vom leichten Infanterie-Regiment 26 Offiziere und 206 Mann.
Heber Stallupönen—Gumbinnen wurde der Rückmarsch unter möglichster Schonung der Truppe nach Insterburg angetreten und dorten mehrere Tage Rast gemacht, wobei sich das Regiment durch das Eintreffen zahlreicher Nachzügler auf rund 350 Köpfe verstärkte. Die Haltung der hessischen Truppen war trotz der erduldeten Strapazen immer noch gut und übertraf bei weitem sogar die der kaiserlichen Garde, was der Marschall Lefebvre bei einem Alarm, wo die Hessen sich viel schneller als die Garden versammelten, mit den Worten aussprach: ,Hhr seid mehr wert, als die alle."
Am 24. Dezember erfolgte der Weitermarsch über Tapiau, Königsberg und erreichte am 5. Januar 1813 Elbing, wenig hierbei von den Russen belästigt. Längere Erholungstage konnten jedoch nicht eingelegt'werden, «einerseits wegen der Der- pflegungs- und Bekleidungsschwierigkeiten, andererseits aber wegen der allmählich mit stärkeren Kräften nachdrängenden Russen. Zu größeren Kampfhandlungen kam es jedoch nicht mehr und erst im weiteren Befreiungsjahr 1813 trugen die hessischen Regimeter wieder ihren blutigen Anteil bei, leider gezwungenermaßen noch auf französischer Seite.
War ursprünglich die Bildung des „provisorischen" leichten Infanterie-Regiments nur für die Dauer des russischen Feldzuges angeordnet, so erforderten die politischen Ereignisse seine Beibehaltung und baldmöglichste Ergänzung, wobei die beiden Bataillone, die bisher verschiedene Uniformen trugen, eine einheitliche Uniform erhielten. Zurückblickend auf den furchtbaren Feldzug verdient das Verhalten der hessischen Regimenter um so höhere Anerkennung, als sie nur gezwungen marschieren mußten und sich ohne Ideale zu schlagen hatten, aber in welcher Lage sie sich auch immer befanden, ihre Soldatenehre brachten sie unangetastet von den eisigen russischen Schlachtfeldern heim und nicht eine einzige Trophäe, weder Geschütz noch Fahne blieb in den Händen des Gegners.
Aus dem provisorischen leichten Infanterie-Regiment wurde nach verschiedentlicher Umbennung später das 2. Großherzoglich Hessische Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116, und wie es vor 125 Jahren in einer Zeit tiefster deutscher Schmach entstanden war, so mußte es auch wieder in einer Epoche deutschen Niedergangs seine ruhmreichen und unbesiegten Fahnen am Ende des Weltkrieges einrollen. Aber wieder erstanden ist die stolze Regimentsnummer 116 durch die befreiende Tat unseres Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler und unvergessen wird die 125jährige Tradition int neuen Truppenteil mit der alten Nummer weiter gepflegt werden.
Aus der Stadt Gießen.
Sommerliches Wochenende.
Das ist der erste Gedanke am frühen Morgen des Wochenendes: wird das Wetter schön werden? Werden wir Sonnenschein haben? Prüfend streift der Blick den Himmel und tastet ihn wägend ab. Aber mit Sicherheit läßt sich leider nichts sagen, weshalb das Radio eingeschaltet wird. Musik erklingt, fröhliche Morgenmusik. Ein Wanderliederpotpourri. Es paßt ausgezeichnet für diesen Tag, doch leider ist der erste Wetterbericht schon vorbei. Natürlich, man hätte eben ein paar Minuten früher aufstehen müssen. Merkwürdig, wie unendlich schwer das ist. Da ertönt der Gongschlag der Zeitansage vom Radio. Es ist allerhöchste Eisenbahn, fortzugehen. Rasch noch einen Schluck Kaffee, dann geht es die Treppe hinunter.
