Ium wurde die Belagerungslime näher an die Festung herangeschoben, sie lief nunmehr von Parsten über Neudorf zum alten Schloß, überall durch vorgeschobene Erdwerke geschützt. Mehrfach war der Kommandant General de Courbiere zur Uebergabe aufgefordert worden, hatte aber stets entschieden abgelehnt. Bekannt ist sein stolzes Wort, als ihm in einem Schreiben des französischen Generals Rouger mitgeteilt wurde, „es gäbe keinen König von Preußen mehr": „Nun, wenn es keinen König von Preußen mehr gibt, jo bin ich König von Graudenz".
In der Nacht vom 27./2S. Juni 1807 wurde die erste Parallele gegen das Hornwerk eröffnet, das den Schloßberg beherrschte. Unsere beiden Füsilier- Bataillone stellten hierzu unter Kapitän Dunker und Premier-Lieutenant von Stosch die Arbeiter und unter Kapitän Stutzer und Premier-Lieutenant Gödecke die Reserven auf dem Schloßberg. Etwa 600 Schritte von der Festung entfernt wurde eine Parallele und ein rückwärtiger Verbindungsgraben ausgeworfen. Die preußische Besatzung bemerkte anfangs nichts, erst bei Tagesanbimch setzte eine heftige Beschießung ein, die einen Verlust von einem Toten und drei Verwundeten verursachte. 9 Uhr vormittags wurden die Füsiliere durch Mannschaften der Leib-Brigade und diese abends wieder durch 200 Mann unter Kapitän Hundhausen vom Garde- Füsilier- und Premier-Lieutenant du Puis vom I. Leib-Füsilier-Bataillon abgelöst. Major von Gall
übernahm den Befehl über alle Truppen der vordersten Linie.
Bis zum 30. Juni lagen sich Angreifer und Verteidiger im lebhaften Gewehr- und Geschützfeuer gegenüber, ohne daß eine Aenderung der Lage eintrat. An diesem Tage hatte das Feuer bereits 6 Uhr vormittags begonnen, als plötzlich das Signal „Zurück" gegeben wurde und der laute Ruf „Friede" von allen Seiten erscholl. Ein Adjutant des Kaisers Napoleon war mit der Nachricht von dem am 21. Juni 1807 zwischen Frankreich und Preußen abgeschlossenen Waffenstillstand und dem Befehl, sofort die Feindseligkeiten einzustellen, ein- aetroffen. Nicht ohne Mühe konnte dies der preußischen Festungsbesatzung mitgeteilt und dem Kampfe ein Ende gemacht werden. Der Gesamtverlust der hessischen Truppen während der engeren Einschließung betrug 7 Tote, 29 Verwundete, davon beim Garde-Füsiuer-Bataillon 3 Tote, 12 Verwundete, beim I. Leib-Füsilier-Dataillon 2 Tote, 9 Verwundete. Die beiden Füsilier-Bataillone lagen in der nächsten Zeit abwechselnd in Graudenz oder auf dem linken Weichselufer in Lubin bis zum 17. Juli, wo sie zu anderer Verwendung abberufen wurden. Damit endete für sie ein Abschnitt dieses Feldzuges, der ihnen große Anstrengungen und Entbehrungen, aber wenig kriegerische Lorbeeren gebracht hatte. Aber allgemein, auch beim Gegner, war die Anerkennung ihres tapferen und ausdauernden Verhaltens.
Goethe schenkte die Einheit des Reichs.
Von Or. Dfar’ner Schlösser, Reichsdramaiurg und Präsident der Reichstheaterkammer.
In allen jungen Herzen lebt in unserer Zeit wieder ein Name: Goethe. Er ist ja noch immer das Beispiel der Beispiele, das Reich in seiner Ganzheit. Deshalb fand sich der „Faust" in den Tornistern so vieler deutscher Soldaten. Fragt sie, und sie werden es euch bestätigen, daß es wieder und wieder Goethe war, an dem sie sich innerlich zum Aeußersten steigerten. Ob im Kriege oder im Frieden, das Erlebnis Goethe ist für den Deutschen immer das gleiche gewesen. Am treffendsten hat es vielleicht Tieck umschrieben, der da sagt: „So wie Goethe nur die Augen auftat und sie anderen öffnete, war Deutschland unmittelbar auch da. Denn nicht das Talent und die Vollendung ist es allein, die Goethe charakterisiert, sondern die deutsche Gesinnung, die Verklärung des Volkes und Vaterlandes, das durch ihn gleichsam im Bewußtsein erst entstand und entdeckt wurde."
