Kulturell hochstehende Darbietungen für alle Volksgenossen.
Reichhaltiges Winterprogramm 1937/38 des Amtes „Feierabend^.
NSG. Die planmäßige uni) zielbewußte Gestaltung des Feierabends ist eine der wichtigsten Aufgaben der NS.-Gemeinschast „Kraft durch Freude". Haben wir im ersten Jahr bewußt B r e i t e n a r - beit betrieben, um alle noch fernstehenden Volksgenossen zu erfassen, so gehen wir jetzt daran, kulturell hochstehende Programme an unsere Volksgenossen heranzutragen. Aber nicht nur für die großen Städte unseres Gaues allein wollen wir diese Veranstaltungen bringen, sondern gerade auch in kleineren Städten und Orten sollen sie durchgeführt werden.
Das Programm für das Winterhalbjahr 1937/38 ist festgelegt. Es wechseln Konzert- und Solistenabende mit Tanzgastspielen, Gastspielen bekannter Truppen, sowie Theater- und Spielgemeinschaften. Daneben haben wir Wanderbühnen eingesetzt, die unser gesamtes Gaugebiet mit guter Theaterkunst erfreuen. Aber nicht nur die Kleinkunst soll bei uns ihren Platz finden, auch Fröhlichkeit und Heiterkeit werden im Rahmen des Programms der NS.-Ge- meinschaft „Kraft durch Freude" nicht vergessen. Kleinkunst und Variets in ihrer besten Form gehören mit zum Winterprogramm des Amtes „Feierabend" 1937/38.
Ueberall sind die Kulturwilligen zusammengefaßt worden in Besuchergemeinschaften, Kulturringen und Theatergemeinschaften. Die Voraussetzungen sind gegeben, daß auch an kleinen Plätzen wertvolle und erzieherische Veranstaltungen durchgeführt werden. Zwischen 0,50 RM. und 1,00 RM. bewegen sich die Beiträge dieser Besuchergemeinschaften, die es jedem möglich machen, an diesen Darbietungen und Abenden teilzunehmen.
Für die Bespielung der theaterlosen Städte und Gemeinschaften wurden drei Wanderbühnen verpflichtet, deren bedeutendste das Frankfurter Künstlertheater Rhein-Main ist. Sein Spielplan sieht u. a. vor: „Don Carlos", Drama von Schiller: das Schauspiel von Gobsch „Herr Darnhusen liquidiert", das bekannte Lustspiel von Bunje „Der Etappenhase", Calderons Komödie „Dame Kobold", „Frischer Wind aus Kanada", das bekannte Volksstück „Holzappel", ,Elga" von Gerhart Hauptmann und das Volkstück von Hinrich „Petermann fährt nach Madeira". In etwa 200 Vorstellungen bringen diese Theater gute Kunst. Zu einer Reihe von Gastspielreisen wurden weiterhin das Darmstädter Volkstheater und die Oberbayerische Heimatbühne verpflichtet.
Zu den bedeutendsten musikalischen Ereignissen gehört das erstmalige Gastspiel des RS.-Reichs-Sinfonieorchesters in der Zeit vom 12. bis 19. November. Weiterhin unternimmt das neugegründete Landesorchester Rhein-Main Gastspielreisen in alle größeren Städte unseres Gaues. Dazu kommen noch Konzertveranstaltungen von Orchestern der Wehrmacht und des Arbeitsdienstes. Um der Kammermusik einen breiten Boden zu verschaffen, veranstaltet das Frankfurter Lenzewsti-Quartett unter den Titeln „Alte Meister" und „Schubert- Abend" unterhaltsame Kammermusik. Bekannte Künstler, wie Helge Roswaenge, Professor Alfred Hoehn, Professor Joh. Willy und die bekannten Gesangs- und Jnstrumentalsolisten unserer Bühnen und Orchester, wurden zu Konzertabenden verpflichtet. Ein großes Ballett bringt im Dezember auf seinen Gastspielreisen „Die Puppenfee" und Szenen aus der Nußknackersuite von Tschaikowsky.
