite eine Nadel, mit der es am Rockaufschlag oder an der Bluse befestigt werden kann.
Fristverlängerung
für Wohnungsumbauten.
Der Reichsarbeitsminister hat im vorigen Jahr zur Förderung der Schaffung von Wohnungen durch Umbauten Reichszuschüsse in Höhe von mehr als 7 Millionen Reichsmark zur Verfügung gestellt. Da die Umbauarbeiten in vielen Fällen nicht innerhalb,
Kreis Gießen muß es richtig heißen: Die Feuerwehr-Lehrfahrt nach Groß-Gerau findet am nächsten Sonntag, 6. März, statt.
** Wiedersehensfeiern der Garde- Feldartillerie. Vom 14. bis 16. Mai finden in Berlin und Potsdam Wiedersehensfeiern für die Kameraden der vier Garde-Feldartillerie-Regimenter und der Feldartillerie-Schiehschule statt. Alle, die in Krieg und Frieden in den Reihen der Regimenter und Kriegsformationen gestanden haben, sind mit Angehörigen eingeladen. Gesellschaftsfahrten sollen die Reise verbilligen. Auskunft über die Festfolge erteilen für: 1. G.-Fa.-R.: Walter Lucasch, Berlin N 65, Tegeler Straße 37. 2. und 4. G.-Fa.-R.: I. Liebmann, Berlin-Steglitz, Treitschkestraße 15. 3. G.- Fa.-R.: A. Gombert, Berlin-Nieder-Schönhausen, Paul-Franke-Straße 7. Fa.-Schießschule: K. Arlt, Berlin-Friedrichsfelde, Schloßstraße 3a.
Unfälle auf dem Lande.
Bei einem unglücklichen Sturz erlitt der 30 Jahrs alte Carl Jung aus Großen-Buseck eine schwere Gehirnerschütterung. — Die Landwirtsehe- frau Katharine Leib aus Krofdorf kam, als sie im Stalle das Vieh füttern wollte, unglücklich zu Fall und erlitt dabei einen Oberschenkeloruch. — Der 16jährige Heinrich Wilhelm Goubeaud aus Lützellinden stürzte beim Turnen vom Reck ab und erlitt dabei einen Armbruch. — Der Bergmann Fritz Nickel aus Bieber zog sich bei der Handhabung feiner Grubenlampe eine schwere Verletzung zu. Der 8-Haken, an dem die Grubenlampe zu tragen ist, drang ihm tief ins Fleisch. Alle Verunglückten wurden der Chirurgischen Klinik in Gießen zugefllhrt.
„Oer Tiger von Eschnapur."
Gloria-Palast.
Als Herstellungskosten für diesen Film, zu dem Hans K l a e h r, Arthur Pohl, und Richard E l ch - berg nach dem Roman „Das indische Grabmal" von Thea von H a r b o u das Drehbuch schrieben, hörten wir eine Summe nennen, die selbst für moderne Produktionsverhältnisse als außergewöhnlich gelten muß. Der Spielleiter Richard Eich berg hat die ihm zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden verstanden: der Film ist mit einer Großzügigkeit ausgestattet, die ihren Eindruck auf den Beschauer nicht verfehlen wird. Der indische Schauplatz ist, das sicht man sofort, nicht illusionistisch im Atelier gestellt worden; hier ist wirkliches Indien, und es wird in imposanten, malerisch schönen Ausnahmen lebendig. Die Residenz von Eschnapur, der Aufbruch zur Tigerjagd mit (Elefanten, der Maharadscha-Palast, das Hoffest, die Tanzszenen ... das ist alles echt, lebendig und ohne jede Spur von Kleinlichkeit aufgezogen und vorgeführt. Stellenweise könnte man den Eindruck gewinnen, sich in einem Kulturfilm zu befinden, wenn diese Bilder nicht die Kulisse für eine höchst abenteuerliche, romantischbewegte Spielhandlung darstellten. Man wird ferner bemerken, daß der Film nicht nur auf imposante, sondern auch auf schlechthin sensationelle Wirkungen ausgeht. Der Mann mit dem blanken Säbel im Tigerzwinger und der Sprung in den von Krokodilen wimmelnden See gehören ebenso dazu wie die wildwestliche Schießerei der Eingangsszene und die Panik im brennenden Kristallpalast zum Schluß: das ist mit einem sehr bewußten Instinkt für Wirkung in Szene gesetzt. Die Liebe eines europäischen Abenteurers zur Maharani von Eschnapur, feine wilde Flucht mit ihr und die Verfolgung der beiden durch die von Rachedurst und Eifersucht gehetzten indischen Fürsten bilden die Hauptmotive des Films, der trotz manchen Katastrophen noch glücklich endet oder eigentlich nur abbricht: im „Indischen Grabmal" soll die Fabel zu Ende geführt werden. Die theatralisch wirksamste, ergiebigste und aktivste Rolle unter den männlichen Darstellern hat Gustav D i e ß l; dieser Demidvff ist eine von (Energie, männlicher Kraft und mühsam gebändigter Leidenschaft angetriebene Gestalt, ein Kerl, der Albers gereizt haben könnte. Alexander Galling, in vorzüglicher Maske, ist der Prinz Ra- migani: finster, gefährlich, machthungrig und eifersüchtig; Fritz van Dangen: der Maharadscha, stattliche Erscheinung, sehr beherrscht, ein Mann von Welt. La Jana, die Tänzerin, mit einer kindlich scheuen Stimme und einem geschmeidigen
Körperrhythmus begabt, spielt die demütig ängstliche, zu jäher Leidenschaft hingerissene Maharani. Als Kontrastfiguren auf europäischer Seite, darstellerisch ein wenig gesellschaftlich-konventionell: Kitty I a n tz e n und Hans S t ü w e. Dazu munter wie immer Theo Lingen, der feine komischen Pointen auch unter dem Tropenhimmel von Eschnapur an den Mann bringt. — (Tobis.)
