unb ihrer Emstevung zur Umwelt. Er hält immerzu Zwiesprache mit dem Himmel über sich, der in ständigem Wechsel alles Bleibende vereint. Und empfindet er ihn nicht trotzdem als unbekannte Gröhe, erhaben über Licht und Schatten, Freud und Leid, Sein und Nichtsein? Er wird bescheiden, der Wanderer, und demütig, und er ist sich seiner Vergänglichkeit bewußt! Doch seine Seele wird groß und frei und stellt einen aanzen deutschen Menschen mitten hinein in diesen kostbaren Rahmen. Und was das Größte ist: Er lernt seine Heimat, sein Vaterland lieben, gemeinsam mit volksverbundenen Mitmenschen. Möchten noch viele Volksgenossen zu echten Wanderern werden und hineingehen in diese Gemeinschaft.
*♦ Weihnachtsfeier in der städtischen Feuerwache. Der diensthabenden Wache unserer städtischen Feuerwehr wurde am Heiligen Abend in der Feuerwache eine Weihnachtsfeier bereitet.
Brandinspektor Lenz hielt eine kurze Ansprache. Anschließend wurde an die Feuerwehrmänner, die auch an diesem Abend für die Allgemeinheit im Dienste sein mußten, Rauchwaren verteilt. Auf Anordnung des Herrn Oberbürgermeisters wurde der Feuerwehrmann Fritz Klotz zum Oberfeuerwehrmann befördert.
Gedenket der hungernden Vögel!
** Unfälle. Der 65 Jahre alte Metzger Heinrich Henkel, Seltersweg 61, zog sich durch einen unglücklichen Sturz eine erhebliche Schulteroerletzung zu- — Der Gespannführer Otto Schultheis von hier erlitt beim Fullballspielen eine schwere Knie- verletzuna. Beide Verunglückte mußten in die Chirurgische Klinik gebracht werden.
Echlachtviehverteilungsstelle in Gießen wird eröffnet.
Dem 3. Januar ab in jeder Woche Echlachtviehmarkt.
Nach einer Anordnung des Vorsitzenden des Dieh- wirtschaftsverbandes Hessen-Nassau wird in der von der Stadt Gießen errichteten Nutzvieh-Ver- steigerungshalleRhein-Main auf dem Gelände beim Gießener Güterbahnhof eine Derteilungsstelle für Schlachtvieh (Rinder, Kälber, Schweine uni) Schafe) er- richtet.
Diese Schlachtoieh-Verteilungsstelle, die ihre Tätigkeit am Januar 1938 beginnen wird, ist für die Versorgung der Gerneipden Gießen, Wie - seck, Klein-Linden und Heuchelheim zuständig. Alle gewerblich Schlachtvieh schlachtenden Betriebe in diesen Gemeinden sind verpflichtet, sowohl den Kauf, als auch die Abnahme von Schlachtvieh nur auf der Derteilungsstelle Gießen in der Nutzvieh-Verteilungshalle Rhein-Main vorzunehmen. Der unmittelbare Einkauf von Schlachtvieh ab Hof des Erzeugers ist den genannten Betrieben verboten.
Äe Anlieferung des Schlachtviehes hat entweder durch die Erzeuger, oder durch die Verteiler zu erfolgen; sie muß am Montag jeder Woche geschehen. Der Verkauf und die Abnahme des Schlachtviehes erfolgen am Dienstag. Die Anlieferungszeit en jeweils am Montag sind auf 14 bis
18 Uhr festgesetzt. Als Verkaufs - und Abnahmezeiten jeweils am Dienstag sind für Schweine und Kälber die Stunden von 8 bis 11 Uhr, für Großvieh von 9 bis 11 Uhr bestimmt.
Nach der Abnahme werden die für die Gießener Metzgereien gekauften Schlachttiere zum Schlachthof gebracht, um dort geschlachtet zu werden, während die für Klein-Linden, Meseck und Heuchelheim bestimmten Tiere in den Schlachthäusern dieser Dorf- metzgereien geschlachtet werden können.
