Ehrung zum40.Miliiärdienst>'ub>läum.
Dem Vorstand der Heeresstandortoerwaltung Gießen, Stabszahlmeister B o m h a r d t, wurde anläßlich seiäes gestrigen — von uns gestern gemeldeten — 40. Militärdienstjubiläums durch den Standortältesten, Generalleutnant Oßwald, ein Glückwunschschreiben des Führers und Reichskanzlers ausgehändigt. Gleichzeitig hat der Standortälteste dem Jubilar die herzlichen Glückwünsche der Garnison Gießen und seinen Dank für die unermüdliche Arbeit des Jubilars zum Wohle der Truppen unseres Standortes ausgesprochen und daran die Hoffnung geknüpft, daß es Stabszahlmeister Bomhard t vergönnt sein möchte, seine stets tatfrohe Arbeitskraft noch lange in den Dienst des Standorts Gießen stellen zu können.
Polizei gegen Verkehrssünder.
Die Polizei schritt in der Zeit vom 8. bis einschl. 14. Oktober 1937 ein:
Gegen Radfahrer mit 7 Anzeigen; gegen Führer von Kraftfahrzeugen mit 14 Anzeigen; gegen Fußgänger mit 2 Verwarnungen und Belehrungen und 7 Anzeigen.
Warum Arbeitsbeschaffungs -Lotterie?
Mancher wird so fragen, da doch jeder Arbeitswillige und Arbeitsfähige in Deutschland nun untergebracht ist? Ein wenig Ueberlegung, und jeder würde selbst erkennen, daß mit der Einstellung des Arbeitenden nur für eine Spanne Zeit für ihn gesorgt ist. Denn jede Aufgabe, und mag sie ein Stadtviertel oder 1000 Kilometer Reichsautobahn geschaffen haben, ist einmal zu Ende geführt, und mit ihrer Erledigung verschwindet auch der Arbeitsplatz.
Run muß für jeden Einzelnen eine neue Möglichkeit geschaffen werden, und oftmals wird der Einzelne, da die Arbeitslosigkeit niedergekämpft ist, auch in einen Arbeitsprozeß eingeschaltet werden können, der seinen besonderen Fähigkeiten entspricht. So sieht die Arbeitsbeschaffung für den einzelnen Volksgenossen aus, für die Gesamtheit aber heißt die Losung: Arbeitserhaltung, und diesen beiden Aufgaben dient die eben aufgelegte Reichslotterie für Arbeitsbeschaffung, die wieder 424 152 Gewinne und 20 Prämien im Gesamtbetrag von 1 600 000 RM. verteilt, darunter 2 Hauptgewinne zu je 50 000 RM. Die Ziehung findet am 22. und 23. Dezember statt.
Das Dortragsprogramm der Gesellschaft für Erd- un dDölkerkunde
Die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde veranstaltet auch im Winterhalbjahr 1937/38 wieder fünf Vorträge. Das Winterarbeitsprogramm verzeichnet folgende Vorträge: Dr. L. v. Boxsber- g e r: „Land und Menschen in Spanien in ihren wechselseitigen Beziehungen"; Professor Dr. E. Scheu (Königsberg): „Mit Zeppelin und Kondor nach und durch Südamerika"; Dozent Dr. A. Kolb (Leipzig): „Von Nordluzon zum Sulu-Archipel"; Dr. A. Kauffmann (Gießen): „Aegypten und Palästina inmitten der Zeitereignisse"; Prof. Dr. R. N. Wegner (Frankfurt a. M): „Durch Jnner- bolivien und Hochperu". Die Vortragsveranstaltungen finden in Zukunft nicht mehr in der Reuen Aula der Universität, sondern in der Aula des Gymnasiums statt.
Ausstellung
im Oberhessischen Kunstverein.
