ern bis heute; er ist die Wahrheit. Und er ist d i e L i e b e — bedarf es eines Wortes darüber? In der Zeit seiner Erdentage aber ist er auch das ewige Werden gewesen, ein Mensch, der sich zu immer höherer Vollkommenheit verklärte, nie fertig, nie sich selbst genügend, stets aufs neue die Seinen überraschend durch verwandelte Gestalt, wachsende Weltüberlegenheit, Erkenntnis und Opferbereitschaft. So heißt Weihnachten feiern zuletzt in seine Welt hineingezogen ihm nach.fol- g e n , dem Wesenhaften zugetan, den Mitmenschen in Liebe lebend, gewendet von Klarheit zu Klarheit, von Kraft zu Kraft, dem Ziel entgegen, das Anfang, Mitte und Ende auch dieses Lebens war: dem Lebendigen.
Dies einzig Lebendige aber — wir nennen es Gott und sind durchdrungen von der Dürftigkeit unseres Erkennens und Eindringens — wird uns wohlbedacht im Sinnbild einer Persönlichkeit, nämlich Chrilli, dargeboten und in jenem reichen Kranze von Sinnbildern, der ihn umgibt. Es funkelt auf im Geheimnis des immergrünen Tannenbaums; es wird zum goldenen Stern; es wird ein Märchen von den Hirten und den Königen, die gemeinsam ein Kind verehren und Abgründigeres zu offenbaren haben als die Wirklichkeit, nämlich d i e Wahrheit. Weihnachten ist viel mehr als eine Lehre, es ist das Erlebnis vom Einbruch des Göttlichen in die Welt. Es gibt Den entferntesten Dingen den Regenbogenglanz ihres Sinnes zurück; es verniclstet die Schranken, die Menschen zwischen einander ausgerichtet haben;
es verkündet in Klang und Duft, in uraltem Wort, das heute ergriffene Liebe spricht, das Unsagbare; es löst den härtesten Stein mit der Gewalt des verborgenen Samenkorns; es verbindet, was zueinander gehört; es ist das Fest aller Lebensalter, indem es die Jugend mit dem Größten, was wir kennen, anrührt und dem Alter zugleich das Bild der entschwundenen Kindheit, der Weihe des dankbaren Herzens und der unbeirrbaren Hoffnung aufs neue beschert.
Um es mit einem Wort auszusprechen: in diesem Fest tritt Gott s e l b st in diese Welt ein und schenkt uns den Traum des wahren Lebens, das ja nichts anderes sein kann als der Widerschein dessen, was er, der tief Verborgene, selber ist. Niemand begreift ihn in der Fülle aller seiner Kräfte; niemand erkennt ihn, wie er ist in der Wesenswirklichkeit seines gesamten Seins. Aber es ist gut, wenigstens von einem seiner Strahlen getroffen zu werden, einmal unter dem Anhauch seiner Liebe frei zu sein, einmal aus dem Reich des großen Erbarmens Befehl zu empfangen und das Eigene — Gemeinschaft des Hauses, Gemeinschaft des Volkes, Lebenssinn, Wirken und Ruhen in dem Geiste anzuschauen, der der G e i st der Weihnacht ist. Eine Stimme, die erhabener ist als jedes Menschen Stimme, ruft uns auf, und eine gewaltige Hand zeichnet an unseren Himmel Bilder der Vollkommenheit: „Das gab ich dir — was hast du mir zu geben und deinen Brüdern?"
Goeche und Mozart senden Weihnachtsgrüße
Aus unbekannten Briefen berühmter deutscher Männer.
Zusammengestelli von Or. H. Belgel.
Die folgende Zusammenstellung nur sehr wenig bekannter Briefe, die große deutsche Männer zum Weihnachtsfest an ihre Ange, hörigen und Freunde geschrieben haben, ist in mancher Beziehung aufschlußreich. Sie zeigt uns Goethe und Mozart, Bismarck und Nietzsche von einer ganz persönlichen Seite, sie zeigt auch, «daß gewisse „Grundprobleme" des Weihnachtsfestes — Auswahl der Geschenke, Kritik am Geschenkten und Umtausch — zu allen Zeiten und bei allen, auch den bedeutendsten, Menschen gleich zu sein scheinen.
Vismarck an seine Schwester.
Bismarck hat seine Schwester um Besorgung eines Armbandes als Weihnachtsgeschenk für seine Frau gebeten. Er ist aber nicht sicher, ob es ihr gefällt und will sich Umtausch vorbehalten.