Wird die Sonne wirklich durchkommen? Auf dem Wege zur Arbeitsstätte treibst du ein fortwährendes Fragespiel mit dir selber. Schließlich ist das kein Wunder, denn wenn man sich mit der Absicht trägt, eine Wochenendfahrt ins Grüne zu unternehmen, dann ist schönes Wetter die erste Voraussetzung zum glücklichen Gelingen. Dein Arbeitskamerad macht dir Hoffnung. „Gutes Wetter? Aber selbstverständlich", lacht er, „in einer Stunde werden wir den prächtigsten Sonnenschein haben."
Der Arbeitskamerad behält wirklich recht. Zwar dauert es etwas länger, als seine Voraussage versprach, aber schon zur Frühstückspause lacht heller 'blauer Himmel, und in dem großen Kastanienbaum blitzt die Sonne wie mit tausend goldenen Lichtern. Jetzt hast du gewonnenes Spiel und mit dir alle die vielen Kameraden, die heute und morgen die frische Lust des Waldes und die köft-
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Vornan von Walther Kloepffer
Copyright 1936 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
7. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Rein derschossen sind wir. Mit der Heimarbeit geht auch nicht viel. Für den Meter Klöppelspitzen zahlen sie jetzt achtundzwanzig Pfennig. Und was das Dutzend Holzteller und das Hundert Dachschindeln kostet, weißt du ja so. Da liest man immer in der Zeitung, daß den Notstandsgebieten geholfen werden soll — Absatzsteigerung, Entschuldung, Arbeitsbeschaffung, rechtschaffene Preise —, wir hier haben noch nicht viel davon gespürt."
„Sei nicht ungerecht, Kern! Die von der Regierung haben den besten Willen. Aber alles auf einmal können die halt auch nicht machen. So was braucht seine Zeit. Und dann, wir liegen zu weit weg von den großen Plätzen. Zu uns kommt es auch noch, nur Geduld", sagte Gsodmair zuversichtlich.
„Wenn wir's nur so lange aushalten. Ich mein’, in der Gemeinde. Ich red' ja nicht von mir."
Die beiden waren inzwischen vor dem Verwalterhaus angelangt, das, durch einen Park vom Herrschaftsgebäude getrennt, mit feinen weißen Ställen, Scheuern und Gesindewohnungen hell und freundlich dalag. Heber dem Eingang stand: Fürstlich Weihenseesche Domänenoerwaltung.
„Packen wir's?" fragte der Kern und schneuzte sich.
„Ich mein' schon", sagte der Bürgermeister und klopfte an.
„Was führt die Herren zu mir?" begrüßte sie der Verwalter Tutschek. Er war ein noch junger Mann, gepflegt und forsch aussehend in Haltung und Kleidung. Er trug glänzende schwarze Reitstiefel zum gutgeschnittenen Anzug, und die Sporen daran klingelten leise. Er hielt eine Zigarette schief im Mundwinkel und schob einen Akt zur Seite.
„Eine Bitte hätten mir", begann der Bürgermeister. „Sie haben wieder eine Holzversteigerung ausgeschrieben. Hnd da möchten wir, das heißt, die Gemeinde bittet darum, daß das Holz nicht versteigert, sondern zu einer festen Taxe abgegeben wird. Dann kommt keiner zu kurz, und das leidige
lichen Reize der Natur genießen wollen. Die Frühstückspause ist erfüllt von Gedanken und Gesprächen über diese glückliche Aussicht.
Rasch gleitet der Vormittag dahin. Eigenartig, wie schnell es mit der Arbeit vorwärts geht, wenn an ihrem Ende ein frohes Erlebnis wartet. Der Samstag hat ohnehin feine Reize, weil er nur ein halber Arbeitstag ist, aber der Gedanke an eine Wanderung über sonnige Höhen und durch schattige Wiesengründe verklärt ihn geradezu. Hnd dann ist es mit einem Male schon so weit.
