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Hr. 22 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

17 Mionen Ml WSW.-Eonderhilfe am 30. Januar

Gedenket der hungrigen Vögel!

Zum 30. Januar, dem großen Feiertag der deutschen Nation, wird im Rahmen der Winter­hilfe eine besondere Hilfsaktion durchgeführt. Heber die normalen Leistungen hinaus erhalten die betreuten Volksgenossen rund 17 Millionen Mark zugeteilt. Davon sind 10,65 Millionen Wertgutscheine im Betrage von je 1, RM. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gedenket der Meisen!

! Die Meisen sind ein lustiges Völkchen. Wer hätte i| fig noch nicht an ihrem behenden Wesen erfreut, Hl Mnn sie bald kopfoben, bald kopfunten die dünn­ig stin Zweige nach Jnsekteneiern absuchen und mit I jlpen spitzen Schnäbeln die engsten Ritzen der Biumstämme und des Zaunes durchstöbern. Grell j| fdcllt dann ihrPink, Pink",SitSit" durch *1 dir Luft.

| Die Meisen zählen zu den nützlichsten Vögeln. ! @:rabe weil sie den Winter über bei uns bleiben, I jsi ihr Nutzen besonders groß. Ihren scharfen Augen s ettgehen nicht die kleinsten schutzfarbenen Eier der . Jtsektenschädlinge im Obst- und Gartenbau. Eine I Leise verzehrt in einem Tage bis zu ihrem eige- I ein Gewicht an Nahrung. Wenn der Tisch aber t Nicht so reichlich gedeckt ist, nimmt sie auch mit I urniger vorlieb. Dabei ist zu bedenken, daß es im C-gensatz zum Sommer in der Hauptsache die Eier Jir' verschiedenen Schädlinge sind, die als Nahrung 0. (genommen werden und daß es sich bei der ge- rngen Größe um gewaltige Mengen handeln muß.

S enn man bedenkt, daß die Raupen von etwa ehern Dutzend Eiablagen des Frostspanners einen mttelstarken Apfelbaum im Frühjahr kahl zu fres­se vermögen, läßt sich der Nutzen dieser Vögel cft richtig ermessen. Es ist wirklich so, wie der t kannte Vogelkundige Pfarrer Schuster sagt,ohne Sögel würde fein Baum, fein Strauch, fein Blatt, fine Nadel, kein Moos, sei es auch noch so um fo einbar, von der Freßlust der Insekten verschont bleiben, wieviel weniger würde der Mensch Korn

schulrat Nebeling. Stadttheater: 19 bis 22.15 Uhr,Carmen". Gloria-Palast, Seltersweg: Die Unbekannte". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Das Veilchen vom Potsdamer Platz". Oberhes­sischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr: Ausstellung der Oelgemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Professor Otto Dill.

Claire Waldoff im Sladtlhealer Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Die Intendanz des Stadttheaters Gießen hat die weltbekannte Vortragskünstlerin und Kabarettistin Claire Waldoff zu einem einmaligen Gastspiel am 7. Februar verpflichtet. Claire Waldoff tritt im Rahmen einesbunten Abends" des Stadttheaters Gießen auf. Die Intendanz macht darauf aufmerk­sam, daß das Gastspiel zu den üblichen Schauspiel­preisen stattfindet.

Sladlkhealer Gießen.

Heute abend Wiederholung des großen Erfolges Carmen", Oper von G. Bizet. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Kapellmeisters Paul Walter. Spielleitung führt der Inten­dant. Hildegard I a ch n o w singt die Partie der Carmen". Die Partie desDon Jos6" singt Ernst August Waltz; die Partie desEscamillo" Gu­stav Bley. Die Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung liegt in den Händen der Ballettmeisterin Irmgard Zenner. Die Vorstel­lung findet als 17. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Die Intendanz des Stadttheaters macht noch einmal darauf aufmerksam, daß die Vorstellung um 19 Uhr beginnt. Ende 22.14 Uhr.