Der Oberhessische Kunstverein wird auch in diesem Winter mit einer Reihe von Ausstellungen an die Oeffentlichkeit treten. Die erste Ausstellung wird am morgigen Sonntag eröffnet. Vom Oberhessischen Kunstverein wird uns hierzu geschrieben:
Von den beteiligten Malern ist der erstere, Professor Heinrich Giebel (Marburg), vielen Gießenern kein Unbekannter, da manche ein von ihm gemaltes Bild besitzen. Aus Anlaß seines 70. Geburtstages haben wir eine größere Uebersicht über seine letztjährigen Arbeiten zusammengestellt, da er im letzten Jahrzehnt nicht mehr in Gießen ausgestellt hatte. Die Motive seiner Bilder sind dem Hessenland entnommen, da er, wie auch im letzten Jahr?, oft in der bekannten Künstlerkolonie Willingshausen den Sommer über gearbeitet hat. Gleichzeitig mit ihm hat Professor Karl H a n u s ch aus Dresden manchen Monat in Willingshausen gearbeitet, so daß auch ein Teil seiner Bilder dort entstanden ist. Er ist vor allem der Maler des
Vlandine setzt sich durch
Vornan von
Hans-Joachim Freiherr» von Reihensteln
Copyright by Carl Ouncker
6 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
Fräulein Hertel sah mit der Oberschwester die Bestände an Decken und Bettkissen durch. Es mußten neue Anschaffungen gemacht werden.
Ein Stubenmädchen trat ein: „Fräulein Hertel möchte bitte ans Telephon kommen."
„Haustelephon", fragte Blandine, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen.
„Nein, von außerhalb."
„Sagen Sie, ich habe keine Zeit."
„Wir haben ja hier alle keine Zeit", sagte die Schwester. Sie lächelte, wie nur ein Mensch lächelt, der so rein gar nichts erwartet, daß er dankbar ist für alles, was das Leben trotzdem noch bringt, und fei es auch nur die Möglichkeit eines Lächelns. „Deshalb können Sie ruhig ans Telephon gehen. Ich helfe Ihnen aus."
Im Stationsdienstzimmer stand Dr. Schrader und blätterte in Krankenpapieren als Blandine eintrat. Seine schlanke Gestalt verbeugte sich, und die ausdrucksvollen dunklen Augen lachten sie an.
„Ah, da ist ja das Fräulein, das mich verpetzen wollte."
Blandine errötete. „Aber das habe ich doch gar Nicht getan."
„Das hätte ich Ihnen auch nicht zugetraut. — Darf ich fragen, wie heißen Sie eigentlich?"
„Das werden Sie gleich hören", lachte sie und nahm den Hörer ab: „Hier Blandine Hertel. Guten Tag, Greta. Nein, das ist unmöglich. Ich habe viel zuviel zu tun." Ihre Stimme klang gleichgültig. '
Einen Moment hob der Assistenzarzt die Augen wieder von seinen Papseren und schaute forschend hinüber.
Blandine war mit dem Telephon beschäftigt.
„Nein, nächste Woche geht es leider auch nicht. Da muß ich ganz bestimmt zu meiner Mutter. Sie beklagte sich schon sehr. Ich schreibe dir mal. Auf Wiedersehen, Greta."
Porträts, und zeigt daneben eine ganze Anzahl fein durchgearbeiteter Radierungen. Zwischen beiden, trennend und doch wieder verbindend, steht Rudolf Poeschmann, ebenfalls aus Dresden, als bekannter, flotter Tempera-Maler mit seinen Bildern aus deutscher Stadt und Landschaft.
Die Ausstellung ist sehr reichhaltig und umfaßt etwa 45 Oelbilder, fast 15 Tempera-Arbeiten und 15 Radierungen.
Aeitjagd am Montag
Die nächste Standort-Reitjagd findet am kommenden Montag, 25. Oktober, statt. Stelldichein: 14.50 Uhr am Straßenknie der Straße Gießen— Steinberg, 400 Meter nordwestlich der Neumühle. Halali dicht bei der Rindsmühle. Sammelplatz für Zuschauer 14.50 Uhr an der Rindsmühle (von dort aus 100 Meter zu Fuß). Die Führung der Zuschauer geschieht durch einen Unteroffizier (gelbe Armbinde) der Stabskompanie des Jnf.-Rgts. 116.