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Im Beiprogramm gibt es einen guten, lebendig aufgezogenen Wehrmachtfilm, die umfangreiche Ufa- Wochenschau und auf der Bühne eine vorzügliche akrobatische Nummer (Perche- und Leiter-Akt.)
Hans Thyriot
Weiberfassenacht iniRheingau
Don Waltrud kitzel.
Wer die Weiberfassenacht nicht kennt, der hatte es so machen sollen wie wir: Wir haben uns gegen Abend, als der Himmel schon sein Feuerwerk angezündet hatte, in unfern braven „Leporello" (lies umgekehrt: oller Opel!) gesetzt und sind in den Rheingau geflitzt. Denn wer die Weiberfassenacht einmal unverfälscht kennenlernen will, der muß am Donnerstag vor Karneval irgendein Weinnestchen am Rhein aufsuchen.
Gerade die Rheinstädtchen sind es, wo dieser originelle, alte Brauch heute noch lebendig ist, — vom Oberrhein bis hinunter zum „hilligen" Köln, das auch von feinem „Wiiverfastelovend" spricht. Der Donnerstag ist Auftakt zum Karneval, aber — das ist das Seltsame — er gehört ausschließlich den „Weibern". (Einem alten Herkommen zufolge hatten die Frauen das Vorrecht an diesem Tage: sie durften in die Wirtshäuser gehen und sich wie lrunk- fefte Männer gebärden, kurz, sie hatten unumschränkt „die Hosen an'\
Und wie sieht es heute aus? Als unser Leporello über das bucklige Pflaster eines winkligen Rhein- gaunestchens hoppelt, haben wir im Scheinwerferkegel plötzlich eine ganze Galerie schöner Frauen vor uns. Sechs, sieben sind es, die sich untergeiaßt haben und die ganze Breite der Gasse einnehmen. Wir stoppen und lassen sie näherkommen. Kapott- hüte, blumengeschmückte Strohhüte und Hauben über seltsam starren, grellfarbigen Gesichtern, Umhänge, Tücher und bauschige Röcke und darunter merkwürdig derbe Stiefel — Schuhgröße 48 — so kommen die „Weiber" mit wuchtigen Schritten näher. Wir lachen — es sind ja gar feine Frauen — es sind natürlich alles Männer, die sich m dem sonderbaren Mummenschanz verstecken. Das starke Geschlecht will sich heut nicht mehr von den Frauen
an diesem £ag hinter den Ofen bannen lassen. Sie wissen sich zu helfen, sie werden einfach selber Evastöchter. Johlend ziehen sie an uns vorbei. Einer preßt sein burleskes Maskengesicht an die Windschutzscheibe unseres Leporellos und mauzt in süßem, weiblichem Tonfall: ,,No, du Kochbrunne- kaoalier, gibfte heut an aus?" —
Wir zockeln weiter, hübsch gemächlich, damit uns nichts entgeht. Hier und da schallt Lachen und Singen aus kleinest geduckten Häusern. Bunte Wurfschlangen flattern an Telephondrähten und laublosen Bäumen.
Aber auch die Jugend wird angesteckt von der Narretei, die in diesen Tagen allen Rheinländern im Blut spukt. Zwei „Buwe" kommen uns auf dem schmalen Bürgersteig entgegen. Acht-, Neunjährige, eigentlich gehören sie längst ins Körbchen. — Lange Röcke, die sie mit unnachahmlicher Grazie raffen, und helle Sommerhüte kennzeichnen die beiden als „Frauen". Der eine zieht ein Schoßhündchen hinter sich her. Im Vorbeiflitzen können wir gerade noch erkennen, daß es sich um ein Stück von einem alten Pelz handelt, das er an einem Bindfaden hinter sich herschleift. Und hatte nicht der andere Hobelspänlocken? Aber schon sind wir vorbei...
