m.74 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)
Mittwoch, 3l. März 1937
Landwirtschaftliche Genossenschaften tagen in Gießen.
Alljährlich am dritten Ostertag versammeln sich bäuerliche Genossenschafter unseres Bezirks in Gießen zu ihrer Jahrestagung. Aus der näheren Umgebung, aus dem Vogelsberg, aus der Wetterau, und aus dem benachbarten Kreis Wetzlar hatten sich auch am gestrigen Osterdienstag die Besucher zahlreich eingefunden. Vormittags hielt
die Bezirks-Biehverwertung unter der Leitung des Landwirts Kehr (Treis a. d. Lda.) im Lokal von Faulstich ihre dritte ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende begrüßte insbesondere Oberrevisor Hartmann von der Kreisstelle Oberhessen-West im Verband ländlicher Genossenschaften, ferner Direktor Dr. van Bentheim von der Oberhessischen Viehoersicherung in Gießen.
Direktor Otto Heß (Leihgestern) erstattete den Geschäftsbericht. Die Mitgliederzahl ist um 99 auf 571 gestiegen. Nach einer im abgelaufenen Geschäftsjahr notwendig gewordenen gründlichen Umorganisation konnten über 3000 Schlacht- und Nutztiere im Gesamtwerte von mehr als einer halben Million Mark umgesetzt und etwa 150 Tiere direkt vermittelt werden. Die Viehverwertung als bäuerliches Selbsthilfeunternehmen hat (unter schwierigen Verhältnissen bewiesen, daß ein Bedürfnis für eüie solche Einrichtung vorhanden ist. Direktor Heß gab dann noch die in Aussicht genommenen Aufbauarbeiten bekannt, die notwendig werden, um den Genossenschaftsgedanken weiterzutragen und zu vertiefen.
Oberrevisor Hartmann sprach in längeren Ausführungen über die Aufgaben der Viehverwertung, besonders über die Finanzierung des Nutzviehgeschäftes, und gab wertvolle Winke für die weitere Arbeit.
Bei den Wahlen wurden das ausscheidende Vorstandsmitglied L. Schäfer (Annerod) sowie die ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder Kehr (Treis a. d. Lda.), Rodenhausen (Wi^seck), Bücher (Bersrod), Meier (Staufenberg) wieder- und Sommer (Gießen) neugewählt.
Der Antrag Pelikan (Winnerod), zur Stärkung des Eigenkapitals eine baldige Erhöhung bzw- Staffelung der Geschäftsanteile vorzunehmen, wurde dem Vorstand zur Weiterbearbeitung überlassen. Ab 1. Mai dieses Jahres soll von neueintretenden Mitgliedern ein Eintrittsgeld von 5 Mark erhoben werden.
Der Ausbau des Nutzviehgeschäftes war Gegenstand einer fruchtbringenden Aussprache. Gleichfalls soll die Vermittlung von Pferden in Angriff genommen werden.
Nach allseitigem Dank der Versammlung an Otto Heß für seine unermüdliche Tätigkeit für die heimische Bauernschaft wurde die Tagung geschlossen.
Die Dezirks-Eierverwertung
hatte um die Mittagszeit in das gleiche Lokal ein- aeladen. Aus dem von Geschäftsführer Dittmar (Gießen) vorgetragenen Jahresbericht war zu entnehmen, daß im abgelaufenen Geschäftsjahr 4129118 Stück Eier im Werte von 403 562,10 Mark umgesetzt worden sind. Der Umsatz auf einer Hauptbuchseite betrug 1585 050,28 Mark. Das Ergebnis sei, so führte "er u. a. aus, zufriedenstellend. Der Rechnungsabschluß weist einen Reingewinn aus, der vor allem zur Stärkung der Reserven verwandt werden soll. Außerdem soll auf die eingezahlten Geschäftsanteile eine 5prozentige Dividende vergütet werden.
Das ausscheidende Vorstandsmitglied Menge! (Hattenrüd), sowie die ausscheidenden Aufsichtsrats- mitglieder M a r st e l l e r (Grüningen) und Weil (Lang-Göns) wurden wiedergewählt.
