ifr.W Drittes Blatt Siebener Anzeiger <S«raI-AnzeIger sgr Gberheffe»)vamerstag, 29. April 1957
Der Reichskriegsminister auf der Ordensburg Vogelsang
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Retchskrtegsminister Generalfeldmarschall von Blomberg hielt auf Burg Vogelsang vor den Kretslertern der Partei einen Vortrag. Man sieht den Reichskriegsminister auf einem kurzen Rundgang; rechts Reichsorganisationsleiter Dr. Ley. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Aus der Stadt Gießen.
Schöner, grüner Wald!
Der April mit seinen kalten, regenschweren Tagen hat es Heuer dem Frühling schwer gemacht. Aber sein Kommen hat er nicht verhindern können. Die Sonne ist schließlich Siegerin geblieben. Mit ihrem Licht und ihrer Wärme zaubert sie alle Frühlingswunder hervor.
Die Obstbäume stehen in voller Blüte. Tausende von Bienchen umsummen die duftenden Zweige. Hinter dem leuchtenden Weiß dehnt sich der Wald. Tannen und Kiefern mit ihrem dunklen Grün, dazwischen Buchen und Birken im Schmuck der ersten Blättchen. Besonders schön sind die Birken mit ihren hängenden, zarten Zweigen.
Die Anemonen leuchten schon seit Wochen aus dem dürren Laub, die Maiblumen sandten ihre ersten grünen Spitzen und wollen nun bald ihre Glöckchen läuten lassen. Grüne, schwellende Moospolster laden die Wanderer zur Rast ein. Auch der Kuckuck ist zurückgekehrt von seiner Südlandfahrt, und die Spechte hämmern vor Freude an den hohen Tannen.
Unvergleichlich ist die Schönheit unseres deutschen Waldes im Frühling. In bunter Abwechselung stehen unsere Wäldbäume da, dunkle Tannen, knorrige Eichen, schlanke Eschen, glattschalige Buchen, düstere Kiefern und die zierlichen Birken.
Vor dem Hellen, maigrünen, wie Seide glänzendem Laub der Buchen und Birken stehen trotzig und düster die Tannen und Kiefern. Aber auch aus ihren Spitzen kommt neues Leben hervor. Wie Kerzen leuchten die neuen Zweiglein, die sie aufgesteckt haben. Die Lärchen, die ihre zarten Nadeln auch im Herbst abwerfen, haben den Anfang gemacht. Sie standen zuerst in ihrem Frühlingsgrün, sie haben die Aprilschauer über sich ergehen lassen, sie haben noch verspäteten Schnee gesehen, aber immer wieder kam die Sonne und stärkte die kleinen Nadeln. Auch die Birken, die schönsten Frühlingsbäume, folgten bald. Wie leicht und zierlich bewegen sich die zarten Zweige mit den hellgrünen Blättern. Nur die Eichen und Eschen strecken noch die kahlen Zweige in die Luft. Aber auch ihre
Stunde ist bald gekommen. Schon schwellen hie Knospen.
Die Sonnenstrahlen durchdringen das junge Laub und malen Helle Kreise auf den Waldweg. Und in den Zweigen der Bäume jubiliert und schmettert es. Amseln, Drosseln, Finken und Meisen, sie wissen sich nicht zu lassen vor Freude.
Da geht auch dem Menschen das Herz auf. In solchen Tagen muß man seine Sorgen vergessen, muß wieder wie die Kinder singen können:
O Täler weit, o Höhen,
O frischer, grüner Wald! H----.
Tageskalender für Donnerstag.
NS.-Frauenschaft Gießen-Mitte: 20 Uhr, Versammlung im Hotel Hindenburg. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Tochter des Samurai", deutschjapanischer Gemeinschaftsfilm. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Treffpunkt in Paris". — Oberhessischer Kunstverein: 16 bis 18 Uhr, Ausstellung von Gemälden, Aquarellen, und Zeichnungen von Lotte Droese.
Hitler-Zugend Bann 116 Gießen.
Vetr.: Theaterbesuch.
Wir weisen noch einmal auf die Vorstellung am 2. Mai hin, in der die Operette „Die Dorothee" zum Preis von 1 Mark von uns besucht werden kann. Karten können einzeln und geschlossen an der Theaterkasse abgeholt werden.
Bund Deutsche,- Mädel, Untergau 116.
Dienstbefehl!
