Ausgabe 
26.2.1937
 
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Nr.48 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Aeitag, Zb.Zebruar X937

Aus der Provinzialhauptsiadt

Goethe-

AusstellungForscher als Künstler".

des der Der

Bund, Kaufmännischer Verein: 20 Uhr, in der Neuen Aula: 3. Dichterabend Karl Heinrich Wag­gerl.

ErstaufführungDie verkaufte Braut".

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die Erstaufführung der Oper Die verkaufte Braut" von Friedrich Smetana statt. Die musikalische Leitung hat Kapellmeister Hans H. Hampel. Spielleitung hat Paul W r e d e. Das Bühnenbild schuf Karl Löffler. Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung: Tanzmeistenn Irmgard Zenner. Leitung und Einstudierung der Chöre: Ernst Bräuer. Die in eigener Werkstatt hergestellten Kostüme sind angefertigt nach Entwür­fen von Sophie Buchner, ausgeführt von Wlltt Endrich. Die Vorstellung findet als 22. Vorstel­lung der Freitag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr.

Infolge plötzlicher Erkrankung von Ernst August W a l tz übernimmt die Rolle desHans" in der OperDie verkaufte Braut" Heinz Janssen vom Landestheater Darmstadt.

Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.

Vetr.: Prüfung des Schießwartlehrgangs.

Am Sonntag, 28. Februar, findet die Prüfung der Schießwartanwärter auf der Banndienststelle um 9.30 Uhr statt. Schreibzeug ist mitzubringen.

Zeiger und das abrollende und einlaufende Seil. Ein Hebeldruck, ein Einschalten der Fußbremse ge­nügt, die Förderung zum Stehen zu bringen.

Steigen wir die überdachten Treppengänge hinauf zurH ä n g e b a n k", empfängt uns der ohren­betäubende Lärm der aus der Tiefe heraufkymmen- den Förderkörbe. Ein mit Preßluft angetriebener Hebel schiebt hier die vollen Wagen krachend und klirrend aus den Förderschalen heraus und die lee­ren hinein. Rund die Hälfte der Förderung besteht aus taubem Gestein, das auf die Halde gelangt. Ein Teil des unhaltigen Gesteins wird bereits in der Grube gesondert und kommt in besonderen Berge­wagen zu Tage. Die Erzwagen werden über Tage im Handkläubebetrieb nachgekläubt, eine Arbeit, die einfach aussieht, aber große Erfahrung und sicheren Blick voraussetzt. Zu jeder Kamerad­schaft in der Grube, die aus fünf bis sieben Mann besteht und im Akkord arbeitet, gehört ein Bunker oderKläuberstall" über Tage. Hier wird ein älte­rer Bergmann, meist ein Invalide, beschäftigt, der dieMinern" mit dem Hammer anschlägt, prüft und sondert.

Von hier gelangt das Erz in Großraumwagen auf eigenen Werksbahnen zur Weiterverarbeitung in die Roh Hütt en. Gleich am Ausgang der Lutherftadt Eisleben sehen wir auf der Talhöhe drei ragende Schornsteine nebeneinander, das Wahr­zeichen der Krughütte, die nach dem verdienstvollen Oberberghauptmann Krug zu Nidda ihren Na­men trägt. Unter der Führung eines Obervogts

Dach der Halle hinaus über die Seilscheiben Fördergerüstes. Schon von weitem sieht Besucher diese Näder sich gegeneinander drehen.___

Fördermaschinist beobachtet fortgesetzt den Teufen-

Die teutfdit Arbeitsfront i ri.g^ßcmeinfdiaft zzfiraft öurdi freute"

