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Wie kam es nun dazu? Im Frühling, insbeson­dere im April, herrscht tagsüber zwischen der Tem­peratur der Erdbodenluft, die von der Sonne stark erwärmt wird, und der höheren Atmosphäre, die nur unwesentlich der Sonnenwärme unterliegt und gerade um diese Jahreszeit besonders kalt ist, ein auffallender Gegensatz. Es kommt oft vor, daß dann in 1000 Meter Höhe fünf Grad Kälte herrschen, während am Erdboden 15 Grad Wärme gemessen werden. Dabei steigt die warme Bodenluft, weil sie sehr leicht ist, wie ein Ballon in die Höhe und ge­langt mit zunehmendem Feuchtigkeitsgehalt bald in die Kaltluftschicht. Dort erst wird die bis dahin un­sichtbare Warmluft dem menschlichen Auge erkenn­bar, es entstehen Wolken. Diese Wolken werden dicker und umfangreicher, je mehr der aufsteigende Warmluftstrom Nachschub erhält und sich in die Kaltluft einbohrt. Wir erkennen diese Vorgänge an den schneeweißen, explosionsartigen Ballungen der Wolkengipfel, die sich fächerartig ausbreiten, sowie an dem drohenden schwarzen Untergrund. Nun kann aber eine solche Wolke nur bis zu einem bestimmten Ausmaß die feinen Nebeltröpfchen, aus denen sie entstand, in der Luft schwebend erhalten. Wird das Gewicht der Wolke zu schwer, was bei den Aprilwetterlagen fast immer eintritt, so scheidet sie Naß aus, und wir sehen, wie die Konturen der Wolke zerfließen und sich Streifen bilden. Es dauert dann nur noch wenige Minuten, und es be­ginnt zu regnen oder zu schneien, je nach den Tem­peraturverhältnissen. Steigt die Warmluft besonders energisch auf und stößt sie auf ungewöhnlich kalte Luftmassen in der Höhe, so werden auch die Schauerbildungen stärker und sind zudem von Windböen durchsetzt, oder von elektrischen Entla­dungen begleitet, Entsprechend dem Umstand, daß die Wolkenballen aus einzelnen, vom Erdboden em­porsteigenden Warmluftkegeln entstehen, hängen auch die Aprilschauer immer einzeln in der Lust, wobei sie von der jeweils herrschenden Windströ­mung mit mehr oder weniger großer Schnelligkeit einhergetrieben werden. So entsteht vom Erdboden aus der Eindruck des bezeichnenden Aprilwetters: ein Schauer nach dem andern zieht heran, und Regen und Sonnenschein wechseln mehrmals in einer einzigen Stunde ...

Man nennt den Aprilschauer den Kobold am Frühlingshimmel, weil er so unberechenbar, sprung­haft, im Grunde genommen jedoch harmlos ist. Aber dieser Kobold spielt uns manchen unange­nehmen Streich, dem man aus dem Wege gehen kann, wenn man nur etwas aufmerkt. Und so mö­gen diese Zeilen ein kleiner Steckbrief für April­schauer sein, wenn wir demnächst auf einem Früh- lingsspaziergang unterwegs sind. W. L.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Gau-Ausstellung: 14 bis 19 Uhr in der Volks­halle. Stadttheater, 19.30 bis 22.30 Uhr:Zar und Zimmermann". Gloria-Palast, Seltersweg: Der Etappenhase". Lichtspielhaus, Bahnhof­straße:Die graue Dame". Bund für Deutsches Christentum: 20 Uhr, Vortrag von Propst D. Dr. Forsthoff (Düsseldorf) in der Johanneskirche. Be­kenntnis-Gemeinschaft Gießen: 20.15 Uhr,. Bibel- und Bekenntnisabend, Vortrag von Pfarrer Eitel (Wölfersheim) in der Kapelle des Alten Friedhofs.

Bund für Deutsches Christentum: Heute abend Vortrag in der Johanneskirche.

Bibel- und Vekenntnisabend: Heute abend in der Kapelle des Alten Friedhofs, nicht im Iohannessaal.

Stadttheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die erste Wiederholung der Oster-PremiereZar und Zimmermann", komische Oper von G. A. Lortzing, statt. Musikalische Leitung: Kapellmeister Paul Walter. Spielleitung: Paul W r e d e. Die Partie des Zaren singt Gustav Bley. Einstudierung der Tänze und choreographische Lei­tung: Tanzmeisterin Irmgard Zenner. Leitung der Chöre: Kapellmeister Ernst Bräuer. 25. Vor­stellung der Mittwoch-Miete. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

Der NBWK.-Sauentscheid in Darmstadt.

NSG. Von 1. bis 4. April werden in Darmstadt die Sieger aus dem Reichsberufswettkampf im Gau Hessen-Nassau festgestellt. Die Gauausscheidungs­wettkämpfe werden mit einem Begrüßungsappell in der Festhalle eingeleitet. Der Freitag ist den praktischen, der Sonntag den theoretischen Arbeiten

gewidmet. Nach den sportlichen Wettkämpfen am Sonntagvormittag werden in der Abschlußkund­gebung im Schloßhof die Sieger bekanntgegeben.

Der neue Bürodirektor beim Kreisamt Gießen.

Als Nachfolger des wie von uns bereits ge­meldet auf Grund des Ältersgrenzegesetzes am 1. April in den Ruhestand tretenden Bürodirektors beim Kreisamt Gießen Nikolaus Fabian ist der Verwaltungsinspektor Heinrich K i r s ch b a u m vom Kreisamt Lauterbach durch Urkunde des Reichs­statthalters in Hessen mit Wirkung vorn 1. April 1937 ab zum Bürodirektor beim Kreisamt Gießen ernannt worden.

lieber den bisherigen Lebensweg des Bürodirek­tors Kirsch bäum berichtet derLauterbacher Anzeiger" folgendes: Herr Heinrich Kirschbaum be­schließt mit dem morgigen Tage in Lauterbach eine außerordentlich lange und erfolgreiche Laufbahn. Der fast Neunundfünfzigjährige er mürbe am 10. Mai 1878 in Hergersdorf im Kreis Alsfeld ge­boren ist im Jahre 1892 in Alsfeld beim dortigen Kreisamt in den Dienst getreten, war nach Ab­leistung seiner Militärpflicht einige Jahre in Hep­penheim und Erbach tätig und kam am 1. Juli 1905 nach Lauterbach, wo er seine Laufbahn als Kreis- amtsgehilfe fortsetzte, die ihn hier als geschätzten, gewissenhaften, tüchtigen Beamten bis zum Amte eines Verwaltungsinspektors führte. Herr Kirsch­baum hat in den 32 Jahren seiner Wirksamkeit in Lauterbach unter sechs Kreisdirektoren (Dr. Wallau, d. Bechtold, v. Werner, Dr. Michel, Dr. ßang, Zürtz) fein Amt versehen und sich der Achtung und Wert­schätzung nicht nur feiner Vorgesetzten und Mit­arbeiter, sondern auch in den Kreisen der Bürger­meister und Rechner erfreut, denen er mit Rat und Tat zur Seite stand. Neben seiner Amtstätigkeit hat Herr Kirschbaum seine Kraft auch gemein­nützigen Bestrebungen gewidmet. So hat er die hiesige Sanitätskolonne über die schwierigen Kriegs-

Ein Jahr h

Für das schulentlassene Mädchen ist es Pflicht geworden, ein Jahr im Haushalt zu lernen. Junge Kraft beginnt sich zu regen, nicht nur Muskeln und Sehnen wachsen bei der gesunden Hausarbeit, son­der auch die geistigen Fähigkeiten entwickeln sich, und bald werden die im Tageslauf sich wieder­holenden Aufgaben selbständig und umsichtig aus­geführt.

Wieviel Abwechselung bringt dieses Jahr im Haushalt, wie vielseitig ist die Arbeit; sie bietet immer neue Anregung, so daß kein Müdigkeitsge­fühl aufkommen kann. Da gilt es, die Kinder zu betreuen, ihre Kleidung und Wäsche zu reinigen und auszubessern; in der Küche bringt jede Jahres­zeit neue Aufgaben mit sich, vom Groß-Reine- machen, dem Hausputz, angefangen, über das Ein­wecken im Sommer bis zu den ruhigeren Beschäf­tigungen im Winter mit Schneidern und mancher schönen Nadelarbeit.

