Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)
Mittwoch, 2L3anuorl937
Nr.22 Zweiter Blatt
Aus Natur und Technik.
Ser braune Var.
Von Hans Härlin.
Es ist nicht zu bestreiten und schwer zu erklären, daß der Mensch zum Landbären eine vertrauende Zuneigung empfindet, während ihm die anderen Raubtiere immer fremd und bedrohlich bleiben. Die drollige Art des Bären, sein weiches, warmes Fell, sein humorvoller Gesichtsausdruck, die überlegene Ruhe, mit der er dem Menschen begegnet, muffen ihn diesem seelisch wohltuend machen. Die überströmende Zärtlichkeit, mit der unsere Kinder ihren Teddy-Bären lieben, beweist, daß dieses Gefühl der Zuneigung aus dem Herzen strömt.
Man sollte nun annehmen, daß die Naturgeschichte dieses vielleicht zu gut beleumundeten, in der Alten und Neuen Welt seit Urzeiten heimischen Tieres ganz besonders gründlich erforscht und wohl bekannt wäre. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Unter den Zoologen herrscht keinerlei Eintracht über die Unterteilung des in so verschiedener Größe, Färbung und Bauart vorkommenden Landbären, auch unsere beiden Altmeister der Tierkunde, Johann Jakob von Tschudi und Alfred Brehm, sind in ihrer Bärenkritik weit voneinander geschieden. Es scheint sicher zu fein, daß der Bär als Allesfresser und Liebhaber pflanzlicher Kost im allgemeinen nicht zu den reißenden Raubtieren zu rechnen ist. Wenn jedoch ein ausgewachsener Bär durch Not ober Zufall zum Fleischfresser und Viehräuber wird, kann von „geringer Raubfertigkeit" nicht gesprochen werden. Er wird dann oft zur Geißel eines ganzes Landstrichs.
Wenn wir vom Bären reden, denken wir unwillkürlich an das Land, als dessen Sinnbild er besonders in früherer Zeit so oft gebraucht wurde, an Rußland. Hier ist er auch heute noch zwischen dem .52. und 67. Breitegrad sowohl im europäischen Teil wie in ganz Sibirien häufig anzutreffen, und zwar meist als richtiges Waldtier. Der gewaltige Kerl, der manchmal ein Gewicht von acht Zentnern erreicht, braucht viel Nahrung und kann darum nicht sehr wählerisch sein. Er frißt Eicheln, Wildobst, Baumknospen, Schwämme, Beeren, reifendes Getreide und was er sonst erwischen kann, wühlt Ameisenhaufen um und schleckt die Larven auf. Auch sind ihm sonstige kleine Tiere wie Kerfe und Schnecken als Zukost willkommen. Seine Leidenschaft für alles, was füß ist und so ganz besonders für den Honig, ist bekannt.
Der russische Bär ist kein Vagabund, er fühlt sich gerne als „Grundbesitzer" in seinem Waldbereich, in dem er mit seiner Bärin und ihren Jungen in erreichbarer Nähe, aber mit gesonderter Lagerstatt haust.
In der schönen Jahreszeit und besonders im Herbst ist der Tisch des Bären überall gedeckt, und er kann gewaltig Feist ansetzen. Es ist auch sehr wichtig, das Winterlager in guter Leibesbeschaffenheit aufzusuchen.
In der schönen vier bis sechs Monate währenden Ruhe wird der Bär zu dem „großen Denker", als den ihn die russischen Weidmänner ansprechen. Denn sein Winterschlaf ist kein tiefer, todähnlicher Schlaf, sondern mehr ein wohliges Hindämmern und ein Jnsichselbstversenken. In dieser Ruhezeit geschieht Anfang Januar auch das große Wunder, die Geburt der verhältnismäßig winzig kleinen Bären. Meist sind es zwei, nicht selten drei, höhere Zahlen sind Ausnahmen. Die Neugeborenen wiegen nicht über drei Pfund, sehr häufig erheblich weniger; demnach ist das Geburtsgewicht des Bären im Verhältnis zum Muttergewicht das weitaus niedrigste von allen großen Landsäugetieren. Ein derartiger Neuankömmling ist ein komisches Geschöpf mit rundem Kopf, flacher Schnauze und ganz kleinen Ohren. Die Farbe der Flaumhaare ist wie Milchkaffee, den Hals ziert in den ersten Monaten ein weißer Ring, und die Augenlider sind zuge- pappt wie bei jungen Hunden. Auf diesem ziemlich unfertigen Geburtszustand fußt die Sage, daß die Bärin ihren Jungen erst durch eifriges Belecken ihre richtige Form geben müsse.
