Nr. 72 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 27. März 1937
Auf -en Wegen -es Weltgeschehens.
Von Dr. Hermann Oreyhaus
Alles Weltgeschehen wird zuletzt von einem Menschen im Rahmen seines Volkstums bewirkt und gemeistert. Er allein fühlt in sich den göttlichen Auftrag, aber er erwartet für sich und sein Volk den göttlichen Segen. Wenn trotz dieser Feststellung von großen Wegen des Weltgeschehens gesprochen werden soll, so bedeutet das nicht, daß der schöpferische Mensch materialistisch gesehen lediglich das ausführende Organ mehr oder minder zahlreicher günstiger Faktoren darstellt: es bleibt ihm durchaus der freie Wille! Seine Größe zeigt sich darin, wie er die Gegebenheiten gestaltet, in die ihn die Weltordnung stellt. Zu diesen Gegebenheiten gehören zuerst sein Volkstum, das diesem zugeeignete Land und die verschiedensten Eigenschaften der Lage dieses Landes. Aus dem Zusammenspiel also der Führer einzelner Völker mit den ihnen gebotenen Gegebenheiten und der aus ihnen gebildeten Gruppen untereinander ergeben sich die einzelnen Abschnitte des Weltgeschehens. Bei ihrer Beobachtung muß man feststellen, daß einzelne Schauplätze ganz besonders bevorzugt sind.
Es ist keine Überheblichkeit, wenn die Europäer behaupten, daß es auf der Erde nirgendwo mehr ein Gebiet von einigem Umfang gibt, das nicht irgendwie von ihnen beeinflußt wäre. Der Fortschritt der Wissenschaften und die Entfaltung der Technik haben die Raum- und Zeitmaße so verengt, daß die Erde in gewisser Hinsicht eine Einheit bildet: der europäische Geist hat sie in allen ihren Teilen durchdrungen und diese untereinander in Beziehung gesetzt. Hierbei spielte und spielt auch noch das Meer eine ausschlaggebende Rolle. Aus seinem Rücken sind die Schiffe gefahren, die die entferntesten Völker untereinander verbanden. Aber die Salzfluten trugen auch jene Schiffe, die in wenigen Jahrhunderten das einzigartige britische Weltreich schufen, dessen Landumfang zwar mehr als den Erdteil Afrika ausfüllen würde, zu dessen Gesamtumfang man aber auch die Ozeane rechnen muß, um die' richtige Vorstellung von seiner wirklichen Macht zu bekommen.
Aus dieser Beobachtung folgt zweierlei. Zunächst ist grundsätzlich für jedes Land sein Küstenan- teil am Meere von lebenswichtiger Bedeutung. Daraus wird der ungestüme Drang aller Völker zum Meere als Geburtsstätte der Freiheit und Un- ah^ngigfeit verständlich. Zum andern aber lehrt di''' Beobachtung, daß in dem Maße, wie das britische Weltreich sich entfaltete, jedes Volk über kurz oder lang zu einer Auseinandersetzung mit den britischen Interessen kommen muß. Das Weltgeschehen der letzten Jahrhunderte fällt beinahe mit der Geschichte des britischen Weltreiches zusammen. Seine großen Wege sind damit in besonderem Maße festgelegt Bei dem amphibischen Charakter dos Reiches werden naturgemäß die Linien am wichtigsten sein, wo Land und Wasser sich schicksalhaft begegnen. Dies geschieht an solchen Punkten, wo die Länder so zusammenrücken, daß gewissermaßen Engpässe des Meeres entstehen.