Frankfurt, 16. Dezember 1858. Geliebte Malle!
„Das Armband ist eingegangen, herzlichen Dank für die Besorgung, ich habe es Johanna gezeigt unter dem Vorwand, daß ich es für Prinzeß Karl aus Hanau nach Berlin zu schicken bekommen. Sie fand es reizend, auf meine scherzhafte Frage, ob ich ihr eins danach bestellen sollte, machte sie die richtige Bemerkung, daß man ein solches Armband nur tragen könnte, wenn man vielen anderen Schmuck hätte; es sei zu.sehr en prdtention. Ich will es ihr aber doch aufbauen, falls ich es nach Weihnachten noch gegen andere Sachen umtauschen kann. Muß er (der Verkäufer) es aber vor dem Fest wieder im Laden oder definitiv verkauft haben, so schreibe oder telegraphiere mir zwei Worte, dann schicke ich es. Kann er es so lange missen, dann will ich nochmals an Johannas Ent- scheidung appellieren, wenn sie weiß, daß es chrs ist. Leb wohl mein Herz und verzeih die Last.
Dein treuer Bruder.
Rudolf Virchow an seinen Vater
Der große Arzt Rudolf Virchow versäumte kein Jahr, seinem Vater zum Weihnachtsfest Glückwünsche darzubringen.
Berlin, 21. XII. 1840.
Was soll ick Dir, lieber Dater, viele Wünsche für Dein Wohl auskramen. Du möchtest sie für erdichtet halten, da Du ja auch meine natürliche äußere Kälte Gleichgültigkeit, meine in sich gekehrte und in sich begrenzte Gemütsart Zurückstoßen der väterlichen Liebe zu nennen geneigt bist. Mich hat selten einer verstanden: Der Stein gibt erst Fun- ken, wenn man es versucht, sie aus ihm hervor- zulocken. Glaube aber sicherlich, daß keiner seine Zuneigung inniger und wahrer zu fesseln und fest- zuhalten weiß: Ich ändere mich/ schwer, und die Zeit und der Raum wandeln mich wenig um. Ich habe lange darüber nachgedacht, womit ich Dir wohl ein sichtbares und reelleres Zeichen geben könnte, daß es mein Bemühen fei. Dir Freude zu machen, als wenn ich Dir bloß Wünsche vorkramte, wie man es alltäglich mit leeren Worten und leerem Herzen tut; indes mein Mangel an hinreichenden Mitteln und meine Unerfahrenheit in der Auswahl passender Geschenke haben mich lange schwanken lassen. Heute abend erst habe ich mich entschlossen. Ich gedenke Dir ein Bild zu schicken, was unser Herrscherpaar in dem Augenblick, wo sie den Renaissancesaal (in dem die Stände ihr Mahl geben) betreten, darstellt...
Bozarts Mlhnachtsaedlcht.
Mozarts natürlich-kindliche Heiterkeit kommt auch in einem Festtagsbrief an die Schwester zum Ausdruck.
20. XII. 1777.
Meine liebste Salleri, mein Schätzer!! Meine liebste Nannerl, mein Schwester!!
Ich tu mich halt bedanken für Deinen Glückwunsch, mein Engel, Und hier hast einen von Mozart, von dem grob- einzig'n Bengel.
Ich wünfch Dir Glück und Freude, menn's doch die Sachen gibt,
Und hoff', Du wirst mich lieben, wie dich der Wolfer! liebt ...
Ich kann Dir wahrlich sagen, daß er Dich tut verehren.
Er luf Dir ja ins Feuer, roanns Du's tatst begehren. Ich mein, ick muß so schreiben, wie er zu reden pflegt, Mir ist so frisch vor Augen die Liebe, die er hegt Für seine joli Salleri unb seine Schwester Nanzerl! Ach, kommt geschwind her ihr Sieben, wir machen g'schwind ein Tänzer!.
Es sollen leben der Papa und d' Mama, Die Schwester und der Bruder, huisasahupsasa! Ein sauberes G'sindel — au weh! Ich muß g'schwind nach Schlaraffen,
Und das itzt um zwölf Uhr; denn dort tut man schon schlafen.
Revers WeiöliMsdres aus dem Kerker.
Fritz Reuter schreibt im vierten Jahre seiner Kerkerhaft zu Weihnachten an den Vater.
Dömitz, 20. Dezember 1839.