K u l t u r st e l l e. An« kommenden Sonntag, 2. Mai, treten alle Mädel- und JM.-Gruppen Gießens und, soweit knöglich ist, auch die nächstliegenden Standorte zur Jugendfilmstunde um 10 Uhr am Lichtspielhaus an. Eintritt für jedes Mädel und Iungmädel beträgt 20 Pf. Wir werden den neuen Großfilm „Die Tochter des Samurai" sehen. Sämtliche Mädel- und JM.-Führerinnen weisen nochmals auf diese Vorstellung hin.
Theatervorstellung am 21. Mai. Am 21. Mai nehmen wir an der geschlossenen Vorstel
lung „Schloß im Wind" teil. Eintrittskarten sind bei der Gruppenführerin für 50 Pf. sofort zu bestellen.
Verwaltungsstelle. Von folgenden Einheiten fehlen noch die Bescheinigungen der NSV. über die Iugendherbergssammlung am 17. April: Mg. 4, 5, 7, 8, 14/116, 17/116; IM-Gr. 4, 5, 6, 7, 8, 11 und 12/116. Die Bescheinigungen sind umgehend einzusenden, damit die Ausgabe der Wandergutscheine erfolgen kann.
Zum M a i s i n g e n am 30. April treten alle Mädel und Iungmädel -des Standortes Gießen bei ihrer Gruppe im Ortsgruppenbereich an.
rNaiensingen.
Am Samstag begehen wir wieder den 1 Mai als den Beginn des Frühlings, in dem alle schöpferischen Kräfte der Natur erwachen. Eingeleitet wird der Nationale Festtag des deutschen Volkes durch das Maiensingen, das auch dieses Jahr in Gießen vom BDM. durchgeführt wird. Mit dem Maiensingen am Vortage des großen Feiertags nehmen wir ein uraltes Brauchtum wieder auf, aber wie alle Erscheinungen eines echten völkischen Brauchtums ist es nicht nur geschaffen zum ästhetischen Genuß, sondern es ist Sinnbild und Ausdruck unserer Weltanschauung, die über und hinter diesem steht. Wir singen an verschiedenen Stellen der Stadt unsere Mailieder, die uns und unsere Zuhörer in die rechte Stimmung für den kommenden Tag bringen sollen. Durch das öffentliche Singen wollen wir die Gemeinschaft betonen und unserem Volk die alten Kulturgüter nahebringen, allerdings nicht als „olle Kamellen", sondern ihm den Weg weisen, wie wir zum alten Brauchtum jene innere Beziehung finden können, die dem Wollen unserer Zeit entspricht.
Die BDM.-Gruppen singen zuerst in ihren Gießener Ortsgruppenbereichen und finden sich um 21 Uhr auf dem Brandplatz ein, zu einem gemeinsamen Abschluß.
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Zusätzliche Norwegenfahrt.
Es besteht die Möglichkeit, daß noch einige Volksgenossen an der Norwegenfahrt des Gaues Köln- Aachen vom 3. bis 10. Mai teilnehmen können. Der Preis beträgt 57 Mark. Die Teilnehmer dieser Fahrt nehmen geschlossen in Hamburg an dem Stapellauf des ersten „KdF."-Schiffes teil. Die Abfahrt ab Frankfurt erfolgt am 3. Mai gegen 16 Uhr. Die Rückkunft in Frankfurt ist für 11. Mai gegen 1 Uhr früh anzunehmen. Sofortige Anmeldung auf der Kreisdienststelle ist erforderlich.
Polizeistunde am 1. und 3. Mai.
Die Polizeidirektion Gießen teilt uns folgendes mit:
1. Aus Anlaß der Feier des Nationalfeiertages des deutschen Volkes am 1. Mai ist die Polizeistunde vom 1. auf 2. Mai aufgehoben. Erlaubnisse für Tanzveranstaltungen, die aus Anlaß dieses Tages stattfinden sollen, werden gebührenfrei erteilt.
2. Um den Angestellten, Arbeitern und Betriebsführern des Gaststättengewerbes Gelegenheit zu geben, den Tag der Nationalen Arbeit nachträglich gemeinsam zu feiern, wird am Montag, 3. Mai, die Polizeistunde für alle Gast- und Schankstätten, ausschließlich der Bahnhofswirtschaft, auf 22 Uhr festgesetzt. Die Polizeibeamten sind angewiesen, darauf zu achten, daß dieser Termin pünktlich eingehalten wird.
