Rr.224 Drittes Blatt__Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 25. September 1937
eingekocht, wobei die NSV. den Zucker gestellt hat, während alles übrige aus den Spenden der Dorf- gemeinschasten und der NS.-Frauenschaft kam. Hierdurch ist es dem Kreisbeauftragten für das WHW. im Kreis Wetterau möglich, zum Arbeitsbeginn des Winters 1937/38 greisbar80Zent- ner Marmelade zur Verfügung zu haben, darüber hinaus aber noch die Gewißheit hegen zu
So kann denn auch jetzt wieder das WHW. vor dem Beginn seiner Arbeitstätigkeit im Winter 1937/38 auf einer guten Basis aufbauen. Zunächst hat es die Spendengrundlage aus den Sammelerträgen des verflossenen Sommers zur Verfügung. Daneben haben viele hilfsbereite Kräfte von langer Hand her eifrig an der Beschaffung von weiteren Vorräten mitgearbeitet. Insbesondere hat sich hier wiederum die N S. - F r a u e n s ch a f t in allen Orten des Kreises Wetterau in vorbildlicher und sehr anerkennenswerter Weise für die Arbeit des WHW. eingesetzt. Tatfreudig haben die Frauen die Spenden aus der Beeren- und der übrigen Obsternte zu
großen Mengen von Gelee und Marmelade
Das Porträt Geheimrat Fromme von H.Krauß (München), das im Foyer des Stadttheaters seinen Platz fand.
(Ausnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Nicht minder wertvoll war Frommes Tätigkeit auf volkshygienischem Gebiet als erster Vorsitzender des Aufsichtsrates des städtischen Volksbades. Vor allem aber wurde Geh. Rat Frommes Wirken im Vorstände des Theateroereins, dem er seit dem Jahre 1897 als Vorsitzender angehörte, und als erster Ge
MW. im Kreis Weitem» einsatzbereit.
Umfassende Vorbereitungen zum neuen Kampf gegen Hunger und Kälte.
Eröffnungsfeier im Gtadttheater.
Ansprache des Intendanten. - Ehrung für Geheimrat Fromme.
In wenigen Tagen wird der Rus unseres Führers zum Winterhilfswerk erneut an alle deutschen Volksgenossen ergehen. Das ganze deutsche Volk wird sich dabei wieder vornehmen, nach dem Wunsch des Führers auch bei diesem fünften Kampf gegen Hunger und Kälte unter deA nationalsozialistischen Führung voll und ganz seine Pflicht zu tun.
Vor dem Beginn dieses neuen Abschnitts des WHW. sei ein besonderes Wort der Aufklärung gesagt. Das WHW. ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die Spenden der Volksgenossen werden in vollem Ausmaß für den Zweck des Winterhilfswerkes verwandt. Soweit aus einem Arbeits-
schäftsführer des Theaterbauvereins für die kulturelle Bedeutung der Stadt Gießen entscheidend. Geh. Rat Fromme ist es gewesen, der den Gedanken des Theaters in Gießen verwirklichte: noch ehe der Bau, auf den Stadt und Bürgerschaft heute mit berechtigtem Stolz blicken können, überhaupt errichtet wurde, hat der 1891 gegründete Theater- oerein unter Frommes Initiative Gastspiele bedeutender Kräfte auf der ersten Gießener Bühne im Cafe Leib vermittelt und so die Grundlage für die Errichtung eines eigenen Theaters geschaffen. Bald wurde diese Basis verbreitert und wiederum war es den Bemühungen Frommes zu verdanken, daß sich Beziehungen zu den Nachbarstädten Bad- Nauheim und Marburg knüpften, di- zur Gründung eines Städtebundtheaters führten. Unter Frommes Führung wurde dann der erste Gießener Intendant, der vor einigen Jahren verstorbene Hofrat Hermann Steingoetter, berufen; an feine Verdienste erinnert die Büste im Foyer, gegenüber dem jetzt angebrachten Bildnis Frommes, das der in Gießen seit Jahren wohlbekannte Münchener Porträtist H. Krauß geschaffen hat. Geh. Rat Fromme hatte dann, gemeinsam mit dem verstorbenen Theodor Ha u bach, entscheidenden Anteil an der Errichtung eines eigenen Theaterbaues. In vorbildlichem Gemeinschaftssinn brachte eine kunstsinnige Bürgerschaft in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit die zum Bau notwendige Summe zum größten Teil aus freiwilligen Spenden zusammen. Den Rest steuerte die Stadt bei, dazu den vorbildlich