Je nach Klima und Witterung verläßt sie ihr Winterlager zwischen Mitte März und Mitte April.
Das Wunder der Glühlampe.
Von Dieter von der Schulenburg.
D. A. Von der Erfindung der elektrischen Glühlampe bis zu ihrer fabrikatorischen Herstellung und ihrer allgemeinen Benutzung als Lichtspenderin war es ein weiter, mühevoller Weg. Die grundlegende Entdeckung geht auf den englischen Physiker D a v y zurück, der in der physikalischen Erkenntnis, daß sich ein stromdurchflossener Leiter erwärmt und bei geeigneten Umstanden zum Glühen gebracht werden kann, 1802 einen Platindraht durch einen mit galvanischen Elementen erzeugten elektrischen Strom Zum Leuchten brachte. Es ist nun ein Naturgesetz, daß Körper, die erhitzt werden, von einer bestimmten Temperatur an neben Wärme auch Licht ausstrahlen. Bei zunehmender Temperatur steigt indessen die Lichtausstrahlung in weit höherem Maße als die Wärmeabgabe. Nach dem Stefan Bolz- manaschen Gesetz wächst die Gesamtausstrahlung mit der vierten Potenz der absoluten Temperatur. Erhöht man diese also um das Doppelte, ist die Ausstrahlung bereits sechzehnmal so groß. Des weiteren ändert sich mit der Steigerung der Temperatur gleichzeitig die Farbe des ausgestrahlten Lichts, das heißt, das Maximum der Energieoerteilung im Spektrum wandert nach den sichtbaren kürzeren Wellenlängen. Es verschiebt sich. Nach Dr. Walter Köhler muß man, um eine Strahlung von so kleinen Wellenlängen, wie sie das sichtbare Gebiet ousmachen, zu erzeugen, auch ganz kleine Gebilde, wie sie uns die Natur in den Atomen und Atomverbänden zur Verfügung stellt, anregen. Diese Anregung kann entweder bei festen Körpern, wie bei Leuchtdrähten unserer Glühlampen, ober bei Gasen, wie wir es vom Blitz her kennen, oder von Leuchtröhren, die heute in den Reklameanlagen allgemein gebraucht sind, erfolgen.
Das Bestreben jeder Leuchttechnik geht immer dahin, Lichtquellen mit möglichst hoher Licht- ausbeute zu schaffen und Leuchtkörper zu finden, die auf möglichst hohe Temperaturen gebracht werden können, ohne daß sie verdampfen. Denn ähnlich wie- der Mensch, von jeder anderen akuten ober plötzlichen Todesursache abgesehen, einmal normalerweise an Arteriosklerose zugrunbe gehen wird, so die Glühlampe schließlich an Verdampfung des
Nicht selten gesellt sich dann ein (immer männlicher) Jungbär des vorherigen Wurfs zur Familie. Er wird von der Mutter zur Beaufsichtigung feiner kleinen Geschwister verwendet. Die Russen nennen diese gut zweijährigen Bären daher Pestun = Kinderwärter. Die Bärin ist eine musterhafte Mutter, aber sehr streng. Beim kleinsten Ungehorsam setzt es tüchtige Ohrfeigen und wenn der Pestun nicht scharf aufpaßt, kriegt er auch sein Teil mit der entsprechenden Alterszulage.
Die Frage der Paarungszeit und damit auch der Trächtigkeitsdauer ist immer noch nicht richtig geklärt. Im allgemeinen ist der männliche Bär als monogam anzusprechen. Er scheint kein sehr feuriger Liebhaber zu sein, man weiß nichts von Bärenzweikämpfen um den Besitz des Weibchens. Die Kindererziehung überläßt er völlig der Bärin. Er hat sie und die Jungen gern in der Nähe, aber nicht zu nahe.
