Nr. 73 Erster Blatt
187. Jahrgang
Donnersfog, 28. Januar 1937
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Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Flurbereinigung
Die territoriale Flurbereinigung ist eine alte Sehnsucht der nationalen Politik. Man hat oft über die Reichsstädtlein und Reichsdörfer gespottet, die einst im heiligen römischen Reich deutscher Nation ihre Selbständigkeit dadurch bewiesen, daß sie einen Soldaten und ein Pferd zur Reichsarmee zu stellen hatten, wenn zum Heereszuge aufgerufen wurde. Aber 'auch nach dem Wiener Kongreß von 1815 verblieb ein gar buntes Bild auf der deutschen Landkarte, über das sich ein Historiker wie Heinrich von Treitschke nur mit Hohn und Bitterkeit äußern konnte. Das Jahr 1866 hat freilich das Bild stark vereinfacht, aber nach 1871 war das Reich Bismarcks in erster Linie ein Vertrag der verbündeten Regierungen, so daß eine Aenderung aus dynastischen Gründen kaum noch möglich war. Erst nach 1918 schlossen sich die acht thüringischen Klein st aaten zu einem gemeinsamen Gebiet zusammen. Es folgte der freiwillige Anschluß Koburgs an Bayern, dann aber hörte die Entwicklung schon auf. Nur Waldeck vollzog noch fernen Anschluß an Preußen, nicht einmal Schaum- burg-Lippe und Lippe-Detmold waren dazu zu bewegen. Selbst die Vereinigung der beiden Mecklenburg, die 1918 nach dem Aussterben des Strelitzer Fürstenhauses versäumt worden war, konnte erst nach dem nationalsozialistischen Umbruch vollzogen werden. Da ganz allgemein die Reichshoheit an die Stelle der Länderhoheit getreten ist, wichtige Verwaltungszweige wie die Polizei und die Justiz zur Rcichssache wurden, so rückten die Wünsche und Notwendigkeiten der regionalen Reichsreform ganz von selbst in den Kreis reiner Zweckmäßigkeiten hinein. Das Gesetz vom 26. Januar hat die Flurbereinigung zwischen Weser und Elbe durchgeführt und damit die Grenzen von Hamburg, Oldenburg und Mecklenburg sowie der angrenzenden preußischen Provinzen verschoben, sie hat ferner d i e Zahl der „Länder" von 17 auf 16 herabgesetzt, weil die Freie Stadt Lübeck diese Eigenschaft aufgibt. Das Gesetz tritt zum 1. April in Kraft.
An der Unterelbe lagen die Dinge besonders schwierig. Hamburgs Wirtschaft hatte die Grenzen der Freien Stadt längst überschritten, seine Industrie siedelt sich vielfach in Altona und in Harburg an, Wandbek und andere schön gelegene Orte an der Elbe wurden zu Hamburger Wohngebieten. Vor 7 Jahren kam ein „Staatsver - trag" zwischen Preußen und Hamburg zustande, der gewisse gemeinsame Angelegenheiten, insbesondere die Hafenfragen, regeln sollte. Eine Abordnung des preußischen Landtages weilte damals an der Unterelbe. Die Herren waren etwas unangenehm berührt, als ihnen bei den Besuchen in den „preußischen" Gemeinden überall der Wunsch entgegentrat, aus wirtschaftlichen Gründen m i t Hamburg vereinigt zu werden. Hamburgs damalige Erwartungen wurden nicht erfüllt. Es kam nichts anderes zustande als ein Hafenver - trag zwischen Hamburg und Preußen. Seitdem gibt es an der Unterelbe vier Häfen mit vier verschiedenen Verwaltungen: je einer für Hamburg, für Altona, für Harburg und der gemeinsame preußisch-hamburgische Hasen. Daß in der Zeit der straffen Zusammenfassung der Kräfte, die der Dier- jahresplan fordert, solches Nebeneinander, das sich auf dem Gebiet des Verkehrs und der Siedln^ besonders nachteilig auswirkt, nicht bestehen bleiben kann, versteht sich am Rande. Die Hansestadt Hamburg erhält eine große Fläche zur Abrundung. Aus der Provinz Hannover wird Harburg- Wilhelmsburg mit 120 000 Einwohnern herausgelöst, aus Schleswig-Holstein die Stadt A l - t o n a mit ihren 240 000, ferner Wandsbek mit 50 000 Einwohnern und einige kleinere Orte. Anderseits tritt Hamburg das abseits an der Nordsee- tiifte gelegene Cuxhaven (23 000 Einwohner) und das im Binnen lande gelegene Geesthacht mit 5000 Seelen an Preußen ab. Interessant ist, daß das Hamburger Gebiet, das mehrere Gemeinden bildete, künftig nur eine Gemeinde dar- stellen wird. Wie wir hören, wird diese Großstadt eine Verfassung ähnlich derjenigen v o n Berlin erhalten, d. h. an ihre Spitze tritt später ein Stadtpräsident, der zugleich Oberbürgermeister ist, und die einzelnen großen Gemeindeteile (Altona, Harburg usw.) erhalten eigene Bezirksverwaltungen.
