Ausgabe 
28.12.1937
 
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Diamanten-Komödie

Vornan von Horst Biernath.

>6. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Das fehlte auch noch gerade, daß Sie sich ein- laden ließen! Aber Sie brauchen sich gor nicht gu entschuldigen, Humphrey. Es ist Ihre Sache, was Sie tun. Wenn Sie mich allerdings fragen würden, was ich an Ihrer Stelle getan hätte--"

Sie sind schließlich eine Frau."

An Ihrer Stelle ! habe ich gesagt, ja, dann müßte ich allerdings antworten, daß ich's, nach dem Auftritt von heute morgen, auf diese Lösung nicht hätte ankommen lassen; sondern ich hätte rechtzeitig den Rat des Kapitäns befolgt."

Erstens mal freue ich mich auf die Reise, weil Sie an Bord sind. Und zweitens urteilen ©ie sehr streng. Sie wissen zum Beispiel nicht, daß ich meine Meinung über Martini inzwischen geändert habe, daß ich sie ändern mußte und daß ich mich bei ihm entschuldigt habe, wie es auch ohne Inanspruch' nähme seiner Kabine meine Pflicht gewesen wäre seiner Kabine, di« er mir übrigens selber an­geboten hat!"

Sagen Sie klar, was Sie zu sogen hoben, Humphrey! Sie sprechen so weise und so dunkel..."

Die Geschichte liegt nämlich so, daß die Ban­diten, die den Diamontentransport überfallen haben, inzwischen gefaßt sind", antwortet« er mit saurer Miene.

Tarolas Spannung löste sich. Sie atmete auf. Und ich war tatsächlich nahe daran, an Ihren Unsinn zu glauben, Humphrey!" seufzte sie.Ich habe mir in der letzten halben Stunde die Geschichte wieder und wieder durch den Kopf gehen lassen und war, weiß Gott, so weit, Sie für einen neuen Sherlock Holmes zu halten!" Sie lachte hellauf; es war ein befreites Klingen in ihrem Gelächter.

Humvhrey traf es wie eine Stichflamme ins eifersüchtige Herz. Ihn plagte die Versuchung, ihr alles aufzudecken.

Und es wäre auch wirklich zum ersten Male gewesen", fuhr sie, ernst geworden, fort,daß mich mein Instinkt für einen Menschen so völlig im Stich gelassen hätte,"

Na, hören Sie mal!" brummte Humphrey.Aus Zucker besteht der Kerl nun auch nicht gerade!"

Sie schüttelte sich leicht:Es wäre auch furchtbar." Und daß er bei diesem Gaunerstück zufällig mal seine Finger nicht im Spiel gehabt hat, ändert an meiner Einstellung ihm gegenüber nicht das ge­ringste! Und wenn er mir sein eigenes Bett abge­treten hätte!"

Nein, Humphrey, setzt glaube ich Ihnen nicht mehr eine Silbe von dem, was Sie mir über feine Vergangenheit aufgetischt haben. Natürlich: Aus der Stirn geschrieben steht es keinem Menschen, was unter seinem Schädeldach vorgeht; aber ich möchte mit Ihnen wetten, daß gerade Martini--"

Sonderbar, wie warm Sie sich für diesen Herrn einsetzen!"

Nicht wärmer als für jeden anderen anständigen Menschen auch nicht wärmer als für Sie, Hum­phrey, wenn Sie sich in Martinis Lage befänden. Schließlich ist es einfachste Anstandspflicht, Ehre zu geben, wem Ehre gebührt."

Aber immerhin besteht zwischen mir und Mor- tini ein kleiner Unterschied", versetzte er mit leiser Bitterkeit.Sie kennen mich jetzt feit mehreren Monaten, während Sie gestern abend zum ersten­mal mit Herrn Martini ein paar flüchtige Worte gewechselt haben."

Ich habe auch nicht von unserer bewährten Freundschaft gesprochen, Humphrey. Aber ich sage Ihnen: Einem Mann wie diesem Martini würde ich bedenkenlos die Verwaltung meines Vermögens anvertrauen wenn ich welches desäße."

Und ich würde Ihnen entschieden raten, nicht so leichtsinnig zu sein, selbst wenn sich's nicht um Ihr Privatvermögen handelt!" erwidert« er. Und es klang wie ein unheilvolles Orakel.

