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Einkreisungsbestrebungen federführend geworden, denen sich die Pariser Regierung wegen ihrer zu starken inneren Inanspruchnahme nicht mit dem ,nötigen Nachdruck" mehr, widmen konnte Baldwin ist es ja auch schließlich gewesen, der den verhängnisvollen Satz von der „englischen Grenze am Rhein"" geprägt hat.
Damit hinterläßt Baldwin Neville Chamberlain ein Erbe, das zwar für diesen persönlich und für England nicht hoch genug zu veranschlagen ist, das aber auch für die europäische Politik seine Rückwirkungen haben kann. Der neue Ministerpräsident ist in seinen außenpolitischen Entscheidungen, zumal wenn die Rüstung einmal vollendet sein wird, frei und ungebunden. Er kann eine Außenpolitik führen, wie sie für das Empire richtig ist und wie sie vielleicht auch im gesamteuropäischen Interesse liegen kann. Alles hängt allein von Chamberlain selbst ab. Da man weiß, daß er einer der vertrautesten Mitarbeiter Baldwins war, daß bei entscheidenden Beschlüssen Chamberlains Stimme immer gehört worden ist, er also auch mit dem Kurse Baldwin im gewissen Sinne zu idenfizieren ist, kann man annehmen, daß im großen und ganzen der englische Kurs unverändert fortgesetzt werden wird. In welcher Einsicht Chamberlain Aenderungen durchführen wird, wird sich erst voll zeigen, wenn er sein Kabinett voll umbesetzt haben wird, was nach englischer Ansicht nicht vor Ende des Jahres der Fall sein dürfte.
Im Gegensatz zu Baldwin ist Chamberlain ein „junger Mann" in der Politik. Er hat nicht wie
9!art5C5 Sfben d-r Politik g-widm-t, auch nicht wie fein großer Vater Joseph Cham- an^+eni?C öer victorianischen Aera und sein fniMh Horbener Halbbruder Austen Chamber- Außenminister, schon seit Jahrzehnten ? Politiker gehabt. Um so überralchen- oer ist fein schnelles Emporkommen, die Tatsache, daß er binnen kürzester Frist den wichtigen Posten hn^L 6 raMa n 3J e r 5 erhielt, um dann den höchsten politischen Rang zu bekleiden, den Großbritannien zu vergeben hat. Chamberlains großer Vorzug durfte, der seiner völligen Nüchternheit fein, eme ©nbe, die Dinge so zu sehen, wie sie tatsäch- m 'J1; der Sproß einer Familie, die in der Politik Englands einen großen Namen hat, auf dem Posten, den weder Vater noch Bruder in einer langen politischen Laufbahn zu erringen verrnoch- ren, hat alle Aussicht, der Familienchronik der Chamberlains das würdigste Blatt einzuheften. Oie Regierung Baldwin hat die meisten Probleme auf außenpolitischem, wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiet u n g e l ö st übergeben. Baldwin war der energische und entschlossene Wegbereiter, Cham- lam aber stellt das Schicksal vor die Aufgabe eines Vollenders. Wird er seiner Aufgabe gewachsen sein? Davon hängt nicht nur viel für England ab, sondern auch für Europa, das sich nach Frieden sehnt. Dieser Frieden aber bedingt eine endgültige Klärung öer deutsch-englischen B e - Ziehungen, ohne die eine Beruhigung unvorstellbar ist.
Bummel durchs Suaheli-Land.
Don unserem G.X
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
VIII.
Abschied von Afrika.
Port Said, Mai 1937.
Eine Beschreibung von Port Said und gar des Suezkanals (ei dringend zu widerraten, meinte der Chef vor der Abreise und fügte mit gelangweilter Miene hinzu, das Publikum wie die Redakteure bekämen bei dem bloßen Wort Suez schon Gähn- krämpfe. Das kenne ja jeder. — Ich schwieg fein still dazu und dachte nur, was die Gähnkrämpfe anlangt, so könnte man ja mal versuchen, sie irgendwie auszutreiben.