Das Aufgehen der Genossenschaft in einer benachbarten Organisation wurde einmütig abgelehnt.
Nach herzlichen Dankesworten des Vorsitzenden an Geschäftsführer Dittmar wurde die Versammlung geschlossen.
Sie Po ksbank (Hießen
hielt nachmittags im Saale des Cafe Leib ihre Generalversammlung ab Der Besuch war, wie immer, sehr gut. 301 Mitglieder waren erschienen. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Zimmer (Gießen), wies eingangs auf die hohen genossenschaftlichen Aufgaben hin, die der Volksbank gestellt sind. Die Genossenschaften seien keine auf Gewinn eingestellte Unternehmungen, sondern stünden im Dienste der Gemeinschaft. Diese Aufgaben seien gerade heute von besonderer Bedeutung. Das erfordere aber auch von feiten der Gnossen, ihren Verpflichtungen pünk- lich nachzukommen und damit die Bank in die Lage zu versetzen, ihre Aufgabe in der Wirtschaft zu erfüllen.
In dem von Direktor Hartmann erstatteten Geschäftsbericht wird u. a. gesagt: Die Volksbank als jüngstes auf genossenschaftlicher Grundlage aufgebautes Geldinstitut in Gießen hat auch im Berichtsjahr 1936 seine günstige Entwicklung weiter fortgesetzt. Seit dem Aufbaujahr 1933 hat sich der Umsatz mehr als verdreifacht, während die Zahl der Genossen um 30 v. H., die Bilanzsumme um 50 v. H. gestiegen sind. An diesen Zahlen ersieht man die Erfolge der nationalsozialistischen Regierung, die auch die Bedeutung des Genossenschaftswesens voll würdigt. Die Volksbank war seinerzeit eine rein bäuerliche Gründung. Nach und nach kamen auch städtische Kunden, die vom Lande stammten, oder die sich mit dem Lande verwachsen fühlten, hinzu, weil hier von jeher der Gedanke der Volksgemeinschaft nach dem Grundsatz „Stadt und Land, Hand in Hand" gepflegt wurde. Heute zählt die Bank 612 Mitglieder. 72 v. H. der Mitglieder wohnen auf dem Lande, 28 v. H. in der Stadt. Der Umsatz betrug auf beiden Seiten des Hauptbuches 57 Millionen Reichsmark. Die Steigerung gegenüber dem Vorjahr betrug 20 v. H. Die Einlagen haben sich trotz starker Rückzahlungen um 46 500 RM. erhöht und betrugen jetzt 1 042 200 RM. Die Ausstände haben sich um rund 80 000 RM. auf 796 300 RM. erhöht. Im Berichtsjahr wurden 112 neue Kredite im Gesamtbetrags von 218 000 RM. bewilligt. Die Persönlichkeit des Kreditsuchenden steht im Vordergrund; er muß kreditwürdig und kreditfähig sein. Die Kreditverteilung zeigt, daß Kleinkredite vorherrschend sind. Die Ausstände verteilen sich auf 481 Genossen. 227 haben Kredite unter 1000 RM., 233 haben Kredite von 1000 bis 5000 RM. und nur 21 stehen mit 5000 bis 10 000 NM. zu Buch. Für sämtliche Kredite liegen Sicherheiten vor. Blankokredit wird grundsätzlich nicht gewährt. Am Kassenschalter betrug der Umsatz 15,4 Millionen RM., bei der Reichsbank 9,2 Millionen NM., auf dem Postscheckkonto 1,7 Millionen RM. umgesetzt. Bei der Landesbauernkasse wurden rd. 8 Mill. RM. umgesetzt. Die Bilanz weist 133709 RM. Guthaben bei der Bauernkasse aus. Der Wechselbestand hat sich auf 105 475 NM. erhöht. Die eigenen Wertpapiere sind mit 139 173 RM. bilanziert. Es sind Reichsanleihen und Pfandbriefe, die im Notfall von der Reichsbank belieben werden können. Die täglich fälligen Verbindlichkeiten find durch flüssige Mittel, einschließlich Bankguthaben und Effekten, auch ohne den Wechselbestand voll gedeckt. Die Liquidität ist somit günstig. Die eingezahlten Geschäftsguthaben der Genossen betragen 121 534 RM. An offenen gesetzlichen Reserven sind 29 200 RM. vorhanden. Für etwaige Ausfälle besteht eine weitere Reserve von 16 000 RM. Der Reingewinn beträgt 7389 RM. Es ist vorgesehen, 1400 RM. den Reserven zu überweisen und 5 v. H. Dividende auszuschütten. Die Zinsspanne wird möglichst niedrig gehalten. Der Hauptzweck ist, den Genossen zu dienen. Daß auf diesem
Gebiet vieles geleistet werden kann, wird gerade im Genossenschaftswesen bewiesen.