Für den Menschen ist die Aufzucht von Jungbären vielleicht das wirksamste Mittel gegen Langeweile, das es überhaupt gibt. Wer feine Möbel und sonstigen Besitztümer liebt, wird die vierbeinigen Ziehkinder nach ihrem zweiten Lebensmonat allerdings kaum mehr im Hause behalten. Sie sind zwar die gute Laune selbst, aber sie klettern an den schönsten Gardinen in die Höhe, weiden Sofas und Polsterstühle aus und zerbrechen, was nicht niet- unb nagelfest ist.
Zum Beweis, in welch hoher Achtung ber Bär bei den Naturvölkern steht, möge noch zum Schluß erwähnt werben, baß bie Ostjaken in Ostsibirien ihn bei feierlichen Abmachungen als Zeugen und obersten Richter anrufen. Zur Eidbekräftigung beißen sie in ein Bärenfell. Den Eidbrüchigen soll der Bär strafen. Da sie ein abergläubisches Volk sind, und oft allein durch den Wald ziehen müssen, dürfte bei ihnen der Meineid ein seltener Frevel fein.
Porzellan, das weiße Golf».
Ein wertvoller deutscher Werkstoff mit neuen Aufgaben.
V. A. Es wird leicht übersehen, daß der Antrieb zur Erfindung des Porzellans in Europa nicht nur lm Nachahmungs- und Nacheiferungsbestreben, es den Chinesen im Schaffen schöner, formvollendeter Keramik gleichzutun, lag, sondern ein sehr nüchternes, sachliches Erfordernis chemisch-technischer Art die Ursache war. Da saß nun auf der Albrechts- burg zu Meißen in lebenslänglicher, wenn auch ehrenvoller Haft der ehemalige Apotheker und Alchimist Johann Friedrich Nötiger, der sich des Geheimnisses, Gold machen zu können, gerühmt hatte, und mühte sich nun redlich ab, sein Wort, das er seinem Kurfürsten gegeben hatte, auch wirklich einzulösen. Bei den Versuchen in seinem primitiven Laboratorium stellte sich die Notwendigkeit heraus, sehr feuerfeste Schmelztiegel benutzen zu können, die nirgends zu haben waren. Er mußte sie also selbst anzufertigen suchen, und da fand sich in der Nähe von Meißen ein sehr feinkörniger Ton, der es ermöglichte, zwar braune, aber immerhin porzellanähnliche Gefäße herzustellen. Böttger fagte fick) bei seinem Wissen und seinem Forscherinstinkt sofort, daß das schon in der Idee vielleicht etwas bei weitem Besseres als alles vergebliche Abmühen, Gold zu machen, fei, womit man nur die Geduld Augusts II. erschöpfen konnte. Man entdeckte bei Aue im sächsischen Erzgebirge tatsächlich die richtige Porzellanerde, und das.Problem war fortan gelöst.
Im Jahre 1709 konnte Böttger seinem Herrn das erste echte Stück Porzellan übergeben. August II. erkannte augenblicklich die Ebenbürtigkeit des „weißen Goldes" mit dem gelben, aus dem so gesuchten Edelmetall, genau so, wie 50 Jahre später das preußische Genie, Friedrich der Große, den enormen volkswirtschaftlichen Wert dieses Werkstoffes erfaßte. Noch mitten in der Bedrängnis des 3. Schlesischen Krieges schreibt Friedrich an Frau v. (Tamas, nachdem er zuvor von Dresden aus Meißen besucht und sich über die Herstellung von Porzellan mit der ihm eigenen Gründlichkeit unterrichtet hat: „Nichts bleibt uns als die Ehre, der Mantel, der Degen und das Porzellan." 1763 erwirbt er dann vom Bankier und Armeelieferanten Johann Ernst Gotzkowsky für 225000 Taler die bereits seit 1750 bestehende Berliner Porzellanfabrik, die dieser wieder vom Wollzeugfabrikanten C. W. W e g e l y übernommen hatte. Sie wird sofort durch die beständige Fürsorge und Anteilnahme des Königs zu einem blühenden Unternehmen.
