FlandrkscheWeihnachien4914
Von Paul Wegener.
Staatsschauspieler Paul Wegener, der in diesen Tagen mit Strindbergs „Totentanz" auch in Gießen gastiert hat, ging im Oktober 1914 als Freiwilliger mit den jun. gen Regimentern an die Westfront. Sein „Flandrisches Tagebuch-, ein Muster von Schlichtheit, Wahrheitswillen und Darstel. lungskrast, ist ein getreues Dokument des flandrischen Winterfeldzuges von 1914.
Gegen Mittag hört das Schießen ganz auf. Links neben uns wird offizieller Waffenstillstand geschlossen. Die Franzosen haben eine weiße Fahne yerausgesteckt, zum Zeichen, daß sie eine Feuerpause zu machen gedenken. Es wird drüben eif. rig gekocht, und ab und ßu sicht man dunkle Gestalten zwischen der dahinterliegenden Hausruine und dem Graben hin und her laufen. Ich lasse auch nicht mehr schießen. Ungeniert bewegen wir uns in der Stellung, von drüben fällt kein Schuß.
Dies ist das einzige Mal, daß ich im SchüKen- araben eine Art von Verständigung mit dem Feinde erlebe. In der Nebenstellung sollen sie sogar heißen Kaffee von den Franzosen geholt yaben. Alles ist in bester Laune. Die Friedensstimmung dauert aber nicht allzu lange. Am Nachmittag bekommen wir Granatfeuer, das ziemlich hart vor und hinter der Stellung einschlägt, aber zum Glück keinen Schaden anrichtet. Endlich dunkelt es, der „Heilige Abend" ist angebrochen. Wir warten schmerzhaft auf die Ablösung, die uns für sieben Uhr zugesagt ist. Gerade zum Fest sollen wir nach Menin zurück. Ich freue mich bei dem schönen Wetter auf vergnügte Feiertage im Fliegerkosino und einen Flug mit meinem Detter. Die Ablösung kommt nicht, obgleich es schon acht Uhr ist. Ich mache mir in meinem Unterstand, ganz allein mit Nagel, eine kleine Heilia-Abend-Feier. Ein paar Lichtchen werden angezündet und ein Tannenzweig in die feuchte Lehmwand gesteckt. Dabei singen wir ganz ernschaft „Stille Nacht, heilige Nacht .
Wir setzen gerade den zweiten Vers an, da gibts einen furchtbaren Knall, und ein Mann fliegt der Länge nach durch die nur mit einer Zeltbahn abgedeckte Dorderwand des Unterstandes. Wir erschrecken mächtig. Der Mann liegt zuerst ganz still und glaubt wohl, er sei tot. Schließlich reagiert er auf unsere Anrufe, er war nur betäubt und ist mit dem Schrecken davongekommen. Die Granate hat gerade unserem Unterstand gegenüber vor der Brustwehr eingeschlagen, Sandsäcke und Schutz- ichild heruntergeworfen und durch den Luftdruck den Mann, der da gerade Wache stand, in meinen Unterstand hineingeschleudert. „Stifte Nacht, heilige Nacht" ...
Endlich kommt die Ablösung. Wir gehen diesmal über die obere Stellung zurück. Seit dem Zweiundzwanzigsten abends waren wir im Graben. Trinkbares Wasser gab es dort nicht, Kaffee konnte auch nicht gekocht werden. Die Feldflaschen sind längst geleert und meine Leute furchtbar durstig. Hier ist aber für frisches Wasser gesorgt. Alles trinkt, und dann geht es zurück, wieder aus der Gefechtzsphäre heraus nach dem Reseroequartier in Gheluvelt.
Der Tritt wird ruhiger und gleichmäßiger, das weite Land dehnt sich bei Mond- und Sternenlicht, weiß bereift. Aus einem einsamen Haus, dessen Helles Fensterchen traulich in' der Christnacht blinkt, klingt, von einer Ziehharmonika gespielt, „Stille Nacht, heilige Nacht", und jetzt singt die ganze Kompanie feierlich und das Marschtempo mäßigend dasselbe heimatliche Weihnachtslied.