Hierzu darf kein noch so kleiner Abfall oder Rest geringfügig erscheinen, denn wenn alle sammeln, wird dennoch eine beachtliche Menge von Roh­stoffen im Laufe eines Jahres zusammenkommen. In erster Linie ist es wiederum die Frau, die wir um verständnisvolle Mithilfe bitten, denn durch ihre Hände geht das meiste, ehe es für nutzbar oder wertlos erkannt wird. Stets soll sie sich vor Augen halten: Es geht bei der Prüfung, ob etwas noch verwertbar ist, nicht nur um ihr? kleine Wirtschaft, sondern auch um die Volkswirtschaft. Deshalb muß jeder Rohstoff nicht nur auf seine Nutzbarkeit im eigenen Haushalt, sondern auch au seine Verwendbarkeit in der Industrie befragt werden. Nicht nur Häute, Felle, Därme, Borsten, Federn und andere tierische Abfälle sind dieser Prüfung zu unterziehen, sondern auch alte Säcke, Stricke, Bindegarn, Leder und Korkreste sollten niemals fortgetan werden, denn ihre Wiederver­arbeitung hilft mit bei der Rohstoffbeschaffung.

Dornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr:Die verkaufte Braut". Gloria-Palast (Seltersweg):JA. in Oberbayern". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): , Sein bester Freund". Oberhessischer Kunstver­ein, Turmhaus am Brandplatz, 17 bis 18 Uhr,

Ich bin noch verwertbar!

Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert", sagt ein altes Sprichwort. Stets kommt es zunächst erst einmal auf die kleinen Werte on. Ihre Beachtung läßt sie bald zu größe­ren Summen anwachsen; diese Rechnung kennt jeder Mensch. Um so leichter wird er verstehen und billigen, daß auch das Volk in seiner Wirtschaft kleine und kleinste Werte sammeln will, um sich derart Werte zu beschaffen, die allzu häufig der Wirtschaft verloren gehen. Dinge, die in der eige­nen kleinen Wirtschaft als nutzlose Abfälle fort­getan werden, fehlen vielfach unseren Fabriken als wertvoller Rohstoff; er muß der Industrie Jahr für Jahr vom Ausland zugeführt werden. So wer­den z. B. für fast 150 Millionen Mark jährlich Häute und Fette vom Ausland gekauft, obwohl ein Teil eingespart werden könnte. An 26 000 Tonnen Därme, Mägen usw. werden eingeführt, eine Menge, die sich herabsetzen ließe, wenn alle Haushaltungen derartige Abfälle der Weiterver- wertunL zur Verfügung stellen würden, anstatt sie fortzutun. Wenn die Hausfrauen, die das Geflügel zu betreuen haben, die Federn nicht nur als Ab­fall werten würden, sondern auch als wichtigen Rohstoff, so würden nicht dafür jährlich Millionen­summen in das Ausland wandern müssen.

Die Beschaffung landwirtschaftlicher Rohstoffe überhaupt kostet dem Staat in jedem Jahr etwa' 2,5 Milliarden Mark. Diese Summe kann herab­gesetzt werden, wenn außer einer sich steigernden Mehrerzeugung eine Mehroerwertung emtritt..

Kupferbergbau im Mansfelder Land.

Von Dieter von der Schulenburg.

stehen wir bald vor den drei großen Schachthöfen, in denen der angelieferte Kupferschiefer, der etwa 2l/-> v. H. Kupfer enthält, mit Koks und etwas Kalk geschmolzen wird. Die niedergeschmolzene, feuer­flüssige Masse ergießt sich in den Vorherd, in dem sich zu unterst ein Rohstein mit 45 v. H. Kupfer absetzt. Die flüssige Schlacke, also das taube- Gestein, schwimmt über dem Rohstein wie Oel auf Wasser und strömt ununterbrochen in besonders konstruierte und geheizte Schlackenwagen, die auf den Schlacken­platz fahren, um dort ihren Inhalt in Schlacken­stein-Gießformen zu entleeren. Alle zwölf Stun­den erfolgt der K u p f e r st e i n - A b st i ch in eiserne Betten. Erkaltet wird er in transportfähige Stücke zer­schlagen und geht weiter zur Bessemerei, in der er zu Spurstein mit einem Kupfergehalt von 75 v. H. oder zu Schwarzkupfer mit 98 v. H. Ver­blasen wird. Der Spurstein ergibt nach mehrmali­gem Einschmelzen als Endprodukt das Mansfelder Raffinadekupfer. Das reinste Kupfer, das Elek­trolytkupfer mit 98 v. H., wird aus dem Schwarzkupfer auf elektrischem Wege hergestellt.