Mit schnellen Schritten drängst du nach Hause. Ein kurzes Mittagsmahl, dann wird der Rucksack geschultert und der kürzeste Weg zum Bahnhof gewählt. Er ist zum Wochenende das begehrenswerteste Ziel in der Stadt, der Bahnhof. Von allen Seiten kommen sie herangestürzt, mit Rucksäcken und Tornistern, mit Koffern und Paketen, die gleich dir aus der Enge der Stadt hinausstreben. Hnd während du in der von Menschen erfüllten Bahnhofshalle vor dem Schalter Schlange stehst, tönt von den Bahnsteigen her das Dröhnen und Rattern der Züge. Es klingt dir wie himmlische Musik in
Lehrer und Schüler der beiden Anstalten sind soweit gediehen, daß demnächst die Einladungen mit der Festfolge hinausgehen können. Viele begeisterte Zustimmungen aus den Kreisen ehemaliger Schüler liegen bereits vor. Was ist auch begreiflicher als der Wunsch, im Kreise der einst unbekümmerten Jugendgenossen, die nach Kriegs- und Inflationszeit ganz anders als in ruhigen Zeiten in alle Teile des Vaterlandes zerstreut wurden, einige frohe Stunden des Wiedersehens zu feiern, um von alten Zeiten zu schwärmen und die schönen Jugenderlebnisse der Schulzeit auszutauschen. Da es den beiden Schulen unmöglich ist, von sich aus alle ehemaligen Schüler zu erfassen, ergeht von feiten des Festausschusses erneut die Bitte, daß alle ehemaligen Schüler, einerlei wie lange sie der Schule und welchen Klassen sie angehört haben, ihre Anschrift mitteilen, damit die Schulen einen Heberblick über die Teilnahme der einzelnen Jahrgänge bekommen. Mancher auswärtige Freund der Schule wird um so lieber kommen, wenn er weiß, daß sein Jahrgang möglichst vollzählig erscheint. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Schule selbst nicht die
willkommen!
5um fünften Male treffen sich in diesen Tagen die Angehörigen des Infanterie- Regiments H6 bei einer Wiederfehensfeier in unserer Stadt. Zum ersten Male werden die Rameraden des alten Regiments mit dem neuerstandenen Infanterie- Regiment H6 zusammen sein. Stolze Erinnerung, Wiedersehensfreude und Rame- radschaft werden an diesen Festtagen wieder wach werden. Bei dieser Freude wird man sich auch gern der alten Garnisonstadt Gießen und seiner stets soldatenfreund- lichen Bevölkerung erinnern. Die Gießener waren schon von jeher stolz auf ihre Truppen und sind es im neuen Deutschland ganz besonders, denn sie sind beglückt von dem Gefühl, an dem Wiederaufbau unserer Wehrmacht mithelfen zu können. Freudig und herzlich wurden schon immer die Teilnehmer an einem Soldatentreffen in unserer Stadt ausgenommen. So möge es auch in Zukunft bleiben. In diesem Sinne heißt Euch alte und junge H6er Eure Garnisonstadt Gießen recht herzlich willkommen.
Heil Hitler!
Ritter
Oberbürgermeister
den Ohren, denn gleich wirst auch du in einem Abteil sitzen und im donnernden Rhythmus einem sonnigen Wochenende entgegenfahren... H. W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Samsfag.
116er Treffen: 18.30 llhr Gefallenenehrung am 116er-Denkmal; 20 llhr Kameradschaftsabend in der Volkshalle. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die ganz großen Torheiten; 23 llhr ,Hm Graf Zeppelin". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Meuterei auf der ,Bounty".
Tageskalender für Sonntag.