schönen Platz in der Anlage Die Kunst der Bühne hatte eine ständige, würdige Stätte in Gießen gefunden. Unter Steingoetters Leitung begannen die Vorstellungen im eigenen Haus. Geh. Rat Fromme hat von der Errichtung des Theaters an bis auf den heutigen Tag die erfreulich fortschreitende und künstlerisch aufstrebende Entwicklung unserer Bühne mit herzlicher Anteilnahme verfolgt und ihr stets mit Rat und Tat und wertvoller Anregung zur Seite gestanden. Die Einführung von Operngastspielen und die Schaffung einer eigenen Oper geht ebenfalls nicht zuletzt auf Frommes Anregungen zurück
Der ersten Vorstellung der neuen Spielzeit des Gießener Stadttheaters, „Maß für Maß" von Shakespeare in der Uebersetzung von Walter Josten, ging eine Eröffnungsfeier voraus. Nachdem der Theaterchor unter Leitung von Heinz Markwardt Mozarts „Bundeslied" zu Gehör gebracht hatte, trat Intendant S ch u l tz e - G r i e s h e i m zu einer Ansprache vor den neuen türkisfarbenen Vorhang: er hieß die Anwesenden herzlich willkommen. Was den neuen Porhang betreffe, so solle er den alten, der den Theaterbesuchern 'lieb geworden sei, nicht völlig verdrängen; er diene nur solchen Stücken, für die der alte nicht geeignet scheine.
Der Intendant stattete darauf Oberbürgermeister Ritter herzlichen Dank ab für ein dem Theater gemachtes Geschenk: ein Porträt von Geheimrat Professor Dr. Fromme (unser Bild), das im Foyer seinen Platz gefunden habe. Seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sei Geheimrat Frommes Name mit der Geschichte des Gießener Theaters eng verknüpft, um dessen Ausbau und Pflege er sich hohe Verdienste erworben habe. Die Errichtung des Stadttheaters aus den Mitteln der Bürgerschaft — wie die bekannte Inschrift besage, ein rechtes Denkmal bürgerlichen Gemein- stnns — dürfe als ein ganz besonderes Ereignis für eine so kleine Stadt wie Gießen gelten, die, ohne die Zuschüsse eines kunstsinnigen Hofes oder eines reichen Gemeinwesens, auf sich selbst gestellt war. Herrn Geheimrat Fromme sei es in erster Linie zu danken, daß in der Bürgerschaft der Wunsch nach einem eigenen Theater von künstlerischem Niveau geweckt und verwirklicht wurde. Er glaube in aller Namen zu sprechen, so führte Intendant Schultze-Griesheim aus, wenn er dem Herrn Oberbürgermeister Dank sage für ein Geschenk, das als ein sinnvolles Zeichen lebendiger Verbundenheit zwischen Theater und Bürgerschaft zu gelten habe.
Ein Ausblick in die bittere, aber großartige Welt Shakespeares, die sich nun auftun solle, beschloß die mit lebhaftem Beifall aufgenommene Ansprache. Der Chor „Nun fanget an" von H. L. Haßler leitete zur Aufführung über.
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Die mit der gestrigen Eröffnungsvorstellung verbundene Ehrung unseres Mitbürgers Geheimrat Professor Dr. Karl Fromme lenkt den Blick auf das Wirken eines Mannes, der außerhalb seines Berufs als Forscher und Lehrer an der Landesuniversität Zeit und Muße fand, sich für die öffentliche Wohlfahrt und das kulturelle Leben in Gießen so tatkräftig wie verdienstvoll einzusetzen. Geheimrat Fromme, am 11. Juni 1852 in Kassel geboren, begann seine akademische Laufbahn 1875 als Privatdozent für Physik in Göttingen. 1880 begann er seine Lehrtätigkeit als Professor für Mathematik, Physik und Geodäsie an der Landesuniversität Gießen, wo er 1894 zum ordentlichen Honorarprofessor, 1911 zum Geheimen Hofrat ernannt wurde und seit 1921 als Ordinarius bis zu seiner Emeritierung wirkte. Im Interesse der Stadt Gießen hat Geh. Rat Fromme auf den verschiedensten Gebieten des öffentlichen Lebens außerordentlich segensreich gewirkt und durch unermüdliche, aufopfernde Arbeit Bleibendes geschaffen So war er ehrenamtlich als Mitglied des Städtischen Schulvorstandes (1885 bis 1920) und der Kreisschulkommission (1891 bis 1920) vor allem zum Wohle der Alice-Schule und des Fröbel-Seminars tätig.