Eines der wertvollsten Nebenprodukte aus der Kupferverhüttung bildet die Schlacke der Rohhüt­ten, aus der die bekannten Mansfelder Pfla­st e r st e i n e gegossen werden. Diese sind völlig ver­schleißfest, rauh und griffig.

Es ist ein prächtiger Anblick, dem rotglühenden Schlackenstrom zuzusehen, der sich fortgesetzt in die Wagen unter dem Vorherd des Hochofens ergießt. Ein unvergeßliches Schauspiel bleibt es auch, wie nun dieser Lavastrom in hellstem Schwefelgelb bis zum dunkelsten Purpur sich aus der Oeffnung des gekippten Wagens in das Schlackensteinbett ergießt. Noch lange tanzen kleine gelbe Flämmchen auf der glühenden feurigen Masse, gurgelt und brodelt die gewaltige Hitze, bis die letzten Blasen zerplatzen und das Ganze zu einer festen, schwarzen Schicht er­starrt, die erst nach dreitägiger Erkaltung abgehoben wird und die fertigen Pflastersteine freilegt.

Amt Reisen, Wandern und Urlaub.

Gesperrte Urlaubszüge. Folgende Ur­laubszüge sind wegen Ueberfüllung gesperrt. Es können zu diesen Fahrten teilte Anmeldungen mehr angenommen werden:

UF. 16/37 vom 6. 6. bis 14 6. 37 Berchtes­gadener Land; UF. 29/37 vom z5. 6. bis 2. 7. 37 AllgäuPfronten; UF. 40/37 vom 13. 7. bis 27. 7. 37 Rügen; UF. 41/37 vom 15. 7. bis 25. 7. 37 Schliersee; UF. 51/37 vom 29. 7. bis 7. 8. 37 All­gäuPfronten; UF. 62/37 vom 9. 8. bis 16. 8. 37 Berchtesgadener Land.

UF. 4/37 vom 2 7. Februar bis 9. März nach Reit im Winkel. Die Karten und sämt­liche Unterlagen für diese Fahrt können auf dec Kreisdienststelle abgeholt werden. Nachstehend geben wir den Fahrplan bekannt: Hinfahrt am 27. 2. 37 7.50 Uhr ab Frankfurt a. M., 8.09 Uhr ab Offen­bach a. M., 13.13 Uhr an Treuchtlingen, 14.35 Uhr ab Treuchtlingen, 19 Uhr an Marquartstein; Rück­fahrt am 9. 3. 37 ab Marquartstein 6.47 Uhr, an Treuchtlingen 11.23, ab Treuchtlingen 12.24, an Offenbach a. M. 17.24 Uhr, an Frankfurt a. M. 18.04 Uhr.

V. A. Zwischen dem sogenannten Halle-Hettstedter ! Gebirgsrücken und dem Homburger Sattel bis noch , jenseits der Lutherstadt Eisleben erstreckt sich in ' einer Ausdehnung von ungefähr 40 bis 50 Kilo- i meter die Mansfelder Mulde. Es ist ur- altes Gebiet des Kupferbergbaus und das l ergiebigste zugleich von ganz Deutschland, das den : Besucher hier mit seinen riesigen Halden, seinen Schachtanlagen, Hütten und dem gewaltigen Kup- , fer- und Messingwerk von Hettstedt empfangt. Be- i reits vor 7 50 Jahren sollen der Sage nach i zwei Bergleute, Nappian und Neucke, in dem heute . noch mitKupferberg" bezeichneten Stadtteile von Hettstedt im Südharz nach Kupfer geschürft haben. Sie wurden die Begründer des Mansfeldschen Kup- kerschieferbergbaus, der heute gerade im Zeichen des Vierjahresplanes von ausschlaggeben­der Bedeutung ist, und damit eines Bergsegens von Bodenschätzen, die zu den wertvollsten und begehr­testen auf der Erde gehören. Der fröhliche Berg­mannsgrußGlückauf" klingt heute noch auf den Straßen der kleinen ehrwürdigen Städte und Dör­fer dieser Gegend und in den Schächten genau wie vor Hunderten von Jahren zur Zeit des großen Re­formators ober da das alte Mansfelder Grafenge­schlecht die tatkräftigen Schirmherren und Förderer des Bergbaus hier waren.