Im Lande zwischen Elbe und Weser lagen seit altersher in sonderbarer Zerstreuung manche isolierten Landesteile, die aus irgendeinem Grunde mitten im preußischen Gebiet stehengeblieben waren. Andererseits hatte Preußen vor 83 Jahren von dem Großherzog von Oldenburg 1000 Hektar erworben, um den Kriegshafen Wilhelmshaven zu gründen. So entstand dort eine Exklave, die zu Preußen gehörte. Im Laufe der Jahre wuchs Wilhelmshaven über die 1000 Hektar hinaus, und so entstand auf dem Boden Oldenburgs die Stadt Rüst ringen mit 50 000 Einwohnern. Oldenburg erhält nun Wilhelmshaven mit 23 000 Einwohnern, um Rüstringen damit zu vereinigen. Oldenburg verzichtet auf seine in weiter Entfernung liegenden Nebenländer Birkenfeld und das sogenannte „Fürstentum Lüde ck". Jenes, an der Nahe gelegen, mit 50 000 Bewohnern und dieses im Holsteinischen belegene Gebiet mit 47 000 Menschen fällt an die betreffenden preußischen Provinzen Rheinland und Schleswig-Holstein. Birkenfeld behält als rheinischer Landkreis seinen geschichtlichen Namen, das Lübecker Ländchen, bekannt als die „holsteinische Schweiz", wird zum Landkreise Eutin erklärt. Wie schon gesagt, wird die Freie Stadt Lübeck mit Schleswig-Holstein vereinigt. Von ihren ländlichen Bezirken fallen einige an das benachbarte Mecklenburg. Zwischen diesem Lande und den Provinzen Brandenburg und Pommern
Die Landesplanungsgemeinschast „Mein-Main".
Das Melioration«!- und Siedlungsprogramm des Gauleiters.
N S G. Arn Mittwoch fand in Frankfurt die Gründungskundgebung der „Landesplanungsgemeinschaft Rhein-Main" statt: „Das Kernproblem der Raumordnung im Gau Hessen- Nassau ist die Ernährungsgrundlage"; auf diesem fundamentalen Satz war die Ansprache des Gauleiters aufgebaut. Die Aufgabe wurde genau präzisiert: Unterrichtung über den bestehenden Zustand im Planungsraum und Ausarbeitung einer vorausschauenden, gestaltenden Gesamtplanung des Raumes, wobei sich der kleinere Raum in den größeren und die Einzelplanungen in die Reichs- und Landesplanungen einfügen müssen. Die „Landesplanungsgemeinschaft Rhein-Main" hat ihren Sitz in D a r m st a d t, mit der Führung der Geschäfte wurde Landeskulturrat Reich (Hessische Landesregierung) als kommissarischen Landesplaner bestellt. Die Planungsmaßnahmen werden sich auf alle Arbeiten zu erstrecken haben, die der Ordnung der Lebensbedingungen der Volksgenossen dienen, also der Ernährung, der Produktion, der Siedlung, des Verkehrs, der Arbeitsbeschaffung usw. Alle Schwierigkeiten, die aus der dichten Besiedlung und der geopolitischen Lage entstehen können, müssen beseitigt werden: Mit dem Ablauf des Arbeitsplanes für 1937 kommt im Rahmen des Melorations- und Siedlungsprogrammes eine Erfassung von 143 Gemarkungen zum Abschluß, in denen 86 477 Hektar landwirtschaftlich genutztes Gelände melioriert, umgelegt und verbessert wurden. Unter diesen 143 Gemarkungen waren 42, die teilweise 6, 8, 12 und mehr Jahre in Bearbeitung waren. Außerordentliche Ergebnisse wurden auch bei der Verbreiterung der Reichs- und Landstraßen, beim Bau von Umgehungsstraßen erzielt.