Indes, in berichterstatterlichem Licht gesehen: Port Said bleibt ein Thema, mißlich zu behandeln. Was ist Port Said? Port Said gehört Aegypten. Aber es ist nicht Aegypten. Es ist auch nicht Orient, noch der Süden in irgend einer definierbaren Form. Port Said ist der internationalste Hafen der Welt, neben Colon am Panarna- tanaL Sämtliche seefahrenden Nationen fluten hindurch, alle weilen nur ein paar flüchtige Stunden, keine bleibt, keine möchte wohl auch bleiben (wenn man von England absieht, das irgendwo hinter den Kulissen hier die Drähte zieht). Port Said ist die Unrast der modernen Welt. Es hat die stereotypen Häuser aller heißen und neuen Städte, Häuser mit nichts als Balkonen ringsherum und Balkontüren. Von feiner Front am Kanal blenden — fährt man des Nachts ein — die Lichtreklamen der gesamten Zivilisation. Die Schweiz wirbt für ihre Alpen, Paris für fein größtes Wabenhaus, Holland für feinen KlM.-Flugdienst Holland—Indien, zweimal wöchentlich, internationale Bierforten, weltbekannte Zigarettenfirmen und Milchprodukte fehlen nicht. Jnternaticmalität hat Las Gesicht aller Welt und darum gar keines. Ickernationalität ist überall gleich, ist die perfekte Langeweile (daher die Warnung des Chefs). Aber sie kann auch ein Beruf fein, wie in diesem Falle.
Port Said mithin, das ausschließlich für die Fremden lebt, möchte auch von ihnen leben, und besteht auf diesem Recht. Warnende Schreie ertönen, falls einmal ein Fremder, vom Dampfer kommend, das Tor des Kais zur Uferstraße unbemerkt und unbelästigt zu passieren hofft. Port Said wacht selbst um Mitternacht. Es ist sofort da, in Gestalt morgenländisch angetaner Leute, die in allen Sprachen, zumeist in Englisch, etwas z u verkaufen wünschen, zunächst einmal Stöcke aus Nilpferdhaut. Postkarten und billige Glasperlketten.
Sollte das nicht ziehen, wird der Orient gleich um einiges geheimnisvoller. Es tauchen Zigaretten aus feinen Hintergründen auf, die mit Opium, Haschisch und sämtlichen Rauschgiften der Welt ge-
K.-Berichierstatter.
würzt zu sein scheinen, aber lediglich unversteuert oöer mit Ambra parfümiert sind: der Orient verstand sich von je aufs Gaukeln. Es werden dem erschauernden Fremden Paketchen in die Hand gedrückt, voll nervenreizender Drogen, die aber lediglich (panische Zugpflaster enthalten, und schließlich, als Bekrönung des Ganzen: „Sweinerei". Und das sind nun wahrlich recht harmlose Aktphotos von leicht verfetteten Damen, wie man sie bei uns in Magazinen und auf Postkarten früher auch kannte, und die braunen, befezten Gentlemen machen Gesichter dazu, als gipfle darin die Romantik der ganzen Welt. — Ein paar ganz raffinierte von ihnen aber sind auf die Idee gekommen, ganz schlicht — Rosen, rote europäische Rosen zu verkaufen, und die finden, besonders auf den aus den Tropen kommenden Dampfern, äußerst viel Anklang. Als ich zum ersten Male in Port Said war, vor zwanzig Jahren, kannte man diesen Trick noch nicht. Auch Port Said hat sich zivilisiert.
Haben sich diese unteren Götter des Handels ausgetobt, erscheinen alsbald bedeutsamere auf der Bildfläche und schleudern einem das große Wort: „Kille-Kille" heiser ins Gesicht, wie den Schlachtruf eines ausgerotteten Jndianerstammes, wobei sie ein halbtotes Kücken aus der Rocktasche ziehen, das sie durch irgend ein Knopfloch ihres Rockes verschwinden lassen, um dafür aus sämtlichen Aermellöchern und Hosenbeinen rohe Eier zu produzieren. Vor zwanzig Jahren sah ich unter diesen meist europäisch ungezogenen Gauklern wirkliche Künstler, die man ohne weiteres auf eine Variete- Bühne hätten stellen können; mögen nun inzwischen allzuviele Brieftaschen der Zuschauer mit den Kücken verschwunden sein — jedenfalls sind die Leistungen in der Zwischenzeit recht bescheiden geworden. — Zum Schluß aber treten an den Fremden, wenn er erschöpft ins nächste Caf6 geflüchtet ist und nur noch von Stiefelputzern bedroht zu werden scheint, mystische Vollspezialisten heran, die vorgeben, die Zukunft aus der Hand sehen zu können. In Wirklichkeit haben sie drei Lebens- und Zukunstsläufe auswendig gelernt, von denen einer immer paßt. Daß sie Menschenkenner sind, kann nicht geleugnet werden, daß sie einer Dame, von der sie es unmöglich wissen konnten, sagten, sie habe einen Sohn, ist noch kein vollgültiger beweis, für irgendwelches Können. Denn leider versagt ihre Prophetengabe stets und gerade dann, wenn sie wissen sollten, daß man sich auf das Geschäft mit ihnen nicht einlassen wird. Das wirklich Wunderbare aber an ihnen ist, daß sie Empfehlungen von Kapitänen, auch deutscher Schiffe, vorzuweisen haben, in denen bestätigt wird, daß sie die Zukunft zu wiederholten Malen ganz richtig vorausgesagt hätten. Auch Kapitäne müssen, scheint's, ab und zu ihren Spaß haben ...