In einem freundlichen Gasthaus, das mit bunten Papierschlangen und fröhlichen Girlanden zünftig ausgeschmückt ist, werfen wir Anker. Aber wir haben unsere Plätze noch nicht angewärmt, da geht schon die Tür auf und es drängt sich ein „Frauenkränzchen" in die Gaststube. Wieder andere sind's, die da mit grotesken Masken in weiblicher Aufmachung hereinschneien. Wahrlich, manches Museum, manches Theater könnte neidisch werden, wenn es die Raritäten sähe, die an diesem Tag aus Kisten, Kasten und Truhen hervorgekramt werden, Umhänge, Federhutränder, Hauben — alles ist da ...
Ein abgeklapperter Foxtrott wagt sich lärmend aus dem Nudelkasten hervor, — die eine der Vollbusigen umfaßt die schlanke Pleureusendame und wirbelt sie mit affektierten Bewegungen herum. Unter kräftigen Männerschritten dröhnen die alten Dielen. Die andern lachen.
„Achtung! Dei Fedderhitche rutscht vom Kopp!" kräht die mit der Nachthaube in den höchsten Fisteltönen.
Die Wirtin steht lächelnd da, die Hände in die Hüften gestemmt und schaut zu. Sie ist vom Rbein und sie kennt den Weiberfastnachtsrummel. Und was will sie auch machen: wenn fünf kräftige Burschen in ihr gastliches Haus fallen? Oft sind sie aus den benachbarten Orten — man kennt sie nicht — man ahnt nur, wer sich hinter der Vermummung verbirgt.
Als der Tanz zu Ende ist und der Pleureusenhut und anderes wieder zurechtgerückt sind, drängen sich die grotesken Gestalten an unfern Tisch. „Gelle, Se, e gut Weinche hawwe mir hier?" — „Des öut schmecke, gell, ihr Hergeloffene?" schreien sie durcheinander, auf unsere gefüllten Pokale deutend. — Aha! Ein Wink mit dem Zaunpfahl! Hier macht sich ein Rest der früheren Sitte bemerkbar, Mehl und Eier für Fastnachtsgebäck einzusammeln und dabei einen Freitrunk zu bekommen. Der ältere Herr am Nebentisch hat anscheinend Spaß an dem „zarten" Geschlecht. Er spendet eine Runde. Das gibt ein Hallo! Die eine drückt den edlen Spender an ihre schwellende Bluse, die andern tätscheln ihn und die Nachthaubene kreischt begeistert: „Mei Alder is so knickerig, der gibt nie an aus. Ich loß mich jetzt uff der Stell scheide!" Und fünf Gläser Wem werden durch fünf Maskenmünder geschüttet. Die Wirtin wird nochmal umarmt, dann ziehen sie endlich ab, ein Haus weiter.
Weiberfassenacht! Lachend erzählt die Wirtin: Im vorigen Jahr wollte eine Nachbarin ihren Mann durch die Polizei suchen lassen, weil er bis zum Morgengrauen in keiner Wirtschaft auffindbar war. Aber der Beamte hatte gelächelt: Liebe Frau, vergessen Sie nicht: es ist Weiberfassenacht! — Der Verlorengeglaubte wurde übrigens gegen Mittag in der Sofaecke eines Gasthauses im benachbarten Ort schnarchend aufgefunden.
Noch viele merkwürdige Gestalten kommen int Laufe des Abends in unsere Gaststube. — Und als wir wieder unfern braven Leporello nach Hause steuern und der Scheinwerfer sein Strahlenbündel auf die nächtliche Landstraße wirft, entdecken wir noch manch „edle Frauengestalt". Sogar „richtiggehende" Frauen hatten sich ihnen zuweilen zugesellt, aber — o närrische, verdrehte Welt! — in Männerhosen und mit gemaltem Schnurrbart. Da kenne sich einer noch aus! Als die letzten Häuser des Rheingaus hinter uns in nächtliches Dunkel sanken, wars uns, als summe der Motor immerfort: ... Morje fängt die Fassenacht aa ...
Zeitschriften.
— Von erfolgreichem Bemühen, die Schuljugend zu tätiger Mitarbeit im Luftschutz zu erziehen, zeugt ein Luftschutz - Schülerwettbewerb, der in München veranstaltet wurde. Das (Ergebnis ist eine Fülle von sehenswerten Materien und Modellen, die zeigen, wie tief verwurzelt der Luftschutzgedanke in der Jugend ist.. Don 250 preisgekrönten Arbeiten zeigt das neueste Heft der „Sirene", der bekannten Luftschutz-Illustrierten, einige vorbildliche Entwürfe.