Kupfer! Seinen Namen erhielt es einst von der damals griechischen Insel Cypern. Bekannt war es also schon im Altertum. Man kann seine Existenz aber noch viel weiter zurückverfolgen, bis in die Frühzeit der Menschheitsgeschichte, sprechen wir doch von der Bronzezeit als der Epoche, die der Stein­zeit folgte. Bronze ist eine Kupfer-Zinnlegierung; zunächst mußte also das Kupfer selbst gefunden und bearbeitet werden, ehe man erkannte, daß das Schwert noch viel härter, noch widerstandsfähiger wurde, wenn es ans einerLegierung" gegossen und geschmiedet worden war. Damals in der Fr ich - zeit kannte man freilich die Bezeichnung Bronze noch nicht, sondern sprach von Erz und ehernen Waffen, gleichwohl muß aber die Waffenschmiede­kunst schon auf kecht beachtlicher Höhe gestanden haben. Bereits Homer besingt die ehernen Waffen des Meisters Hephaistos, des Waffenschmiedes feines Helden Achilleus.

Das Kupferschieferflöz des Mansfelder Landes besitzt die verhältnismäßig geringe Mäch­tigkeit von 30 bis 40 Zentimeter. Nur in dieser mäßigen Stärke enthält es Kupfer, das als soge­nannteSpeise" fein verteilt im Schiefer auftritt. Das Flöz bildet die unterste Schicht der Zechstein­formation. Den Erzgehalt im Kupferschiefer selbst führte man auf metallische, in Derwerfungsspalten aus der Tiefe emporgestiegene Lösungen zurück. Heute nimmt man an, daß sich das Metall gleich­zeitig mit der Ablagerung des Zechsteinmeer- schlammcs gebildet habe.

Der Abbau des Flözes durch die Mansfelder Knappen erfolgte noch bis in die 90er Jahre i n liegender Stellung. Heute arbeiten die Berg­leute kniend oder fitzend und gewinnen das kupfer­haltige Gestein maschinell mit Schrämhämmern und Bohr- und Sprengarbeit. Unter Tage befinden sich gleichsam weite Städte mit kilometerlangen Straßen und Quergassen, in denen die Gruben- züge verkehren und ihre Last zum Schacht fahren, in dem die Wagen unaufhörlich aus rund 600 Me­ter Tixfe in einer Minute zu Tage gehoben werden. Ein solcher Schacht hat zwei getrennte Forderun­gen mit je zwei Förderkörben. Eine Förderschale mit vier Etagen nimmt acht Förderwagen auf. Gewaltige elektrische Maschinen mit riesigen Schwungrädern führen das armstarke Seil zum

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14. Fortsetzung.

Das Mädchen mit dem Silberhaar Vornan von Anny von panhuys.

Ihre Mundwinkel senkten sich ein wenig, es sah nun unendlich traurig aus, das schöne Gestcht über der Düsternis des kreppbesetzten Kleides

Jetzt wissen Sie die volle Wahrheit. Herr Direk­tor! Und wenn Sie jetzt noch glauben, daß ich>Jyre Beleidigung von vorhin verdiene, muß ich mich da­mit abfinden, wahrscheinlich haben Sie dann recht.

