Hr.502 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheften)Dienstag, 28. vezemberfM
Aus der Stadt Gießen.
Besinnliche Tage.
Sie bergen etwas Besinnliches, diese Tage zwischen dem Weihnachtserleben und der Silvesternacht. Noch schwingt in uns die Freude, noch duftet es in der Wohnung nach Backwerk und Tannennadeln. Und wenn der Vater abends nach Hause kommt, zeigen ihm die Kleinen, wie geschickt sie schon mit dem Spielzeug umzugehen verstehen, das auf ihrem Gabentisch lag. Der geputzte Baum steht noch in der guten Stube, und es ist, als ob von ihm ein verklärender Schein ausginge, der den Alltag verschönt. Denn Alltag ist bereits wieder, daran besteht kein Zweifel. Er hat zwar noch nicht wieder seine volle Betriebsamkeit erreicht, aber er mahnt doch unerbittlich, daß alles dem Wandel unterworfen ist. Und wie es das Gesetz des Lebens nun einmal bestimmt, folgt auf den Jubel der festlichen Tage die Zeit der stillen Einkehr und gemächlichen Betrachtung.
Für unsere Vorfahren waren die sogenannten Zwölften, die Tage zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, von besonderer Bedeutung. Noch heute gelten sie in vielen deutschen Landschaften als vorbedeutend für die kommende Zeit, und was man
Gedenket der hungernd.en Vögel!
in den Nächten träumt, soll in Erfüllung gehen. Auch der Witterungscharakter der nächsten zwölf Monate kann von Kundigen aus dem Wetter dieser zwölf Tage gedeutet werden. Und wer jein Schicksal erforschen oder Klarheit darüber haben will, ob ihn das kommende Jahr in den Hasen der Ehe führt, dem offenbaren sich die Zwölften auf ihre Weise. Bunt ist die Reihe der Liebes- und Glückorakel, über die die deutsche Volkskunde Auskunft gibt, und wenn sie auch zumeist einer kritischen Betrachtung nicht standhalten, so zeigen sie doch die starke Verkettung von Naturerleben und persönlichem Schicksal, das den Vorfahren wesenseigen schien.
Denn daß die dunklen Taae zwischen den Jahren den Sinn für das Rätselhafte und Geheimnisvolle mit geradezu beschwörender Kraft herausfordern, ist uns auch heute noch verständlich. Selbst in der Stadt haben sich ja noch gewisse Bräuche erhalten, und wenn es nur die Gepflogenheit der Hausfrauen sein sollte, darauf zu achten, daß in dieser Zeit keine Wäsche hängt. Je mehr wir aber dem naturnahen Dasein entfremdet und eigentliche Stadtbewohner geworden sind, um so lockerer wurden auch unsere Beziehungen zum Brauchtum, von dem im allgemeinen weniger der tiefe Sinn als die äußere Form in unserem Bewußtsein haftet.
In diesen Tagen jedoch spüren auch wir mehr als sonst wie schicksalhaft alle Fragen des Lebens mit den Erscheinungen der Natur verbunden sind. Und deshalb ist unser Sinn empfänglicher für jene Mystik, mit der unsere Vorfahren diese Spanne deuteten, die für uns mit dem letzten Glockenschlage des Silvestertages enden wird. H. W. Sch.
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AS. Gememschaft „Kraft durch Jreube“.
Theatervorstellung.
Erstaufführung für „Kraft durch Freude".
Samstag, den 1. Januar 1938, 20 Uhr, Große „KdF.-Miete", Gruppe II (6. Vorst.):
„Die tote Tante und andere Begebenheiten".
Lustspiel von Kurt Goetz.
Karten zu —,90 und 1,— RM. sind in der Kartenverkaufsstelle, Seltersweg 60, erhältlich. 8728O
Altersversorgung derBühnenschaffenden
An alle Theaterbesucher.