Gießener Dochenmarktpreiie
* Gießen, 23. Okt. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier, deutsche, Klasse A 11%, Klasse B 11, Wirsing, % kg 9 bis 12 Pf., 50 kg 7 bis 8 Mark, Weißkraut, % kg 6 Pf., 50 kg 4 bis 5 Mark, Rotkraut, % kg 9 bis 12 Pf., 50 kg 7 bis 9 Mark, gelbe Rüben, % kg 8 bis 9 Pf., Karotten 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Römischkohl 8 bis 10, Unterkohlrabi 6 bis 8, Erbsen 25 bis 35, Grünkohl 15, Rosenkohl 15 bis 25, Feldsalat, Ao 10, Tomaten, % kg 12 bis 15, Zwiebeln 6 bis 7, Meerrettich 30 bis 70, Schwarzwurzeln 25 bis 40, Kürbis 5 bis 6, Pilze 40 bis 45, Kartoffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 1. Sorte 3,45 Mark, 2. Sorte 3,25, 3. Sorte 3 Mark, Aepfel, H kg 10 bis 18 Pf., Ausleseobst 18 bis 25 - Pf., 50 kg 10 bis 25 Mark, Birnen, % kg 10 bis 20 Pf., Zwetfchen 15 bis 16, Nüsse 30 bis 40 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suppenhühner 80 bis 90 Pf., Gänse 90 Pf. bis 1 Mark, Enten 1 bis 1,10 Mark, Blumenkohl, das Stück 10 bis 40 Pf., Salat 9 bis 12, Endivien 9 bis 12, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.
** Viehmarkt in Gießen. Am nächsten Dienstag, 26. Oktober, findet hier Rindvieh- (Nutzvieh-) Markt' statt.
** Wandergewerbescheine, Hausiererlaubnisscheine und Legitimationskarten gelten jeweils nur für das laufende Kalenderjahr. Zu Beginn des neuen Jahres häufen sich meistens die Anträge derart, daß sich die Ausfertigung der neuen Ausweise verzögert. Es ist daher zu empfehlen, schon jetzt die Anträge auf Neuerteilung der Scheine zu stellen. Nur bei rechtzeitiger Antragstellung kann Gewähr dafür übernommen werden, daß die Scheine bei Gebrauch zur Verfügung stehen.
Lpd. Ballone und Drachen mit Re- gistrierinstrumenten an die örtliche Polizeibehörde abliefern. Von deutschen und ausländischen meteorologischen Instituten werden durch Ballone und Drachen Instrumente zur Aufzeichnung der Wetterelemente — Temperatur, Luftfeuchtigkeit usw. — ausgelassen. Neben diesen Instrumenten werden auch Karten mit der Aufforderung zur Rücksendung angeheftet. Es wird hiermit ausdrücklich darauf hingewiesen, daß nach einer Anordnung des Reichsführers ff und Chefs der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern alle Ballone und Drachen mit Regiftrierin- ftrumenten oder Anhängekar^en (also a u ch K i n - derballone mit Anhangekarten) an die örtliche Polizeibehörde abzuliefern sind. Die entstehenden Unkosten werden dem Finder erstattet, außerdem wird ihm bei richtiger Behandlung etwa vorhandener Instrumente eine Belohnung gewährt. Schließlich sei noch darauf aufmerksam gemacht, daß die Ballone und Drachen, sowie die mitgeführten Instrumente Staatseigentum sind, und daß böswillige Beschädigung oder Entwendung strafrechtlich verfolgt wird.
** Unfall beim B a h n st e i g u m b a u. Der Schlosser Paul Windt von Lollar, der hier beim Bahnsteigumbau beschäftigt ist, wurde gestern nachmittag von einem stürzenden Mast getroffen und mußte mit inneren Verletzungen in die Chirurgische Klinik gebracht werden.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Samstagnach« mittag geschlossen.
Aus den Gießener Gerichtssälen.
Amtsgericht Gießen.