Das Weihnachtsfest steht vor der Türe und klopft mit blaugefrorenen Händen an und bittet um Einlaß; nicht allein jeder, sondern auch jeglicher, ja ich möchte fast sagen jedweder (bies ist wirklich einmal von einem Kommilitonen geschrieben) tritt ihm festlich geschmückt entgegen, reicht ihm die warnen Hände, und jubelnde Herzen schlagen ihm;' und wenn es bann empfangen und in die warme, von Wachskerzen und Tannenbaum erleuchtete Stube geführt ist, verteilt es die Gaben, die jeder auf dem Hausaltar niedergelegt hat. Ich empfange es auch wohl freudig; aber dock nicht so, als wenn ich mit Euch einen Reigen schließen könnte, und als wenn ich auch etwas auf dem Altar niederlegen könnte; nichts habe ich als Wünsche für Dein und der Schwester Wohl und die Bitte um Erhaltung Deiner Liebe. Dies wird denn nun wohl das letzte Weih» nachten fein, das ich fern von Euch zubringen muß, wenigstens im Kerker.
Goette an Charlotte von Stein.
Goethe schenkt Zuckerwerk und begleitet es mit einigen Versen.
W., Dezember 1816.
Daß Du zugleich mit dem heiligen Christ An diesem Tage geboren bist.
Und August auch, der werte Schlanke, Dafür ich Gott im Herzen danke,
, Dies gibt in tiefer Winterszeit Erwünschteste Gelegenheit Mit einigem Zucker Dich Au grüßen, Abwesenheit mir zu versüßen.
Der ich, wie sonst in Sonnenferne- Im Stillen liebe, leide, lerne.
Dank für W lhnachl-gaben.
Goethe hat von Frau von W i k l e m e r ein paar felbftgefticfte Pantoffel, Pfefferkuchen und ein Bild erhalten.
Das Christkindchen hat dieses Jahr, man muß es gestehen, sich sehr liebenswürdig erwiesen, doch kann es eine gewisse Tücke nicht kaffen, denn ob es gleich herkömmlich ist, daß man des Papst Pantoffel küsse, weil ein Kreuz darauf, wohl auch, daß man die Füße der Geliebten liebkose, um anzudeuten, daß man sich dem Willen ganz hingibt, der sich uns ergeben hat; so ist es doch unerhört, daß Man eine würdige Person durch magische. Zeichen nötige, die Hülle seines eigenen Fußes zu verehren, wozu moralisch und physisch gar wunderbare Gebärden nötig waren.
Die hinzugefügten kleinen eingewickelten Gestatt ten bringen in die Einsiedlerhütte eine wundersame
Bewegung. Diese kleinen Figuren tun manchmal die Wirkung Congrevscher Raketen, und ich fürchte sehr, die Zeitungen werden ehestens von entzündeten Burgen einige Nachricht geben.
Aehnliche magische Wirkung laßt sich denn auch bei dem Anblick des so unschuldig scheinenden Landsitzes spüren, denn das Blättchen hat völlig die Art der Klapperschlange, man sieht es immer lieber an, je gefährlicher es anzieht. Hieraus ist denn abermals deutlich, daß nichts schon, gut und erfreulich seyn kann, ohne gewissermaßen bedenklich zu seyn, mir aber wollen Die Nutzanwendung daraus ziehen, daß der Gedanke, er mag denken oder bedenken, dem Genuß so sehr zustatten kommt, den er nicht stört, als der Genuß dem Gedanken, wenn er ihn auf kurze Zeit stören sollte. Und um nicht ganz so' amphigurisch (verworren) zu schließen, setze ich folgendes hinzll. Um das Porträt tieren mag es freylich eine bedenkliche Sache seyn, da es sogar dem heyliaen Lucas nicht gelungen seyn soll. Ob man der Bemühung eines Orientalin sehen Wortschilderers ein besseres Zeugnis geben wird, steht zu erwarten. Heute nur herzlichen Dank! Frncke und Liebe ins neue Jahr hinüber.
Em WeihnaWgedicht he* GymnaMen AieMe
Der junge Friedrich Nietzsche bedichtet auf dem Gymnasium das Bild, das er feiner Mutter schickt.
Wie steh' ich bei meinen Schulgenossen?
