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Ilr.lfO Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Zreitag.ZV.April (937

Tag der Volksgemeinschafl.

Don Dr. Wilhelm Irick, Reichsminister des Innern.

Kein anderer Tag des Jahres läßt den Sieg der nationalsozialistischen Idee, die Gemeinschaft aller Deutschen so stark zum Ausdruck kommen, wie der 1. Mai. Dieser Tag ist der Tag der deutschen Volks­gemeinschaft. Früher einmal war dieser 1. Mai eine der vielen Gelegenheiten des internationalen Judentums, die Verhetzung in allergrößtem Maß­stab in die Massen der deutschen Arbeiter zu tragen. Der internationale Dolksbetrug und der Klassen­kampf wurde gepredigt, die Herrschaft des Terrors verkündet und vielfach praktisch angewandt. Wer erinnert sich nicht jener blutigenMaifeiern", die bis zur Machtergreifung geradezu Probemobil­machungen für den roten Bürgerkrieg waren!

Wohin Staaten und Völker gelangen, denen es nicht rechtzeitig gelingt, dieser internationalen Pest der Verhetzung Herr zu werden, das zeigt uns das traurige Beispiel Spaniens, das sich in einem viele Monate dauernden Bürgerkrieg verblutet. Welche Opfer an Gut und Blut, wieviel Schrecken und Not muß das spanische Volk ertragen! Wie dankbar können wir Deutschen Adolf Hitler sein, daß er das Reich vor einem ähnlichen Schicksal be­wahrte.

Das deutsche Volk begeht, seitdem der National­sozialismus an der Macht ist, seine Maifeiern in Frieden und Freiheit und im Geiste wahrer Volksgemeinschaft. Es freut sich an diesem Tage seinrr Aufbauarbeit und ist beglückt, jene furcht­baren Zeiten überwunden zu haben, in denen deutsche Brüder einander als Feinde gegenüber­standen, in denen eine unfaßbar große Erwerbs­losigkeit unermeßliche Not über Millionen Volks­genossen brachte und die Nation wehrlos alles über sich ergehen lassen mußte, was die sogenannten Siegermächte und ihr Troß internationaler Bankiers im Namen des Völkerbundes an wirtschaftlichen Diktaten und politifchen Demütigungen ausheckten.

Seit Adolf Hitler die Macht im Reich in seinen Händen hält, ist dies alles anders ge­worden. In einer zielbewußten Arbeit hat er die Erwerbslosigkeit überwunden, den deutschen Bauern gerettet, den inneren Frieden gesichert und die Ehre der Nation ebenso wie ihre nationale Sicherheit in den Schutz der neuen deutschen Wehrmacht gestellt. Das Reich, noch vor wenigen Jahren ein ohnmäch­tiger Staat im Herzen Europas, der zudem von inneren 'Kämpfen erschüttert und in 17 Staaten zerrissen war, ist ein E i n h e i t s st a a t stärkster nationaler Geschlossenheit geworden, der machtvoll bastelst, dessen Wirtschaft und Kultur gesichert ist und ohne dessen Mitwirkung nichts mehr in diesem Erd­teil geschehen kann.

Am 1. Mai gedenken wir in Dankbarkeit des Wunders, das an uns Deutschen geschehen ist und wir gedenken an diesem 1. Mai 1937 jenes Tages, oii dem genau vor zehn Jahren am 1. Mai 1927 Adolf Hitler daserste Mal in Berlin sprach. Es war nur eine geschlossene Versammlung imClou", denn die roten Macht­haber hatten eine öffentliche Kundgebung nicht zu­gelassen und kurz darauf gegen den Führer sogar ein Redeverbot erlassen. Mit amtlichen Terrormaß­nahmen und mit dem Terror auf den Straßen und in den Betrieben, denen 400 Tote und tausende Ver­wundete im ganzen Reich zum Opfer fielen, suchten die Novemberverbrecher die nationalsozialistische Be­wegung zu unterdrücken und das strafende Gericht der Nation zu verhindern. Es hat nichts geholfen. Der Tag der Befreiung kam und mit ihm die Zeit, in der der Führer nach der Vernichtung der inneren Feinde des deutschen Volkes die Aufbauarbeit im Geiste der deutschen Volksgemeinschaft beginnen konnte.