Durch die unvergleichliche Verdichtung der deutschen Innerlichkeit hat Goethe mit seinem Schaffen feinem Volke die Einheit des Reiches geschenkt, als Deutschland noch nicht einmal ein Staat war. Allein diese Feststellung genügt, um jede engstirnige Kritik an dem Großen von Weimar als verabscheu- ungswllrdige Anmaßung zu kennzeichnen. Goethe ist in seiner Notwendigkeit für unser völkisches Leben heute wie ehedem gar nicht zu überschätzen. Sein „Götz" ist in seiner kräftigen Grobheit und Gemüthaftigkeit eine unversiegliche Quelle für die ständige Wiedergeburt des Reiches alles Deutschen. Es ist unausdenkbar, wie sich unser Volk sein Bestes erhalten sollte, wenn es sich in Stunden der Weihe und Selbstbesinnung, aber auch der Ermät- tnng und des Versagens nicht immer wieder an der vorbildlichen Mannheit solcher Dichtungen aufrichten könnte.
Als der Staat in Trümmern lag und das Reich nur noch in wenigen lebte, in den Nachkriegstagen, ist uns Götzens Vision von der Zukunft Deutschlands nicht fast ein Gebet geworden? „Vielleicht daß Gott , so haben wir mit Goethe und Götz um das deutsche Schicksal gebangt und gehofft, „vielleicht, daß Gott denen Großen die Augen über ihre Glückseligkeit auftut? Wenn sie das Ausmaß von Wonne fühlen werden, in ihren Untertanen glücklich zu sein, wenn sie menschliche Herzen genug haben werden, um zu schmecken, welche Seligkeit es ist, ein großer Mensch zu sein, wenn die volle Wange, der fröhliche Blick jedes Bauern, seine zahlreiche Familie, die Fettigkeit ihres ruhenden Landes besiegelt, und gegen diesen Anblick alle Schauspiele ihnen kalt werden: dann wird der Nachbar dem Nachbarn Ruhe gönnen, weil er selbst glücklich ist. Dann wird keiner seine Grenzen zu erweitern suchen. Er wird lieber die Sonne in seinem Kreis bleiben, als ein Komet durch viele andere seinen schröcklichen unsteten Zug führen. Der unruhigste Kopf wird zu
tun genug finden. Wir wollten die Gebirge von Wölfen säubern, wollten unseren ruhig ackernden Nachbarn einen Braten aus dem Wald holen und dafür die Suppe bei ihm essen. Wäre uns das nicht genug, wir wollten uns mit unseren Brüdern gleich Cherubs mit flammenden Schwertern vor die Grenzen des Reiches lagern, und die Ruhe des Ganzen beschützen. Das wäre ein Leben, wenn man seine Haut vor die allgemeine Glückseligkeit setzte!" Sicher, dieser Hymnuß vom deutschen Leben ist kein Staatsprogramm; aber es ist der Ausdruck einer Gesinnung, die wir das Reich nennen, und auf der ein deutscher Staat allein beruhen kann. Und so ist es immer bei Goethe.
Wenn der Schmachfrieden von Versailles uns vor die Wahl gestellt hätte: endlose Fronarbeit oder Auslöschung des „Faust" aus unserem geistigen Besitze, so hätten wir uns für die Fronarbeit entscheiden müßen. Hätten wir uns in unserer Sklaverei dann doch den „Faust" erhalten und damit das geheimnisvolle völkische Lebenselixier, das zu jedem Widerstände kräftigt, das mütterliche Reich, welches die Staaten gebiert. Ich meine mit diesen Umschreibungen dasselbe wie Rosenberg, wenn er behauptet, der „Faust" stelle das Wesen von uns dar, das Ewige, das nach jedem Umguß unserer Seele in der neuen Form wohnt. Strömt von einer Dich- tuna das in ihr einbeschlossene, germanisch-nordische Wesen der Weltüberwindung und des Kampfes auf Leser oder Zuschauer aus, so ist hies Werk aus dem Geiste des Reiches heraus gejchaffen. Darum muß das Weihespiel der Deutschen, in dem wir Brot und Wein, so unsere Seele nährt, heiligen Rausch und letzte Lösung aller Rätsel finden, Gegenstand unserer ewigen Hingabe sein.