Aus dem Büro des Gießener Stadttheaters wird uns geschrieben:
Der 14. Juni 1937 wird ein unvergeßlicher Gedenktag in der Geschichte des deutschen Theaters und seiner Angehörigen sein. Dieser Tag brachte den deutschen Bühnenschaffenden die Erfüllung eines Sehnsuchtstraumes, der über anderthalb Jahrhunderte hinweg leidenschaftliche Kämpfe heroor- rief, denen jedoch bisher stets der letzte Erfolg versagt blieb. An diesem 14. Juni bildete bei der festlichen Kundgebung der Reichstheaterkammer im Kaisersaal der Düsseldorfer Tonhalle eine programmatische Rede des Präsidenten der Reichskulturkammer, Reichsminister Dr. Goebbels, den denkwürdigen Höhepunkt. Der Minister behandelte in seinen grundlegenden Ausführungen, die er vor den führenden Vertretern des deutschen Theaters, des künstlerischen Lebens überhaupt, machte, die grundsätzlichen Fragen des Wesens und der Gestaltung des deutschen Theaters und gab unter langanhaltenden, stürmischen Dankesbezeugungen der Zuhörer seine großzügigen Maßnahmen zur Einführung einer ausreichenden Altersversorgung der Bühnenschaffenden bekannt.
Der Minister führte in diesem Zusammenhang folgendes aus: „Mehr als jeder andere Beruf leidet der der Kulturschaffenden, besonders aber der der Bühnenschaffenden darunter, daß für den Künstler, der seine Fähigkeiten meist nur kurze Zeit ausnutzen kann, im Alter keine ausreichende Sicherung und Versorgung vorhanden ist. Es ist schon wunderbar, im Zauber der Bühne von ergriffenen Zuschauern bejubelt zu werden und „der Gottheit nahe" zu sein. Aber hinter diesem Glanz stehen später allzu oft Jammer, Elend und das erschütternde Bild des alternden, in Not versinkenden, auf die allgemeine Mildtätigkeit angewiesenen Künstlers. Die
Altersversorgung ist dabei nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein kulturelles und soziales Problem von höchster Bedeutung, dessen Lösung dazu beitragen muß, den Bühnenschaffenden den Abgang von der Bühne zu erleichtern und der nachdrängenden Jugend den Weg freizumachen."
Zur Sicherstellung der Altersversorgung haben die Theaterveranstalter ab 1. Januar 1938. von jeder ausgegebenen Theatereintrittskarte einen Betrag von 5 Pfennig für die Altersversorgung der Bühnenschaffenden abzuführen. Die Theaterveranstalter sind berechtigt, diese Altersversorgungsabgelbe bei der Eintrittspreisgestaltung zu berück- sichtigen. Dabei sind die Preise der höheren Platzkategorien zugunsten der niedrigeren stärker zu belasten. Bei den billigsten Plätzen ist also unter den Satz von 5 Pfennig herunterzugehen, zum Ausgleich dafür sind die teueren Plätze mit mehr als 5 Pfennig heranzuziehen.
Diese Neuregelung für die Altersversorgung der deutschen Bühnenschaffenden ist für die ganze Welt beispielgebend. Nie wäre aber das Erreichte Wirklichkeit geworden, wenn sich nicht der Führer selbst so stark der Sache der Bühnenschaffenden angenommen hätte. Und auch das Volk weiß, daß künftig ein kleiner Anteil seines Eintrittsgeldes einem Fonds der Altersversorgung der Bühnenschaffenden zufließt. Er weiß das, und er wird sich darüber freuen!
Das Gießener Stadttheater wird deshalb ab 1. Januar 1938 pflichtrnäßig der Anordnung nachkommen und den Beitrag für die Altersversorgung der Bühnenschaffenden im I. und II. Ring mit 10 Pfennig, im III. und IV. Ring mit 5 Pfennig erheben, während der V. Ring von der Abgabe frei» bleibt.