Provinzialbehörden werden Staatsbehörden.
Durch Verordnung des Reichsstatthalters in Hessen — Landesregierung — auf Grund des Gesetzes über die Aufhebung der Provinzen Starkenburg, Oberhessen und Rheinhessen vom 1. April 1937 wird bestimmt:
Die Tiefbauverwaltungen der seitherigen Provinzen werden unter Beibehaltung ihres seitherigen örtlichen Zuständigkeitsbereichs in selbständige staatliche Bauämter umgewandelt und führen die Bezeichnung „Hess. Straßenbauamt Darmstadt" bzw. „Gieße n" bzw. „Mainz". Sie unterstehen:
92 Jahre alt.
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t Saasen, 29. April. Heute feiert der ä I ■ teste Einwohner unseres Dorfes, Wagner- meister i. R. Johannes Münch IV., in seltener körperlicher und geistiger Frische seinen 9 2. Geburtstag. Der Jubilar verrichtet noch leichtere Haus- und Feldarbeiten. Trotz seines hohen Alters macht er an schönen Tagen Spaziergänge ins Feld und erfreut sich an der jetzt wieder erwachten Natur. Der liebe Alte, im Volksmund „Pirefch Waoer" (Wagner) genannt, erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Gerne lauscht die junge Generation den Erzählungen des Jubilars. Er nimmt noch regen Anteil am Geschehen unserer Zeit.
der Abteilung IX (Bauverwaltung) der Landesregierung. Die seitherigen Provinzialpflegeanstalten werden als staatliche Betriebe unter der Bezeichnung „Landes-Alters- u. Pflegeheim Darmstadt-Eberstadt" bzw. „Gießen" bzw. „Heidesheim" weitergeführt. Die Chemischen Untersuch ungsäm ter der bisherigen Provinzen Oberhessen und Rheinhessen werden als selbständige staatliche Behörden unter der Bezeichnung „Chemisches Untersuchungsamt Gießen" bzw. „Mainz" weitergeführt. Die bei den Kreisämtern Darmstadt, Gießen und Mainz gemäß Artikel 11 des Gesetzes errichteten Bezirksverwaltungsgerichte führen die Bezeichnung „Bezirksverwaltungsgericht Darmstadt" bzw. „Gießen" bzw. „Mainz".
Der deutsche Marmeladetopf.
ZdR. Der deutsche Marmeladetopf wird von Jahr zu Jahr größer. Zwar rühmen sich noch beispielsweise die Engländer und Holländer, sie äßen jeder noch mehr Marmelade als wir, und damit wollen sie beweisen, daß sie es überhaupt besser hätten. Wenn aber der Verzehr in Deutschland so weiter steigt wie in den letzten Jahren, so werden wir bald unsere westlichen Nachbarn eingeholt haben. Sie haben in der Tat recht, wenn sie mit ihrem Marmeladeoerbrauch die Höhe ihrer Lebens-
warum wollen Sie so leichtsinnig sein?» und Ihre Haut ungeschützt der Sonne aussetzen? Es gibt doch Nivea. Wenn man sich vor jeder Sonnenbestrahlung stets gut mit Nivea-Creme oder -öl einreibt, dann erhält man eine herr
liche, natürliche Hautbräunung.
Herrn plimbergs menschlicheSette
(Erzählung von Peter Mattheus.
Seit sieben Wochen war Paul Diedel Lehrling bei Busack & Sohn, Nutzholz- und Baustoffhandlung. Seit sieben Wochen saß er täglich still vor seinem Pult und ordnete Briefe oder rechnete Frachtlisten nach. Er war einer von der schüchternen Sorte. Er machte, was man ihm sagte, und gab sich Mühe, es gut zu tun. Aber bei alledem fühlte er sich noch ein bißchen fremd.
Das schlimmste war, daß die Zeit so langsam verstrich. Von der Schule her war er an viele Pausen gewöhnt, und hier hieß es, stundenlang hintereinander zu arbeiten. Das war schwer. Oft, sehr oft wanderte Pauls Blick verstohlen zu der Uhr über der Tür des Chefkontors. Dann pflegte sein Blick ein wenig scheu über das Pult neben der Tür zu gleiten und sich hastig wieder auf die Arbeit zu senken.