Dergestalt repräsentiert Port Said nächtlicher- weile die flimmernden Geheimnisse des Orients. Bei Tage aber ist es mit seinen viereckigen Blocks von gelblichen Häusern von erfreulicher Sauberkeit (neben der Nüchternheit). Und ist nicht wiederzuerkennen, wenn man es vor zwanzig Jahren sah. Der Schimmer von abenteuerlicher Exotik, den es tatsächlich hatte, ist fort. Wo ist die schlechtbeleuchtete, von Sykomoren tief beschattete, breite Straße mit den niederen, etwas verdächtigen Häuserchen, in der wir einen üblen Zutreiber zum Narren hielten und mit unserem homerischen Gelächter zum spurlosen Verschwinden veranlaßten? Heute stehen ein paar knallrot blühende Akazien einsam und polizeifromm im Europäerviertel, heute besitzt es sogar zwei, wenn auch an leichter Arbeitslosigkeit leidende Verkehrsampeln.
Zudringlich und frech geblieben ist nur d i e Jugend in den mit Caf6s förmlich gespickten, aber ebenso breiten Straßen der Eingevorenenstadt, durch die Autobusse rollen; der Spaß mit den Jungen und den schon koketten Mädeln geht solange, bis einem von irgendwoher, aus lauter Üebermut, ein Steinchen an den Tropenhut geflogen kommt, das man natürlich scheinbar nicht beachtet. Was die schon unwillig zuschauenden, wohlbeleibten Effendis zwar keineswegs zu drasttschen Erziehungsmaßnahmen gegen diese Jugend, wohl aber zu milden Verwarnungen veranlaßt, in denen vermutlich darauf hingewiesen wird, daß Allah diese Giaurs schon hinlänglich damit strafe, daß er sie Schweinefleisch essen lasse (was übrigens der braune Polizei-Offizier, den wir an Bord hatten, mit Begeisterung tat). Die Frauen hier aber gehen wie vor alters« her in Schwarz, von oben bis unten verhüllt und mit dem goldenen Schleierhalter über dem Nasenrücken, der so raffiniert kokett ist, während sie lange und noch dazu mit Kohol gefärbte Augenwimpern wie Antennen gegen den Fremden züngeln lassen.
Am breiten Meeresstrande dagegen, wo die vielen hölzernen Badehütten stehen, übt ein anderes, modernisiertes Aegypten sich fleißig im Fußball, oder ein junger Effendi lieft feine arabische Illustrierte, Kupfertiefdruck, Seite mit Kreuzworträtseln. Am Ende des Strandes, auf feiner Mole schaut Ferdinand d e L e s s e p s, der Kanalerbauer, bronze- grün von seinem Sockel herab auf die mit dem Abendwind hereinkommende breiedbefegelte Fischer- flotte, und das „aperire terram gentibus", — den Volkern den Erdkreis zu erschließen — (die Inschrift auf dem Denkmal), ist ihm gelungen, denn die Dampfer strömen geradezu herein und hinaus aus der Kanalmündung; im Außenhafen aber liegt einer von ungewöhnlicher Größe und schneeweiß, unsere Milwaukee, von der Hapag.
