Omnibus um 6 Uhr vom DAF.-Haus, Schanzenstraße 18, nach Breungeshain. Die Fahrt Gießen— Breungeshain—Gießen kostet 2,55 RM. Anmeldungen müssen umgehend auf der Kreisdienststelle erfolgen.
Sportamt.
Heute folgende Kurse:
Allgemeine Körperschule, Lyzeum, Dammstrahe 26, nur für die Politischen Leiter der Ortsgruppe Gießen-Nord der NSDAP., 20.15 bis 21.45 Uhr.
Eintopf jetzt ohne Spendenmarke.
NSG. Schon mancher Volksgenosse wird sich mit Recht gefragt haben, weshalb seine soziale Tat am Eintopfsonntag noch einer besonderen schriftlichen Bestätigung bedürfe. Sein Opfer kommt freudig und von Herzen; an großer Anerkennung ist ihm bestimmt nichts gelegen. Weshalb denn noch die Kosten für Papier- und Druck der Eintopfspendenmarken?
Im Gau Hessen-Nassau fallen deshalb die bisher an Eintopfsonntagen den Spendern ausgehändigten Ouitungs- bzw. Eintopsspendenmarken fort. Ein Eintrag in die Liste des Blockwarts der NSV. genügt vollkommen und zeugt durch diese Sparsamkeit mehr von nationalsozialistischem Helsenwollen als die künstlerischste Spendenkarte.
Einstellungen in die Schutzpolizei.
DNB. Ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht im Alter von 20 bis 25 Jahren, die im Herbst 1935 oder 1936 nach einer Wehrmachtdienstzeit von 1 bis 5 Jahren ausgeschieden sind, bietet sich zum 1. April 1937 Gelegenheit, als Wachtmeister bei der Schutzpolizei eingestellt zu werden. Einstellungen bei der Wasserschutzpolizei erfolgen zum 1. November 1937.
Merkblätter, aus oenen alles Weitere ersichtlich ist, können von der dem Wohnort des Bewerbers zunächst gelegenen Einstellungsbehörde angefordert werden. Einstellungsbehörde: der Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung — Abteilung II in Darmstadt.
Im eigenen Interesse wird möglichst umgehende Anforderung der Merkblätter und baldige Bewerbung, spätestens jedoch bis zum 10. Februar, geraten. Bewerber für den Eintritt in die Wasserschutzpolizei legen Gesuche laufend vor. Diese müssen spätestens bis 15. September 1937 dem Kommando der Schutzpolizei in Stettin vorliegen.
Da die bisher gültigen Einstellungsbedingungen in einzelnen Punkten gemildert worden sind, wird auch solchen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, die auf Grund der bisherigen Bestimmungen zurückgewiesen wurden, empfohlen, Merkblätter anzufordern und die Einstellungsmöglichkeit zu prüfen.
Bewerbungen von ungedienten oder kurz gedienten Personen sind zwecklos.
Ebenso sind auch Gesuche um Einstellung in die motorisierte Strahenpolizei und Gendarmerie zwecklos, weil eine Ueberführung in diese Dienstzweige nur aus der Schutzpolizei erfolgt.
125 Jahre Firma Georg Philipp Gail.
Am heutigen 27. Januar kann die Firma Georg Philipp Gail AG., Gießen, auf die 125- jährige Wiederkehr der an diesem Tage im Jahre 1812 erfolgten Geschäftsgründung zurückblicken. Aus diesem Anlaß wird yeute ein feierlicher Betriebsappell stattfinden, auf dessen Verlauf wir in unserer morgigen Ausgabe noch zurückkvmmen werden.
Personenauto vom Zug überfahren.