Eine besondere Würdigung des Gauleiters wurde der Neubildung deutschen
Bauerntums zuteil: 3m herbst 1935 standen für die Anliegersiedlung und Neubildung deutschen Bauerntums in Hessen etwa 4300 Hektar mit einem Werte von 9 Millionen Mark, im Herbst 1936: 79 Hektar mit einem Werte von rund 197 000 Mark zur Verfügung. Auf Grund der Arbeitspläne werden in diesem Herbst rund 9000 Hektar Siedlungsland mit einem Werte von 18 Millionen Mark ausgeschieden. Etwa 140 Neubauernsiellen werden in diesem 3ahre entstehen: 3 neue Erbhöfe- dürfe und 3 Erbehöfeweiler! 800 bis 900 bäuerliche Betriebe werden auf Erbhof- gröhe gebracht!
Landeskulturrat Reich faßte noch einmal das gesamte Problem der Landesplanung zusammen. Die Sicherstellung der Ernährung unseres Volkes zwingt uns eine Mehrerzeugung zu schaffen, die einer Bodengröße von 1,2 Millionen Hektar gleichkommt. Aus diesem Grunde ist gerade dem Meliorations- und Siedlungsprogramm der NSDAP, die allergrößte Bedeutung zuzumessen. Die Partei hat mit Nachdruck diese vorgezeichneten Ausgaben zu überwachen und für die Durchführung Sorge zu tragen. In der Landesplanungsgemeinschaft werden Arbeits- bzw. Fachausschüsse gebildet werden, die beratend und fördernd dem GauleUer zur Seite stehen. Die bereits bestehenden Organisationen werden zur Mitarbeit herangezogen.
Im Anschluß fand eine Fahrt über die Straße des Führers durch das Hessische Ried statt, wo das erste Erbhöfedorf des Gaues Hessen-Nassau: Ried- rode und das Frauenarbeitsdienstlager in Bürstadt besichtigt wurde. Weiterhin wurde dem Arbeitslager in Pfungstadt ein Besuch abgestattet.
Förderung des
tu
irtschasisverkehrs
zwischen Deutschland und Oesterreich
Berlin, 27. Jan. (DNB.) Botschafter von Popen und Staatssekretär für Aeußeres Dr. Schmidt haben gemeinsam mit den beiden Delegationsführern Dr. Clodius und Gesandten Dr. W i l d n e r Vereinbarungen für den Wirtschaftsverkehr zwischen den beiden Staaten für das Jahr 1937 unterzeichnet. Es ist Einvernehmen darüber erzielt worden, daß der Wirtschaftsverkehr wechselseitig im Verhältnis zum Gesamtvolumen des Jahres 1 9 3 6 b e - trächtlich erhöht werden soll. Da bei den gegebenen Verhältnissen eine solche Ausweitung nur bei Aufrechterhaltung des reibungslosen Zahlungsverkehrs herbeigeführt werden kann, war es notwendig, die Intensität der gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen in einem b e ft i m m t e n Rahmen zu halten.
