Ir.69 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag. 25. Marz 1957
Aus der Provinzialhauptstadl.
Schützt die Weidenkätzchen!
Alljährlich kann man im Frühjahr immer wieder beobachten, in welch' seltsamer Weise sich die Na- nirliebe einzelner Menschen offenbart. Anstatt sich «ährend der Wanderung durch Wald und Feld an dem jungen, frischen Grün zu erfreuen, fühlt sich mancher von dem Drang beseelt, alle nur er- nichbaren Zweige, deren Grün sich Ichon besonders schön entwickelt hat mit nach Hause zu nehmen. 2,'sondere Dorliebe genießen in dieser Beziehung die Weidenkätzchen. Gedankenlos werden an We- qen und Feldrainen die Sträucher ihres ersten Schmuckes beraubt, und die meisten Menschen denken nicht daran, wie abstoßend der Anblick eines solchen geplünderten Baumes auf den Naturfreund wirkt und daß sie sogar anderen Volksgenossen durch ihre Handlungsweise empfindlichen Schaden zugefügt haben.
Gewiß entspringt dieses Tun niemals einer Böswilligkeit; ja es ist auch zu verstehen, daß man noch den langen Wintermonaten besondere Freude (in den hübschen, silbergrauen, in der Sonne hellglänzenden Pelzkleid der Weidenkätzchen hat und sich euch gern noch in den nächsten Tagen zu Hause an ihnen erfreuen möchte. Doch ist dies noch kein Grund, einen blühenden Strauch seines Schmuckes zu berauben. Schließlich sollte man sich schon aus Rücksicht auf ondere Spaziergänger, die desselben Weges kommen, nicht zu solchen Handlungen verleiten lassen.
Doch abgesehen von den ideellen Werten, die diese ersten Wunder der Natur in sich bergen, sollte jeder sich darüber klar sein, daß die blühenden Sträucher nicht ausschließlich zur Zierde des Weges dienen, sondern innerhalb ihrer Lebensgemein- fchnft in Feld, Wald oder Garten eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen haben. Gerade die Weidenkätzchen sind für unsere Bienenzucht von großer Bedeutung. Den Bienen bieten sie im Frühling bei ihren ersten Ausflügen die notwendige Nahrung, indem sie ihnen Nektar und Blütenstaub spenden. Nimmt ihnen der Spaziergänger diese Möglichkeit, so schadet er einmal der Volksgemeinschaft, da er den Bienen im zeitigen Frühjahr die einzige Nahrung für den Bau ihrer Waben ent- ziiht, zum anderen fügt er dem Imker Schaden 311, der ganz besonderen Wert auf die Pflege und den Schutz feiner frühen Bienenweide legt.
Obwohl durch gesetzliche Vorschriften, öffentliche und private Aufklärungsarbeit auf dem Gebiete des Naturschutzes sich in den letzten Jahren schon vikles gegen früher gebessert hat, sprechen doch immer noch die rücksichtslos abgerissenen Zweige und achtlos fortgeworfenen Blumensträuße eine beredte Sprache vom geringen Natursinn vieler Spaziergänger. Jeder, der die Natur liebt, sollte durch Aufklärung und persönlichen Einsatz mit dazu beitragen, daß derartige Uebergriffe verständnisloser Mitmenschen in Zukunft immer seltener werden, zum Wohle des fleißigen Bienenvolkes und auch zum Besten der Allgemeinheit.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Gau-Ausstellung in der Volkshalle: 16 Uhr Er- öfinung durch Gauleiter Sprenger. — BDM., Ibtergau: 10 bis 20 Uhr Werkausstellung in den turnen des Klubs. — Stadttheater: 20 bis 22.30 Illr „Viel Lärm um nichts. — Gloria-Palast, Sei-
Das Mädchen mit dem Silberhaar.
Roman von Anny von panhuyö.
Schluß. Nachdruck verboten.
Indessen war Tilli Bergschlag wieder umgekehrt. Eie hatte ihr Täschchen in ihrem Zimmer vergessen. Eie holte es und beeilte sich, um den Vater unten richt lange warten zu lassen. Als sie an einem Aochbarzimmer vorbeiging, hörte sie eine Helle Frauenstimme in schnellem, aber unkorrektem Französisch laut rufen: „Ich tue alles, was du willst, Benn du Graf Francois de Nethel heißt. Aber einen Herrn Günther Grevenstein heirate ich nicht!"
Tillis Kopf fuhr hoch, und im nächsten Augen- Hitf hatte sie ohne vorheriges Anklopfen die Tür chgerissen, die sie irrtümlich schon einmal geöffnet. Sie nahm das sich ihr bietende Bild schnell in sich As und drückte die Tür fest hinter sich ins Schloß.