Der Funker Steffens betrat das Kartenzimmer. Zanten war mit Eintragungen ins Journal be« schöftiat. Er blickte nicht auf; vielleicht hatte er den Eintritt des Funkers überhört.

Ein persönliches Kabel, Käpten!"

Zanten jchrieo weiter. Er malte riesige Buch- staben und brauchte immer zwei Linien für die Zeile. ,Lesen Sie vor, Stessens!" befahl er, ohne sich umzUdrehen.

Dos Kabel ist aber sehr persönlich", bemerkte der Funker zögernd. Da er den Funkspruch abge­

nommen hatte, lag eigentlich kein Grund vor, sich gegen die Vorlesung zu wehren. Aber Stessens war ein Mann mit einer zarten, sehr diskreten Seele.

Sie werden mal am Anblick eines Pferdeapfels drauf gehen, Steffens!" brummte Zanten ärgerlich. Los, Mann, oder was Sie sonst sind lesen Sie vor!"

Steffens war diese Witze des Kapitäns so ae- wohnt, daß er ohne Wimperzucken die Oblate löst«, mit der er den Papierstreifen verschlossen hatte. Kapitän Zanten persönlich, streng verttaulich. Er­fahre soeben, daß Humphrey an Bord Deines Schiffes ist. Ersuche Dich dringend, unter allen Um­ständen zu verhindern, daß er von Passagierin Deines Schiffes Carola Hollerthau geheiratet wird. Ermächttge Dich, Enterbung anzudroyen. Schwimme hier in Tränenströmen meiner Frau und habe keine ruhige Minute. Dein alter Timperly."

Zanten lief blau und rot an. Er bekam einen so dicken Kopf, daß Steffens sich allen Ernstes über­legte, was ratsamer sei: den Kapitän aufzufangen und dann den Arzt zu holen, ober zuerst nach dem Arzt zu laufen und Zanten fallen zu lassen.

Aber so leicht traf einen Mann wie Zanten der Schlag nicht.Funken Sie zurück", schrie er Stef­fens an, ,)) mir dieser alte Trottel den Buckel 'runterrutschen soll! Verstanden? Das funken Sie sofort zurück!"

Jawohl, Sir!" antwortete der Funker eilig und machte kehrt; aber er blieb doch an der Tür stehen, da er Zanten feit mehreren Jahren kannte und wußte, daß die hohen Touren bei ihm nicht lange vorhielten.

Was wollen Sie noch? Weshalb ist die Ant­wort nicht schon längst unterwegs?"

,Lch möchte mir die Frage erlauben, Sir, ob nicht eine mildere Fassung Ihres berechtigten Wun­sches bei einem öffentlichen Funkspruch besser am Platze märe?"

Mildere Fassung?" fauchte der Alte.Das ist wieder mal einer von Ihren berühmten Einfällen. Sind Sie nicht bei Trost, Stessens? Ich habe be­reits die mildeste Form gewählt, deren ich fähig bin. Eigentlich gäb' es da nur eine einzige passende Antwort, die ich lediglich aus Rücksicht auf Ihr zartes Gemüt mir verkniffen habe!"

Ich verstehe auch dies vollkommen, Sir", sagte Steffens in gehöriger Ehrerbietung,nur fürste ich,

Son der Universität.

Don der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:

Der Führer und Reichskanzler hat den nicht- beamteten ao. Professor Dr. Gerber unter Be­rufung in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit zum außerordentlichen Professor in der Philosophi­schen Fakultät der Universität Gießen und zum Direktor des Musikwissenschaftlichen Seminars er­nannt.

Reichszuschüsse für den Umbau von Räumen zu Wohnungen.

Lpd. Der Reichs« und Preußische Arbeitsminister hat zur Behebung der bestehenden Wohnungsknapp- heit zwecks Schaffung neuer Wohnungen (durch Umbau und Aufstockung) erneut Reichszuschüsse be­reitgestellt. Der Reichszuschuß beträgt 50 v. H. der Kosten, im Höchstfälle jedoch nur 600 RM. für jede neu erstellte Wohnung. Zinsvergütungsscheine wer- den nicht gewährt. Anträge auf Wohnungserweite­rung und Teilung von Wohnungen sind von der Bewilligung eines Reichszuschusses ausgeschlossen. Anträge aus Gemeinden, in denen keine Woh­nungsnot besteht, haben keine Aussicht auf Berück­sichtigung. Die Anträge sind, wie der Reichsstatt. Halter in Hessen Landesregierung mitteilt, in den ©tobten bei den zuständigen Stadtbau- ämtem, in den Landgemeinden über die Bürger­meister bei den staatlichen Hochbauämtern, bei de­nen auch die Vordrucke erhältlich sind, bis spätestens 10. Januar 1938 einzureichen.