Um Mitternacht kommen wir in Gheluvelt an. Wir hoffen, die Feldküche vorzufinden, und ich freue mich auf einen Zug warme Erbsensuppe. Feldwebel Dubercke hat für Müller und mich in einem ganz sauberen Haus Quartier gemacht und lädt uns zum Abendessen ein. Als ich meine lehmigen Stiefel mit einiger Mühe von den durch das Wasser geschwollenen Füßen losgemacht und gewaschen habe, ziehe ich warme Schuhe an und gehe in die geräumige Wohnküche. Da glaube ich schon tot-
Herr perske.
(Sim* Weihnachtsgeschichte von Peter Mattheus
Um acht hatte ein Drehorgelmann im Hof „Stille Nacht, heilige Nacht", gespielt, und Mariechen hatte schrecklich geweint. Herr und Frau Menzberg waren zum Wintersport gefahren. Sie war ganz allein. Dann hatte sie in der Küche ihr Bäumchen ange- zündet, gegessen und die Briefe von Zuhause gelesen. Und dann hatte sie wieder geweint.
Es war der erste Heiligabend, den sie nicht bei ihren Leuten in ihrem Heimatstädtchen verlebte. Die saßen jetzt sicher alle in der guten Stube um den Tisch herum und knackten Nüsse — Vater, Mutter und die jüngeren Geschwister. Sie hörte förmlich das Krachen der Schalen und sah die Gesichter vor sich. Ihr Bruder Karl nahm immer die Zähne zu Hilfe. Das Bild wurde so deutlich, daß sie von neuem schluchzen mußte. Schließlich stand sie auf und kühlte sich die Augen mit kaltem Wasser. Und dann ging mit einemmal der Hahn nicht zu. Das heißt: er ging schon zu — aber das Wasser lief trotzdem weiter.
Eine Weile war Marie ratlos. Sie konnte doch das Wasser unmöglich die ganze Nacht laufen lasen. Andererseits war Heiligabend — und es war »alb zehn geworden. Herr Perske, der Hauswart, eierte unten bestimmt Weihnachten. Sollte sie ihn tören? Durfte sie ihn stören?
Die Sache war die, daß Marie ein bißchen Angst vor Herrn Perske hatte. Herr Perske hatte ein rotes Gesicht und einen eisengrauen Schnauzbart und sprach immer so kurz und brummig. Aber das Wasser konnte ja wirklich nicht die ganze Nacht laufen. Es blieb Marie am Ende nichts übrig, als trotz ihrer Angst die Treppe hinunterzulaufen und an ' die Tür der Hauswartwohnung zu klopfen.
Die Tür wurde fast sofort geöffnet. Mit einem ziemlichen Ruck. Es war Herr Perske selber, der den «opf herausstreckte.
„Ach ... bitte", sagte Marie stockend, „der kalte Hahn in der Küche ... er läuft plötzlich. Es tut mir so leid
Sie hatte eigentlich erwartet, daß Herr Perske raunzen würde. Aber Herr Perske raunzte nicht. Er sah eine Sekunde lang in ihr verweintes Gesicht und sagte überraschend freundlich: „Soso? Der kalte Hahn? Na — werden wir gleich haben. Warten Sie mal 'n Augenblick."
Er verschwand. Die Tür ließ er offen. Marie hörte Stimmen aus der Wohnung dringen und vergnügtes Lachen. Dann kam Herr Perske wieder mit dem Werkzeugkasten unterm Arm und stieg mit ihr die Treppe hinauf.
Die Sache mit dem Hahn war eine Kleinigkeit.
«en zu sein und ins Paradies einzutreten, ner sauber gedeckten Tafel steht eine raffinierte Auswahl leckerster kalter Vorgerichte, Kaviar! Ich hatte vergessen, daß es so etwas gibt, Raucheraal, Sardinen, Heringe, dazu ein Schnaps und helles belgisches Bier! Auf meinem Platz lagen außerdem liebe Briefe. Wir sind furchtbar durstig. Ich trinke rasch, schon um keine sentimentale Stimmung aufkommen zu lassen. Heiterste Festlaune ist sofort hergestellt und alles im Handumdrehen ein weng betrunken. Nach zwei Tagen und zwei Näch- ten Grabenkrieg verträgt man nichts. Das Staunen wächst, als es noch einen watmen Braten mit Spargel gibt. In meiner kühnsten Phantasie hätte ich ein solches Menu in Gheluvelt nicht für möglich gehalten. /
Weihnachtstisten und Liebesgaben hatten die Hors d’oeuvres geliefert, den Braten hatte Dubercke vom Bataillonsstab requiriert und das alles mit rührender Sorgfalt, als Ueberraschung für uns vorbereitet. So kam man, ohne es zu merken, über Heimatsgedanken und Sehnsüchte hinweg.