Das zur Verteilung angelieferte Vieh wird bei der Ankunft mit der Bahn bereits im Güterwagen untersucht und nur in durchaus gesundem Zustande zum Markt zugelassen. Die gleiche Untersuchung außerhalb des Marktgeländes findet bei den mit Kraftwagentransporten ankommenden Tieren statt. Krankes Vieh wird unter allen Umständen schon außerhalb der Dieh-Versteigerungshalle zurückgewiesen und von dort nach Frankfurt a. M. zum Frankfurter Diehmarkt zwecks Behandlung in der von den Frankfurter Markteinrichtungen vollkommen abgetrennten Sonderabteilung für kranke Tiere weitergeleitet.
Die Schlachtvieh-Verteilungen in Gießen werden in jeder Woche mit Auftrieb am Montag und mit Verkauf am Dienstag stattfinden.
Der Weihnachlsverkehr im Vahnhos Gießen.
Ein amtlicher Bericht.
Wie alljährlich hat auch der diesjährige Weih- nachtsoerkehr erhöhte Anforderungen an die Reichsbahn gestellt. Zur Bewältigung des starken Personen-, Gepäck- und Expreßgutverkehrs waren die erforderlichen Maßnahmen rechtzeitig getroffen; sie in die Tat umzusetzen war Aufgabe der Dienststellen der Reichsbahn.
Ser Personenverkehr.
Die Reichsbahn hatte durch zahlreiche Dor- und Nachzüge sowie Militärurlauberzüge und Zugverstärkungen dafür gesorgt, daß der starke Reisever- -ehr bewältigt werden konnte. Eine große Arbeit hatte neben dem Bahnhof Gießen auch die Fahrkartenausgabe Gießen zu leisten, die vom 22. Dezember bis 26. Dezember 18 8 8 0 Fahrkarten verausgabt hat. Gegenüber dem vorjährigen Weihnachtsfest ist eine Einnahme st eigerung von 20 v. H. zu buchen. Schon lange vor dem Weihnachtsfest, bereits am 10. Dezember und den folgenden Tagen wurden die Fahrkarten für die zahlreichen Militärurlauber unserer Garnison mit besonderen Listen kompanie- und batterieweise bestellt, fertig gemacht und verausgabt. Eine große Menge dieser Karten mußte handschriftlich herge- stellt werden, da unsere Soldaten aus allen Gegenden Deutschlands stammen. Durch diese Vorabfertigung ist das Schaltergeschäft an den Hauptreisetagen, bie am 22. Dezember begannen, wesentlich entlastet worden. Trotzdem blieb noch viel zu tun und der Andrang der Fahrgäste an den Schaltern war zeitweise recht lebhaft.
Wie immer hatte auch die der Fahrkartenausgabe angegliederte amtliche Auskunftsstelle regen Besuch aufzuweisen. Den vielen Volksgenossen, die die Auskunftstelle auffuchten, wurde hier Rat und Aufschluß fiir ihre Reisen erteilt. Wohl jedem der Besucher wird der hier aufgestellte, strahlende Weihnachtsbaum eine kleine Vorfreude auf das Weihnachtsfest gebracht haben.
Oer Gepäckverkehr.
Der Gepäckversand brachte eine Verkehrssteigerung von 13 v. H. Bei der Handgepäckaufbewahrungsstelle herrschte an einzelnen Tagen Hochbetrieb. Im Dezember steigerte sich die Zahl der gegenüber dem Vorjahr ausgegebenen Hinterlegungsscheine über Aufbewahrungsstücke um 25 v.H. Ein Zeichen, daß die Zahl der Durchreisenden größer war als im vorigen Jahr. Viele Gießener Geschäftsleute machen auch Gebrauch von der Aufbewahrungsmöglichkeit von Waren, die auswärtige Kunden bei ihnen gekauft haben und die die Sachen erst bei ihrer Abreise abholen wollen. Man nennt dieses Verfahren „Handgepäckaufbewahrung für Mittelspersone n". Die Gießener Geschäftswelt sollte sich dieser Einrichtung im Interesse chrer auswärtigen Kundschaft noch mehr bedienen.
Oer Expreßguiverkehr.
