die Buben, bei aller Wahrung von Zucht und Ordnung, nicht etwa gegängelt, sondern ihrem natürlichen kindlichen Freiheits- und Tatendrang wird im Rahmen der Gemeinschaft und des Ferienzweckes volle Betätigungsmöglichkeit gewährt. Die Pflegerinnen als gute „Ferienmütter" der Jungen verdienen denn auch für ihr vortreffliches Wirken den Dank der Eltern ihrer Schützlinge und die Anerkennung unserer Volksgemeinschaft.
Jede Gruppe von Feriengästen verbleibt rund fünf Wochen in dem Kinderheim. Das ganze Jahr über, auch im Winter, ist dieser Besuch in den schönen, anheimelnden Räumen des Heims anzutreffen. Für die meisten der Jungen, insbesondere soweit sie aus der Millionenstadt Berlin kommen, werden diese
Ferienwochen geradezu eine Oase ihres jungen Lebens sein. Denn was sie in dem herrlichen Kinderheim Gießen an schönen Wohnräumen genießen können und was ihnen dort auf den Spielwiesen, wie auch in dem benachbarten Walde geboten wird, das alles ist so himmelweit besser und verschieden gegenüber ihren sonstigen Lebensbedinaungen inmitten der Steinwüste der Weltstadt, daß sie diesen Ferienaufenthalt gewissermaßen als ein Paradies auf Erden empfinden dürften. Sie werden diese Wochen in dem Kinderheim Gießen sicherlich für alle Zeiten in bester Erinnerung behalten und damit dem Kinderheim, seiner Leitung und den Pflegerinnen, nicht zuletzt aber auch der NSV. den gebührenden Dank abstatten. B.
Aus der Stadt Gießen.
Herbstliche Sartenfeier.
Die Augustsonne ist eine ganz besondere Sonne. Sie ist oft schon herbstlich golden und ihre Wärme genießt man sozusagen eilig und mit Angst. Jedes Jahr um diese Zeit kriegt man Reue! Nicht etwa wegen begangener, schwerer Sünden, oh nein, nur deshalb, weil man meint, man hätte den Sommer und seine Sonne wieder mal nicht genügend ausgenutzt. Wie oft wollte man doch im Garten sitzen! Wie oft im Liegestuhl auf dem Rasen liegen, den Blick auf dem Schiffenberg! Nun fallen schon die Aepfel, und man kämpft noch einmal einen heldenhaften Kampf mit dem Unkraut, das immer noch am besten wächst.
Gestern aber war ein ganz großer Tag, den ich rot anstreichen würde — wenn ich einen Kalender hätte. Ich habe 3um erstenmal gesät! Bis jetzt hatten meine gärtnerischen Betätigungen nur in untergeordneten Arbeiten bestanden, also z. B. Unkraut rupfen und Wasser schleppen oder in schönen: mit einem Korb bewaffnet erntete ich die Früchte nicht meines Fleißes. Oder ich wandelte durch den Garten und schnitt Blumen für Sträuße: Veilchen und Narzissen, Rosen und Margeriten, Dahlien und Goldrute. Was für eine bunte, blühende Pracht habe ich schon heimgetragen!
Nun aber ist mein Gartengefährte aus der Stille des Gartens in die laute Welt gefahren und eine Karte flatterte mir ins Haus: „Winterspinat muß jetzt gesät werden!" Da ich gewöhnt bin, zu gehorchen, beschloß ich, diesen Befehl ausnahmsweise sofort auszuführen. Im Garten war es wundervoll. Die bunten Wicken dufteten in der Sonne, die Tomaten leuchteten und der Riefenkürbis quoll gelb unter den großen Blättern hervor.