An jenem Pult saß Herr Plimberg. Herr Plim- berg war Prokurist der «Firma und Vertreter des Chefs. Schwebte der Chef sozusagen über den Wolken, so stand Herr Plimberg mit beiden Beinen sehr fest auf der Erde. Er kannte alles, wußte alles, sah alles und merkte alles. Er war ein stämmiger Mann Mit einem roten Gesicht und einer mächtigen Stimme. Wenn er draußen auf dem Platz war und mit einem der Arbeiter sprach, konnte man ihn gut im Büro hören. Und wenn etwas sein Mißfallen erregte, klirrten im Büro leise die Tintenfässer.
So war Herr Plimberg. Dabei hatte er eigentlich keine Feinde. Nur Ängst hatten alle ein bißchen vor ihm. Paul besonders.
Heute stimmte etwas nicht. Das Bürohaus, ein langes niedriges Gebäude, stand mitten auf dem Lagerplatz. Und vor Pauls Fenster erhob sich ein riesiger Stapel Kantbalken. Da draußen schrie etwas.
Es war ein dünner, nicht sehr lauter Ton, der immer wieder an Pauls Ohr schlug. Qualvoll und klagend. Man hätte meinen können, es sei ejjl Kind. Aber es konnte kein Kind sein. Das einzige Kind, das es in weitem Umkreis gab, war Karlchen Schmidt, der Sohn des Kassenboten, der nebenan in einem Anbau wohnte. Karlchen war fünf Jahre alt, und wenn er schrie, gab es keine Verwechslun
gen. Dann wußte jeder: das ist Karlchen Schmidt! Ein Kind konnte es also nicht sein.
Was aber konnte es sein? Außer Paul schien niemand im Büro das jammervolle Schreien zu hören. Es machte ihn auf die Dauer ganz krank. Eigentlich war es jetzt nur noch ein dünnes Wimmern, das immer seltener ertönte. Es klang immer schwächer. Schrecklich. Um zwölf, als die Mittagspause begann, hielt Paul es nicht mehr aus. Er ließ Essen Essen sein, stürzte aus dem Büro und rannte um das Haus.
Da also waren die Kantbalken. Gott — was waren das für klobige Dinger! Ein Riesenstapel, Paul lief einmal um den Stapel herum. Und gerade, als er an der Schmalseite war, ertönte das Wimmern dicht neben ihm von neuem. Er blieb stehen und spähte aufmerksam zwischen die Balken. Und da hatte er's.
Es war eine Katze. Eine graue Katze, die sich zwischen zwei Balken festgeklemmt hatte. Sie mußte nachts über den Stapel gewandert und unversehens in den Spalt gefallen sein. Jetzt hing sie eingekeilt knapp einen Meter über der Erde und konnte sich nicht rühren. Paul sah den matt herabhängenden Kopf, die haßbgeschlossenen Augen und die rosige Zunge, die aus dem Maul hervorlugte. Er sah das alles nur für einen Augenblick. Dann sah er noch einmal an dem Stapel in die Höhe und machte kehrt.
Er rannte davon.
In einem benachbarten Schuppen saß Vorarbeiter Lassen mit drei jüngeren Arbeitskollegen. Sie waren gerade mit ihrer Mahlzeit fertig und tranken Kaffee aus blauen Emaillekannen, als Paul hereinstürzte und von der Katze berichtete.
„Man kann das arme Tier doch dort nicht sterben lassen", sagte er zum Schluß aufgeregt. „Könnte man die Balken nicht abtragen?"
„Doch, das könnte man schon", sagte der alte Lassen und blinzelte den drei anderen verstohlen zu. „Aber das kostet 'ne Kleinigkeit."
„Was kostet das?" fragte Paul.
„Hm", machte der alte Lassen. Er nahm bedächtig einen Schluck aus der Kaffeeflasche, wischte sich die Tropfen aus dem Bart und blinzelte noch einmal. „Tja — jetzt ist ja Mittagspause, nicht wahr? Das kostet also erstens mal 'ne Lage und — hm — drei Mark."
„Die zahle ich", sagte Paul prompt, obwohl das
für mindestens einen halben Monat Verzicht auf Kino bedeutete. „Die zahle ich."
„So?" sagte Lassen. „So? Die zahlen Sie?" Er stellte die Kaffeeflasche mit einem harten Klapp vor sich hin und stand auf. „Sagen Sie mal, junger Mann, haben Sie gar nicht gemerkt, daß das bloß Spaß war? Glauben Sie wirklich, wir lassen uns sowas bezahlen, was? Nee, junger Mann, die Lage können Sie meinetwegen schmeißen, aber sonst... Los, Jungens — wer macht mit?"