In der Stadt beginnen bereits wieder mit dem Aufflammen der Lichter in den zum Teil sehr eleganten Geschäften die geheimnisvollen braunen Herrschaften zu flimmern, deren handelssüchtige Geschäftigkeit zufällig einmal durch eine Händel- (richtige Prügelei unterbrochen wird, die ihrerseits vielleicht weniger durch Fragen der Religion, als durch solche der Rasse und des Konkurrenzkampfes erregt wurde. Die Schläge bumsten hörbar, es wurde mit bemerkenswerter Stille und Inbrunst, aber ohne besonderen Erfolg geprügelt Die nötige orientalisch-magische Beleuchtung der Szene aber lieferte das alle Augenblicke aufflammende rosa Neonlicht einer englischen Whisky-Reklame.
Kleine Reibereien sind eben, wenn man die Volker zu dicht aneinanderbringt, nicht immer zu vermeiden. Dann aber war die Sache, ohne daß der zuständige Polizist aus ebenso unerklärlichen Gründen — unter denen die Wärme ihre Rolle gespielt haben mag — beigelegt. Die Pferdedroschken klingelten wider leis und melodisch beim Vorbeifahren an den Straßenecken mit ihren Cafss und ein paar Zikaden zirpten mit der Absicht, eine südliche Note in das Ganze zu bringen, weiterhin schrill in den Abend in den Straßen dieser gesichtslosen, schlaflosen (und traumlosen) Stadt. Und nun heißt es Abschied nehmen von Afrika. Der Bummel durch Suaheliland ist endgültig zu Ende. Langsam stieg ich an Bord. Europa hat mich wieder.
Kunst unv Wissenschaft.
Dr. Frick dankt einem verdienten Arzte.
Reichsinnenminister Dr. Frick übersandte dem Leipziger Chirurgen und Orthopäden Pros. Dr. med. Kölliker zum 85. Geburtstage folgendes Telegramm: „Anläßlich Ihres 85. Geburtstages spreche ich Ihnen, dem bekannten Chirurgen und Orthopäden, der sich durch sein erfolgreiches Wirken aus dem Gebiete der Volksgesundheit große Verdienste
erworben hat, meinen besonderen Dank aus. Mik meiner dankbaren Anerkennung verbinde ich meine besten Wünsche für Ihr weiteres Wohlergehen.
Aus aller Welt.
heute Frühlingsfest der rhein-mainischen Presse.
Das Frühlingsfest der rhein-mainischen Presse, das heute abend im Kurshaus Wiesbaden ftattfinbet, sieht neben den übrigen künstlerischen und gesellschaftlichen Darbietungen noch eine besondere Ueberraschung vor. Den Veranstaltern ist es gelungen, die spanische Tänzerin Rosita A l c a r e z zur Mitwirkung zu gewinnen. Rosita Alcarez hat in Wiesbaden in den letzten Wochen stürmische Erfolge gefeiert und wird am heutigen Abend im großen Kurhaussaal einige Proben ihrer Kunst geben. Sie gilt als eine der bedeutendsten spanischen Tänzerinnen.
Els Menschen vom Blitz erschlagen.
Die schweren Gewitter, die in den letzten Tagen über Böhmen und Mähren niedergegangen sind, haben elf Menschenleben gefordert und verheerende Feuersbrünste verursacht. Sieben Gebäude wurden in Groß-Opatowitz durch Feuer vernichtet. Auch über Ostböhmen gingen schwere Gewitter nieder und richteten auf den Fluren großen Schaden an. Bei Hohenmaut erschlug der Blitz einen Landarbeiter, in Milowe eine Frau. In Lipa wurde ein Fuhrmann vom Blitz getroffen, der ihn auf der Stelle tötete. In Kozojet wurde eine landwirtschaftliche Arbeiterin auf dem Felde vom Blitz erschlagen. In Nieder-Rowna tötete der Blitz einen Vater, der mit dem Kinderwagen vom Felde nach Hause fuhr. Die Kinder blieben ohne Schaden. Auf der Straße bei Hermanow erschlug der Blitz zwei Arbeiter.
Schweres Derkehrsunglück in Siebenbürgen.