116er=Ireffen: 8.30 llhr Begrüßung der auswärtigen Kameraden am Bahnhof, Marsch zur Volkshalle; 10 llhr Wiederfehensfeier in der Dolkshalle und im Schützenhaus; 14 llhr Wehrsportveranstaltung des Jnf.-Regts.116 und III. Abt. Art.-Regt. 9 auf dem Trieb. — Sporttag des BDM. ab 7.30 llhr auf dem llniversitätssportplatz. — Gloria-Palast, Seltersweg: 11 llhr „Im Graf Zeppelin"; „Die ganz großen Torheiten". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Meuterei auf der ,Bounty".
Abschiedsvorstellung für Heinrich Hub.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am Mittwoch, 2. Juni, findet eine einmalige Abschiedsvorstellung für Heinrich Hub statt. Es geht der Schwank „Der blaue Heinrich" von Schwartz und Lengbach in Szene. Die Intendanz macht darauf aufmerksam, daß für diese Vorstellung Sommerpreise gelten.
Hundertjahrfeier der Gießener Realanstalten.
Am vergangenen Donnerstag tagte — wie man uns berichtet — der Presseausschuß für diese Veranstaltung vom 3. bis 5. Juli. Die Vorbereitungen zu der großen Wiedersehensfeier aller ehemaligen
Heberbieten und Den-Preis-Hochtreiben hört auf, bei dem nachher nur immer Krach und Feindschaft herauskommen. So haben wir's gestern iy der Sitzung beredet."
„Meine Herren —", erwiderte Tutschek rasch und abwehrend, aber der Bürgermeister fuhr uneingeschüchtert fort: „Es ist vor allem wegen dem Nutzbolz für die Heimarbeiter. Sie wissen ja selber, wie schwer sich die jetzt tun und wie wenig sie für ihre Ware bekommen. Wenn jetzt auch noch das Material teuer ist, bleibt ihnen überhaupt nichts übrig." So, nun ist alles heraus, und nicht schlecht, wie dem Gsodmair deucht, und jetzt mag der andere reden. Die Antwort kennt man im voraus.
„Läßt sich nicht machen, lieber Herr Bürgermeister! Läßt sich durchaus nicht machen! Was Sie da vorbringen, ist ja bedauerlich für die Leute, natürlich, aber wir da heroben können auf den durch eine Versteigerung erzielten Hebererlös nicht verzichten. Ihr habt ja keinen Dunst, wie schwer sich das Schloß tut mit all diesen Steuern und Abgaben und Auslagen und Spesen, die ein so großer Besitz mit sich bringt. Wenn ich nur an die Reparaturen denke, kriege ich schon Kopfweh!" Der Tutschek redete flink, beschwörend und gesalbt, und man hörte ihm nicht einmal viel an, daß er Ausländer war.
Der Kern kniff das eine Auge zu und blinzelte. War ihm ein Körnchen Schnupftabak hineingekom- men, oder sollte es Skepsis ausdrücken? Jedenfalls störte es den Verwalter, und er sagte giftig: „Ja, das ist schon so. Das dürfen die Herren schon glauben."
„Tja, denen da drunten geht's halt noch schlechter. Das ist die Geschichte, Herr Verwalter", erwiderte der Gsodmair verlegen.
„Die leibhaftige Not rst im Dorf", unterstützte ihn der Wirt.
„Doch bei Ihnen nicht, Herr Kern", spottete Tutschek und betrachtete den Wirt.
Kern schwieg gekränkt. Er konnte es nicht leiden, wenn man auf feinen Bauch anspielte, mit dem er so genug Verdruß hatte.
„Also, wie gejagt, nichts zu machen. Leider. Ich stehe schließlich nicht für mich da, sondern ich habe die Interessen von Durchlaucht zu oertreten, das müssen Sie einseben. Sonst noch etwas?" Dieser Verwalter Tutschek ist ein scharfer und, was seinen Beruf anlangt, zweifellos tüchtiger Herr. Er hat
Anschrift aller ehemaligen Schüler besitzt. Um so mehr ist es notwendig, daß alle sich melden, die aus innerer Anteilnahme diesem großen Tag der beiden hiesigen Kulturanstalten freundlich gegenüber* stehen.