Nachdem ich alle Farben und Wohlgerüche ge- nüaend in mich ausgenommen hatte, gings an die Arbeit. Ich hatte große Lust, meine Aermel raufzukrempeln, aber leider waren sie schon kurz, und beinahe hätte ich vor Eifer in die Hände gespuckt. Im Schweiße meines Angesichtes — diesen Ruhm muß man der gestrigen Augustsonne lassen — grub ich also ein Beet um, hackte und rechte, daß es eine Lust war, und kam mir vor wie ein Erbhofbauer, vielmehr -bäuerin. Dann kam der große Augenblick: ich übergab den Samen der Erde! Auf der Tüte stand: „In Reihen oder breitwürfig". Ich entschied mich für Letzteres, ich fand es großartiger. Nun wollte ich so händeweis, mit großem Schwung, aussähen, wie ich das schon oft auf Bildern „Der Sämann" aefehen hatte. Aber — meine Tüte war erstaunlich schnell leer! Und das Beet noch gar nicht ganz voll! Ich sammelte also einige Körner wieder auf, um sie richtiger zu verteilen. Dann wurde lose darüber gerecht — oh ihr Spatzen, ich schlage euch tot (wenn ich euch habe), wenn ihr euch untersteht, diesen Samen herauszupicken! Zum Schluß habe ich dann das Beet, tausend gute Wünsche murmelnd, tüchtig begossen. Ogottegott, ich werde nicht schlafen können, bis die ersten grünen Spitzen hervorlugen! Was wird das^für einen herrlichen Spinat geben!
E. L. Stoltenberg.
Dorrwiizen.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Mann, der Sherlock Holmes war".
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Mann, der Sherlock Holmes war". — DHC.: Wanderung. —
Skiklub Gießen: 6 Uhr Ludwigsplatz, Autobusfahrt zum Hoherodskopf.
NSDAP., Sießen-Nord.
Männer der SA., SS., NSKK.,. Reiter-SA. und Marine-SA., ganz besonders Reichsparteitags-Teilnehmer, die im Ortsgruppenbereich Gießen-Nord wohnen, werden aufgefordert, die Hilfskassenbeiträge zu zahlen. Am Dienstag, 31. August, und Donnerstag, 2. September, 20 bis 22 Uhr, werden Hilfskassenbeiträge für Oktober, November, Dezember 1937 im Caf6 Leib entgeyen- genommen. SA.-Männer, zahlt pünktlich die Hllfs- kassenbeiträge, damit euch keine Unannehmlichkeiten erwachsen!
Mille LkiiWMMstWl
NSG. „Kraft durch Freude". Die Fachgruppe:
Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe unternimmt am 20. und 21. September 1937 eine Fahrt an die Mosel. 5578V
Diese Fahrt wird in Verbindung mit KdF. ab Gießen Montag mittag begonnen und endet Dienstag abend ebenfalls in Gießen.
Betriebsführer und Gefolgschaftsmitglieder, die an dieser Fahrt teilnehmen wollen, können sich bis zum 10. September bei den Dienststellen der Deutschen Arbeitsfront, Fachgruppe Gaststättengewerbe, oder KdF. anmelden und daselbst nähere Auskunft erhalten.
Gastspiel Willy Reichert.
Mittwoch, den 1. September, 20.15 Uhr, veranstalten wir im Stadttheater ein einmaliges Gastspiel von Willy Reichert mit seiner Künstlertruppe. Eintrittspreise: 1,80, 1,50, 1,00, 0,80, 0,50 RM. Der Kartenvorverkauf hat begonnen. Die Betriebswarte reichen umgehend ihre Kartenbestellungen bei der Kreisdienststelle ein. Vorverkaufsstellen sind: Musikhaus Challier, Schokoladenhaus Huntemann, Oberhessische Tageszeitung, Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18. 5577V
llebungsstätte Gießen.
Die neuen Lehrgemeinschaften in Kurzschrift, Maschinenschreiben, Englisch, Buchführung und Plakatschrift beginnen Mitte September.
BOM.-Llntergau 116.
Dienstbefehl!
Am Samstag 28. August, 16.30 Uhr, treten alle O st preußenfahrer auf der Dienststelle an zur feierlichen Entgegennahme des Ehrenpreises des Senats der Freien Stadt Danzig.