abschnitt des WHW. Restbestände von Spenden verbleiben, werden diese für Aufgaben der NSV. zunächst verfügbar gemacht, um alle Hilfsquellen ständig in Wirksamkeit zu halten Jedoch ist dabei zu beachten, ^aß die vom WHW. an die NSV. überlassenen Spenden zu Beginn eines neuen Arbeitsabschnitts dem WHW. wieder zur Verfügung gestellt werden. Denn die NSV. ist grundsätzlich eine Aufgabe für sich und nicht etwa gleichzusetzen mit dem WHW., obwohl die Arbeit 'des WHW.,.... ulc wcunD,.cu ,u
m dem großen Gesamtrahmen der NSV. geleistet können, daß sich auf diesem Spendengebiet das Ge- roirö- I samtaufkommen im Gebiet des Kreises Wetterau
auf über 200 Zentner Marmelade erhöhen wird.
Das Lebensmittellager des WHW. kann weiterhin durch die Lebensmittel-Pfundsammlungen im Sommer mit einer monatlichen Gesamtmenge von rund 100 Zentnern rechnen, die von den Spendern der Lebensmittelopferringe in den einzelnen Ortsgruppen herrühren In den Wintermonaten beläuft sich der Ertrag der
Cebensmiftel-pfunbfammlungen monatlich auf rund 200 Zentner.
Wenn diese Zahlen an sich auch sehr imponierend sind, so muß man doch bedenken, daß in dem Kampfe gegen Hunger und Kälte große Mengen an Lebensrnitteln für das WHW. erforderlich sind, um allen Erfordernissen gerecht werden zu können, außerdem unser Kreisgebiet ein sog. Aufbringekreis ist, der zur Linderung von großer Not in anderen Gebieten unseres Gaues einen Teil seiner Sammel- ergebniffe beisteuert nach dem vornehmen Grundsatz: Einer für alle und alle für einen In diesem Sinne Gemeinschaftsdienst zu leisten ist für unser Kreisgebiet eine besondere Auszeichnung.
Bedeutsam ist auch das Ergebnis der Aehren- I e f e der HI. und des BDM., das im Kreise Wetterau die sehr ansehnliche Menge von
etwa 100 Zentner Körnerfrucht
gebracht hat, die zu drei Viertel aus Weizen und zu einem Viertel aus Roggen besteht. Das Kleiderlager des WHW. kann erfreulicherweise ebenfalls über ansehnliche Vorräte verfügen, so daß auch nach dieser Richtung hin den Erfordernissen entsprochen werden kann.'
Im Rahmen der Winterarbeit des WHW- wird auch, wie schon in den Vorjahren, wiederum der
Zchtachtspende
besondere Bedeutung beizumessen sein. Es handelt sich hierbei um eine Sonderspende derjenigen Volksgenossen, die Hausschlachtungen vornehmen und davon einen kleinen Teil der Schlachtung für die vom WHW. betreuten hilfsbedürftigen Volksgenossen abgeben. Diese Spende wird wiederum in Büchsen gegeben, in die die Fleisch- oder Wurstspende von den Hausfrauen der Spender eingekocht wird. In anerkennenswerter Weise werden hier, wie bisher schon, wieder die Gemeinderechner der Ortschaften unseres Kreisgebiets als tat- frohe ehrenamtliche Helfer mit am Werk sein. Jede Haushaltung holt bekanntlich bei dem Gemeinde» rechner für die Schlachtung einen Schlachtschein ab. Bei dieser Gelegenheit wird den Familien von dem Gemeinderechner eine Büchse oder auch zwei oder drei, je nach Wunsch der Familie, für die Ablieferung der Schlachtspende ausgehändigt. Der Kreisbeauftragte für das WHW. im Kreis Wetterau hat für diese Spenden im kommenden Winter 11000 Büchsen von der Gauwaltung des WHW. erhalten und weitere 5000 Büchsen für diesen Zweck angefordert. Es ist nach den bisherigen Erfahrungen mit Sicherheit zu erwarten, daß alle diese Büchsen mit dem guten Inhalt des hochwertigen Fleischund Wurstnahrungsmittels an die örtlichen Sammelstellen des WHW. abgeliefert werden.
Im kommenden Winter wird im Kreisgebiet Wetterau zum ersten Male ein weiterer Zweig für
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Gießener (Siadiiheaier.
Shakespeare: „Matz für Matz."