Die Ballette des Deutschen Theaters in Wiesbaden und des Hessischen Landestheaters in Darmstadt wurden gleichfalls für Abende innerhalb der NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude" verpflichtet. Von dem Marionetten-Theater nennen wir das Dortmunder, das auf der Weltausstellung längere Zeit gastierte und großen Erfolg hatte.
Schon in früheren Jahren waren die großen Dariets-Deranstaltungen, die unter dem Namen „Lache mit uns" liefen, immer ein großer Erfolg für die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude". Wir haben wieder namhafte deutsche Artisten verpflichtet, die ihre Kunst zeigen, so u. a. „Die fünf Schwestern Ahrens", die Elsy's komische Jongleure, Rudolf Klaus, der Paganini auf dem Akkordeon, das Tanzpaar Hil van Delft/Ralf Bours. Auch das Meister-Sextett kommt wieder in unseren Gau. Dazu kommen noch bekannte Kleinkunst- Bühnen.
Den Dörfern widmen wir uns auch mit ländlichem Brauch, und der dörfliche Feierabend wird so bunt und abwechslungsreich als möglich gestaltet. In den Betrieben bringen Wertkunst- Ausstellungen die Werke bildender Künstler zum Verkauf und den Volksgenossen damit näher. Für die Autobahn- und Aufbaulager sind Vorträge und Bunte Abende vorgesehen.
Das Programm, das für den Winter 1937/38 auf gestellt wurde, verspricht überall großen Erfolg.
Aus der Stadt Gießen.
©er b aue Ball.
Als ich heute morgen an das Fenster meines Arbeitszimmers trat, entdeckte ich inmitten der Geranientöpfe auf dem Fenstersims etwas Buntes, Glänzendes. Neugierig öffnete. ich die Flügel und — fand einen Ball, einen leuchtend blauen Gummiball mit aufgemalten Blumenmustern. Verwundert fingerte ich die farbenprächtige Kugel zwischen den Töpfen hervor. Wie nur mochte sie zwischen die Geranien gekommen sein? Die Fenster liegen doch sehr hoch über dem Platz! Und hatte denn das kleine Mädchen, dem dieser lustig bemalte Ball gehören mußte, nichts von seinem Verlust gemerkt? Sicher hatte es Hängezöpfe und eine hellblaue Haarschleife und trauerte jetzt seinem Spielzeug nach.
Gedankenvoll legte ich den Gummiball auf meinen Schreibtisch und begann zu arbeiten. Nach einer kleinen Weile kam meine Frau herein, ein Staubtuch in der Hand. Es ist immer wieder verblüffend, wie rasch Frauen Entdeckungen machen. Sie hatte noch nicht die Klinke losgelassen, als sie schon rief: „Woher kommt dieser reizende Ball dort?"
Ich erzählte ihr den Sachverhalt. Langsam drehte mein« Frau die buntlackierte Kugel in der Hand, und ein nachdenkliches Lächeln huschte dabei über ihr Gesicht. „Weißt du", meinte sie schließlich, „als Kind habe ich leidenschaftlich gern Ball gespielt. Ob ich es wohl noch kann?" Und damit fing sie an, den blauen Ball gegen die Zimmertür zu werfen und wieder aufzufangen, geradeso wie man es bei den kleinen Mädchen mit den Hängezöpfen sehen kann.
Erst wollte ich meine Frau auslachen, aber dann fand ich, daß sie ganz reizend aussah, wie sie da so andächtig mit dem Kinderball hantierte. Auf meine Bemerkung, daß man so ausgesprochen leichte Spiele wohl niemals verlernen könne, geriet sie in Feuer. „Ihr Jungens" — sie sagt« wahrhaftig: Ihr Jungens! — „denkt immer, Ballfangen sei keine Kunst. Na, mein Lieber, dann mach mal dies nach!" Und sie warf den Ball an die Wand, klatschte dreimal in die Hände, fing den Ball wieder auf, warf ihn über die Schulter, ließ ihn vom Rücken ihrer gefalteten Hände und dann vom Unterarm abspringen, daß es nur so eine Art hatte.