„Was fällt Sie ein, was wollen Sie schon wieder hier?" fuhr Mabel Jonson ärgerlich auf die un- cebetene Besucherin los, die sie sofort wieder- vkannte.
Günther Grevenstein war aus seiner knienden Mhing emporgetaumelt, als hätte man ihn grob Schoßen. Er überlegte, daß es doch nicht wieder Mall sein konnte, daß Tilli Bergschlag sich im Ammer geirrt. Daran konnte man einmal glaube, aber kein zweites Mal. Er war von ihr ober einem Beauftragten vielleicht schon längere Zeit bedachtet worden und saß nun in der Falle.
Tilli stand schon dicht vor ihm, hob einen Arm, Ad gleich darauf riß sie an seinem Bart, als glaube sie, er wäre falsch und müsse sich lösen.
Günther Grevenstein konnte einen leichten Ruf dis Schmerzes nicht unterdrücken. Er drängte ihre ijanb fort, schrie sie an: „Sinb Sie verrückt?"
Er bebiente sich unwillkürlich ber französischen Sprache unb wandte sich an Mabel Jonson. „Diese Person scheint gemeingefährlich." Er wies Tilli Vergschlag zur Tür. „Sofort verlassen Sie bas Zimmer!"
„Hier bin ich unb hier bleibe ich, bis ich bir vor dieser Dame, bie ja beine Braut sein soll, gesagt habe, was für ein Schuft bu bist, Günther Greven- [l?in. Der Spitzbart, ben bu bir hast wachsen lassen, führte mich leiber irre, sonst hätte ich dir schon beim chsnmal, als ich zufällig dieses Zimmer betrat, bie Wahrheit gesagt. Heute hörte ich beim Vorbeigehen ber Tür von ber Dame laut deinen Namen formen, ber zog mich herein." Sie schrie ihn an: ».schuft, Betrüger, logst mir Liebe und verlobtest dich mit mir, nur um meinem Vater Geld abzu- fohmen, bare zwanzigtausenb Mark. Dann ver- Kltoanbeft du plötzlich, schriebst mir, daß du nach Askika gehen wolltest Du wolltest dadurch deine Gpur hinter dir verwischen. Ich aber ahnte, daß Cj dich hierher gewandt hast, und der Zufall half foir dich sehr schnell finden, du Lügner, bu abscheu- lh-r Mensch!"
Der Geschästsbelrieb an Den Oiierseierlagen.
Don ber Polizeidirektion Gießen wird uns mitgeteilt:
Im Handelsgewerbe dürfen offengehalten werden: Bäckereien am ersten Feiertag von 14 bis 17 Uhr; Konditoreien von 14 bis 17 Uhr; Blumenhandlungen und Gärtnereien (als Handelsbetrieb) an beiden Feiertagen von 9 bis 13 Uhr; das Austragen von Blumen ist gestattet am ersten Feiertag von 9 bis 13 Uhr und am zweiten Feiertag von 9 bis 16 Uhr; Friedhofsgärtnereien nur am ersten Feiertag von 8 bis 12 Uhr; Milchhandlungen jedoch nur zum Verkauf von frischer Milch und Sahne von 8 bis 11 Uhr; Speiseeis und Kaffeewirtschaften für den Verkauf von Speiseeis über die Straße von 10 bis 19 Uhr; Verkauf von Obst, Blumen, Backwaren (Brezeln, Salzftengel, Mohnstengel, Zwieback, Hartekuchen und Makronen), Süßigkeiten, Kastanien und Speiseeis auf öffentlichen Straßen und Plätzen, jedoch nur von einem festen Standplatz aus, von 11 bis 19 Uhr; Verkauf von Brezeln, Salzstengeln, kleinen Backwaren, Süßigkeiten, Kastanien und Blumen in Wirtschaften hausierend von 11 bis zu der für Gaststätten gültigen Polizeistunde; Zeitungsgroßhandlungen am ersten Feiertag von 6 bis 10 Uhr; Verkauf von Druckschriften auf öffentlichen Straßen unb Plätzen
unb in Wirtschaften hausierenb von 6 bis 23 Uhr.