Am gleichen Tag um 18 Uhr haben alle Oester- reichfahrer auf der Dienststelle des Untergaues zu fein.
Schon ein Drittel zurückgelegt.
NSG. Am Donnerstagmorgen marschierte die Marscheinheit Hessen - Nassau des Adolf - Hitler- Marsches 1937, nachdem sie in Groß-Ostheim einen Ruhetag eingelegt hatte, nach ihrem nächsten Tagesziel Hessenthal in Franken weiter. Gegen 10.30 Uhr traf die Marscheinheit an der Main-
Heimatschuh und Volkstumspflege auf einheitlicher Grundlage.
NSG. Der unter Leitung von Landeshauptmann Pg. H a a f e stehende Deutsche Bund Heimatschutz hat nach langjähriger Vorarbeit erreicht, mit den zuständigen Reichs- und Partei- dienststellen die Voraussetzungen und Sicherungen für einen wirksamen Heimatschutz zu schaffen und die regionale Zusammenarbeit der kommunalen Selbstverwaltungsbehörden mit den Landesvereinen durch Uebereinfunft mit der Leitung des Deutschen Gemeindetags zu regeln. Damit ist es der zielbewußten Arbeit der Leitung des Deutschen Bundes Heimatschutz gelungert, eine für alle deutschen Gaue einheitliche Grundlage des Heimatschutzes und der Dolkstumspflege zu schaffen.
Im Gau Hessen-Nassau wurden bisher die vom Deutschen Bund Heimatschutz betreuten Aufgaben von mehreren Stellen, in erster Linie vom Landschaftsbund Volkstum und Heimat, Gau Hessen-Nassau, bearbeitet. Nachdem auch hier, durch engere Zusammenfassung aller in Frage kommenden Kräfte, eine klare Linie geschaffen wurde, ist der Landschaftsbund Volkstum und Heimat, Gau Hessen-Nassau, dem Deutschen Bund Heimatschutz als Landesverein e i n g e - gliedert und ihm die wirksame Durchführung des reichseinheitlich geregelten Heimatschutzes übertragen worden. Damit ist das gewaltige kulturpflegerische Aufgabengebiet des Heimatschutzes und der Dolkstumspflege sowohl für das Reich, als auch für den Gau Hessen-Nassau zu einem Ziel geführt worden, nach dessen Verwirklichung der Leiter des LVH., Ministerialrat Pg. Ringshausen, seit Gründung des Hessischen Heimatbundes, aus dem der RVH. hervorging, strebte. Er begrüßte daher lebhaft, daß die bisher ganz auf sich gestellte Arbeit des LVH. nunmehr im gleichen Schritt und Tritt mit der Arbeit in den anderen Gauen des Reiches marschieren wird und sich die Reihen geschlossen haben.
In arbeitssachlicher und organisatorischer Beziehung treten durch diese Eingliederung keine Aen- derungen ein. Landschaftsleiter Pg. Ringshau - f e n erwartet, daß sich alle bisherigen und neugewonnenen Mitarbeiter noch mehr als bisher für die Erfüllung aller sich ergebenden Aufgaben des Heimatschutzes und der Dolkstumspflege einsetzen.
Die bereits gepflegte Zusammenarbeit mit dem NSLB. erfährt keine Aenderung, wird sich vielmehr in Zukunft durch verstärkten Einsatz der gesamten Erzieherschaft noch vertiefen.
Landschastsleiter Pg. Ringshausen erließ aus Anlaß der Eingliederung des LVH. in den „Deutschen Bund Heimatschutz e. V." nachfolgenden Aufruf an die Mitglieder und Mitarbeiter des LVH.:
„Der Landschaftsbund Volkstum und Heimat, Gau Hessen-Nassau, e. V.", ist als Landesverein in den „Deutschen Bund Heimatschutz e. V." eingegliedert worden. Der Leiter des Deutschen Bundes Heimatschutz, Landeshauptmann der Rheinlande, Parteigenosse H a a f e, begrüßte diese Eingliederung, indem er der Hoffnung Ausdruck gab, „daß es dem LVH. vergönnt fein möge, im Zusammenwirken mit den übrigen Landesvereinen die großen Aufgaben zu erfüllen, die Volkstum und Heimat an ihn stellen."
