gemacht hatten. Die Bootshalle war in eine „Dfr toberwiese" verwandelt, auf der eine Wurfbude, Schießbude mit „Original-Cowboys" sowie eine Sektbude zu sehen waren. An blankgescheuerten Tischen saß man und trank aus Maßkrügen das köstliche Münchner Bier. Mitglieder des Marine. Sturmbanns spielten zum Tanz auf. Auch das Klub, sülchen war „auf bayrisch hergerichtet", und es konnte bald die Besucher nicht mehr fassen, die nach den Klängen der Kapelle Heinz N l k e l tanzten Erst am frühen Morgen konnten sich ^Madln und „Buam" von der „Oktoberwiese" im Bootshaus der Rudergesellschaft trennen.
Große Strafkammer Gießen.
Der Günther Nowock aus Frankfurt a. M., der schon wiederholt einschlägig vorbestraft ist, war von dem Schöffengericht wegen mehrfacher schwerer Urkundenfälschung in Tateinheit mit Betrug zu einer Gefängnis st rafe von IJahr und 5 M o . naten verurteilt worden. Hiergegen richtete sich die Berufung des Angeklagten, die gestern vor der Großen Strafkammer verhandelt wurde.
Der Angeklagte war in den Jahren 1935/36 als Werbevertreter eines Frankfurter Verlages im hie- sigen Bezirk tätig. In dieser Eigenschaft bereiste er Gießen, Wieseck, Großen-Buseck und versuchte Bezieher zu werben. Da das Ergebnis offenbar sei
ber Verwaltungsstelle des Untergaues gegen Bezahlung in Empfang zu nehmen.
Die nächste Morgenfeier des HI.-Theaterrings am Sonntag, 31. Oktober, morgens 11.30 Uhr, „Slawische Tänze", kann von den Mitgliedern des Theaterrings zum Eintrittspreis von —,25 Mark besucht werden. Die Karten müssen bis zum 28. Oktober auf der Dienststelle des BDM.-Untergaues bestellt sein. Später eingehende Meldungen können nicht mehr berücksichtigt werden.
Belr. Dochenendschulung.
Die Wochenendschulungen, die am 31.10. vorgesehen waren, mußten aus den 7.11. verlegt werden. Sie finden wieder an den den Führerinnen bekannten Schulungsorten statt.
Appell der 18- bis 21jährigen INädel.
Am Sonntag, 31. 10., morgens 8.30 Uhr, findet auf dem Brandplatz ein Appell aller 18- bis 21jäh- rigen Mädel aus sämtlichen Gießener Gruppen zwecks Neueinteilung statt. Schluß des Appells gegen 9.30 Uhr.
INädelgruppe 3/116.
Betr.: Dien ft befehl.
Am Mittwoch, 27.10., tritt die Singschar um 19.15 Uhr am Heim an. Um 20 Uhr treten alle Schar- und Schaftsführerinnen zur Arbeitsbesprechung und Werkarbeit an. Mitzubringen sind Dienst- und Liederbücher, Farbkasten, Pinsel und Stosflappen.
AG.-Zrauenschast/Irauenwerk.
Ans Mittwoch und Donnerstag, 27./2S. Oktober, findet in der Lehrküche der Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft im Deutschen Frauenwerk um 20 Uhr ein Kurzlehrgang in der Herstellung von Weihnachtsgebäck statt. Die Zubereitung wird nach den Kochoorschriften erklärt und praktisch ausgeführt. Alle Hausfrauen find herzlich dazu eingeladen. Derselbe Lehrgang wird am 1./2. November und am 3./4. November wiederholt. Anmeldungen können noch auf der Kreisfrauenschaft erfolgen.
Mehr Blumen im Stadtbild!
Das Ergebnis des Blumenschmuckwettbewerbs 1937.
Seit Jahren bemüht sich der hiesige Fremdenverkehrsverein um die Verschönerung unseres Stadtbildes. Als ein Mittel hierzu sieht der Verein die Veranstaltung von Blumenschmuckwettbewerben an, die bisher auch ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Immer mehr Blumen sieht man im Stadtbild, immer größer wird der Kreis derer, die mit Blumen Haus und Garten schmücken. Auch in diesem Jahre veranstaltete der Verein wieder einen Blumenschmuckwettbewerb, lieber 70 Blumenfreundinnen und -freunde meldeten ihre Beteiligung an, und dem Preisgericht fiel es nicht leicht, bei der Bewertung der blumengeschmückten Fenster, Vorgärten und Hausgärtenanlagen gerecht zu entscheiden. 67 Wettbewerbsteilnehmer konnten mit Prei- sen bedacht werden.