Unter der Anklage des Betrugs standen der H. B. und der E. H. aus Gießen vor dem Amtsgericht. Beide sind schon einschlägig vorbestraft. Der Angeklagte zu 1 war im hiesigen Bezirk als Vertreter einer Bausparkasse tätig. Als solcher schloß er u. a. mit einem älteren Ehepaar aus Watzenborn-Steinberg einen Bausparvertrag und veranlaßte es, die Raten an ihn zu bezahlen, obwohl er laut Anstellungsvertrag keine Jnkasso- befugnis hatte und den Sparern bie> Zahlungen nur dann angerechnet wurden, wenn sie unmittelbar an die Gesellschaft zahlten. Die erhaltenen Beträge führte er zum größten Teil nicht ab, sondern verwandte sie für sich. Als die beiden Zeugen einmal nicht gleich bezahlten, schickte er den Mitangeklagten, der damals arbeitslos war und bei dem Angeklagten gelegentlich Botendienste verrichtete, nach Steinberg mit der Maßgabe, den Leuten „etwas Beine zu machen". Daraufhin händigten die Zeugen diesem tatsächlich 20 RM. aus. Der Angeklagte H. bestritt entschieden, etwas davon gewußt zu haben, daß diese Gelder dem B. nicht zustanden. Diese Einlassung wurde von dem andern Angeklagten bestätigt, so daß H. mangels Beweises freigesprochen wurde. Die Verhandlung gegen B. wurde im übrigen ausgesetzt, da dieser sich vor Gericht bereiterklärte, bis spätestens Samstag die Zeugen in vollem Umfange zu entschädigen.
Der K. M. aus Leidhecken hatte wegen Ueber- tretung der Reichsftraßen-Verkehrsordnung einen Strafbefehl über 30.— RM. erhalten. Hiergegen legte er Einspruch ein, der gestern vor dem Amtsgericht verhandelt wurde. Der Angeklagte kam am 27. Mai abends mit einem Lastkraftwagen mit Anhänger in Lich durch die Gießener Straße. Dort stand ein Pferdefuhrwerk, das gerade von einem anderen landwirtschaftlichen Fuhrwerk überholt wurde. Obwohl sich diese beiden Fuhrwerke, nebeneinander aus der Straße befanden, hinderte dies den Angeklagten nicht, seinerseits ebenfalls noch zu
überholen. Die Straße wurde dadurch so beengt, daß der zufällig entgegenkommende Landjäger von seinem Fahrrad abspringen mußte, um sich in Sicherheit zu bringen. Der Angeklagte behauptete, das Kuhfuhrwerk sei noch weiter zurück gewesen, so daß er habe überholen können. Er wurde jedoch durch die Beweisaufnahme einwandfrei überführt. Das Gericht beließ es daraufhin auf der im Strafbefehl erkannten Geldstrafe von 3 0.— R M.
Sodann hatte sich der H. E. aus Lich wegen Vergehen gegen das Kraftfahrzeuggesetz zu verantworten. Der Angeklagte hatte durch Strafbefehl zwei Wochen Gefängnis erhalten, weil er am 18. Mai mit seinem Lastkraftwagen eine Fahrt unternommen hatte, obwohl der Wagen nicht zugelassen war. Der Angeklagte war geständig, gab jedoch zu seiner Entschuldigung an, er habe sich damals in finanziellen Schwierigkeiten befunden und habe lediglich eine Verdienstmöglichkeit wahrnehmen wollen. Es wurde festgestellt, daß der Angeklagte schon zwölfmal wegen Verkehrsdelikte vorbestraft ist und ein von ihm neu angeschaffter Wagen erst nach langwierigen Verhandlungen durch das Kreisamt zugelassen worden war, wobei dem Angeklagten durch die Behörde wärmstens ans Herz gelegt wurde, sich nun endlich als ordentlicher Verkehrsteilnehmer zu führen. Das Gericht hielt daher eine ganz exemplarische Strafe für angemessen und beließ es bei den 2 Wochen Gefängnis.
Die nächste Anklage, ebenfalls wegen Uebertre- tung der Reichsftraßen-Verkehrsordnung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung, richtete sich gegen den R. N. aus Großen-Buseck. Der Angeklagte war am 19. Mai abends mit seinem Personenkraftwagen in Gießen die Kaiserallee heruntergefahren. An der Kreuzung der Straßenbahn am Ludwigsplatz wollten zwei Kinder die Straße überqueren, die der Angeklagte — da er infolge seiner hohen Geschwindigkeit nicht mehr bremsen konnte — anfuhr und erheblich verletzte. Die Beweisaufnahme und ein ausführliches Sachverständigen-Gutachten ergaben einwandfrei die Schuld des Angeklagten. Mit Rücksicht darauf, daß bei den Kindern keine
nachteiligen Folgen entstanden sind, der Angeklagte bisher ünvorbestraft ist und sich auch sonst eines guten Leumunds erfreut, sah das Gericht von einer Freiheitsstrafe ab und ließ es bei einer Geld- strafe von 8 0.— R M. bewenden.