Zehn Jahre, nachdem der Führer zum ersten Male imroten Berlin" sprach, wird im deutschen Berlin, das die Hauptstadt eines stolzen und mächtigen Reiches geworden ist, die A u s st e l - lungGebt mir vier Jahre Zeit" dem deutschen Volk zugänglich gemacht. Hier kann alle Welt prüfen, was unter der Führung Adolf Hitlers in dieser kurzen Spanne Zeit seit 1933 geleistet worden ist. Der Führer hat sein Wort gehal­ten und weit mehr als das! Die Einigkeit und

Disziplin der Nation, die er schuf, hat das Wunder des Wiederaufbaues vollbracht. Hütet die Lehre aus schwerster Kampf- und Notzeit, die euch der Führer am Maientag 1936 ins Gedächtnis gehämmert hat:Dein Wille ift nur ein Wille von Millionen anderer Willen. Diese Gemeinschaft wird Fragen lösen, an denen du si­

cherlich verzagen und verzweifeln würdest oder scheitern müßtest; aber die Gemeinschaft, sie wird dieser Probleme Herr werden. Diese höchste na­tionale Gemeinschaft ist zugleich der höchste Garant einer wahrhaften europäischen Ordnung und damit einer wirklichen menschlichen Kultur und Zivili­sation."

Bekenntnis zur Arbeit.

Von Erich Grisar.

Erster Mai! Da schlagen höher die Herzen. Und die Brust atmet freier. Und der Glanz heller Augen bricht den flammenden Strahl der jungen Sonne. Da verlieren die Straßen der Städte ihr tötendes Grau, und leuchtende Fahnen wehen von jedem Haus. Und es strömen die Masten aus allen Fa­briken, ihre Schrttte erdröhnen. Dicht an dicht mar­schieren Kolonnen. Kopf an Kopf drängt sich das Volk auf den Plätzen. Die ganze Stadt verließ ihr enges Gehäuse. Und Freude schwebt über allen. Und Sonne und Lachen und Glanz. Vergessen find alle Zwiste vergangener Tage. Vergessen der Streit jener Zeit, da Brüder stand gegen Bruder. Und alle bekennen gemeinsam, daß sie Arbeiter seien. Arbei­ter am Werke der Zukunft. Arbeiter am einigen Reich. Arbeiter auch an der Größe des Volkes. Ar­beiter an jedem Platz.

An den Maschinen im Werksaal und auf den Kommandotürmen der Schiffe, hinter den Schreib­tischen enger Büros und hinter dem Pluge im Freien. Am einsamen Nähtisch und in den Kulis­sen der offenen Bühne. Ueberall Arbeiter, überall Diener am Werke, überall Schöpfer des neuen, des einigen, des geläuterten, des größeren Vaterlands.

Und sie alle marschieren an diesem Tag. Sie alle

drängen sich auf den Straßen, den Plätzen und von all ihren Lippen klingt fröhlich das Lied gemein­samer Freude. Und so feiern sie diesen Tag ihrer Gemeinsamkeit. Den Tag, an dem das ganze Volk sich bekennt zu den Männern und Frauen der Ar­beit. Die die Häuser erbauten, in denen wir woh­nen und die Brücken, über die unsere Wege gehn: die das Brot backen, das wir essen und den Stoff weben, mit dem wir uns kleiden, die die Kanäle gruben und die Schiffe steuern, die die Kohle för­dern und das Erz schmelzen, deren Arbeit in allem lebt, das uns umgibt und denen wir alles danken, was wir sind. Und zu denen wir selbst gehören, an welchem Platz wir auch stehen. Und darum mar­schieren wir alle an diesem Tag auf den Straßen. Darum ist die Freude der Dielen auch unsere Freude. Und das Glück ihrer Augen ist unser Glück. Und unser ist dieser Tag, der ein Tag ist der Ar­beit, ein Tag für uns alle, ein Tag des Bekennens zu Deutschland.