In seinem Kopf ging alles wirr durcheinander, er sah plötzlich den Klatsch ganz anders

Er fragte ein wenig zu hastig:Und was ift Ihnen der Fremde jetzt? Wie denken Sie an ihn?

Sie blickte an ihm vorbei. .

Ja, ich weiß wirklich nicht recht, wie ich mich da-ausdrücken soll. Ich denke an ihn vielleicht so, wie ich mich an die Hauptfigur in einem packenden Film erinnern würde, oder an emen besonders ein­drucksvollen Traum. Ein biß-chen Sehnsucht spukt noch in mir herum wie Sehnsucht nach Dingen, die man nicht haben kann, die nicht für einen bestimmt sind." Sie sah ihn voll an.Aber jetzt lassen Sie mich, bitte, gehen, ganz gehen, ich mochte nach ^Ä^'biß auf seiner Unterlippe herum. Franziska Karsten tat ihm plötzlich so unbeschreiblich leid, und er selbst kam sich brutal und rücksichtslos oor; weil er sie zu dem Geständnis gebracht. Wie einfach, wie klar und wahr hatte jedes chrer Worte geklungen!

Er erwiderte gedämpft:Verzeihen Sie mir Fräulein Karsteü, es tut mir sehr leib, Sie gekrankt zu haben. Ich nehme das Häßliche von vorhin zurück." ... ....

Ein heller Schein glitt über ihr Gesicht.

Ich danke Ihnen, Herr Direktor, aber bitte, die Entlassung soll bestehen bleiben, es ist besser so, nach alledem. Ich werde ja wohl wieder Arbeit finden."

Er bot ihr die Hand. .

, Dann haben Sie mir auch nicht verziehen , stellte er traurig fest,und darauf kommt es mir doch an. Ich schäme mich so sehr vor Ihnen, Frau­lein Karsten, aber ich verspreche Lhnen daß der Arbeiter wieder eingestellt wird. Mein Wort dar­auf."

Sie lächelte ein wenig.

Sehr lieb wäre es von Ihnen, trenn Sie das täten, und ich bitte Sie recht darum. Mich aber lassen Sie gehen, Herr Direktor, es ist wirklich besser so." _ c

Er schüttelte den Kopf.

Sie dürfen nicht fort, Sie sollen nicht fort." Er stieß erregt hervor: ,Zch will es nicht. Ich habe mich so sehr an Sie gewöhnt, so schnell an Sie ge­wöhnt, ich mochte nicht, daß da an dem Tischchen eine andere sitzt als Sie." Er zeigte auf den Platz, wo sie vorhin gesessen.Ich biete Ihnen mehr Ge­halt, und die Komtesse werfe ich hinaus, wenn sie wiederkommt, und und ich möchte Sie gern meiner Mutter vorstellen. Ich habe meine Mutter nämlich neugierig auf sie gemacht. Ich habe ihr erzählt, wie hübsch Sie mir kürzlich die Wahrheit gegeigt haben. Meine Mutter hat sehr gelacht und gemeint, es wäre mir recht geschehen, und sie hätte sich schon lange darüber geärgert, daß ich immer erst so spät aufgestanden wäre."

Er dachte, während er das alles sagte, so dürfte er gar nicht sprechen als Vorgesetzter, denn wo blieb da der Respekt? Aber er pfiff auf den Re­spekt, das Mädel sollte bleiben, nur darauf kam es an.

Er nahm ihre Hand.

Fräulein Karsten, ich habe das Gefühl, ich brauchte Sie hier, und was Sie mir vorhin erzählt haben, das ist wirklich gar nicht schlimm. Es tut mir nur leid, daß Sie sich von, einer romantischen Illusion haben einfangen lassen."

Sie dachte, ein bißchen mehr als eine romantische Illusion war ihr Erlebnis wohl doch gewesen oder vielleicht nicht?

Sie wußte nicht, was sie jetzt tun sollte. Aber die Güte in den Augen des Mannes, der sie bittend ansah, drängte ihre abermalige Erklärung zurück, daß sie dabei bliebe, doch zu gehen.