Am Montag fand im Stadthaus, Gartenstraße, die Verteilung der Preise statt. Im Sitzungssaal waren auf weiß gedeckten Tischen viele Blumenstöcke, prächttge Vasen (Keramik, Porzellan, Kristall) aufgebaut, so daß der Saal von Blumenduft und Farbe erfüllt war. Die Preisträgerinnen (in der Mehrzahl hatten Frauen, als die gegebenen Pflegerinnen des Blumenschmucks an Haus und Garten gemeldet) nahmen mit großer Freude die Anerkennung entgegen, die ihnen hier zu teil wurde. Palmen, Dracenen, Zimmertannen, Bro- melien, Zimmerfarne, Zierspargel, Blattbegonien, Alpenveilchen, Primeln und Chrysanthemum wurden in schönen Exemplaren, viele reich in Blüte stebend, vergeben.
Die Bewertungskommission hatte 27 erste, 23 zweite und 17 dritte Preise zuerkannt. Die Preise waren zum Teil durch den Fremdenverkehrsverein bei hiesigen Erwerbsgärtnereien beschafft, zum Teil von den Gärtnern im Interesse der Förderung der Blumenhaltung gestiftet worden.
Vom ehrenamtlichen Geschäftsführer des Vereins, Derwaltungsoberinspektor Müller, war zu hören, daß der Blumenschmuck nach den Beobachtungen der Bewertungskommission in unserer Stadt wohl zugenommen hat, daß aber noch viele Möglichkeiten vorhanden sind, die Straßen und Häuser zu verschönern. Insbesondere in der inneren Stadt gibt es noch viele Häuser, ja ganze Straßen, die jeglichen Blumenschmuckes entbehren. Erfreulicherweise ist dies in den Außenbezirken ganz anders. Insbesondere die neugebouten Einfamilienhäuser in den verschiedensten Stadtteilen sind um
geben von einem Flor bunter Blumen und frischen Grüns.
Probealarm
der Samtäiskolonne Gießen.
Gestern abend weilte der Landeskolonnenführer vom Deutschen Roten Kreuz, Hauptmann a. D. L o t h e i s e n in unserer Stadt. Aus diesem Anlaß wurden die Mannschaften der hiesigen Sanitätskolonne zu abendlicher Stunde von einem Probealarm überrascht, da sich der Landeskolonnenfuhrer einmal von der Schlagfertigkeit der Kolonne überzeugen wollte. Durch Fernsprecher und Boten wurden die Kameraden benachrichttgt. Bereits zwei Minuten nach der Alarmierung stand der erste Sanitätswagen startbereit am Depot, wenig später waren auch zwei andere Sanitätswagen aur Stelle. In kurzen Abständen trafen dann auch Die Kameraden ein. Mit 27 Mann, 2 Aerzten und 3 Sanitätswagen rückte man nacheinander zur Unfallstelle an der Ecke WiesenstLaße und Moltkestraße ab. Als Unfall war angenommen, daß an der Ecke Wiesenstraße und Moltkestraße ein Zusammenstoß zwischen einem Omnibus und einem Lastkraftwagen stattfand, bei dem acht Insassen des Omnibusses zu Schaden kamen. Nach getaner Arbeit, insbesondere wurden dabei auch die modernen Scheinwerfer der Kolonne ausprobiert, kehrte man zum Depot zurück, wo der Landeskolonnenführer Kritik hielt. Die Leitung der Uebunq lag in Händen von Ko- kolonnenführer Luch. Bezirkskolonnenführer Professor Eger, Kreiskolonnenführer Kratz, sowie die Aerzte Regierungsmedizinalrat Dr. Traut- mann und Dr.Neumann-Spengel wohnten der Hebung bei. Die Hebung bewies erneut, daß „bie Gießener Sanitätskolonne vom Deutschen Roten Kreuz im Ernstfälle schnelle und wertvolle erste Hilfe zu leisten vermag.
