Hr.146 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 2b. Zum (937
Aus der Stadt Gießen.
Oie neuen Bekanntschaften.
Wir begrüßten uns über ein paar Tische hinweg. Ich ging einen Sprung zu ihm hinüber. „Wollen Sie nicht an unseren Tisch kommen? Es sind sehr nette Leute da."
„Nein", sagte er. „Nein, ich möchte keine neuen Bekanntschaften machen. Ich kenne genug Leute. Ich bin müde."
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Das muß man achten, zumal wenn es mit so viel echtem Gefühl ausgesprochen wird. Aber feiv nen wir das Gefühl nicht alle? Hat es uns nicht auch schon gepackt, gelegentlich? Dieses Gefühl, gar nicht mehr neugierig zu sein auf neue Menschen?
Dann ist es wieder verschwunden. Wir haben neue Menschen kennengelernt. Oft hat es sich nicht gelohnt, offen gesagt: meist hat es sich nicht gelohnt. Aber plötzlich war doch einer da (oder eine), um den (um die) es sich lohnte. Waren es nicht gerade Menschen, die überhaupt nicht blendeten und über die man zunächst gänzlich hinwegsah? Aber das Leben steckt voller Ueberraschungen.
Wenn man keine neuen Bekanntschaften machen will, ist man reif zum Sterben, man ist todmüde.
Denn sonst ist in jedem Menschen, der Spannkraft in sich hat, Lust auf das Neue, Hunger auf das bunte Leben, die Lust, dem Unerwarteten zu begegnen, dem Seltsamen und Ungewohnten, das sich in Menschen verkörpern kann und nur in Menschen. Kein Ding, kein Land, keine Laune der Natur ist so des Ungewöhnlichen fähig, ja des wahrhaft Phantastischen, außer dem Menschen. Darum bleibt uns, solange wir den Hunger in uns spüren, die Spannkraft, darum bleibt uns die herrliche, gesunde Neugier auf den Menschen, den wir noch nicht kennen.
Durch alle Enttäuschungen hindurch. r. k.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
NSLB. Fachgruppe für Kindergärtnerinnen: 16 Uhr Froebel-Seminar, Vortrag. — NSG. „Kraft durch Freude": 14 Uhr Wochenendfahrt nach Düsseldorf. — Stadttheater: 20 bis 22 Uhr, Berliner Ensemble-Gastspiel: „Laß uns träumen". — Gloriapalast (Seltersweg): „Drei Kaiserjäger". — Baugenossenschaft 1894: 20 Uhr Burghof, Jahres-Hauptversammlung. — Schiffenberg: Sonnenwendfeier.
Tageskalender für Sonntag.
SA.-Sporttag: 8.30 und 9.30 Uhr Kampfballspiele der Standarten; 10.30 Uhr Handballspiel de; Brigaden 147 (Oberhessen) und 46 (Fulda). Nachmittags 15 Uhr Kampfballspiel der beiden besten Mannschaften des Vormittags. Sämtliche Wettkämpfe auf dem Spielverein 1900. — BDM.: 10.30 Uhr am Stadttheater Verleihung von Ehrenzeichen. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Drei Kaiserjäger". — Fachschaft Deutsche Schäferhunde: 9 Uhr Waldsportplatz des VfB.-Reichsbahn Schäferhunde-Aus- ftellung. — Schiffenberg: ab 15.45 Uhr Großes Militärkonzert.
Hauptversammlung der Baugenossenschaft 1894.
Die Baugenossenschaft 1894 hält am heutigen Samstag, 20 Uhr, im „Burghof", Burggraben, ihre diesjährige Jahreshauptversammlung ab.
Sonnwendfeier auf dem Schifsenberg.
Aus Anlaß der 100jährigen P"cht der Familie L r) n ck e r auf dem Schiffenberg, er das wir bereits eingehend berichtet haben, findet heute abend auf dem Schiffenberg eine Sonnwendfeier, verbunden mit Konzert statt. Für den morgigen Sonntaa nachmittag ist ein Militär-Konzert, ausgeführt von der Regimentskapelle des Jnf.-Regts. 116 vorgesehen.