Volkstum und Heimat sind die Grundlagen nationalsozialistischen Kulturwollens; keine geringere Aufgabe haben wir pns gestellt, als diefe: das gesamte kulturelle Leben der deutschen Dolksgemein- schäft mit ihren Kräften und Werten zu erfüllen. Den Kampf zur Verwirklichung dieses Zieles wollen wir bis in das letzte Haus unserer Landschaft tragen. Zur Erfüllung dieser totalen Aufgabe wünsche ich mir treue, pflichtbewußte Mitarbeiter, denen unser deutsches Volk und die angestammte Heimat alles ist. Für Führer und Volk mit ihnen um die Seele jedes einzelnen Volksgenossen zu ringen, ist Gegenwartsaufgabe. Der deutschen Zukunft aber soll aus diesem Ringen eine neue, volkswüch- sige Gemeinschaftskultur erstehen.
Zu fernerer, nimmermüder Arbeit nunmehr in der breiten Front des Deutschen Bundes Heimatschutz und zu verstärktem Einsatz rufe ich Sie, meine Kameraden, auf, indem ich Sie an das Wort des Führers erinnere: „Niemals ist es nötiger, ein Volk zu der unendlichen Kraft seines ewigen inneren Wesens hinzuführen, als dann, wenn politische oder wirtschaftliche Sorgen es nur zu leicht im Glauben an seine höheren Werte und damit an feine Mission schädigen können."
brücke in Aschaffenburg ein, wo sie von Bannführer Sommer erwartet wurde. Ueberall an den Straßen stand — wie wir es nun schon gewohnt sind — die Bevölkerung, um den Fahnen der deutschen Jugend ihren Gruß zu entbieten. Nach einer Besichtigung der Wehrmachtskaserne war die Marscheinheit zum Mittagessen Gast der Wehrmacht. Am frühen Nachmittag wurde der Marsch nach Hessenthal fortgesetzt, das um 18 Uhr erreicht wurde.
Der Marschweg des Freitag führte über die Höhen des Spessart nach dem schönen Städtchen Marktheidenfeld, wo der Main zum zweitenmal überschritten wurde. In Marktheidenfeld hat die Marscheinheit des Gebiets Hessen-Nassau nun ein Drittel ihres Weges nach der Stadt der Reichsparteitage zurückgelegt. Am Samstag treffen unsere Hitlerjungen in Höchberg ein, wo sie wieder einen Ruhetag einlegen werden.
Abschied vom Sturm.
Arn Donnerstag waren die Männer des Sturms 1/M. 147 im Hotel Hindenburg zu einem Kameradschaftsabend zusammengekommen, um in echter Kameradschaft noch einige Stunden mit ihrem langjährigen Sturmführer Giersleben, der in wenigen Tagen Gießen für immer verläßt, zusammen zu sein. Seit dem 1. Januar 1934 führte Pg. Siers- l e b en seinen Sturm, um jetzt die schwarzbraune Uniform mit dem feldgrauen Ehrenkleid zu tauschen. So stark, wie an diesem Abend, war der Sturm wohl selten zur Stelle, und er bewies so seine enge Verbundenheit mit dem scheidenden Kameraden.