Wie stark der Expreßgutverkehr an Weihnachten ist, erhellt schon die Tatsache, daß die Reichsbahn im ganzen Reich 150 Expreßgutschnelküge fahren ließ, die eigens für die Expreßgutbeförderung vorgesehen waren. Hierdurch konnten die Schnell- und Eilzüge von der Massenexpreßgutbeförderung entlastet werden. Mit Aufenthalt in Gießen fuhr ein Expreßgutschnellzugpaar von Frankfurt a. M. nach Hamburg-Altona und- zurück nach Freiburg i. Br. Für Zurücklegung dieser Strecken brauchten die Züge nur eine Fahrzeit von 11 Stunden bzw. 16 Stunden; Aufenthalt war nur auf größeren Bahnhöfen vorgesehen. Zahlreiche Expreßgutwagen in den fahrplanmäßigen Zügen erleichterten die Expreßgutbeförderung und sicherten schnellste Beförderung.
Neben allen diesen Maßnahmen sorgte die Reichsbahn aber auch für die P a k e t b e f ö r d e r u n g der P o st durch Einlegen von Sonder- Zügen, die nur Paketpost beförderten. So fuhr z. B. ein Postsonderzug von Frankfurt a. M. über
Gießen nach Kassel täglich vom 9. bis 25. Dezember.
Versand und Eingang von Ex preßgut in Gießen waren stärker als im Vorjahr. Im Versand beträgt die Verkehrs st eigerung 12 v. H. und im Eingang 14 v.H. Die Frachteinnahmen steigerten sich gegen das Vorjahr um 20 v. H. Wegen der beengten Raumoerhältnisse bei der Expreß- gutabfertigung mußte der Eilgutschupven zur Laae- rung der Expreßgüter nutzbar gemacht werden, die der bahnamtliche Rollfuhrunternehmer A. L y n ck e r den Empfängern zustellt. Bis zu 6 Fuhrwerke und Kraftwagen waren täglich nötig, um diese Expreßgutmengen abzufahren. Die Expreßgüter für die Selbstabholer konnten im Gepäcklagerraum untergebracht werden. Im nächsten Jahr wird in dieser Richtung eine Erleichterung eintreten, weil die Gepäck- und Expreßgutabfertigung umgebaut wird und durch das Verlegen der Bahnhofskasse neuer Raum für die dringend notwendige Erweiterung der Gepäck- und Expreßgutanlagen gewonnen wird. Viele Volksgenossen, die zur Gepäck- und Exprehgutabfertigung kamen, freuten sich über den schönen, strahlenden Adventskranz, der auf Anregung des Vorstandes des Rb.- Verkehrsamts Gießen, Reichbahnoberrat N i ermann, im Gepäcklagerraum aufgehängt, einen Schimmer des Weihnachtsglanzes in das nüchterne Bild des Eisenbahnverkehrs hinein trug.
©er Eilgutvrrkehr.
Der Ortsoersand- und Empfang an Eilgut hielten sich auf der gleichen Höhe des Vorjahres. Die E i l- gutabfertigung als wichtige Umladestelle verzeichnet aber eine Verkehrs st eigerung von 25 v. H. für Umladegüter, d. h. für solche Eilgüter, die nicht für Gießen bestimmt waren, die aber nach anderen von Gießen ausstrahlenden Richtungen in die bereit gestellten Wagen umgeladen werden mußten.
Das hauptsächliche Kontingent an Eilgütern sind die leicht verderblichen Waren, wie Frsche, Hefe, Butter, Margarine, Milch, Käse u. a. m. In größeren Mengen sah man dieses Jahr auch wieder Spielwaren wie Schaukelpferde und Puppenwagen.
Oer Güterverkehr.
Bei der in der Hammstraße gelegenen, selbständigen Güterabfertigung mit ihrer großen Umladehalle waren im Dezember außerordentlich große Gutmengen zu bewegen. Der Halle wurden täglich 190 Wagen zur Behandlung zugeführt. 15 0 0 0 Tonnen Stückgut wurden im Dezember verladen, entladen und umgeladen. Eine riesige Leistung, die 2 0 v. H. h ö h e r war als im Dezember vorigen Jahres.