Es ist bezeichnend, daß mit der Erkenntnis dieses Problems die englische Weltpolitik vor Reichlich zwei Jahrhunderten begann, nachdem Cromwell fünfzig Jahre vorher sein Volk geistig auf diese Aufgabe vorbereitet hatte. Ueberlieferungsmäßig war der Begriff der Weltherrschaft an den Besitz I n - d i e n s geknüpft. Auf den Weg nach Indien muß also England seine Politik ausrichten. Damit wird das Mittelländische Meer mit seinen Randgebieten zur wichtigsten Straße des Weltgeschehens, denn es stellt den kürzesten, allerdings auch am leichtesten zu bedrohenden Weg nach Indien dar. Der weitere Weg um das Kap land konnte wegen der überall offenen Meere nicht gänzlich ge
sperrt werden, zudem befand sich dieses im Besitz Hollands, das als ernsthafter Gegner nicht mehr in Betracht kam. So richtete sich das ausschließliche Interesse auf das Mittelmeer. Hier lag am westlichen Eingang die bisherige Weltmacht Spanien. In dem spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1713) brachte England nicht nur Gibraltar in seinen Besitz, es verhinderte vor allem, daß Spanien durch eine allzu enge Verbindung mit Frankreich wieder erstarkte oder gar durch Rückfall an die österreichischen Habsburger zu einem neuen Reiche Karls V. sich wieder entwickelte.
Hiermit ist die englische Politik nach zwei Richtungen festgelegt. Spaniens Machtentwicklung darf nach englischer Meinung niemals ein gewisses Maß überschreiten. Gab es einmal Versuche dazu, wie in der Verbindung Frankreich—Spanien unter Napoleon I. oder während des Karlistenaufstandes vor hundert Jahren ober in der jüngsten Gegenwart, dann sieht es seine Belange geschädigt und trifft Maßnahmen zu ihrem Schutze. Andrerseits wird das englische Interesse auf Mitteleuropa gelenkt. Hier find die habsburgischen Länder mittelbar Randgebiete des Mittelmeers. Als solche dienen sie dadurch dem englischen Interesse, daß sie Frankreich, der stärksten Macht am Mittelmeer, das „Gleichgewicht halten, d. h. es in Europa binden. Als sich beide im Zeitalter Friedrichs des Großen trotzdem auf ein paar Jahrzehnte miteinander verbinden, da muß der Hohenzoller die Rolle des „britischen Fest- landsdegens" spielen. Mitteleuropa wird dabei zur zweiten wichtigen Stätte des Weltgeschehens.
Am Ausgang des Jahrhunderts verlängert sich diese sogar recht weit nach Osten. Im allgemeinen zwar ist man gewöhnt, in der französischen Revolution das wichtigste Ereignis jenes Zeitabschnittes zu sehen. Doch darf dabei nicht übersehen werden, daß die Revolution nur deshalb so ungestört ihren Gang nehmen konnte, weil die wichtigsten europäischen Mächte in die Aufteilung P o - lens verstrickt waren, wobei England nur mit Mühe feine bedeutenden Handelsinteressen in der Ostsee verteidigen konnte. In dem von der großen Kaiserin Katharina II. neu organisierten Rußland trat England das Gegenstück feiner eigenen Macht entgegen: seiner eigenen Meeresunendlichkeit stellt
sich hier eine Landunendlichkeit gegenüber, beide in der Eigenart der von ihnen ver- trennten Elemente! Die Seemacht England, leicht beweglich und überall schnell zugreifend, die Landmacht Rußland, langsam und schwerfällig. Zusammen umgreifen sie bald den gpnjen Erdball. So müssen sich die beiden großen Wege des Welt- Seschehens im Laufe des 19. Jahrhunderts nach ft en fortentwickeln, gemäß ihrer Grundtendenzen.
Mit bewunderungswürdigem Geschick gelingt es England, besonders in Ausnutzung der europäischen Gegensätze, alle Meerespässe nahe und fern von Indien in seine Gewalt zu bringen, der Indische Ozean wird zum Kerngebiet eines britischen Jndiameerreiches, das für absehbare Zeit noch als eine Realität anzusehen ist. Trotz des Emporkommens Japans während des Weltkrieges! Heute schon von einem geschlossenen Asien sprechen zu wollen, erscheint verfrüht. Einstweilen hält Rußland auch noch mit großer Zähigkeit an der Überlieferten europäischen Blickrichtung fest. Damit gestattet es England, die durch den Weltkrieg so stark gestörte mitteleuropäische Linie, deren Hauptstützpunkte jetzt Paris und Prag sind, weiter mit Nachdruck zu verfolgen.