Ich erinnerte mich dunkel, so etwas schon als Junge bei den Mädchen gesehen zu haben. Aber damals hatte ich wohl nur mal verächtlich hingeblinzelt. Erst jetzt, als Mann, lernte ich bewundernd erkennen, was für eine verzwickte und systemvoll aufgebaute Sache so ein Fangspiel ist. Meine Frau führte es mit Grazie vor, die Jugenderinnerungen hatten sie überwältigt, sie ließ den Ball unter den unglaublichsten Komplikationen hin und wider prallen, hüpfte und zählte atemlos: „Eine, zweie, dreie, viere..." Wenn man nur ein bißchen Phantasie hatte, sah man direkt die himmelblaue Haarschleife über ihrem Scheitel wippen.
„Ihr Mädels" — ich sagte tatsächlich: Ihr Mädels! — „versteht dafür nichts von Fußball!" Und ich entriß ihr die Gummikugel und ließ sie vom Spann meines vorgeschnellten Schuhes kräftig gegen die Zimmerdecke knallen. Auch ich kam dabei bald außer Atem, und so konnte mir meine Zuschauerin den Ball wieder wegschnappen und ein neues, noch komplizierteres Fangspiel beginnen. Plötzlich öffnete sich die Tür und das erstaunte Gesicht des Hausmädchens tauchte auf. Mit offenem Munde starrte sie auf unseren Rückfall ins Kindliche. Aber meine Frau lachte nur und rief: „Kommen Sie rein, Ella, wollen Sie ein bißchen mitspielen?"
Auch Ella ist einmal ein kleines Mädchen mit Zöpfen gewesen. So sah ich mich schließlich genötigt, die beiden Frauen auf die Diele zu verweisen, um Ruhe im Arbeitszimmer zu haben. Im Augenblick klingt das „Eine, zweie..vernehmlich in mein Schreibmaschinengeklapper hinein. Wie nur soll heute das Mittagessen pünktlich fertig werden? Ich glaube, ich werde den blauen Ball heute Nacht heimlich wieder zum Fenster hinauswerfen ...
H. B. v. M.
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: 20 bis 23 Uhr Eröffnungsfeier: „Maß für Maß". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Unternehmen Michael". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Fremdenheim Filoda".
heute Beginn der Winterspietzeit im Stadttheater.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute um 20 Uhr findet die Eröffnungs
feier der Winterspielzeit 1937/38 mit einer Ansprache des Intendanten Schultze-Griesheim und mit der Ehrung unseres verehrten Mitbürgers Geheimrat Professor Dr. Fromme, der an der Gründung unseres Theaters entscheidenden Anteil hatte, statt. Der Theaterchor bringt unter Leitung des Chordirektors Heinz M a r k w a r d t zwei Chöre von Mozart und Haßler, hierauf folgt in Anwesenheit des Uebersetzers Walter I o st e n die festliche Aufführung von Shakespeares Tragi-Komödie „Maß für Maß". Die neue Shakespeare-Ueberset- zung wird auf unserer Bühne ihre Uraufführung erleben. Die Spielleitung hat Hermann Schultze- Griesheim. Gleichzeitig wird die diesjährige 1. Ausstellung der Oberhessischen Künstler (Maler und Graphiker) eröffnet. Die Vorstellung findet als 1. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Ende 22 Uhr.
BOM.-ttntergau 116.
Behr. Schulung der BDM.- und J7N.-Gruppenspork- warlinnen.
Antreten zum 25-Kilometer-Wandern für das Leistungsabzeichen am 25. September, um 19.45 Uhr am Ludwigsplatz. Die Schwimmschulung am Samstagabend fällt aus. Antreten am Sonntag, 26. September, um 8.30 Uhr, an der Untergau- dienststelle, Neuen Baue 22.
Befr. Freiwillige Spotfbienff gruppe Rollschuhlauf.