Sie sann, was war es nur, daß Berthold Radix so zu ihr war? Was war es, daß er sich Überhaupt mehr um sie kümmerte als nötig?

Er Jagte zufrieden:Also, Fräulein Karsten, wir sind einig. Sie bleiben, und der Arbeiter bleibt auch, und morgen überbringe ich Ihnen eine Einladung zu meiner Mutter."

Er sah sie wieder bittend an, und sie brachte kein Nein mehr über die Lippen, aber befangen fühlte sie sich, sehr befangen. Und nun begann er zu dik­tieren als wäre die Privatunterhaltung eben gar nicht 'gewesen. Die Arbeit ging ihr flott von der Hand wie immer, trotzdem ihre Gedanken nicht so sehr bei der Sache waren, wie sie es hatten sein müssen.

Als sie abends nach Hause tarn, wartete der Ar­beiter Dieter auf sie.

Er strahlte:Fräulein Karsten, der Herr Direktor sagte, ich müsse mich bei Ihnen bedanken, und das möchte ich jetzt tun." Er riß ihr beinahe die rechte Hand aus dem Gelenk.Und denken Sie, der Direktor hat mir noch hundert Mark gegeben, da­mit ich meiner Mutter und meiner Frau ab und zu was ertra gönnen kann. Wer hätte das gedacht, als ich Ihnen heute früh mein Leid klagte!"

Nähkctthrin hatte zugehört; jetzt äußerte sie be­wundernd:Du scheinst ja mächtig gut beim Direk­tor angeschrieben zu sein, Fränze. Mir ist schon damals aufgefallen, daß er auf dem Kirchhof war und uns dann mit feinem Auto nach Haufe brachte. Natürlich deinetwegen. Weißt du, man kann nie so dumm denken, wie es wirklich mal kommt, schließlich"

Franziska fiel ihr ins Wort:Lassen Sie solche Reden, Kathrin! Ich ärgere mich nur darüber."

Sie ging bald zur Ruhe, und vor dem Ein­schlafen fragte sie sich verwundert, weshalb sie Berthold Radix ihr Erlebnis mit dem Fremden er­zählt hatte.

9.

Am nächsten Morgen wurde Franziska gleich in das Büro des Chefs gerufen. Er empfing sie mit frohem Lächeln und dem gütigen Blick, der ihr so sympathisch an ihm war.

Meine Mutter bittet Sie für heute nachmittag um vier Uhr zum Kaffee, Fräulein Karsten. Wenn es Ihnen recht ist, bringe ich Sie in meinem Auto hin. Meine Mutter bittet Sie, ihr keinen Korb zu geben, sie möchte gern etwas mit Ihnen besprechen."

Franziska war verlegen. Was konnte die Mutter des Direktors mit ihr zu besprechen haben?

Aber sie nickte:Ich komme gern, Herr Direk­tor." Sie vermied es, mittags mit Eva Zoll zu­sammen nach Hause zu gehen; sie wollte allein sein und nachdenken. Sie grübelte und grübelte, aber es wurde ihr nicht klar, welchem Grund sie die Einladung verdanke.

Sie erzählte auch der Nähkathrin nichts davon, aber sie wechselte mittags ihr Kleid und zog das für Sonntags bestimmte an.

Kurz vor vier Uhr wurde sie zum Direktor ge­rufen. Er lächelte anerkennend:Wie fein Sie sich für die Kaffeevisite gemacht haben, Fräulein Kar­sten! Und nun kommen Sie, bitte." Er rief in das > Zimmer des Prokuristen hinein:Fräulein Karsten ist heute nachmittag arbeitsfrei, meine Mutter hat sie zu sich gebeten!"

Er hörte nicht mehr die verblüfften Worte:Don­nerwetter, was bedeutet denn das?" die sich über die Lippen des Prokuristen drängten, aber Fran­ziska fing sie noch auf, und sie mußte sich zu­sammennehmen, um nicht zu lachen.