Man wird unter Hinweis auf den Weltkrieg eine Bemerkung über Amerika vermissen. Zwischen zwei großen Wasserwüsten und erfüllt von der Monroe-Doktrin kann es mühelos ein Sonder- dafein führen, zumal ihm wirtschaftlich alles zur Verfügung steht, was es braucht. Militärisch gesehen haben die Vereinigten Staaten alle strategisch wichtigen Punkte in ihre Gewalt gebracht, und wirtschaftlich ist das nicht sehr viel anders. Deshalb kann man trotz der zwei sehr verschiedenen Kulturgebiete von einer Einheit Amerikas sprechen, die sinnfällig in Erscheinung treten würde, wenn einmal Europa ernstlich von Asien bedroht werden sollte. Dann würde doch wieder der europäische Mensch in feiner urtümlichen wie amerikanischen Spielart das letzte Wort sprechen und damit die Anfangsworte dieses Aufsatzes erhärten, daß wohl Boden und Lage des Landes von großer Bedeutung sind, daß zuletzt aber das Blut entscheidet. Europas Schicksal ist auch das Amerikas.
Der deutsche Standpunkt in der Kotonialsrage.
Von Neichsstatthalter General Franz JRiffer von Epp, Neichsleiter der NSDAP., Leiter des Kolonialpolitischen Amtes.
Das deutsche Volk lebt auf einem im Verhältnis zu feiner Bevölkerungszahl außerordentlich engen Gebiet, das zudem eine Reihe von lebenswichtig gewordenen Rohstoffen nicht hervorbringt. Der Versailler Vertrag nahm Deutschland seinen ganzen Kolonialbesitz und entzog ihm die Möglichkeit, mit eigener Währung die für seinen Bedarf unbedingt notwendigen Rohstoffe zu beschaffen. Im Vergleich mit dem Kolonialbesitz anderer Länder befindet sich Deutschland heute in einer Lage, die man als zweitrangig betrachten muß. Schon im Jahre 1914 stand Deutschland mit einem Kolonialbesitz, der nur SVatnal so groß wie das Mutterland war, anderen weit kleineren Nationen gegenüber zurück. England besaß damals schon ein Weltreich das 105mal so groß wie Großbritannien war. Belgiens Kolonialbesitz umfaßte den 80fachen, Hollands den 60 fachen und Frankreichs den 22fachen Umfang des Mutterlandes.
Die Abschnürung Deutschlands von der Möglich- lichkeit, lebenswichtige Rohstoffe aus eigenen Kolonien beziehen zu können, ist besonders deshalb so folgenschwer, weil die Dichte der Bevölkerung Deutschlands, das das volkreichste Land des Kontinents nach Rußland darstellt, zur industriellen Entwicklung zwang, um überhaupt seine Bevölkerung erhalten zu können. Die Erfüllung einer der wichtigsten Aufgaben einer verantwortungsbewußten Regierung, für Brot und Arbeit ihrer Untertanen
zu sorgen, ist durch die in Versailles verfügte Zwangsverwaltung des deutschen Kolonialbesitzes mehr erschwert als in anderen Ländern, die Kolonien ihr eigen nennen. Deutschland bedarf zur Wiederaufrichtung seiner Wirtschaft in erster Linie kolonialer Rohstoffgebiete, die innerhalb des eigenen Währungsbereichs liegen. Wir wollen und können nicht schlechter gestellt sein als andere Länder.