Oie neue Straßenverkehrs-Ordnung.
Unser Verkehrsfachmann hat das Wort.
Radfahrer, aufgemerkt.
Mit einem nicht unerheblichen Prozentsatz sind auch die Radfcchrer in der Verkehrsunfallstatistik verzeichnet. In ihr sind aber noch nicht die zahlreichen Fälle registriert, bei denen ein Radfahrer wohl den ersten Anlaß zu einem Unfall gegeben hat, aber in den darauffolgenden Wirren meistens verschwinden konnte. Mit 18 Millionen Radfahrern rechnet man schätzungsweise in Deutschland, ein riesiges Heer bewegt sich also tagaus, tagein auf diesem billigen unb verhältnismäßig schnellen Fahrzeug durch die Straßen.
Da die Gesetzgebung bei der Aufstellung der neuen Verordnung neben der möglichen Sicherheit auch die Zügigkeit des Verkehrs, also weiteste Freiheit in der' Fahrweise berücksichtigt hat, können auch die Radfahrer unbedingtes Vertrauen zu der neuen Verordnung haben; sie müssen sie aber gewissenhaft erfüllen, wenn auch hier und da schärfer in Erscheinung tretende Bestimmungen dem Einzelnen fürs erste etwas hart erscheinen mögen.
Bevor wir die Verkehrsvorschriften im einzelnen durchsprechen, müssen wir uns erst einmal mit der vorschriftsmäßigen Beschaffenheit eines Fahrrades befassen. Vor allem:
Das Fahrzeug muß betriebssicher sein.
Halt, nur feine zu lauten Einwendungen gegen diese lapidare Feststellung. Man gehe einmal in eine Ausfallstraße einer Stadt und prüfe in einer Auswahl die Treträder nach, dann kommt man
sehr schnell zu der Ueberzeugung, daß die selbstver- stündliche Forderung nach einem betriebssicheren Fahrrad eben gar nicht so selbstverständlich aufgefaßt wird. Ja, es wird dabei sogar sehr gesündigt; man muß sich nur wundern, daß sich trotz der vielen Mängel an den Rädern nicht weit mehr Unfälle ereignen.
Bei vielen Fahrrädern ist die Lenkstange mehr als wacklig. Die Ketten haben oft so viel „Luft", daß sie in einem fort herausspringen, wenn der Fahrer nicht besonders daraus achtet, seine Fahrweise darauf abstellt und dabei auf den anderen Straßenverkehr naturgemäß weniger acht gibt. Es ist durchaus kein Einzelfall, daß gerissene Ketten mit Draht, ja sogar mit einfachen Bindfaden geflickt werden und deshalb öfters wieder reißen. Viele Fahrräder weisen nur ein ordentliches Pedal auf, oder ihre Bremsen sind so schlecht, daß die Bremsvorrichtung gleich Null ist. Dazu stellt der § 7 der STVO, ohne Ausnahme fest, der Fahrer habe dafür zu sorgen, daß sich das Fahrzeug, auch das Fahrrad, in vorschriftsmäßigem Zustande befindet. Der Halter eines Fahrzeuges darf die Inbetriebnahme nicht anordnen oder zulassen, wenn ihm bekannt ist, daß das Fahrzeug den Vorschriften nicht entspricht.
Ab l.Suli gelbe Rückstrahler an den Pedalen.