NS.-Lehrerbund, Gießen.
Fachschaft ..Heuere Sprache".
Nächste Sitzung der Arbeitsgemeinschaft am Dienstag, 29. Juni, 16 Uhr, in der Oberrealschule.
Aus den Gießener Gerichissälen.
Große Strafkammer Gießen.
Gestern hatten sich der W. G. aus Friedberg und der E. S. aus Dortelweil vor der Großen Strafkammer des hiesigen Landgerichts zu verantworten. Der Anklage lag folgender Sachverhalt zugrunde: Der Angeklagte G. hatte Anfang dieses Jahres in einer Wirtschaft in Friedberg einen Zusammenstoß mit dem N. aus Schwalheim gehabt und dabei etwas abbekommen. Um sich zu revanchieren holte er sich in der Wirtschaft „Zum schiefen Eck" in Friedberg vier Mann Verstärkung. Die fünf bewaffneten sich mit Gummiknüppeln, die offenbar aus früheren kommunistischen Beständen stammten und brachen zu der fraglichen Wirtschaft auf, in der der Vorfall mit N. passiert war. Da sie diesen dort nicht mehr antrafen, setzten sie sich in Richtung Schwalheim in Marsch. Unterwegs kamen sie an den verschlossenen Bahnübergang der Strecke Gießen—Frankfurt a. M. Die beiden Angeklagten sprangen über die Schranken und machten sich auf dem Gleis zu schaffen. Auf Zuruf des Bahnwärters sprang G. gleich zurück, während S. sich erst dazu bequemte, als der Schrankenwärter sich anschickte, mit der roten Signallampe den herannahenden Zug anzuhalten. Nach dem Hochziehen der Schranken nahmen sie gegen den Wärter eine drohende Haltung ein, setzten dann aber ihren Weg fort. Im Weitergehen trafen sie auf den Friseur K. aus Schwalheim. Mit den Worten: „Der kriegt welche", sprang G. auf ihn zu, packte ihn an der Krawatte und bedrohte ihn mit dem Gummiknüppel. Erst auf Zureden der anderen ließ er von ihm ab. In Schwalheim angekommen, suchten sie den N. zunächst in der Wirtschaft dessen Vaters. Der alte Mann war jedoch allein zuhause. Die Angeklagten vandalierten darauf in dem Lokal herum, ließen sich unter Drohungen'Schnaps und Zigaretten geben und verschwanden, ohne zu bezahlen. Sie gingen dann in eine andere Wirtschaft, wo sie den N. vermuteten. Obwohl dieser auch dort nicht zu finden war, führten sich die Angeklagten übel auf und bedrohten die Gäste mit dem Gummiknüppel. Als diese sich dies verbaten, verließen sie die Wirtschaft, ließen es sich jedoch nicht nehmen, mit dem Gummiknüppel an den Läden und der Tür der inzwischen geschlossenen Wirtschaft N. herumzutrommeln. Auf dem Rückweg nach Friedberg wurden sie dann verhaftet.
Die Angeklagten waren im wesentlichen geständig und versuchten sich mit Trunkenheit zu entschuldigen. Da der zugezogene Sachverständige das Vorliegen des Verbrechens der Eisenbahntransport- ■BP1'
NS.-Irauenschast und Frauenwerk Gießen-Nord.
Treffpunkt zur Wanderung nach Annerod am Sonntag, 27. Juni, pünktlich um 14 Uhr an der Persiluhr, Kaiserallee. Ausfall nur bei ganz schlechtem Wetter. Diejenigen Frauen, die fahren wollen, benutzen den Omnibus 15.10 Uhr ab Bahnhof, 15.13 Uhr ab Ludwigsplatz. gfs.
Hitler-Lugend Bann 116 Gießen.
Vetr. Vannsporlwettkampf.
Alle Mannschaften und Wettkämpfer treten am Sonntag, den 27. 6. 1937, um 8.15 Uhr auf dem Universitätssportplatz an.