Viele Kräfte sind am Werk, dem jungen Men­schenkind den Weg ins Leben zu zeigen. Die An­leitung der Lehrfrau wird unterstützt durch den Unterricht,.den das Mädchen in der Berufsschule er­hält. Hier werden in theoretischen Stunden den

und Nachkriegsfahre hinweggeführt: ferner ist er bekannt als rühriger Rechner und Geschäftsführer des Obstbauoereins, um den er sich große Verdienste erworben hat.

Die Gießener Frühjahrsmesse.

Von der Gießener Stadtverwaltung wird uns geschrieben: Im heutigen Anzeigenteil wird auf die vom 4. bis 11. April in Gießen auf Oswaldsgarten stattfindende Frühjahrsmesse (Schau- und Verkaufs­messe) hingewiesen. Vorausschauend ist zu sagen, daß die seit Jahren sehr gut eingeführte Schau- und Derkaufsmesse bei der gesamten Bevölkerung Gie­ßens und der näheren Umgebung wieder starken Anklang finden wird. Zahlreiche neuartige Fahr­geschäfte und anderes, außerdem Verkaufsstände aller Art, sind zu erwarten. Für auswärtige Be­sucher besteht verbilligte Fahrgelegenheit (Sonn­tags-Rückfahrkarten) im Umkreis von 75 Kilometer um Gießen, und zwar a) an den beiden Meffe- fonntagen mit tarifmäßiger Geltungsdauer, b) am Mittwoch, 7. April, mit Geltungsdauer von Mitt­woch 0 Uhr bis Donnerstag 3 Uhr (Ende der Rück­fahrt). *

** Verkehrsunfall. Am frühen Nachmittag des gestrigen Tages ereignete sich in der Licher Straße wiederum ein aufregender Vorfall. Ein Fuhrwerk, das stadteinwärts fuhr, war, da an­scheinend die Bremsen versagt hatten, in rasche Fahrt geraten, während zu gleicher Zeit die Pferde scheuten und den Wagen in der Richtung nach der Stadt vorwärtsrissen. Fahrer und Beifahrer be­mühten sich zwar sehr, das Fuhrwerk zum Stehen zu bringen, es gelang ihnen jedoch nicht. Schließ­lich stieß der Wagen heftig gegen einen Handkarren, auf dem u. a. ein großer Herd stand. Durch den heftigen Anprall wurde der Herd vom Wagen ge­schlendert, von dem Fuhrwerk wurde ein Rad ab­gerissen. Der Fahrer stürzte auf die Straße und erlitt leichte Verletzungen.

n Haushalt.

Mädchen manche Allgemeinkenntnisse für das prak­tische Leben übermittelt, die Schülerinnen werden in einfachen Berechnungen, wie sie im Haushalt Vorkommen, geübt, sie lernen gute Umgangsformen auch im schriftlichen Verkehr des Wirtschaftslebens, und sie erweitern ihre hauswirtschaftlichen Kennt­nisse.

In der Freizeit werden die Anlernmädchen in die Gemeinschaft des BDM. ausgenommen und fühlen sich hier inmitten der fröhlichen Jugend bei Spiel, Tanz und Gefang, bei Basteln und Werken in den Heimabenden unter Gleichaltrigen am wohl- ften. Die Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft im Deutschen Frauenwerk bringt bei festlichen Nach­mittagen die Lehrfrauen und ihre Anlernmädchen mit deren Müttern in echter Volksgemeinschaft zu­sammen, denn ein paar fröhliche, gemeinsam ver­lebte Stunden schlingen ein festes Band um die Lehrfrau und ihren Schützling.

So geht ein Jahr schnell dahin im Geben und Nehmen, und am Ende der Anlernzeit werden Lehrende und Lernende sich freuen über den guten Erfolg von Mühe und Geduld, von Willigkeit und i Fleiß. F. K.

Der Osterbetrieb auf dem Gießener Vaftuhos.

