Nr. 300 Erstes Blatt
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Des deutschen Volkes Weihnachtsfest.
Tag der Freude.
Von Bruno Marquardt
Das Fest ist wieder da. Und wenn vielleicht auch kein Schnee draußen auf den Feldern liegt oder auf Dächern und Straßen, so ist uns doch weihnachtlich zu Mute. Es ist etwas in unsere Seele geflogen, wie ein Vöglein in eines Baumes Zweige fliegt, und nun singt es ein uraltes Lied von stiller, heiliger Nacht, von armen Hirten auf dem Felde, von Engelscharen, die die Nächt erhellen, und Lichtern, die an Tannenbäumen glitzern ...
Und wir geben uns gerne hin der weichen, warmen Weihnachtsstimmung und sind voll vom kommenden Fest. Und dazu die Weihnachtsgeschichte! Diese Weihnachtsgeschichte! So einfach: Die Geburt des armen Kindleins armer Leute im ärmlichen Stalle. Und so wunderbar: wie das schönste deutsche Märchen, von den Engeln und Hirten. Diese Weihnachtsgeschichte, nur für Kinder bestimmt und nur von Kindern erfaßt und von denen, die sich Kindersinn bewahrt haben. Und dieser Geschichte tiefer Sinn: große Freude, die allem Volk widerfahren soll ...
„Und Äubellieder schweben durch die Nacht, Wie Silberfäden von des ChristbaumsAesten... Sie weben zart Geweb',
Von dessen Strahlengrund Die Engelsbotschaft licht sich hebt: „Ich tu euch Freude kund".
So wollen auch wir unsere Seele stimmen auf den hohen, reinen Ton der Weihnacht, den Ton der Freude. Weihnacht ist das Fest der Freude. Vielleicht erfahren wir es nie so sehr wie in diesen Tagen, wie tief Christentum und Freude Zusammenhängen. Nun laßt uns dies heilige, schöne Recht üben, Freude zu bringen, soviel wir können. Denn das ist zugleich die schönste Einstimmung für unsere eigene Weihnachtsfreude. Und gerade denen, die vielleicht nur schwer ihre eigene Freude finden können, sei dieser Rat gegeben. Alles denen, die diesmal in Trauer und Trübsal sich fürchten vor Weihnachten. Der schönste Weg zur Ueberwindung der eigenen Trauer ist, anderen Freude zu machen. Kleine Gänge der Freude zu Einsamen und Verlassenen, Armen und Angefochtemen im Sinne und im Dienste der Winterhilfe, dieses wahrhaft weihnachtlichen Werkes. Das alles kann uns ein paar Flügel geben, über den eigenen Schmerz hinwegzukommen und an der Freude der anderen eigene Freude zu entzünden.
Wer aber das Glück hat, selbst oder in seiner Nähe Kinder zu haben, der soll an ihnen seinen weihnachtlichen Gottesdienst tun wie am Christkind selbst. Und es sei uns Dank genug, daß wir uns an diesem Tage- bei ihnen eine rechte Weihnachtsstimmung, ja noch mehr, eine rechte Weihnachtsfreude holen können. Dann verstehen wir vielleicht einmal den tiefen Sinn der Weihnacht, daß die Freude ausging von der Krippe eines kleinen Kindes, daß Gott einem Kinde das Größte in die Hände gelegt hatte, allem Volk die große Freude zu geben, die alle Weisheit und Macht nicht hatte geben können.
Freilich, eins muß durch alle unsere Gaben und all unser Tun hindurchscheinen und heraus- aesühlt werden können; daß es nicht bloß Geschenke von Geld — oder Geldwert sind, sondern daß mit ihnen Freude bereitet werden sollte! Daß sie in dem Beschenkten ein Erstrahlen seiner Seele Hervorrufen, denn das erst ist wahre Freude. Aber das bringt nur d i e L i e b e fertig! Zu Weihnachten wollen die Menschen einmal wenigstens fühlen: man hat mich lieb! Einmal hat jeder Mensch, auch der ärmste und anspruchloseste dies Verlangen, dies Bedürfnis. Wenn wir so schenken, wie Gott in seiner Liebe einer verlorenen Welt den Heiland geschenkt hat, dann schenken wir nicht bloß, dann machen wir Freude. Dann ist die Engelsbotschaft wirklich in der Welt: Ich tu euch Freude kund!
Dann werden wir wieder „wie die Kinder" durch die Freude. Manchem fällt es schwerer, manchem leichter. Es gibt Menschen, die von Gott gesegnet sind, daß sie im Kern ihrer Seele immer Kinder bleiben. Es sind oft Menschen, die viel Arbeit, Mühe und Sorge haben, in deren Herz aber eine ewige Freude wohnt. Sie haben ihre Sorgen, als hätten sie sie picht, sie können gut Weihnacht feiern, denn zu ihnen kommt das Christkind alle Tage, ihnen ist der Himmel immer voller Sterne und voller Engel, sie sitzen unter dem Weihnachtsbaum und singen: „D, du fröhliche, o, du selige, gnaden
bringende Weihnachtszeit", ihnen ist Weihnachten eine glückliche und perlend reine Musik: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!"