Bei Felduara in der Nähe von Kronstadt ereignete sich ein schreckliches Unglück. Der Schnellzug Kronstadt—Bukarest raste bei einer Eisenbahnkreuzung auf den vollbesetzten Autobus einer sieben- bürgischen Transportgesellschaft. Der Autobus wurde vollkömmen zertrümmert. Sechs von den Insassen waren auf der Stelle t 0 t; sieben sind (chwer verletzt worden und dürften kaum mit dem Leben davonkommen. 16 Personen sind leichter verletzt.
Polnische Jacht gekentert. — Zwei Personen ertrunken.
In der Bucht von Gdingen ist die Jacht „Gryff II", die der polnischen See- und Kolonialliga gehört, mit einer vierköpfigen Besatzung g e - kentert. Während sich zwei Mann der Besatzung durch Schwimmen retten konnten, waren der Techniker des Seeamtes Gdingen, Szepielewicz, und seine Frau des Schwimmens nicht kundig und ertranken in der Ostsee.
Litauisches Militärflugzeug rast in die Zuschauermenge.
Auf dem Militärflugplatz des litauischen Kreises Ukwerge (Wilkomir) ereignete sich während der Kunstflugvorführungen aus Anlaß eines Flieger- werbetages ein schwerer Unfall. Ein Militärflugzeug stieß beim Tiefflug mit einer Tragfläche auf den Erdboden auf und raste, nachdem es das Fahrgestell, einen Propeller und eine Tragfläche verloren hatte, in die Zuschauermenge. Zehn Personen wurden mehr oder weniger schwer verletzt, ein siebenjähriges Mädchen wurde g e ■ tötet. Der Pilot kam mit leichten Verletzungen davon.
Wetterbericht
des Beichswetterdienstes. Ausgabeart Frankfurt
Die Kaltluftzufuhr, die jetzt von Norden her auch Osteuropa erfaßt hat, bedingt gleichzeitig eine weitere Verstärkung des europäischen Hochdruckgebietes. Wir verbleiben auch weiterhin unter seinem Einfluß, so daß mit der Fortdauer der trockenen und überwiegend heiteren Witterung gerechnet werden kann.
Aussichten für Sonntag: Trocken und überwiegend heiter, tagsüber warm, lebhafte östliche Winde.
Aussichten für Montag: Im wesentlichen Fortdauer der heiteren Witterung.
Lufttemperaturen am 28. Mai: mittags 22,7 Grad Celsius, abends 14,6 Grad; am 29. Mai: morgens 13,5 Grad. Maximum 24 Grad, Minimum heute nacht 9,9 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 28. Mai: abends 23 Grad; am 29. Mai: morgens 17,2 Grad. — Sonnenscheindauer 11,7 Stunden.
Sie Aufgabe der Philosophie in unserer Zeil.
Von Hans Hartmann.
Giovanni Ventile, der fichrende Philosoph Italiens und Schöpfer der faschistischen Schulreform, fegte in einer Rede vor dem großen italienischen Wlosophenkongreß: „Der Mensch ist gewiß ein politisches Lebewesen; aber er ist vor allem ein philosophisches Lebewesen. Sein Grund- lwesen ist dies: er ist Philosoph, weil er denkt." Dieses Wort eines Mannes, der zugleich wirklicher Philosoph und wirklicher Politiker ist, wird geeignet H-in, vielen Menschen die geheime Angst vor der Philosophie zu nehmen, in der sie — ein wenig unglücklich und verzweifelt — leben. Seien wir ehr- ">ch gegen uns selbst: die Philosophie erscheint uns *llzuoft als ein Buch mit sieben Siegeln, und wir ®ären eigentlich geneigt, endgültig und bis an *nser Lebensende mit ihr abzuschließen. Wir tun *ann so, als ob sie doch nichts für uns märe, wir »erweisen sie als eine Fachangelegenheit von merkwürdigen und etwas verrückten Spezialisten in verstaubte Bibliotheken und Hörsäle. Glücklicherweise, D hören wir außerdem, hat der Wissenschafts- Binrfter Rust vor einiger Zeit die Philosophie als notwendiges Prüfungsfach im philosophischen Doktor »bgeschafft, und so können wir Chemiker, Studien- "äte, Biologen werden, ohne uns mit diesem unheimlichen (sonderfache belasten zu müssen.