An alle Kraftfahrer.
Es wird darauf hingewiesen, daß Mitte Juni die Musterung der Kraftfahrzeuge durch die Wehrevsatz- inspektion erfolgt. Die Kraftfahrzeughalter erhalten im Einzelfalle besondere Vorführungsbefehle. Bei dieser Gelegenheit sei besonders betont, daß die vorgeladenen Kraftfahrzeuge zu der befohlenen Zeit pünktlich zur Stelle sein müssen, und zwar in betriebssicherem und sauberem Zustande, damit eine nochmalige Vorführung, bei der ein kostenpflichtiges Gutachten der Dampfkesselinspektion Darmstadt beigebracht werden muß, vermieden wird.
Ein (Sonnenring.
Lettenes Ralurschauspiel auch in Gießen beobachtet.
Ein nicht alltägliches Naturschauspiel war am gestrigen Freitag während der Vormittagsstunden zu beobachten. Um die Sonne war ein riesengroßer Ring zu sehen, der um die Mittagsstunde verschwand, um kurze Zeit nachher noch einmal für einige Minuten sichtbar zu werden. Es handelte sich hierbei um einen ganz natürlichen Vorgang. In den etwa 4000 bis 5000 Meter hohen Luftschichten hatte sich eine feuchte Dunstschicht gebildet, in der sich die Sonnenstrahlen brachen. Dadurch entstand der ausgeprägt klare und vollkommene Sonnenring. In der Regel kann man nur Bruchstücke des Ringes beobachten, die auch nicht so intensiv gefärbt sind, wie das diesmal der Fall war. Meistens treten noch mehrere Ringe auf, die gewöhnlich vertikal zu dem Hauptring stehen, so daß es den Anschein hat, als stünde eine Säule auf dem Ring. Durch das Kreuzen der verschiedenen Ringe bilden sich an den
die besten Wiesen weit und breit, die schönsten Wälder, er schafft jede neue Maschine an, düngt mit Kali und Thomasmehl und erzielt Rekordernten auf den den Schellenbergern abgeluchsten Feldern. Aber er hat kein rechtes Herz. Er ist ein Mann ohne Gefühlsduselei und ohne viel Bedenken. Der Ehrgeiz und das Geld sind seine Gotter. Er macht sich nie die Mühe, sich in die Seelenverfassung der kleinen Leute hineinzudenken, die er mit seinen profitlichen Anordnungen trifft und zwiebelt. „Noch ehnas?,/ — damit ist die Sache für ihn abgetan.
„Ja, noch etwas", erwiderte der Gsodmair verkniffen. „Wir möchten bitten, daß die Holzlesescheine nicht nur am Mittwoch, sondern auch am Samstag gelten. Ein Tag in der Woche ist zuwenig, sagen die Leute."
„So? Sagen sie? Mir ist schon der eine zuviel. Ja, glauben Sie denn, ich kann bei meiner vielen Arbeit auch noch den Samstag erübrigen und mit den Forstgehilfen all diesen alten Weibern und Kindern und Burschen nachlaufen, die meinen Wald mit ihrer Holzklauerei unsicher machen, die mir grüne Aeste abreißen und das Wild vergrämen?"
„Es geht um das Brennholz für die ganz Armen", entgegnete der Bürgermeister falt.
„Weiß ich, weiß ich. Ich bin gewiß kein Hnmensch. Aber die Leute müssen sich das eben einteilen. Müssen sich den Mittwoch für diesen Zweck freihalten. Meine Anordnungen sind alle so durchdacht und abgeroogen, daß ich kein Jota davon ablassen farm. Was ich noch sagen will: Der Waldfrevel nimmt in erschreckendem Maße zu. Man hackt ganze Bäume ab, man fischt mir die Forellen weg, sogar Hasenschlingen haben wir gefunden. Aber wir fassen die Betreffenden schon noch. Besonders eine Familie ist darin groß. Sie wohnt am Dorfweiher. Sie kennen sie auch. Aber ich schicke ihr noch den Gendarm auf den Pelz. Vielleicht bringen Sie diese unsere Klagen zur allgemeinen Kenntnis, Herr Bürgermeister."