Klavier- und Liederabend der konzertgemeinschafl deutscher blinder Künstler.
Das war ein Abend besonderer Art, an dem Frl. Maria Kujava (Sopran) und Herr Philipp Daus (Klavier) in der Neuen Aula der Universität musizierten. Zwei Menschen, denen ein grausames Geschick einen der wichtigsten Sinne versagt hat, die aber anderseits mit so hohem Künstlertum und reichem Innenleben begabt sind, daß sie ihre Mitmenschen auf die Höhe führen und beglücken können. Solche Menschen sind trotz allem reich.
Die mit einer umfangreichen, in allen Lagen gleich gut ansprechenden Sopranstimme begabte Sängerin M. Kujava sang Lieder älterer und neuerer Meister. Es gelang ihr mit feinem Stilempfinden ebenso gut der Kunst eines Paradies und Händel (die sie in italienischer Sprache sang) gerecht zu werden, wie den Empfindungsgehalt der Lieder von Schubert, Schumann, Brahms und Wolf voll auszuschöpfen. Eine ausgezeichnete Atemfüh- führung ermöglichte ihr die bei den alten Meistern so wichtige Herausarbeitung großer Melodiebögen, wobei die eingestreuten Koloraturen nirgends durch ein unnötiges Tremolo verwischt wurden. Die große Vortragskunst der Sängerin stand auf besonderer Höhe bei „Der Nußbaum" von Schumann, „Die Nachtigall" von Brahms und „Er ist's" von Wolf. Liefe! Bernhardt war eine aufmerksame und sichere Begleiterin, deren feines Spiel die Vor- und Nachspiele sehr wirksam gestaltete.
Herr Daus (Klavier) zeigte in Werken von Beethoven, Chopin und Liszt eine ins Virtuose gesteigerte Technik. Wenn man von dem Wund er - knaben Mozart lieft, daß er dann besonderes Erstaunen heroorrief, wenn er auf einer mit einem Tuch bedeckten Klaviatur spielte, so wird man verstehen können, was es bedeutet, die so schwierigen Werke von Chopin und Liszt mit dieser Sicherheit von dem blinden Meister spielen zu hören, dabei dieser sparsame Pedalgebrauch. Ein tiefes Gefühlsleben offenbarte sich in dem Adagio der Beethovensonate und dem Nocturna von Chopin.
Der reiche Beifall der Zuhörer galt vor allem der großen Künstlerschaft der Ausübenden und erzwang mehrere Zugaben. Heinrich Blass.
Kameradschastsireffen der oberhessischen Blinden.
Man berichtet uns: Am vergangenen Sonntag fand im Katholischen Dereinshaus in Gießen nach längerer Pause wieder ein Kameradschaftstreffen der oberhessischen Friedensblinden statt, die als Bezirksgruppe dem „Blindenverein in Hessen und ! Hessen-Nassau" angehören. An der Zusammenkunft
nahmen das Kreisfürsorgeamt, vertreten durch Amtmann Ewald, das städtische Wohlfahrtsamt Gießen, vertreten durch Direktor Keitzer, und die Blindenanstalt Friedberg, vertreten durch Direktor Schmidt und einige Lehrer, teil. Die drei genannten Herren richteten an die Blinden, jeder von feinem Arbeitskreis aus, verständnisvolle Worte, die freudigen Widerhall fanden.
Der Vorsitzende des Blindenvereins in Hessen und Hessen-Nassau, I. Reusch (Darmstadt), wies in seiner Begrüßungsansprache darauf hin, daß dieses Kameradschaftstreffen durch das freundliche Entgegenkommen der genannten drei Stellen ermöglicht worden fei, und daß es den Zweck habe, die nationalsozialistische Weltanschauung unter den Blinden zu verttefen und sie selbst, die häufig in großer Vereinsamung auf dem Lande leben, seelisch aufzumuntern und zu stärken.
Es wurden Teile aus der Festschrift zum 25iah- rigen Bestehen des „Reichsdeutschen Blindenverbandes", Berlin, verlesen, der als Reichsorganisation der Selbsthilfe der deutschen Friedensblinden in diesem Jahre sein Jubiläum feierte und auf beachtliche Erfolge innerhalb der deutschen Blindenschaft zurückblicken kann.
