Ir.72 Erster Blatt
187. Jahrgang
Somsfog, 27. Htär51937
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Osterglocken läuten über deutschem Land.
Oie Osterbotschast.
Von Wilhelm Michel.
Die Begriffe Geburt und Tod streifen fast Mich durch unser Denken hin. Aber sie werden gerade vom Alltagsdenken durchgehends jii eng verstanden.
Wir reden von „Tod" im allgemeinen nur da, W ein ganzes Gefüge, ein Mensch, ein Tier, .ehe Pflanze zu leben aufhört. Aber der Tod hct in Wirklichkeit zahlreiche verteilte Er- fßeinungen unter uns. Er ist da als eine „tote Sunde" in unferm Taglauf, wo der Geist matt und zweiflerisch ist und mit keinem feu- rizen Liebesgedanken sich zu Sonne und Erde, Kühling und Himmelsbläue bekennt. Er ist d« als ein „toter Punkt" im Leben eines Lölkes, wo plötzlich alle Säfte stocken, Haß die Butsbrüder trennt und kein Gedanke des ganzen mehr die Kräfte zu geordneter Auswirkung bringt. Tod ist überall da, wo ein Hrz sich bitter verschließt, wo kalte Kritik die Lebe erwürgt. Nicht nur am Ende unseres Kseins ist Tod. Er zieht schon weithin durch mser gelebtes Leben seine dunkle Spur. Das Knd in uns muß sterben. Jeder von uns hat । einmal einen Glauben, eine Liebe zu Grabe tragen müssen. Zustände und Menschenverbin- bimgen, die unlösbar mit unserem Dasein ver- !stweißt schienen, sind wie Nebelgebilde zer- ftben. Vieles erleben, heißt vieles überleben; Mr Tod geht ständig mit uns einher.
1 Es ist nicht anders mit dem Begriff Geburt. Dir reden von Geburt, wo etwas beginnt und aichebt, also wo ein Mensch zur Welt kommt Mer wo ein Samenkorn den ersten grünen Eirahl aus der Erde ins Sonnenlicht entsendet. I Biber in Wirklichkeit hat das Leben in einem Menschen nicht nur einen einmaligen Anfang, sondern es fängt hundertmal, tausendmal neu iti ihm an.
i Die „tote Stunde" nimmt ihn in eine finstre Verzagtheit hinunter, in der alle Werl
Aschen. Aber die Stunde darauf, der i ,te I U-orgen überströmt sein Herz mit Kraft und 1 Rauben aus unbekannten Tiefen. Gealtert, verdrossen, höhnisch und kalt schleppte sich gestern das Leben durch uns hin. Heute strahlt es von Liebe und Feuer! Als ein Festsaal liegt draußen der Frühling ums Haus, die Rorgenfonne überm Wald hat Versprechungen nie in goldenen Kindertagen, das Herz stimmt bi jeden Vogelruf ein: Es fängt wieder an! Tas Leben fängt wieder an!
Die „tote Stunde" im Volk hing wie ein schwarzes Grabtuch überm Land. Aber eines Tages hebt sich ein Wille, ein neues, strahlendes Erkennen — und mit einem Zauberschlage verwandelt sich das Volksleben, das gestern eine öde Wildnis war, in einen blütenüberschütteten Garten.
Geburt ereignet sich nicht nur am Beginn mferes Daseins. Sie ereignet sich vielemal in ihm, als Wiedergeburt, als Auferstehung aus dm taufend Gräbern, die uns von eigener Torheit und Herzensdürre gegraben find. Alle törichten Gedanken sterben in uns ab, neue jugendliche Gedanken werden in uns geboren, hätten w i r mit unfern kleinen armen Hilfsmitteln, mit unserer eignen Klugheit das Leben ollem zu bestreiten, wir wären bald am Ende. Biber eine unbegreifliche Kraft kommt an allen gefährdeten Wegftellen unserem Leben zu Hilfe, sc fern es sich nur in der Zuversicht erhält. Ver hat sich nicht schon an einem Abend zu Lett gelegt in Verzweiflung und Ratlosigkeit Dor einer Aufgabe, einer bösen Verstrickung, die er nicht lösen konnte? Und wer hat nicht schon erfahren, daß ihm am nächsten Morgen der Ausweg blitzartig aufging, als ein Geschenk, für das er nur zu danken hatte?