„Measure for Measure", 1603 entstanden, geht nvie zahlreiche andere Shakespeare-Stücke im Kern »aus eine italienische Quelle zurück: eine ähnliche Babel, mit dem auch sonst des öfteren auftauchen- foen Hauptmotiv, findet sich in den „Hundert No- I mellen" des Italieners Giraldi Cinthio. „Maß für Maß" zählt nach der landläufigen Einteilung zwar zu den Lustspielen, aber wir haben schon früher mehrfach Darauf hingewiesen, ein wie weites Feld Ver Begriff der alten „Comedy" umgrenzt, und welche Stufungen und Schattierungen des heiteren Dramas — vom Schwank über das Lustspiel zur Komödie — sich darin unterbringen lassen
In dieser Dramengruppe nimmt nun „Maß für Maß" zwar nicht jene abseitige Stellung ein wie ütma die früher hier gegebenen Lustspiele „Ende gut. alles gut" und „Diel Lärm um nichts": es •arf zu den großen Dramen gerechnet werden, zu ! en Hauptwerken, aber es steht, innerhalb seiner Gattung, auf dem äußersten Flügel, wo die Welt er echten Komödie fast unvermittelt in die Be° iirke des Tragischen hinübermündet. Die neue Uebersetzung, die hier gespielt wird, und von der :od) die Rede sein soll, bezeichnet das Stück daher mit Recht als Tragi-Komödie.
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I Wer, außer Shakespeare, dürfte in solchem Umkreise, mit solcher äußersten Zuspitzung des Kon- f.'iktes, das Spiel mit dieser Fabel wagen: ein dichter begnadigt einen von ihm schuldig Befun- tenen und zum Tode Verurteilten unter der Beringung, daß die ihn um Gnade anflehende Schwester des Missetäters ihm, dem Richter, ihre Ehre cpfere und zu Willen sei! Und nicht genug damit: i«r Richter bricht danach sein Wort und besteht auf ter Vollstreckung ... nicht ahnend freilich, wie der fiurft, der ihn zum Statthalter eingesetzt hat, die i^iben lenkt und die Entscheidung über Liebe, Leim und Tod in Händen hält. So ist zwar äußer- lch, auch hier, das „Ende gut", aber die Vertuschung sowohl der Geliebten als auch der zum Habe Verurteilten ist ein Spiel auf bes Messers Sxfjneibe, bei bem es den Zuschauer überläuft.
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Kein Zweifel, baß „Maß für Maß", auch wenn £ bie starre biblische Forberung des „Auge um Z-iige, Zahn um Zahn" nicht wörtlich erfüllt, zu Ihn bitteren Lustspielen gehört, (wenn man bei der a.ten, allgemeinen Einteilung bleiben will) zu den pjssimisttschen Dramen, in denen der Dichter „vom Himmel durch bie Welt zur Hölle" wanbeit. Die Aihl ber auftretenden Personen ist groß, aber nur . innige sind in den gefährlichen Feuerkreis des nizentlichen Konfliktes einbezogen; sie sind auch, Kie meist, verschieden stark belichtet: einige stehen Mz nah und groß, mit unheimlich scharfen Kon- L-ren, vor dem Beschauer, andere wirken blasser, jliiben im Hintergrund, gehen flüchtig vorüber;
einige auch stehen, wie zufällig fast, am äußersten Rande des Geschehens
Im Kern der Handlung, im vollen Scheinwerfer- licht nicht nur der Bühne, sondern vor allem der dichterischen Anschauung und menschlichen Gestaltung Shakespeares —: Angelo und Isabella, der Richter und die Gnadeflehende, zwischen denen ein unerhörter menschlicher Konflikt zum Austrag gebracht wird; ihnen am nächsten: Claudio, der Verurteilte, etwas entfernter: Julia, Claudios Geliebte, und Mariana, Angelos Verlobte, die in der entscheidenden Nacht mit Isabella vertauscht wird.