Wie den Lesern des Gießener Anzeigers aus unseren Ausgaben vom 20. und 22. März Ueber- sicht über die Sonderzug-Fahrpläne bekannt ist, hatte die Reichsbahnverwaltung für den Osteroer- kehr umfangreich gerüstet und durch die Ausgabe von verbilligten Festtagsrückfahrkarten, deren Gül­tigkeit am 1. April um 24 Uhr abläuft, vielen Volksgenossen die Möglichkeit einer Osterreise ver­schafft. Der Gießener Bahnhof bot in der Oster­woche ein außerordentlich lebhaftes Bild des Reise­verkehrs, an dem auch die Urlauber der Wehr­macht, die in die Heimat entlassenen Männer des Reichsarbeitsdienstes usw. stark beteiligt waren, lieber den Umfang des hiesigen Osterverkehrs wird uns vom Bahnhof Gießen folgendes mitgeteilt:

Personenverkehr.

Das Wetter spielte für den, der feine Oster- urlaubsfahrt ausführen wollte, keine fo große Rolle, wie für den Ausflügler und Wanderer. Die un­freundliche Witterung hat doch manchen davon ab­

gehalten, einen Osterausflug zu unternehmen. Des­halb war auch der Ausflugsverkehr schwach. Nur vereinzelt konnte man Unentwegte der Paddlergilde sehen, denen auch ein Schneetreiben oder ein schar­fer Nordwind bei ihrer Wasserfahrt nichts aus­machte. Daß es stellenweiseweiße Ostern" waren, konnte man vereinzelt an den Trägern von Schnee­schuhen erkennen.

Trotzdem war der Reiseverkehr gegen das vor­jährige Osterfest um rund 6 v. H. stärker. Von Palmsonntag bis zum zweiten Osterfeiertag reiften rund 3 2000 Personen in Gießen ab. Die Fahrkartenausgabe Gießen hatte zeitweise acht Schalter geöffnet, um eine glatte und reibungslose Bedienung der Reisenden sicher zu stellen. Zwei Mi­litärschalter sorgten für die Abfertigung der Mili­tärurlauber, deren größter Teil schon einige Tage vorher auf Grund besonderer, von den Kompanien aufgestellter Listen vorabgefertigt wurde. In der Auskunftsstelle herrschte reger Betrieb; auch am zweiten Osterfeiertag war die Zayl der Auskunft-

fuchenden groß, da mit Ende der Feiertage bfö Rückreisen wieder einfetzten.

Gepäckverkehr.

Der Gepäckverkehr ist gegen Ostern 1936 stark gestiegen. Die Zunahme beträgt 35 v. H. Das ist eine erfreuliche Feststellung, nicht nur für die Reichsbahn, sondern auch für die Beurteilung der allgemein wirtschaftlichen Lage. Der verhältnismä« ßig billige Gepäcktarif spielt dabei auch eine Rolle.

Expreßgutverkehr.

Der Expreßgutverkehr ist erfahrungsgemäß an Ostern niemals so stark, wie an Weihnachten. Trotz­dem hatte die Reichsbahn auch zur Bewältigung dieses Verkehrs besondere Maßnahmen getroffen, um die Expreßgüter so schnell als möglich zu be­fördern. An drei Tagen verkehrte das Schnellgüter­zugpaar Frankfurt (Main) Altona und Altona Karlsruhe, das auch in Gießen hielt und Ex­preßgüter hier anbrachte und mitnahm. Diese Züge fuhren mit einer Geschwindigkeit von 100 Kilometer in der Stunde und hielten nur auf den großen Knotenbahnhöfen. Zur schnellen Beförderung und zur Vermeidung unnötiger Umladungen wurden auch zahlreiche Expreßgutwagen kursmäßig abge­richtet, die von eigens dafür geschulten Fahrlade- schaffnern begleitet wurden.

Leider hat der Expreßgutverkehr in diesem Jahre nicht ganz den Umfang des vorjährigen Osteroer- kehrs erreicht, roenn' er auch in diesem Jahre sehr lebhaft war. Daß die Verkehrsspitze vom vorigen Jahr nicht erreicht wurde, liegt zweifelsohne daran, daß das Osterfest kalendermäßig sehr früh lag und daß die Witterung noch nicht frühjahrsmäßig ist. Das neue Frühjahrskleid, der neue Mantel, Hut und die neuen Schuhe konnten noch nicht gezeigt werden, und das hat die Reichsbahn auch beim Expreßgutverkehr gespürt. Man sieht daraus, wie sich Nachfrage und Verbrauch an Dingen des täglichen ßeffens in den Leistungey der Reichsbahn wieder­spiegeln. Kleingläubig sind wir nicht, und deshalb hoffen wir auf einen um fo besseren Pfingst-Ex- preßgutverkehr.