Immer wieder ereignen sich dadurch schwere Unfälle, daß Radfahrer in der Dunkelheit von Kraft
fahrern nicht rechtzeitig wahrgenommen werden. Die zuständigen Stellen haben deshalb eingehend^ praktische Versuche mit Rückstrahlern aller Art an verschiedenen Stellen des Fahrrades gemacht. Da-> bei ergab sich die beste Wirkung dadurch, daß diö Rückstrahler mit gelber Färbung an beiden Seiten der Pedale, also an beweglichen Teilen des Fahrrades, angebracht werden. Obwohl der § 25 dek StVO, diese gelben Rückstrahler vorläufig nur für! die Fahrräder vorschreibt, die ab 1. Juli 1938 erstmalig in den Verkehr gebracht werden, wird erwartet, daß die anderen Radfahrer sich dieses erhöhten Schutzes freiwillig bedienen, noch bevor eine Ausrüstung für alle Fahrräder vom Reichsführer yf und Chef der deutschen Polizei angeordnet wird. Die Rückstrahler dürfen weder verdeckt noch ver* schmutzt sein, Fahrräder müssen laut § 21 bet' StVO, mit einer helltönenden Glocke ausgerüstet sein. Alle Fahrzeuge müssen eine ausreichende Bremse haben, die während der Fahrt leicht bedient werden kann. Fahrräder müssen sogar, so schreibt es der § 65 der Straßenverkehrs-Zulassungs^ Ordnung vor, zwei voneinander unabhängige Bremsen haben. Als ausreichende Bremse gilt jede am Fahrzeug festangebrachte Einrichtung, welche die Geschwindigkeit des Fahrzeugs zu vermindern und das Fahrzeug festzustellen oeri mag.
Auch Fahrradlicht darf nicht blenden.
Die neue Straßenverkehrsordnung räumt in § 67 der STDZV. endgültig mit den verschiedenartigen Beleuchtungen auf, die zum Teil recht starke Blend- wirkungen hatten. Die Beleuchtung der Fahrbahn von Fahrrädern aus nach vorn muß weiß oben schwach gelb sein. Das Licht soll auf 50 Meter sichtbar sein, es darf nicht blenden. Der Lichtkegel muß so geneigt sein, daß seine Mitte in 10 Meter Entfernung vor der Lampe nur halb so hoch liegt, wie beim Austritt aus der Lampe. Neu ist auch die Vorschrift, daß die Lampen am Fahrrad so angebracht sein müssen, daß während der Fahrt ihre Neigung zur Fahrbahn nicht verändert werden kann. Die elektrischen Fahrradlampen müssen in einer amtlich genehmigten Bauart ausgeführt fein* auf der das amtliche Prüfzeichen angegeben ist.
Auch über die Spannung und Leistungsabgabe der Lichtmaschine besteht eine Vorschrift, die Ueber- einstimmung mit der Spannung und Leistungsaufnahme der Glühlampe vorschreibt. Die ßeiftungs* aufnahme der Glühlampe, die mattiert sein muß, und die Leistungsabgabe der Lichtmaschine, dürfen bei einer Geschwindigkeit des Fahrrades von 15 Kilometer je Stunde drei Watt nicht übersteigen. Diese Leistungen müssen sowohl auf der Lichtmaschine, als auch auf der Glühlampe verzeichnet sein.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Enoch Arden". Gloria-Palast, Seltersweg: „Ihr Leibhusar". —• Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Serenade". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Kunstausstellung im Turmhaus am Brand.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben; Heute abend sindet die Wiederholung der am ersten Weihnachtsfeiertag in Anwesenheit des Komponisten mit großem Erfolg aufgeführten Oper „Enoch Arden" statt. Musikalische Leitung Kapellmeister Paul Walter, Spielleitung Wolfgang Kühne. Die Rolle des Enoch Arden singt Gustav Bley. Die Aufführung findet als 13. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Beginn 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr, Die für Sonntag, 2. Januar, 11.30 Uhr, vorgesehene 8. Morgenveranstaltung wird krankheitshalber auf Sonntag, 9. Januar, verschoben. Das Programm ist dasselbe, wie angekündigt. Beginn 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr.
Die große Glocke.
Von Heinrich Zillich.