Beherzigenswerte Warnung.

Das Betreten zugefrorener Flüsse, Teiche und Bäche ist untersagt.

Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: Nach Ar­tikel 297 des Hessischen Polizeistrafgesetzbuches dür­fen zugefrorene Flüsse, lei ehe und tiefe Bäche bei Meidung gerichtlicher Bestrafung nicht betreten oder mit Schlittschuhen, Wagen ober Schlitten bewahren werden, solange dies durch polizeiliche Anordnung ausdrücklich unterlagt ist. Eltern, Erzieher unb Leh­rer werden ersucyt, ihre Kinder und Schüler auf das zur Zeit bestehende Verbot und die Gefahren des verbotenen Betretens von zugefrorenen Flüs­sen, Teichen unb tiefen Bächen aufmerksam zu machen.

Schweres Motorradunglück bei Friedberg.

Ein Mann lot, einer schwer verletzt.

Am gestrigen Montagabend ereignete sich auf der Landstraße FriedbergBüdingen in der Nähe des Dorfes Stammheim ein schweres Motorrad- unglück. Zwei junge Männer aus Rodenbach (Kreis Büoingen) befanden sich auf einem Motorrad unter­wegs auf der Fahrt von zu Haufe. Dabei fuhren sie in der Nähe von Stammheim in voller Fahrt so unglücklich gegen einen Baum, daß einer der Motorradler namens Otto Berg aus Rodenbach auf der Stelle tot liegen blieb, während sein Mit­fahrer namens Karl © pitznagel, ebenfalls aus Rodenbach, mit schweren Kopfverletzun- gen undDerdacht auf Schädelbruch nach Friedberg in das Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Beide Motorradler befanden sich auf der Fahrt nach Gießen, wo sie tätig waren.

Heuer im Leib.

Auf bisher noch nicht geklärte Weife brach in der vergangenen Nacht in der Kegelbahn vom Cate Leib Feuer aus. Die Flammen ergriffen den Dach- stuhl und setzten ihn rasch in Brand. Glücklicher­weise wurde das Feuer vom Hinterhause aus noch so rechtzeitig bemerkt, daß ein größeres Brand­unglück verhütet werden konnte. Die Feuerwehr rückte um 3.44 Uhr mit zwei Geräten aus und ging dem Brand energisch zu Leibe. Es vergingen immerhin zwei Stunden, bis die Feuerwehr wieder einrücken konnte. Di« Wehr hatte sich, ebenfalls in der vergangenen Nacht, mit einem Kaminbrand zu beschäftigen, der im Hause Walltorstraße 73 ausgebrochen war. Die Gefahr konnte rasch be­seitigt werden.

Weihnachtsfeier

des Gesangvereins »SeiferteM*.

Der Gesangverein Heiterkeit" hielt am ersten, Weihnachtsfeiertag im großen Saale desKatho-

Schulgeschichtliche Forschungen in Hessen

Ein fesselnder Vortrag des Prälaten a. D. Or. Dr. Diehl in Gießen.

1,57 Mark, feine Moltereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20%bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier, deutsche, Kühlhauseier, Klasse B 11, ausländische Kühlhauseier 11, Wirsing, XA kg 10 bis 12, Weißkraut 6 bis 8, Rotkraut 10 bis 12, gelbe Rüben und Karotten 10 bis 12, rote Rüben 10, Spinat 18 bis 20, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat, Vio 8 bis 10, To- maten, % kg 40 bis 50, Zwiebeln 8 bis 9, Meer­rettich 30 bis 70, Kürbis 5 bis 6, Kartoffeln, XA kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., Aepfel, % kg 10 bis 20, Birnen 15, Nüsse 40 bis 50, Blumenkohl, das Stück 30 bis 60, Salat 8 bis 25, Endivien 8 bis 12, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 10 Pf.