Dem diesjährigen Geschäftsbericht ist eine Statistik über die bisherige Entwicklung der Bank angefügt. Im Jahre 1924 wurde mit dem Geldgeschäft begonnen. Im ersten Jahre waren es 113 Genossen mit 522 000 Mark Umsatz und 53 096 Mark Bilanzsumme. Die Dividende war dem damaligen Zinssatz angepaßt und betrug 30 v. H. An diesen Zahlen ersieht man einerseits die günstige Entwicklung dieser Genossenschaft, aber auch die inzwischen eingetretene wirtschaftliche und finanzielle Gesundung. Das Volk hat wieder Derdienstmöglichkeit und wieder Vertrauen, und dies wirkt sich deutlich in der ständigen Steigerung des Sparkapitals aus.
Die Schuldzinsen sind auf eine normale Höhe zuruck- geführt, so daß sie auch bezahlt werden können.
Die Generalversammlung genehmigte einmütig den Vorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat über die Verteilung des Reingewinnes. Das ausscheidende Vorstandsmitglied Molkereibesitzer Hans Grieb (Gießen) sowie die' ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder Becker (Kesselbach), Dem (Leihgestern) und Müller (Lich) wurden einstimmig wiedergewählt.
Der Vorsitzende Rechtsanwalt Zimmer dankte zum Schluß der Versammlung den Mitgliedern für die bewiesene genossenschaftliche Treue und der Gefolgschaft der Volksbank für die stete einsatzbereite Mitarbeit.
Gießener Künstler schaff ein Ehrenmal der Arbeit
Aus der provinzialhaupifiadi
vor dem Regen geschah und uns hätte warnen fön' nen, ist uns entgangen.
Wir vertrauten bedenkenlos dem strahlenden Sonnenschein am tiefblauen Himmel. Wir bemerkten nicht, daß die Luft dicht über dem Erdboden seltsam zu zittern begann, und wir wußten nicht, daß es sich bei diesem Flimmern um warme Luft handelt, die sehr leicht ist und als „Aufwind" in die Höhe steigt. Dabei konnten wir auch nicht erkennen, daß sich einzelne Luftkanäle bildeten, in denen diese warme Luft in großen Mengen aufwärts schoß, und ganz harmlos schienen auch die kleinen weißen Wölkchen zu sein, die bald darauf im Blau entstanden und sich heiter und wohlgelaunt in der Sonne kugelten. Nichts verriet die Heimtücke dieser Wolken, aus denen — der Aprilschauer entstand!
Kobolde am Frühlingshimmel.
Jrn April spielt sich der Endkampf zwischen den weichenden Gewalten des Winters und dem siegreich durchbrechenden Frühling ab. Je nachdem, wer in diesem Endkampf führt, strahlt die Sonne oder jagen mit Blitz, Donner und Hagel die berüchtigten Aprilschauer über das Land. Der Aprilschauer ist das Aushängeschild dieses launischsten aller Monate im Jahr, und so sei hier ein Steckbrief gegen den „Kobold am Frühlingshimmel" erlassen.