Schöffengericht Gießen.
Der E. B. aus Gießen wurde zur Last gelegt, sich trotz Auflösung der Sekte der „7-Tage-Ädve'n- tisten" noch für diese betätigt und mit einem jun- den Mann, der schon wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz verurteilt worden ist, weil er sich unter dem Deckmantel religiöser Hebungen staats, gefährlich betätigte, regelmäßig Bibelstunden abge. halten zu haben. Die Angeklagte gab an sich zu, daß der Betreffende sie öfters aufgesucht und mit ihr gebetet habe. Sie wandte jedoch ein, daß sie ihn niemals hierzu aufgefordert habe, so daß man von einer Weiterführung der verbotenen Org«ni- sation nicht sprechen könne. Dieser Einlassung schenkte das Gericht Glauben, da es sich nach einem ärzt. lichen Gutachten bei ihr um eine Person von ziemlicher Beschränktheit handelt und die ganze An- läge ihrer Handlungsweise nicht auf eine staatsgefährliche Tätigkeit schließen läßt. Das Gericht kam daher zu einem frei sprechen den Urteil Kleine Strafkammer Gießen.
Der K. H. aus Aschbach in Oesterreich, der ander Untersuchungshaft vorgeführt wurde, hatte von Amtsgericht Grünberg wegen Betrugs in fünf Fällen eine Gefängnisstrafe von fieber Monaten erhalten. Hiergegen richtete sich feint
Ruhl adio eparaturen
SeMersweg Nr. 67
Telephon Nr. 3170
I897 D
Berufung, die gestern vor der Kleinen Strafkam> mer verhandelt wurde.
Der Angeklagte war im Jahre 1934 nach Deutsch, land gekommen und hatte bei einem Metzgermei. ster in Kirschgarten (Kreis Alsfeld) Unterkunft ge= funden. Hierfür leistete er dem Zeugen einige Ge> fälligkeitsdienste. Eines Tages trat er mit dem An. sinnen an den Zeugen heran, er solle ihm 50 RM aushändigen, da er wieder nach Oesterreich zurück- kehren wolle. Der Zeuge gab ihm die Summe, worauf der Angeklagte nach Lindau am Bodensee fuhr. Dort ging ihm das Geld aus, und so bat er den Zeugen um Uebersendung weiterer 25 RM., die ihm dieser nach einigem Hin und Her auch schickte. Dieses Geld verjubelte der Angeklagte, und er wollte dann wieder nach Kirschgarten zu- rückfahren; seine Barmittel reichten jedoch nur bis Kempten. Dort nahm er die NSV. in Höhe von 25 RM. in Anspruch, mit der ausdrücklichen Zusicherung, er wolle die Summe am nächsten Ersten zurückerstatten. Dieses Versprechen hielt der Singe« klagte ebenfalls nicht. Nach seiner Rückkehr wurde er von dem Metzgermeister wieder ausgenommen. Von Kirschgarten aus setzte sich der Angeklagte mit einer Stelle zwecks Arbeitsvermittlung in Verbindung. Diese wies ihn in ein Hilfslager ein und schickte ihm zu gleicher Zeit 25 RM. Reisegeld. Dem Angeklagten fiel es jedoch nicht ein, diesem Ersuchen nachzukommen, sondern er brachte auch dieses Geld durch.Endlich wurde dem Metzgermeister die Sache zu dumm, und er setzte den Angeklagten kurzerhand vor die Tür. Dieser begab sich darauf in das benachbarte Merlau zu einem anderen Metzgermeister und wiederholte dort dasselbe Manöver, wie im ersten Falle. Es gelang ihm tatsächlich, den Zeugen zur Herausgabe von 50 RM. zu veranlassen, mit denen er wiederum an
geblich seine Heimreise antreten wollte. Erschwindelte diesem Zeugen dabei noch vor, sein Vater habe in Oesterreich eine gutgehende Metzgerei und Wirtschaft, so daß es ihm nach seiner Ankunft in der Heimat eine Kleinigkeit sein werde, die Summe zurückzuerstatten.