"DerPostdienstamNeujahrstaa. Am Samstag, 1. Januar, finden der Schalterdienst der Reichspost, die Briefkastenleerung und die Ortsbrief­zustellung wie an Sonntagen statt. Post- und Zah­lungsanweisungen sowie Wertbriefsendungen werden zugestellt. Eine Ortspaketzustellung findet nicht statt. Für das Land erfolgt eine Brief- und Zeitungs­zustellung nach allen Orten.

** Eisbayn eröffnet. Nachdem in den letzten Tagen stärkerer Frost eintrat, konnte heute morgen die Eisbahn an der Moltkeftraße für den Eislau freigegeben werden.

Ehringshausen versetzt wurde. Auch da lasten sich unter den Nachkommen 25 bis 30 Lehrer feftftetten. Im ganzen kommt man in Hessen auf 400 bis 500 Familien, in denen der Lehrerberuf erblich war.

Merkwürdig sind die Adjunkturen, über die man viel gescholten hat. Wenn ein Schulmeister einen Sohn hatte, dem er seine Stelle verschaffen wollte, wurde er magenkrank ein Zeugnis dafür lieferte der Baldierer. Dann lief eine Eingabe ein, man möge dem Lehrer gestatten, seinen ©ahn zum Ad­junkten zu nehmen cum spe succedendi. Zunächst wurde das vielleicht nicht ganz bewilligt, sondern nursine spe d. h. ohne Anwartschaft aus die Stelle. Aber wenn Vater und Sohn eine Weile 3ufammengearbeitet hatten, kamen weitere Gesuche des Vaters, bis schließlich die Bewilligungcum spe eintraf: dann ging die Stelle beim Tode des Vaters ohne ein weiteres Dekret auf den Sohn über. Auch für die Tochter wurde manchmal ein junger Mann herangeholt und zum Lehrer aus­gebildet. Selbstverständlich mußte der Betreffende ein Examen ablegen. Dieser Brauch der Adjunktur empfahl sich deshalb, weil sonst niemand auf der Stelle leben konnte. Die Stellen waren so gering besoldet, daß der Lehrer seinen Acker selbst be­bauen mußte. Hätte man da jeweils das gesamte Inventar beim Tod eines Lehrers verkauft und der neue Lehrer sich alles neu anschaffen müssen, wären die Kosten zu groß geworden. Don dem grundan­ständigen Geist dieser Lehrer nur ein Beispiel: 1804 kam zu dem Lehrer Martin in Burg-Gemün- den zur Visitation her Superintendent Bechthold. Als er hörte, wie gering der Lohn des Lehrers war, bewog er die Gemeinde, 10 Gulden mehr zu geben. Aber Martin antwortete:Für meinen Nach- olger nehme ichs an, nicht für mich. Ich habe olche Freude am Beruf, und Gott hat meine Familie o reich gesegnet, daß ich es für mich nicht haben

will." (Schluß folgt.)

Rundfunkprogramm

Mittwoch. 29. Dezember.

6 Uhr: Morgenfpruch. Gymnastik. 6.30: Frühkon­zert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Froher Klang zur Morgenstund! 9.45: Hausfrau, hör zu! 11.40: Gaunachrichten. 11.45: Deutsche Scholle: Vom Brotbacken in alter und neuer Zeit. 12: Mittagskon­zert. 13: Nachrichten. 13.15 Mittagskonzert. 14: Nach- richten. 14.10: Tutti-frutti (Schallplatten). 15: Volk und

einem guten Schulbesuch: wer nicht lesen und schrei­ben konnte, wurde nicht konfirmiert, und wer nicht konfirmiert war, konnte nicht heiraten. Analpha­beten gab's nicht, es sei denn, daß es sich um Land­fremde handelte. Diefe Verhältnisse wurden zuerst für die Obergrafschaft Katzenellenbogen festgestellt, danach aber auch in den 60 bis 80 Territorien, die zusammen das spätere Hessen ausmachten.