Wir kennen alle den Aprilschauer, aber wir kennen ihn nur, wenn er als fertiges Erzeugnis am Himmel hängt, sich temperamentvoll entlädt und unsere Aufmerksamkeit erzwingt. Wir werden uns auch das nächste Mal von ihm überrumpeln lassen, weil wir noch nicht darauf geachtet haben, I auf welche Weise er eigentlich entstand. Alles, was
Vor einiger Zeit entstanden im Atelier des Gießener Bildhauers Bourcarde Entwurf und Modell zu einem Ehrenmal der Arbeit. Der Künstler hatte von der Leitung der Buderusfchen Werke in Wetzlar den Auftrag erhalten, für den Eingang des Werkes Sophienhütte in Wetzlar eine Figur zu schaffen, die als Sinnbild für den Charakter des Werkes angesehen werden kann. Entwurf und Modell haben nun ihre Verwirklichung und endgültige Gestaltung erfahren. Der Künstler hat die charakteristische Gestalt eines Eisengießers als Bildvorwurf gewählt. Das Kunstwerk wurde von einer Spezialfirma monumental (in einer Größe von etwa drei Meter Höhe) in Bronze gegossen und gelangte nun am Eingang der Sophienhütte in Wetzlar zur Ausstellung.
Das vorstehende Bild zeigt das Kunstwerk nach einer eigenen Aufnahme des Künstlers. Eine kleine Wiedergabe (ebenfalls im Bronzeguß) ist auch in der Gauausstellung der bildenden Künstler des Gaues Hessen-Nassau in der Volkshalle zu sehen.
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John Constable.
Zur Entstehung der modernen Landschastsmalerei.
Daß ein Landschaftsbild nicht vor der Natur entstanden oder doch mindestens angelegt sein sollte, erscheint uns heute kaum vorstellbar. Dennoch ist es kaum mehr als hundert Jahre her, daß einzelne Künstler damit begannen, sich mit ihrem Malgerät mitten ins Freie zu begeben, anstatt im geschlossenen Atelier nach flüchtigen Skizzen ^Erinnerungen an die Natur zu Bildern zu verarbeiten. Zu den Vätern dieser „Paysage intime“, die sich unter Verwerfung aller bewährten Rezepte auf die Frische und Unmittelbarkeit des Natureindrucks verläßt, gehört der Engländer John Constable. 1776 als Sohn eines Müllers in der Grafschaft Suffolk geboren, wurde Constable Mitglied der Londoner Akademie und hat fast ausschließlich Landschaften mit Motiven seiner englischen Heimat gemalt, die in London so gut wie unbeachtet blieben, dagegen auf einer Ausstellung in Paris 1824 größtes Aufsehen erregten und von da aus der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts ganz neue Wege wiesen. In Frankreich hatte Eugene Delacroix die revolutionierende Tat Constables bald erkannt, und in Deutschland war es Menzel, dem es bei der ersten Bekanntschaft mit Bildern dieses Engländers wie Schuppen von den Augen fiel. Die frühen, ganz locker und frei gemalten Landschaften Menzels find unter dem Eindruck Constables entstanden.
Um Constables Leistung richtig einzuschätzen, wird man gut tun, seine Landschaften, die man heute in der Londoner National-Gallery, im Viktoria- und Albert-Museum und in der Tate-Gallery studieren muß, mit den alten Meistern zu vergleichen. Denn an den Bildern späterer Maler, zumal der Impressionisten, gemessen, wirken sie noch immer schwer und bunt, zuweilen auch überladen und gestellt. Erst von rückwärts her gesehen, erkennt man das Umwälzende dieser Malkunst, die nicht Einzel- motive zu effektvollen Kompositionen verbindet, sondern immer das Ganze der Natur vor Augen hat. Als Constable von einem Kollegen gefragt wurde, ob es ihm auch so schwer fiele, die Stelle im Bilde zu bestimmen, an die der große braune Baum soll, schüttelte er den Kopf und gab zu verstehen, daß dergleichen Sorgen ihm völlig fremd seien. Zwar hat' auch er von den großen alten Meistern, namentlich von den Holländern und von Claude L o r-
rain, redlich zu lernen versucht, wie man einem 1
Gemälde den beliebten Goldton verleiht, wie man Staffage und Kulissen verwendet, kurz, wie man die Natur arrangiert. „Zwei Jahre lang" — so gesteht er — „bin ich jetzt hinter Bildern hergelaufen und habe die Natur aus zweiter Hand genommen. Ich kehrte nach Bergholt zurück und will versuchen, auf £eine und unaffektierte Weise die Dinge wiederzugeben, die' mich beschäftigen. Hier ist Platz für einen natürlichen Maler."