Und etwas von solcher Freude können wir alle Jyiben. Gewiß, uns freut manches nicht mehr, was Kinder glücklich macht, aber freudelos sind wir deshalb noch lange nicht, (^twas Zusammenhang zwischen uns und der Weih- nachtssreude besteht immer, wir müssen es nur suchen, denn das Beste an ihr ist uns verwandt. Und dies Beste will gern Weihnacht feiern, will sich mitfreuen an der großen Freude, gönnen tpir ihm nur die Freude?
„Heut'naht sich einAbend, i^a bricht es heraus, Da kannst du nicht mehr entrinnen. Da ist ein Jauchzen von Haus zu Haus, Ein Leuchten draußen und drinnen, Und der Schrei der schluchzenden Sehnsucht Dir heiß von zuckender Lippe sbricht Zünde auch mir dein Himmelslicht, Heiliges Kind in der Krippe! _>
Nicht, daß wir uns mit Gewalt plötzlich nehmen sollten, was wir nicht haben an Weihnachtsglauben und Weihnachtsfreude. Aber daß wir froh werden können über dem, was wir haben. Das ist die Hauptsache an Weihnachten: „Christ, der Retter, ist da!"
K
...
Hans Holbeins b.3.1 Madonna des Bürgermeisters Meyer zum Hasen
aus dem Darmstädter Schloßmuseum haben wir vor Jahren schon einmal in „Heimat im Bild" in anderem Zusammenhang gebracht. Das Weihnachtsfest gibt willkommene Gelegenheit, an diesen köstlichsten Schatz deutscher Malerei der Renaissance, den unser Hessenland birgt, zu' erinnern. Es ist ja auch des Meisters schönstes Altarbild, getragen von ganz deutschem Gefühl schlichter unmittelbarer Gottesverehrung in engstem, trautem Familienkreise, der sich ganz nahe um die Muttergottes gruppiert, von iercn Antlitz eine unendliche Ruhe auf die neven ihr Knienden ausgeht. Der gelassene, sachliche Blick eines souveränen Meisters der Form hat seinen Modellen eine ungezwungene Natürlichkeit von höchstem Reiz in Haltung und Ausdruck gegeben. Die-Rundung der Nische im Hintergrund vereinigt das Ganze zu einer Komposition von größter Geschlossenheit und edelster Harmonie.
Wechselvoll wie das Leben Hans Holbems d. I., der als Sohn des goldenen Augsburg vom weltbürgerlich großartigen Zug seiner Heimatstadt in die Ferne getrieben, auf der Suche nach ehrenvollen und lohnenden Aufträgen das Reich, die Schweiz und Oberitalien durchstreift hat, bis er in der Blüte feines Schaffens am Hof Heinrichs VIII. von England ein frühes Ende fand — wechlefvoll wie das -ßeben des Meisters ist auch die Geschichte seines
berühmtesten Madonnenbildes. Nach Angaben, die wir dem Grafen Hardenberg, dem kunstsinnigen Betreuer des Darmstädter Schloßmuseums, verdanken, hat Holbein die Madonna wahrscheinlich 1525 vor seiner ersten Reise nach England für den Baseler Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen gemalt. Durch dessen Enkelin Rosa Irmi gelangte das Bild an den Baseler Bürgermeister Remigus Fäsch, der es 1606 für 100 Goldkronen an den Ratsherrn Lux Iselin verkaufte. Iselins Erben veräußerten es 1636 für 1000 Gulden an den Maler und Kunsthändler Le Blond in Amsterdam, von dem es Maria von Medici, die Königin-Mutter von Frankreich, die seit ihrem Zerwürfnis mit Ludwig XIII. und Richelieu in Brüssel lebte, für 3000 Gulden erstand. Wenige Jahre später ging das Bild in das Eigentum des Amsterdamer Buchhalters Lästert über, um 1709 wurde es in einer Versteigerung von Cromhout- und Laskeart veräußert und verschwand nun bis zum Jahre 1822, in dem es Prinz Wilhelm von Preußen, der Bruder König Friedrich Wilhelms III für 1500 Taler von dem Pariser Kunsthändler Delahoute kaufte. Durch des Prinzen Tochter Elisabeth, die 1836 den Prinzen Karl von Hessen, Bruder Großherzog Ludwigs III., heiratete und damit die Großmutter des Großherzogs Ernst Ludwig wurde, kam das Bild in den Besitz des hessischen Fürstenhauses,
Tag -es Lichts.
Von Heinrich Wollgang Seidel.