Auch der Dreißigjährige Krieg hat hier nicht alles vernichtet. Hessen hat freilich schrecklich gelitten. Außer Thüringen ist das Land zwischen Rhein, Main und Neckar am schlimmsten weggekommen. Mainz war längere Zeit Hauptstadt eines von den Schweden besetzten Gebiets und hatte durch sie einen lutherischen Generalsuperintendenten, ein lutherisches Konsistorium und ein lutherisches Gym­nasium. Dieses Gebiet litt unsäglich unter allen Truppendurcyzügen. Dazu kam die Pest. In Darm­stadt sind in einem Dierteljahrhundert 90 v. H. der Bevölkerung an der Pest gestorben. Auch im süd­lichen Oberhessen wütete sie gewaltig; das nörd­liche kam besser weg. Auerbach, das zuvor einen studierten Präzeptor besaß, hatte nachher keinen Lchrer mehr, weil keine Kinder da waren. In einem Kirchenbuch findet sich die (Eintragung:Dies ist das erste Kind, das feit 32 Jahren in diesem Ort getauft wurde". Aber die Bevölkerung verlor den Mut nicht. Die zweite Hälfte des Dreißigjährigen Krieges ist eine der großartigsten Zeiten des kultu­rellen Aufschwungs. Lehrbücher mit Bildern ent­standen, mit mnemotechnischen Hilfsmitteln. In jenen Jahren erschienen die prachtvollen Bände des Theatrum Europaeum" mit ihren herrlichen Kup­fern. Der eine Band ist von dem Pfarrer Johann Ludwig Gottfried herausgegeben worden, der keinen Pfennig dafür bekam; der Herausgeber eines andern Bandes, ein Nauheimer Pfarrer, ist ver­schuldet gestorben: er hatte sein ganzes Vermögen hineingesteckt. Das waren Männer, die aus lauter Elend herauskamen und doch den Willen zur Kultur nicht verloren. Das zeigt« sich auch im Schulwesen. In der ,zweiten Hälfte des Dreißig- jährigen Krieges entstehen statt der Pfarrschulen die Filialschulen. Die Unsicherheit des Krieges er­laubte den Eltern nicht mehr, die Kinder zur Schule ins Kirchdorf zu schicken: so gründete man in jeoem Filial nach Möglichkeit eine eigene Schule. Aber nicht nur das Kriegsvolk machte die Straßen un­sicher, sondern auch die Wölfe: noch 1682 schreibt die Gemeinde Mörfelden, man könne wegen der Wolfsgefahr die Kinder nicht in das eine halbe Stunde entfernte Klein-Gerau schicken. Nun die zweite Frage:

was für Lehrer unterrichteten an diesen pfarr- und Filialschulen?

Schon 1902 hatte Prälat Diehl festgestellt, daß bei Darmstadt 87 v. H. aller Dorflehrer ftirilierte Ideologen waren. Unter den übrigen gab es einige, von denen es in den Drsitationsakten heißt: Der Superintendent nahm sich seiner nicht an, weil er einitriota* ist, d. h. nicht ein Idiot, sondern einer, der nicht studiert, nicht seinen Magister gemacht hat.

Dor der theologischen Fachschaft der Universität Gießen und einer Reihe von Gästen hielt der frühere Brälat der Evangelischen Landeskirche in Hessen r. Dr. Diehl einen außerordentlich fesselnden Dorttag über feine neuesten schulgeschichtlichen For­schungen.

In seiner lebendigen und humorvollen Art er­zählte er zunächst, wie er vor mehr als 30 Jahren zuerst in diese Arbeit hineinkam. Als Pfarrer in Hirschhorn a. N., wo er den gesamten Unterricht in allen Fächern erteilen mußte und zusammen mit dem Konfirmanbenunterricht 31 Wochenstunden zu geben hatte, erhielt er die Aufforderung, für die Monumenta Germaniae paedagogica die hessischen Schulordnungen herauszugeben. An diese Arbeit knüpfte er nun wieder an, als er den letzten Band seinerHassia sacra 1935 vollendet hatte. Ziel der neuen Arbeit war es, von jeder Schulstelle im Lande festzustellen, wann sie errichtet war und welche Lehrer an ihr gewirkt hatten von der Re­formation an bis 1874, wo Kirche und Schule ge­trennt wurden. Die Quellen befinden sich im Staats­archiv in Darmstadt, weiter in den standesherrlichen Archiven, im Generallandschaftsarchiv in Karlsruhe; gegenwärtig wird eine Sammlung von 2000 Faszikeln im Unterrichtsministerium in Darmstadt durchgear­beitet. Zu alledem kommen noch die schwer überseh­baren Scharen der Kirchenbücher und Chroniken. Die erste Frage lautet also:

wann sind die Volksschulen entstanden?