Allein Goethe ist es zu verdanken, daß wir das Wesen unseres ganzen Volkes mit einem Worte, eben dem Namen Faust auszudrücken vermögen. Es ist unendlich viel, was uns dadurch geschenkt wurde, in einem Worte die Welt, wie sie der Deutsche lebt und fühlt! Im Grunde wird hier etwas Unsagbares ausgesprochen, denn der begrifflichen Fixierung der Lebensoorgänge sind ja Grenzen gesetzt; man kann zwar das Wesen von Epochen in aller Kürze bezeichnen, indem man die Namen ihrer Stile, etwa Gotik oder Barock, nennt, man kann eben noch Weltanschauungen charakterisieren, indem man die begrifflichen Notbehelfe Idealismus und Materialismus anwendet. Es handelt sich dabei aber doch immer noch um Teilerfcheinungen. Darüber hinaus bleibt unsere Sehnsucht bestehen, immer noch um Teilerscheinungen. Darüber hinaus bleibt unsere Sehnsucht bestehen, die Schöpfung erschöpfend zu umreißen, festzuhalten, was sich weder mit einem Worte noch mit einem Begriff einfangen läßt, weil es zu umfassend gedacht werden muß, und was andererseits zu undeutlich ist, als I
daß es in einem Begriff formuliert werden könnte. Kurz, wir werden immer bemüht sein, alles das, was Geistiges und Seelisches, Haltung und Verhalten in einem enthält, das, was wir unter dem Reich verstehen, in ein Bild, oder wenn man will, in ein Symbol einzuprägen. Goethe ist das im Faust gelungen. Es bedarf keiner Betonung, daß solche Bilder einmalig sind. Sie haben nicht nur eine rätselvolle Beziehung zu allem, was uns umgibt, sondern auch eine rätselhafte Geltung für das, was uns bewegt. Sie find die Springwurzeln unserer Art. Man kann sie an unserer Seele anlegen und plötzlich enthüllt sich der tiefere Sinn und der tiefere Trieb unseres Handelns. Man kann mit ihnen unsere Fehler und unsere Vorzüge erklären. Sie lernen das: Erkenne dich selbst, damit du fähig bist, du selbst zu sein, oder anders gesagt: sie zeigen uns den Ewigen Deutschen und befähigen uns dadurch erst, selbst ganz Deutscher zu sein.
Lob der kleinen Stadt.
Don Hans Irie-rich Blunck, Alipräsident der Michsschnfttumskammer.
Wir stehen seit einem halben Jahrhundert in einem harten, aber guten Wettbewerb zwischen Dorf und Stadt. Eine Weile schien es zwar, als wollten wir uns als Volk ganz und gar auf die städtische Wirtschaft einstellen. Zwei Geschlechter hindurch hat das deutsche Bauerntum seinen Nachwuchs yergegeben, erst für eine ungeordnete Ueber- seewanderung, dann zur Auffüllung neugeschaffener Städte, in denen der Zuwanderer rechtlos und ziellos blieb, weil er die eigene Ueberlieferung verloren hatte und die jungen Städte gefchichtlos waren. — Erft spät hat eine erhaltende Pflege des Bauerntums eingesetzt. Sie hat jetzt zu einer neuen Festigung und endgültigen Wiederverwurzelung ungefähr eines guten Drittels unseres Volkes auf dem stachen Lande geführt, das uns den Blutstrom und die Verbindung mit dem natürlichen Wachsen und überlieferten Wesen erhalten soll. Vorübergehend gab es sogar eine heftige Mißachtung der Leistung der großen Städte. Man unterschätzte dabei ihren Anteil am Neuaufbau Deutschlands und erklärte ihre Kinöerarmut aus der Stadt selbst statt aus den Lehren der Zeit und aus den unmöglichen Wohn- zuständen der Arbeiterschaft. Endlich übersah man wohl auch, daß wir die Werkstätten unserer Rüstung, die Häfen unseres Handels und die Ansammlungen kulturtragender Menschengruppen brauchen, um jene Höchstleistungen zu erzielen, in denen wir mit den Nachbarvölkern wetteifern.