Sturmführer Siersleben richtete herzliche
Abschiedsworte an die Männer seines Sturms und sagte dabei u. a., daß es ihm nicht leicht falle, so plötzlich und unerwartet von seinen Kameraden Abschied zu nehmen, mit denen er Freud und Leid schon seit Jahren geteilt habe. Zusammen mit ihnen habe er sich ganz für die Aufbauarbeit des NSKK. und des Vaterlandes eingesetzt, und mancher Beweis tatkräftiger Mitarbeit sei erbracht worden. In seinen weiteren Ausführungen erinnerte er an die schönen Dienststunden bei Regen und Sonnenschein, die für alle Zeiten zu den schönsten Erinnerungen seines Lebens zählen würden. Sein neuer Beruf führe ihn nun fort von Gießen, und so danke er jetzt allen seinen Kameraden für ihre Treue und Disziplin, die der Sturm 1/M. 147 immer in vorbildlicher Weise gezeigt habe. Mit dem Wunsche, daß der Sturm auch in Zukunft echte Kameradschaft und beste Dienstauffassung pflegen möge, schloß Pg. Siersleben seine Ausführungen.
Anschließend dankten die Sprecher der Kameraden, vor allem die Truppführer des Sturms, ihrem scheidenden Sturmführer in bewegten Worten für sein stets kameradschaftliches Auftreten, und wünschten ihm für seinen weiteren Lebensweg alles Gute. Obertruppführer Freund übergab dann dem Sturmführer ein prachtvolles Bild des Korps-
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Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz:
Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.
1. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Der Großvater schwieg einen Augenblick. Dann entgegnete er, ohne Stefan anzusehen:
„Schönburg hat großes Interesse an der Büchse. Er hat es mir erst letzthin wieder mit einem ziemlich deutlichen Wink zu verstehen gegeben. Ob ich sie ihm schenke? Wie denkst du darüber?"
Heber Stefans offenes Gesicht glitt es wie ein leiser Schatten.
„Gern wirst du dich sicher nicht dazu entschließen. Oder hast du besondere Veranlassung, Schönburg gefällig zu sein?"
Wieder zögerte der Großvater mit der Antwort.
„Das wohl nicht... Ich dachte nur ..."
„Dann würde ich dir raten, nicht zu großzügig zu sein und deine Sammlung lieber unangetastet zu lassen. Es würde dir sonst vielleicht doch einmal leib tun."
Jetzt war es der Großvater, über dessen Gesicht ein leiser Schatten zog. Bevor er aber dazu kam, etwas zu erwidern, fuhr Stefan fort:
„Ich habe Schönburgs übrigens vor dem Museum getroffen. Sie kamen von der Gemäldeausstellung und lassen dich grüßen. Sie werden zu deinem Geburtstag erscheinen, wie man mir versicherte."
Wolfgang v. Achenbach wurde mit einem Male merkwürdig lebhaft.
„Darauf' rechne ich selbstverständlich. War Senta auch dabei? Ich habe sie schon eine ganze Weile nicht zu Gesicht bekommen. Aber sie ist natürlich schön und temperamentvoll wie immer, wie?"
„Wie immer", bestätigte Stefan mit undurchdringlicher Miene.
Der Großvater ließ einen kurzen, forschenden Blick von der Seite über ihn hingleiten. Dann stellte er die Windbüchse langsam wieder an ihren Platz.
„Ja, die Abfütterung zum Geburtstag... Ich wollte heute sowieso mit dir über die Tischordnung sprechen. Wenigstens soweit es die Gäste betrifft, mit deren Erscheinen wir bestimmt zu rechnen haben. Fräulein von Birkhammer will endlich Bescheid haben und hat mir schon erheblich zugesetzt. Also wollen wir uns gleich mal darüber schlüssig werben." - -
Sie verließen bie „Rüstkammer", um sich in bas Arbeitszimmer bes Schloßherrn zu begeben.
„Du bist heute recht spät heraufgekommen", bemerkte ber Großvater, währenb sie den langen Gang zurückgingen. „Hattest du viel zu tun?"
„Ich habe den Kollegen aus Frankfurt operiert. Mit Erfolg, Gott sei Dank! Meine verehrte Erzieherin hat mich übrigens in bekannt liebenswürdiger Weise bereits daraus aufmerksam gemacht, daß ich mich um eine volle Stunde verspätet habe."
Wolfgang v. Achenbach ließ ein leises, gutmütiges Lachen hören.