In der Richtung Oesterreich-Deutsches Reich betreffen die zusätzlichen bedeutenden Steigerungen zunächst die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, wobei in erster Linie die größeren Gruppen, Schlachtvieh, Zucht- und Nutzvieh, sowie Pferde, ferner Butter, Käse, Milch und Rahm Berücksichtigung sanden. Auch für die Holzwirisch a f t sind beträchtliche Zusatzkontingente und zwar besonders für Nadelschnittholz, Eisenbahnschwellen sowie für Rundholz und Schleifholz vorgesehen. In der industriellen Gruppe betreffen die zusätzlichen Kontingente Lieferungen der Eisen- und Stahlindustrie, ferner eine Reihe verschiedener anderer industrieller Artikel, für deren
Berücksichtigung ein besonderes Interesse der österreichischen Jndustriekreisc gezeigt wurde. Endlich konnte Vorsorge für eine Verbesserung der Verrechnung im deutsch-österreichischen Film- gefdjäft sowie für Zahlungen für geistige Leistungen (Urheberrechte und Äutorengebühren) getroffen werden. Auch sind mit Bedachtnahme auf die ungestörte Abwicklung des Zahlungsverkehrs neue Vereinbarungen über den Reiseverkehr getroffen worden; damit ist auch eine stärkere Dotierung im Vergleich zu den Mitteln, die bisher zur Verfügung gestellt werden konnten, erreicht worden.
In der Richtung Deutsches Reich-Oester- r e i ch kamen, abgesehen von Kohle und Koks, in erster Linie industrielle Artikel in Betracht. Ueberbies konnten verschiedene größere Kompensationsverträge und sonstige Geschäfte eingebaut werden. Durch eine Zusatzvereinbarung zum geltenden Handelsvertrag soll dieser in zolltarifarischer Beziehung einige Ergänzungen erfahren. Schließlich sieht das Abkommen Regierungsaus- s ch ü s s e vor, die in ständiger unmittelbarer Fühlungnahme alle Fragen behandeln, die mit der Auslegung und Anwendung des Handelsvertrages sowie aller anderen zur Regelung des Waren-, Zahlungs- und Reiseverkehrs getroffenen Vereinbarungen Zusammenhängen. Die neuen Vereinbarungen sollen am 1. Februar d. I. in Kraft gesetzt werden.
findet ein Austausch einiger Enklaven, See- und Waldstücke statt.
Das Gesetz wird als die erste Flurbereinigung im norddeutschen Raume bezeichnet. Es stellt zweifellos eine großzügige Regelung dar. Ohne auf eine „Seelenrechnung" nach dem Vorbilde des Wiener Kongresses zu verfallen, schafft das Gesetz klare Verhältnisse und trägt auch den lokalen Erfordernissen und Wünschen weitgehend Rechnung. Nachdem es keine Länderhoheit mehr gibt, nachdem auch dynastische Rücksichten nicht mehr bestehen, können sich derartige Veränderungen leichter vollziehen, weil sie nur nach dem Interesse Gesamtdeutschlands und den Gründen zweckmäßiger Verwaltung bestimmt werden.
Birkenfeld
120 Zahre oldenburgische Exklave.
Die 600 Kilometer von Oldenburg entfernte Exklave Birkenfeld liegt, von den Regierungsbezirken Trier und Koblenz umschlossen, im Quellgebiet der Nahe, ist 500 Quadratkilometer groß und zählt 56 000 Einwohner. Der Landesteil Birkenfeld gehört jetzt 120 Jahre zu Oldenburg. Seine Entstehung als Fürstentum mit den heutigen Grenzen hat es dem Feilschen auf dem Wiener Kongreß zu verdanken, von dem der damalige Großherzog Peter von Oldenburg als Gegner Napoleons dieses Ländchen zugesprochen erhielt. Aus 86 kleinen Gemeinden gebildet, wurden hier die verschiedensten Herrschafts-Untertanen aus pfälzisch- zweibrücker, sponheimer und badischer Zeit zusammengewürfelt. 1776 war das Ländchen unter
badische Verwaltung gekommen, von 1801 bis 1814 übten die F r a n z o s e n die Herrschaft aus und am 9. April 1817 wurde durch öffentlichen Anschlag des Freiherrn v. Schmitz-Grollenburg zu Frankfurt als Beauftragten des Königs von Preußen bie Uebergabe an Oldenburg bekanntgegeben. Birkenfeld war wohl ein Teil Oldenburgs, hatte aber bis heute eigene Finanzverwaltung.