Am gestrigen Dienstag gegen 14.50 Uhr ereignete sich auf der Landstraße Gießen—Reiskirchen am Bahnübergang der Fuldaer Strecke im Talgrund bei der Leppermühle zwischen Reiskirchen und Großen-Buseck ein Verkehrsunfall, der zum Glück noch glimpflich verlief. Um diese Zeit befand sich das Personenauto des Georg Eifert aus Lauterbach auf der Fahrt aus Richtung Gießen kurz vor dem Bahnübergang. Die Bahnschranken waren geschlossen, weil jeden Augenblick der aus Richtung Fulda kommende, kurz nach 15 Uhr in Gießen eintreffende Personenzug die Straßenüberführung passieren mußte. Auf der schnee- und eisglatten Landstraße konnte der Lenker des Autos sein Fahrzeug nicht rechtzeitig genug vor der Bahnschranke zum Halten bringen, so daß der Kraftwagen die Schranke durchbrach und mitten auf dem Bahnkörper stehen blieb, als gerade der Zug von Reiskirchen her herankam. Zum Glück gelang es den drei Insassen des Kraftwagens, noch im letzten Augenblick aus dem Wagen herauszuspringen und sich in Sicherheit zu bringen. Der Zug erfaßte un-
Das fremde Gesicht.
Vornan von Caren.
27. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Eine etwas späte Erkenntnis, Mr. Gallatin", sagte er bitter belustigt, „aber sie ist auch noch irrig. Der sogenannte „gerade Weg" hätte Sie ganz gewiß nicht dazu geführt, in meine Behandlung zu kommen." Gallatin verstand die anzüglich Betonung sehr gut, aber er begnügte sich mit der boshaften Erwiderung:
„Ich habe ihnen damals immerhin einen Gewissenskonflikt erspart, lieber Doktor — besonders, da Sie Jyrer Frau Gemahlin ja auch nicht auf einem so ganz geraden Wege begegnet sind ...! Aber lassen wir diese alten Geschichten", setzte er nachlässig hinzu, bevor Alland noch heftig erwidern konnte. „Es traf sich günstig, daß ich Sie damals in München wiederfand", wandte er sich an Evelyn, „es wäre mir leid gewesen, wenn ich Sie so ganz aus den Augen verloren hätte. Immerhin — man hat doch allerhand miteinander erlebt, nicht wahr? Und wenn man so viel in der Welt b-rum- gekommen ist wie ich, hängt man eben an gewissen Erinnerungen."
Es schien Herrn Gallatin weder zu verwundern noch zu verletzen, daß auch Evelyn auf diese etwas lyrisch gefärbte Anrede nicht einging. Sein Gesicht zeigte noch immer den gleichen freundlich-gelassenen Ausdruck, wie Alland mit einem raschen Blick in den Spiegel feststellen konnte. Wären nicht die merkwürdigen Augen gewesen, man hätte diesen etwas exotisch eleganten Herrn mittleren Alters mit den fast allzu regelmäßigen südländischen Zügen, der da bequem im Rücksitz lehnte, wirklich durchaus für den Plantagenbesitzer Gallatin ars New Orleans halten können. Srine autoritäre Sicherheit mochte sogar echt sein. Vielleicht war er wirklich daran gewöhnt, daß er allein sprach und alle anderen schwiegen.
Dieser Bertrand da zum Beispiel wagte heute offenbar kaum, den Mund aufzutun und sah aus wie ein kleiner, sultbaerner Angestellter, der gerade von seinem Prinzipal einen Anschnauzer bekommen hat.
mittelbar darauf den Kraftwagen und schleuderte ihn zur Seite, so daß er zertrümmert wurde. Die Bahnschranken waren vorschriftsmäßig zur rechten Zeit geschlossen worden, der Unfall ist offenbar wohl nur auf die große Glätte der Straße zurückzuführen.
Vorsicht
vor unbefugten Stoffhausierern!
DNB. In verschiedenen Teilen des Reiches wurde in letzter'Zeit beobachtet, daß unbefugte Tuchhändler (Stoffhausierer), vor allem jüdischer Herkunft, an Privatleute herantreten und auf die Rohstoffknappheit verweisen, um ihre Waren leichter abzusetzen. Sie erklärten z. B., es gebe in kürzester Zeit keine reinwollenen Stoffe mehr, weshalb man am besten sich gleich mehrere Anzüge anschafte. Sie versehen minderwertige Waren in betrügen cher Absicht mit ausländischen Bezeichnungen, um den Eindruck zu erwecken, daß es sich um englische Stoffe handele. Durch solche Tricks wird nicht nur der meist wenig sachkundige Verbraucher getäuscht und betrogen, sondern auch der ehrliche Stoffhandel geschädigt. Da es schwer möglich ist, unbefugte Stoffhändler auf andere Weise zu fassen, werden alle Haushaltungen aufgefordert, sich bei Stoffangeboten unbekannter Hausierer den Gewerbeschein oorlegen zu lassen. Wer gute Ware ehrlich verkaufen will, wird das ohne weiteres tun. Wenn mit Hinweisen auf die Rohstoffknappheit der Käufer ermuntert oder mit ausländischen Stoffbezeichnungen Reklame gemacht wird, ist der Name des Hausierers sofort dem zuständigen Polizeirevier zu melden.