Eilgutverkehr.

Wie alljährlich, so war auch der Eilgutverkehr iit der Karwoche infolge des starken Fischverbrauchs recht lebhaft. Am Dienstag und Mittwoch in der Osterwoche trafen in großen Mengen Seefische in direkten Wagen und Zügen von den Nordseehäfen hier ein, sie wurden, soweit sie für Gießen be­stimmt waren, den Empfängern beschleunigt aus- geliefert und, soweit sie für Seitenstrecken bestimmt waren, beschleunigt umgeladen ynd weitergesandt. Auch lebende Fische in Fässern waren vielfach zu behandeln. Daneben setzte der saisonmäßig bedingte Versand von Obstbäumen und Beerensträuchern ein. Gegenüber dem Vorjahr ist eine Verkehrszu­nahme von 6 v. H. im Eilgutverkehr zu verzeichnen.

Güterverkehr.

Der starke Güterumschlag bei der Güterumlade- stelle Gießen hält infolge weiterer Besserung der wirtschaftlichen Lage an. Die Leistungen im Jahre 1936 haben bereits die des Jahres 1913 überschrit­ten. 1937 werden die Leistungen noch höher als 1913 werden. Bei einem zeitweisen Ein- und Aus­gang von täglich 435 Wagen, die ent- und beladen werden müssen, waren 750 Tonnen Stückgut täg­lich zu bewegen. Dies ergibt ein Mehr von 15 v. H. gegenüber Ostern 1936. Die höheren Leistungen haben auch eine Vermehrung des Personalbestandes zur Folge gehabt, der von 140 Bediensteten int Jahre 1932 auf 190 Bedienstete emporgeschnellt ist. Eine ganze Anzahl von Volksgenossen hat somit auch bei der Reichsbahn Arbeit und Brot für sich und ihre Familien gefunden.

Die Kraftwagenbeförderung mit eigenen Last­kraftwagen ist weiter ausgebaut worden. 10 Last­kraftwagen mit 11 Anhängern stehen jetzt der Güterabfertigung in Gießen zur Verfügung, um die Güterbeförderung auch über die Straßen aus­zudehnen und damit den Güteraustausch zu fördern.

Weiler vorwärts.

Die kleine Statistik über den Ofterverkehr bei der Reichsbahn in Gießen zeigt uns, daß es ge­genüber dem Vorjahr weiter vorwärts gegangen ist und daß es im Zeichen des Vierjahresplans im Jahre 1937 weiter vorwärts gehen wird. Ein ge­treues Spiegelbild dafür und für die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse bieten die statisti­schen Feststellungen über den Verkehr bei der Reichsbahn, und die toten Zahlen der Statistik werden lebendig und können uns vielerlei sagen.

RUHL Sehersweg Nr. 67

adiO Telephon Nr. 3170 H

eparaturen 1897d W

Skandal

um Dr.Vandergmen

Roman von Hans Hirthammer.

Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. S.

4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Man kann es einen Zufall nennen, aber für mich war es die Entscheidung. Ich war elf Jahre alt, da fand ich auf einer Teepackung allerlei selt­same, geheimnisvolle Zeichen vor, die mich alsbald auf eine erregende Weife in ihren Bann zogen. Ich ließ mir von unserem Lehrer die Auskunft geben, daß dies chinesische Schriftzeichen seien, aber was sie bedeuten sollten, wußte er freilich selber nicht. Don diesem Tage an war es um mich geschehen. Vielleicht wissen Sie selbst, Herr Direktor, was das ist: besessen fein von einem Ziel!"

Ja, das weiß ich. Und Sie widmeten sich also dem Studium dieser Sprache?"