Wir machen Augenblicke im Leben durch, tto wir mit geheimer Angst fühlen: wir find mit bisherigen Denkbahnen und bisherigen Perfahrungsweisen an ein Ende gekommen; nie wird es weitergehen? Und unverhofft brechen dann, mitten aus dem Geheimnis unsrer Brust, gänzlich neue Quellen auf, die ene durchgreifende Erneuerung unseres Da
seins bringen. Das Kind, so sagten wir, muß in jedem von uns einmal sterben. Aber was wäre unser Leben, wenn das Kind in uns nicht im dreißigsten, im fünfzigsten Lebensjahre wiedergeboren würde? Eine Liebe kommt und macht uns jung. Eine Begeisterung am Vaterland, eine neue tiefe Freude an der Natur kommt und fetzt unser ganzes Wesen auf Jahrzehnte wieder in Schwung.
Nichts ist unser Leben, wenn es nicht eine Folge ständig wiederholter Wiedergeburten ist.
An das Leben glauben, heißt an die immerwährende Auferstehung glauben.
Diesen Glauben bringt die Osterbotschast wieder an uns heran. Sie stellt unferm Herzen, unferm Geist keine Zumutung, die ihm fremd wäre. Sie entspricht unferm tiefsten Wesen, unsrer sichersten und ältesten Erfahrung. Der Osterbotschast widerstrebt nur das in uns, was tot ist. Aber alles, was in uns ans Leben glaubt, auf Leben hofft, jubelt ihr Jahr für Jahr, Tag für Tag fein Ja entgegen.
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„Christ ist erstanden! Freude dem Sterblichen.. ."
Wenn wir Deutschen uns das wunderträchtige Erlebnis, dessen wir, bewußt oder unbewußt, bei jeder Wiederkehr des Osterfestes gedenken, in der reinsten und geistigsten Form künstlerischer Durchdringung und Spiegelung vergegenwärtigen wollen, dann richtet sich unser Blick wohl zunächst und immer wieder auf die unvergänglichen österlichen Szenen im ersten Teile des „Faust" und auf die zahlreichen, großen und kleinen Passionsdar- ftcUungen aus der klassischen Zeit unserer bildenden Kunst. Von Dürer allein sind uns vier solcher Passionen überliefert: die „grüne", die große, die kleine (beide in Holz geschnitten) und die Kupferstich-Passion. Unser Bild ist der zweiten, der großen Holzschnitt-Passion aus dem Jahre 1510 nachgebildet. Das Blatt schildert die Auferstehung Christi und bezeichnet also den Scheitelpunkt der Folge, über die Stationen des Passionsweges hinausführend — triumphale Ueberwindung des irdischen Leidens und Sterbens. Von diesem Bilde strömt eine ungemein starke und tröstliche Welle lebendigen Gefühls auf uns über.
Die Menschen zur Zeit Luthers und Dürers haben die Heilandsgeschichte wie die biblische Ueberlieferung überhaupt sehr gegenwärtig und unmittelbar erlebt und mit einer leidenschaftlichen Phantasie sich vorzustellen vermocht. Sie sahen den geheiligten Vorgang ganz nah und anschaulich, gleichsam unter den
Menschen und im Kostüm ihrer eigenen Umwelt, — so wie Dürer es auf seinem Holzschnittblatt vor mehr als vierhundert Jahren gestaltet hat. Die großartige Dramatik des Augenblicks, Glanz und Schauer eines Menfch- heitswunders sind hier mit einer edeln Eindringlichkeit empfunden. Die grobe und rohe Jrdischkeit der schlafenden und offenen Mundes schnarchenden Wächter am Grabe unterstreicht und erhöht in einem bewußt geformten Gegensatz die stille Würde und die majestätisch entrückte Hoheit der Erscheinung des Herrn. Die schwere Grabplatte ist unversehrt, das Siegel unverletzt, o Wunder — leicht und schon gleichsam geflügelt erhebt sich auf einem Wolkensaum die Gestalt Christi, schwebend fast, empor gehoben, auffahrend eben, vom kreuzweise strahlenden, überirdischen Licht zu seinen Häupten verklärt, von himmlischen Heerscharen umschwebt, sehr fern schon dem Wirrsal der dumpf schlafenden Wächter und in Waffen klirrenden Kriegsknechte hienieden ... Man braucht die Komposition im einzelnen gar nicht zu erfassen, die sich vervielfältigende Aufwärtsführung aller Linien auf diesem Blatt, um den Einklang des Bildwerkes mit dem Jubel des faustischen Engelchores zu empfinden:
„Christ ist erstanden, Aus der Verwesung Schoß ..."
Hans Thyriot.
Auferstehung.