Und so strahlt denn die Sonne über das Reich und es recken Millionen den Arm zu bekennen:

Unsere Arbeit für Deutschland. Deutschland für uns.

Und wir alle für Deutschlands Ehre.

Oer Schuster und dein Schuh.

Ein ehrbares altes Handwerk in Volksglauben und Dichtung.

Von Werner Lenz.

V. A. Wir reden vomLebenswege" und von derReise durchs irdische Dasein". Und wer ein rechter Wanderer ist, weiß das Rüstzeug zur Reise wohl zu wählen. Unerläßlich vor anderem Gerät und Gepäck ist ein gutes Paar Schuhe. Ohne des SchustersRappen" oderBraune" würden wir baldmatt machen". Und selbst der kleinste Weg wird einem zur Qual, wenn man zwar beschuht geht,einem aber der Schuh drückt", wie man ja auch sinnbildlich sagt. Wer aber erfolgreich seinen Weg macht", wird es oft seinen ,^Tretkameraden" zu verdanken haben; und von einem wirtschaftlich Wohlgesicherten sagt man, ersteht in festen Schuhen". Es ist kein geringes Lob für die deutsche Scyusterzunft, wenn Johann Gottfried S e u m e, der klassischeSpaziergänger nach Syrakus", auf dem Schlußblatte seines berühmten Reifebrichtes vermerkt:

Zum Lobe meines Schuhmachers, des mann­haften, alten Heerdegen in Leipzig muß ich sagen, daß, ich in den nämlichen Stiefeln ausgegangen und zurückgekommen bin, ohne neue Schuhe an­setzen zu lassen, und daß diese das Ansehen haben, in baulichem Wesen noch eine solche Wanderung mitzumachen."

Betrachtet man die deutschen Wanderburschen­lieder, so wird es einem klar, auf wie realem Bo­den rechte, volkstümliche Dichtung steht und wie verknüpft unser Schustergewerbe mit der ganzen Volksgemeinschaft ist.Ich geh' auf leichten Sohlen", heißt es irgendwo, und anderwärts klingt's bei wandernden Musikanten:

Der Mantel flattert im Winde, zerrissen sind die Schuh; da spielen wir geschwinde und singen noch dazu!"

Und der Brauch knüpft eng an solche Empfindun­gen an, die dem deutschen Handwerksburschen wich­tig genug sind, daß er sie in die herbstlichen oder lenzlichen Lüste hinaussingt. Eine besorgte Mutter legte wohl dem abreiseüden Sohne einen vier-

blätterigen Glücksklee unbemerkt! in den Schuh, damit er sich auf derWalze" die Füße nicht wundlaufe. Wenn es allerdings ein junges Mädel tat, dann hatte dies Kleeblatt-Einlegen einen anderen Sinn; es war ein Liebesmittel, von nun an sollte der Träger der Schuhe dem Mädchen nachlaufen". Die Erstlings schuhe werden vieler­orts aufbewahrt; das soll dem Kinde ein hohes Alter sichern; und wer seine Hochzeitsschuhe auf­hebt, wird steten Eheglückes sich zu erfreuen haben. Wenn jemand an Schlaflosigkeit leidet, so achte er darauf, daß die Schuhe mit den Spitzen gegen das Bett gerichtet find. Andernfalls kommt kein Schlaf, wahrscheinlich, weil Schuhe, die vom Bette fort etwa gegen die Tür hin gerichtet sind, ihre Wanderlust nicht bezähmen können. Schließlich den­ken wir hierbei noch an den schnellaufendenSie­benmeilenstiefel", den sich mancher Handwerks­bursche auf der Landfahrt wünschen mag. Und auch das Märchen vomgestiefelten Kater" zeigt die Wertschätzung der Fußbekleidung. Dadurch, daß der Kater Stiefel trägt, wird er zumKavalier", zum Menschen von Ansehen. Dazu paßt dann trotz des unterschiedlichen Sinnes sehr hübsch das Sprichwort:Am Schuh erkennt man den Men­schen", also vor allem die Sorgsamkeit und Ord­nungsliebe des einzelnen. Und wenn man sagt, daß unbezahlte Schuheknarren", so mag das da zumal neues L^der und frische Nghte guietschen und krachen eine sehr berechtigte Mahnung an manchen sein, den wackeren Schuster nun nicht mehr allzu lange auf Erstattung seines Arbeits­lohnes warten zu lasten!