Der Vorschlag Sir Samuel Hoares, eine Rohstoffkonferenz einzuberufen, kann nach seiner Verwirklichung für Deutschland bestenfalls zusätzliche Rohstoffgebiete sichern, jedoch trägt er den deutschen Erfordernissen bezüglich währungseigener Kolonialgebiete keine Rechnung. Der in vielfacher Hinsicht unter Schwierigkeiten leidenden deutschen Gesamtwirtschast ist mit derartigen gutgemeinten Vorschlägen nicht gedient. Die in der Auslandspresse vielfach zutage getretenen Behauptungen über deutsche Absichten einer gewaltsamen Kolonialannexion hatten auch das Interesse anderer Staaten, die sich bisher gar nicht auf kolonialem Gebiet betätigt hatten, zur Folge. Es kann nicht genug hervorgehoben werden, daß Deutschland sich niemals durch Annexion fremder Gebiets vor der Welt ins Unrecht setzen würde, Deutschland denkt, wenn es Kolonialforderungen erwägt, lediglich an seine eigenen Kolonien, die durch das Versailler Diktat unter die Zwangsverwaltung
des Völkerbundes gestellt wurden, der den jetzigen Mandatsinhabern den Derwaltungsauftrag gab. Die deutsche Kolonialbewegung wünscht lediglich die Aufhebung der Z w angsverwaltung und die Rückerstattung des freien Verfügungsrechtes über sein eigenes Kolonialbesitztum. Durch den deutschen Rechtsanspruch wird also kein anderer Staat in seinem Besitzstand irgendwie getroffen.
Folgende Rechtsmomente, die eindeutig den deutschen Anspruch auf Rückerstattung seines Kolonialbesitzes unterbauen, kamen bisher in der öffentlichen Debatte des Auslandes fast überhaupt nicht zur Sprache. Die Wegnahme der Kolonien war schon deshalb ein schweres Unrecht, weil sich in Artikeln der K o n g o - A k t e die vertragsschließenden Mächte feierlich verpflichtet hatten, einen europäischen Krieg nicht auf die zentralafrikanischen Ko-
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Ionien zu übertragen. So konnte der deutsche Staatssekretär Dr. Solf im Vertrauen auf dieses Abkommen noch am 2. August 1914 nach Deutsch- Ostafrika telegraphieren, daß die Kolonien außer Kriegsgefahr seien und die Ansiedler beruhigt werden könnten. Es war nicht Deutschland, das die Bestimmungen des Artikel 11 der Kongo-Akte brach! Vielmehr war es ein englischer Kreuzer, der am 5. August in Deutsch-Ostafrika die Feindseligkeiten eröffnete. Durch diese Eröffnung der Feindseligkeiten wurde der klare Vertragswille der europäischen Mächte durchbrochen, der den Kolonialbesitz auch im Kriegsfälle in keinerlei Auseinandersetzungen hineinziehen, vielmehr den Kolonialbesitzstand der europäischen Mächte gegenseitig für die Dauer gewährleisten sollte.
War schon aus diesen Gesichtspunkten heraus die Wegnahme der deutschen Kolonien ein schweres Unrecht, so kommt noch ein weiteres Unrecht hinzu, Deutschland hatte zu dem am 5. November 1918 rechtsgültig geschlossenen Vorfriedensvertrag lediglich im Vertrauen auf die Einhaltung der 14 Punkte Wilsons und auf die die Rechtsgrundlage für die Friedensverhandlungen bildende Note des amerikanischen Staatssekretärs Lansing vom 5. November 1918 seine Zustimmung gegeben. Punkt 5 der Wiksonschen Punkte sah eine freie, weitherzige und unbedingt unparteiische Schlichtung aller Kolonialansprüche vor. Er wurde aber durch Artikel 119 des Versailler Diktates gebrochen, denn Deutschland wurde zum 93er- .sicht auf alle feine Rechte bezüglich feiner überseeischen Besitzungen gezwungen! Die Begründung, daß die Wegnahme der Kolonien eine verschleierte Annexion sei, die Deutschland als Folge eines verlorenen Krieges hätte hinnehmen müssen, ist nicht zu diskutieren, denn bei der Aufstellung der Wie- dergutmachungssumme wurde der Wert der Kolonien überhaupt nicht in Anrechnung gebracht. Nach wie vor betrachtet daher Deutschland seine Forde-
Osteripiel.