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** Goldene Hochzeit. Das Ehepaar Schuhmachermeister Karl Schmidt, Bahnhofstraße 64, kann am morgigen Donnerstag, 28. Januar, in geistiger und körperlicher Frische das Fest der goldenen Hochzeit begehen.
** Witterungsumschlag? Der gestrige Dienstag brachte im Hinblick auf das winterliche
Wetter bereits eye Enttäuschung. Um die Mittagsstunde stieg die Temperatur ziemlich an und wenig später ging der fallende Schnee für kurze Zeit sogar in Regen über. In der Stadt sah es infolgedessen bald wenig tröstlich aus und die weiße Pracht wich einem schmutzigen Braun. Lediglich in den Außenbezirken der Stadt und auch in der freien Landschaft erfuhr die Schneedecke noch keine Beeinträchtigung. In der vergangenen Nacht siel die Temperatur wieder um einige Grade und Glatteisbildung war die Folge. Für die Straßenbahn ergaben sich einige Schwierigkeiten, indem die Weichen verschiedentlich einfroren und nur unter großem Kraftaufwand bewegt werden konnten. Gestern abend mußten die letzten einfahrenden Straßenbahnwagen durch den Seltersweg zum Bahnhof und von dort aus ins Depot fahren, weil die Weiche, die die Wagen nach der Marktstraße lenkt, festgefroren war.
** Meeresungeheuer im Schaufen- st e r. In einem Fischhaus in der Marktstraße wird gegenwärtig ein Fisch gezeigt, wie er im Binnenlande sicherlich nur selten zu Gesicht zu bekommen ist. Es handelt sich um einen sogenannten „Seeteufel" (Forellenstör), dessen absonderliche Form den Namen, den der Fisch führt, verständlich werden läßt. Der Fisch scheint in erster Linie nur aus dem Kopf zu bestehen, der sehr breit und flach ist und unmittelbar in den kurzen festen Schwanz übergeht. Ein weiteres charakteristisches Merkmal ist das breite Maul, das für den Fisch tzie Hauptsache zu sein scheint. Das Tier wiegt etwa zwanzig Pfund, würde von deutschen Fischern nach Cuxhaven eingebracht und kam heute morgen im Eilgüterzug nach Gießen.
** Stillegung des Reichssenders Frankfurt. Der Reichssender Frankfurt, einschließlich seiner Sender Freiburg, Kassel und Ko- blenz-Trier, wird am Dienstag, 2. Februar, wegen Arbeiten an dem Antennennetz von 8.30 bis 12 Uhr stillgelegt. Die für diese Zeit vorgesehenen Sendungen fallen aus.
Kriegsgeschichtliche Wanderungen durch Gießen und Umgebung.
Der Reichsverband Deutscher Offiziere (RDO.), Ortsgruppe Gießen, vereinigte am gestrigen Dienstagabend feine Mitglieder und eine Anzahl Gäste zu einem Vortragsabend im großen Saal des Klubs. Die Veranstaltung hatte, vor allem wegen des sehr interessanten lokalgeschichtlichen Themas des Abends, außerordentlich starkes Interesse gefunden, fo daß der Saal fast vollkommen besetzt war.