Im zweiten Teile dieses Kameradschaftstreffens hatten die Blinden Gelegenheit, dem Vorsitzenden ihre Wünsche und ihre beruflichen Nöte vorzutragen. Leider mangelt es den an sich arbeitsfreudigen blinden Handwerkern (Bürsten- und Korbmachern) sehr an Aufträgen. Es wäre zu begrüßen, wenn die oberhessische Bevölkerung sich ihrer blinden Volksgenossen bei Bedarf mehr erinnern wollte.
Das Zusammentreffen der Blinden untereinander sowie mit ihren ehemaligen Friedberger Lehrern nahm einen überaus harmonischen und frohen Verlauf.
Von einem Fernlastzug anaefahren.
Am gestrigen Dienstag gegen 21.30 Uhr wurde der Gefreite Wald aus Gießen in der Nähe von Hermann st ein (Kreis Wetzlar), wo er sich mit Kameraden auf Erntekommando befand, von einem Fernlastzug angefahren. Der Soldat befand sich mit einem Kameraden und mit Bekannten auf einem Abendspaziergang. Er mußte mit lebensgefährlichen Verletzungen nach Wetzlar in das städtische Krankenhaus gebracht werden. Der Fahrer des Fernlastzuges setzte seine Fahrt fort. Es handelt sich um einen Fernlastzug mit Anhänger, Motorwagen 'mit zwei, Anhänger vermutlich mit drei Achsen. Beide Fahrzeuge trugen graues Verdeck und haben dunklen Anstrich mit Karos. Die Ladung des Motorwagens war in der Mitte erhöht.
*
** Oktoberfest der Gießener Rudergesellschaft. Man berichtet uns: Am vergangenen Samstag fand in sämtlichen Räumen des Bootshauses der Gießener Nudergesellfchaft das traditionelle Oktoberfest statt. Die jüngeren Mitglieder hatten es sich nicht nehmen lassen, ihr Bootshaus dementsprechend auszugestalten, und man darf feststellen, daß sie ihre Sache sehr gut
RUHL SeHersweg Nr. 67
adio Telephon Nr. 3170
eparaturen i89?d
nen Erwartungen nicht entsprach, fälschte er Bestellzettel auf den Namen mehrerer Einwohner aus diesen Gemeinden und ließ sich die entsprechende Provision, wenn auch zum Teil nur vorschußweise, von dem Verlag auszahlen. Der Angeklagte, der inzwischen entlassen wurde, ist infolge dieser Manipulationen dem Verlag heute noch einen Betrag von rund 370 Mark schuldig.
In der gestrigen Hauptverhandlung gab der Angeklagte in der Mehrzahl der Fälle zu, die Urtter» schriften auf den Bestellzetteln gefälscht zu haben. Er gab jedoch zu seiner Entlastung an, die Aufträge seien mündlich erteilt worden, und er habe die Unterschrift nur deshalb darauf gesetzt, um einen nochmaligen Besuch und die damit verbundenen neuen Unkosten zu sparen. Dem steht jedoch die Tatsache gegenüber, daß er teilweise Namen eintrug, die überhaupt nicht existierten. Darüber hinaus wurde er durch die sehr umfangreiche Beweisaufnahme restlos überführt. o
Mit Rücksicht auf seine Vorstrafen und sein Auftreten in der gestrigen Hauptverhandlung sah sich das Gericht außerstande, die Strafe zu ermäßigen, und es kam daher zur Verwerfung der Berufung. Dem Angeklagten wurden 3% Monate der Untersuchungshaft angerechnet. Außerdem wurde chm auf die Dauer von 5 Jahren die Befähigung aberkannt, sich als Werbevertreter zu betätigen. Mit Rücksicht auf die Höhe der Strafe erging Haftbefehl.
Wirtschaft.
Oie Gepiember-Auswrise der Banken.