Diese kleine statistische Uebersicht zeigt uns, daß es gegen das Vorjahr weiter auswärts gegangen ist. Zwar ist das Blickfeld, auf dem diese Zahlen gewonnen wurden, klein, jedoch ist zuversichtlich zu hoffen, daß auch anderwärts die gleichen Beobachtungen einer Derkehrszunahme gemacht wurden, denn letzten Endes ist nicht die Reichsbahn der Nutznießer dieses wirtschaftlichen Aufstiegs, sondern bas deutfche Volk selbst. —kl.
Bieber wird Offenbach einqemeindei.
Offenbach, 28. Dez. (Lpd.) Mit einer Verfügung vom 24. Dezember 1937 hat der Reichsstatthal- ter in Hessen — Landesregierung — die Eingliederung der Gemeinde Bieber in die Verwaltung der Stadt Offenbach angeordnet. Der Uebergang der Verwaltungsrechte Biebers auf die Stadtverwaltung Offenbach wird mit dem 1. April 1938 erfolgen. Diese Maßnahme bringt Offenbach nicht nur einen Zuwachs von rund 6000 Einwohnern (auf insgesamt 86 000), sondern bedeutet auch den Zusammenschluß zweier Gemeinwesen, die sowohl durch wirtschaftliche Notwendigkeiten, als auch auf Grund einer historischen Verbundenheit zusammengehören. *
EchulgeschichtlicheForschungeninHessen
Ein fesselnder Vortrag des Prälaten a. £>. Or. Or. Oiehl in Gießen.
(Schluß.)
Wie ist es aber möglich, daß ein Lehrer in einem Dorf doch in bessere Verhältnisse kommt? Das Ober- Hessen des 18. Jahrhunderts war das Land der Auswanderungen. Die Bauern litten unsäglich unter dem Wildschaden. Viele zogen fort, ins Banat, und ließen sich dort nieder. Andere melden sich zum Dienst und dürfen ihre Aecker verkaufen. Aber wer wollte damals einen Acker kaufen? Die im Lande bleibenden Bauern nicht. Bis zu Mosers Reform 1780 bestellten die Bauern von ihrem Lande nur soviel, wie sie brauchten, um nicht zu verhungern, aber nicht mehr: sie wollten keine hohen Steuern zahlen. Kamen die Beamten damals, um die Steuern einzutreiben, bann fanden sie manchesmal Gräben aufgeworfen, daß sie nicht weiter konnten, und wurden beschossen. 1766 zogen Hunderte von Familienvätern nach Rußland. 1790 wanderte ein neuer Schub nach Polen. Der einzige, der einen Acker kaufen konnte unh wollte, war unter solchen Verhältnissen der Pfarrer — wenn er ausnahmsweise einmal Gelb hatte — unb der Lehrer. Er konnte zu seinem Land noch gut einen Acker hinzukaufen und bebauen und so seine Lebenshaltung verbessern.
Die Abjunkturen hatten natürlich auch manchen Nachteil. Es kam vor, bah einer in der Hoffnung auf eine Lehrerstelle in eine Familie hinein heiratete. Aber der Alte wurde von seinem Magenleiden wieder gesund und arbeitete wieder weiter, in einem Fall 35 Jahre. Solange mußte der Junge warten. Em anderer bekam nach 27 Wartejahren die Stelle und starb ein Jahr daraus. Bisweilen kam auch einmal ein Betrug vor. So entdeckte man eines Tages, daß einer der Adjunkten nicht selbst zum Examen gegangen war, sondern seinen begabteren Bruder hingeschickt hatte. Keiner hatte es gemerkt, aber nach dreißig Jahren kam es bei einem Schriftvergleich heraus...