Der Ortsgruppenführer des RDO., Generalmajor a. D. Rudolf Mohr, hielt den Vortrag' des Abends über das Thema: „Kriegsgeschichtliche Wanderungen durch Gießen und U m tz e b u n g". Er betonte im Anschluß an die Begrüßung der Versammelten, daß es sich bei diesem Vortrag um ein ungeheuer großes Gebiet aus einer Zeit von eineinhalb Jahrtausenden handele und daß es große Mühe gemacht habe, diesen umfangreichen Stoff in den Rahmen eines einzigen Vortragsabends zu bringen. Aus seinen mit beispiellosem Fleiß, umfassender Gründlichkeit, guter Sachkunde und mit tiefer Liebe zum Stoff zusammengetragenen Ergebnissen seiner Forschung ging denn auch in erfreulicher Weise hervor, daß man es bei diesem interessanten Vortrag nicht lediglich mit Geschichtszahlen und einigen Anhängseln zu tun hatte, sondern daß hier ein geschlossener Ueberblick über eine an kriegerischen Ereignissen und an Nöten aller Art reiche, sturmbewegte Zeit gegeben wurde. Die Zuhörer erhielten einen umfassenden und höchst interessanten Einblick in bedeutende Abschnitte der Heimatgeschichte, aber auch mancherlei wertvolle Erinnerungen an Ereignisse und Zeiten, die für unser deutsches Volk und Land von größter Bedeutung geworden sind.
Der Vortrag lenkte die Aufmerksamkeit der Zu^ Hörer zunächst zurück auf die Zeit der Chatten und der Kelten, um dann in großen Strichen an die Römerzeit und die damit verbundene Entstehung des Limes zu erinnern. Don diesem Ausgangspunkt aus entrollte der Vortragende die verschiedensten Abschnitte der kriegerischen Vorgänge in der Umgebung von Gießen vor den Zuhörern. Man erlebte im Geiste die häufigen bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Vertretern der kirchlichen Macht (Erzbischof von Mainz), die Zeiten des
Gleibergs und des Vetzbergs sowie der Burg Gießen und die damit im Zusammenhang stehenden Kriegszüge hin und her im Lande, die später immer mehr an Stelle der früheren Fehden die Gestalt von Feldzügen organisierter Heere annahmen. Vor dem geistigen Auge der Hörer erstanden weiter die Zeiten der Auseinandersetzung über den Besitz an Land und Leuten um Gießen und die Jahre des Ueberaangs Gießens an Hessen-Darmstadt sowie des bewaffneten Einschreitens des Landgrafen gegen Wetzlar (1613).
Aufschlußreich in mannigfacher Hinsicht war fernerhin die Schilderung des Vortragenden aus oer Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die auch für die Menschen in und um Gießen große Leiden und Nöte in vielfacher Häufung und in schrecklicher Auswirkung brachten; durch Krieg und Seuchen sowohl wie durch die vielfachen Truppendurchzüge (etwa 80mal rückten damals feindliche und freundliche Truppen, sich durch nichts unterscheidend in ihrer Raub- und Mordsucht in die Ortschaften um Gießen herum ein und nichts hinter sich lassend als wüste Stätten und erschlagene Bewohner), so daß die durch Wall und Graben geschützte Stadt Gießen schließlich beim Friedensschluß nur noch 410 Bürger zählte, und es doch ungleich weniger gelitten hatte als das flache Land.
lieber die Zeit des österreichischen Erbfolgekrieges, so weit er in unserer engeren Heimat in Erscheinung trat, führte der Vortragende feine; Zuhörer dann zu den unser Heimatgebiet berührenden Begebenheiten des Siebenjährigen Krieges. Auch in diesem Teile des Vortrags konnte man wiederum erkennen, welche ungeheure Leidenszeit mit vielfältigen Greueln und Nöten unsere Vorfahren im Gießener - Land durch die Heerzüge und die Kämpfe zu erdulden hatten. Sowohl die Stadt Gießen, als auch die Ortschaften um Gießen herum wurden dabei oft und schwer in Mitleidenschaft gezogen, wiederholt mußten sie auch die Herrschaft der französischen Machthaber ertragen, die natürlich nicht glimpflich mit Land und Leuten verfuhren. Im Rahmen der Berichte des Vortragenden über die Kampfhandlungen jener Zeit war es besonders interessant, daß er den Wartturm bei Grüningen auf dem „Wartberg" (Höhe 278) als
den Rest einer Windmühle bezeichnete, die damals in einem Gefecht zugrunde ging, während man bisher vielfach der Meinung war, dieser Turm sei ein Wachtturm aus dem Mittelalter oder aus der Römerzeit.