Es ist schon nach 1 Uhr, als Hauptmann Dür- berg eine Ordonnanz herüberschickt. Müller und ich sollen zum Bataillonsquartier kommen. Es liegt in derselben Straße uns schräg gegenüber. Der Hauptmann sitzt mit seinem Adjutanten im Kreise seiner Befehlsemnfänger, Radfahrer, Meldereiter und Burschen. Man trinkt Punsch und ist in aufgeräumter Laune. Müller ist zum Feldwebelleutnant befördert und hat das Eiserne Kreuz bekommen, und ich bin
wirkllich „Leutnant der Landwehr" geworden! Der Abend dauert wohl noch ziemlich lan^e.
Am ersten Feiertag tritt die Kompanie um 11 Uhr zur Weihnachtsfeier an. In einer ausgeräumten Schankwirtschaft ist ein großer Tisch zurechtgemacht. Ein Weihnachtsbaum brennt, und wir fingen wieder „Stille Nacht, heilige Nacht". Jeder Mann kriegt ein Päckchen. Dann muh ich mich beim Reaiments- führer als frischgebackener Leutnant melden. Er liegt ein paar Kilometer von uns, auf einem Bauerngehöft. Dürberg leiht mir sein zweites Pferd, ich habe meine neue Velvetuniform zum erstenmal an, ober noch keine Achselstücke. Zum Glück bin ich als Landjunge auf dem Pferd ganz zu Hause. Nun komme ich mir doch zu Roh recht wichtig vor und trabe in bester Laune neben dem Hauptmann her. Eine neue Phase hat für mich begonnen.
Der Brigabegeneral L i tz m a n n kommt. Ich lerne ihn hier zum erstenmal persönlich kennen. Er bringt für den Adjutanten, den Hauptmann und mich das Eiserne Kreuz Er st er Klasse. Wohl hatte ich schon so etwas munkeln hören, aber immer noch nicht so recht daran geglaubt. Ich hatte von dieser Auszeichnung einen so hohen Begriff, daß der Gedanke, sie zu bekommen, im Verhältnis au dem, was ich leisten konnte, mich förmlich bedrückte. Litzmann steckt uns die Dekoration persönlich an und richtet herzliche und freundliche Worte an mich. Ich muß an die vielen Toten vom 4. Dezember denken und kann nicht ganz froh werden...
(Copyright by Rowohlt Verlag in Berlin.)
und für die Kinder Bonbons. Dazu kam die alte Kuh. Stolz besah sich der Herero Stephanus sein neues Hemd, denn er hatte sich besonders fein an- gezogen heute, zu seiner blauen Hose trug er einen dicken blauen Pullover, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren bei der Temperatur des Abends. Ader das schadete nichts, er hatte nun mal diesen Pullover, und den mußte er zeigen. Neben ihm stehen die Küchenmädchen, Lene und Hereria und die Thusnelda, alle drei tatsächlich frisch aewaschen und appetitlich. Und dann kommen noch Die Vieh- Wächter an, der „Heukopf", „Salomon", „Abfalom", „Shamdock" und „Cognac". Dazu ein halbes Dutzend kleine Nackedeis, nur mit dem Perlenschurz bekleidet. Als letzter humpelte der alte „Saul heran, uralt, mit schneeweißen Haaren und zerfurchtem und ausgemergeltem Gesicht. Sein alter Hut hat ein knallrotes Band, und das ist mit wenigstens 50 Stecknadeln um den Hut gesteckt — die letzte afrikanische Mode! Mit den größten Dankesbezeu- gungen ziehen die Eingeborenen ab.
Lange liegen wir später noch in den Liegestühlen vor dem Haus. Ein strahlender Sternenhimmel ist über uns, und der reiche Duft der Kameldornblüten liegt über der Nacht. Don fern sehen wir vor den Hütten der Eingeborenen die Feuerchen brennen, ihr Lachen schallt herüber und der monotone Gesang der Frauen, der so gut in eine Afrikanacht paßt. Ab und zu hören wir das heisere Bellen der Schakale, das Flügelschlagen und Locken eines Nachtvogels und das Bellen eines Kaffernhundes. Ueber uns leuchtet unser afrikanisches Sternbild, das Kreuz des Südens, das wir Afrikaner alle so lieben. Mit großer Liebe hängen wir an Südwest, das 16 Jahre unsere Heimat war. Aber: heute wieder hier in Deutschland sein zu dürfen, wenn Glocken rufen über ein starkes, neuerftandenes Land — eine schönere Weihnacht gibt es für uns Kolonialdeutsche nicht!