Aber dann ergreift uns doch wieder das schlechte gewissen. Wir hören, daß Philosophie eigentlich -icht mehr sei als die Besinnung auf die G r u n 0 - agen alles Wissens und Erkennens. Wir Horen, nß der Jurist eigentlich ein Kolleg über Rechts- hilosophie, der Theologe eines „über Religions- chilo(ophie, der Studienrat eines über ©tbif boren Nüsse. Und Centile führt uns in seinem Worte nenn mir es recht überlegen, noch einen öajntt Nester: er sagt, mir alle seien Philosophen, m e 11 Nir denken. Vorausgesetzt, daß mir es tun — noran wir einmal nicht zweifeln wollen! — stehen Nir also doch nicht als so verworfen und als geistig busgestoßene da. Und es kommt, so entnehmen mir ♦em Worte Centiles, nicht einmal daraus an, oatz
mir eine akademische Bildung haben; einfach weil mir denken, sind mir Philosophen. Centile führt es näher aus: „Denken bedeutet: nicht mehr animalisch sein. Oder auch: irgend etwas sein, das nur natürlich da ist." Wir unterscheiden uns also als selbständig denkende Wesen von dem rein natürlichen Dasein, wir heben uns von ihm ab, beginnen zu denken, und damit sind wir auf dem Wege zur Philosophie.
Die Freude, die mir da empfinden, wird noch erhöht, wenn mir zu Büchern greifen, die mir einigermaßen verstehen und von denen mir hören, sie seien von wirklichen Philosophen geschrieben. Wir denken hier etwa an die Schriften des römischen Kaisers Mark Aurel, an Goethes Faust ober Sprüche in Prosa, an Fichtes Reden an die deutsche Nation, an Nietzsches Werke. Und dann ist der Bann gebrochen: mir dürfen nun unserer geheimen Liebe zur Philosophie nachgehen, blicken nicht mehr, menn von Philosophie die Rede ist, verstohlen zur Seite, als ob mir schamhaft etwas zu verbergen hätten. Und vor allem: mir nehmen teil an einem großen Zeitgeschehen, von dem mir uns vorher ausgeschlossen fühlten.
Denn bald wird sich uns auf dem neugemonnenen Wege eine neue Welt öffnen. Wir vernehmen eine heute sichtlich ansteigende Teilnahme an philosophischen Dingen. Wir sehen, daß kein Gebiet des menschlichen Kulturbereiches ausgeschlossen bleibt: Staat und Gemeinschaft mären ohne die tiefere geistige Begründung, mie sie die Staatsphilosophie bringt, nicht die Gebilde, in denen sich denkende Menschen mohl fühlen könnten. Oder: mir haben großes Interesse, für die neuen Forschungen auf dem Gebiete der Biologie, mir verfolgen etma, was Männer mie Spemann geleistet haben. Nun erfahren mir, daß manche von diesen bahnbrechenden Forschern „Philosophen der Biologie" sind (etma Hans Driesch oder Max Hartmann). Sie setzen sich also mit den Grundlagen ihres Forschens auseinander, erkennen die emigen Gesetze, die sich in der Einzelforschung entschleiern, sie ringen um ein Begreifen der Uraegensätze des Lebens, von denen einer der ist, daß alles nach ewigen ehernen Gesetzen zu gehen scheint und daß mir doch als freie Menschen handeln und uns verantwortlich fühlen.
Ist so unser philosophischer Sinn geweckt und haben mir so das „gute Gewissen" zur Philosophie
bekommen, so läßt sie uns nicht mehr los. Ein Schritt folgt dem anderen, und wir erkennen etwas, für das wir vorher kaum ein Fassungsvermögen hatten: die große Aufgabe, ja man möchte sagen: Sendung, die die Philosophie in unserer Zeit zu erfüllen hat.
Zum neunten Male kommen in wenigen Monaten die Philosophen der Welt zusammen zum Internationalen Philosophenkongreß in Paris. Seit dem Jahre 1900 gibt es diese internationalen Tagungen, das 20. Jahrhundert hat also gegenüber dem 19. einen Fortschritt gebracht: war dieses wesentlich der Einzelforschung gemiömet und vor allem in seinem letzten Drittel von dem Geist der Verneinung (den Nietzsche Nihilismus nennt) durchzogen, so soll und will das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert des Aufbaues fein. Nachdem es mit der Katastrophe begann, die das Erbe des 19. Jahrhunderts mar, merben nun alle natürlichen und alle geiftigen Kräfte zufammengefaßt, nicht nur um einer neuen, vielleicht noch schlimmeren Katastrophe der Völker zu entrinnen, sondern vor allem, um ein positives Werk au schaffen: Volkern ihr Eigenleben im natürlichen Lebensraume und in der Bindung an die emigen geistigen Werte zu geben. Die Philosophie hat dabei ihre große bedeutende und sichtende und, menn sie wirklich verantwortlich ist, wegweisende Aufgabe. Wie stehen die Aussichten, daß sie sie erfüllt?