Hamburgs Zukunft.
Hamburg, 27. Jan. (DNB.) Aus Anlaß der Verkündung des Gesetzes Groß-Hamburg richtete Reichsstatthalter (Bauleiter Kaufmann einen Aufruf an die Bevölkerung Groß-Hamburgs, in dem er u. a. hervorhebt:
Mit dem Erlaß des Reichsgesetzes über Groß- Hamburg beginnt eine neue Epoche. Mit starker Hand hat der Führer das hoheitliche, verwaltungsmäßige, oerkehrspolitifche, städtebauliche und wirtschaftliche Durcheinander im Stromspaltungsgebiet der Elbe beseitigt. Die Bahn ist frei für die weitere Entwicklung des Hamburger Hafens und der mit ihm verbundenen Industrie sowie für die Schaffung ausreichender und gesunder Siedlungen der Groß- Hamburger Bevölkerung. In der Tatsache, daß die Verwirklichung der Groß-Hamburger-Frage die erste bedeutende territoriale Neugestaltung des Dritten Reiches ist, liegt zugleich ein weithin sichtbares Zeichen für das große Interesse, das der Führer Hamburg entgegenbringt, und ein Bekenntnis des Reiches zu der Aufgabe Hamburgs zu Außenhandel und Schiffahrt.
3fi der Ostseeraum gesichert?
Lou unserem dt-Äerichierstatier..
(Nachdruck verboten, auch mit Quellenangabe.) Stockholm, Januar 1937.
Einer Welt voll politischen Zündstoffes hat das deutsche Volk im vergangenen Jahr das Bild geeinter deutscher Macht gezeigt; gegen die zerstörenden Triebkräfte des jüdischen Bolschewismus ist von Deutschland immer wieder das Gewissen der Kulturvölker alarmiert worden. Alte Begriffe von Parteien und Regierungen sind morsch geworden. Mitten durch die Länder um Deutschland, die den Weg zur Neuordnung ihres völkischen Lebens noch nicht gegangen sind, zieht sich die Grenzscheide der Zukunft. Ströme von Blut folgen ihrem Lauf in Spanien. Geiselmorde und Feuersbrünste verbreiten Schrecken und Entsetzen; der Tod hält reiche Ernte. Die Kräfte des Wiederaufbaues werden ein Trümmerfeld vor sich sehen. Das war Moskaus Hand.'
Die großen Dichter und Denker sehen die Ungs oft nicht nur klarer und früher als ihre Völker, sondern vermögen sie auch in knappe, für sich selbst sprechende Formen zu pressen. Der Norden wartet dafür mit einer Reihe von Beispielen auf. Als in den letzten Monaten Verner v. Heiden stam, der Nestor der Skalden Schwedens, von einer Reise durch Europa auf seinen Landsitz am Vättern-See zurückkehrte, hat er sich lebhaft erzählend, noch erfüllt vorn Ernst des Geschauten, über seine Eindrücke geäußert: „In dieser Unruhe und Auflösung sehe ich einen festen Punkt und das ist — mag man sagen, was man will — Deutschland. Man kommt nicht darum herum, daß cs Hitler gelungen ist, geordnete, klare und beständige Verhältnisse zu schaffen. Es liegt Ziel und Genialität in seinen Handlungen. Ich bin völlig davon überzeugt, daß er den Frieden will und nur um des Friedens willen fein Land in Verteidigungsbereitschaft setzt. Nur durch den Umbau Deutschlands ist Europa vor dem Sturz ins bolschewistische Chaos bewahrt worden".
