llr.149 Erstes vlatt
187. Jahrgang
Mittwoch, 30. Juni 1937
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Die Kammer stimmt dem Ermächtigungsgesetz für Ehautemps zu.
Vertrauen zum neuen Finanzminister, aber Zweifel an der Haltung der Volksfront.
Paris, 30. Ium. (DNB. Funkspruch.) Die französische Kammer hat in den frühen Morgenstunden des Mittwoch das Ermächtigungsgesetz der Regierung mit 380 gegen 228 Stimmen angenommen. Die Vorlage geht nun an den Senat, wo die Aussprache voraussichtlich am Donnerstag stattfinden wird.
Oie Regierungserklärung
besagt u. a.: Zwei grundlegende Ideen haben seit einem Jahr die gemeinsamen Sorgen der Republikaner beherrscht: Der Frieden und der soziale Fortschritt. Im Sinne des einmütigen und tiefen Gefühls des französischen Volkes, das kürzlich mit ausdrucksvoller Kraft durch die Stimme unserer lieben Frontkämpfer zum Ausdruck kam, werden wir die Außenpolitik fortsetzen, die leidenschaftlich bestrebt ist, den Frieden mit allen Völkern zu suchen und ihn nur in der Gerechtigkeit, in der Achtung der Unabhängigkeit aller zu sehen. Wir werden gleichzeitig den besonderen Freundschaften Frankreichs treu bleiben und uns bemühen, ständig das Feld der internationalen Zusammenarbeit zu erweitern. Frankreich ist entschlossen, sich jeder Drohung zu enthalten und keinerlei Drohung zu dulden. Der Frieden wird nicht durch Verzichte erkauft werden, die zur Abhängigkeit und zum Kriege führen würden. Der Friede kann nur durch den Willen der Völker Zustandekommen, die entschlossen sind, ihn zu verteidigen und alle ihre Kräfte in den Dienst des Rechtes zu stellen. Wir werden nicht vernachlässigen, um die Kräfte, die die Sicherheit des Vaterlandes schützen, auf ihrem Höchststand zu erhalten. Aber wir haben bestimmte Hoffnung, daß die An - strengung zur Entspannung und zum gegenseitigen Verstehen ihre Früchte tragen wird, und wir richten den herzlichen Aufruf an alle Völker, an alle Regierungen ohne eine Ausnahme, auf daß ihre aufrichtige Zustimmung zu einem Regime der wirtschaftlichen Unterstützung und der Beschränkung der Rüstungen endlich die Hoffnung aufkommen lasse auf eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen den wiederversöhnten Völkern.
Nach einem Hinweis auf das innerpolitische und soziale Programm der Regierung, das sich mit dem ihrer Vorgängerin deckt, fährt die Erklärung fort, wichtigste Pflicht der Regierung sei es, unverzüglich energische Maßnahmen zu ergreifen, die den unstatthaften Mißbrauch der Spekulation beseitigen, das Gleichgewicht des Haushalts herbeiführen und die nationale Wirtschaft beleben fallen.' Zu diesem Zweck werde der Finanzminister unverzüglich in der Kammer Gesetzesentwürfe einbringen, die der Regierung die für jede Handlung notwendigen Vo l l m a ch t e n erteilten, damit sie schnell und entschlossen handeln könne, wie es das öffentliche Interesse erfordere.
Dos Ermächtigungsgesetz,
das der Kammer vorgelegt wurde, tautet: Die Regierung wird ermächtigt, bis zum 31. August 1937 durch im Ministerrat verabschiedete V e r - ordnungen alle Maßnahmen zu treffen, die die Beeinträchtigung des Staatskredites und die Spekulation bekämpfen sowie die wirtschaftliche Gesundung, die Preisüberwachung, den Ausgleich des Haushaltes und des Schatzamtes ohne Währungskontrolle und die Verteidigung des Goldbestandes der Bank von Frankreich bezwecken. Diese Verordnungen werden innerhalb von drei Monaten nach Verkündung vorstehenden Gesetzes, aber auf alle Fälle in der ersten Sitzung der außerordentlichen Parlamentstagung 1937 den Kammern zur Ratifizierung unterbreitet werden.