Die privaten Kreditaktienbanken haben, wobei die Spezialinstitute des privaten Bankgewerbes außer Betracht bleiben, ihre der Wirtschaft zur Verfügung gestellten Kredite im Monat September um über 95 Millionen RM. erhöht, von denen etwa 76 Mill. RM. auf die Berliner Filialgroßbanken entfallen. Darüber hinaus wurden weitere Millionenbeträge im Rahmen der Erntefinanzierung hinausgelegt und die bereits im August erfolgreich begonnene Placierung der letzten großen Konsolioierungsanleihe des Reichs durch endgültige Abrechnung mit dem Anleihebezeichner fortgesetzt. Diese Entwicklung läßt sich an dem Abbau der Eigenbestände der Banken an Anleihen und verzinslichen Schatzanweisungen des Reichs, der im Berichtsmonat einen Umfang von 103 Millionen Reichsmark annahm, deutlich verfolgen. Fügt man hinzu, daß die Banken 134 Mill. RM. für die Bedürfnisse des Quartalsultimo bereitstellen mußten und sich mit etwa 200 Mill. RM. an der Rüstungsfinanzierung durch Uebernahme von Sonderwechseln beteiligt haben, so erhält man einen lebhaften Eindruck von der umfassenden Tätigkeit, die das Bankgewerbe auch im verflossenen Monat wieder zum Nutzen von Staat und Wirtschaft entfaltet hat.
Bindermarkt in Gießen.
Auf dem gestrigen Rinder-Nutzvieh-Markt in Gießen standen 358 Stück Großvieh, 62 Fresser und 77 Kälber zum Verkauf. Es kosteten: Milchkühe oder hochtragende Kühe 1. Qualität 400 bis 520 RM.: 2. Qualität 300 bis 380 RM.; 3. Qualität 200, bis 270 NM.; Rinder. */-- bis X jährig, 60 bis 100 RM.;
bis 2jährig 120 bis 160 RM.; tragend 280 bis 400 RM.; Kälber bis 2 Wochen 22 bis 32 RM.; bis 4 Wochen 35 bis 45 RM.; bis 6 Wochen 50 bis 60 RM. Ausgesuchte Tiere über Notiz. Marktver« lauf: schleppend, geringe Kauflust. — Nächster Markt: 9. November.
Bhein-Mainische Börse.
Mittagsbörse weiter abbröckelnd.
Frankfurt a. M., 26. Dft. Die Börse begann auf der ganzen Linie mit sehr ruhigem Geschäft. Die Unternehmungslust blieb weiterhin sehr gedämpft, da die Kundschaft wieder nur sehr wenig Kauforders erteilt hatte. Diesen standen erneut einige Verkäufe gegenüber, wobei es sich um Geldbeschaffungsverkäufe aus industriellen Kreisen handelte. Die Kurserholung in Neuyork übte keinen Einfluß aus.
Am Aktienmarkt lagen die ersten Notierungen zwar nicht ganz einheitlich, doch vorwiegend
Aandme seht sich durch
Vornan von
Hans-Joachim Freiherr» von Reitzenstein
Copyright by Carl Duncker
9 Fortsetzung lNachdruck verboten.)
Frau Hertel saß am Fenster und blickte die Straße hinunter, in der Richtung, aus der Blondine kommen mußte. Sie saß schon eine Zeitlang hier. Blondine hatte ihr versprochen, heute ihren freien Nachmittag und Abend wahrzunehmen. Sie wußte, daß ihre Tochter zu tun hatte, viel zu tun. Aber trotzdem...
Frau Hertel hatte Kaffeedurst. Aber sie war nicht nur deshalb ungeduldig. Sie kannte das bisher nicht an Blondine. Solche Mütter haben den sechsten Sinn. Sie wittern von weitem, wenn ihr Kind in Gefahr ist. Und die Technik, die mit Hilfe eines bißchen Drahtes das Wort und den Ton über Erdteile sendet, oder die Psychologie, die die Geheimnisse der Menschenseele enthüllt, werden vielleicht einmal herausbekommen, warum eine Mutter plötzlich zusammenzuckt, weil irgendwo in der Welt ihrem Kinde etwas geschieht.
Frau Hertel wurde immer unruhiger/ Schließlich ging sie über den Hausflur in die Nebenwohnung. Dort telephonierte sie mit der Klinik. Blondine war um vier Uhr fortgegangen. Eine große, blonde Dame, die öfters kam, hatte sie abgeholt.