Unterhalb dieser Sphäre der Charaktere entwickelt sich die Schicht, in der das Volk der Rüpel, der (Einfältigen, der Außenseiter der sozialen Gesellschaft sein Wesen treibt, wo Konstabler und Kupplerin, Bierzapfer und Scharfrichter, Zigeuner und Kerkermeister ihre rauhen und lärmenden Stimmen erheben.
lieber diesen beiden Schichten aber und über dem ganzen Spiel die Gestalt des Vmcentio, Herzogs von Wien, der den Angelo als Statthalter einsetzt und angeblich auf Reisen geht: in Wirklichkeit mischt er sich, ein anderer Harun al Raschid, unerkannt unter das Volk, es kennen zu lernen, Gericht zu halten — auch über den bestechlichen Richter und treulosen Statthalter, der freilich milde genug davonkommt — die Fäden zu entwirren und Katastrophen zu verhüten- wie jener „Gott aus der Maschine" bei den Alten, bie Rolle des Schicksals und der Vorsehung spielend —
Die Aufführung des weit über dreihundert Jahre alten Stückes konnte merkwürdigerweise als Uraufführung gelten insofern, als es hier zum ersten Male in einer neuen Uebersetzung gespielt wurde Walter I o st e n hat es unternommen, das dramatische Werk Shakespeares neu zu übertragen: eine Arbeit, die, von allem Sprachlich-Philologischen, Textkritischen und Künstlerischen abgesehen, Mut, Selbstvertrauen und Verantwortungsgefühl voraus- setzt, nachdem erst vor kurzem die durch Rothes Uebertragung entfesselte Auseinandersetzung über das Problem eines „deutschen Shakespeare" von autoritativer Seite ein für allemal — zugunsten der alten romantischen Uebersetzung von Schlegel, Tieck und Baudissin, die wir schon klassisch zu nennen uns gewohnt haben — beendet worden ist
Von „Maß für Maß" liegt uns der auf die übliche Weise vervielfältigte Bühnentext vor. Im Verlag Paul Hartung KG., Hamburg 26, sind bereits erschienen „Hamlet", „Macbeth" und „Richard III." Außerdem liegt uns, aus dem gleichen Verlage, eine Schrift von Erich Ackermann vor: „Shakespeare — deutsch. Eine Einführung in das Uebersetzungswerk von Walter Josten. Mit einem Geleitwort von Otto Brües." 77 Seiten. — (269) — Hier sind die Grundprinzipien bargelegt, bie für bie Würbigung von Jostens Arbeit wesentlich erscheinen. Zunächst wird nicht die Antithese gestellt: hie
Schlegel, hie Josten, entweder — oder. Sondern, wie es in einer Vorbemerkung zur „Macbeth"- Uedersetzung heißt: „Die für unübertrefflich erach- teten Stellen der klassischen deutschen Uebersetzung sind beibehalten worden/ Jostens Arbeit zielt einmal auf eine größere Genauigkeit und auf die Ausmerzung offenkundiger Uebertragungsfehler bei Schlegel-Tieck, ferner auf die Aufhellung von Dunkelheiten, vor allem aber auf die Wiedergabe des ursprünglichen Shakespeareschen Klangcharakters und Rhythmus. Josten ist von Haus aus Rezitator, er will sein Werk gerade durch das Medium des Ohres erschlossen wissen.
Es ist kein Zweifel, daß bestimmte, nicht immer kleine Partien der alten Uebersetzung dem Zuhörer im Theater gar nicht oder nur teilweise ein- und aufgehen: wo eine Neuformung dies beseitigt, also unmittelbar größere Klarheit und Verständlichkeit bewirkt, ist sie entschieden zu begrüßen. Nach den uns vorliegenden Proben, die Josten, Schlegel und den englischen Urtext nebeneinander bieten, ist das nicht selten geglückt; allerdings finden sich auch Gegenbeispiele, für die man den klassischen Text beibehalten wissen möchte. Uns scheint, daß man etwa nach dem bloßen Hören einer Aufführung sich nicht endgültig für oder wider das gesamte Unternehmen aussprechen kann, daß eine wirkliche Bewertung vielmehr die Lektüre und genaue Vergleichung der jeweils drei Texte voraussetzt. Wer dies unternimmt, wird bemerken, wie die Probleme nicht nur innerhalb eines Stückes, sondern selbst angesichts eines Monologes, ja eines einzigen Verses sich häufen: es ist eine mühsame, aber lohnende, aufschlußreiche und anregende Arbeit; ob sie in jedem Falle, auf das einzelne Werk, ja die einzelne Szene bezogen, eine völlig eindeutige Entscheidung für Lasten oder für die klassische Uebersetzung ergibt, mochten wir nach der uns selbst zugänglichen Tertvergleichung noch dahingestellt fein lassen. Wo die neue Uebersetzung, augenscheinlich ober hörbar, über die alte hinausgelangt, sie verbessert, erhellt ober ergänzt, kann sie uns nur willkommen sein