Die B e g r ü n d u n g des Gesetzentwurfes lautet: Die Lage des Haushaltes, des Schatzamtes und der Währung erheischen sofortige Gesundungsmaßnahmen. Das Schatzamt muß bis zum Jahresende Lasten tragen, die es nicht durch Inanspruchnahme des Geldmarktes bewältigen kann. Die Währung ist s p e k u l a t i v e m Druck aus- gesetzt, der die Gefahr mit sich bringt, den Gold- estand der Währungsbank rasch zu gefährden. Eine derartige Lage kann nicht Dauerzustand werden, ohne die finanzielle Unabhängigkeit, die militärische Sicherheit, die sozialen Errungenschaften und die wirtschaftliche Gesundung Frankreichs in Frage zu stellen. Die Regierung beschließt, sofort einen Plan der Gesundung anzuwenden, der die Verteidigung des Goldbestandes der Bank von Frankreich ohne Währungskontrolle, einen unerbittlichen Kampf gegen die Spekulation und ein streng eingehaltenes Haushaltsgleich- gewicht für 1937 vorsieht, und zwar durch geeignete Steuermaßnahmen und eine merkliche Verringerung der Raten des Schatzamtes. Dieses Programm bildet ein zusammenhän g endes Ganzes. Keine der geplanten Maßnahmen könnte allein genügen. Die Notwendigkeit, sie alle gleichzeitig und uiwerzüglich anzuwenden, macht eine außergewöhnlich rasche Durchführung notwendig. Im Hinblick auf letztere verlangt die Regierung vom Parlament die erforderlichen Vollmachten.
Die Aachtsitzurig der Kammer
entsprach dem Ernst der Lage. Vor allem die Rechte ließ es an scharfer Kritik an dem zurückgetretenen Kabinett Blum nicht fehlen; dessen Finanzpottttk
wurde gebranbmarft und für die jetzigen Schwierigkeiten verantwortlich gemacht. Den Bemühungen des neuen Finanzministers Georges Bonnet steht man auch in der Opposition wohlwollend gegenüber. Aber immer wieder kam die Befürchtung zum Ausdruck, daß feine an sich gut zu heißenden Absichten an dem Wider st and gewisser Kreise der Volksfront selb st scheitern würden. Der rechtsgerichtete Abgeordnete Xaoer Vallat stellte fest, daß der Finanzminister sehr gesunde Auffassungen vertrete. Er habe sich in der Vergangenheit häufig gegen das Finanzprogramm der Volksfront ausgesprochen, und seine Anwesenheit im Kabinett stelle daher einen Widerspruch zu den Beschlüssen des sozialdemokratischen Landesparteitages dar, der dem Ministerpräsidenten zur Pflicht gemacht hatte, niemand in fein Kabinett aufzunehmen, der die Volksfront bekämpfe. Es fei anzunehmen, daß die Mehrheit der Volksfront der Regierung Ehautemps nicht folgen werde, wenn sie die Absicht habe, den „Weg der Buße" zu beschreiten. Da er und seine Parteifreunde die Ansicht verträten, daß in der Kammer eine andere Mehrheit als die der Volksfront möglich fei, stimmten sie gegen das Ermächtigungsgesetz.