Die Auswirkungen der französischen Revolution brachten auch Gießen und Umgegend neue Kriegsunruhen, die von 1790 ab mancherlei Truppendurch- züge und im Jahre 1797 wiederum eine französische Besetzung von Gießen zur Folge hatten. Sehr interessant war die Schilderung der Kämpfe zwischen österreichischen und französischen Truppen, die damals vor und um Gießen stattfanden und natürlich viel Not und Bedrängnis der Bevölkerung mit sich brachten. Bis März 1799 blieb Gießen von Franzosen besetzt, worauf es nach dem zwischen Frankreich und Hessen-Darmstadt abgeschlossenen Waffenstillstand geräumt wurde.
Nur wenige Jahre konnte sich Gießen eines friedlichen Lebens erfreuen, dann begann wiederum Kriegsnot und Bedrängnis durch die französischen Machthaber in der Zeit der schmachvollen Erniedri- gung unseres Vaterlands von 1806 ab. Das neue Großherzogtum Hessen-Darmstadt mußte damals auf der Seite der Franzosen gegen die deutschen Brüder kämpfen. Der Vortragende gab in diesem Zusammenhänge eine interessante Uebersicht über die militärischen Vorgänge jener Zeit, soweit sie sich in unserer engeren Heimat abspielten.
Von der Schilderung jener Jahre leitete er über zu den großen deutschen Freiheitskämpfen 1812/13, die nach der Niederlage Napoleons bei Leipzig auch unserer engeren Heimat, wie ganz Deutschland, die Befreiung vom französischen Joch brachten. .Er er- innerte dabei u. a. an den Besuch Blüchers in Gießen am 18. November 1813 und an die gewaltige nationale Erhebung, die damals insbesondere auch die Gießener Studentenschaft begeisterte und zur Bildung eines freiwilligen Jägerkorps führte. Mit diesem Rückblick schloß der Vortragende seine ge- schichtliche Darlegungen.
Am Schlüsse seines Vortrages lenkte er den geistigen Blick der Hörer noch kurz auf die Jahre des Weltkrieges und auf den durch Verrat und erbärmliche Parteiinteressen herbeigeführten deutschen Zusammenbruch mit den Leiden unseres Volkes und Vaterlandes, die uns allen noch in frischer Erinnerung sind. Er ermahnte aber auch zur Dankbarkeit dafür, daß diese Zeit der Ehr- und Wehrlosigkeit, der Zerrissenheit, Arbeitslosigkeit und Parteienwirtschaft überstanden ist und wir nun unter dem Schutze eines neuerstandenen Heeres einer neuen Zukunft entgegengehen. Die starke Hand, die Deutschland jetzt führt und leitet, der Mann, der das alles geschaffen und Volkserziehung und Wehrmacht geschlossen vereinigt hat, der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, ist uns allen der sichere Bürge für eine gute deutsche Zukunft. Ihm galt das freudige Sieg-Heil des Redners, in das die Versammlung gerne einstimmte.
Amtsgericht Gießen.
In einer vor dem Amtsgericht Gießen anhängigen Strafsache wegen Ruhestörung war der Angeklagte nicht erschienen. Das Gericht verwarf daher den Einspruch des Angeklagten, den dieser gegen einen gegen ihn erlassenen Strafbefehl eingelegt hatte. Große Strafkammer Gießen.
Der 19jährige Heinrich Riemann aus Trier hat trotz seines jugendlichen Alters schon mehrfach Bekanntschaft mit den Strafgerichten gemacht. Er befand sich im November vorigen Jahres wegen eines Fahrraddiebstahles in Untersuchungshaft im Amtsgerichtsgefängnis in Friedberg. Mit ihm saß ein weiterer Angeklagter in der gleichen Alle. Nachdem R. wegen des Diebstahls eine erheblich höhere Strafe erhalten hatte, als er erwartete, beschlossen die Beiden, gemeinsam aus dem Gefängnis zu entweichen. Während der Abwesenheit des Gefängniswachtmeisters lockte R. dessen Frau in die Zelle unter dem Vorwand, daß es dem anderen Häftling schlecht geworden sei. Als die Frau sich um den auf dem Boden Liegenden kümmern wollte, sprang dieser auf, und beide drangen gemeinsam auf die Frau ein, warfen sie zu Boden und bear-
Altbewährtes Haus- und Vorbeugungsmittel, auch bei Grippe u. Erkältungen! Karmelitergeist Amol ab 80 Rpf. in allen Apotheken und Drogerien.