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Nachstehende Jgg. bilden die Wettkampfkameradschaft des Unterbannes 111/116: 1. Alfred Dietz, Gef. 11/116; 2. Alfred Hahn, Gef. 11/116; 3. Alfred Schließinger, Gef. 11/116; 4. Hugo Mattern, Gef. 11/116; 5. Karl Döll, Gef. 12/116; 6. Kurt Engel, Gef. 12/116; 7. Otto Lang, Gef. 13/116; 8. Hans Grieb, Gef. 13/116; 9. Otto Laux, Gef. 13/116; 10. Wilhelm Schmidt, Gef. 13/116; 11. Karl Harnisch, Gef. 13/116; 12. Richard Körner, Gef. 14/116; 13. Hans Hofmann, Gef. 14/116; 14. Karl Germann, Gef. 15/116; 15. Heinrich Lehr, Gef. 16/116.
gefährdung verneinte, ließ der Staatsanwalt die Anklage aus diesem Gesichtspunkt fallen.
Das Urteil lautete gegen G. wegen Uebertre- tung der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung auf 5 0.— R M. G e l d ft r a f e , wegen tätlicher Beleidigung des K. auf 2 Wochen Gefängnis und wegen zweimaligen groben Unfugs auf j e 1 Woche Haft.
Der Angeklagte S. erhielt wegen Uebertretung der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung eine Geldstrafe von 7 5.— R M. und wegen zweimaligen groben Unfugs ebenfalls je 1 Woche Haft. Bei beiden Angeklagten gelten die Geldstrafen als durch die Untersuchungshaft verbüßt.
Kleine Strafkammer Gießen.
Gegen das Urteil des Amtsgerichts Büdingen, das den Angeklagten O. aus Orleshausen freigesprochen hatte, richtete sich die Berufung des Nebenklägers G., die gestern vor der Kleinen Strafkammer verhandelt wurde. Der Angeklagte war im März d. I. in den Hof des Privatklägers gegangen, um dort nach einer entlaufenen Ente zu suchen. Dabei kam es zu einem Zusammenstoß zwischen dem Angeklagten und der Ehefrau des Privcriklägers, bei dem beide Verletzungen davontrugen. Da die gestrigen Zeugenaussagen in den entscheidenden Punkten sich widersprachen, regte die Kammer eine gütliche Einigung zwischen den Parteien an. Nach längeren Verhandlungen zog daraufhin der Privatkläger die Klage zurück, und die Parteien teilten sich in die außergerichtlichen Kosten, während von den Gerichtskosten der Angeklagte zwei Drittel und der Privatkläger ein Drittel übernahm. Gleichzeitig verpflichteten sich beide, aus diesem Vorfall keinerlei Ansprüche mehr gegeneinander herzuleiten.'
Amtsgericht Gießen.
Wegen Uebertretung der Reichsstraßen-Verkehrs- orbnung, fahrlässiger Körperverletzung und Führerflucht verurteilte das Amtsgericht Gießen den 53 Jahre alten A. K. zu einer Gefängnisstrafe von 1 Monat und einer Geldstrafe von 50 Mark. Außerdem wurde der Angeklagte zur Tragung der Kosten des Verfahrens verurteilt. Der Angeklagte befuhr mit feinem Personenkraftwagen am 13. Januar 1937 die Straße Lollar—Sichertshausen. Er wurde in der Hauptverhandlung trotz hartnäckigen Leugnens überführt, einen diese Straße passierenden Volksgenossen überfahren und, um unerkannt zu entkommen, eine Strecke ohne Licht gefahren zu haben.
Obengenannte Jgg. haben am 27. 6. pünktlich 8.15 Uhr unter Führung des Geff. Junker auf dem Universitätssportplatz anzutreten.
BOM.-undLM.-ilnlergau 116,Gießen
Dienstbefehll
Am Sonntag, 27. Juni, treten alle HJ.-Ehren- zeichenanwärter um 10 Uhr zur Ausgabe der HJ.- Ehrenzeichen durch die Obergauführerin Elfe Riese am Stadttheater Gießen an. Außerdem treten alle Mädel-Schar- und Schaftsführerinnen sowie JM.- Schar- und Schaftsführerinnen des Standortes Gießen zur gleichen Zeit und am gleichen Ort an. Die Mädel- und Jungmädelgruppenführerinnen veranlassen, daß die Gruppenwimpel ohne Begleiterin zur Stelle sind.