Finanzminister Bonnei
bat die Kammer, angesichts der Notwendigkeit einer Wiedergesundung der Finanzlage unnütze Kritik beiseite zu lassen. Das Schatzamt müsse bis Anfang Oktober 5,4 Milliarden innere Anleihen z u - rückzahlen. Am 1. Dezember werde die Rückzahlung von weiteren 4 Milliarden der in England aufgenommenen Anleihen notwendig. Dazu kämen 807 Millionen Franken der Anleihen des ehemaligen Finanzministers Auriol, so daß insgesamt 10,6 Milliarden Franken für die Rückzahlung von Anleihen notwendig seien. Der Gold- abfluß der Bank von Frankreich belief sich zwischen dem 1. und 22. Juni auf 5,2 Milliarden, aber allein in den Tagen vom 23. bis 28. Juni habe er 2,5 Milliarden betragen. Die notwendigen Ge ' . maßnahmen beständen in erster Linie in einem scharfen Kampf gegen die S p e k u l a t i on. >
Das einzige wirkliche Mittel, die Spekulation zu unterbinden, sei, Ordnung in die Finanzen und in die Wirtschaft zu bringen. Der Haushalt müsse ins Gleichgewicht kommen. Steuerhinterziehungen müßten streng bestraft werden. Er denke auch daran, die Steuern für große Vermögen zu erhöhen und eine Tariferhöhung der Eisenbahnen vorzunehmen. Für die Haushaltsführung fei es notwendig, keine neuen Ausgaben zu bewilligen, die nicht durch neue Einnahmen gedeckt feien.
Um den augenblicklichen finanziellen Lasten gerecht zu werden, fei es nicht möglich, den Franken in den durch das Dährungsgefeh vom Oktober 1936 gesteckten Grenzen zu halten. Werde das Gesetz beibehalten, so nehme der Goldabfluß zu und damit würden die Reserven der Dank von Frankreich immer geringer. Die Regierung beabsichtige, dieser Gefahr im Rahmen des Ermächtigungsgesetzes zu begegnen. Sie werde dabei bemüht fein, sich größte Zurückhaltung aufzuerlegen.
Während die Sitzung bis dahin in einer ruhigen und dem Ernst der Lage entsprechenden Atmosphäre verlaufen war, kam es zu außerordentlich heftigen L ä r m s z e n e n, als der kommunistische Fraktionsführer Duclos die Tribüne betrat, um die Erklärung, daß feine Fraktion für die Vorlage stimmen werde, mit heftigen Ausfällen gegen die Opposition zu verbinden. Kammerpräsident Herriot sah sich gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen. Die Auseinandersetzung zwischen der Rechten und den Kommunisten wurde jedoch in den Wandelgängen fortgesetzt, und es kam zu einer regelrechten Schlägerei zwischen dem Kommunisten Ramette und dem rechtsgerichteten Abgeordneten Les Jsnard, die sich gegenseitig ohrfeigten. Nach Wiederaufnahme der Sitzung richtete Ministerpräsident C haute m p s einen ernsten Appell an die Abgeordneten, im Interesse des Landes für die Vorlage zu stimmen. Die Kammer sprach sich herauf mit Dem bereits gemeldeten Ergebnis für die Vorlage aus, die nun an den Senat weiter geleitet wird.
Das Schicksal des Micken.
Wird das Fluchttapifal zurückkehren?
Paris, 30. Juni. (DNB. Funkspruch.) Das „Echo de Paris" will wissen, daß Finanzminister Bonnet nicht die Absicht habe, den Franken auf eine feste Parität zu bringen. Anstatt den Aus- gleichssonds zu verschwenden und so den Frankenkurs auf etwa 125 gegenüber dem englischen Pfund zu halten, werde man ihn bis 130 und vielleicht sogar 135 sinken lassen. Dann werde man den Ausgleichsfonds einsetzen, um die Parität wieder auf 125 zu bringen und um dadurch eine Rückkehr der ausgewanderten Kapitalien herbeizuführen. Wenn das Vertrauen wieder her- gestellt und gleichzeitig der Haushalt durch den Verzicht auf neue Ausgaben ins Gleichgewicht gebracht fei, hoffe man mit einer verstärkten Rückkehr dieser Kapitalien und werde dann an eine Konvertierung d er Renten denken können. Der Finanzminister habe aus Washington gewisse Zusicherungen mitgebracht, und der französische Finanzattache in London habe mit dem englischen Schatzamt bereits enge Fühlung genommen. Sowohl die amerikanische wie auch die englische Regierung seien der Ansicht, daß die augenblicklichen Finanzoperationen Frankreichs sehr wohl mit dem Dreier- Abkommen vereinbar seien.