Deutscher Viologenverband, Ortsgruppe Gießen, und Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.

Morgen, Donnerstag abend, Sitzung im Hörsaal des Physiologischen Instituts mit Vortrag von Dr. Ernst Scharrer. (Näheres in der heutigen An­zeige.)

Oberhessischer Geschichtsverein.

Der Vortrag von Prof. Dr. Stadelmann über das ThemaUnbekannte Friedensbemühungen

Uih Trauben, Aepfel, Birnen und Nüsse ernten".

Die Meise hat ein großes Nahrungsbedürfnis, tefes wird ihr im Winter oft zum Verhängnis. Tenn Über Nacht Rauhreif und Glatteis die Nah- rmgsquellen dieser nimmermüden Vogel verschlossen fi:ben, findet man schon vor Mittag ermattete ober Din Hungertode verfallene Meisen. Es ist deshalb innere Pflicht, sie in ihrer Not zu unterstützen. Am enfachsten gestaltet sich die Verwendung von Fut- kringen, die in einschlägigen Geschäften für wenige Mennige zu haben sind und eine sachgemäße Füt- trungsroeife darstellen. Billiger kommt man zum Lei, wenn man sich Futterhölzer selbst herstellt. Ais Weichholz verfertigt man sich einen Trog, gießt ili.'fen mit einer Mischung von 6 Teilen Fett (Ham- Ml- oder Rindertalg) und 4 Teilen ölhaltiger Gimereien, wie Nußschenkel, Hanf, Mohn, Lein- fflnen, Sonnenblumenkerne aus, und hängt das : Hlz mit dem Futter nach unten im Freien schräg ai f. Diese Art der Futterreichung hat den Vorzug ; Ihr Zweckmäßigkeit, da das Futter durch Schnee wd Glatteis nicht verdeckt werden kann und ms besonders wichtig ist die frechen Spatzen | aihält.

I Wer an feine Geldbörse eine stärkere Anforderung Men kann, lege sich eine MeisendoseAntispatz" jii. Hier wird nur Hanfsaat verabreicht. Ihr Trog Icöt wohl die schlanken Schnäbelchen der Meisen, richt aber die stärkeren der Spatzen bis an die Shrfier gelangen. Das Herbeilocken zu den Futter­st llen geschieht am besten durch Aufstellen eines Smnenblumenstengels, an dem sich noch einige !L inere samenbesetzte Scheiben befinden.

Sorttoftten.

Tageskalender für Mittwoch.

NSLB. Kreis Gießen, Arbeitsgemeinschaft Musik, 1.30 Uhr, Orchesterprobe im Singsaal des Lyzeums. - NS.-Frauenfchaft Gießen-Ost: 20.15 Uhr, Orts- giuppenabenb im Schützenhaus; es spricht Kreis-

im Weltkrieg" finbet nicht am morgigen Donners­tag, 28. Januar, sonbern am Montag, 1. Februar im Kunstwissenschaftlichen Institut statt. (Auf bie Anzeige in der Montagsausgabe fei besonders hin- gewiefen.)

BOM., Untergau 116.

Bis zum Freitag, 29. Januar, 18 Uhr, melben sich zwecks eiliger Feststellungen alle diejenigen Mädel und Jungmädel, die vor dem 30. Januar 1933 bei uns eingetreten sind, auf unserer Dienst­stelle, Neuen Bäue 22, 1. Stock.

Deutsches Jungvolk, Zungbann 116.

DJ-'Jungbann 116.

Am Donnerstag, 28., und Freitag, 29. Januar, fin­det eine Kreisinfpektion durch den Gebietsjungvolk­führer statt. Die Einheiten treten wie folgt an:

Fähnlein 6.

Donnerstag, 28. Januar, Antreten 8 Uhr, Großen- Linden, Schule.

Fähnlein 7.

Donnerstag, 28. Januar, Antreten 10 Uhr.

Fähnlein 9 und 10.

Donnerstag, 28. Januar, Antreten 18 Uhr, Heuchel­heim, am Kreuz.