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Achtung, Marburgfahrer! Für die Führerinnenfahrt nach Marburg sind die Abfahrtszeiten bereits bekannt. Lediglich die Mädel, die mit der Bahn fahren, lösen sich jetzt eine Sonntagskarte. Alle drei Gruppen treffen sich Samstag, 19.30 Uhr, an der DJH. Marburg. Warme Jacken nicht zu vergessen. Zur Vorstellung wird selbstverständlich die weiße Bluse getragen. Schlafsäcke und Brotbeuteloerpflegung sowie bei warmem Wetter Schwimmzeug mitbringen.
150 Kameraden aus dem Kreis Gießen beim Heichskriegertag in Kastei.
An der großen Veranstaltung des Reichskrieaer» bundes „Kyffhäuser", dem Reichskriegertag in Kassel, werden auch aus unserem Kreis Gießen zahlreiche Kameraden teilnehmep. Aus dem Kreisgebiet treten am heutigen Samstag kurz nach 13 Uhr insgesamt 150 Kameraden unter der Leitung des Kreisführers des Reichskriegerbundes „Kyffhäuser Oberveterinärrat Dr. M o n n a r b , Gießen, bie Reise nach Kassel an/Die alten Solbaten aus bem Kreis Gießen benutzen einen Sonberzug, ber von Frankfurt her insgesamt 1000 Kameraden ber engeren unb weiteren Heinzat nach Kassel bringt. Die Kameraben aus bem Kreis Gießen führen 20 Fahnen mit.
preisschießen der alten und jungen Soldaten.
Das Unteroffizierkorps ber 5. Kompanie bes J.-R. 116 veranstaltete in biefen Tagen ein Preisschießen, zu bem auch bie Offiziere unb bie alten Kriegsteilnehmer ber ehemaligen 5. Kompanie eingelaben waren. Die alten und jungen Kameraben maßen sich mit großem Eifer im eblen Wettbewerb. Es würben hohe Ringzahlen erzielt, unb mancher Schütze konnte einen schönen Preis erringen. Mtt einer befonberen Leistung wartete ber ehemalige Kompaniefelbwebel S e u l e-T auf. Bei einem kame- rabfchaftlichen B'Dammenfein nahm ber Kompaniechef, Hauptmann Barthels, bie Preisverteilung vor. Bei frohen Solbcrienliebern unb bem Austausch mancher Erinnerung blieb man geraume Zeit beisammen.
Schon wieder ein Treffer der Arbeitebeschaffungslotterie!
Erst vor einigen Tagen würbe hier in unserer Stabt bei einem Glücksmann ber braunen Lotterie ein Gewinn von 500 Mark ausgezahlt unb nun wurde wiederum auf dem hiesigen Bahnhof ein Gewinn von 50 Mark gezogen. Diese Schlag auf Schlag folgenden Gewinne zeugen baoon, baß bas Glück unserer Stabt besonbers zugetan ist. Drei zur Militärübung einberufene Volksgenossen versuchten ihr Glück und zogen sich einen Gewinn von 50 Mark. Diesen Gewinn teilten lie brei Kameraben untereinander und werden ihn währenb ihrer Uebungszeit auch recht gut gebrauchen können.
Wer nicht wagt, ber nicht gewinnt.
Die Veranstaltungen der »Bad-Nauheimer Woche".
