Er. 248 Viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 23. Oktober 1037
Vom Rekruten zum geschulten Soldaten.
Eine Lahresschau unserer Gießener Artillerie-Abteilung.
Am Scherenfernrohr.
ssekruteneinstellung 193 6. Mit Koffern urZ Paketen marschieren junge Menschen, teils ßv.hlend, teils abwägend, die Kaiserallee herauf noch Osten. Grau in grau über ihnen der Himmel, Suites Laub rieselt Blatt für Blatt auf feuchtes P.aster.
Illach dem ruhigen Dienstgang der Zwischenzeit de Entlassung derer, die ihrer Dienstpflicht genügte, und dem Eintreffen des neuen Rekrutenjahr- gss ges ist plötzlich überall in der Artillerie- Eherne a u f dem Trieb erhöhte Bewegung an diesem Oktobermorgen.
S i e kommen!" Einer sagts dem anderen, un Arbeit wern mer krieche." Nicht mißbillige»), sondern freudig kommt dies heraus, fast so, al: wolle er betonen, daß jetzt die Gelegenheit gflifbar würde, zu beweisen, daß er, der neubeför- deie Unteroffizier, ein seinem älteren Kameraden ebmbürtiger Ausbilder sein wird.
Die Batterieblocks sind noch einmal so blank wie fasst. Die Stuben, die Korridore, alles glänzt. Sie erben ein wohnliches Heim finden, die Rekruten di Jahres 1936, in dem Kasernenbereich der MAR. 9. Fast ein Sanatorium für artilleristische M ffenertüchtigung!
Zwitterwesen, halb Soldat, halb Zivilist, wurde der Soldat.
Sonntage ersten Ausgehens gaben dem Rekruten Freude und Zuversicht. Mit Stolz können wir heute sagen, daß unsere jungen Kameraden sich gut im Ehrenkleid im Standort einsührten Ihnen ein Beweis guten Benehmens, den Ausbildern die Genugtuung, wertvolle Ausbildungsarbeit geleistet zu haben.
Täglich Neues im Ausbildungsgang verkürzte die Wochen. Weihnachten und damit der erste Urlaub rückte heran. Erste Soldatenweihnacht für die, die nicht Weihnachten, sondern Neujahr fuhren; erstes Soldatensilvester für die, die Weihnachten zu Hause verlebten. Ueberall in unserer Kaserne Weihnachtsbäume, auf Stuben, in Ställen, in Geschäftszimmern und Unterhaltungsräumen. Erste Soldatenweihnacht auf Wache, ein Erlebnis für alle, die sie kennenlernten.
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Im neuen Jahre begann die Ausbildungsarbeit mit besonderem Eifer. Am 28. Januar sollten die Rekruten den Beweis soldatischen Könnens durch den scharfen Schuß erbringen. Dreizehn Grad Kälte, dunkler Wintermorgen. Pferdehufe, Geschütz- und Fahrzeugräder von drei bespannten Batterien zermahlten den harschen Schnee auf den Wegen zum
Bei 13 Grad Kälte am Gleiberg.
Parade der im Standort stehenden Truppen unter lebhafter Anteilnahme der Gießener Bevölkerung statt.
Und wieder Exerzierdienst, Ausbildung zu Fuß an Geschütz und Nachrichtengerät, in Regen und Kälte. Wetteifer bei den Kanonieren aller Zweige. Am 1. März ging die Abteilung zum dreitägigen Geländeschießen nach Münzenberg. Nur die Besten konnten mitgehen. Batterien auf dem Marsch. Leis schauerte der Märzregen auf den Straßen nach Münzenberg. Die III./AR. 9 mar- chierte zum Scharfschießen. In Muschenheim, Gambach und Münzenberg gewährte ihr die Bevölkerung Ortsunterkunft. Am 2. und 3. März donnerten vormittags die Geschütze. Granate um Granate sauste gegen die Scheibenziele. Die schwerste Arbeit hatten die Fahrer auf den weichen Wiesenwegen. Frohe Stimmung und herzliches Einvernehmen mit den Quartierwirten bewiesen die Manöverbälle am 2. März in Gambach und Münzenberg; der erste Vorgeschmack für das Manöver.
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Diese frohe Stimmung vereinte am 5. und 6. März beim Artilleristentreffen in Gießen die im Pulverdampf des großen Krieges ergrauten, aber im Herzen jungen Artilleristen mit den aktiv dienenden Jungen der Barbara.