Die Ausführungen Friedrichs an Frau v. (Tamas haben gerade heute in dem von sehr vielen Rohstoffen abgeschnittenen Deutschland nichts an ihrer Bedeutung und ihrem tieferen Sinn eingebüßt. Sie werden zu ewiger Wahrheit, besonders im Hinblick aus den neuen Jierjahresplan des Führers, der Höchstanforderungen an unsere Chemiker und Techniker stellt, ihnen im vollen Vertrauen auf ihre Leistung und auf ihr Können die Riesenaufgabe zuweist, die deutschen Werkstoffe bis zum
äußersten für die Selbstversorgung Deutschlands heranzuziehen. Es gilt bei allem und jedem, sich zu überlegen, durch welches deutsche Material, mit welchen Mitteln kann ich diesen oder jenen Rohstoff, den ich bisher aus dem Ausland bestellen mußte, durch einen deutschen, leicht zu gewinnenden ersetzen, und zwar nicht durch mangelhaften, minderwertigen Ersatz, sondern durch vollwertigen Austausch, durch eine ebenbürtige Auswechselung. Und gerade hier ist es gelungen, Porzellan immer mehr in den letzten. Jahren heranzuziehen, seine Herstellung für chemisch-technische Zwecke zu fördern. Die Bedeutung liegt heute vielleicht weniger in der Erzeugung künstlerisch vollendeter Keramik, herrlicher Service, Schaken, Körbchen, Tassen und anderen schönen Dingen, die aus formender, gestaltender Künftlerhand erwachsen und die nicht zuletzt von deutscher Qualitätsarbeit zeugen, sondern der größere Nachdruck ist vielleicht heute auf den verhältnismäßig neuen Produktionszweig des technischen Porzellans zu legen. Verhältnismäßig, denn das Bestreben, technisches Hartporzellan zu erzeugen, wurde von Anfang an gehegt. So berichtet nach Dr. E. Moser eine Akte vom Jahre 1798, die im Archiv der Staatlichen Porzellan-Manufaktur aufbewahrt wird, daß Versuche angeftellt wurden, Flintensteine an den Gewehren durch künstliche Steine aus Porzellan zu ersetzen. Aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts hat man ferner noch Zeichnungen von Schmelztiegeln und Abdampf- schalen. Man versuchte sogar, Mühlsteine aus porösem Porzellan zu fabrizieren. Als bann die Telegraphie aufkam, waren die verschiedenen deutschen Post- und Telegraphenverwaltungen die Auftraggeber auf Jsolatorenköpfe an Telegraphenstangen. Während diese aber vorerst noch zögernd und skeptisch herangingen, war es eine Firmel in Manchester, die die praktische Verwendungsfähigkeit des Porzellans zu Jsolierungszwecken erkannte und damals bereits laufend umfangreiche Aufträge erteilte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgte die Herstellung von Brennerköpfen für Gasbrenner, von porösen Filterkörpern, Wasserstandsanzeigern für Pegelmessungen u. a. m., und so setzte sich der Gebrauch von Porzellan mit der jeweiligen Vervollkommnung der Technik weiter fort.
Seine Verwendungsmöglichkeiten sind heute noch immer unbegrenzt. Es eröffnen sich immer neue Wege des Austausches, namentlich im Hinblick auf den von Metallen. Wir besitzen heute hitzeunempfindliche Gefäße, Retorten, Mörser, Tiegel, Kapillarröhren bis zu Millimeter-Durchmesser, Filter und Schalen in allen Formen und Größen für chemische Laboratorien, elektrische Isolatoren und zahllose andere Requisiten, die der elektrotechnischen und chemischen Großindustrie heute schon unentbehrlich geworden sind. Und der letzteren um so mehr, als das Hartporzellan besonders widerstandsfähig gegen Säuren ist. Der große Berliner Funkturm steht auf Porzellan. Die üerfd)iebe=
Leuchtkörpers. Das ist ihr Altern, ihre Arterienverkalkung, die nach einer bestimmten Anzahl von Brennstunden ihrem Leben das naturgemäße Ziel setzt.