Fähnlein 11.

Freitag, 29. Januar, Antreten 14 Uhr, Hungen, Schloßhof.

Fähnlein 13.

Freitag, 29. Januar, Antreten 18 Uhr, Lich.

Fähnlein 15.

Freitag, 29. Januar, Antreten 16 Uhr, Betten­hausen.

Fähnlein 19.

Freitag, 29. Januar, Antreten 11.30 Uhr, Geils­hausen, Schulplatz.

Fähnlein 22.

Freitag, 29. Januar, Antreten 10 Uhr, Mainzlar, Saalbau Müller.

Mittwoch, 27. Januar (937

ZackelzugamEanisiagabendinGießen.

Am Samstagabend anläßlich der Feier des 30. Januar findet in Gießen ein großer Fackelzug der Angehörigen der Gliederungen der Partei statt. Der Fackelzug wird sich um 20.15 Uhr vom £ u b - wigsplah aus in Bewegung sehen und durch die Garlenstraße, Tteue Baue, Neuen Weg, Settersweg, Horst-Wessel-Wall, Bahnhofstraße, Neustadt zum Oswaldsgarten marschieren. Dort werden die Formationen zu einer kurzen Schluhfeier im offe­nen Viereck aufmarschieren.

Fähnlein 23.

Freitag, 29. Januar, Antreten 8 Uhr, Lollar, vor derGermania".

Fähnlein 24.

Donnerstag, 28. Januar, Antreten 16 Uhr, Wiefeck, Festplatz.

Fähnlein 25.

Donnerstag, 29. Januar, Antreten 14 Uhr, Großen- Buseck.

Der Jungbannführer.

Die Führer und Pimpfe, bei denen die Besichti­gung vormittags oder nachmittags während ber Schulzeit ober Konfirmanbenstunbe ftattfinbet, finb für bie Zeit bes Antretens von ber Schule beurlaubt. Unentfchulbigtes Fehlen wirb strengstens, sowohl von ber Schule als auch vom Jungvolk, bestraft.

Führerabende.

Donnerstag, 28. Januar, Antreten ber Jungen­schafts-, Jungzug- unb Fähnleinführer bes Stam­mes I sowie ber Jungzug- unb Fähnleinführer ber Stämme II unb V um 19.30 Uhr, Gießen, Ludwigs- platz. Jungenschaftsführer Antreten in Ueberfall-, alle anberen Führer in Stiefelhosen.

Freitag, 29. Januar, Antreten der Iungzug- und Fähnleinführer der Stämme III und IV in Stiefel­hosen um 19.30 Uhr am Licher Bahnhof.

Wir suchen das schönste Dorf im Gau -

NSG In diesem Jahr wird die Dorfverschöne­rungsaktion über alle Kreise des Kreise des Gaues ausgedehnt. Am Ende des Jahres wird überall das schönste Dorf als Kreis-Mu st erdorf bestimmt, unb von biefen Kreismusterborfern wirb bas G a u - Musterdorf 1 9 3 7 ausgewählt. Die Arbeit soll auch in ben folgenben Jahren in gleicher Weise fortgesetzt werben, bis schließlich einmal alle Dör­fer erfaßt finb.

Amt: Feierabend.

VorstellungDer Zarewitsch" am 30 Januar. Alle für diese Vorstellung vorbestell­ten Karten müssen bis spätestens Donnerstag, 28. Januar, 13 Uhr, abgeholt sein, andernfalls wer­den wir die Karten an Interessenten verkaufen.

Amt: Reisen, Wandern und Urlaub.