Alle IM., die sich schon schriftlich gemeldet haben ober noch melden wollen, treten am Samstag, 25. September, um 18 Uhr, mit Rollschuhen, soweit vorhanden, am Eishäuschen in der Schlageter- anlage an. Die Untergausportwartin.
Alle BDM.- und JM.-Gruppensportwartinnen des Untergaues 116 treten um 19.45 Uhr am Dolks- bad zur Kurzschulung an. Sonntag, um 9 Uhr morgens, Fortsetzung der Schulung auf der Dienststelle der Untergaues.
©:e Volkshatte als Weinlandschast.
Die NS. - G. „Kraft durch Freude" veranstaltet am morgigen Samstag und am Sonntag wiederum das im Laufe der vergangenen Jahre sckon recht populär gewordene Winzerfest. Wenngleich das „Fest der Traube und des deutschen Weines" verlegt worden ist, so hat man sich doch entschlossen, das Winzerfest jetzt schon abzuhalten, weil es um die jetzige Jahreszeit in der Volkshalle doch noch etwas gemütlicher ist, als vielleicht in kalten Tagen des November. Die Vorbereitungen für das Winzerfest sind gegenwärtig im vollsten Gange. Dekorateure sind mit viel Material und viel Geschick bei der Arbeit, die Volkshalle in eine Weinlandschaft zu verwandeln. Es hat auch allen Anschein, daß es ihnen glückt. Die Deckenkonstruktion ist bereits den Blicken entzogen, und zwar durch lebhaft gelbe und rote Papierbänder, die dicht nebeneinander die Volkshalle in ihrer ganzen Breite überspannen. Inmitten des Saales ist das Musikpodium aufgerichtet und besonders originell ge- stattet. An den Ecken des Podiums sind Maste auf- gerichtet, an denen mit vielen Bändern geschmückte Kränze hängen. Die ganze Galerie hat eine grüne Verkleidung bekommen und wurde außerdem mit schmissig gezeichneten Rheinlandschaften geschmückt. Die Seitengänge haben eine Spalierdekoration erhalten. Außerdem ebenso die Bühne, die eine besondere Ausgestaltung erfahren hat. Die ganze
HöWWiW!
Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz:
Arthur Moewig, Romanverttieb, Berlin SW 68.
24 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
„Wie Sie das nun wieder sagen!" ließ Gloria sich dann vernehmen. „Wenn ich Sie doch jetzt sehen könnte!"
Annelore trat vom Bett zurück.
„Jetzt muß ich aber wirklich gehen."
„Werden Sie bald mal wiederkommen? Bitte, Sie müssen recht oft zu mir kommen, ja?"
„Ich bin sehr in Anspruch genommen."
„Es wird sich doch einrichten lassen. Bitte, ja?"
„Wir müssen die Vorschriften beachten, Frau Konsul. Sie müssen Geduld haben. Erzwingen läßt sich nichts."
Ungewohnt laut und hart klangen Annelores Schritte, als sie das Zimmer wieder verließ. Wie erlöst atmete sie auf.
Was wollte die Frau von ihr? Es stand fest, daß sie etwas wollte. War es Mißtrauen? Glaubte sie in der Assistentin Stefan von Achenbachs eine Gefahr zu wittern?
Ach, Stefan von Achenbach dachte nicht an Annelore Hildach! Er würde in Zukunft noch weniger an sie denken!
Der Konsul stand auf dem Korridor. Er wollte vor dem Essen noch einen Spaziergang durch den Park machen und hatte Annelore aus Glorias Zimmer kommen sehen.
„Sie waren bei meiner Frau, Fräulein Hildach?" forschte er. „Wie geht eg ihr?"
„Den Umständen entsprechend, Herr Konsul. Sie scheint nur etwas nervös und ungeduldig zu sein."
„Ja, sie ist sehr aufgeregt. Sie hat mich heute schon abweisen lassen. Ich mache mir Sorge."
Annelores Blick war von Mitleid erfüllt. Armer Mann! Sie fühlte sich ihm irgendwie verbunden. Gemeinsames Schicksal!
Der Konsul deutete ihren mitleidigen Blick auf feine Weise.