Ja, ich wurde Student!" sagt Dr. Vandergruen, und seine Stimme wird plötzlich schleppend und dumpf.Ich wurde Werkstudent und geriet in die Zeit der ungeheueren Geldentwertung. Ach, nie­mand kann sich das vorstellen, diesen ohnmächtigen Kampf, wenn einem wie durch Hexerei alles zwi­schen den Fingern zerrann, was man sich mühselig erarbeitet hatte, in den Bergwerken, in der Werk­statt, als Nachtkellner, als Laufjunge, als Gepäck­träger. Dieses ewige mit dem Kopf durch die Wand, dieses ewige Hungern, dies schuldlos zur Galeere verurteilt sein. Es sind viele daran zugrunde ge­gangen, tapfere junge Menschen, die heute, um ihr Leben betrogen, mit Staubsaugern hausieren gehen, ober, wenn sie noch Glück hatten, auf einem Büro­schemel sitzen."

So ist es wohl!" Der Mann ist ergriffen von der unvermittelten Heftigkeit des Sprechenden. Und Sie haben es also trotz allem ge­schafft?"

Dr. Vandergruen lacht bitter auf.Ja, ich habe es geschafft und habe meine Jugend dafür hin- gegeben. Es ist der Fluch meiner Generation!"

Es ist der Segen aller Auserwählten!" ent­gegnet Kerstens mit großem Ernst.Sie urteilen ungerecht. Sind Sie nicht dafür von all dem be­wahrt geblieben, was ein junges Leben verpfu­schen kann? War Ihr Leben, waren Ihre Kräfte, Ihr ganzes Dasein nicht glückhaft eingespannt in eine ungeheure Aufgabe, zugewandt einem hohen Ziel? War das nicht schön? Warum verneinen, wenn es soviel zu bejahen gibt?"

Der Doktor schweigt.

Die Hauptsache ist das Bewußtsein, sich be­währt, seinen Mann gestanden zu haben und sich sagen zu können, daß man, was immer man tat, vor sich verantworten kann."

Erst kurz vor dem Aufbruch rückt Direktor Ker­stens mit seinen Geheimnissen heraus.Uebrigens ganz unter uns, Doktor hätten Sie gegebenen­falls Lust, unsere Niederlassung in Tokio zu über­nehmen?

Vandergruen macht ein paar tiefe Atemzüge, Sie Sie belieben zu scherzen, Herr Direktor!"

Kerstens drückt mit einem kleinen silbernen Stempel die Zigarette aus.Durchaus nicht, im­merhin darf und will ich Ihnen noch keinerlei Hoftnungen machen. Fürs erste wollen wir jeden­falls wünschen, daß der Vertrag mit dem japani- fchen Konzern unter Dach kommt."

4.

Diese Heimfahrt ist voll von klingender Schön­heit. Stefan Vandergruen, den Kopf zurückgelehnt, den Mund halb geöffnet, trägt ein Gefühl in sich, das zwar ein wenig vom Wein beeinflußt, dafür aber nicht minder köstlich ist. Die rechte Hand führt das Steuer, die linke liegt ausgestreckt auf dem Polster des Sitzes.

Die Ernte seines Lebens ist nahe.

Während er den Wagen durch die menschenleeren Straßen lenkt, tauchen die Bilder der Vergangen­heit auf, ziehen vorbei gleich einem Spuk.

Da ist der Hof, worin die Mutter ihr Brot ver­diente, diese Frau, der er alles verdankt, Leben, Willen und Ansporn. Wie liebte er ihre schwieligen Hände, die nach schlechter Seife rochen, und die so zart fein konnten, wenn sie ihm Gutes taten. Sie allein kannte sein Herz, seinen Durst nach den un­begreiflichen Dingen. Und da ist Maria, seine Schwester, sein verschworener Kamerad, gleich ihm mit einem unerklärlichen Fluch beladen.

Wie oft hat die Mutter ihrer beider Hände ge­nommen!Ihr zwei müßt Zusammenhalten, denn ihr habt niemand auf. dieser Welt als euch selber!"

Und sie haben zusammengehalten gegen Spott und Verachtung, gegen Tod und Teufel.

Dann steigen andere Szenen empor, voll Grauen und Düsterkeit, trostlose Mansardenstuben, damp­fende Kesselhäuser, Bergwerksschächte und stinkende Baracken und Hunger, endloser, ewiger Hunger.

Und die dunkelsten Tage seines Lebens, als alles ihm vernichtet schien und die letzte Not ihn ins Nichts hinabzustoßen drohte!

Aber alles das, so heftig es an feinem Innersten rührt, ist nun gleichsam aufgehellt, wird zu leben­den Fackeln feines Weges, zur flammenden Lohe des Sieges.