Die dritte Lehrergruppe neben den Theologen und beji nicht theologisch gebildeten Lehrern bildeten die Schulfrauen. In Heidelberg, Mannheim, Kreuznach und den Hauptorten der Pfalz lasten sie sich nachweisen. Meist sind es Witwen ober Töchter von Pfarrern, die sich so durchs Leben schlugen — Pensionen kannte man ja damals noch nicht. Auch in Gießen und Butzbach hören mir von Schulfrauen, bis sie um 1700 verschwinden. Länger halten sie sich in Echzell, wo eine Großmutter, Mutter, deren Tochter und Enkelkind Schulfrau sind. Die Großmutter, die damit begann, war die Tochter des Gerichtsschreibers Philipp Laukhardt, die sehr guten Mädchenunterricht erteilte. Ihre Nachfolgerin wird ihre Tochter, die Witwe des Rektors am Gymnasium in Echzell, der — in Echzell! — Syrisch, Hebräisch und Aramäisch gelehrt hatte. Die Lehrerkollegen haben schließlich durchgesetzt, daß diese unangenehme Konkurrenz verschwand, ohne daß die Mädchenschule in Echzll dabei gewann. Auch katholische Schulschwestern gab es: die Englischen Schwestern von Mainz, die 1750 unter großem Widerstand des Bischofs ihren Einzug hielten.
Nun zum Schluß noch ein Wort über die Ausbildung der Lehrer. Wie wurden sie ausgebildet? In der ältesten Zeit haben viel mehr das Pädagogium besucht, als man annimmt. Dann gab es Pfarrers- und Beamtensöhne, die ihre Kinder an- lernten. Dann entstanden Institute: 1782 wurde von dem Minister von Moser ein Lehrerseminar gegründet unter Leuchthammer, dem Konfirmator der Königin Luise. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist ein junger Mensch, der was lernen wollte, nicht in die Schule gegangen. Die Stadtschulen in Gießen unb Darmstadt wurden von Bürgerssöhnen besucht, die ein bißchen schreiben und lesen lernen und ein paar französische Brocken aufschnappen wollten. Das boten diese ehemaligen Lateinschulen noch, die ihren früheren Charakter ganz verloren
hatten. Die andern Schüler aber wurden von Privatlehrern unterrichtet. 1750 bis 1820 lebten mindestens 80 Privatlehrer in Darmstadt, die die Buden vom 6. bis zum 12. Jahre unterrichteten. Aber solche Privatlehrer gab es auch für Lehrer.
Endlich bleibt das Militär zu erwähnen. Wenn man früher auf das alte Schulwesen schimpfen wollte, sagte man: Nun ja, die Lehrer waren eben ausgediente Unteroffiziere. Aber dies Urteil ist ungerecht. In Hessen mußte man lange bei Militär bleiben. Mancher wurde erst entlassen, wenn er die Patronen nicht mehr abbeißen konnte. Es gab Soldaten, die bis zum 60. Jahr im Dienst standen. Ein Stu» dent, der mit einem Bürger Krach bekam, wurde zu 20 Jahren Militär verdonnert. Ein Theologe, den mit 20 Jahren preußische Werber schnappten, wurde 51 Jahr, bis es ihm gelang, wieder davon zu kommen. Er studierte fertig und wurde Pfarrer! — Das hessische Heer war von Napoleon sehr geachtet. Die Bauern standen unter Militärzwang. Den ältesten Sohn bekamen sie frei, die andern mußten einrücken. Bei der Friedberger Artillerie und den Dragonern
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dienten sie 8 Jahre, bei der Infanterie 6. Aber sie haben in dieser Zeit gearbeitet und gelernt. Die Offiziere waren ihnen wirkliche Soldatenväter, gaben ihnen Bücher und ließen sie unterrichten. Ost blieben Soldaten auch nach ihrer Entlassung noch beim Hauptmann, aber nun als „Lakei". Oder sie gingen nach Wetzlar und wurden Skribenten, Juristen. Oder sie machten ein Examen und wurden Lehrer. Auch die Artillerieschule in Darmstadt ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, wo man um 1800 unter Herrn von Hahn das Artilleriewesen erlernte. Es war ein Institut ersten Ranges, in manchem ein Vorläufer der späteren technischen Hochschule. Man bekam hier eine Einführung in Mathematik unb Physik und konnte sich Sprachenkenntnis erwerben. Wenn einer Gefreiter war, mußte er bis Schule besuchen. Nach 8 Jahren machte er ein Examen unb würbe bann Lehrer — es finb mit die besten Lehrer gewesen.