Wir lernten um.
Wir lernten, daß es eine Auszeichnung ist, wenn man außerhalb der Großstadt leben, daß es ein Glück ist, das wir möglichst vielen verschaffen wollen, wenn man seinen Beruf erfüllen und dennoch zwischen den Bäumen und Seen wohnen darf. Wir wollen aber nicht zur alten Stadtfremdheit zurückkehren, die schon König Heinrich soviel Sorge kostete. Wir haben insbesondere aus der Geschichte und Vorgeschichte gelernt, daß unser Volk Jahrtausende hindurch als Bauern- und Landadelsvolk große Leistungen, oft Höchstleistungen seiner Zeit, in der Landwirtschaft, in der Seefahrt, in der Schmuck- und Schmiedekunst erzielte. Aber unser Volk ist um den Ruhm jener Zeit gekommen, weil wohl gesungen, aber nicht aufgeschrieben wurde, weil unserer Vorgeschichte Könige und Städte gefehlt haben, die die Kunst der Völker hätten festhalten und aufzeichnen können.
Bei diesem schönen Wetteifer der Bedeutung von Stadt und Land, einem Wettkampf, den wir Deutschen unter Einsatz der stärksten Beweise auszufech- ten pflegen, vergaßen wir ein Drittes, das geschichtlich in allen Zeiten der Umbildung und Neubildung der Volkskräfte als Kulturerhalter wertvoller als Residenzen und Hauptstädte gewesen ist. Ich meine die deutsche Kleinstadt.
Nicht wahr, mit dem Begriff der Kleinstadt verbindet unsere Literatur schon feit Kotzebue den Begriff einer häßlichen Beschränktheit und engherzigen Lebensführung. Schlimmer noch die Literatur unserer Niedergangszeit. Klatschsucht, Neid, Wichtig- tigtuerei, und was alles an menschlicher Unzulänglichkeit zu entdecken war, wurde in die deutsche Landstadt verlegt. Das Bauerntum stand jenen Literaten als offener Feind gegenüber. Man verachtete und haßte es, aber man wußte, daß das
„Platte Land" sich wehrte, Bomben warf und gegen die Städte marschierte Man wagte zuletzt nicht mehr recht, die immer wiederholten Fiauren bäuerlicher Beschränktheit oder Großmannssucht zu zeichnen, man erhielt Antworten darauf, die verdrießlich stimmten. Man suchte deshalb nach Stellen geringeren Widerstandes und fand sie in der Kleinstadt. Nachdem Spitzweg sie noch einmal ins allzu Besinnliche, ins Ueberzarte vertlärt hatte — es war schön, aber ein wenig einseitig — hat sich die Literatur der letzten Jahrzehnte eine Erniedrigung, eine abgeschmackte Verzerrung eines unserer besten Wesensttäger leisten dürfen, die jedes Maß verlor. Dennoch war der Angriff erfolgreich. Weder Bauerntum noch Großstadt halfen den Gescholtenen. Schlimmer noch: die Kleinstädte glaubten am Ende selbst, was man über sie schrieb, und wurden in Bestürzung über ihre Häßlichkeit und Unerheblichkeit zum Aschenbrödel am Herd unseres Volkstums.
Ich sage damit, was unsere kleinen Städte inzwischen längst einsahen: Sie waren nicht ohne Schuld an dem Zustand, in den sie gerieten. Die kleinen deutschen Gemeinwesen, die zum Teil eine wundervolle Vergangenheit besaßen, hatten in der geschichtslosen Zeit die Verbindung mit ihrer lieber« lieferung verloren. Sie waren ihrer selbst überdrüssig und ertränkten den Ueberdruß oftmals an Bierbänken und Stammtischen; sie hatten es geduldet, daß einige jüdische Warenhäuser ihre herrlichen Marktbilder verschandelten, sie glaubten sich entschuldigen zu müssen, daß sie kleine Städte waren, die andere Lebensgepflogenheiten als Bauern und Großstädte hatten, sie hielten es für Unrecht, daß ihre Bewohner die Muße fanden, altes Brauchtum und älterliche Meinungen zu erhalten, daß sie die menschliche Güte und die Besinnlichkeit romantischer Zeiten bewahrt hatten, daß man in ihnen noch auf Glauben und Aberglauben, auf Sitte und Sinn der Dinge Wert legte. Sie haben darüber entscheidende Stunden versäumt und verträumt.