Von Or. Johannes Günther.
Das christliche Oster-Spiel ist ein Geschöpf der Sehnsucht. Schon im 12. und 13. Jahrhundert er- trua das Volk es nicht mehr, daß ihm von Christi Leio und Sieg nur immer lateinisch vorgepredigt und vorgesungen wurde. Es ruhte nicht eher, als bis es teilhaben durfte an der Heilstat, als bis ihm das Passions- und Ostergeschehen szenisch vorgeführt wurde: so daß die Augen doch wenigstens aufnahmen, was die Ohren nicht verstehen konnten. Aus der Kirche drängte das mittelalterliche Spiel auf den Markt, wo nun die Spielenden, wie Kinder, mit kleinen bescheiden dekorierten Podien, „Jerusalem" aufbauten, so wie sie es sich dachten, Abendmahlshaus, Pilati Haus, Kaiphas' Haus und so weiter; dazu, als grelle Kulissen, Himmel und Hölle. Ein solcher Bühnengrundriß, von ungelenker Hand entworfen und bekritzelt, hat sich noch erhalten.
Fromm, hingebungsvoll, geehrt und tief beglückt darüber, daß sie die heiligen Vorgänge vor Augen führen und dazu die alt-überlieferten Worte fingen und sagen durften, stellten Priester und auserlesene Laien Passion und Ostern dar. Schauspieler mit künstlerischen Ambitionen waren sie nicht. Nach und nach freilich macht sich ihr Spieltrieb bemerkbar; es kam zu realistischen Ansätzen und gar zum Humor im heiligen Zusammenhang der sonst ernsten Szenen.
Durchaus nicht jedes Osterspiel war auch zugleich ein Passionsspiel. Es gab Osterspiele, die nur Auferstehungsspiele waren, so z. B. das „Redentiner Osterspiel", eines der ganz wenigen Texte, die nicht dem spielfreudigeren Süddeutschland ' angehören, es ist gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Lübeck oder Wismar aufgeführt worden. Der Wortlaut in feiner alten niederdeutschen Form erscheint übrigens jetzt wieder in den bei Hirzel verlegten „altdeutschen Quellen", von Kroogmann herausgegeben, nachdem es in den letzten Jahrzehnten mehrmals in neudeutschen Formungen, mehr oder weniger irreführend, auftaucht. Wir haben im Redentiner Osterspiel ein köstliches Zeugnis herber deutscher Frömmigkeit, kindlich-einfacher, ergreifender Schönheit und zugleich (— das klingt zunächst seltsam —) derber Lustigkeit spätmittelalterlichen Empfindens vor uns. Christus fährt, dem Glaubenssatz entsprechend, „nieder zur Hölle" und erlöst die dort schmachtenden Seelen. Daraufhin ist dem Auferstehungsspiel als umfangreicher Schlußteil, ja man kann sagen: als selbständiges Nachspiel oder Satyr-Spiel, ein Teufelsspiel angehangt: die I
Teufel sind bestrebt, ihre leere Hölle wieder zu füllen, ziehen Vertreter aller Stände vor ihr Geeicht; in derb-komischen Situationen erweisen sich die „armen Sünder" und werden (teils zum Gaudium, teils zu Angst und Schrecken des einfältigen Publikums) in die Hölle gezerrt.
Anfangs waren die Spiele von Christi Leid und Sieg, kanonischem Texte möglichst getreu, in der lateinischen Sprache abgefaßt gewesen. Dann waren deutsche Dolmetschungen hinzugekommen. Danach sogar — über Sinn und Ziel der kirchlichen Spiele hinausgehend — neu gedichtete deutsche Szenen oder lyrische Einlagen, bis dann, wie im Redentinischen Osterspiel, die lateinische Fessel ganz abgestreift wurde und eigenwertige deutsche Dichtung erschien!