Nichtsdestoweniger beurteilt man die Lage in Rechtskreisen sehr pessimistisch. Der „Jour" spricht von dem Bankrott der Volksfront. Das Kabinett Ehautemps könne nur als eine Zwischenlösung angesehen werden, denn es werde dem Ministerpräsidenten unmöglich sein, wirklich einschneidende Maßnahmen zu treffen, weil d i e Sozialdemokraten, getrieben von den Kommunisten, niemals einer zwar peinlichen, aber notwendigen Reform zustimmen würden, die allein geeignet wäre, das Land vor der Katastrophe zu bewahren. Diese Voraussage findet in dem Organ der sozialdemokratischen Partei, dem „Popu- laire", bereits ihre Bestätigung. Das Blatt schreibt, die Volksfront werde auf steuerlichem und finanzpolitischem Gebiet niemals einer Maßnahme zustimmen, die den Plänen zuwiderlaufe, die das erste Volksfront k ab inett ausgearbeitet habe.
Was wird aus dem Währungsabkommen?
London, 30. Juni. (DNB. Funkspruch.) Die Mitteilungen des französischen Finanzministers Bonnet über die katastrophale Finanzlage werden von den Morgenbljittern in großer Aufmachung wiedergegeben. Infolgedessen wird mit einem weiteren Absinken des Frankenkurses gerechnet. „Daily Telegraph" schreibt, wenn ein Ausgleich des französischen Haushaltes ermöglicht werden solle, müßten die gewaltigen französischen Kapitalien, die ins Ausland geflüchtet feien, wieder zurück- gebracht werden. Dazu fei aber in erster Linie
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eine Wiederherstellung des Vertrauens erforderlich. Die „Morning Post" schreibt, daß eine weitere Entwertung des Franken der Zustim - mung Englands und-der Vereinigten Staaten bedürfe, wenn das Dreimächte-Wäh- rungsabfommen aufrechterhalten werden solle. Natürlich stehe es Frankreich frei, das Abkommen zu kündigen. In diesem Falle würde die Zusammenarbeit zwischen Amerika und England genügen, um die Währungsstabilität dieser beiden Länder aufrechtzuerhalten. Die „Financial Times" schreibt, Frankreich habe feit mehr als einem Jahr mehr oder weniger auf Schulden ge l e b t, die Zeit sei jetzt gekommen, das Geld für d i e Rückzahlung zu finden. Eine schwere Besteuerung in der einen oder anderen Form sei unvermeidlich. Das französische Volk müsse einsehen, daß große Opfer erforderlich seien, um einen Ausgleich des Haushalts zu ermöglichen. Das Blatt meint, daß der Franken mit der Unterstützung des englischen und amerikanischen Ausgleichsfonds in der Lage fein sollte, baldigst feinen Kurs zu finden und damit die Währung in ein neues Gleichgewicht zu bringen.
Erfolg des japanischen Protestes in Moskau.
Tokio, 30. Juni. (Ostasiendienst des DNB.) Der Sprecher des Auswärtigen Amtes machte Mitteilung über den Protest in Moskau wegen der widerrechtlichen Besetzung zweier Amur-Inseln durch die rote Armee und wegen der Sperrung des Schifffahrtsweges auf dem Amur durch zahlreiche Sowjet-Kanonenboote. Außenkommissar Litwinow- Finkelstein gestand die Zurückziehung der Sowjettruppen und die Wiederher- Heilung des Status quo auföen Amur- Inseln zu. Politisch Kreise weisen darauf hin, daß bei den Verhandlungen in Moskau zahlreiche Streitfragen, die hauptsächlich umstrittene Besitzrechte betreffen, gar nicht berührt wurden. Die Zugeständnisse der Sowjetunion beträfen lediglich einen kleinen Ausschnitt der an den Grenzen Mcm- dschukuos bestehenden Fragen.