In der gestrigen Hauptverhandlung gab der Angeklagte die Vorfälle an sich zu, er hatte jedoch für jeden Punkt der Anklage eine Ausrede. So behauptete er, die ihm von den beiden Metzgermeistern übergebenen Beträge seien nicht etwa als Darlehen, sondern als Schenkung bzw als Entgelt für geleistete Arbeit gedacht gewesen. Im Falle der NSV. stellte er in Abrede, in Betrugsabsicht gehandelt zu haben, da er von dem einen Zeugen noch rückständigen Löhn zu erhalten gehabt hätte, von dem er den Betrag habe zurückerstatten wollen. Er wurde jedoch durch die Beweisaufnahme
Blandine wollte mit kurzem Gruß an Doktor Schrader vorbei aus dem Zimmer.
„Haben Sie so viel zu tun, Fräulein Hertel, daß Sie nicht einmal fortgehen können? Oder war das eine Ausrede?" fragte Dr. Schrader interessiert.
Blandine sah ihn etwas unsicher an. „Wieso eine Ausrede?" Das war doch meine Freundin."
„Also wirklich so viel zu tun?"
..„Ja. Aber es macht mir Freude", sagte die hübsche Blandine froh.
„Immerhin, sind Sie dafür nicht noch etwas zu jung, ich meine, um sich so einzuspinnen?"
„Ich spinne mich doch gar nicht ein. Es ist ja so interessant." Er sah, daß ihre Augen blitzten. „Denken Sie, es ist doch meine erste Tätigkeit, und ich bin stolz, daß ich gleich so viel leisten darf." Freimütig reichte sie ihm die Hand und verabschiedete sich. „Sie arbeiten ja viel mehr als ich, Herr Doktor. Ich schlafe nachts, wenn Sie Dienst haben."
„Aber ich gehe trotzdem aus", beharrte er und verbeugte sich, indem er sie vorbeigehen ließ.
*
Blandine hatte viel über die Umorganisation der wirtschaftlichen Dinge in der Klinik nachgedacht. Auch die Personalfragen mußten neu geregelt werden.
Es war ihr gelungen, die Wäschediebstähle aufzuklären: ein Mädchen, das vor der Hochzeit stand, hatte sich ihre Wäscheaussteuer in der Klinik zusammengestohlen. Sie mußte fristlos entlassen werden.
Die Mamsell wollte der Professor behalten. Sie war wirklich eine ausgezeichnete Köchin und unermüdlich, wenn es sich darum handelte, jemand wieder auf die Beine zu bringen. Die Mamsell mußte also Blandines Mitarbeiterin bei der geplanten Neuorganisation werden. Heute würde sie ihr alles klarmachen.
Von der einfachen Großväterweisheit, daß ehrlich am längsten währt, bis zur neuesten rationellen Betriebskunde sagte sie ihr denn auch alles. Sie redete mit Engelzungen, um ihr die Schmugroschen verächtlich erscheinen zu lassen und um ihr abzugewöhnen, Geschenke von den Lieferanten zu nehmen. Sie hoffte, ihr bald zehn Mark zum Gehalt zulcgen zu können.
Das alles lockte die Mamsell nicht, die mit an
deren Summen rechnete. Dagegen hatte die Mamsell Freude an dem unverdorbenen jungen Sing. Der konnte sie gar nicht mal richtig böse fein, wenn sie ihr auch gemeinerweise bis in alle Winkel nachgespürt hatte.
Sie konnte nicht so gut reden wie das Fräulein. Aber sie wußte, daß sie nach ihrer langjährigen Tätigkeit hier etwas zu sagen hatte.
Mütterlich sah sie dem jungen Kind in die Augen:
„Wat wolln Sie eigentlich, Frolleinchen? J^ doch alles janz schön so." Und mit dem ganzen Wohlwollen, das zwanzig Dienstjahre unter Fremden ihr für ihresgleichen beigebracht hatten, die jung und unerfahren anfingen, drückte sie Blandine die Hand:
„Frolleinchen, ich will Jhn'n unter vier Augen eenen Rat fürs Leben jeben: Kümmern Sie sich nie um unjelechte Eier!"