Früher standen sich zwei Meinungen gegenüber. Die einen meinten, die Volksschule gehe auf Luther zu­rück, und erinnerten an seine Schrift an die Rats­herren aller Städte deutschen Landes, daß sie Schu­len aufrichten und halten sollen. Aber diese Ansicht ist falsch: Luther ist der Vater der Lateinschule ge­worden, nicht der Volksschule. Auch in kleineren Orten wie Berstadt bei Echzell bestand eine ßatein- chule, die bis Unterprima vorbereitete; danach sie- lelten die Schüler dann ins Pädagogium nach Mar­burg über. Auf Luthers Anregung ist vielleicht auch >ie Mädchenschule in Gießen zurückzufuhren. Noch alscher ist die andere Meinung, die einst Beyschlag )ertreten hatte. Er hatte gemeint, die Volksschule ei nicht ein Kind der Kirche, sondern ein Erzeugnis )er Protestantismus als Kulturmacht: sie sei feit der Aufklärung entstanden. Diese Ansicht erledigt sich ür jeden, der die Schulakten einer Pfarre in die Hand nimmt. Nein, alle unsere Schulen sind Pfarr- chulen, Kirchschulen. Sie wurden zwischen 1570 und 1615 ober bis zum Anfang des Dreißigjährigen Krieges gegründet. Es gibt Pfarreien, in denen fein Lehrer angestellt war, weil die Mittel fehlten. Dann war der Pfarrer selbst verpflichtet, den Unterricht zu geben, und er wurde überwacht, ob er ihn auch rich­tig hielt. 1628 fand eine große Visitation statt, von der 6 starke Aktenbände Zeugnis neben. Da zeigt ich: überall in den Pfarrorten wird Schule gehal­ten, in 90 v. H. von einem besonders angestellten Lehrer. Die Schulen wurden von Knaben und Mäd­chen besucht; nur in den Städten gab es selbständige Mädchenschulen. Der Konfirmationszwang führte zu

Auf den andern Territorien ergab sich jetzt dasselbe Bild: vor 1630 waren fast alle Lehrer Theologen. Sie blieben 6 bis 15 Jahre im Schuldienst, machten bann das Definitorium, das Abschlußexamen, und wurden Diakonus oder Pfarrer. Nur Stipendiaten, die aber dafür fünf Jahre länger auf der Univer­sität blieben, mußten nicht in den Schuldienst. Sie stellten die späteren Superintendenten und Pro« fessoren. Ueberall, auch in kleineren Orten, z. B. des Amtes Butzbach, in Bauerbach, in Oscheim, in Hochweisel, aber auch in Echzell, Berstadt, Ober- Bingenheim und Ranstadt sitzen als Lehrer studierte Leute, Theologen. Nur nicht in her Pfalz. Hier waren 1576, als die Pfalz für sechs Jahre luthe­risch wurde, die reformierten Geistlichen fortge­gangen, viele nach Wesel und Eleve. Sie kehrten nicht zurück, so daß großer Theologenmangel herrschte. In den 80er und 90er Jahren hat man bis aus Schlesien Pfarrer für die Psah geholt. Hier waren darum die meisten Lehrerilliterati. Unstudierte. Noch 1874 waren zwei Drittel aller Darmstädter Volksschullehrer Theologen, nur in den Freischulen für die ganz Armen und in den Ele­mentarschulen nicht. Für ganz Hessen gilt: ein Drittel der Lehrer von der Reformation an bis 1874 waren Theologen, die später Pfarrer wurden.

Die zweite Gruppe von Lehrern hatte nicht diese theologische Vorbildung. Bei dieser Gruppe ist die Eigentümlichkeit von Lehrerfamilien zu nennen, die durch Generationen am selben Ort fitzen. Geht man diesen Familien nach, so findet man an ihrem Anfang entweder einen intelligenten Ortseinwoh- ner, der sich zum Lehrer ausbilden ließ und bann später feine Kenntnisse seinem Sohn ober Schwie­gersohn weitergab, ober man stößt auf einen Pfarrerssohn bber einen Theologiestubenten, der bie Mittel zum weiteren Studium nicht mehr aufbrin­gen konnte und Lehrer wurde. In der Nachkom­menschaft eines solchen Lehrers lassen sich 40 bis 50 Lehrer nachweisen. Ein aus Ulrichstein stammen­der Schultheiß, der sich später Praetorius nannte, besuchte bas Gymnasium, hat auch vielleicht einige Semester studiert und wurde dann Lehrer in Bo- Mjn. Sein einer Sohn nannte sich Schultheiß, ere Praetorius. Sie gingen in wirtlichere Gegenden, in Busecker Tal, von wo einer nach