Der Erste, dem es gelang, die Glühlampe aus dem rein laborationsmäßigen Zustande herauszu- führen, war der 1848 nach Amerika ausgewanderte Deutsche Heinrich Goebel, der in Neuyork eine Uhrmacherwerkstatt betrieb. Er beleuchtete seinen Laden mit einem Leuchtkörper, der eine verkohlte Barnbussaser enthielt und rund 400 Brennstunden aushielt. 1878 konnte dann der Engländer Joseph William S w a n seine erste Kohlenfadenlampe vorführen, und im weiteren Verlauf der. Entwicklung war es vor allem Thomas Alva Edison, der sich endgültig der Kohle als bestem Werkstoff, der zum Glühen zu bringen war, zuwandte. So wurde 1879 der Überseedampfer „Columbia" mit mehr als hundert Edisonschen Kohlenfadenlampen ausgerüstet, und ein Jahr später erstrahlte auf der Pariser Weltausstellung das Hauptgebäude im Glanz seiner tausend Glühbirnen.
Die hier in Frage kommende Verdampfungsgrenze der Kohle ist aber immer bereits bei etwa 1800 Grad Celsius erreicht. So ging man dann weiter zu den schwer schmelzbaren Metallen, zum Osmium, Tantal und endlich zum Wolfram über. Der liebergang vom ursprünglich benutzten Kohlenfaden zum Osmiumfaden, dann zum Nernststift, Tantaldraht, Wolframfaden und schließlich zum Wolframdraht und seiner weiteren Vervollkommnung durch Anwendung einer Wolframwendel bzw. Doppelwende! in gasgefüllten Lampen ist nichts an- des als das beständige Fortschreiten zu immer höherer Lichtausbeute. Die Glühlampe ist ja nur der Umformer, der die elektrische Energie in Lichtenergie umsetzt. So wie man die elektrische Leistungsaufnahme in Watt mißt, so mißt man die abgegebenen Lichtleistung der Lampe in Lumen. Ein Vergleich zeigt hier besonders anschaulich den Forl- schritt: Konnte Goebel 1854 mit einer 75-Watt- lampe bei 100 Stunden Brenndauer nur 70 Lumen erzeugen, so 1929 eine 75-Osram-Lampe 1150 Lumen zu 1000 Stunden Brenndauer. Und seitdem ist gerade die deutsche Lichttechnik zu immer größeren Erfolgen gelangt. Hatte man bei einer normalen 40-Watt-Lampe zu 220 Volt einen Wolframdraht zu einer Länge von 800 Millimeter und
zu einem Durchmesser von 0,0245 Millimeter aus- gezogen, so gelang es, ihn, wenn man ihn wen- belte, das heißt zu einer Schraubenlinie von nur 144 Millimeter bei einer Windungszahl von 3600 drehte, zu verkürzen. Wendelte man ihn abermals, so ergab das eine Länge von nur 24 Millimeter und eine Windungszahl von nur 140. Bei einer Temperatur der Doppelwende! in der Lampe von 2,370 Grad Celsius konnte man bei einer 40-Watt- lampe etwa die Lichtausbeute bis auf 20 v. H. erhöhen.
Die Glühlampe ist trotz der Massenanfertigung, die sie bedingt — der jährliche Verbrauch an den hauptsächlichsten Typen von 15 bis 100 Watt beträgt mehr als 50 Millionen Stück — ein Kunstwerk an Präzision und Feinmechanik, und man weiß nicht recht, was man mehr bewundern soll: die Herstellung des Wolframdrahtes, die Lampe ' ^Ibst und ihre Montierung oder die ungemein sinnvollen Werkzeugmaschinen, die sich der Menschengeist gerade zu dieser Fabrikation erdachte und die die feinste Arbeit, deren Kontrolle oft nur mikroskopisch möglich ist, mit ungeheurer Genauigkeit leisten.