„Nun, die längste Zeit hat es ja gedauert. Man
muß Geduld haben. Es wird ja bald anders werden."
Sie zwang sich zu einem Lächeln, das er nicht verstand, und nickte ihm zu. Ja, es würde bald anders werden ...! Alles würde anders werden... Mit den Schritten einer Nachtwandlerin ging sie davon.
Lautlos fielen die weißen Flocken durch den blau- silbern schimmernden Abend herab. Dichter und dichter wurde das kristallene Weiß, das den weiten Schloßhof bedeckte. Matt leuchteten in der Ferne ein paar Lichter am Berghang.
Stefan stand unter dem langgestreckten, verwitterten Säulengang, der die beiden alten Altane miteinander verband, und sah in den lautlos rieselnden Flockenfall hinaus. Er wollte eben wieder in das Schloß zurückkehren, als er eine männliche Gestalt gewahrte, die vorsichtig, aber doch mit unverkennbarer Hast an der Parkseite des Hofes auf das Schloß zuging.
Verwundert und mit plötzlich erwachtem Miß- trauen wandte er sich zur Seite. Da sah er, daß am äußersten Ende des Schlosses zwei Fenster erleuchtet waren. Matt zeichneten sich die beiden hohen Llchtstteifen in dem weißen Flockenwirbel ab.
Der Gartensaal...? Wer hatte um diese Zeit dort etwas zu suchen? Und was vor allen Dingen hatte der Mann dort zu suchen?
Mit raschen, lautlosen Schritten ging Stefan dem rechten Ende des Säulenganges zu und verbarg sich hinter einer der beiden letzten Säulen.
Die Gestalt trat auf eins der erleuchteten Fenster zu, richtete sich auf und schien das Gesicht dicht an bie Scheiben zu pressen. Stefan konnte sie bei dem ungewissen Licht und dem dichten Flockengeriesel nicht erkennen.
Plötzlich trat sie wieder vom Fenster zurück und verschwand um die Ecke, wo die Terrasse und der Eingang zum Gartensaal lagen.
Stefan trat hinter der Säule hervor. Mit raschen Schritten ging er an der Rückfront entlang bis zum ersten seittichen Fenster des Gartensaales. Die Scheiben waren vereist,' er konnte nichts sehen. Aber aus dem letzten Fenster fiel jetzt die Andeutung eines Schattens in den matten Lichtstreifen.
Ein paar Schritte, bann stand Stefan vor dem Fenster. Er sah den Schatten jetzt etwas deutlicher.
Wie eine auf die gefrorene Scheibe projizierte Silhouette.
Es war der Schatten einer weiblichen Gestalt. Aber nur ein Rückenschnitt, nur der Rücken, die Schultern, der Hinterkopf. Der Fensterrahmen verbarg den übrigen Teil der Gestalt.
Jetzt bewegte sich der Schatten, der Kopf wurde deutlicher. Klar zeichnete sich das Profil für einen Augenblick auf der Scheibe ab.
Annelore Hildach...! wußte Stefan sogleich. Er dachte es mit einem merkwürdig stumpfen Empfinden.
Es kam niemand sonst in Frage. Fräulein von Birkhammer? Ausgeschlossen! Also Annelore Hildach ...!
Sie schien die Hand zu heben. Die Bewegung des Oberarmes deutete darauf hin. Und jetzt hörte Stefan auch Stimmen. Undeutlich nur, aber eine männliche Stimme war dabei, das stand außer Zweifel.
Es war in der Tat Annelore. Wolfgang von Achenbach war noch nicht dazu gekommen, ihr den Gartensaal zu zeigen. Der Aufenthalt dort war ja jetzt auch nicht sehr angenehm, und außer den alten Gobelins war auch nicht viel zu sehen. Im Sommer, ja, wenn der Park in Blüte stand, wenn die weiche, duftschwere Abendluft die Terrasse heraufwellte...! Aber man war heute abend zufällig auf die gewirkten Gemälde im Empfangszimmer zu sprechen gekommen, und da hatte Wolfgang von Achenbach sich entschlossen, Annelore auch den Gartensaal zu zeigen. Tagsüber blieb ja ohnehin keine Zeit dazu.