Balmaseda einaenommen.
Salamanca, 29. Juni. (DNB.) Der nationale Heeresbericht vom Dienstag teilt mit: Front von Biscaya: Unsere Truppen haben ihren siegreichen Vormarsch fortgesetzt und Stellungen besetzt, die die Bergwerksbahn beherrschen. Der Gegner, der in einigen Abschnitten Gegenangriffe versuchte, wurde zurückgewiesen. Um 14,30 Uhr haben unsere Truppen Balmaseda eingenommen und in weiterem Vormarsch Zagüjo, San Miguel und andere wichtige Stellungen besetzt. Eine gegnerische Kompanie, die Balmaseda verteidigte, ergab sich beim Einmarsch unserer Truppen und leistete die Ehrenbezeugung. Die Zahl der lieber« läufer beträgt über 500. Andere Heeresgruppen besetzten La Nevera, La Garbea und eine Blei« und Zinnschmelzerei.
3n eigenen Händen.
In einer Rede auf dem mainfränkifchen Gauparteitag in Würzburg hat der Führer und Reichskanzler selbst aus den Erfahrungen, die wir in den letzten Wochen auf außenpolitischem Gebiet gemacht haben, die Folgerungen gezogen. Er hat dem Kollektivismus in der Außenpolitik, der die Entscheidungen der einzelnen Nationen dem Spruch einer übernationalen Körperschaft unterordnen möchte, eine Absage erteilt, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Wir haben hier schon am Samstag darauf hingewiesen, daß sich die Fürsprecher des Systems einer kollektiven Friedenssicherung soeben in London eine glänzende Gelegenheit haben entgehen lassen, wo sie an einem praktischen Einzelfall die Brauchbarkeit der von ihnen empfohlenen Methode gemeinsamen Handelns zur Abwehr von Friedensbrechern hätten demonstrieren können. Sie haben nicht nur diese Gelegenheit verpaßt, sondern in völliger Verkennung dessen, welche grundsätzliche Bedeutung der Behandlung dieses Falles zukam, waren sie töricht und verblendet genug, selbst alles zu tun, um ihrer eigenen politischen Methode gerade in den Augen der Nationen einen tödlichen Stoß zu versetzen, die sie zu ihrem System zu bekehren versuchten. Wir sagten hier schon, man wird es uns in London und Paris nicht übelneh- men können, wenn nftr die uns in einem Einzelfall gewordene Belehrung nun auch für die grundsätzliche Linie unserer Außenpolitik zu Herzen nehmen und die Möglichkeiten zwischennationaler Zusammenarbeit zur Sicherung des Friedens nur dort für gegeben erachten, wo die gemeinsamen nachbarlichen Lebensinteressen zweier Völker zu zweiseitiger Verständigung geführt haben.