Von D. Dr Luther.
Von allen Türmen landhinein läuten die Osterglocken im Jubelklang, frohe Menschen in Dorf und Stadt wandern lachenden Auges hinaus in den Lenz. In ihnen allen steht die große Sehnsucht auf, Sehnsucht nach Sonne und Schönheit, nach Lachen und Freude, nach starkem, innerlichst beglückendem Leben. Nach sonnenfrohen Tagen schaut zumal die deutsche Jugend aus, wie ein Sturmwind ist über sie das Verlangen gekommen nach neuer Zeit, nach Leben im Licht, in stolzer Entfaltung ihrer Kraft, in heißer Freude an ihrer völkischen Art. Wer unter uns wünscht ihr nicht Erfüllung ihrer Sehnsucht, ein Helles, frisches Lachen auf deutscher Erde, ein Leben der Freien und Starken ohne Fesseln und Hemmnisse, ohne zermürbende Sorge und qualvolle Arbeitslosigkeit, ein Leben in deutscher Freiheit und deutschem Geist mit all seiner Herrlichkeit und Schöne.
Mit deutscher Jugend wandern wir lachend in den Lenz, greifen wieder froh und stark nach dem Wanderstab, als müßte er uns tragen in ein heilig Land voll Sonne und Herrlichkeit, lassen in seliger Versunkenheit all die holde Frühlingspracht um unsre Seele wirbeln, stehen dankbar froh in ihrem Glanz. Aber wir feiern die Auferstehung des Herrn. Ostern wäre doch nur ein Tag wie andre, am Morgen glanzgeküßt, am Abend verdämmernd und verrinnend ins Nichts wie unzählige, wenn's nur um Freude und Schönheit ginge. Aber Ostern redet von ewiger Welt, in die der Erlöser gegangen, Ostern redet von dem Heiland, der nun ewig den Seinen nahe ist. Ostern redet von neuem Leben, in dem Gottes Kinder wandeln sollen. Im Dftermorgenrot will der zu uns kommen, der uns aufrütteln will zu neuer Art, der die höchsten Ansprüche stellt an jede Stunde unserer kurzen Tage, der adlige Menschen begehrt, die mit glutvoller Seele auch den Leisesten Schimmer des Bösen hassen, adlige Menschen, die sich verzehren im Dienst Gottes und der Brüder. Da geht es nicht mehr um Lerchenschlag und Frühlingswehen, da geht es um den Umbruch unserer Seele und um den Aufbruch zu starkem, heißem Leben aus der Tiefe der Seele, aus der Verbundenheit mit dem Gott, der ein verzehrendes Feuer ist, vor dem nichts Irdisches bestehen kann.
Wir feiern die Auferstehung des Herrn — gesegnet sei der Ostertag, der uns Aufbruch wird zu einem Leben aus Ernst und Tiefe. Alles Leben, das unvergänglich ist im fliehenden Strom der Tage, muß doch aus der Seele kommen, aus dem unablässigen Kampf um Gott, aus der innersten Verantwortung vor feinem Angesicht. Vielleicht haben wir, die wir den Auferftandenen verkündigen, es selbst oft fehlen lassen an der absoluten Entschlossenheit für ihn zu leben. Wir haben unser Christentum auf Formeln gebracht, wir haben's zerredet, wir haben um Worte fieberheiß gestritten, aber wir waren keine Gemeinschaft von Menschen, auf die die andern staunend sahen ob der Gottinnigkeit, der selbstlosen Liebe, der steten starken Treue, der tiefen, unbeirrbaren Lauterkeit. In uns war kein Glaube, der die Welt überwindet, und keine Liebe, die auch den ärgsten Feind entwaffnet. Und doch ist es so, daß nur solch starkes, loderndes Leben, das an der Glut des Meisters sich entzündet und allzeit rein und schlackenfrei in seiner Nähe glüht, die Menschen um uns in unfern Bann zieht und sie wieder glauben läßt an die unvergängliche Herrlichkeit des Christentums.
Wir feiern die Auferstehung des Herrn — mich dünkt, nie war unsre Pflicht größer, auf- erftanbene Menschen zu sein und auferftanöene Menschen von Gott zu erbitten als heute. Das scheint im ersten Augenblick etwas Persönliches, Allzupersönliches zu fein, das in der Stille des eigenen Seins sich abzuspielen hat, und ist doch in Wirklichkeit ein Großes, das, ob auch in der Stille getan, doch tausendfältigste Frucht auf den Märkten des Lebens trägt. Die Jünger