Der Gartensaal war von gewirkten Gemälden ringsum bekleidet. In wunderbarer Farbenfrische waren die Gobelins erhalten, die aus der von August dem Starken in Warschau gegründeten Manufaktur stammten. Einige andere, besonders wertvolle, deren Farben etwas gedämpfter waren, hatten ihre Herkunft in Brüssel. Bemerkenswert war auch das gewirkte Bild des letzten in den zu Schloß Achenbach gehörigen Wäldern geschossenen Wolfes.
„Es ist ungemütlich kalt hier", sagte Wolfgang v. Achenbach. „Da wir nun einmal unterwegs sind, will ich Ihnen noch die G.rnäldegalerie zeigen, dann sehen wir zu, daß wir wieder ins Warme kommen."
Dolkshalle ist zu einem einzigen Meer von lichten Herbstfarben geworden und wartet nun darauf, von einem Leben erfüllt zu sein, wie man es bei allen bisherigen Winzerfesten zu sehen gewohnt war.
Entrümpeln, aber nicht zerstören!
Dom Kreisamt Gießen wird uns geschrien ben: Nochmals wird hierdurch an die gesamte Bevölkerung des Kreises der Appell gerichtet, die Entrümpelung gewissenhaft durchzuführen und die Dachböden von allen unnützen, leicht entzündbaren Gegenständen zu befreien. Anderseits muß jedoch davor gewarnt werden, aus gut gemeintem Eifer über das Ziel hinauszuschießen. Auf manchen Böden, vor allem denjenigen ländlicher Haushalte, finden sich die verschiedensten alten Schriftstücke, solche aus Familienbesitz oder andere, die über einzelne Zeitabschnitte der Geschichte der Gemeinde Aufschluß geben. Ob sie über die Familien- oder Dorfgeschichte unterrichten, ob es sich um alte Steuer^ und Gerichtsbücher handelt, um alte Handschriften, Verträge oder sonstige Urkunden, sie dürfen keines'- falls entrümpelt werden, d. h. der Vernichtung anheimfallen, da sie vielfach geeignet sind, dem Kundigen Aufschluß über ein Ereignis zu geben ober eine Lücke in dem Wissen um geschichtliche Daten des Gemeinwesens zu schließen. Entsprechendes
ÄC/^Unfet Rugtnmerh in 6ec fomlfie EJI tiditei sich nur „mutter und fiinö*.
ROolf fiiUec.
gilt für Altertümer des Gewerbefleißes ober Hausrats. Solche Dinge werben zweckmäßig dem Bürgermeister zu treuen Hänben überlassen, ber im Benehmen mit Sachkundigen über ihre weitere Verwertung und Verwenduna bestimmt. Entrümpeln aber nicht zerstören — diese Forderung muß jedem ins Bewußtsein gerufen werden, der sich nun daran macht, aus einer Rumpelkammer einen vorbildlich aufgeräumten Boden zu machen!
*
** 75 Jahre alt. Am vorgestrigen Mittwoch, 22. September, beging Frau Magdalene Spoer- h a f e, Steinstraße 39 wohnhaft, ihren 75. Geburtstag.
** Silberne Hochzeit. Am morgigen Samstag, 25. September, kann das Ehepaar Kaufmann Ludwig G r a v e l i u s , Moltkestraße 28, das Fest der silbernen Hochzeit begehen. Herr G r a v e l i u s ist neben feinem Beruf besonders durch sein Wirken an leitender Stelle des Reichsbundes ehemaliger Kriegsgefangener in weiteren Kreisen bekanntgeworden.
** Mieterjubiläum. Im 1. Oktober kann der Schneider Ludwig H o r m a n n auf eine 30jäh- rige Wohnzeit in dem Hause Steinstraße 39 zurückblicken. Dieses Mieterjubiläum ist für den Mieter sowohl wie für den Hauseigentümer in gleicher Weise ehrend.