Als der heimtückische Bombenangriff roter Flieger auf die in internationalem Kontrolldienst stehende „Deutschland" 31 braven deutschen Seeleuten das Leben gekostet hatte, und das Reich selbst die Form der Genugtuung wählte, die sie als wirkungsvolle Warnung für das bolschewistische Verbrechergesindel von Valencia für angebracht hielt, hob man im Fpreign Office den Finger und die englische Presse belehrte uns in dem salbungsvoll schulmeisterlichen Ton, der ihr immer dann zur Verfügung steht, wenn sich andere Nationen herausnehmen, die in jahrhundertelanger britischer Hebung bewährten Methoden auch einmal für sich zu beanspruchen, daß es in diesem Falle angebracht gewesen wäre, die Verteidigung unserer nationalen Interessen vertrauensvoll in die Hände einer Körperschaft der kollektiven Friedenssicherung zu legen. Wir haben dieser Anregung entsprochen und uns zu dem Londoner Uebereinkommen mit den übrigen drei an der Seekontrolle in den spanischen Gewässern beteiligten Mächten bereitgefunden, unbeschadet des Rechts auf Selbstverteidigung gegen einen in flagranti ertappten Angreifer und des weiteren Rechts, nach ergebnislosem Ausgang der im Abkommen vorgesehenen Beratungen über eine gemeinsame Aktion, wieder die Freiheit der Entschließungen zu haben. Der Führer hat in Würzburg mit begreiflichem Sarkasmus geschildert, wie die erste Probe ausfiel, vor die sich diese immer noch auf ein genau umgrenztes Gebiet und auf den kleinen Kreis der vier beteiligten Seemächte beschränkte Vereinbarung kollektiver Friedenssicherung gestellt sah. Der Torpedoangriff roter U-Boote auf den Kontroll-Kreuzer „Leipzig" gab dem Reich Veranlassung, die in London vereinbarte Methode gemeinsamer Friedenssicherung in Ansvruch zu nehmen.
Aber das völlige Versagen wurde überraschend schnell deutlich. Die Darlegungen des deutschen Botschafters und seine Vorschläge zur Erledigung des Zwischenfalls fanden weder die Zustimmung Englands noch die Frankreichs, ja die britische Presse zog in geradezu beleidigender Weise die Beweiskraft der eindeutigen Feststellungen deutscher Seeoffiziere in Zweifel und beschuldigte das Reich in maßlos gehässigen Ausfällen der Friedenssabotage. Neville Ehamberlain, der neue britische Premier, sah sich zwar genötigt, die Presse zur Ordnung zu rufen und auch nach Deutschland hin einige verbindliche Worte zu sprechen, aber was er und Eden zur Sache selbst zu sagen wußten, konnte den Eindruck nur bestätigen, daß England sich auch den bescheidensten deutschen Wünschen nach Genugtuung durch Bekundung der Solidarität der vier Kontrollmächte deshalb versagt hat. weil seine Regierung unter dem Druck der Opposition im eigenen Lande und in dem Bestreben. Sowietrußland unter gar keinen Umständen auf die Füße zu treten, ebensowenig wie das von der Volksfront beherrschte Frankreich mit den beiden autoritären Staaten Deutschland und Italien in einer Front geaen Valencia sich sehen lassen wollte. Deshalb stellte man in London in beleidigender Weile das angegriffene und zum zweiten Male frech herausgeforderte Deutsche Reich auf eine Ebene mit den notorischen Friedensbrechern von Valencia, deren Brandstiftungen nur durch deutsche Mäßiaung und Besonnenheit Versuche geblieben sind. Deshalb forderte man erst Untersuchung eines b^Hts eindeutig festgestellten Falles, um dann die Möglichkeit zu finb-m sich seiner kollektiven Vervllichtungen zu entziehen Man versagte sich aber gleichzeitig auch den bescheidensten Wünschen Deutschlands auf Genuatuuna und ließ daran seelenruhig die Verhandlungen auffliegen.
Vielleicht hätte sich Eden doch dazu bemiemt, seine Stellung etwas weniger einseitig zu wählen, wäre es ihm bewußt gewesen, welche a r u n b s ä tz - liche Bedeutung man in Deutschland diesem offensichtlichen Versagen der Methode kaslektiver Friedensficherung beilegen würde. Der Führer hat in Würzburg dem deutschen Volke aus dem Herzen gesprochen, als er feststellte: „Die Erfahrungen, die wir dieses Mal gemacht haben, sind für uns eine Belehrung, die wir niemals mehr vergessen werden." Wie soll man sich iy der