Daß ich's Dir nicht sag' hat Dich schon oft verdrossen. Willst Du’s wissen, schaue her:
' Also steh' ich, wie ein zott'ger Brummelbär, Mit verschränkten Arm und Beinen Brumm' ich etwas in den Bart, als hätt' ich einen. An der Wand, mit trotziger Gebärde
Steht mein Schatten und schaut nieder auf die Erde, Gegenüber meinem Angesichte
Steht in Mensch, roer's ist, das sag' ich Nichte. Daß ein Mensch es fei, kannst Du ergründen An dem Rocke und der weißen Halsbinden. Dies besagte Menschenkind steht zckeifelnd vor mir, Fragt mich: „Was stehn Sie vor demKirchentor hier?" Denken Sie, ich steh' zum Amüsement
In der Sonne, in einem sonderbaren Herzensdrang? Bloß damit Mama es sehe,
Wie ich „bei meinen Schulgenossen" stehe.
Dieses Bild von Schultz, dem Photographen,^ Soll auf Ihrem Weihnachtstische schlafen, Wo es als Entschuldigung für die Geschenke Daliegt, die ihr nicht zu schenken ich gedenke.
Megger an seinen Freund.
Der steirische Dolksdichter Peter Rosegger schreibt an einen Freund zu Weihnachten:
24. Dez. 1866.
Beim Scheine des Chnstbaums denkt es sich so ?ut Derer, die man liebt, und wenn vom Wald- irchlein, wie in dieser Stunde, zur Mette rufend, bas Glöcklern herüberklingt, läßt es sich so gut schreiben und Grüße senden den guten edlen Men- scyen in die Welt hinaus. Wollen Sie also auch dem innigen Grüßlein vom eisigen Hochland ein freundliches Willkomm entgegenrufen, wie all den Tausenden, die Ihnen heute nahen.
Ich habe für bas Weihnachtsfest roieber mein stilles Heimattal gesucht um hier die Tage der Kindheit wieder vorüberziehen zu lassen und wie ich einst so glücklich war beim lieben Christkind- lein...
Kmdheiis-Weihnachien.
Don Wilhelm von Scholz.
Die Kindheitsweihnachten, an die ich mich besonders gut erinnere, waren die, die ich in der elterlichen Dienstwohnung im Berliner Finanzministerium hinter dem jetzigen Ehrenmal verlebt habe. Das waren wirkliche Familientage. Während wir sonst nur zu dritt waren, mein Vater, meine Mutter und ich, von denen mein Vater zudem immer im Amt ober im Parlament ober beim Kaiser ober beim Fürsten Bismarck steckte und kaum mal zu einem ersehnten gemeinsamen Spaziergang au haben war, hatte er jetzt zu Weihnachten ausnahmsweise einmal Zeit, die er selbst von Herzen wünschte, für uns und besonders für mich. Dann kamen meist meine drei sehr geliebten Onkel, die Brüder meiner Mutter, der Regierungsbaumeister, der Offizier und der Oberförster, nach Berlin. Mit ihnen und meiner Großmutter verlebten wir bann das Fest bei uns und wurden auf einmal eine richtige große Familie, zu der gelegentlich sogar noch andere Verwandte sich dazufanben. Es gab ein Weihnachten in alter deutscher Art zu feiern.
Manchmal will mir in der Erinnerung scheinen, als ob bas Herumtreiben mit den Klassenkameraden auf bem Weihnachtsmarkt am Lustgarten unb auch auf dem Leipziger Platz bas Schönste der Weihnachtszeit gewesen sei. Es dauerte länger als der eine Heiligabend und die zwei Feiertage, und das Fest stand noch bevor! Es betrübte uns jedenfalls sehr, wenn der Weihnachtsmarkt abgebrochen wurde und die Plätze, wie uns dünkte, wieder in traurige Nüchternheit zurückfielen.
Den Weihnachtsmann spielte — nein, das ist zu prosaisch gesagt! — also übernahm gemäß seinem Walbberuf ber Onkel Oberförster im umgewenbeten Gehpelz meines Vaters, bis ber Glaube an diesen Gutstrengen nicht mehr zu halten war unb für mich das Zeitalter ber Iungensaufklärung begann.
Wenn ich mich heute zu besinnen versuche, wofür ich den Weihnachtsmann vorher gehalten habe, ehe ich mußte, baß es der Onkel Richard war, ber einfach feine Stimme verstellte und einen großen Bart hatte, so vermag ich nichts anderes zu antworten als eben: für den Weihnachtsmann! Der gehörte mir, dem Jungen, offenbar durchaus zur normalen Welt und gab mir mit feinem einmaligen Auftreten im Jahr, das mir höchst vernünftig schien, keinerlei Rätsel auf, hatte aber auch nicht märchenhaften Charakter oder Wunderwesen an sich.