Der Schuhmacher spielt aber im deutschen Volks­tum nicht nur wegen seiner unentbehrlichen wirt­schaftlichen Leistung eine bemerkenswerte Rolle, wie sie diese und andere Sprichwörter andeuten, sondern auch wegen seiner zumeist eigenartig ausgeprägten Erscheinung. Der Schuster ist der sprichwörtliche Philosoph auf dem Dreibein", und das erklärt sich aus feiner Arbeit. Seine Tätigkeit hält ihn oft Stunden hintereinander auf dem Schemel fest, und

I dabei hat er nun vollauf Zeit, zu sinnen. Ja, aus dem Sinnen wird in dem stillen Arbeitswinkel dann auch leicht ein Grübeln, selbst einSpintisieren", bei besonders Begabten aber nicht selten ein schöpfe­risches Denken und Dichten. Im Scheine der Schu­sterkugel findet der eine sich selbst; öer andere zim­mert sich beim Takte des Schusterhammers seinen Mikrokosmos zurecht; der Berufene aber erhebt sich in die harmonienreiche Sphäre hoher Weisheit und ewiger Wahrheit. Einen dieser Typen und zwar den, der sich auf derwohlgegründeten Erde" gut zurecht findet, schildert uns Goethe als denso- kratischen Schuster" in Dichtung und Wahrheit, den er in Dresden besuchte; und ermußte ihn vor vie­len anderen in die Klasse derjenigen rechnen, welche praktische Philosophen, bewußtlose (unbewußte) Weltweisen genannt werden."

Dann aber wendet der, große Dichter seinen Blick dem größten aller Schuhmachermeister zu; in seinem herrlichen GedichtHans Sachsens poeti­sche Sendung" malt er den Nürnberger Meister und Bruder in Apoll ab:

In seiner Werkstatt Sonntags stüh steht unsrer teurer Meister hie;

fein schmutzig Schurzfell abgelegt, einen säubern Feierwams er trägt;

läßt Pechdraht, Hammer und Kneipe rasten, die Ahl' steckt an dem Arbeitskasten.

Er ruht nun auch am siebten Tag von manchem Zug und manchem Schlag. Wie er die Frühlingssonne spürt, die Ruh' ihm neue Arbeit gebiert: er fühlt, daß er eine kleine Welt in feinem Gehirne brütend hält, daß sie fängt an zu wirken und zu leben, daß er sie gerne möcht' von sich geben.. ."

Zu den großen Männern feiner Zunft gehört der phantasiereiche Mystiker Jakob Böhme aus Schle- fien. Er ist ein Wegbereiter der nationaldeutschen Romantik geworden. Novalis-Hardenberg, Fried­rich Schlegel, Schleiermacher, Philipp Otto Runge und Caspar David Friedrich wurzelten mit Bewußtsein in den Offenbarungen des theosophischen Schuhmachers.