Wolfram befindet sich in der Natur als Erz, allerdings in Deutschland nur in geringen Mengen und ist ein sehr sprödes Metall. Man gewinnt cs heute vor allem aus dem Erz-Scheelit, das aus Australien bezogen wird, und aus dem man durch chemische Aufschließungsverfahren das Metall als außerordentlich schweres, grauschwarzes Pulver erhält. Hieraus preßt man unter starkem hydraulischem Druck Stäbe, die man dann sintert. Man erwärmt also die Wolframstäbe bis nahezu Schmelztemperatur, die bei Wolfram etwa bei 3400 Grad Celsius liegt, damit sie sich in ihrem molekularen Gefüge so festigen, daß sie in Hämmermaschinen bis auf einen Durchmesser von einem Millimeter herunter gehämmert werden können. Das spröde Metall so zu verarbeiten, bedeutet schon einen Triumph der Technik. Nun haben aber die feinsten in der Glühlampenindustrie verwendeten Drähte einen Durchmesser von 0,008 Millimeter, ein Fünftel der Stärke eines blonden Menschenhaares. Ein solcher Draht ist auf einer weißen Unterlage gerade noch sichtbar. Er muß aber auf feiner ganzen Länge die größte Gleichmäßigkeit besitzen. Abweichungen des Durchmessers dürfen nicht größer als 2 o. H. fein, das heißt: nicht größer als
nen Gleichrichter der Berliner Stadtbahnanlage sind mit Jolatoren aus Porzellan ausgeftattef.
Vor allem ist auch die Temperaturwechselbeständigkeit von entscheidender Wichtigkeit. Man kann Tiegel beliebig oft auf der Gebläseflamme erhitzen und noch glühend auf eine Eisenplatte setzen, ohne daß sie zerspringen. Die Rohrherstellung ist besonders vervollkommnet worden. Zweimeterlange Rohre von 180 mm Durchmesser können heute angefertigt werden, kürzere mit wesentlich größerem Durchmesser. Die Schleiferei hat ebenfalls einen großen Schritt vorwärts getan. Man kann Apparaturteile vakuumdicht aufeinder schleifen mit bislang ungekannter Maßgenauigkeit. Man hat in der Großapparatur der Industrie Kessel aus Porzellan zu 500 Liter Inhalt, Abdampfschalen zu 200 Liter und Destillierblasen in allen Größen.
Die größte Bedeutung hat Porzellan als Aus - tausch stoff, wo es gilt, Metalle, die uns fehlen, vollwertig zu ersetzen, wie gerade das Messing oder Kupfer, weil Porzellan formbar, haltbar und von absolut dichter Oberfläche ist. Es kann überdies nicht rosten oder oxydieren wie Zink, Messing oder Kupfer, ist auch leichter zu reinigen, vielleicht am leichtesten von allen Werkstoffen, indem man es einfach abwäscht. Wie gut auch ein weißer Porzellantürgriff aussehcn kann, beweist die innere Ausstattung etwa des Verwaltungsgebäudes der Staatlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin. Derartige Griffe führen ja auch alle modernen Badezimmereinrichtungen an Wannen und Brausen. An Stelle von Kupfer wird heute auch für die Filter von Brunnenanlagen Hartporzellan verwandt. Es ist genau so haltbar, nur billiger.
Porzellan ist tatsächlich ein ungemein billiger Werkstoff aus deutscher Erde. Es enthält einmal den für seine Herstellung so wichtigen feinsten Ton, das Kaolin, ferner Glimmer und zusätzlich Feldspat und Quarzsand als Bindemittel in ganz bestimmtem prozentualem Verhältnis, also nichts, was nicht in Deutschland in unerschöpflichen Mengen gewonnen werden könnte. Mit geringen Kosten gewonnen, erfährt Porzellan erst durch die intensive Bearbeitung das Hundert-, ja Tausendfache seines Wertes. An seiner Bearbeitung wirken mit: der Chemiker, Techniker, Künstler, Modelleure, Porzellanmaler und hochwertige Facharbeiter wie Former, Dreher und Schleifer. Mehr denn je wird es also zum „weißen Gold" in einem aufstrebenden, neuen und auf sich selbst gestellten Deutschland.
Der Zufall in der HimmMunde.
Von Professor Paul Kirchberger.