Es kann auch keineswegs eine Erschütterung ober Enttäuschung gewesen sein, als er sich bann in den
guten und sehr geliebten Onkel verwandelte, als der er mir, dem Kinde, eigentlich noch viel angenehmer war. Ader ich sah ein — frühreif wahrscheinlich mit Bedauern über ein Stück vergangener Kinderzeit und -poesie! —, daß er nun — erkannt! — nicht gut mehr als Weihnachtsmann kommen könne; daß das sonst eine Komödie fei.
Das li^gt manche Jahrzehnte zurück — unb wird immer von neuen jungen Menschen erlebt. Wenn sie aus dem Märchenweihnachten der Kindheit das Gefühl ins Leben hinüberretten, das sich auch aus Den schönen Bildern der frommen christlichen Legende speist, bas Gefühl eines eng verbundenen, ver- roanbten, ein Jahr zusammen festlich abschließenden Menschenkreises, einer feiernden Familie, so brauchen sie über das Vergehen des Märchens nicht betrübt zu fein. Sie werden es einst in der Tiefe ihrer glücklichsten Erinnerungen wiederfinden und sich noch daran freuen können!
Oer Engel.
Eine weihnachtliche Geschichte
von Walther Georg Hartmann.
Unter den Gaben, die dem Kindchen zu Weihnachten geschenkt wurden, war ein kleiner Engel aus Holz, fmaergroß. Aus dem weihen, blanken Gewände sah das Gesicht rosig heraus. Die Arme hielten ein goldenes Posaunchen. Das ganze Wesen sammelte sich eifrig zum Dienste mit diesem lobpreisenden Instrument, unb weil es immer, wenn auch unhörbar, seine Engelmusik blies, schien es auch immer unb überall im Himmel zu sein.
An Den Schultern aber faßen ihm zwei Flügel. Die waren grün. Zwar bemühten sich aufgemalte golbene Sternchen, biefe Farbe zu verzaubern, aber es blieb boch dabei: die grünen Flügel waren bas Jrbische an ber himmlischen kleinen Gestalt, gerade die Flügel, die doch nur den Engeln gehören.
Das Kind packte die zierliche Figur aus den Pa- pierhüllen aus mit vielen entzückenden Ahs unb Ohs. „Ein Engelchen!" verkünbete es froh in dieser befonberen Lust, die unterschieblos alle jene Dinge selig begrüßt, bie ihm bereits bekannt sind, einerlei, ob es eine Himmelserscheinung ober ein Schweinchen ist.
So innig diese Begrüßung gerät, so schnell wird sie doch auch abgetan. Sie scheint mehr eine lebhafte Feststellung zu bedeuten. Denn nun sehen bie Ettern, die gern noch bei bem berounbernben Betrachten verweilt hätten, mit einigem Grausen der
sachlichen Behandlung zu, die dem Engel angetan wirb.
Ehe sie noch warnen unb retten können, ist es geschehen. Ein grüner Flügel hat einen Knacks bekommen. Zunächst ganz ohne Schmerz überrascht, beteiligt sich bas Kind doch an bem Bebauern unb stimmt auch in seiner zweijährigen Überlegenheit bem zu, baß ein liehes Engelchen ganz vorsichtig zu halten ist, wenn es nicht kaputtgehen soll.
Der grüne Flügel sitzt wieber gerabe. Aber es ist kein Verlaß mehr auf feine Festigkeit. Kinber- jinger pflegen bem sachlich nachzugeyen. Unb ba sie tn solchem sachlichen Interesse allein, ja gegen bie Erwachsenen handeln müssen, so passen sie geschickt ben richtigen Augenblick ab. Unb — ruck! ist ber Flügel heraus.
Die Eltern sind ehrlich betrübt. Das Kind spielt ein bißchen an ber Trauer mit. Das Engelchen, verkrüppelt für bie Augen ber Erwachsenen, wirb roegqelegt.
Aber später bann — unvermerkt — hat bas Kind es wiebergeholt. Unb nun ist bie erste Verwandlung vor sich gegangen: der Engel hat bie echte unb große Liebe Des Kinbes gefunben.
Dem verstümmelten kleinen Himmelswesen wird jetzt alle umsichtige Zärtlichkeit zuteil, die dem unverstümmelten noch nicht gehörte. Es wird gepflegt unb in langer Rebe umhegt unb immer von neuem gestreichelt mit zierlichster Schonung. Erst jetzt scheint es, nach bem Opfer bes Flügels, jn Spiel unb Herz unb Welt bes Kinbes zu gehören.