Es ist ganz erklärlich, daß die deutsche Dichtung sich auch des Schusters Wesen zu näherer Betrach­tung und Schilderung erkoren hat. Wilhelm Raabe hat sich für eines seiner liebenswürdigsten Bücher, für denHungerpastor" namens Hans Unwirrsch, Sachs und Böhme zu Paten bestellt. In der Schu­sterstube wird dieser schlichte Edelmann des Her­zens erzogen. Der Vater Schuhmacher gibt ihm in Verehrung für feine großen Zunftgenossen zu Nürnberg und Görlitz die Vornamen Hans und Jakob, und in beider Geist wird der Knabe groß und bildet in sich einen kernhaft deutschen Charak­ter aus: voll Geisteskraft und Tatwillen.

Neben den Genies' unter den Schustern aber gibt es natürlich auch viele Sonderlinge. Deshalb hat der Humorist sich den Schuster und den Schuster­jungen in ihrer unleugbaren Schnurrigkeit erkoren, um skurrile Witze oder gemütvolle Scherzerzählun­gen unter die Leute zu bringen. Fritz Reuter stellt uns in demblinden Schusterjungen", der den Käse auf dem Brote nicht finden kann, das jüngere Geschlecht derPechhengste" vor. Der Pommer Heinrich Bandtlow malt uns denollen Schau­ster" in feinemNaturdoktor Stremel" als dörf­lichen Sonderling, der auf feinem Dreibeinschemel, einer Pythia gleich, allerlei Orakel verzapft, und gibt ihm, der die Weisheit mit Löffeln gegessen hat, den schönen NamenDreilepelvull". Das alles ist Ausfluß liebevoller Beschäftigung unseres Volks- mundes mit diesem macfern Handwerksmann, der feine eigene Prägung hat, so daß man sprichwört­lich sagt:Man erkennt den Schuster, auch wenn er nicht auf dem Dreifuß sitzt".

»Urquell

Ein zehntel Tagwerk.

Von Irih Müller, pcuienkirchen.

Ich habe ein Grundstück. Weißt du, Stadtmensch, was das heißt, ein Grundstück haben? Nein, das weißt du nicht. Du lebst auf keinem Grund. Du lebst in einem Steinmeer. Drei, vier Stockwerk ab­gestemmt von Mutter Erde, lebst du kümmerlich auf einem dünnen Bretterboden. Darunter Leere, dar­über Leere mich wundert, wie du Wurzel schla­gen, wie du eine Krone breiten kannst.

Mein Grundstück ist nicht übersichtlich. Es steigt und fällt. Seine Grenzen sind mir trotz des Zauns verwirrend. Meinem Nachbarn nicht. Der hat alle Grenzen aller Dorfgrundstücke, so verzückt sie sind, im Kopf. Her mit dem Katasterblatt! Mit Blaustift nachgezeichnet, was der Geometer ausmaß! Hin und her und her und hin, in spitzen und in stump­fen Winkeln kreuz und quer. So, die Blaustiftlinie ist geschlossen. Wenn mein Grundstück nun ein Wesen wäre, wie ich es bin gibt es etwas, das noch mehr lebendig wäre als die Scholle? Die Scholle, mit der verglichen wir nur Eintagsfliegen sind? X

Jenseits meines Grundes knallt eine Peitsche. Der Deisenrieder pflügt. Pflügt mit der Gelassenheit, die seit Urgedenken Grund und Bauern aneinanderket­ten. Ein kleines Dreieck jenseits meines Wiesen­buckels pflügt er. Meine Augen wandern zwischen seinem Grund und meinem hin und her. Auf ein­mal ist es mir, als ob mein Zaun sich weite, aus­wärtsbuchte und des Nachbars Dreieck mitum­schließe.

Deisenrieder, g'hört der Ackerzipfel dir?" Er pflügt weiter. Stumm. Ich sehe ein, ich habe dumm gefragt. Wem denn sonst als seinem Pflüger kann ein Grund gehören.

Wie groß das Ackerdreieck da wohl sein mag?" A zehntels Tagwerk schätz' i."

Ein zehntels Tagwerk ist wohl nicht der Rede

JDer Red net der Arbeit wohl", er wischt sich den Schweiß von der Stirne.