Aber sie sind doch zur Stelle gewesen, als es galt, das Land zu verteidigen, als die neue Zeit über Deutschland anbrach.
Welch unendlicher Reichtum an Forschung und an großer politischer Geschichte liegt in den kleinen Städten der Landschaften, die in ihren Mauern die Kraft des flachen Landes zusammenfaßten und die Männer reifen ließen, die später die Worte für unser Volk sprachen.
Wir wollen den. deutschen Kleinstädten die Ehre wiedergeben, wir wollen wieder gutmachen, was man an Verächtlichem über sie aussprach, wir wollen ihnen helfen, daß sie sich auf die Überlieferungen ihrer Geistesgeschichte wieder besinnen. Heute, wo wir die Entwicklung nicht mehr allein nach der Hausmacht politischer Fürstenhöfe oder nach den Schlachten des tausendjährigen deutschen Bürgerkrieges lesen, sondern nach den großen Wandlungen und Steigerungen unserer Ueberlieferung, soll auch die deutsche Kleinstadt in der Schau des Reiches neue Ehre gewinnen und wird sich gleich den bäuerlichen Landschaften die Stellung wieder erzwingen, die eine gefährliche Zeit der Zersetzung ihr zu nehmen versuchte.
Die Pflege der Eingebundenheit in das Ganze beginnt beim Dorf, sie setzt sich fort in der (Sauge* meinschaft und bei ihren Häuptern, den Landstädten. Sie führt, richtig geleitet, von der kleinen Stadteinheit zur großen, danach zur Hingabe an den ewigen Bund im Reich, dem wir dienen.
Zu solchen Aufgaben gehört Kraft und inn-re Sicherheit. Gut ist es, wenn die Gegensätze, d'e in jedem Volk bestehen, wenn die natürliche Sius» einandersetzung zwischen Seefahrer und Landjätti- gen, zwischen Großstadt und Bauerntum ausgeali- chen werden durch die starke, ihrer selbst bewußte Landstadt, der wir die Ehre wiedergeben wollen, die sie verlor, Ehre um ihres stillen und doch so großen politischen Wirkens und um des stillen Adels ihrer Menschen willen, die in der Zeit des Zerfalls ihre Ueberlieferung zu wahren, allerdings nicht genügend um sie zu kämpfen wußten.
Leber ein kleines.
Don E G Kolbenheyer
Blüht nicht wie eine Sage Dein Leben aus dem Blut? Sind deine nahen Tage Nicht fernster Nächte Glut? Und kaum ein fühlbar Beben, Licht, das im Taue hängt, Ist all dein Tropfen Leben Geschöpft und hingesprengt, lieber ein kleines und über ein kleines Schon zittert der Glanz
Klar gekeltert, des reifen Weines (Jrüngolbne Monstranz.
Horch, vor den Mauern in schwellender Ferne Jauchzt Tochter und Sohn!
Und deine Väter im Chor deiner Sterne, Sie winken dir schon.
Aus dem beim Verlag Albert ßangen/(3eorg Müller in München erschienenen „Lyrischen Brevier".
Ein Gestalter deutscher Volkwerdung. Zur Verleihung des Goethepreises an E G Kolbenheyer.