Also ein „natürlicher Maler" zu werden, das war sein Ehrgeiz. Und um zu sehen, daß die Bäume nicht, wie bei den Ateliermalern, braun sind, sondern grün, und daß dieses Grün unter dem stets wechselnden Einfluß der Atmosphäre und des Lichtes die verschiedensten Abstufungen hat, um zu beobachten, wie am weiten Himmel die Wolken ziehen, wie der Wind ihre Gestalt verändert und das Wasser sie wiederspiegelt— dazu mußte er in die Natur hinaus gehen, mußte alle noch so berühmten Vorbilder beiseite lassen und nichts weiter tun, als die Natur in allen Erscheinungen kennenzulernen. Von dem Ergebnis dieses unablässigen Umgangs reden seine Bilder in der Helligkeit ihrer Farben und der gelösten, sanft und doch kraftvoll hinströ- menben Strichführung. Nicht alle ausgeführten Arbeiten haben diese Vorzüge; gerade den berühmten Meisterwerken wie dem „Heuwagen" und dem „KornfeU)" der National-Gallery, merkt man hin und wieder doch noch das nachträglich Gestellte an, aber die herrlichen Skizzen sind ganz frei davon, und diese ersten kühn hingeworfenen Impressionen sind es vor allem, die Constables Ruhm als Wegebahner der späteren Freiluftmalerei begründet haben. Das ist so lebeüdig, so improvisiert, so ganz von dem Glück des erlebten Augenblicks her bestimmt, daß man die romantischen Ruinenlandschaften eines Wilson gar nicht mehr sehen mag, daß sogar die kultivierte Malerei eines Gainsbo- rough als ein künstliches Gewächs, eben als „Natur aus zweiter Hand" erscheint. Wie jedem Maler, der nichts weiter als Maler sein wollte, hat man auch Constable vorgeworfen, er habe nicht zeichnen können, und dieser hat den Tadel ruhig hingenommen, ja vielleicht als ein Lob aufgefaßt, wohl wissend, daß dieser angebliche zeichnerische Mangel seine koloristische Tugend war.
Constable hat in England keine eigentliche Schule begründet, er war einer jener Propheten, die in ihrem Vaterlande nichts gelten. Um so rascher hat er sich das Festland erobert. Unter den großen Landschaftern der Folgezeit ist keiner, der ihn nicht zu feinen Ahnen zählte.
Ernst von Niebelschütz.
Besuch in Danzig.
Bild einer alten deutschen Hansestadt.
Von der See her muß man kommen und durch den weitläufigen Hafen hindurch nach Danzig hineinfahren, wenn man beim ersten Eindruck schon den Kern und den Geist dieser alten Seestadt erfassen will. Kaum hat der kleine Dampfer die Stadt selbst erreicht, da ist der Besucher auch schon mitten im baulichen Mittelalter drin und steht dem einen der berühmten drei Wahrzeichen Danzigs Äug' in Auge gegenüber, dem weitausladenden Backsteinbau des Krantors. Die Jahrhunderte haben die Holzbekleidung schwarz gefärbt, und im Innern sieht man noch die alten, in ihrer Einfachheit großartigen Vorrichtungen zum Heben von Schiffslasten. Mit einem Gewirr alter Häuser schließt sich der „F i s ch m a r k t" an, und drüben auf dem anderen Mottlau-Ufer reihen sich die hochgiebeligen, altersgrauen Fachwerkbauten der Warenspeicher auf. Man spürt in allem förmlich den lebendigen Atem des Mittelalters, und dieser Eindruck setzt sich fort, ja vertieft sich noch, wenn man durch eines der vielen, gegen die Mottlau hin abschließenden Stadttore tritt. Hinter ihnen tun sich die Frauengasse, die Jopengasse, die Brodbänkengasse — und wie diese trauten Gassen alle heißen — in einer von der neugeschichtlichen Zeit geradezu unberührten Schönheit auf und lassen erkennen, daß diese größte und reichste Stadt des Ordenslandes zugleich auch heute noch eine der besterhaltenen deutschen Städte überhaupt ist. Diese ursprüngliche Gestaltung der Straßenzüge und Platzräume rückt Danzig in die erste Reihe der deutschen Städte, die sich noch in nennenswertem Umfange ein Bild alten deutschen Städtewesens bewahrt haben.