Deisenrieder, von meinem Grundstuck sieht man keinen Wald. Von deinem Ackerzipfel kann man ihn gerat)* noch sehn. Daß ich's kurz mach', Deisenrieder, wollt ihr mir das Grundstück verkaufen?'

Bis hierher bin ich neben feinem Pflug herge­

gangen. Jetzt hält er ein:Verkästen? Was darauf wachst, verkaffen?"

Nein, das Grundstück selber mein* ich seht, Ihr habt an sechzig Tagwerk und da kommt's Euch, wenn Jhr's ineinander rechnet, auf ein zehntels Tagewerk weniger kaum an ..Ich rede in die leere Lust gut ein Dutzend Ochsenlängen weiter pflügt der Deisenrieder schon.

Nach einer Woche oder zweien treffe ich ihn im Wirtshaus:Was ich sagen wollte, Deisenrieder" Rest, zahln! Drei Halbe und zwoa Brot"

Ich sehe ein, nach Feierabend und bei sich zu Hause muß ich ihn erwischen. Da kommt er mir nicht aus. Da kann ich, wie es hier der Brauch ist, erst von dem und jenem sprechen, bis die Rede langsam auf das zehntels Tagwerk kommt. Wieder nach zwei Wochen rück' ich ihm ins Haus. Nicht un­bewaffnet.Deisenrieder, schau, wie roär's mit die­sem Pfund Tabak"

Was kost's?"Nichts, Deisenrieder, nichts!"

Was nix kost, is nix wert."Versteh mich doch, ich will ihn Euch verehren." Er sieht mich an. Hart, fest und ernst, wie alle Bauern, roenn's um Grund und Boden geht:Mir fan z* alt zum Fangamandl fpieln i verkäst koan Grund."

Auch nicht, wenn Ihr für den Kaufpreis Euch das Doppelte an Grund woanders?"

Wo?"Irgendwo."

Bei ins verfasst foaner foan Grund."

Aber der an mich verfasst hat".Der is nun- terg'schwommen. Der hat müssen. I muß net."

Und wenn ich Euch das Dreifache"

Zu was brauchst'n?"Für ein kleines Som­merhäuschen. Ich seh' so gern in den Wald"

I aa und zu was brauchst'n sonst?"Sonst? Hm, sonst zu nichts."Aber i!"

Ich habe mich erkundigt: Von dem Hafer auf dem kleinen Dreieck kann ein Roß im Jahre kaum für einen Monat Futter kriegen."

Und wenn Ihr Weizen baut, so langt es kaum fürs Brot von einem kleinen Kind."A Brot für a Kind was is dageg'n bei Summer­häusl?"

Deisenrieder, ich biete Euch äußerst"I hab mi aa erkundigt", unterbrach er mich,Ihr arbeits mitm Hirn. I arbeit mit meim Grund. Wie roaars" er tippte mir mit seiner Pfeife auf die Schläfe.Wie roaars, i schneidet enf was raus,

a Dreieck bloß a floans oa Dreieck gegens andre woll'n ma tauschen!"

Mit Euch ist nicht zu reden, Deisenrieder. Ich hab' es gut gemeint".Und i net schlecht."

Ich t)ab Euch helfen wollen." Sein alter Bauernschädel zuckte:Helfen? Mir? Mit was?"

Geld ist knapp, und Euer Stall braucht einen neuen Boden ist nicht neulich eins von Euren Rosten durchgebröchen?"Sei nur froh, wenn du net durchbrichst bei der Arbeit."

Da gab ich's auf mit ihm. Er nicht mit mir. Er hat mich oft besucht, lieber vieles haben wir ge­plaudert. Manches habe ich von ihm gelernt. Vor allem, wie man aufrecht bleibt, menns einem schlecht geht.

Denn es ging ihm immer schlechter. Nicht nur unter ihm der Boden, auch über ihm die Decke drohte durchzubrechen. Es lag nicht an ihm. Es lag an seinem Sohn. Der war ein Lump, der zweimal das vertat, was sich der Vater hart erschwitzte.