Das kleine graue Auto, das Berthold Radix meistens benützte, stand bereit, und Franziska stieg ein, während der junge Chef auf dem Führersitz Platz nahm. Franziska blickte durch das Fenster, als der Wagen anfuhr, und ihre Augen streiften die hohen, gleichmäßig geformten Gebäude der Radio-Radix-Werke. Sie boten einen imposanten Anblick mit ihren hohen Fenstern und dehnten sich weit aus. Bahngleise schoben sich heran, auf denen die weltbekannten Erzeugnisse nach allen Himmels­richtungen befördert wurden. Und der Besitzer der großen Firma, der so vielen Arbeitern Brot gab, dessen Name auf unzähligen Apparaten und Rohren

stand, fuhr sie, seine kleine Sekretärin, zu seiner Mutter wie eine große Dame.

Was bedeutete das nur?

Er wollte ihr sicher eine Art Genugtuung geben, weil er gestern so etwas Kränkendes zu ihr gesagt.

Das Auto fuhr schnell, und bald hielt es vor einer modernen Villa, die in einem großen, jetzt noch winterlich kahlen Garten lag. Berthold Radix öffnete selbst die Wagentür, bot ihr die Hand als Stütze. Und wieder sah sie dabei fein gütiges Lächeln. Wie ihr das Lächeln gefiel, wie wohl­tuend und beruhigend es war!

Sie hatte ein wenig Scheu vor feiner Mutter.

Berthold Radix führte Franziska in eine Art Halle. Hier nahm ihr ein adrettes Mädchen Mantel und Hut ab, und dann bat Berthold Radix, sie möge ihm folgen.

Sie fühlte sich verwirrt von der eleganten Um­gebung und ging wie im Traum neben ihm her. In einem in Moosgrün gehaltenen Zimmer stand eine Dame mit dunklem Haar und blauen Augen. Sie sah noch jung aus, viel zu jung für den Sohn, fand Franziska, die befangen abwartete. Eine weiche, melodische Stimme hieß sie willkommen, eine Hand nahm ihre Rechte, hielt sie fest, und die dunkelblauen Augen ruhten auf ihrem Gesicht mit seltsam musterndem Blick.

Jetzt löste sich die Hand, ein Lächeln übersonnte die regelmäßigen Züge.

Mein großer Junge hat mir so mancherlei von Ihnen erzählt, daß ich auf Ihre Bekanntschaft wirk­lich gespannt gewesen bin." Sie sah den Sohn an.Es ist besser, Berthe!, du gehst zunächst wie­der an deine Arbeit. Kannst Fräulein Karsten später abholen, jetzt trinke ich lieber allein mit ihr Kaffee."

Berthold Radix nickte.Ganz, wie du befiehlst, Mutter." Er ging sofort, nachdem er seiner Mut­ter die Hand geküßt hatte.

Franziska wäre es lieber gewesen, wenn er hier- geblieben, sie fürchtete sich ein wenig vor dem Allein­sein mit seiner Mutter. Aber dann saß sie am Kaffeetisch, der reizend gedeckt war, vertilgte süße kleine Kuchenkunstwerke, trank, ausgezeichneten Kaffee und fand alles sehr gemütlich, wenn auch ein leichtes Bangen zurückgeblieben war, weil sie ständig auf irgend etwas wartete, das kommen mußte, denn beim Niedersetzen an den Tisch hatte die schlanke Frau, die sie immer wieder forschend ansah, gesagt:Nachher wollen wir uns über eine sehr wichtige Angelegenheit unterhalten."

Später gingen sie in einen anderen Raum hin­über, in dem sich ein leichter Rosenduft verbreitete. Frau Radix drückte Franziska in einen tiefen Sessel, setzte sich in ihre Nähe und begann leise:Ich habe Sie heute auf Wunsch meines Sohnes hierher gebeten, um Sie zu fragen, ob Sie seine Frau werden wollen."

(Fortsetzung folgt!)