Gbmme der He-mat.
Berlin, 24. Dez. (DRV.) Wie bereits gemeldet, wird die diesjährige Weihnachtsansprache des Stellvertreters des Führers, Rudolf 5) e ß, an die Deutschen in aller Welt heute abend in der Zeit von 20 bis 20.20 Uhr über alle deutschen Sender und über den deutschen Kurzwellenfender gesendet werden. 3n allen Teilen der Welt werden die Deutschen die Botschaft der Heimat hören. < .
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Seitdem es ein im Nationalsozialismus geeintes Deutschland gibt, erleben rund hundert Millionen Deutsche aus der ganzen Welt wiederholt im Lauf des Jahres die großen Stunden gemeinsamer Besinnung durch das technische Mittel des Rundfunks. So ist es am 30. Januar, dem Tag der Machtergreifung, so am 20. April, dem Geburtstag unseres Führers und Reichskanzlers, so am 1. Mai, dem Nationalfeiertag, so erleben wir zusammen mit unseren Brüdern draußen in der Welt die erhebenden Tage des Nürnberger Kongresses im September, bann das Erntedankfest. Am Heiligen Abend aber klingt durch den Aeiher die Stimme des Stellvertreters des Führers, Rudolf Heß. Es ist ein ergreifender Gedanke, daß in dieser Stunde gewissermaßen alle Deutschen in der ganzen Welt in einer frohen, weihnachtlichen Feststimmung zusammenstehen und alle laufrfjen, wie nach einem Redner hin, der auf einem gebirgshohen Turm steht. Es ist das ein Vorgang, den wir hier in der Heimat nicht von unserem geographischen Punkt aus betrachten dürfen. Wir müssen uns in die Seele unserer Brüder und Schwestern draußen in der Welt versetzen, die ja fast alle liebe Verwandte und Freunde hier in der Heimat haben und in Gedanken mit ihnen zusammen^ sind. Sie hören dort in den fernen Ländern, auf der andern Seite der Erde, in riesigen Weltstädten und in kleinsten, entlegensten Siedelungen, in der Steinwüste und im tropischen Urwald plötzlich die Stimme der Heimat aus dem Munoe von Rudolf Heß, der ihnen sagt, daß wir alle auch unsererseits an diesem Abend des schönsten deutschen Festes in herzlicher Verbundenheit der Deutschen auf dem ganzen Erdball gedenken.
matte Licht kam vom Schnee, so schien es, der Schnee wehrte sich gegen das Dunkel, hatte Licht geschluckt den ganzell Tag.
Ein Klingeln scholl, ein Schlitten kam, ein reich verzierter Prunkschlitten, und die Krähe schrie ärgerlich und flog auf, und flog auf den Hang hinaus, einen Steinwurf weit, und äugte zu dem Gefährt hin, das um das Steinhaus bog, den Steinturm, und den Weg weiter nahm in dem grauweißen Abend und hinter einem Hügel bald verschwand. Da Khwang sich der schwatze Vogel wieder auf, strich über den Boden hin, hob sich in langsamer Kurve und landete auf dem Ast wieder, setzte die Krallen in die Spuren, die er gelassen hatte. Die Nackt fiel rasch herein, kein Stern am Himmel, und es schwieg ringsum. Das Schweigen wurde groß und mächtig, lag zwischen Himmel und Erde tonlos summend
Georg Britting.
<?orgen mit dem Christbaum.
V. A. Soll der Christbaum nicht so schnell d i e N a dein verlieren, dann sägt man die Schnittfläche unten am Stamm so schräg wie möglich ab und richtet die Befestigung im Ständer so ein, daß die ganze Schnittfläche im Wasser steht. (Man kann jetzt auch solche Ständer mit Schüssel kaufen.) Zu je ein Liter Wasser, das natürlich immer nachgefüllt werden muß, gibt man zwei Eßlöffel Glyzerin. So hält der Baum lange frisch.