Die Glocken bogen ihre Klänge über meine Kindheit wie ein Wald seine Blätter über junge Sträucher. Das Gymnasium lag neben dem Dom. Der Unterricht begann schon um sieben Uhr morsens, eine Stunde früher mußte ich aus dem Bett. In den Kampf zwischen Schlaf und Pflicht flutete um sechs Uhr das Tagesläuten, die Glockenrufe, die mich umhüllten, in mir widerklangen, wenn ich schlaftrunken in die Kleider fuhr. Zu Mittag jubelten sie dem Schulschluß zu: Freunde beim lärmenden Nachhauselaufen durch die schwirrenden Tauben neben der hallenden, summenden Kirche, daß um meine Ohren, um den ganzen Kopf ein Meer von Tönen schwoll und ich im Brausen und Widerhall selbst wie ein ausgesandter Klang dahinstürmte.
Um drei Uhr nachmittags, wenn der Unterricht wieder begann, schlug es aufs neue an die erzenen Wände hoch im Balkenstuhl, nun traurig — dem Toten zu Ehre, den man begrub. Zögernd gingen wir dem gähnenden Schultor zu. Gegen Abend schwangen sie, wenn ein Paar im Dom getraut wurde. Da liefen wir heran und sahen die Hochzeitspferde, weiße Bänder im Geschirr, unruhig scharren, bis jäh die Stille einriß, wenn die Brautleute in die Kirche traten und das Oraelspiel durch das offene Seitentürchen herausklang. In der Dämmerung, nach dem Vesperläuten, war die Ruhe wie ein Echo der Glocken, ein leiseres, aber ein lang- andauerndes, das in jedem Anschwellen der Schatten nachhallte, und selbst noch in dem Auftauchen der Lichter hier und dort in der wartenden Stadt.
Feierte man aber ein Fest ober war ein berühmter Mann gestorben, dann begann die große Glocke, die beim täglichen Läuten schwieg, ihre dunklen, weitausschwingenden Töne hinauszuwogen, daß in allen Familien die Fenster aufgingen, jeder sich an den Rahmen lehnte und hinausblickte mit Augen, die ernst und groß wurden über dem stummen Mund. Einer sprach dann: „Die große Glocke!" Es war Sehnsucht und Ehrfurcht in der Stimme, die es sagte.
In der großen Glocke waren wir „zu Hause", ihr Ruf war unser aller Leben, in ihr wuchs der Heimat ganze majestätische Bedeutung auf und fang: Ich bin im tiefsten Grund so groß und mächtig, so rein und dunkel, so schön und so erfüllend, wie ich jetzt klinge. Ich flute aus und erneuere mich immer, ich bleibe mir selbst auf den Fersen und verfolge niemand, denn ich bin gut. Ich bin unb bin gut, ich bin unb bin gut, ich lebe und bin gut, ich bleibe und bin gut.
So klang die große Glocke wirklich, so hörten wir sie alle unb staunten nicht, baß etwas Lebendiges auch wirklich ganz gut war, denn dieses Lebendige war unser aller vereinigtes Gutsein, das aus der Erde stieg bis hinauf in den Glockenstuhl durch die gewachsene Kirche, unter deren zitterndem Widerklang beim Läuten die Erde auch mitschwang.
Mein Großvater, den keine Träne im harten Schreiten beirrte, sagte einmal, als ihm die große Glocke ihren Spruch zurief, sagte in die Atemfülle des Abends über die Dächer der kleinen Stadt hinein, den Tonen zur Antwort: „Ja, das ist wahr!" Ich staunte fassungslos, nicht über den Satz, nein, weil ihn auch er, der Harte, sagen konnte.
Vielleicht entfaltete sich damals das Körnchen bluthaften Einheitsgefühls, das Familien, Geschlechter und Völker nährt, in mir grünem Schößling. Aber wenn ich heute in der anders dröhnenden Zeit die Tage zählen wollte, wo ich die Glocken höre, obschon sie immer noch läuten, so ist es mir, als hätte dieses Leben, das wir alle nun führen, seinen Vesperernst verloren.