Einer der bekanntesten deutschen Astronomen, Pros. Ludendorff in Potsdam, hat unlängst über Zufälle in der Himmelskunde und auch in der Geschichte der Himmelskunde eine Zusammenstellung gegeben; die von ihm mitgeteilten Tatsachen sind wohl geeignet, überraschend zu wirken.
Zu den selteneren Ereignissen am Himmel gehören sicherlich vollständige Sonnenfinsternisse einerseits, das Auftauchen sogenannter „N e u e r S t e r n e" andrerseits. Es ist habet selbstverständlich, daß beide Arten von Ereign ssen nicht das Allergeringste miteinander zu tun haben, denn neue Sterne leuchten in himmelweiten Entfernungen auf, die Sonnenfinsternisse ereignen sich in unserm vergleichsweise winzigen Planetensystem. Um so merkwürdiger ist es, daß beide Ereignisse in den letzten Jahren zweimal auf denselben Tag fielen. Am 6. Juni 1918 wurde im Sternbild des Adlers ein neuer Stern gesehen, an demselben Tage fand eine Sonnenfinsternis statt, und ein gleiches Zusammentreffen geschah am 19. Juni 1936 bei dem letzten der neuerdings erschienenen neuen Sterne, der im Sternbild der Eidechse steht.
Kehren wir in unser Planetensystem zurück! Die beiden Monde unseres Nachbarplaneten Mars sind so winzige Himmelskörper und stehen ihrem Zentralkörper Mars so nahe, daß sie sehr schwer zu sehen sind. Ihre Entdeckung gelang erst 1877; merk- ................ ...... ■ rr2-T2'..:- 11 i.~r
28 hunderttausendstel Millimeter. Wäre der Draht an einer Stelle dünner als an einer benachbarten, so würde er sich bei Stromzufuhr verschieden erwärmen und dort stärker verdampfen.
Das Ziehen des Wolframdrahtes, das Bohren und Polieren geht in Ziehkanälen vor sich, und zwar durch Diamanten, die man wegen ihrer Härte bei Wolfram verwenden muß. Es erfordert eine wochenlange Arbeit für jeden einzelnen Ziehstein und modernste Prüfungseinrichtungen unter sorgfältigster mikroskopischer Kontrolle, die die Abweichung des mittleren Drahtdurchmessers bis zu 0,2 v. H. genau zu bestimmen gestatten.
Um von der ungeheuren Vielseitigkeit einen Begriff zu geben, so sei erwähnt, daß gegenwärtig etwa 6000 verschiedene Typen gebaut werden. Die kleinste Lampe hat nur einige Zehntel Watt. Es ist eine winzige medizinische Lampe, die das Kaiserin-Augusta-Hospital zu Berlin zu Filmaufnahmen über die Funktion der Nierentätigkeit verwandte. Die größten Lampen sind Hochleistungslichtquellen von 20 000 dis 50 000 Watt. Die Fabrikation hat sich also den verschiedenartigsten Verwendungszwecken anzupassen. Man denke auch an die Scheinwerfer bei Autos, oder an Seezeichen, an Blinkfeuer von Leuchttürmen und anderes mehr. Keine Kosten und keine Mühe werden gescheut, um die Qualität immer weiter noch zu verbessern. So wird in der Zentralbrenn- station in der größten Berliner Glühlampenfabrik jährlich für 3 Millionen Kilowattstunden Strom lediglich für Prüfungszwecke verbraucht. Das entspricht dem Stromverbrauch einer mittleren deutschen Stadt wie etwa Koburgs.
Dem Vierjahresplan Rechnung zu tragen und möglichst deutsche Werkstoffe zu verwenden, ist ebenfalls das ernste Bestreben der deutschen Leucht- technik. Kann man auch auf die Einfuhr des Schee- lits nicht verzichten, so versucht man doch, r. B. bei der Fassung des Lampensockels, statt Messing an- dere Metalle zu verwenden.
Wenn wir nun die Reichsindexziffer für die G-- samtlebenshaltung betrachten, so beträgt der Glüh» lampenpreis 39 v. H. gegenüber 1914. Eine 15-Watt- Lampe, die vor dem Kriege 1,95 Mark kostete, kann heute für 82 Pfennige bezogen werden.