Wenn die Kerzen nicht gut in den Halter passen, schneidet man nicht daran herum, weil das nur Stearinverlust mit sich bringt, sondern halte das Kerzenende so lange in warmes Wasser, bis es.weich geworden ist und nun leicht und ohne Abfall in den Halter gedrückt werden kann.
Stearinkerzen tropfen nicht mehr, wenn man sie eine Stunde in starkes Salzwasser legt und bann unabgespült an der Luft trocknen läßt.
Stearinflecken lassen sich leicht aus Ge- weben ober Teppichen entfernen, wenn man einige Lagen Löschpapier barüber legt und bann mit bem heißen Bügeleisen darauf drückt. Das Löschpapier muß so oft erneuert werden, bis kein Rand von dem Flecken mehr zu sehen ist.
Damit die G a r ö i n e n nicht Feuer fangen, wird bei ihrer Wäsche dem Spülwasser etwas Alaun beigegeben, und zwar für das Spülwasser von einer Gardine zwei Eßlöffel Alaun.
Auch Bindfaden und Papier lassen sich mit Alaun feuersicher machen. Papier für Laternen ober Beleuchtungskörper taucht man mehrmals in eine starke Alaunlösunq. Binbfaden legt man einige Stunden in eine Lösung von gleichen Teilen Alaun und Eichenrinde in Wasser.
Kerzen am Dornbusch.
Weihnachtserinnerungen einer südwestafnkanischen $rau. Von Gertrud Barre-Siegener.
Wenn es auch die heißeste Jahreszeit war, so haben wir Deutschen uns in Südweftafrika doch immer ein Weihnachten geschaffen — und auch das war schön, wenn man es mit Liebe und starkem Willen ausgestaltete und aufbaute. Wir haben Weihnc^chtssachen gebastelt, und wir haben gebacken und unsere Vorbereitungen gemacht: Aber es war alles ganz bescheiden, und wir freuten uns eben deshalb wie die Kinder über die kleinste Kleinigkeit. Wenn wir ein Tannenzweigleiki hatten/vom letzten deutschen Weihnachtspaket und der Duft der deutschen Tanne erfüllte den Raum, dann waren wir überglücklich und zufrieden. Das Thermometer krabbelt um diese Zeit bis auf 42 Grad hinauf, kein Lüftlein regt sich, es ist fast unerträglich heiß. Aber glücklich war ich, wenn alles schön geraten war, um den Weihnachtsgast, einen einsamen Jung- aesellen, der 60 Kilometer von unserer Farm entfernt saß, verwöhnen zu können. Da war das selbst- gebackene Brot, in qinem Erdloch gebacken, Rauchfleisch von einer Antilope, Kuchen aus Maismehl mit einer Füllung aus kapischen Stachelbeeren, als Gemüse Rotkohl, selbstgedörrt und bann wie frischer Kohl zubereitet, was überaus wohlschmeckend ist. Auch Bier gab es — Maisbier — aus Maismehl, Hopfen und Zucker zubereitet; als Aufschnitt fieber» postete von einer Wilbleber unb fiabkäse von Kochkäse. Wie herrlich war es bann für uns Frauen, wenn es bem lieben Gast schmeckte (und solch einsamer Junggeselle kann etwas vertragen), und mit welcher Freude sahen wir dem Weihnachtsfest entgegen, wenn alles blinkte und blitzte und alle Vorbereitungen getroffen waren.
Schon den ganzen Tag lag eine Gluthitze über dem Lande, und der feine, süße Duft der blühenden Kamelbornbäume durchzog die Luft. Im Schatten der großen Bäume lagen einige unserer Angoraziegen unb warteten auf die Abkühlung des Abends, um bann in bie Weide zu gehen. Eine alte, uralte Kuh mußte heute ihr Leben lassen. Zwölf Eingeborene würden mit ihren Frauen unb Kinbern sie heute nacht restlos verspeisen. Dafür wird ihr Gang morgen noch langsamer sein als üblich, denn eine/ ganze Kuh mit „Stumpf und Stiel" im Magen ist keine Kleinigkeit! Heute aber rennt und lacht alles, heute ist man unendlich höflich, morgen ist alles schon wieder vergessen.