Das wird besonders noch durch die „Beischläge" unterstrichen, jene altanartigen Vorbauten vor den Häusern, wie sie, außer vereinzelt noch in Elbing, in keiner anderen Stadt zu finden sind. Sie schließen sich in kunstvoll geschmiedeten Gittern und in Steinbrüstungen mit plastischem Schmuck, mit Steinkugeln als Geländerträgern und Delphinen als Wasserspeiern gegen die Straße ab und waren in früheren Zeiten ein von Bäumen überschatteter Sammelpunkt des Familienlebens und der gewerblichen Tätigkeit. Und in diesem altertümlichen Stadtbild, das die Jahrhunderte fügten, ohne „das Gesetz, wonach es angetreten", zu verletzen, ragt der Wiesenbau der Marienkirche auf, eines der größten Gotteshäuser der Christenheit mit feinem gewaltigen, in den Himmel auf-
ragenöen Backsteinturm, der dem ganzen Stadt» bild sein Gepräge gibt.
Nicht weit davon steht das dritte Wahrzeichen Danzigs, der Ratsturm am Langen Markt. Steil wie eine Lanze schießt er empor, mittelalterlich ernst in seinem Backsteinunterbau, organisch gekrönt von der eleganten Renaissancespitze, einer der schönsten Turmspitzen deutscher Baukunst.
Vielleicht hat Arthur Schopenhauer, der Philosoph aus Danzig, sein Wort von der „Architektur als einer erstarrten Musik" gefunden, als ihm das harmonische Raumgebilde des Langen Marktes vor Augen stand. Hier ist in die schwingende Reihe prachtbeladener Patrizierhäuser die gotische Front des Artushofes eingebaut, der jedem Besucher eine bezwingende Anschauung davon gibt, in welcher großartigen, geradezu fürstlichen Weise die alten Kaufmannsgeschlechter ihren geselligen und gesellschaftlichen Bedürfnisten gerecht zu werden verstanden. Wer aber einen Einblick in die Wohnkultur jener alten Geschlechter tun will, der besuche in der Langgasse, ganz in der Nähe, das Uphagenhaus, das wie ein Museum die ganze Inneneinrichtung aus alter Zeit getreulich bewahrt hat.
Ueberhaupt die Langgasse, diese Straße der königlichen Kaufleute! Auch aus ihr spricht, unbeschadet des über sie dahingehenden modernen Verkehrs, lebendig^und vernehmlich das Mittelalter noch seine kernige Sprache. Ihre sanft geschwungene Biegung ich gebunden durch den Rhythmus der mittelalterlichen, schmalen und quer zur Straße stehenden Häuser. Dadurch reiht sich Giebel an Giebel, die sich als krönende Glieder der Straßenwände scharf gegen den Himmel abheben. Mit zweifellos besserem, dankerfülltem Verständnis als die Bewohner dieser schönen Straßen in den städtebaulich so verhängnisvollen Zeiten des 19. Jahrhunderts gedenken wir der Tatsache, daß Danzig damals wirtschaftlich dahinkümmerte und deshalb nicht mithalten konnte, als die Mehrzahl der reicheren Städte in der kläglichen Baugesinnung jener Tage das alte Kulturgut ihrer Häuser und Straßen blind zerstörte.
Tagelang läßt es sich beschaulich wandern durch Danzigs Gassen, und nie ermüdet der Blick. Stets belebt sich das Verständnis für das schöne Antlitz dieser Stadt und für die unbestechliche Sprache ihrer durch und durch deutschen Geschichte. Der empfängliche Besucher wird selbst die eigenartigen, sämtlich aus dem gleichen deutschen Geiste 'geschaffenen Schönheiten in den Rathäusern und Kirchen, der herrlichen Stadttore, und wo es sonst auch sei, in einer kaum faßbaren Fülle für sich entdecken
Dr. Richard Wagner.