Inzwischen war es dunkel geworden. Frau Hertel drehte Licht an, trank etwas Kaffee, strich in dem Zimmer ihrer Tochter die Bettdecke glatt, rückte die Bücher auf dem Ständer gerade und zupfte an den Blumen herum. Sie kam sich in ihrer Unrast komisch vor. Aber sie konnte es nicht ändern.
Wenn sie jemals Angst um Blondine gehabt hatte, dann heute. Ihre Tochter durfte sich nicht verplempern. Sie wußte, daß sie zu den Mädchen gehörte, deren Seele dabei Schaden nimmt.
Und endlich kam Blondine. Sie stand da, frisch vom Gehen durch die Kälte, hübsch wie je und jung und froh und glücklich.
„Wo warst du?" rief Frau Hertel unbeherrscht. Sie war sonst ein ruhiger Mensch. Im Umgang
mit ihrer verwöhnten Kundschaft hatte sie sich bezwingen gelernt, wenn sie es nicht vorher schon gekonnt hätte. Aber jetzt verlor sie die Fassung. Denn sie hatte an ihrer Tochter einen veränderten Ausdruck bemerkt. Und noch den Aengsten, die sie um sie ausgestanden hatte, konnte es nichts Gutes jein, was diese Veränderung brachte.
„Greta hot mich aus der Klinik abgeholt^ antwortete Blandine etwas erschrocken.
„Schon faul", sagte die Mutter. „Und bann?"
„Dann waren wir im Kaffeehaus."
„Ihr beiden Mädels allein?"
„Nein, mit Doktor Schrader und seinem Freund Doktor Kapp."
Jetzt verstummte Frau Hertel. Sie setzte sich mit ihrer Tochter an den Abendbrottisch. Und sie gab ihr heißen Tee und ließ sie erzählen.
Blondine erzählte, daß die Musik recht gut gewesen sei, lauter Hochschulstudenten. Blandine erzählte, daß Doktor Kapp sehr nett gewesen sei. Sie erzählte auch, daß Greta sich nicht fein benommen habe. Nur von Doktor Schrader und dem Spaziergang erzählte sie nichts.
Plötzlich fielen in ihr Gerede, wie ein Stein, der ins Meer fällt, ein paar Worte der Mutter.
„Und wer hat deinen Kaffee bezahlt?"
Das kam so rasch und unerwartet, daß Blyndine die Antwort schon gab, ehe sie noch überlegt hatte.
„Doktor Schrader."
„Wie kannst du dir von einem jungen Herrn deinen Kaffee bezahlen lassen! Ein Mensch, der was is und was kann, hat doch nich nötig, sich freihalten zu lassen! Immer bezahlen, was man verzehrt! Dann kann feiner Ansprüche an einen stellen. Dann bleibt man mäßig und behält den Ueberblick. Wie fannfte dir als anständiges Mädchen deinen Kaffee bezahlen lassen! Und noch dazu von so was wie deinem Vorgesetzten! Was soll denn der Mann von dir denken?"
Blandine wurde rot. Das war ihre empfindliche Stelle, was Schrader von ihr dachte.
Die Mutter bemerkte es und nahm ihren Vorteil
wenn du mit solchen Mädels wie der Greta ausgehst."
„Aber da ist doch wirklich nichts dabei, Mutter."
„Von dir aus sicher nicht. Aber Männer, die denken sich immer was dabei. Und was wollen sie denn schließlich auch von euch?"
Blandine wurde sehr rot. Sie wehrte ab: „Warum sollen sie sich denn nicht einmal mit einem Mädchen unterhalten wollen?"
„Puppe, hast du 'ne Ahnung, wie du aussiehst! Mit dir fängt kein Mensch ’ne Seelenfreundschaft an. Und dann die Doktors bei Larnbertz, die haben für jebildete Unterhaltung grabe euch nötig! Von denen weiß man, daß sie tüchtige Kerle sind. Da halten sich die reichsten und feinsten Mädchen ran. Die jeh'n weg wie die warmen Semmeln, die Jungens, wenn sie wollen."
Blandine versuchte, das unbequeme Gespräch zu drehen:
„Ist Doktor Kapp auch so tüchtig? Den Eindruck machte er heute nicht."
„Das sage ich doch, bei so ’ner Cafe-Unterhaltung von zwei Pärchen kriegst bu'n falschen Eindruck vom Leben. Bei so was stellen sich die klügsten Männer am unbeholfensten an."