Bei dieser Ärtillerieschule war auch Heinrich Fel- sing im Dienst, der dann ein Lehrerseminar besuchte. Dann zog er nach Berlin zu seinem Verwandten Dieftermeg unb wirkte schließlich bis 1870 als Gar- nisonschullehrer. Fröbel hat viel von ihm für feine Kinbergürten gelernt. Felsing hat Hunderte von Kin- berschuien in bie Höhe gebracht. Er hat nicht, wie Fröbel, seine Verse und Melodien selber erfunden, sondern dem Volk abgelauscht. 1860 hat die Philosophische Fakultät dem schlichten Lehrer die Doktorwürde ehrenhalber verliehen, die höchste Auszeichnung, die sie vergeben kann. Ein anderer später berühmter Lehrer mar der Trompeter Johann Friedrich Kolb. 1793, als seine Truppe in den Niederlanden einzog, machte er ein Gesuch, um freizukom- men: er wollte ins Schulfach. Aber man schlugs ihm ab. Neun Jahre mußte er als Trompeter feinen Dienst tun. So zog er mit ins eroberte Brüssel ein. Da bäumte sich sein Gaul und stößt ihm die Trompete in den Hals. Die Zähne rnerden ausgeschlagen, er kann nicht Trompete blasen unb roirb frei. Nun kann er Lehrer rnerden. Nach unb nach kommt er wegen seiner glänzenden Fähigkeiten in immer bessere Stellen, bis er schließlich in Gettenau landet. Es ist also ganz falsch, solche allgemeinen Urteile über die Lehrer zu fällen, die aus dem Solbaten- ftanbe hervorgingen. Man muß in jedem einzelnen Falle immer wieder der Sache auf den Grund gehen. Nur so kommt man zur Wahrheit.
Aus der engeren Heimat.
Unfälle auf dem Lande.
Der 12jährige Schüler Walter Becker von Reinhardshain stürzte in der Scheune von einer Leiter ab und erlitt einen Bruch des rechten Armes. — Durch eitnen Sturz auf Glatteis erlitt die 16jährige Botin Else Rühl aus Nidda einen Bruch der linken Kniescheibe. — Auch der 20jährige Landarbeiter Josef R e i n i n g e r vom Hof Schlei- f e l b (bei Nidda) zog sich durch einen Sturz auf Glatteis einen Bruch des rechten Unterschenkels zu. — Das 4jährige Söhnchen Helmut des Landwirts Schäfer von Hitzkirchen (Kreis Büdingen) mußte mit einem Oberschenkelbruch in ärztliche Behandlung gebracht werden. — Mit einer schweren Beinverletzung, die sie sich durch einen Sturz in der Wohnung zugezogen hatte, mußte die Landwirtsehefrau Ling aus Ober-Gleen (bei Kirtorf) durch die Sanitätskolonne vom Deutschen Roten Kreuz Gießen in ärztliche Behandlung gebracht werden. Sämtliche Verunglückte wurden in die Chirurgische Klinik nach Gießen eingeliefert.
Landkreis Gießen.
+ Grünberg, 28. Dez. Am 27. Dezember begingen Spenglermeister Heinrich August Pfeffer unb seine Ehefrau Luise, geb. Dube, gebürtig aus Dbernburg, Kreis Frankenberg, das seltene Fest der biamantenen Hochzeit. Das Jubelpaar, von dem bej Mann 87 unb die Frau 84 Jahre zählt, erfreut sich noch guter Gesundheit. — Am zweiten Weihnachtsfeiertag hielt der Turnverein, einem langjährigen Brauche folgend, in der Turnhalle fein'Winterfest, das sehr zahlreich besucht war. Die turnerischen Darbietungen, anfangenb mit Frei- und Bodenübungen der Kleinen, zeigten Keulen- unb Vallübungen unb Barrenturnen der Turnerinnen, Partnerübungen unb Pferdeturnen der Turner, einen lustigen Zwergentanz der Kleinen unb einen Walzertanz der Turnerinnen nach dem Straußschen Walzer „Frühlingsstimmen". Die Darbietungen wurden mit starkem Beifall aufgenom- men. Ebenso gute Aufnahme fand auch die Aufführung eines größeren Lustspiels.