„Ich werde es in der Sitzung zur Sprache bringen, das ist ja meine Pflicht. Ich ibill diese Dinge nicht in Schutz nehmen, aber sie kommen nur davon, daß es vielen halt so schlecht geht. Komm, Kern! Tag, Herr Verwalter!"
Draußen murrte der Wirt: „So jetzt haben wir den Dreck im Schachterl! Ich hab’s ja gleich gesagt: Mit dem da drinnen, dem Böhm, kannst nicht verhandeln. Das ist ein ganz Gescheiter."
Flaggen heraus!
kreisletter Dr. Hildebrandt und Oberbürgermeister Ritter fordern in einem Aufruf an die Bevölkerung unserer Stadt auf, am heutigen Samstag und morgigen Sonntag die Häuser zu beflaggen und dadurch ihre Verbundenheit mit unseren llbern zum Ausdruck zu bringen. Also sofort: Flaggen heraus!
Schnittpunkten stark leuchtende Stellen, die man als „Nebensonnen" bezeichnet. Im allgemeinen ist das Auftreten von Sonnenringen ein Anzeichen für ein« tretendes schlechtes Wetter. Der gestern beobachtete Sonnenring dürfte als Wetterprophet aber nicht viel zu bedeuten haben, weil bisher auch in den höchsten Luftschichten außerordentlich trockene Luft- sttömungen vorgeherrscht haben.
Sonntag Armeegepäckmarsch.
Im Rahmen der am kommenden Sonntag stattfindenden Wehrsportveranstaltung anläßlich des Treffens ehem. 116er findet auch ein Armee- gepäckmarfch statt. Fast alle Einheiten des Standortes Gießen werden dabei vertreten fein. Die Mannschaften in Stärke von 1 Führer und 3 Mann Harten am Sonntag ab 13.30 Hhr in Abständen von je 1 Minute ab Festplatz Volkshalle. Der Armeegepäckmarsch ist mit der schwierigste und bedeutendste der Wettkämpfe und wird mit einer Belastung der Teilnehmer von 25 Pfund Gepäck über eine Strecke von 25 Kilometer querfeldein, bergauf und bergab, zur Durchführung gebracht. Die Marschstrecke führt über Wieseck, Trohe, Großen-Bufeck, Reiskirchen, Burkhardsfelden, Oppenrod zurück nach Gießen (Ziel Festplatz neben der Volkshalle). Der
RUHL Seltersweg Nr. 67 ■
adiO Telephon Nr. 3170 I
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Marsch stellt an die innere Disziplin und körperlichen Kräfte der Teilnehmer die höchsten Anforderungen. Er wird zeigen, daß die junge Wehrmacht Adolf Hitlers den soldatischen Tugenden der alten ruhmreichen Armee nicht nachsteht.
Verbot der Errichtung und Erweiterung von Versandgeschästen.
Die Industrie- und Handelskammer Gießen teilt uns mit:
Nach einer neuen Anordnung des Herrn Reichs- Wirtschaftsministers ist es bis zum 1. Juli 1940 nur mit Genehmigung des Reichswirtschaftsministers gestattet
1. neue Hnternehmungen zu errichten, die den Verkauf der im folgenden genannten Waren an den letzten Verbraucher überwiegend im Wege des Versandes betreiben (Versandgeschäfte): Tabakwaren, Kaffee, Tee, Kakao, Arzneimittel (Heil- und Vorbeugungsmittel) und Heilgeräte, Textilwaren, Schuhe, Lederwaren, Möbel, Elektrogeräte, Glas- und Porzellanwaren, Musikinstrumente und Zubehör, Rasierapparate und Rasierklingen, Bestecke, Hhren, Schmuckwaren, Fahrräder, Nähmaschinen, Werkzeuge, Photoapparate und Zubehör, Seifen, Wasch- und Putzmittel, Parfümerien, Spielwaren;
2. in bestehenden Hnternehmungen den Vertrieb von Waren der in Ziffer 1 genannten Art im Wege des Versandes neu aufzunehmen;
3. die Derpackungs- und Derfandräume bestehender Hnternehmungen der in Ziffer 1 und 2 genannten Art zu erweitern, oder die in diesen Räumen bisher ausgeübte Tätigkeit in andere Räume zu verlegen, oder sonst neue Verpackung^ und Derfandräume einzurichten.