Die Worte des Dichters erhalten eine bedeutsame Ergänzung, wenn man ihnen die Erkenntnisse eines Soldaten hinzufügt, der sich nicht nur mit dem Wesen des Bolschewismus beschäftigt, sondern auch nachdenklich in den Büchern der Geschichte geblättert hat. Es ist Generalleutnant H. Wränget, der unter dem Eindruck der Ereignisse das Problem „Schweden und die Sowjet-Union" aufgerollt hat. Es enthüllt anhand der Veröffentlichungen des Generalstabes die Unterminierungsarbeit Rußlands in Schweden schon in der Zeit zwischen dem Frieden von Nystab, der 1721, drei Jahre nach dem Tode des großen Soldatenkönigs Karls XII. den Nordischen Krieg beendete, und dem von Fredriks- hamn in dem Schweden 1809 nach unglücklichem Kriege Finnland samt den Aalandsinseln an das Zarenreich abtreten mußte. Er verweist darauf, daß em russischer Vorstoß gegen Schweden in der Ostsee im Herbst 1914 nur um Haaresbreite vermieden wurde. Er gibt den Inhalt eines Gespräches wieder, das er mit einem Finnen über den „Erbfeind" gehabt hat. Er fragt, ob Rußland versuchen werde, seine im Weltkriege verlorenen westlichen Provinzen zurückzuerobern, und erhält die Antwort: „Nichts ist so gewiß wie das. Wann es geschehen wird, wissen wir nicht; aber wir werden uns dann schlagen bis auf den letzten Man n." Der schwedische Offizier schildert schließlich den ungestümen Drang Rußland nach einem eisfreien Hafen am Atlantik und sein Begehren nach den kostbaren Erzfeldern Schwedens im hohen skandinavischen Norden. „Die Gefahr aus Osten" ist es, die ihm die Feder in die Hand gedrückt hat.
Diese Gefahr ist durch die unerhörte Auf» r ü st u n g der Streitkräfte der Sowjetunion, deren angriffslustiger, nach Westen gerichteter Charakter von niemandem im Ernst bestritten werden kann, und durch die immer unverhüllter zutage tretenden roeltreoolutionären Ziele der kommunistischen Internationale ins Riesenhafte gewachsen. Sie besteht für die Länder Skandinaviens so sehr wie für die des Baltikums; sie droht zu allererst Finnland, das volklich und geschichtlich mit engen Banden cm beide Staatengruppen geknüpft ist. Dieser „Eckpfeiler" Skandinaviens zwischen der Ostsee und dem Eismeer ist anders als Schweden, Norwegen oder Dänemark den Stürmen der Zeit ausgesetzt gewesen. Das finnische Volk hat unter dem Zarismus länger als ein Jahrhundert um seine kulturelle Selbstbestimmung ringen müssen, hat den Weltkrieg bitterer durchkostet als seine Nachbarn und zehrt noch heute von den harten Lehren des blutigen Befreiungskampfes, den es 1918 Schulter an Schulter mit deutschen Freikorps gegen die lieber» zahl der das Land terrorisierenden bolschewistischen Scharen durchgefochten hat. Finnland kennt seine Gegner. Wenn es heute ohnmächtig mit ansehen muß, wie Ingermanland zwischen feiner Ostgrenze und Leningrad zwangsweise entvölkert und in einen Gürtel von Besestigungsan- lagen mit Flugplätzen verwandelt wird, so weiß es, was die Stunde geschlagen hat.
Dieses Wissen wird dadurch drückender, daß Ingermanlands Bevölkerung ebenso wie die des nördlich sich anschließenden Karelien derjenigen Finnlands stammverwandt ist. Jede von ihrem Hose vertriebene und in die Verbannung nach Sibirien gestoßene Familie ist 23 c r l u ft am'eige« nen Volkstum. Die Zentralregierung in Moskau, die so gern mit der angeblich freien Entfaltung der nationalen Minderheiten im Nahmen der Sowjetunion prahlt, hat schon seit Jahr und Tag die vertraglich verbürgten kulturellen Rechte der Fin« nen Ingermanlands mit Füßen getreten. Das Wissen Finnlands wird vermehrt um die Meldungen, die das Anwackisen der kommunistischen Kampfmittel zu Lande, zu Wasser und in der Luft an-