Der Wagen biegt in die Breite Straße ein. Dort steht fein Haus.

Stefan Vandergruen liebt dieses weiträumige alte Gebäude, das er zu günstigen Bedingungen vor zwei Jahren erstanden hat.

Das altertümliche, barocke Haustor, die hohen Zimmer mit ihren alten Kachelöfen, die breite Treppe, die sich in halber Höhe teilt. Er liebt vor allem das kleine Gärtlein, in das man aus einem der unteren Zimmer hinaustreten kann.

In Marias Zimmer brennt noch Licht, und als der Wagen hält, erscheint der Schatten einer Frauengestalt hinter dem Vorhang.

Vandergruen steigt aus und winkt nach oben. Sie hat wieder auf mich gewartet! denkt er ge­rührt, aber dennoch entschlossen, es an einer ernst­haften Rüge nicht fehlen zu lassen.

Während er noch überlegt, ob er gleich nach oben gehen oder zuerst den Wagen in die nahe Garage bringen soll, sieht er die zusammengekauerte, dunkle Gestalt an der Haustür.

Er macht ein paar erschreckte, halb zögernde Schritte und stellt zu seiner Verblüffung fest, daß es sich um ein junges Mädchen handelt.

Der Anblick ist vollkommen ungewöhnlich, so sehr außerhalb des Rahmens alles Alltäglichen, daß der Doktor im Augenblick nicht weiß, was da zu tun fei. Er bleibt stehen, in einem peinlichen Gefühl der Verlegenheit, und starrt die Erscheinung an.

Schließlich ringt er sich aber doch zu dem helden­haften Entschluß durch, etwas zu unternehmen. Er tritt auf die Kauernde zu und gibt ihr einen vor­

sichtigen Stups mit dem Finger.Hallo, Sie? Was machen Sie denn hier? Wie kommen Sie hierher?"

Gisch erwacht und rappelt sich taumelnd hoch. Ihre Lippen bewegen sich, doch ist sie immer noch so von Angst durchschüttert, daß sie keine Worte zu formen vermag. Sie lallt etwas, ihre Arme bewe­gen sich mübe

Das Weib ist ja betrunken! denkt Dr. Vander­gruen und ärgert sich, daß er für einen Augenblick dem Gefühl des Mitleids nachgegeben hat.

Sie haben wohl die Sprache verloren, was? Also los nun, machen Sie, daß Sie weiterkommen und schlafen Sie Ihren Spitz gefälligst zu Hause aus!"

Na, das ist unserer Gisch doch ein bißchen zu stark.Ich bin gar nicht betrunken! Wie können Sie so etwas behaupten? Ich wollte doch nur, ich ich habe" Und dann ist sie am Ende und be­ginnt draufloszuheulen.

Gegen solche Waffen ist Stefan Vandergruen machtlos. Hat die Welt schon so etwas erlebt?

Er zieht wütend den Hausschlüssel und sperrt die Türe auf.Meinetwegen bleiben Sie bis zum jüngsten Tag hier stehen, wenn es Ihnen so unbän­digen Spaß macht."

Es macht mir aber gar keinen Spaß!" heult Gisch.

Himmelbomben, warum scheren <5ie sich dann nicht endlich zunr Teufel?"

Da kommt Maria. Sie mag seine letzten Worte gehört haben und hebt die Hände, in einer Geste der Bestürzung.Um Gottes willen, was ist denn?" fragt sie halblaut.

Ach, nichts, Maria! Beunruhige dich nicht; da hat sich jemand vor unserer Türe häuslich einge­richtet, irgendein betrunkenes Weibsbild! Komm, ich schließe ab, wir wollen hinaufgehen. Ich rufe in der Garage an, Herr Beckers fall den Wagen hinüberholen kaffen."

Maria ist indessen bis an die Haustür gekom­men und wirst einen neugierigen Blick auf das Mädchen.

Gisch wird beim Klang der weiblichen Stimme von großer Scham ergriffen. Sie steht noch eine Weile wie erstarrt, dann tappt sie hastig die Stufen hinab, fortgejagt von der Angst, einer Frau in ihrer Demütigung ausgeliefert zu fein.

(Fortsetzung folgt!)