Irn Zimmer steht ein Dornbusch, geschmückt mit Kerzen und Lametta, 4 bis 8 Zentimeter lange, pitze, weiße Dornen heben sich ab von den grünen, chmalen Blättchen. Geheimnisvoll sind die Ge- chenke zugedeckt, und unser Freund, ein Farmer van 42 Jahren, versucht immer noch mal unter bie Serviette zu schauen, um etwas zu sehen vdn den Herrlichkeiten, bie darunter liegen. Er freut sich wie ein Kind auf bie Bescherung. Ach — unb was ist es wohl, was ba auf bem Tisch'als Gabe liegt? Aus Stoffresten habe ich hübsche Schlipse gemacht, aus gewaschenen Zuckersäcken zwei feine Farmerhüte, aus Schilbkrötenschalen selbstgebaftelte Aschenbecher unb bie bunten Teller mit Kleingebäck und Nüssen.
Es ist am Spätnachmittag, an der Veranda'gehen zwei Kaffernweiber vorbei, bie „Thusnelda" unb „Iakobine", auf ben Köpfen tragen sie große Wasserbehälter für die eigene unumgänglich notwendige Generalreinigung zum Weihnachtsfest.
Beide schreien wie auf Kommando: „Morro Missis, Morro Mister" (guten Morgen). Morgen aber haben sie es mit dem Grüßen nicht so eilig, aber heute — heute gibt es „Präsente" (Geschenke)! Heute lohnt es schon! Mein Mann und unser Freund rauchen eine Weihnachtszigarre. Moskiten summen, das Thermometer steht auf 41 Grad, es ist 7 Uhr abends, kein Lüftchen regt sich.
Unb nun brennen bie Kerzen, der Duft eines dürren Tannenzweigleins macht das Zimmer weihnachtlich unb heimatlich, unb jeder ist beglückt beim Lichterglanz, unb eines jeben Gedanken wandern heim in die deutsche Heimat, wo bie Weihnachtsglocken über bas verschneite ßanb klingen.
Vor der Tür hustet es verbächtig. Die Eingeborenen machen sich bemerkbar, ich mache Tür und Fenster auf, damit auch sie den Baum unb die Lichter sehen können, unb wir singen gemeinsam unser schönes, altes Weihnachtslied: „O bu fröhliche, o bu selige, gnabenbringenbe Weihnachtszeit".' Die Eingeborenen fingen kräftig mit, zwei-, dreistimmig, denn sie sind fabelhaft musikalisch, aber bie Worte fingen sie in ihrer Eingeborenensprache. Dann wird es ganz sttll, erwartungsvoll gehen die schwarzen Augen hin und her, als wir ihnen die Geschenke geben. Da sind bunte Kopftücher und Kleiderstoffe für die Frauen, Jacken, Hosen, abgelegtes Schuh- werk für bie Männer, dann Tabak, Zucker, Pfeifen
Dauerte keine fünf Minuten. Nur eine neue Scheibe war nötig. Als der Schaden behoben war, packte Herr Perske, der kein Wort weiter gesprochen hatte, seine Zangen und Schraubenzieher wieder ein und drehte sich plötzlich zu Marie um.
„Worum haben« Sie gemeint?" fragte er geradezu. \ /
„Ich — och — ich habe doch nicht gemeint", stammelte Marie. Und babsi kullerten ihr schon wieder Tränen über die Wangen.
„Dummes Ding!" sagte Herr Perske grimmig. Aber es klang nicht sehr böse. „Sitzt am Heiligabend mutterseelenallein hier oben unb heult! Wissen wohl nicht, wo Perskes wohnen, wie? So — jetzt kommen Sie mit!"
Marie starrte ihn fassungslos an.
„Jetzt kommen Sie mit", wiederholte Herr Perske, „zu uns! Nach unten! Los!"
„Aber — bie Wohnung ..." sagte Marie.
„Die Wohnung!" sagte Herr Perske. „Die Wohnung! Sie schließen bie Wohnung ab, unb ich schließe bas Haus ab. Basta!"
So kam es, daß Marie zusammen mit Herrn Perske bie Treppe auch wieder hinunterging.
In der Wohnstube unten war großer Besuch. Dor dem Weihnachtsbaum mit Öen brennenden Kerzen saßen Möhlmanns von der Wäscherei, gegenüber und das Hauswartehepaar von nebenan. Alles gute Bekannte von Marie. Sie verlor rasch ihre Befangenheit. Frau Perske drückte ihr ein Glas Punsch in die Hand, unb der junge Perske, der in Hamburg auf einer Werft arbeitete unb zu ben Feiertagen herübergekommen war, brachte ihr ein Stück Apfeltorte. Der Punsch war heiß unb süß.