„Na ja, das ist so ihre Art. Ich begreife natürlich durchaus, daß du sie nicht sonderlich liebst. Aber wir müssen immer sehen, daß wir einigermaßen mit ihr auskommen. Sie ist tüchtig und zuverlässig. Irgendein weibliches Wesen muß doch den Haushalt führen, und ohne wirklich zwingenden Grund möchte ich da nicht gern einen Wechsel vornehmen."
Sie betraten das Arbeitszimmer, in dessen Mitte, den Fenstern zu, ein wuchtiger dunkler Schreibtisch stand, der beinahe wie ein antiker Opferaltar wirkte. Sie ließen sich nieder und brannten sich eine Hi gar re an. Stefan mußte zunächst von der glücklich gelungenen Operation berichten. Der Großvater, ber an ber Tätigkeit des Enkels immer regen Anteil nahm, horte ihm interessiert und verständnisvoll zu.
Dann erhob er sich und holte vom Schreibtisch einen Notizblock herüber, auf dem bie Namen ber zu erwartenden Geburtstagsgäste verzeichnet waren.
„Ich habe mir schon ein paar Notizen gemacht, bin mir aber über einiges noch nicht ganz klar."
Höflich, wenn auch ohne sonderliches Interesse, beugte Stefan sich vor und hörte bie Erläuterungen bes Großvaters an. Er fand, daß alles in bester Ordnung war. Wenn ber Großvater, ganz gegen seine Gewohnheit, ber Angelegenheit nicht überhaupt zuviel Wichtigkeit beimaß! Es war offenbar nur Formsache, wenn nicht gar so etwas wie ein Vorwanb, wenn er bie Tischorbnung zur Sprache brachte. Stefan glaubte ben Grund dafür zu kennen, und er sah sich in seiner Annahme nicht getäuscht.
„Ich habe gedacht, daß du Senta Schönburg wieder zu Tisch führst", sagte Wolfgang v. Achenbach nach einer kaum merklichen Pause anscheinend gleichgülttg. „Es ist dir doch recht?"
Stefan wußte, daß diese Gleichgültigkeit nicht ganz echt war.
Aha...! dachte er und nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarre.
Dann hob er gelassen die Schultern.
„Wie du denkst. Es ist ja schließlich gleich, wer sich mit mir langweilt."
Der Großvater vermied es, ihn anzusehen. Ein ganz schwaches Rot färbte seine Stirn, während er stumm an seiner Zigarre zog.
„Langweilen...?" lächelte er schließlich ein bißchen unbeholfen. „Na, höre mal! Mit bir langweilt man sich doch nicht. Und ein Mädchen wie Senta Schönburg schon gar nicht. Sie wird schon für Stimmung sorgen, sie besitzt ja Geist und Temperament genug."
„Allerdings. Aber um so weniger Herz und Gemüt."
Das hatte so bestimmt und so ablehnend geklungen, daß der Großvater betroffen aufsah. Er begegnete Stefans Augen, die soeben etwas ungewohnt Hartes und beinahe Warnendes hatten, und ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken.
„Ich weiß nicht, woraus sich dein Urteil gründet", erwiderte er langsam und vorsichtig, „aber ich möchte mich ihm doch nicht so ohne weiteres anschließen. Es gibt Menschen, die sich nicht so leicht ins Herz sehen lassen und dadurch in Gefahr kommen, als herzlos beurteilt zu werden. Vielleicht gehört Senta Schönburg zu ihnen .."
Stefan wollte offenbar etwas erwidern, besann sich jedoch und zuckte nur stumm bie Achseln. Aber seine Augen verloren nichts von ihrer Härte, sein Gesicht behielt ben eigenartig strengen und ab- lehnenben Ausbruck.
Der Großvater maß ihn von ber Seite mit einem langen, forschenben Blick, der nicht nur Enttäuschung, sondern auch ernste Sorge verriet. Eine stumme, aber doch sehr beredte Frage lag in diesem Blick: „Hast du immer noch nicht vergessen? Bist du noch immer nicht geheilt von den Wunden, die verratene Liebe dir schlug?"