Ski - Sonntagsfahrt nach Breunges­hain. Am Sonntag, 31. Januar, fahren wir einen

Die Mchwshen der GriM

wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwächezwlänbe, Frö'teln ufro. und natürlich auch die Gripve selbst, werden mit Hilfe von Klosterfrau - Melmenaent leichter überwunden. Man trinke dreimal täa'ich eine Tasse schwarzen Tee oder Pfen'erminztee, dem 1 bis V>i Eßlöffel Klosterfrau - Melissengeist zugesetzt werden. Sebr gut es auch, Klosterfrau- Meliffengeistgrog (nach Gebrauchsanweisung) zu trinken oder zweimal täglich Klosterfrau^Melissen­geist in einem geschlagenen rohen Ei unter Zusatz von etwas Zucker zu nehmen. Sie erhalten Klol'er- srau-Meliffengeist in Apotheken und Drogerien in Maschen von 95 Pf. an. Nur echt in der blauen Packung mst den drei Nonnen. 197d

Der Begründer ter abendländischen Malerei

Zur 600. Wiederkehr

des Todesjahres von Giotto.

Wer es unternehmen will, mit einem einzigen Namen die Geschichte der neueren Kunst beginnen 51 lassen, wird diesen Einschnitt, der uns die Zeug- Tife einer konventionellen Sehweise von denen einer mchr individuellen Auffassung zu trennen erlaubt, bei dem Florentiner Maler Giotto di Bondone (1267 bis 1337) zu suchen haben. Was uns bei S ottomodern" erscheint, ist in der Tat eine Art bis Sehens, die mit der unsrigen ungleich mehr Lrrwandtschast hat als mit der jener byzantinischen finnft, die der Italiener alsmaniera greca" zu bezeichnen pflegt. Für Italien jedenfalls ist eine iolche Scheidung zulässig, was schon daraus er­sichtlich ist, daß^ sich von Giotto an die Künstler- ncmen häufen, während vor ihm nur ganz selten einzelne Künstlerindividualitäten aus dem Schatten ber Anonymität heraustreten. Nicht ohne Grund al o hebt die italienische Kunstgeschichte, die we- seirtlich Künstlergeschichte ist, mit Giotto an.

MitRenaissance" freilich hat unser Künstler nichts zu tun, es sei denn in dem negativen Sinne, doß seine Tat den Hebel bedeutet, der eine greifen* hoft gewordene Kunst aus den Angeln hob und I» den Weg frei machte für jene spezialisierende Aturdarstellung, die hundert Jahre später, nun ober in Verbindung mit der neuerwachten Begei­sterung für das Altertum, der wirklichen Renais- !<uce den Boden bereitete. Von ihr aus gesehen ist dotto noch Mittelalter, vergleichbar etwa seinem Altersgenossen Dante. Auch tritt seine Kunst nicht Die vom Himmel gefallen auf; man findet sie an eitlen Orten vorbereitet. Er hat aber nicht neuen Wein in die byzantinischen Schläuche gefüllt, son- 6ern die heiligen Vorgänge, die als kanonisch gab ler, von innen her neu gestaltet und ihnen damit 1 einen Grad von Wahrscheinlichkeit verliehen, den sie vorher nicht hatten unb auch gar nicht bean­spruchten. Es gibt bei Giotto keinen Golbgrunb mhr, dafür gibt es schon eine vertiefte Bilbbühne unb ben Versuch einer Linienperspektioe, bie ben Figuren bie Möglichkeit gibt, sich als Körper im siicum zu bewegen. Freilich ist bas Raumgefühl ein ideales; es will nicht bie Illusion wirklicher Lanb- slhaften, wirklicher Gebäube Hervorrufen, sonbern nur ben Schauplatz aufbauen, ber ein möglichst rei­ches Leben zu entwickeln erlaubt unb bei ber Dar­

stellung bieses Lebens mit bem Menschen als bem wichtigsten Träger ber Hanblung rechnet. Aber mit Giottos Menschen zu leben, ist selbst bem mobernen Betrachter möglich, wenn er sich nur immer bewußt bleibt, baß ber Vorgang an ein Verstänbnis appel­liert, bas zwischen verklärter unb natürlicher Wirk­lichkeit noch zu unterscheiden weiß.