Die Ehrung, die mit der diesjährigen Verleihung des Goethepreises dem sudetendeutschen Dichter E. G. Kolbenheyer zuteil wird, gilt „dem starken Gestalter deutscher Volkwerdung, der in seinen großen ethischen und dramatischen Schöpfungen stets verantwortungsbewußt und sich selber treu für die Reinheit und Wiedergeburt des deutschen Wesens eingetreten ist." Es liegt nahe, dabei in erster Linie an sein großes Romanwerk „Paracelsus" zu denken, in dem uns der Dichter einen der größten deutschen Menschen des Mittelalters in lebendiger Wirksamkeit schildert, in dem er darüber hinaus die ungeheuer bewegte Aufbruchszeit der Reformation als eine frühe Stufe unserer Volkwerdung geiftig durchdringt und uns gewissermaßen an diesem Beispiel die Wesensart des deutschen Volkes aufzeigt. Denn das ist das letzte Ziel des großen
Romanes, wie übrigens auch der anderen geschichtlichen Werke des Dichters, der beiden Romane „Amor De i" und „M ei st er Joachim Pausewang", seiner geschichtlichen Erzählungen und Dramen: daß wir an ihm alle Beziehungen, alle Eigenschaften und Kraftströme unserer völkischen Existenz, die geistigen wie die biologischen, erkennen, damit wir aus dieser Erkenntnis und Bestätigung des arteigenen Wesens neue Kraft für die Aufgaben des Tages gewinnen. Aus Kolben- heyers dichterischem Werk geht diese Zielsetzung nicht unmittelbar hervor, aber wir finden sie bestätigt in seinen philosophischen Arbeiten und vor allen Dingen in seinen zeitkritischen und kulturpolitischen Reden und Aufjätzen, die seit dem Ende des Weltkriegs entstanden sind. Aus ihnen aber erfahren wir weiter, aus welchen Kräften ein Dichter schöpft, der sich die schwere Aufgabe gestellt hat, die deutsche Volkwerdung zu gestalten und so mitzuwirken am Ausbau seines Volkes.
In den Jahren nach dem Weltkrieg, den Jahren bitterster wirtschaftlicher und völkischer Not, in denen der Glaube an Deutschland und an seine hohe Aufgabe tief erschüttert war, hat Kolbenheyer eine Reihe von Aufsätzen geschrieben, in denen er immer wieder gerade diesen Glauben als den unverlierbaren Besitz unseres Volkes bezeichnet. Der Glaube an die Kraft der deutschen Jugend, an den „plasmatischen Besitz" des Volkes, gibt ihm gerade in diesen schweren Jahren die Kraft für seine dichterische Arbeit. Es muß einmal gesagt sein, — und es erscheint uns in dieser Stunde wichtiger als eine gedrängte Würdigung seines gesamten Werkes — in welcher Zeit und in welcher Weise Kolbenheyer mit seiner ganzen geistigen und dichterischen Substanz für den Bestand deutschen Wesens eingetreten ist. Und es kann vielleicht nicht deutlicher gesagt werden, als mit Kolbenheyers eigenen Worten, mit denen er im Jahre 1919, als das Versailler Diktat die materielle und geistige Existenz Deutschlands zu bedrohen schien, seine Flugschrift ,,W em bleibt der Sieg?" schloß: „Weltgeschichte ist wohl Weltgericht, aber Weltgeschichte wird nicht in der Frist einer Generation zum Weltgericht. — Im innersten Leben der Völker, in ihrem plasmatischen Gute, darin liegt Sein und Nichtsein geborgen, dort ruht Weltgeschichte und Wettgericht begründet, das unaufhaltsam durch die Generationen hindurch und über die lautesten Zeitereignisse hinweg seinen na- [turnotmenbigen Weg nimmt, vor dem den Siegern
dieser Tage bangen möge und uns, den besiegten Deutschen, nicht zu bangen braucht."
Wir müssen uns die Zeit vergegenwärtigen, in der solche Worte geschrieben sind, und müssen daran denken, in welcher Einsamkeit sich der Dichter befand und mit welchen geistigen Widerständen er zu kämpfen hatte. Seitdem hat Kolbenheyer nie auf* gehört, am Äufbau eines neuen Deutschlands mitzuarbeiten. Mit dem unbeugsamen Willen zur Neuordnung hat er sein philosophisches Werk mit dem bezeichnenden Titel „Die Bauhütte" geschrieben. Von diesem Willen beseelt hat er sich immer wieder in Reden und Aufjätzen für die Erneuerung des deutschen Wesens aus feinem arteigenen Besitz eingesetzt. Es kann nur die Aufgabe des Dichters fein, in feinem Bereich, dem der Kunst, dem Volksganzen zu dienen. Kolbenheyer schuf die meisten seiner Werke in einer Zeit, da die Kunst am tiefsten verkommen war. Und so stand er als Denker und Dichter in erster Linie vor der Aufgabe, der Kunst wieder den Platz im Volke zu erringen, der ihr auf Grund ihres Wesens zukommt. In all diesen Jahren der Irrungen hat er unermüdlich für die Einordnung der Kunst ins Volksganze gekämpft. Kunst bedeutete für ihn immer „wesentliche Lebenshilfe" für das Volk, eine Hilfe, den Willen zur Bewahrung, Sammlung und Steigerung aller Volkskräfte zu stärken.