Alland fühlte sich plötzlich durch die Selbstsicherheit der andern gereizt. Er streifte ihn, über die Schulter gewandt, mit einem zornigen Blick.
„Ehe Sie weiterreden, Mr. Gallatin, halte ich es für notwendig, Ihnen zu sagen, daß Ihre Bemühungen zwecklos sind. Unter gar keinen Umständen werde ich auf irgendeinen Ihrer Vorschläge eingehen. Nur um Ihnen das persönlich zu sagen, habe ich mich zu dieser Unterredung überhaupt bereit erklärt."
Dr. Alland blickte längst wieder starr geradeaus. Er hatte seine Stimme zur Ruhe gezwungen; um so deutlicher verriet ihn das barsch aufbrüllende Signal, mit dem er den Lieferwagen da vorn zum Rechtshalten mahnte, um gleich darauf überholend vorbei- zusausen. Es nützte nichts, daß Evelyn wie beschwichtigend ihr Knie gegen das seine drückte.
Mr. Gallatin verzog die Mundwinkel zu einer Art Lächeln.
„Nur nicht zu rasch", sagte er leichthin, „es wäre fatal, wenn es einen Zusammenstoß gäbe. Gewöhnlich kommen dabei alle Beteiligten zuschaden — schuldig ober unschuldig", setzte er mit spöttischem Nachdruck hinzu, als fürchte er, nicht recht verstanden zu werden.
Aber Alland nahm von der versteckten Warnung keine Notiz. Es klang wie eine Herausforderung, als er sagte:
„Im Grunde konnten Sie doch kaum ernsthaft etwas anderes als eine Absage erwarten, Mr. Gallatin." — Wieder heulte die Hupe, ohne ersichtlichen Grund diesmal. Gallatin lachte unverhohlen auf. „Sie vergessen ganz, Dr. Alland", sagte er beinah amüsiert, „daß es sich zwischen uns ja nur um eine Wiederaufnahme viel älterer geschäftlicher Beziehungen handelt, nicht wahr? Beziehungen, die für Sie gewiß nicht weniger befriedigend waren als für Ihren Patienten. Was mich betrifft, so fühle ich mich Ihnen noch heute zu Dank verpflichtet."
„Damals war ich ahnungslos", fuhr Alland auf. „Heute ..."
„Heute könnten Sie, wenn es Ihnen paßt, genau so ahnungslos sein wie damals. Man würde es Ihnen übrigens auch gerade soviel oder gerade sowenig glauben."
Alland wollte heftig auffahren, aber Gallatin kam Ich habe wenig Zeit gehabt, mich mit Lesen zu be«
ihm zuvor.
„Schon gut", sagte er, „ich glaube Ihnen ohne weiteres Ihre Ahnungslosigkeit. Aber wissen Sie, es dürfte verdammt schwer sein, diese These sonst aufrechtzuerhalten — beispielsweise vor Gericht."
„Kein Mensch würde es glauben, daß Ihnen gar nichts bei der Sache aufgefallen ist. Bei dieser noch im Grund recht unwahrscheinlichen Sache mit dem reichen, svleenigen Amerikaner, der hartnäckig darauf besteyt, von Ihnen operiert zu werden und Ihnen ein selbst für amerikanische Verhältnisse ungewöhnliches Honorar dafür anbietet, ja beinahe aufnötigt."
Alland fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Mit aller Gewalt Zwang er sich zum Schweigen. Diese Art verhüllter Drohung war unerträglicher als jede offene Erpressung.