Niemand wird es als einen Zufall ansehen, daß Christus schon in der Wiege als Lichtbringer erscheint, so daß die Sinnbilder des flammenden Sterns über der Hütte, der im Aether jubelnden Lichtgestalten nicht aus der Weihnachtsgeschichte wegzudenken sind. Denn wenn schon von der ewigen Macht in jenem Urwort gesagt wird: „Licht ist dein Kleid, das du anhast" — es gilt nicht weniger von dem Erlöser, daß seine Seele mit jedem Licht, das wir in Dunkelheit ersehnen, wahrhaft durchtränkt ist. Sind wir die Nächtigen, so ist er lautere Klarheit, liebende Wärme, grenzenloses Leben. Und so wäre es schon Gnade, wenn uns seine Helle Gestalt wenigstens an einer Stelle dieser verworrenen Welt das Vollkommene offenbarte, wenn wir uns, im Nichtigen verdorrend, an feinem Bilde Mieder aufrichten. Für viele mag-sich tatsächlich die Weihnachtsfeier darin erschöpfen, 1 daß sie in erhöhter Stunde ihre Augen von den Jämmerlichkeiten der Welt abwenden und mit Andacht anschauen, was anders und größer ist als ihr eigenes Dasein. Denn dort offenbart sich zum mindesten ein Menschenleben, das seinen Weg in der unbeschreiblichen Klarheit eines göttlichen Auftrags vollendete, im geheiligten Bereich der Lebensentfaltung ohnegleichen und einer unerschütterten Güte. Wem sollte es nicht mofjf= tun, einmal in der Gestalt eines Irdischen Reinheit und Wahrheit, Freude und Gottgeborgenheit zu erblicken!,
Dennoch glaube ich nicht, daß hiermit das Weihnachtserlebnis umschrieben sei. Es kann nie das Größte bedeuten, daß wir, wenn auch im Innersten ergriffen, ein Vollendungsbild anschauen. Das Größte wäre etwas anderes: zu ahnen, daß erbarmender Wille uns mit dieser Gestalt verbunden hat, zu wissen, daß sie für uns ba ift und mif für sie, und daß die unerhörte Lichtwelt eines inneren Lebens auch unsere Welt fein kann und soll. Um mit Luther zu reden: „Das ewige Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein!" Weihnachten verbirgt in sich das Wunder der Wandlung; ein Nacht des Irrtums, der Schuld und des eisigen Todes vergeht, damit der Tag der Wahrheit, der Liebe und des unendlichen Werdens geboren werde. Und es hat einen eigentümlichen Reiz, zu beobachten, wie schon die Weihnachtsgeschichte in der Sprache des Mythos von diesen höchsten Hoffnungen des Menschen zu reden weiß; denn jener Menschheitsbesitz, der mit der Erscheinung des Christus verbunden ist, leuchtet gleichnishaft bereits im Geschehen der heiligen Nacht.
Da ist zunächst ein Lautwerden der tiefen und darum immer wieder verkannten Wahrheit, daß der Himmel gibt und der Mensch in Demut der Empfangende bleibt. Alle Schöpfungsmacht auf Erden deutet auf ein vorhergesehenes Ueberwältigtsein, auf Kräfte, die nicht rein irdisch sind, auf ein Zureichen aus dem Urgrund aller wirklichen Erkenntnisse, aller Gesichte und aller Gestalt. Ob es sich um Kunst, um wissenschaftliche Einsicht, um die Tat eines Führers in entscheidender Stunde handelt: immer gibt es ein Begnadetsein; das wahrhaft Große und Beständige kommt allein aus den Tiefen der Gottheit.
Eine andere Wahrheit wiederum wird im Bilde der Heiligen Familie sichtbar, diese daß das Glück nicht in Geld und Gut, auch nicht im Glanz irdischer Herrlichkeit beruht, sondern in der persönlichen Gemeinschaft liebender' und geliebter Menschen, daß es Mann, W-ib und Kind ist, daß es Hingabe ist in ein»r tapferen Zuversicht, Bereitschaft zum Dienst aneinander und die Freude am Menschen und feiner Bestimmung Diese Wahrheit fällt mit der Wirklichkeit der Liebe zu- fammen; das Paar zu Bethlehem mit dem Kinde, an das seine Eltern sich in Geduld, Opfer und täglicher Bereitschaft verströmen möchten, wird immer das unüberbietbare Sinnbild der Liebe bleiben.
Ebenso aber blicken wir in eine Welt unendlichen Werdens hinein, denn im Herzen der Weihnacht ruht der eine, in dem noch alles Zukunft und Hoffnuna ist. Wir sehen das Kind und gebenden des Mannes, zu dem es heranwuchs: nur in Wahrheit vermochte er zu atmen; er ist ganz echt, ganz in sich geschlossene Persönlichkeit furchtlos sich offenbarend und selbem aus dem Urquell aller Wahrheit gespeist, aus Gott Er wirkt und braucht keine seiner Taten zu widerrufen; er redet, und feine Worte bau-