öp Lich, 28. Dez. Hauptbrandmeister Christian Zimmer von der Freiwilligen Feuerwehr Lüh wurde auf eignen Wunsch und Antrag von den Pflichten eines Führers der hiesigen Feuerwehr entbunden und ihm die Anerkennung für die um das Feuerlöschwesen unserer Stadt erworbenen Verdienste ausgesprochen. Als sein Nachfolger wurde Oberbrandmeister Heinrich Erb kommissarisch mit der Führung der Freiwilligen Feuerwehr Lich beauftragt.
ch Lich, 28. Dez. Am zweiten Weihnachtsfeier- tagabenb fand in der Turnhalle ein Unterhaltungs- abenb des Turnvereins 1860 statt. Vor
standsmitglied Christian Zimmer sprach die Begrüßungsworte unb warb für den Eintritt in den Turnverein. Die Vorführungen der Turner und Turnerinnen wurden mit starkem Beifall aufgenommen unb legten Zeugnis von gewissenhafter Arbeit der Turnwarte ab. Für die heitere Stimmung der Besucher sorgte ein gut aufgeführtes Lustspiel. Zum Schluß spielte bie Kapelle Sommer zum Tanz auf.
)( Lich, 28. Dez. Die Reihe der Weihnachtsfeiern wurde nach altem Brauch am Sonntag vor Weihnachten mit der Feier der Kinder- schule in unserer Stiftskirche eröffnet. Unter Gesang der Gemeinde zogen bie Kinder, geführt von der Schwester unb ihren Helferinnen, in die Kirche ein, fangen unb sagten unter dem Lichterbaum vom fröhlichen Fest unb zogen reichbedacht mit schonen Geschenken wieder nach Hause. — Am Donnerstag folgte bann bie Feier im Krankenhaus, an der neben den Kranken unb Schwestern ber Bürgermeister mit einigen Vertretern ber Stabt teil- nahm. Die Chorschule unter Leitung von Lehrer Stein trug durch Vortrag von Weihnachtsliebern zur würdigen Ausgestaltung der Feier bei. Stifts- dechant Kahn hielt die Festansprache. Nach ber Feier mürben ben Kranken finnige Geschenke überreicht. — Den Höhepunkt ber kirchlichen Weihnachts- feiern bilbete, wie in jedem Jahr, am ersten Feiertag bie Feier in ber Kinberkirche. Zwei große Tannenbäume mit über 200 Lichtern erhellten den stimmungsvollen Chor, über 250 Kinder gestalteten mit dem Gesang der alten Weihnachtslieder und den gruppenweise aufgesagten Weihnachtsworten die sehr gut besuchte Feier außerordentlich eindrucksvoll. Je nach Alter erhielten sie dann passende Geschenke in Form von Bibeln, Testamenten, Liederbüchern, Bildern und sonstigen Schriften. Alle Gottesdienste an den Feiertagen erfreuten sich eines sehr starken Besuchs.
co E b e r ft a d t, 28. Dez. In unserer Kirche fand dieser Tage eine Weihnachtsfeier statt, bei ber Pfarrer Ködding die Ansprache hielt. Die Kinder ber Schule unter Leitung von Lehrer R e u h l brachten Weihnachtsgebichte unb -lieber zum Vortrag. Im Mittelpunkt der Feier stand die Aufführung eines Krippenspiels durch Kinder des Rettungshauses Arnsburg. — Der Turnverein veranstaltete im vollbesetzten Saale „Zum Adler" seine Weihnachtsfeier. Vereinsmitglieder bestritten den musikalischen Teil des Abends. Dietmart Weisel begrüßte bie zahlreichen Teilnehmer. Sodann wechselten Vorträge von Weihnachtsgedichten unb -liebem miteinanber ab. Besonberen Beifall fanb ein Puppenspiel. Die turnerischen Darbietungen des Abenbs legten von ber regen Arbeit in den Turnstunben Zeugnis ab. Zum Abschluß des Abends dankte der Dietmart allen Mitwirkenden.