Gallatin spürte die Erregung des Arztes an der nervösen Beschleunigung des Motvrgeräusches. „Ich meinerseits", sagte er beruhigend, „glaube ja selbstverständlich durchaus an Ihre Unschuld, aber wie gesagt — ob das genügt ...? Der Fall liegt ganz ähnlich wie damals bei Ihrer Frau Gemahlin. Kein Mensch hätte ihr geglaubt — würde ihr glauben, daß sie nichts wußte. Nichtwissen ist sehr schwer zu beweisen. Dabei kann man alt werden in der Untersuchungshaft. Dann ist es schon sicherer, man weiß zuviel, mehr, als die anderen wissen wollen. Damit läßt sich schon eher ein Druck ausüben. Mit mir zum Beispiel ist man stets und überall ziemlich vorsichtig umgegangen. Es heißt nicht zu Unrecht: „Wissen ist Macht!"
Herr Gallatin lachte ganz für sich über sein Bonmot.
Alland und Evelyn saßen regungslos nebeneinander. Sie wagten nicht, sich mit den Blicken zu begegnen. Vielleicht hätten ihre Augen Furcht verraten. Furcht doj diesem jovial plaudernden Herrn dahinter, der für sie beide doch das Schreckgespenst des Unterganges selbst war ...
Gallatin wurde plötzlich wieder ernst. Er schüttelte wie mißbilligend den Kops: „Immer diese Vorurteile! Was Sie für die „Stimme des Gewissens" halten, für hohe, ethische Prinzipien — das ist im Grunde alles nichts als ein moralisches Vorurteil.
fassen. Aber ich hatte unter meinen Leuten einen, der war frühes Privatdozent. Er wollte ursprünglich nur eine Geschichte des Rauschgifthandels schreiben, hat aber dann die Studien zu intensiv betrieben. Als er zu mir kam, war er schon ein verlorener Mann. Aber wenn er genügend gespritzt hatte, noch immer sehr hell im Kopf.
„Nie würde ich jemand zwingen", fuhr Gallatin fort, „mir etwas abzukaufen, wenn er es nicht unbedingt braucht." Alland machte, ohne sich umzu- wenden, eine energisch verneinende Kopfbewegung. „Gerade das ist ein Verbrechen, wenn man einem Süchtigen weiter die Droge beschafft. Sie mögen dagegen sagen, was Sie wollen, das sind alles nur Spiegelfechtereien."
Der Wagen rollte in mäßigem Tempo durch eine Dorfstraße, die gleich wieder hinter ihnen lag. Gallatin schien durch den Widerspruch nicht im geringsten beleidigt. Sein Ton war freundlich belehrend, als er jetzt antwortete:
„Sie kennen das Leben nicht, Dr. Alland", sagte er, „nein, unterbrechen Sie mich nicht! Natürlich, ich weiß, Sie haben als Arzt gewiß mehr Einblicke getan als andere. Aber das wirkliche Leben, das kennen Sie nicht. Sonst wüßten Sie, daß es für all die vielen Tausende Unglücklichen, die Sic mit dem Hochmut des Arztes „Süchtige" nennen gar keine andere Möglichkeit gibt, ihr Leben zu ertragen, als irgendein Rauschmittel. Sie sind nicht unglücklich, weil sie ein Rauschgift nehmen, sondern umgekehrt — so unglücklich, daß ihnen nichts anders übrigbleibt. Es ist für sie die einzige Erlösung, sie reißen es mir und meinen Leuten aus den Händen. Wenn ich es ihnen nicht beschaffe, wenden sich eben an einen andern, der sie womöglich noch, obendrein betrügt statt Kokain ein bißchen Zahnpulver liefert. Eine Gemeinheit so was" — man hörte ehrliche sittliche Entrüstung aus Gallatins Stimme , — „ich für mein Teil habe mich nie auf solche Sachen eingelassen^ute Waren gegen gutes Geld. Das ist auf die 5Äuer das gesündeste Geschäftsprinzip. Natürlich tue ich das alles nicht aus purer Wohltätigkeit, natürlich will ich verdienen, wie andere Wohltäter der Menschheit auch. Aber bei mir wird wenigstens niemand betrogen."
(Fortsetzung folgt!)
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