Und von horten steigt es auf zu feiner zweiten unb enbgültigen Verwandlung. Da ein Engel ein Schwebendes ist und Geschwister mit goldenen, silbernen unb grün glitzernben Gewändern irn Weihnachtsbaum hängen, verlangt bas Kinb plötzlich banach, baß auch biefer einflügelige au^Holz unter bie schwebenben Himmelswesen versetzt^wirb.
So löst sich ber verstümmelte Engel aus ben behutsamen Händchen unb geht in fein eigenes Reich ein. Zwischen Kerzen unb fpiegelnben Kugeln, von Silber umrieselt, schaukelt er am Tannenzweig. Denn schaukeln muh er. Ab unb zu tritt bas Kinb Au ihm bin, ba es fein Engel in neuer Liebe ist. Und es feiert ben Besitz mit immer neuen Ruien unb Entzücken, ben Besitz eines himmlischen Wesens, ben es halb in bie strahlenbe Welt feiner Herkunft entließ, unb ben es halb noch zurückhiett. Deshalb muß ber Engel, von feinem Finger ungerührt, schaukeln.
Nur bie Erwachsenen sehen, baß bie kleine weiße Putte schief am Golbschnürchen hängt. Es fehlt ja das zweite Flügelchen. Sie benfen darüber nach, ob ber Engel nun im Hinkeflug fliegen muß mit feiner einen grünen Schwinge. Unb sie benfen darüber nach, ob es vielleicht nötig war, daß er die
Verstümmelung erlitt unb fo siegreich überwand, um nun erst wirklich in Verklärung unb Liebe aufzusteigen ober um sein immer schon verklärtes Wesen wunberbar zu beweisen, dem ein ausgebrochener Flügel nicht bas geringste anhaben kann.
Ja, sie stimmen bem zu unb fühlen sich beschämt an bie menschliche Ungewöhnung an bie oberen Reiche erinnert, weil ber burch Die irdische Härte gegangene, ber verstümmelte Engel nun selbst ihnen, den Erwachsenen, zugleich geliebter unb engelischer geworben ist. Wenn sie ihn schief am Baume schweben sehen, spät am Abenb unb ohne Schaukeln, bann hören sie fast schon bas golbene Posauncken himmlisch klingen mit einem reinen unb frohen Ton, als schwebe er auf taufenb grünen ober strahlenben Flügeln, ober als bedürfe er auch bes einen übriggebliebenen nicht zum Engel- bafein.
Eine Backstube des Weihnachtsmannes
Borgholzhausen im Teutoburger Walb, in deutschen Landen bekannt als Honigkuckenstädt, liegt nahe ber sagenumwobenen Ravensburg an ber Landstraße, bie von Melle in Hannover nach Warendorf im Münsterlanbe führt. Seit rund 200 Jahren ist hier dje Honigkuchenbäckerei zu Hause. 1740 sollen Bäcker aus bem Hannoverschen hierher übergesiedelt sein, um ihre leckere Ware im'Ravensberger Land unb im Münsterland abzusetzen. Die ersten Borgholzhausener Honigkuchenbäcker zogen selbst mit Pferb unb Wagen und ihren auf Vorrat gebackenen Leckereien auf bie Märkte der näheren uhb weiteren Umgebung. 1817 entrüstete sich ein eifriger Borgholzhausener Prediger darüber, baß ber Sonntagsgotte&bienft vor leeren Kirchenstühlen ftattfinbe, ba fast alle Einwohner bes Städtchens als Kuchenbäcker ober -hänbler mit Kind und Kegel auf bie Sonntagsmärkte führen.
Heute bedient sich die Borgholzhausener Honig- kuchenindustrie beim Absatz ihrer Waren der großen Händlerorganisationen. Ihre größte Bedeutung hat sie vor allem für die Iahrmarttsgeschäfte, wenigstens in ben Sommermonaten. Schon im frühen Herbst beginnt bann bie Arbeit für das Weihnachtsgeschäft. Unb bann erst in den Monaten Oktober, November unb Dezember arbeitet Borgholzhausen mit Hochbetrieb, bas kleine Oertchen wirb zur großen Backstube bes Weihnachtsmannes. Neben ben Honigkuchen in ber langen viereckigen Form werben auch bie verlockendsten Spezialitäten hergestellt, wie Moppen, Spritzkuchen, Pfeffernüsse, Makrönchen, Printen, Pflastersteine, Lebkuchenherzen unb bie in , ber Nikolaus- unb Weihnachtszeit besonders beliebten bunten Hexenhäuschen.