Stefan mochte diesen Blick fühlen. Er erhob sich plötzlich mit seltsam gespannten Bewegungen.
„Es ist nun wohl alles klar. Und wenn du erlaubst — ich möchte meine Abhandlung für die Fachzeitschrift heute gern noch zu Ende bringen."
Der Großvater machte keinen Versuch, ihn zurückzuhalten. Nach einem etwas hastigen „gute Nacht" ging Stefan.
Er hatte seine Wohnung in dem massigen, geräumigen Turm, der im Scheitelpunkt der beiden Schloßflügel lag und den wuchtigen, etwas finsteren Charakter des alten Schlosses noch besonders betonte. Im ersten Stockwerk, unmittelbar über dem breiten Eingangsportal, befand sich die alte Kapelle, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurde. Darüber lag Stefans Wohnung. An klaren
Tagen sah man von hier aus weit in das blühende Land hinaus.
Mit raschen Schritten stietz Stefan die Wendeltreppe hinauf. Er 'schaltete in seinem Arbeitszimmer die Beleuchtung ein und öffnete das Fenster. Der Sturm sprang brausend und heulend um den Turm. Die Wetterfahne kreischte über ihm. Müde flackerten ein paar Sterne unter jagenden Wolkenfetzen.
Lange stand Stefan mit harten Sippen am Fenster und starrte in die dunkle Tiefe hinab. Er hatte den fragenden Blick des Großvaters sehr wohl verlanden. Vergebliche, ganz aussichtslose Hoffnungen, denen der Großvater sich hingab! Der Platz in seinem Herzen war leer. Hohl und leer wie ein ausgebranntes Gemäuer. Niemand würde diesen Platz jemals wieder ausfüllen können. Nicht Senta Schönburg — und auch nicht irgendeine andere...!
Mit einem harten Ruck schloß Stefan plötzlich das Fenster und setzte sich zur Arbeit nieder.
2.
In dem weiten, hoch getäfelten Speisesaal, der reiches, künstlerisch wertvolles Schnitzwerk aufwies, war die Geburtstagstafel für die Familienfeier her- gerichtet. Kostbares, festliches Kristall, altes, schweres Silber und wundervolle Blumen aus den Gewächshäusern schmückten die Tafel. Die dichten Vorhänge an den hohen Bogenfenstern waren trotz der hellen Mittagsstunde zugezogen. Der mächtige Kron- leuchter an ber Decke schlief. Man hatte ihn nicht bemüht. Er schien nur zuweilen verwundert und mißbilligend herabzublinzeln in den feierlich-starren Glanz der bunten Wachskerzen, die m schweren Silberleuchtern auf dem Tische brannten.
Im schwarzen Anzug, sehr korrekt und feierlich, saßen Wolfgang v. Achenbach und Stefan sich in den dunklen, hochlehnigen Stühlen gegenüber. Sie sprachen der ausgesucht festlichen Speisenfolge und den gehaltvollen Weinen erster Kreszenzen nur sehr mäßig zu. Etwas Gemessenes und wie unter einem geheimen Zwang Abgewogenes haftete den wenigen Worten an, mit denen sie das einsame festliche Mahl begleiteten.
Eine unsäglich kühle Atmosphäre lag über dieser Geburtstagsfeier zu zweien, die in der Familie Achenbach zur Tradition geworden war. Stolz und unbewegt brannten die Kerzen auf der Tafel, still und feierlich wie Opferflammen. Nur ab und zu erwachte ein leises Zittern in ihrem kühlen Brand, das wie ein stilles, stummes Aufbegehren war. Dann wehte ihr flackernder Schein wie eine anklagende Geste über das schimmernde Tafeltuch aus schwerem Brokat und malte gespenstische Schatten lauf die Wandtäfelung. (Fortsetzung folgt.)