Der Reichswirtschaftsminister hat sich vorbehalten, seine Genehmigung mit Bedingungen und Auflagen zu versehen. Wer einer der vorgenannten Vorschrift ober den gemachten Auflagen zuwiderhandelt, kann durch polizeilichen Zwang nach Maßgabe der Landesgesetze zur Beachtung der Dorschvif- ten und Auflagen angehalten werden. Auf Antrag wird er vom Kartellgericht mit einer Ordnungsstrafe belegt. Diese in Geld feftzusetzende Strafe ist in ihrer Höhe unbegrenzt.
Gsodmair kaute auf feinem Schnurrbart herum unb sagte kurz: „Unfere Schuldigkeit haben wir getan. Komm, Wirt!"
*
Während sich die Sckellenberger drüben eine Abfuhr holten, saß Professor Gottlieb Engasser in der Schloßbibliothek und schmökerte in einem Schweinslederband, „Thesaurus rerum naturalium“ betitelt, zu deutsch „Schatzkästlein der Naturgeschichte" und von dem alten Polyhistor Gesner versaßt.
Der Professor saß äußerst unbequem auf der obersten Stufe einer hohen Staffelei und bohrte versonnen an einem Wort herum, dessen mittelalterliches Latein nur schwer zu übertragen war. Er hockte verkrümmt, menschenfern und versponnen gewissermaßen auf einem Eiland, während rings um ihn gelehrte Flut quoll, Bücher, aus Regalen drängend, aus Kisten lugend, Tisch und Boden über« schwemmend. Nun ja, er war wieder einmal beim Stöbern, bei der Durchsicht der vielen Bände, um die ihn die Fürstin Holiwa-Weißensee vor einem halben Jahr gebeten hatte. Hnd es traf sich ausgezeichnet, daß er diese Gefälligkeit für die Fürstin mit seinen persönlichen Interessen verknüpfen konnte; denn er hoffte, für sein eigenes Werk, an dem er feit langem schrieb und das seinen Namen bekannt machen sollte, hier neuen Stoff zu finden. Die Fürstin war eine nicht mehr ganz junge, aber lebenslustige Dame — Engasser hatte sie anläßlich eines Höflichkeitsbesuches auf dem Schloß kennengelernt —, 3ur Verschwendung neigend, stets in Geldnöten, aber mit regem Spürsinn begabt, was Geldmöglichkeiten und Gewinnaussichten betraf. In letzterem glich sie durchaus ihrem Verwalter. Neuerdings hatte sie sich in den Kopf gesetzt, in der Schloßbibliothek müßten Kostbarkeiten vergraben sein, seltene Stiche, Wiegendrucke ober eine Luther- bibel, und nun wartete sie ungeduldig auf den Erfolg von Engassers Bemühungen, den sie für einen Fachmann in diesen Dingen hielt. Es muß aber hier gesagt werden, daß der Professor, dem sein Werk „Flora des Bayerischen Waldes" ungleich mehr am Herzen lag, diese Nachforschungen nur sehr langsam betrieb, weil er sich in eigener Sache zu oft festlas und dann den übernommenen Auftrag völlig vergaß. Gesner, zum Beispiel, schien eine wahre Fundgrube für strebsame Botaniker.
Fortsetzung folgt.