Silbrige Frühlinasfonne begleitete die Führung der „Alten" durch die Kaserne, durch Wohnblocks, Stallungen, Geschütz- und Fahrzeugschuppen, Schmiede und Waffenmeisterei. Am Sonntagmorgen des 6. März Vorführungen, bet denen die Rekruten von dem Stand ihrer Ausbildung Zeugnis ablegten; sie überzeugten die „Alten" davon, daß auch heute noch der alte Geist unsere Waffe beseelt. Gemeinsame Mittagstafeln mit echter Soldatenkost aus dampfenden Feldküchen vereinten alle Jahrgänge in den geschmückten Reitbahnen. „Und abends wird getanzt." — Glänzende Regie ließ ein gutes Programm in der Volkshalle abrollen und dann das Tanzbein schwingen — Es wird nicht nur in ,Kommiß" gemacht bei den Artilleristen auf dem Trieb, man versteht auch wohlgelungene Feste zu organisieren.
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Die nächste Woche brachte Gesamtwiederholung des Stoffes der Rekrutenausbildung. Dann begann am 13. März die Besichtigung. Drei Tage
Soldat und Pferd — zwei Kameraden. (Aufnahmen [2]: Pfaff, [61: Privat.)
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Der Tag des Geburtstages des Füh - r e r s, der Tag der Beförderungen, vereinte wieder die Truppen des Standortes auf dem Trieb zur Parade vor dem Standortältesten. Zum erstenmal fuhren die Einheiten der Abteilung in diesem Ausbildungsjahr eine Parade mit ihren Geschützen.
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Nach diesem Tag begann die schönste Zeit der Ausbildung im Batterieverband.
Kleine Blumen steckten im fahlen Gras, die lichtblauen Flecken im Himmel wurden größer. „Frühmorgens wenn die Hähne krähn" trappelnde Pferdehufe, rollende Geschütze und Fahrzeuge. Die Batterien und der Nachrichtenzug rückten diesmal in der Woche aus, um „ihren Krieg" in der nahen Umgebung zu führen; um sich zu schulen und ihren Verband voll kriegsverwendungsfähig zu machen.
Der geistige Horizont weitete sich, taktische Handlungen, Gefechtsarten und Gefechtsgrundsätze rour-
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Batterie in Feuerstellung (Truppenübungsplatz Zossen).
Pferdestall im Marschmanöver in der Schwalm.
Pferdeställe auf dem Truppenübungsplatz Zossen.
Am Funkgerät (bet Münzenberg).
«Zu — gleich" in aufgeweichten Wiesen bei Münzenberg.
den erlernt. Im Mai brachte die Besichtigung den Lohn mühsamer, schöner Arbeit. —
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Die Zeit der Turniere und Sportfeste begann. Eifriges Training für Reiter und Pferd gab der Abteilung die Möglichkeit, Turniere der näheren Umgebung zu beschicken.
Das erste Ereignis war das große Reit- und Fahrturnier in Gießen. Im Geländeritt, und auf dem Turnierplatz konnte die Abteilung gute Erfolge erzielen. Auch aus Marburg, dem Ort des nächsten größeren Turniers, kehrten unsere Reiter mit guten Plätzen heim.
Der Militärsportverein der III./AR. 9 (Barbara) hatte seine Handballmannschaft erfolgreich Zivilvereinen der Umgebung zu Freundschaftsspielen gestellt.
Am 5.5. ging die erste Handball-Mannschaft als Staffelfieger aus dem Butzbacher Turnier hervor. Beim Feldberg- und beim Hoherodskopf-Sportfest starteten unsere Mitglieder mit gutem Erfolg.
Das Wassersportfest in Gießen gab uns die Genugtuung, daß trotz Waffendienst auch die wassersportliche Förderung so gediehen ist, daß wir Soldaten konkurrenz- und siegfähig sind. Der Verein hat, trotz der starken dienstlichen Beanspruchung seiner Mitglieder, die bei einer pferdebespannten Einheit stärker und vielseitiger ist als be> Fuß- oder Motor-Verbänden, gute Erfolge gebaut.