In ben Tagen vom Samstag, 26. Juni, bis zum Sonntag, 4. Juli, findet im benachbarten Weltbab bie sogenannte „Bad-Nauheimer Woche" statt. Diese Woche bringt eine Reihe hervorragender Veranstaltungen. Den Auftakt bildet am heutigen Samstag bas Bab-Nauheimer Rofenfest, für bas ber große Bühnensaal mit 12—15 000 Rosen ausgestattet wirb. Die Kapelle Braun spielt zum Tanz, neueste Gesellschaftstänze werben vorgeführt. Im Mittelpunkt bes Abends steht die Wahl ber Rosenkönigin. Am morgigen Sonntag, 27. Juni, findet vormittags anstatt bes üblichen Frühkonzertes in ber Trinkkuranlage ein Chorkonzert unter ber Mitwirkung örtlicher Gesangvereine statt. Am Abend gastiert Ada Tschechowa mit Karl Heinz Kluber- tanz und Ernst Pittschau in einem heiteren Spiel. Am Montag, 28. Juni, konzertiert nachmittags unb abenbs bas Musikkorps bes J.-R. 116 Gießen auf ber Kurhausterrasse unter ber Leitung von Musikmeister Wohlfahrt. Für Dienstag, 29. Juni, ist
Sdiöntieifsne^epf
Der Schuster Goliath.
Nach einer Vorarlberger Voltelage von Josef Friedrich perfonig.
Was haben bie Fliegen auf ben Aepfeln zu schaffen? Haufenweis sitzen sie barauf unb finb nicht zu vertreiben. Ein ehrsamer Schuster wirb aber bie brei Aepfel nicht teilen mit ihnen, sollen sich einen anberen Narren suchen. Also wachest er mit einem Leberfleck einen argen Winb über sie unb meint, ber wirb sie schrecken. Aber sie kommen halb wie- ber, unb ba ergrimmt ber Schuster über alle Maßen. Er hat ihnen zuerst nicht ans Leben wollen, jetzt aber mag er sie nicht mehr verschonen, unb er schlägt mit seinem Leberköppel roilb zu. Wohl rollen bie Apfel bahin, aber es bleiben von ben Fliegen ihrer viele liegen, unb wie sie ber Schuster zählt, ba finb es gerabeaus zwölf.
Da schwillt bem lieben Meister ber Kamm.
„Das hast bu brav gemacht", lobt er sich selber, „zwölf auf einen Streich, bas läßt sich hören. Bist ein baumstarker Kerl, wenn bas unter bie Leute kommt, bie werben lugen unb losen."
Unb er hängt an fein Meisterstück noch allerhanb solche Gebanken. Was reben sie ba immer von bem alten Goliath? Der ist von bem kleinen Damb erschlagen worben. Er aber, ben sie im Dorf immer nur einen notigen Pechbraht heißen, er hat ihrer zwölf kalt gemacht. ,, ,
So etwas barf nicht in einer stillen Werkstatt bleiben, bas muß man allen funbtun, baß sie ben Helden ehren nach Gebühr. Deswegen geht er zum Goldschmied unb gibt ihm auf:
„Tu mir mit Golbbuchstaben eine Schrift auf bas K^Das s wM ich gern tun", sagt ber Golbschmieb, „wie soll bie Schrift heißen? „
„Zwölf auf einen Streich erschlagen.
Der rounbert sich über ben Schuster: „Hast wohl ein Räbel zu viel im Kopf."
Aber weil ihn ber gleich letzt auszahlt unb sonst ganz vernünftig rebet, meint er, ber Mann soll seinen Willen haben, unb macht ihm bie goldene Schrift. Der Schuster ist stolz darauf, jeder Buchstabe glänzt wie ein Stern, damit kann man nicht mehr länger in einer Werkstatt verweilen, die muß man in die Wett hinaustragen, daß alle Leute von der Heldentat erfahren. So kommt es da^u, daß der Schuster fein Handwerk aufsteckt und auf die Wan- bC(E?n^mmt sich vor, daß er allen sagen wird: „Ich bin der neue Goliath", ob sie ihn fragen ober nicht.
Unb sie werben es ja auch an seiner golbenen Schrift lesen.
Einmal legt er sich an einem Bühel ins Gras unb schläft ein, es ist ein heißer Tag gewesen, und bie Sonne brennt jebem auf ben Pelz, ist er nun ein Riese ober ein Zwerg. Auf bem Hügel steht ein Schloß, unb ber Schloßherr schaut eben traurig hin über fein Lanb. Da haust in bem tiefsten Walb bas verwünschte Einhorn unb verwühlt ihm bie schönsten Aecker, auch Vieh hat es schon gestochen unb erst gestern einen Jäger, ber ihm zu Leibe tat wollen.