Der Abend begann mit einer kleinen Eröffnungsfeier, über die mir gesondert berichten. Intendant Schultze-Griesheim hat, einer alten Vorliebe für Shakespeare folgend, das Stück selbst in Szene gesetzt. Seine Spielführung ließ, was kaum zu umgehen war, die Doppelstimmigkeit des Werkes, die wir anzudeuten versuchten, ausschwingen, betonte indessen, soweit wie möglich, den leichten, lockeren Lustspielton. Immerhin bildeten die großen Szenen, in denen das Menschliche am unverhülltesten durchbricht, die inneren Orgelpunkte des Ganzen: die große Auseinandersetzung zwischen Angelo und Isabella, die Kerkerszene (Isabella und Claudio) und bie abschließende Gerichtsszene. Den „gemischten" Charakter und die bittere, melancholische Grundstimmung des Stückes werden die Zuschauer empfunden haben, — die Hörer vor allem, denn die Regie war auch, wie man spüren konnte, bemüht, in der dialektischen Durcharbeitung den Absichten
des neuen Uebersetzers zu dienen. — Die Drehbühne gestattete eine schnelle Verwandlung der in 13 Silber gegtieberten fünf Akte. Herr Löffler hatte bie wechselnben Schauplätze mit Geschick auf ber Scheibe verteilt, bie Szenerie mit Treppen, runben unb spitzen Bögen, Galerien unb Gitterwerk angedeutet, worüber sich, wohl nicht ohne tiefere Bebeu- tung, ein bestirnter ober bewölkter Himmel wölbte.
Im Ensemble stellten sich eine Reihe neuverpslich- teter Kräfte vor. Else M o n n a r b spielte bie Isa- bella, sprachlich gepflegt unb musikalisch, mit sicherer Verwaltung ihrer barstellerischen Mittel bie große Rolle uberschauenb unb gliebernb, aus anfänglicher Verhaltenheit zum vollen Ausströmen jungfräulich- weiblichen Gefühls sich fteigernb; eine bemerkenswert reife Leistung.
Erich Wei lan b, ber neue jugenblidje Helb, blonb, groß, elegant unb schlank, gab ben Angelo, eine Rolle, bie hohe Anforberungen stellt, Gefühl für Xaft unb Maß, auch geschmeibige Wanblungsfähig- keit voraussetzt: er begann, verhältnismäßig schnell sprechend, sehr beherrscht, mit kaum unterdrückter Heftiakeit das Amt des Rechtswahrers betreuend und fand glaubhaft den liebergang des ersten inneren Schwankens ... bis zum jähen Ausbruch und einer Gefühlsverwirrung, die in verhängnisvolle Verstrickung führt.
Herr v. Gschmeidler war der Herzog; er ließ die äußere Würde, die ruhige Sicherheit dessen spüren, dem in diesem Stück mehr zugeteilt ist als die Rolle eines Repräsentanten, eines unverbindlich Milben Regenten; in einigen Szenen (vor ber cnt- scheibenben Demaskierung) nachbenklich. ein wenig schwermütig, mit philosophischer Gelassenheit bas Treiben bes Volkes belauschenb unb burchschauenb.
Ernst Di11mar spielte ben Claubw sympathisch unb jugenblid); bie Tobessurchtszene im Gefängnis gab ihm Gelegenheit, sehr menschliche Tone anzu- schlagen, wie man sie sonst in ber Sphäre bes Lustspiels kaum vernimmt. Ruth-Ines Eckermann war bie Mariane, Anneliese Garbe bie Julia: beide Rollen gestatten ihrem Umfang nach noch taum ein Urteil über bie Gaben ihrer Trägerinnen. Hans Paschen, ber neue Charakterkomiker, gab ben einfältigen Konstabler mit behaglich ausmalen, ber Breite.
Dom alten Stamm sei mit befonberer Anerkennung Herr Fr ickhoef fer aenannt, ber ben Lucio spielte eine ganz shakespearische Gestalt, geschmei- big unb witzig; feine Szene mit bem unerkannten Herzog war bie heiterste bes ganzen Abenbs. Auch bie Herren Schorn unb Linbt, Pompejus unb Schaum, wirkten mit lockerem Humor. Herr Neu- haus war ein roürbiger, nobler Escalus; Herr S o l rf als Kerkermeister bewährte sich als tüchtiger Sprecher. —
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Starker Beifall rief zuletzt mit ben Spielern auch ben Uebersetzer unb ben Jntenbanten an bie Rampe.
Hans Thyriot