)0rei Tage später — neue Drillichanzüge, neues S^uhwerk, neue Feldmützen überall. Junge Kame- rlaen, oft noch ungewohnt in der neuen Kleidung, no;j unbeholfen im Benehmen, halb Soldat, halb Ziiilist; überall begegnet man ihnen im Kasernen- Ee$id). „Ja, Arbeit Ham wem mer." Dauernde Staebrung, fast zaghaft wird jeder Fetzen überflüs- Igrti zivilen Gedanksnballastes abgeworfen Dann *rf?5 Bewegen im grauen Uniformkleid beim er
würbe ein voller Erfolg für Rekruten und ihre Ausbilder. Sie fuhren das Bewußtsein eines großen Vorwärtsschritts in der Ausbildung vom Gleiberg mit ihren Geschützen nach der Kaserne Und wieder Exerzierdienst, Ausbildung zu Fuß, an Geschütz und Nachrichtengerät. Nebelschwaden verdichteten sich zu Schneewolken. Bleiern verhangne Sonne kämpfte gegen Kälte und Matschschnee. Eintönig der Himmel, vielfältig die Ausbildung; das ist die Erinnerung an die ersten Februarwochen 1937.
die Aecker auf. Feldwege
prüften die hohen Vorgesetzten. Die Wmterausbil- dung ist vorüber, das Ziel ist erreicht. Aus R e - kr uten sind M a n n s ch a f t en im ersten Dienstjahr geworden.
Weiter lief die Ausbildung. War sie bisher der Ausbildung des einzelnen Mannes und der Geschützeinheit gewidmet, so begann sie jetzt im Rahmen der Gesamtausbildung, im Rahmen der Ausbildung der Batterie Besonders eifrig wurde die Schulung der jungen Fahrer im Sechsergespann betrieben.
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die „Feuerbereit" meldete. Ein Wettkampf im Gelände an Geschütz, optischem und Nachrichtengerät. Unter Mittag schob die Sonne den Nebel weg. Dem Stand der Ausbildung entsprechend wurde Gutes geleistet. Die Uebung war der erste Einblick unserer jungen Kameraden in die Kampfhandlung verbundener Waffen.
Einige Wochen später. Trüber Februarhimmel, aufgeweichter Untergrund auf dem Trieb, das Vorüben zur Parade am Heldengedenktag hatte begonnen. Am 21. Februar fand vor dem Standort- ältesten, Herrn Generalleutnant O ß w a l d , die
Der Vorfrühling taute - ... . . „ . „
wurden weich. Teile der 9. Division lieferten sich in der großen Frühjahrsübung den Kampf um Staufenberg und Daubringen. Klammer Nebel lag auf den Batterien, während sie ihren Weg zu den Feuerstellungen an der Wellersburg suchten. Durch dünnen, wässrigen Schnee sanken die Räder in den Ackerboden, lieber modrige Wiesen und durch kalte nasse Wälder hasteten die Fernsprecher und Funker mit ihren Geräten. Die erste Hebung im Verbände. Jede Batterie wollte die erste sein,
Gleiberg. Eisiger Nordwind pfiff um das Gleiberg-Massiv. 10 Uhr. Fahles Sonnenlicht stand auf den Geschützen in der Feuerstellung. Klamme Finger arbeiteten an eisigem Metall der Geschütze, schneidende Kölle fraß durch die Kleidung. Soldatenhandwerk fordert Härte gegen sich selbst. Gut lösten die Rekruten ihre Aufgabe. Wie auf dem Kasernenhof klappten die Handgriffe, saubere Arbeit. Das große Erlebnis, der erste sch a r f e Sch u ß,
Exerzierdienst. Die Ausbildung zur Vorberer- auf die Vereidigung beginnt.
.Wie viel Neues ich lernen mußte! Wie oft habe 5) iüber mich nachgedacht, ob ich je ein guter Sol- ul werden würde. Meine Ausbilder haben es ge- hjfft, taufend kleine zivile Eierschalen habe ich boeftreift. Manchmal tat es ein bißchen weh, da- KÜ5 — heute bin ich dankbar", das war der Jn- iL von Gesprächen ausscheidender Soldaten, die itm am letzten Tag des September 1937 hören irmte.
Jic Vereidigung brachte jedem, auch dem letzten leiruten in all seinen Fasern zum Bewußtsein, i| er diene, diene, um sich zu schulen zum Kämper für Volk und Vaterland, daß eine Umformung nii ihm beginne.
November 1936 : Jede Minute des Tages ausgefüllt. — Arbeitsdienst im Block, Fahr- pfchuppen, Stall, Unterricht, Exerzierdienst, n, Appell, kurze Mittagspause, Exerzierdienst, ort, Arbeitsdienst, Abendessen, Waffenpflege, V- und Flickstunde. Tage kamen und gingen die jöbilber leisteten produktive Arbeit. Aus dem
Bei stechend heißer Julisonne wurde die Abteilung zur Schießübung auf dem Truppenübungsplatz Zossen verladen. Trotz Mannschaftsguartieren in ötäüen und 15 Minuten entfernt liegender Pferdeunterbringung in Zelten, trotz Sonnenglut und märkischem Sand, blieb die echt