Das sind Erkenntnisse, die heute wieder zum allgemeinen geistigen Besitz unseres Volkes gehören, und es mag für den Dichter in diesen Tagen, da ihm der Goethepreis verliehen wird, die schönste Bestätigung seines Schaffens, feiner Mühe und feines unermüdlichen Einsatzes fein, daß der Dichtung und Kunst wieder die Stellung im Leben des Volkes eingeräumt wurde, die ihr nach einem höheren Gesetz gebührt. Hermann Mähr len.
Der Romantiker auf der Eisenbahn.
Auch etwas so Gewöhnliches wie eine Eisenbahnfahrt kann ein eindrucksvolles poetisches Erlebnis bedeuten, wenn es einem zum erstenmal begegnet und wenn — man ein Dichter ist. Das beweist ein Brief von 22. August 1837, in dem Victor Hugo seiner Frau die erste Eisenbahnfahrt feines Lebens schildert. Der Dichter war am 11. August 1837 von Paris abgefahren, hatte den ersten Teil der Reise in der Diligence zurückgelegt, aber unterwegs einmal eine Eisenbahn gesehen, die er feiner Frau
genau schilderte, wobei er mit den Worten schloß: „C’est fort laid", es ist sehr häßlich. Als er aber nur wenige Tage später selber eine Eisenbahnfahrt machte, zeigte er sich sofort völlig bekehrt. „Meine Adele", schrieb er, „ich bin mit den Eisenbahnen ausgesöhnt; es ist entschieden sehr schön ... Ich habe gestern die Reise von Antwerpen nach Brüssel und zurück gemacht. Um 4 Uhr 10 Minuten bin ich abgereist, und um 8V4 war ich zurück, wobei ist mich fünf Viertelstunden in Brüssel aufgehalten und 23 jranzösifche Meilen zurückgelegt habe. Die Schnelligkeit ist unglaublich. Die Blumen am Wegrand sind keine Blumen, es sind rote und weiße Flecke oder vielmehr Bänder, die Kornfelder sind unendliches wehendes Gelbhaar, die Luzernen lange grüne Flechten. Städte, Türme und Bäume führen einen Tanz auf und vermischen sich in Raserei am Horizont. Von Zeit zu Zeit taucht vor der Tür eine Gestalt, ein aufgerichteter Schatten auf und verschwindet blitzhaft wieder. Es ist der Wegwächter, der zum Schutz militärisch bewaffnet ist. Im Wagen sagt man sich: Noch drei Meilen, in zehn Minuten werden wir da fein. Als ich abends zurückkehrte, dunkelte es. Ich faß im ersten Wagen. Der Remorqueur (Lokomotive) warf vor mir mit schrecklichem Geräusch große rote Flammen, die Bäume und Hügel streiften und sich mit den Rädern drehten. Der Zug, der nach Brüssel fuhr, ist dem unserigen begegnet. Nichts so Erschreckendes wie diese beiden Geschwindigkeiten, die nebeneinander herfahren und für den Reisenden sich gegenseitig vervielfachen. Man sah von einem Zug zum anderen nicht Wagen, Männer und Frauen oorbeigleiten, man sah nur bleiche ober düstere Formen wie in einem Wirbel vorüberhuschen. Aus diesem Wirbel fliegen Schreie, Lachen, Hohnrufe ... Es gehört Anstrengung dazu, um zu glauben, daß das Stahlroß kein leibhaftiges Tier ist. Man hört es in den Ruhepausen atmen, bei der Abfahrt ächzen, unterwegs keuchen; es schwitzt, zittert, pfeift, wiehert, verlangsamt sich, kommt in Tempo, Funken sprühen unter ieinen Rädern oder unter seinen Füßen — wie du willst. Und sein Atem zieht über unseren Häuptern dahin in schönen Wolken von weißem Rauch, die an den Bäumen des Weges zerreißen. Bei der Ankunft mar es dunkel, unser Remorqueur verschwand vor mir in den Schatten, um sich in feinen Stall zu begeben. Die Illusion war vollständig; man hörte es in feinem Wirbel von Rauch und Flammen ächzen wie ein erschöpftes Roß ..." B.