** Seltene Naturbeobachtung. Den Benutzern des Personenzugs Lollar ab 13.55 Uhr nach Gießen bot sich am gestrigen Donnerstag im Gelände zwischen der Badenburg und dem Gießener Neuen Friedhof ein seltenes Naturschauspiel. Auf den Wiesen östlich der Main-Weserbahn, ganz nahe an dem Eisenbahndamm, gingen fünf Kraniche der Nahrungssuche nach. Die Gäste aus dem Norden, die auf der Reise nach dem warmen Süden begriffen sind, haben sich gegen vergangene Jahre um mehr als zwei Wochen früher eingestellt. Gewöhnlich treffen die ersten Kranich- und Schneeganszüge erst in der Zeit zwischen 5. und 10. Oktober in unterer Gegend ein. Der alten Bauernregel nach soll einem frühen Zug noch Süden ein kalter Winter folgen.
** Dorn Ortsverein Freundinnen junger Mädchen. Arn Mittwoch fand im Saale ber Krippe bie befonbers von auswärts gut besuchte Jahresversammlung des Ortsvereins Freundinnen junger Mädchen statt. Der Jahresbericht aab Aufschluß über die geleistete örtliche Arbeit. Der deutsche Verband der Freundinnen junger Mädchen mit seinem Zweig in Hessen blickt auf ein 60jäh- riges Bestehen zurück. Dieses Jubiläum wurde bet eine Vertreterversammlung im letzten Sommer in Dresden feierlich begangen. Ein Bericht über diese Tagung ließ die hiesigen Mitglieder teilhaben an ben festlichen Tagen. Durch seine vielseitigen gemeinnützigen Arbeitsgebiete ist der Verband berufen, auch zu seinem bescheidenen Teil an dem großen Aufbauwerk unseres Führers und Vaterlandes mitzuwirken.
Stefan sah, daß im Gartensaal plötzlich das Licht erlosch. Er spürte eine unbegreifliche Benommenheit im Kops. Was ging es ihn an, was Annelore Hildach trieb! Was ging es ihn an, mit wem feine Assistentin sich hier ein Stelldichein ober sonstwas gab!
Aber doch — wissen mußte er, wer der Mann war! Denn Schloß Achenbach war schließlich kein beliebiger Boden, auf dem sich all und jeder tummeln konnte.
Eine scharfe Wendung nach links. Er eilte um die Ecke — und wäre beinahe mit dem Manne, ben er suchte, zusammengeprallt.
Eine Sekunde standen sie sich stumm gegenüber. Der Mann schien heftig erschrocken, faßte sich aber sofort wieder. Verlegen und unterwürfig verbeugter sich.
„Derzechung, Herr von Achenbach ..."
Stefan war aufs höchste überrascht. Das hatte er denn doch nicht erwartet ...!
„Ah — Herr Wolfersdorfs ... I" rang er sich ab.
Jetzt hatte Wolfersdoff feine voll« Sicherheit wieder.
„Eine eigenartige Situation, Herr von Achenbach, nicht wahr? Aber ich sah von weitem Licht im Gartensaal. Und so merkwürdige Schatten. Das erschien mir natürlich verdächtig, denn der Gartensaal wird doch jetzt im Winter nicht benutzt und Reinigungsarbeiten zu so später Stunde kommen doch auch nicht in Frage. Ich hielt es daher für meine Pflicht, mal nach dem Rechten zu sehen. War doch selbstverständlich."
„Und Sie haben gefunden, was Sie suchten, nicht wahr?"
Ein fühlbares Zögern.
„Wie darf ich das verstehen, Herr von Achenbach?"
„Spreche ich denn in Rätseln?"
Ein unsicheres Lächeln, das von dem Flockengeriesel noch mehr verwischt wurde, zog um Wol- fersdorfss Lippen.
„Ja, Herr von Achenbach — ich weiß wirklich nicht..."
„Was Sie denken sollen? Ich vielleicht auch nicht, mein Lieber!"
Damit wandte Stefan sich und ließ den Verdutzten stehen. '
Fortsetzung folgt