Wie er so bas Unheil überbenkt, bas ihn heim- gesucht hat, blendet plötzlich ein Geleucht seine Augen, bas kommt von einem Straßenbruber her, ber bunten im Gras liegt. Der Schloßherr schaut burch bas Fernrohr hin zu bem Golbglanz, ba kann er gut bie Schrift lesen.
„Den schickt mir ber Himmel", jubelt er, „wenn ber zwölf Männer mit einem Streick umgelegt hat, wirb ihm bas eine Horn wenig zu schaffen geben."
Er geht mit seiner ganzen Dienerschaft ben Schloßbühel hinunter; wenn ber Herr König brunten im Grase läg, tät ihm nicht mehr Ehre geschehen. Er zupft ben Schuster beim Rockärmel unb weckt ihn solcherweis auf.
„Verarg es mir nicht", sagt er bemütig, „ich macht um beinen Namen fragen."
„Ich bin ber neue Goliath", prahlt ber Schuster.
„Du bist ber richtige Mann und kannst mich von einer Plag befreien."
„Es können ihrer zwölf fein", unb ber Schuster breht fein Koppel, baß bie Golbschrift noch mehr funkelt.
„Tu mir ben Gefallen unb erlöse mich vom Einhorn."
Unb ber Schloßherr erzählt bem fremben Goliath, wie es auf ben Gütern in ber Umgegenb hauset, unb wie er sein Glück machen könnt mit einem einzigen Streich. Der Schuster bebenft sich wenig unb sagt:
,Zch kann Euch mit bem kleinen Finger helfen."
Er schleift einem Säbel auf einem Stein eine scharfe Schnecke an unb geht bamit hinaus in ben Walb, ber ihm gezeigt ist worben. Es ist gut, baß ihn bort niemanb eräugen kann, benn sein Gesicht ist so grün wie bas Laub, unb bie Knie zittern ihm, baß er kaum zu stehen vermag. Ja, bas Einhorn ist boch etwas anberes als ein Fliegenschwarm.
Wie er noch so mit sich ratschlagt, wo er am besten aus bem Walb hinaushuschen kann, ba rauscht es im Gebüsch, unb bas Einhorn springt auf ihn los. Er hat wahrlich kein Gelüst, auf bem beinernen Spieß zu stecken, unb so ist er schnell wie ber Blitz hinter einem bitten Tannenbaum. Das Einhorn in feinem
wilben Schuß kann nicht mehr ausweichen unb bohrt fein langes Horn in ben Baum, baß es auf ber anberen Seite herauskommt. Jetzt reißt es wohl mit aller Macht baran, was aber so ein alter Tannenbaum einmal festhält, bas läßt er nimmer los.
Nun besinnt sich auch ber Schuster Goliath auf seinen Mut, er kitzelt mit bem Säbel bas Einhorn eine Weile, bann haut er ihm mit zwölf Streichen ben Grinb ab. So gehört es sich für ihn: mit einem Streich zwölf unb mit zwölf Streichen einen.
Ein Heck ist er ba wie bort. Ja, man muß es nur so einrichten, baß man nicht ein Aug zum Zeugen hat; bann mag man manches gelten bei ben Leuten.
Zeitschriften.
— Ueberraschung am Wege: Das kleine Hotel", so heißt ber Lobgesang, ber im Juli-Heft ber „neuen l i n i e" (Verlag O. Beyer, Leipzig. Preis 1.— Mark.) auf bas kleine unb feine beutsche Hotel gesungen wirb. In vielen farbigen Zeichnungen ist alles Besonbere unb Intime, Verlockende unb (Eigenartige, was ben Reiz herrischer Gaststättenkultur ausmacht, festgehalten worben. — Heitere, graziöse Figuren hat bie Kamera aus Lukas Cranachs Silbern herausgeholt, so baß sich bie ganze Anmut bes Sommers vor unseren Augen entfaltet. — Zum Tag ber beutschen Kunst in München zeigt bie „neue linie", was in ben vergangenen vier Jahren von Malern unb Bilbhauern geleistet worben ist an Plastiken, an öffentlichen Bauten unb Plätzen unb Raumbildern aus Flieger- fafernen. — Die schöne Wett um München schildert I. M. Bauer in einem vorzüglich bebilderten Aufsatz. — Der Modenteil bringt sommerliche Kleider für nachmittags und abends und stellt einen sorgfältigen Tagesplan für Ferienleuts zusammen.