lischen Deremshauses" feine Weihnachtsfeier ab. Nach einleitenden Musikoorttägen der Kapelle Heinz Nickel hieß Vereinsführer U h r h a n bie Mitglie­der, Freunde und Gäste willkommen. Er betonte, daß neben der kulturellen Aufgabe, der Pflege des deutschen Liedes, die Führung und Förderung einer guten Kameradschaft und Geselligkeit ein roefent- cher Bestandteil des Dereinslebens seien. In stim­mungsvoller Weise leitete ein Lied, gesungen von Frau B r u s i U s unb Herrn Feußer, über zu einem Weihnachtsstück, das dargestellt wurde von der Jugend des Vereins und umrahmt war von Solo- und Chorgesängen. In ansprechender Weise wurde em Diolln-Schülerkonzert von Hermann Uhrhan gefpielt. Der Nikolaus zeiate sich für die Jugend von seiner besten Seite, er ließ schöne Ge­dichte vorttagen und verteilte reiche Gaben, richtete aber auch ernste Worte an die Frauen der Sänger, daß sie für regelmäßigen ©ingstundenbesuch besorgt bleiben möchten. Unter Leitung von Chormeister Wilh. 6 ch ä ttl e r vorgetragene Chöre des Vereins und verscyiebene Duette und Lieder, sowie ausge­zeichnete Musikstücke sorgten für angenehme Unter­haltung.

Gießener Wochen Marktpreise.

* Gießen, 28.-Dez. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, kg

Herr Timperly wird Ihren Wunsch auf funfentele- graphischem Wege nicht erfüllen können."

Zanten sah den Mann mit einem durchbohrenden Blick an. Ironie bei feinen Untergegebenen liebte er nicht. Aber in Steffens Gesicht war nichts da­von zu entdecken, daß er überhaupt so etwas wie Geist besitzen und sich etwa eine witzige Bemerkung erlaubt haben könne.Also gut!" knurrte der Ka­pitän nach einer Weile.Antworten Sie meinet­wegen dem alten Timperly, die .Catharina' sei kein Säuglingsheim, und wenn er einen Wunsch habe, so solle er sich gefälligst mit feinem mißratenen Bengel ober mit bem Flitscherl unmittelbar in Der- binbung setzen! Ich habe nicht bie geringste Lust, einen Finger in biefer blöden Geschichte zu rühren."

Steffens grüßte stumm und ging.

Zanten stemmte die Fäuste auf den Tisch und stieß die Luft in schnaubenden Tönen durch die Nase. Ja, zum Teufel, das wurde ja immer schö­ner! Amme spielen, was? Wie sich das der alte Timperly eigentlich vorstellte? War er vielleicht das Kindermädchen dieses Bengels, wie? Und was, zum Donnerwetter, gingen ihn die Tränen der Ver­wandtschaft und was Timperlys unruhige Stunden an?

Wie eine Gewitterwolke stand Zanten über feinem Schiff, und feine Offiziere unb Die beiden Steuer­leute schwebten auf ganz leisen Fittichen um ihn herum. Ein« geöffnete Oese am Uniformfragen oder ein winziger Oelfleck auf den weißen Leinenhosen konnten jetzt ungeheuerliche Blitze entladen.

Der Zweite Offizier Okefson stand wie ange­wurzelt vor dem Barographen, weniaer aus Inter­esse für die Wetterlage als aus dem einfachen Grunde, weil er mit der rechten Sohle einen'Ziga- rettenftummet verdeckte, den er vor wenigen Minu­ten dort ausgetreten hatte. Und ausgetretene Ziga­rettenreste waren Zantens Tob.

Fünf kritische Minut-n oeraingen fünf Mi­nuten, in denen Zantens Blick nach Staubkörnern unb Fingerabdrücken auf den Fensterscheiben fahn­dete. Dann stapfte er endlich, von einem Stoß­seufzer des schweißgebadeten Zwetten begleitet, von der Brücke hinab und zur Funkkabine.

Der Spruch ist selbstverständlich schon unterwegs, Steffens? fragte er mit drohendem Mißtrauen.

Selbstverständlich, Sir!" antwortete der Funker nchrg. _ - (Fortsetzung fplgt) ,