Wer hort denn noch heute die Glocken an, wer steht am Fenster und sagt: „Ja, das ist wahr!" Unb wer voll Ehrfurcht in bas tönend gewordene Lanb hinaus: „Die große Glocke!"?
Kraftwagen im Winter.
Von Joachim Boehmer.
Mit bem Eintritt ber kalten Jahreszeit verlieren viele Fahrer bie Freude an ihrem Wagen, weil sie bie Einwirkungen bes Winters auf ben Motor unb bie Fahrbereitschaft bes Wagens nicht zu meistern verstehen. Der Kraftwagen ist aber, wenn man einiges Derstänbnis für bie Eigenschaften ber Betriebsmittel unb bie mechanischen Bebingungen des Fahrzeugs aufbringt, im Winter ein ebenso zuverlässiger Begleiter wie im Sommer.
Unter bem Einfluß ber Kälte änbert sich bie Betriebsweise bes Motors berart, baß ber im kalten Vergaser befinbliche Brennstoff vor allem heim Starten unvollkommen vergast. Auch während ber Fahrt bleiben bie meisten Motoren zu kalt, weil man sie nicht genügenb schützt. Das bekannteste Schutzmittel für ben Motor ist bie Kühlerschutzhaube, bie über ben Kühler gezogen wirb, um ben Luftburchzug zu brosseln. Leiber lassen sich bie meisten Kühlerhauben währenb der Fahrt nicht vom Fahrersitz aus verstellen, so daß sich also die Betriebstemperatur bes Motors nicht auf ber günstigsten Hohe hält. In der Regel bleibt der Motor zu kalt, was stets mit einem erhöhten Brennstoffverbrauch verbunden ist. Wer seinen Motor schonend
behandeln und Brennstoff sparen will, sollte auf ein Kühlwasserthermometer nicht verzichten unb burch Verstellen bes Kühlerschutzes die Wassertemperatur möglichst auf einer Hohe von etwa 80 Grad halten. Muß der Wagen bei großer Kälte längere Zeit im Freien stehen, ist nicht nur bie Kühlerhaube zu schließen, sonbern auch eine Decke überzulegen, um die Abstrahlung der nach oben strebenden Motorwärme möglichst zu verlangsamen.
Gegen das Einfrieren des Kühlwassers wird hauptsächlich ein aus Glycerin bestehendes Schutzmittel angeroenbett das bei richtigem Mengenverhältnis zum Wasser alle vorkommenden Kältegrade aushält. Wenn der Kühler mit allen Leitungen, einschließlich Wasserpumpe, völlig dicht ist, reicht eine einmalige Füllung mit Schutzmitteln nicht nur für einen ganzen Winter aus, sondern sie kann auch im Frühjahr abgelassen und nach sorgfältiger Filtrierung im nächsten Winter erneut verwendet werden. Wer als Schutzmittel Brennspiritus verwendet, muß sich darüber klar sein, daß seine Verdampfung früher einsetzt als die des Wassers, daß also von Zeit zu Zeit Brennspiritus nachgefüllt werden muß, wenn man sich auf die Frostbeständigkeit verlassen will. Man vermeide es aber, auch mir einen Tropfen Spiritus auf ben Lack kommen zu lassen, weil er Flecken hinterläßt, die sich nicht roieber beseitigen lassen.