Ein Rückblick auf die Leistungen der acht vergangenen Jnternattonalen Kongresse zeigt, daß die Ausgabe noch nicht völlig erkannt ist. Die Reihe begann 1900 in Paris und durchschnittlich alle vier Jahre fanden die Tagungen statt in Genf, Heidel- berg, Bologna, Neapel und Cambridge (USA.), Oxford und Prag. Italien hat also am besten ab-- geschnitten und es wäre durchaus an der Zeit, daß das klassische Land der Philosophie, Deutschland, wieder an die Reihe käme. Es sind zweifellos Bestrebungen im Gange, Deutschland auch philosophisch überflügeln zu wollen, und es ist die Aufgabe der Hüter des deutschen geistigen Lebens, darüber zu wachen, daß das nicht geschieht. Jedenfalls wird aber Deutschland das, was es zu sagen hat, auch stn Auslande zur Sprache und zur Geltung bringen können.
Auf allen Tagungen sind Einzelfragen zur Sprache gekommen, die 3um Teil innerhalb der Fachwelt allein Bedeutung haben, zum Teil aber
schon darüber hinaus für jeden denkenden Menschen wichtig sind. So hat man sich überöie Wesens» arundlagen des „V 0 lkes" unterhalten. Man sucht zu verstehen, wie es eine naturgegebene Tatsache ist, aber in seinem geschichtlichen und nationalen Schicksal eine geistige Gestalt gewinnt — nicht umsonst spricht man ja vom „deutschen Geist" — und wie zur Durchführung und Leitung dieses Prozesses ein unbeugsamer Wille da sein muß, der das Volk formt und ihm so die Erfüllung seiner Sendung ermöglicht. Das Volk wird dann der Gegenstand einer Willensschöpfung schöpferischer Führer. Diese Fragen sind auf dem Prager Philosophenkongreß vom Herbst 1934 von deutscher Seite und von anderen behandelt worden, und es bedarf keines weiteren Beweises, daß hier die Philosophie eine große Aufgabe zum Verständnis und zur Deutung unserer Zeit und ihrer Vorgänge hat. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir meinen: oft stehen mir mitten im Getümmel der Zeit den Dingen noch zu nahe, um ihre weltge- schichtliche Bedeutung erkennen zu können. Indem die Philosophie vor dem Forum des reinen Denkens und von der hohen Uebersicht über die Jahrtausende her diese Gegenwartsereignisse deutet, hebt sie sie in einen höheren Sinnzusammenhang hinauf und macht gerade den besinnlicher veranlagten Menschen erst Lust, sich akttv an dem Geschehen der Zeit zu beteiligen. Denn wir wollen ja das Beste unserer Zeit nicht im Winkel ober Hinterm Ofen verschlafen haben!
Freilich stellen wir als „politische Lebewesen" — um den Ausdruck Centtles noch einmal zu erwähnen — nun unsererseits an die Philosophie eine ent- scheidende Forderung. Wenn sie uns im aktiven Einsatz für unser Volk und feine Führung etwa lähmen oder zu „Kritikastern" machen sollte, dann hat sie ihre Aufaabe verfehlt. Aber solche Irrwege darf man der Philosophie selbst nicht in die Schuhe schieben. Sie werden von einzelnen begangen, die ich fälschlich Philosophen nennen. Die Großen im Reiche des Geistes haben ihrem Volke mit aller Kraft ihres Geistes und ihrer gestaltenden Fähig» feiten gedient: Sokrates, Mark Aurel, Fichte, Hegel — sie waren keine lebensfremden Träumer, sondern haben die Sendung der Philosophie für ihre Zeit erkannt. Und darin sind sie uns Vorbilder: daß wir in unserer Zeit mit ihren neuen Erfordernissen und Aufgaben das gleiche tun.