Ueberblicken wir die mittelalterlichen Passionsund Osterspiel-Texte und vornehmlich ihre deutschen Teile, dann stoßen wir natürlich auf viele Längen, auf viele Unbeholfenheiten und Gezwungenheiten. Dann und wann aber sprießen auch, blumengleich, wundersam feine sprachliche Gebilde auf. So zum Beispiel die Klage der Maria:
„Ihr lieben Leute der Christenheit, Helft klagen mir mein großes Leid! Ich klag' es Erde, Tier und Stein Und der ganzen Welt gemein': Ich hatt' ein herzeliebes Kind, Dem allzu viele Feinde worden sind. Oh, das ich trug in meinem Schoß, Das hanget dort nacket und bloß!"
Die Reformation bescherte den deutschen Christen deutschen Gottesdienst: so war denn die ureigentliche Sendung des Osterspiels erfüllt. — Zeiten der „Bildung" und „Aufklärung" kamen, trieben den Menschen die Kindlichkeit und die Sehnsucht aus und verdarben damit die Voraussetzungen eines Oster- spiels.
Die Sehnsucht, wenn auch vielleicht in anderer Richtung als ehemals, kann wieder erwachen. Man kann es als ein Zeichen tiefen Verlangens nehmen, wenn allenthalben Spiele auftauchten, welche die bis in den Tod und über den Tod hinaus sich offenbarende Liebe zum Inhalt haben: Erneuerungen ortsüblicher, ja schon Weltgültigkeit genießender Spiele, in Oberammergau, in Erl, oder Passionsund Osterspiel einzelner Dichter wie Avenarius' treuherziges Szenarium ,Hefus", wie Weisers groß angelegtes Christus-Werk oder Nithack- S t a h n s Christusspiel, W e e g e s kindlich-inniges „Christi Leidenspiel", F r e h s e e s dramatisierter Evangelien-Text „Es ist vollbracht", Bachmanns mystische Szenen „Hora mea“ und K. B. Ritters „Brandenburger Domspiel vom Menschensohn".
In einem mittelalterlichen Osterspiel fallen uns die Worte auf, mit denen die Engel den begrabenen Gottessohn den Fesseln der Erde entreißen wollen:
„Exsurge, Jesu Christ, Steh auf, du Gotteskraft! Weil du ein Heiland bist, Erlöse aus der Hast, Aus ihrer Höllenpein, Aus Not und Herzeleid Die armen Seelen dein — Erwache, sei bereit: Exsurge!!“
Dies Wort „exsurge“ (auf deutsch: „steh auf!") ist ihr Beschwörungswort. Ja, diese Szene ist geradezu ein unruhiger, dämonischer Zauberakt. Mit ihm haben wir aus dem kirchlich-christlichen Oster-Mysterienspiel die sicherste Brücke zum älteren Osterspiel heidnischer Art, zum Frühlingsspiel, zum Kampfspiel zwischen Winter und Sommer, zum Sommer- Erweckungsspiel, zur Siegesfeier des Frühjahrs, zum Jubeltag des jungen Lebens.
Aus erhaltenem altem Volksbrauch, aus Volksliedern, Volkstänzen, Redensarten und Anfpielungen wissen wir von alten Redewettstreiten zwischen Sommer und Winter, von Kampfdarstellungen und, bald großartigem, bald derb-spaßhaftem, sinnbildlichem Treiben. In Lügde bei Pyrmont werden noch heute von zwei nahe gegenüberliegenden Bergen riesige Räder, deren Speichen Pechfackeln sind, zu Tale gerollt. Und allenthalben brennen nun zur Osterzeit — im gewaltigen Zuge des wiedererwachenden Verständnisses für wesentlich heiliges Volksgut und seine sinnbildlichen Kräfte die Osterfeuer zum Himmel empor. In diesen schönen Osterfeuern braucht nicht die geringste Spur eines Widerspruchs zum Christentum zu liegen. Naturfreude und Gottesfreude eint sich zu Ostern, wie Max von Schenkendorf, sinnenfroh und gläubig zugleich, fang:
Ostern, Ostern, Frühlingswehen!