Pochschulnachrichten.
Es wurden ernannt: die ao. Professoren Dr. Ed. Gottfried Steinke an der Universität Königsberg zum Ordinarius für Physik an der Universität Freiburg; Dr. Ludwig L e n b l e in Ber- l i n zum Drbinarius für Pharmakologie an ber Universität Münst er; Dr. Thevbor Schäfer an der Staatlichen Akademie in Braunsberg Zum Ordinarius für Neues Testament daselbst; Dr. Klaus Schmidt in Freiberg zum Ordinarius für Geologie und Mineralogie an der Technischen Hochschule Karlsruhe; Dr. Walter Grone an der Universität Riga zum Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig.
Merkwürdiges Erlebnis mit einer Grasmücke.
Ein merkwürdiges Erlebnis mit einer Mönchs- grasmütfe teilt Dr. L. Gebhardt in ber Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" mit. Er hatte ben etwa 12 Tage alten Vogel, ein Weibchen, aus bem Walde mit nach Hause gebracht und gefüttert. 40 Tage später gab er bem Vogel bie Freiheit roieber, inbem er ihn aus ber Stabt einige Kilometer weit in ben Walb brachte, wobei er ihn in einer Tüte, bie er in bie Rocktasche steckte, beför- berte. 24 Stunden später, am folgenden Nachmittag, saß ber Vogel entkräftet unb halb verhungert am offenen Küchenfenster. Er würbe zunächst gar nicht erkannt, ba man eine Rückkehr bes Vogels für gar nicht möglich hielt. Als Kinber ihn ängstigten, flog er mehrere Male auf einen in ber Nähe stehenden Baum, kehrte aber immer wieder auf den Küchentisch zurück. Es zog ihn augenscheinlich stets zu der Hausfrau hin, deren Stimme ihm wohlvertraut war. Als diefe ihm Mehlwürmer unb frische Ameisenpuppen reichte, fraß er sie gierig, schlief schließlich ein unb ließ sich ruhig fangen. In seinem alten Käfig flog er sofort an ben Futternapf unb an bas Wassergefäß unb gab zu erkennen, baß er sich bann burchaus zu Hause fühlte. Es war außer Zweifel, baß es ber hier aufgezogene Vogel war; es war auch baran zu sehen, baß einige Federchen, bie an ber braunen Kopfplatte ausqe- riffen waren, noch eine beutliche Spur hinterlassen hatten.
Dr. Gebharbt hebt eine Reihe von Umftänben besonders hervor, bie bei biefem Vorgang auffielen. Der Vogel hatte ben Eingang an ber Rückseite bes Hauses bei ber Küche, also an einer Stelle gesucht, bie er nie gesehen hatte; er hatte überhaupt nie bas Haus unb seine Umgebung von außen gesehen; benn sein Käfigplatz war stets bie gleiche Stelle im Arbeitszimmer an ber Vorberfette ber Wohnung. Der Vogel ist auch mehrere Kilometer über meist freies Gelände geflogen, bas er nie vorher mit dem Auge wahrgenommen hatte. Er strebte nach einem Ziele im Zimmer, obwohl er es auf seinem Fluge nicht entdecken konnte. Alle bie Erklärungen, bie man für bas Wunber bes Vogelzuges bis jetzt gefunben zu haben glaubt, rätselvoller Sinn für Fernorientierung, vererbte Zugrichtung, erbmagne- rische Reize, Stoffwechselveränderungen im Vogel« körper, können in biefem Fall nicht herangezogen werben — welches war also bie Kraft, bie bie kleine Mönchsgrasnnicke in ben Käfig zurückzog unb sie ihn finden ließ?