Dann sagte ber alte Perske „Prosit!" So laut unb kräftig, baß Marie sich vor Schreck verschluckte unb husten mußte.
Der junge Perske klopfte ihr hilfsbereit ben Rücken.
Balb buchte Marie gar nicht mehr an die stille Wohnung oben unb an Herrn unb Frau Menzberg, bie zum Wintersport waren. Alle waren so nett zu ihr, daß sie sich vollkommen heimisch fühlte. Nicht die Spur mehr einsam. Der rundliche Herr Möhlmann, ber immer voller Schnurren steckte, brachte bie ganze" Gesellschaft bauernb zum Lachen. Unb einmal fanb Marie plötzlich ein dick überzuckertes Honigkuchenherz auf ihrem Teller, ohne baß sie wußte, wie es bahin gekommen war. Als sie sich forschenb im Kreise umsah, guckte ber junge Perske geflissentlich weg. Und Herr Möhlmann kicherte, baß er ganz rot anlief.
Es war beinahe zwölf, als Marie endlich bie Treppe emporftieg, um schlafen zu gehen. Währenb sie bie Tür aufschloß, tönte aus ber Nachbarwohnung gedämpfte Musik: O du fröhliche, o du selige.
Es half nichts — Mariechen mußte wieder meinen. Aber diesmal war es eigentlich nicht Kummer.
Perskes übrige Gäste waren auch gegangen. Nur Vater und Sohn sahen sich unten noch gegenüber unb tranken ben Rest bes Punsches aus.
„Die Marie", sagte Perske Vater, „bje ist ein braves Mäbel. Unsereiner hat bock einen Blick ba» für. Seit einem Halden Jahr ist sie nun schon bei Menzdergs. Da gibts fein Runterrennen abends auf die Straße — unb kein Sichrumdrücken im Hausflur. Ein kreuzbraves Mädel ist bas."
„Hm", machte ber Sahn.
„Wie lange hast bu eigentlich Urlaub?" fragte ber Alte nach einer Weile.
„Zehn Tage", sagte Perske Sohn nachdenklich. „Silvester ist ja zwar noch drin. Aber trotzdem ist es eine kurze Zeit." '
„Kurze Zeit?" knurrte der Alte. „Kurze Zeit? Wieso? Versteh ich nicht! Als ich jung war, waren zehn Tage eine reichlich lange Zeit."
Nach diesem dunklen Ausspruch stand ber Alte auf, leerte fein Glas unb schmunzelte.
„Gute Nacht", sagte er, „unb sieh zu, baß bu Murr in bie Knochen kriegst."
„Jawohl, Vater!", sagte ber Sohn gehorsam unb schmunzelte auch.
K ähe, Schnee ir d SHfeno’T.
Der Fichtenast hing tief herab, schwer unb rund vom Schnee gebauscht. Man sah, wenn man biefen Weg baherkam, nur biefen einen mächtigen Ast, ber sich neben einem niederen Steinturm vorbog, unb er sgh aus wie ein riesiger Pferdeschwanz, wie ber Schwanz eines Fabeltiers, bas man sich oorstellen kannte, wie es auf riesigen Hinterbeinen stanb, hinter bem Steinturm, bie Dorberhuse in ber Luft, ben mächtigen Hals gebogen unb Dampf aus ben Nüstern stoßend, bereit, in ben hellgrauen Himmel aufzufahren, über Wälder hinweg unb Felsen, zu ben Tieren empor, zu Drachen unb । Wolken. Aber es mar kein Pferdeschmanz, es war ! ein Fichtenast nur, beim eine Krähe ließ sich jetzt ; barauf nieber, bas schwarze Tier, und ba schwankte ; ber Ast leise, unb silberner Schnee bröselte ab von I den Nadeln, bann trat wieder Ruhe ein, ruhig Ast unb Vogel unb schweigsam der steinerne Turm, ein verlassenes Postenhaus, ein ehemaliger Wacht- j türm vielleicht ober so etwas. Und ber Weg lief roiter unb hinauf unb um bas Steinhaus herum, Iba stand die große Fichte, und kein Riesenschimmel 1 roar zu sehen, und bas einzige Tier nur bie Krähe, die den Weg bewachte. Der Himmel war abendlich (grau unb bie Dämmerung lauerte schon, ben Tag «zu überfallen, die Sonne war nicht zu sehen, das