Nie, daß er deshalb bei mir klagte. Aber einmal, als es auf die Neige ging mit ihm, erwischte er im Zwielicht meinen Rockknopf:Trag mirs net nach mit feilem Grund. I fjab net anderst können. Er hat scho meim Vattern g'hört. Und dem fein Vat­tern aa. Der Lehrer hats aus einer Urkund', daß er ins scho g'hört hat, wie der Schwed' im Land war. Freili", schloß er,wem er g'hörn wird, wenn i nimmer da bin." Sein schon halb verglastes Auge sah mich forschend an. Ich hielt ihn aus, den Blick.

Noch am Tage der Beerdigung kam der Sohn zu mir: Er wisse, daß ich für das zehntels Tage­werk dort vergeblich viermal den normalen Wert geboten habe er fei nicht wie der Starrkopf sei­nes Vaters und er würde mit sich reden lasten. Ich aber nicht mit mir."

Nun, er wäre, wenn ich den Normalpreis drei­mal bezahle, auch zufrieden. Ich aber nicht.

Hm, weil es ich fei und fönst niemand Bauinter­esse für ein Gartenhäuschen habe, wolle er aufs Doppelte und als ich schwieg auf den ein­fachen Preis heruntergehen.

Da empfahl ich ihm, die alte Urkund' aus der Schwedenzeit beim Lehrer nachzulesen. Und setzte noch am gleichen Tage unter meinen letzten Willen einen Nachtrag:Ich erlege meinen Erben als Be­dingung auf, das zehntels Tagwerk in Richtung nach dem Wald nie zu kaufen." I

Mittelalterliches Handwerk.

Von Wilhelm Schäfer.

Im Anfang hieß Bürger Insasse einer Burg fein; Hörige hatte im Dienst eines Großen ihr Handwerk zu üben und durften im Schutz seiner Torwächter wohnen.

Als danach die Burg ein Stadt hieß, weil aus dem Troß der Großen ein Hof und aus den In­sassen eine Bürgerschaft wurde, hielten die Hand­werker treulich die Schranken der Herkunft in Ord­nung.

Eine Zunft hießen sie da den Kreis jeglichen Handwerks und schlugen den Zirkel um feine Ge­bräuche: die freie Gemeinde der Herkunft war die Gemeinschaft des Standes geworden, die alte Zucht hatte ein Alltagskleid angezogen, die Tapferkeit war in die Werkstatt gegangen.

Der Dachdecker hob seinen Spitzhammer, der Schmied seine Zange, der Zimmermann seine Stoß­axt im zünftigen Stolz; denn Dachdecker, Schmied oder Zimmermann sein, hieß in der Zunftehrbarkeit stehen.

Die Zunftehrbarkeit hielt Werkzeug und Arbeits­gebrauch heilig; wie die Schwertleite den Ritter, so machte der Zunftbrief den Meister; Geselle und Lehrling waren ihm Knappe und Page, und die Zunftstube war der Saal seiner Ehre.

Da stand die Zunftlade mit Zunftrollenpergament da wurde die Zunft beschworen und der Zucht das Gericht gehalten, da war die Ehrbarkeit selbst- genügsam zu Haus.

Da wurde das Werk der fleißigen Hände geehrt, da wurden der Stolz und die Freude der ehrlichen Arbeit behütet, da stand die Kunst, etwas zu kön­nen, so hoch in der Gunst wie die Redlichkeit selber.

Denn nur auf ehrliche Arbeit durfte der Meister den Wohlstand gründen; Todsünde war' Gewinn aus Handel und Zins, tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft.

Stuben der Selbstgenügsamkeit standen im Schat­ten der höfischen Hallen, bescheidene Hände hielten dem Ritter den Steigbügel hin: aber die Zucht gab der Sitte die Tür, hier wie dort war der Mann noch ein Wort, die Ehrbarkeit war die redliche Magd der Ehre.