Ebenso wichtig wie das Wasser ist das Del. Man möchte sogar sagen, daß die Verwendung von ausgewähltem Winteröl für die Lebensdauer unb Arbeitsweise bes Motors von größerer Bebeutung ist als bie Wasserfrage. Infolge ber Kälte wirb bas Motorenöl, bas Oel in ben Getrieben unb bas Fett in ben Lagern fester. Wirb also der Wagen in Gang gebracht, so ist auf diesen Zustand dadurch Rücksicht zu nehmen, daß alle Teile möglichst wenig beansprucht werden. Man verlasse also am frühen Morgen die ungeheizte Garage nicht sofort in schneller Fahrt, sondern lasse den Motor erst einige Minuten bei geschlossener Kühlerhaube warm werden. Für seine Ingangsetzung ist es wichtig, beim Starten die Kupplung herauszutreten, damit bas im erhärteten Fett liegende Wechsel-Getriebe nicht mitläuft. Verabsäumt man es, wird die Batterie unnötigerweise beansprucht. Ueberhaupt soll man der Batterie gerade im Winter eine besondere Pflege zuteil werden lassen, weil sie bei jedem Starten hohe Leistungen hergeben muß. Wer viel verbraucht und viel startet, wird im Winter seine Batterie hin unb roieber auflaben lassen müssen, wenn er ein stets fahrbereites Fahrzeug haben will. Eine langsame Ingangsetzung bes Wagens ist in ber Kälte auch im Hinblick auf bie bicker gewordenen Oele und Fette im Differential, in den Rad-
achsen und Gelenken der Steuerung und Febern empfehlenswert.
Will man den Motor während des Parkens durch einen Ofen erwärmen, so eignen sich hierfür bie mit Benzin betriebenen Katalytofen unb bie Heizofen mit Glühsteinen. Bei ben Katalytofen darf nur bas bafür bestimmte Spezialbenzin verwenbet werben. Eine Gefährbung bes Motors ober Wagens burch bas Heizsieb dieser Oefen braucht man nicht zu befürchten. Auch ist es gleichgültig, in welcher Lage der Ofen im Wagen oder unter der Haubs untergebracht wird. Diese Oefen haben den Vorzug, daß sie auch während der Fahrt für die Beheizung des Wageninnern verwendet werden können. In der Garage dagegen verwendet man mit Vorteil elektrische Heizkörper, die möglichst auf dem Fußboden unter bem Motor angeorbnet werben, ba- mit bas Oel flüssig bleibt. Die Erwärmung bes Kühlwassers ist von untergeorbneter Bedeutung, da es infolge seines Gehalts an Schutzmitteln nicht einfrieren kann.
Eine unangenehme Erscheinung bei der Winterfahrt ist auch bas Beschlagen ober Vereisen ber Fensterscheiben. Man schützt sich am besten, burch eine von innen gegen bie Winbschutzscheibe gesetzte zweite Glasscheibe, bie burch einen Gummifalz fest gegen bie oorbere Scheibe gebrückt wirb. Im Raum zwischen ben beiben Scheiben sinb einige bünne Heizbrähte angeorbnet, bie an die Wagen- batterie angeschlossen werben. Die von diesen Drähten ausgehende Wärme verhindert ein Anlaufen der Windschutz-Scheibe. Bei dem Betrieb elektrisch beheizter Scheiben ist jedoch auf die Leistungsfähigkeit der Batterie Rücksicht zu nehmen, zumal im Winter auch bie Lampen- unb Scheibenwischer stärker als im Sommer in Anspruch genommen werden.
Für bie Fahrsicherheit im Winter ist schließlich der Zustand der Bereifung ausschlaggebend. Wo keine scharfen Prosile auf den Reifen vorhanden sind, ist das Einfräsen feiner Rillen („Sommern") in die Lauffläche anzuraten. Auch bei vereister Straße wirb ber Wagen bann sicher fahren. Sobald aber die Vereisungen stark sind oder starker Schneefall eingetreten ist, bieten nur Schneeketten bie Gewähr dafür, Steigungen befahren zu tonnen. Im allgemeinen genügt es, bie heitren angetriebenen Hinter- ober Vorberräber mit Schneeketten zu versehen. Mit Rücksicht auf bie einfeitige Beanspruchung des Differentials ist das Auflegen einer Schneekette auf ein einziges Rad nicht zu empfehlen.
Geht der Kraftfahrer so vorbereitet in den Winter, wird er sich stets auf den Wagen verlassen können.