Ueber sein äußeres Leben finb wir wenig unter­richtet. In ber Nähe von Florenz geboren, gehört er ber Florentiner Schule an, als beren Begrünber er gilt. Hier allein konnte Italien ber Genius ge­schenkt werben, ber bazu berufen war, bie Fesseln einer ehrwürdigen Überlieferung zu sprengen unb ber kirchlichen Malerei bie Pforten bes Lebens zu öffnen. Dieser geistige Mut aber, die entscheiben- ben Probleme ernst zu nehmen, ist typisch floren- tinisch. Daher bie ungeheure Anziehungskraft Giot­tos auf die Kunst bes ganzen 14. Jahrhunberts, in bem es kaum einen Maler gibt, ber nicht von ihm abhängig wäre, so wenig auch die großartige Einfachheit des Meisters ber Schule erhalten blieb. DasGiotteske", das vielfach nur in äußerer Nach­ahmung besteht, beherrscht bie italienische Kunst bis M a s a c c i o, ben echten Erben, ber den Meister am meisten ehrt, indem er ihn in gewisser Hinsicht überwindet.

Von Giottos Werken meist Wandgemälden ist wenig mehr erhalten. Die Fresken mit Sze­nen aus dem Leben der beiden Johannes und des heiligen Franziskus in Sa. Croce zu Florenz find so stark restauriert, baß nur noch bie Komposition im großen für Giotto in Anspruch zu nehmen ist. Den Verlusten steht jeboch ein fast unversehrtes Werk gegenüber: ber gewaltige, 130306 entftanbene Freskenzyklus in ber Kirche Sa. Maria bell'Arena in Pabua, an bie vierzig große Wanbgemälbe mit Darstellungen aus bem Leben Christi unb ber Jungfrau. Man sagt nicht zuviel, wenn man ange­sichts bieses Jugenbwerkes behauptet, die Arena in Pabua bebeute" für bie italienische Gotik basselbe wie bie Sixtinische Kapelle Michelangelos für bie Hochrenaissance. Man wirb in einem solchen, über unb über ausgemalten Raum eines Glückes teil­haftig, bas uns ber Norben so selten gewährt, wie es in Italien bie Regel bilbet: bas Genie eines ein­zelnen in großen monumentalen Wanbflächen sich auswirken zu sehen, bie Spur seiner Erbentage in Dokumenten verfolgen zu können, bie schon burch ihr Format und bie unlösbare Verbinbung mit ber Architektur ein ganz anberes Gefühl vom ewigen Sinn ber Kunst vermitteln, als bas bewegliche Tafelbilb es uns geben kann.

Ernst von Niebelschütz.

Alte Zinnsoldaten.

Von Karl von Moor.

Ich denke, alle Männer, die vor drei bis vier Jahrzehnten Knaben waren, werben mir bei­stimmen, wenn ich behaupte, daß es solche Zinn­soldaten wie damals jetzt gar nicht mehr gibt. Unb bitte, ihr Herren Hersteller, stört mir bie Fülle ber Gesichte nicht, indem ihr benft, ihr müßtet mir nun Mustersendungen schicken, damit ich sehe, wie leistungsfähig ihr seid! Wir Männer zwischen 40 unb 50 meinen ja ganz etwas anderes. Eure Soldaten mögen sehr schon sein, aber sie haben einen Fehler sie haben nicht vor 30 ober 40 Jahren auf unferm Tisch gestanden, und darum fehlt ihnen ein gewisser Glanz, der sich nicht in Worte fassen läßt...

Von all den ruhmreichen Regimentern, die unter meinem Befehl standen, ist nicht viel übrig ge­blieben. Wo sind die herrlichen weißen Halber- städter Kürassiere, wo die bunten Schotten, die grausig-wilden Neger, die unscheinbaren, tapferen Buren? Der Fuß des Schicksals hat sie zertreten, im Schmelztiegel der Zeit sind sie vergangen.

Ich werde sie nie wieder sehen: den kühnen An­führer der Schutztruppe, der in der rechten Faust den Degen, in ber Linken ben Revolver hielt ben orbengeschmückten Felbherrn, ber auf schnauben­dem Roß einhersprengte den braven Gemeinen, ber sich mit gefälltem Bajonett eine Gasse in den Feind zu bahnen pflegte...