„Na, daß Kapp unbeholfen gewesen wäre, das möchte ich gerade nicht behaupten", warf Blondine ein.
Aber ihre Mutter ließ sich nicht beirren. Sie fuhr in ihrem Gedankengang fort: „Und von dir bekommt ein Mann bestimmt in so ’ner Gesellschaft einen falschen Begriff."
Blondine mußte an den Ton zwischen Kapp und Greta denken. Unbeholfen war Kapp nicht gewesen. Aber wie ein Mensch, zu dem man aufblicken konnte, hatte er sich auch nicht gerade betragen. Sie hatte sich ja selbst wegen des Tons der beiden vor Schrader geschämt Wenn sie ehrlich war: selbst da, wo ihre Mutter offenbar unrecht hatte, hatte sie immer innerlich recht.
Die Flurklingel schrillte.
„Wer kann denn das so spät noch sein?" fragte Blandine und gähnte.
wahr: „Hör mal zu, mein Kind", sagte sie herzlich. „Wahrscheinlich Herr Schmittke", sagte Frau „Ich bin dir ja nich alleine jut. Frau Molny, die Hertel. Denn ihr fiel ein, daß der Hauswirt sicher
es doch wissen muß, hat mir erst neulich jesagt: die Tatsache, daß sie ihn vorher beim T^?"bome-
Ihre Tockter strahlt immer vor Jugend und Sau- ren in seiner Wohnung nicht angetro/pn hatte,
berkeit. Du setzt dich aber in ein schiefes Licht, i zu einem Gegenbesuch benutzen würde. Herr
Schmittke nahm nämlich seit Jahren jede Gelegenheit wahr, der stattlichen Witwe zu begegnen.
„Ich mochte mich in meinem Zimmer ein bißchen hinlegen, Mutter", sagte Blandine, froh, dec Unterhaltung entronnen zu sein-. ,Zch bin furchtbar müde."
„Mein Mädchen sagte mir, Sie waren vorhin in Sorge um Ihre Tochter? Hoffentlich ist das kleine Fräulein inzwischen richtig angekommen?"
„Danke, Blondine hotte im letzten Augenblick eine Abhaltung in der Klinik. Aber treten Sie doch ein, Herr Schmittke."
Sie nötigte ihn in einen Sessel und schenkte ihm von dem Tee ein, den die erregte Blandine nicht mehr ausgetrunken hatte.
„Wie hübsch bei Ihnen alles ist." Er zeigte auf die buntbestickte Teepuppe. „Anders als in meinem Iunggesellenhaushalt."
„Das hat meine Tochter gemacht. Schade, daß sie jetzt keine Zeit mehr für so etwas hat."
Das kleine dürre Männchen wollte gern zu seinem Stichwort zurück. Es hieß „Iunggesellenhaushalt". Aber das Stichwort von Frau Hertel hieß „Tochter".
„Blondine ist wirklich überlastet. Wenn sie schon fort kommt, bann wird es so spät, daß man sich ordentlich ängstigt." So, das mußte erst ausgesprochen werden/Denn was zwischen ihr und ihrer Tochter stand, das ging weder Herrn Schmittke noch Herrn Schmittkes Mädchen etwas an.
Der schüttelte besorgt den Kopf. „Schlimm, daß man das kleine Fräulein so überlastet. Konnte man nicht eine leichtere Stellung für sie finden?" „Doch, doch", sagte Frau Hertel, tief in Gedanken.
Herr Schmittke nahm ein paar Schluck Tee, räusperte sich und sah so starr geradeaus wie ein Mensch, der zum Aeußersten entschlossen ist.
„Aber, was ich sagen wollte, Frau Hertel, Sie sollten es sich auch etwas leichter machen. Jetzt, wo Ihre Tochter versorgt ist."
Frau Hertel wußte, was nun kam.
„Meine Verhältnisse sind inzwischen nicht schlechter geworden. Ich jage das nicht, weil ich dächte, daß es Ihnen etwas ausmacht. Ich kenne Ihren idealen Sinn. Aber es ist doch beruhigend, das zu wissen, nicht?"
i Äe nickte zustimmend. (Forts, folgt.)