Ostern, Ostern, Auferstehen Aus der tiefen Grabesnacht! Blumen sollen fröhlich blühen, Herzen sollen heimlich glühen. Denn der Heiland ist erwacht.
Der im Grabe lag gebunden. Hat den Satan überwunden. Und der lange Kerker bricht: Frühling spielet auf der Erden, Frühling soll's im Herzen werden, Herrschen soll das ewige Licht!
„Condottieri."
Lichtspielhaus.
Unmittelbar nach der Stuttgarter Uraufführung, über die wir bereits berichtet haben, erschien bei uns der deutsch-italienische Gemeinschafts-Film „Condottieri", der mit dem Prädikat „staatspolitisch und künstlerisch wertvoll" ausgezeichnet worden ist. Eine für filmische Begriffe seltene Einheitlichkeit der wesentlichen Funktionen bestimmt den starken Gesamteindruck: Luis Trenker schrieb das Ma- nuskript und (zusammen mit Kurt Heuser und Mirko I e l u s i ch) auch das Drehbuch; er führte Regie (gemeinsam mit Werner Klingler) und spielte überdies die Hauptrolle. Das gibt dem Ganzen eine Geschlossenheit der künstlerischen Idee und Wirkung, der sich der Beschauer nicht entziehen kann. Die Handlung ereignet sich im Zeitalter der italienischen Renaissance und entfaltet sich frei auf historischem Hintergründe unter Einbeziehung geschichtlicher Persönlichkeiten wie Malatesta und Cesare Borgia: eine kriegerische Ballade, bewegtes Spiel mit Sturm und Schlacht, mit Feldlager und Verfolgung, mit Zweikampf, Verschwörung, Verrat und troubadourhaften Liebesszenen — Bild einer leidenschaftlich erregten Zeit. Aus der Fülle der Gestalten im Widerstreit militärischer, politischer, kirchlicher und sehr persönlicher Strömungen und Gegenströmungen hebt sich die Erscheinung des Giovanni Lombardo, der, noch jung in kriegerische Abenteuer verstrickt, bald über den' gemeinen Ehr- geiz und die Söldnerparolen der Condottieri hinauswächst und für die Idee eines größeren und einigen Vaterlandes kämpft und fällt: eine Rolle, die Iren fers darstellerischer Persönlichkeit und Eigenart prachtvoll angepaßt ist; hier kann sich seine männlich-wortkarge, einfache und soldatische Natur ganz entfalten, und er gibt dem Giovanni die kämpferische Energie und den mitreißenden Willensantrieb eines echten Volkshelden. Sonst zeichnen sich vornehmlich August Eichhorn (Ma- latefta) und Erwin K l i e t s ch (Borgia) durch far- bige Charakterisierung aus, von den Frauenfiguren die mädchenhaft herbe, blonde Mailänderin Carla Sveva (Maria) und Waltraut Klein als die geschmeidige und verführerische Kurtisane Tullia. Die Spielführung, mit großen Dolksmassen arbeitend, verwirklicht einen monumentalen Historienstil, der die Maßstäbe seiner Szenengestaltung von den klassischen Formen der Bauten und Plastiken abzu- leiten scheint, welche die Handlung umrahmen und begleiten. Die Photographie (an der Kamera- Albert Benitz) ist mustergültig; eine Fülle schöner und klarer Bilder gehört zu den lebendigsten Eindrücken des Werkes. — (Tobis-Rota.) Hans Thyriot