Hinter ihm ertönte ein zustimmendes Brummen. Drei Flaschen wurden rasselnd zugestöpselt und klappten fest auf den Boden. Und wenige Minuten später standen vier kräftige Männer oben auf dem Stapel und wuchteten einen Balken nach dem anderen zur Seite.
Paul rannte unten in heller Aufregung hin und her. Zuerst hatte er versucht, den Leuten zu helfen. Aber die Balken waren noch viel schwerer als sie aussahen. Jetzt hatte er nur eine Sorge: wenn bloß Herr Plimberg nicht kommt!
Und da kam er auch schon. Er kam in voller Fahrt um die Ecke und stiefelte schnurstracks aus den Stapel zu. „Potz Teufel ja — was ist da los?" schrie er schon von weitem. „Was — ist — da — los?"
Die Arbeit ruhte augenblicklich. Paul schluckte heftig und machte ein paarmal den Mund auf und zu. Er brachte keinen Ton heraus. Schließlich redete Lassen.
„Tja — sehen Sie, Herr Plimberg — da ist 'ne Katze, und ..."
Er wies mit dem Daumen zwischen die Balken und verstummte.
Herr Plimberg bückte sich, spähte in den Spalt und sagte: „Hm." Dann richtete er sich auf, sagte noch einmal „Hm" und ging davon.
Aber nach zehn Schritten blieb er stehen und kam zurück.
„Wer zahlt das?" fragte er.
„Och", sagte Lassen, „das wollten wir nun eigentlich umsonst —"
„Unsinn!" unterbrach ihn Herr Plimberg scharf. „Reden Sie gefälligst keinen Unsinn. Jetzt ist Mittagszeit. Wenn gearbeitet wird, muß das bezahlt werden, also —?"
„Tja...", sagte Lassen mit einem verzweifelten Blick auf Paul, „in diesem Falle wollte das der junge Mann hier zahlen."
„Diedel?" Herr Plimberg drehte sich mit einem Ruck zu Paul um und starrte ihn verblüfft an. „Sie wollen das bezahlen?" Zweimal holte er tief Luft. Dann ging er los. „Verrückt geworden, was?" brüllte er. „Was fällt Ihnen ein? Wenn Arbeit auf dem Platz geleistet wird, zahlt das die Firma, verstanden? Das geht Sie gar nichts an, verstanden? Die Firma zahlt das!"
Rupps! Herr Plimberg drehte sich auf dem Absatz herum und stampfte davon. Der Sand stäubte wild um seine Hosenbeine. Er segelte um die Ecke, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Die vier Arbeiter schmunzelten. Und Paul, der sich allmählich von dem Schreck erholte, schmunzelte auch.
Zehn Minuten später hockte er in Frau Schmidts Küche neben dem Herd und sah zu, wie die Katze Milch trank. Als er dann um zwei wieder an die Arbeit ging, war alles in Ordnung. Karlchen hatte ein paar Kratzer auf der Hand, und Frau Schmidt hatte die Kartoffeln anbrennen lassen. Der Katze aber ging es gut.
Als Herr Plimberg von Tisch kam, faßte sich Paulchen ein Herz, stand auf und ging an sein Pult.
„Ich ... ich danke Ihnen vielmals, Herr Plimberg", stieß er hervor.
„He —? Was —?" Das rote Gesicht wandte sich ihm zu. „Wofür?"
„Die ... die Katze ..." stotterte Paul, „und .. < und ..."
„Verdreht!" sagte Herr Plimberg und schüttelte den Kopf. „Scheren Sie sich an Ihre Arbeit, ja? Völlig verdreht!"
Beklommen zog sich Paul zurück. „Jawohl", murmelte er, „jawohl — vielen Dank."
Dann saß er wieder an seinem Platz und guckte von Zeit zu Zeit nach dem Pult neben der Tür zum Chefkontor. Und wenn jemand etwas gegen Herrn Plimberg gesagt hätte — dem wäre er glatt an den Hals gegangen.
Es sagte aber niemand etwas. Im Gegenteil. Als Paul nach Arbeitsschluß die versprochene Lage stiftete, hob der alte Lassen die Flasche und ließ unter allgemeiner Zustimmung Herrn Plimberg hochleben.
Wenn Herr Plimberg das erfahren hätte, hätten im Büro wahrscheinlich wieder mal die Tintenfässer geklirrt.