Blandine hätte heulen mögen, als die Mamsell sie verlassen hatte. Aber davon wurde die Arbeit nicht getan.
Sie ging, um im Wartezimmer die Zeitschriften für die Sprechstunden zu sichten.
Der Assistenzarzt Doktor Schrader kam aus dem Untersuchungszimmer. Er begrüßte sie: „Sind Sie nicht etwas dünner geworden?"
Er prüfte mit den Augen des Arztes ihre Erscheinung.
Blandine errötete. „Wenn es mir schlecht geht, komme ich in Ihre Sprechstunde, Herr Doktor", lachte sie.
„Kommen Sie lieber, ehe es Ihnen schlecht geht. Ich werde Ihnen etwas verschreiben, damit Sie zunehmen."
„Dazu habe ich keine Zeit." Blandine wollte das Geplänkel abbrechen. „Aus Wiedersehen, Herr Doktor."
„Also nicht in der Sprechstunde! Aber vielleicht einmal privat, ja?"
Sie wußte nicht, ob er im Ernst oder Scherz sprach.
„Ich kann Ihnen wirklich als Arzt und als Mensch nur raten, gönnen Sie sich ab und zu etwas Ruhe. Das Uebermaß an Arbeit bekommt Ihnen nicht." Er sah sie treuherzig an.
„Ich schlafe ja nachts."
,Mer nicht viel, wie ich höre. Außerdem müssen
Sie auch an die Luft. Ich habe mein Boot auf dem Wannfee liegen."
„Danke herzlich. Meine Mutter wohnt im Grünewald. Immer wenn ich Zeit habe, gehe ich draußen mit ihr spazieren. Auf Wiedersehen, Herr Doktor."^
Blandine verbrachte einen unbefriedigenden Tag. Sie arbeitete, aber die Arbeit hatte ihren Sinn verloren.
Am Nachmittag kam Hedwig Georgi zu ihr.
„Ans Telephon kriegt man dich nicht. Karten beantwortest du nicht. Ich mußte doch mal nach dir sehen."
Blandine nahm eine Ausbesserungsarbeit vor und setzte sich zu ihr. Zum ersten Male war sie heute, nach der entmutigenden Szene mit der Mamsell froh, daß jemand ihre Arbeit unterbrach. So kam man ein bißchen über das öde Gefühl weg. Plötzlich sagte Blandine:
„Du könntest mir mal einen Rat geben, Hedwig. Also nimm einmal an — man könnte doch in die Lage kommen, weißt du — wenn ein junger Mann dich bitten würde, mit ihm auszugehen — würdest du das tun?"
Hedwig Georgi überlegte ein Weilchen. Aber sie überlegte eigentlich nur, wer der junge Mann sein konnte, den Blandine meinte. Als sie es aufgab, das im Augenblick herauszufinden, sagte sie kurz und bündig:
„Meine Ansicht ist: sich ein Ziel zu setzen, und dann Finger weg von allem, was vom Ziel ablenkt."
Sie verbreitete sich noch eine Zeitlang über ihr Ziel, die Familienpension, aus der bei richtiger Führung ein Hotel werden sollte.
Hedwig Georgi hielt ihr kleines Erbe eisenfest. Sie brauchte kaum etwas für Kleidung, sie pflegte sich nicht. Sie lebte kümmerlich, ließ die- Zinsen auflaufen und tat von ihrem Gehalt noch dazu. Sie lebte nur dem Tag entgegen, an dem sie selbständig werden, an dem sie ihre Pension einrichten würde.
Hedwig,, dachte Blandine, war gewiß anständig, solide und sparsam. Aber ob sie der richtige Mensch war, den sie in diesem Fall um Rat fragen sollte? Sie wollte ihre Frage lieber noch mit jemand anderem durchsprechen. Denn das ist eine von den Fragen, die ein junges Mädchen so lange stellt, bis sie die Antwort hat, die sie haben will.
Fortsetzung folgt.