Gestern aber wurde ich an sie erinnert. Mein Junge behauptete, er habe auf dem Boden drei Schachteln Bleisoldaten entdeckt. Ob er wohl mal damit spielen dürfe? Er habe doch Null Fehler in der Rechenarbeit gehabt.

Es stellte sich heraus, daß wirklich noch drei Schachteln da waren. Durch eine Laune des Ge­schicks hatten sie alles überstanden, Krieg und Großreinemachen, Revolution und Umzug . . . Irgendwie waren sie von dem Heer der andern ab- gefprengt, in eine gesonderte Kiste geraten und dort erhalten geblieben.

Gerührt öffnete ich die Schachteln.Blaue Husaren" enthielt die eine, und schneidig wie einst jagten die tollkühnen Reiter mit gefällten Lanzen in den Feind, der einstweilen noch nicht zur Stelle war.Preußen, stürmend" waren in der zweiten Schachtel. Ja, da kamen sie hervor, die alten, ver­trauten Gestalten, mit klingendem Spiel und wehender Fahne. Noch immer schwang der Haupt­mann den Degen unb wies mit ber Linken nach

vorn. Noch immer schlugen einige ber wackeren Kämpfer aus ben Freiheitskriegen mit dem Kolben drein, wie seinerzeit bei Großbeeren, noch immer war da der Verwundete mit der blutbefleckten Stirnbinde...

In der dritten Schachtel war der Feind. Fran­zosen mit zinnoberroten Hosen und einer Trikolore. Der Fahnenträger ließ es sich nicht nehmen, per­sönlich mit dem Säbel einzuhauen. Und Schützen waren da, liegende, kniende und stehende. Auch gab es zwei Mann, die ihr Gewehr weggeworfen hatten und flohen, einer sogar in kopfloser Flucht, denn sein Kopf war abgebrochen ...

Ach, ich wußte alles noch. Mein Vater hatte mich gelehrt, die Schützen in drei Gliedern aufzu­stellen, unb bie Papierblättchen, zwischen benen bie Solbaten sorglich verpackt waren, enthielten noch Worte, bie aus seiner fleißigen Feder geflossen waren, die zerrissene Urschrift eines wissenschaft­lichen Aufsatzes. Auch ein Kalenderblatt lag da­zwischen. Wer hätte damals, als es abgerissen wurde, geahnt, daß dem stattlichen Manne nur so wenige Lebensjahre noch beschieden seien!

Ich sah das Weihnachtszimmer im Vaterhaus vor mir, und die Festung, um die damals Preußen und Franzosen heiß gekämpft hatten. Ah, wie frisch waren die Farben der Soldaten gewesen! Ich roch noch den Duft des Festes, ich hörte meines Vaters gütige Stimme...

Vater", sagte mein Junge,gibts solche Sol­daten jetzt auch noch zu kaufen?"

Solche? Nein! Solche wohl nicht mehr..."

Kunst und Wissenschaft.

Der Waler Leo Pafetli f.

Der Kunstmaler Professor Leo Pasetti, der Bühnenausstattungsdirektor der Bayerischen Staats­theater, ist im Alter von 55 Jahren in einem Mün­chener Krankenhause an einer Lungenentzündung g e ft o r b e n. Mit Pasetti, der aus Petersburg ge- bürtig war, in München aufgewachsen ist und dort seine eigentliche Wirkungsstätte gefunden hatte, ist einer der begabtesten deutschen Bühnenbildner da­hingegangen. Seit 1920 gehörte er bem Verbanbe ber Bayerischen Staatstheater an, aber sein Name hatte weit über München hinaus einen guten Klang. Die Stärke seiner Bildgestaltung lag in einer fein­fühligen, zarten Farbgebung und einer einfachen und zweckmäßigen Raumglieiberung. Auch bie Ber­liner Oper verbankt Pasetti eine Reihe glänzender Ausstattungen.