In Jnbustrie unb Hanbwerk darf gearbeitet werden: Bäckereien und Konditoreien am zweiten Feiertag während einer Stunde in der Zeit von 4 bis 21 Uhr zur Vorbereitung des Werktagbetriebes: Blumen- und Kranzbindereien am ersten Feiertag von 8 bis 13 Uhr; Werkstätten für Kraftfahrzeuge zeitlich unbeschränkt, jedoch nur zum Abschleppen und Bergen beschädigter Fahrzeuge und Wiederherstellung ihrer Fahrbereitschaft, soweit ein sofortiger Gebrauch des Fahrzeugs notwendig ist. Es dürfen nur soviel Arbeiter und Angestellte beschäftigt werden, als wm Abschleppen und Bergen eines beschädigten Fahrzeuges gerade notwendig sind. Einstellhallen für Kraftfahrzeuge — Garagen — sowie Tankstellen zur Abgabe von Betriebsstoffen, Ersatzteilen und Zubehör für Kraftfahrzeuge unbeschränkt; Photographengewerbe nur am ersten Feiertag von 10 bis 14 Uhr; Molkereien und Milchgroßhandlungen zur Belieferung der Kundschaft mit frischer Milch und frischer Sahne von 8 bis 12.30 Uhr; Friseurgewerbe am ersten Feiertag von 8 bis 11 Uhr; Badeanstalten bis 13 Uhr.
Innerhalb der zulässigen Geschäfts- und Betriebszeiten dürfen Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter beschäftigt werden.
tersweg: „Schlußakkord". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Mädchen Irene".
Sfabtlfjeater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die erste Wiederholung von „Viel Lärm um nichts", Lustspiel von Shakespeare, statt. Spielleitung Dr. Schumacher a. G., musikalische Leitung Kapellmeister Ernst Bräuer, Tanzeinlage und choreographische Leitung Tanzmeisterin Irmgard Zenner. Die Vorstellung findet als 24. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
ENbefehl.
heute nachmittag pünktlich um 3 Uhr treten alle hitterjungen des Standortes Gießen znm Empfang des Gauleiters auf dem Ludwigsplah an.
ÄOM ilnteraau 116
Betr. Schwimmen.
Dienstag, den 23. März 1937, ist Schwimmen für BDM., Mittwoch, den 24. März 1937, ist Schwimmen für IM
BD2N.'7verkausskellung.
Die Werkausstellung des BDM. in den Räumen des Klubs ist bis zum heutigen Dienstag einschließlich verlängert worden. Die Ausstellung ist heute bis 20 Uhr geöffnet.
Die öeutfdic Arbeitsfront
•’WX Ar9.=Gemeinfchaft„Kraft durch freute"
Amt Reisen, Wandern und Urlaub. Gesperrte Fahrten.
UF 16/37 Berchtesgadener Land; UF. 29/37 Allgäu; UF 34/37 Chiemsee; UF 35/37 Schwarzwald; UF 40/37 Rügen; UF 41/37 Schliersee; UF 51/37 Allgäu; UF 62/37 Berchtesgadener Land; UF 64/37
Reit im Winkel; UF. 69/37 Allgäu; UF 71/37 Oberammergau; SF 103/37 Norwegen; SF 104/37 Norwegen. Bei der SF 102/37 Norwegen besteht nur noch die Möglichkeit, männliche Teilnehmer mitzu- nehmen, dasselbe gilt für die SF 105/37 Norwegen.
UF 8/37 vom 2. b i s 10. April Frankenwald. Teilnehmerpreis 34 Mark. Der Frankenwald ist wohl für manchen noch ein unbekanntes Land. Er ist ein Teil der bayerischen Ostmark und bildet die Brücke zwischen dem Fichtelgebirge und dem Thüringer Wald. Der Frankenwald ist eines der schönsten deutschen Waldgebiete. Anmeldungen nimmt die Kreisdienststelle entgegen. Abschied von einem alten Mitkämpfer
des Führers.
Auf dem neuen Friedhof fand am gestrigen Montagnachmittag in Gegenwart einer großen Trauergemeinde die Bestattung von Franz Soldan statt. Der Heimgegangene, der zu dem Kreise der ältesten Mitkämpfer des Führers in Gießen gehörte und Träger des goldenen Parteiabzeichens war, erlag im 63. Lebensjahre einer langen und schweren Erkrankung. Abordnungen der Partei und ihrer Gliederungen mit den Fahnen der Bewegung gaben dem Heimgegangenen Kampfgefährten unb früheren Sturmführer der SA. das letzte Ehrengeleit, ebenso nahmen seine alten Kameraden vom Kavallerie-Verein Gießen unb seine Berufskameraden vom Gastwirtsgewerbe Abschied von ihm. Bei ber Trauerfeier in ber Kapelle bes Fried- hofs sprach Pfarrverwalter Damerau von der Mathäusgemeinde. An der letzten Ruhestätte des Entschlafenen würdigten ber Kreisobmann der DAF. Wagner als Vertreter bes Kreisleiters, SA.-Sturmbannführer F ö r st e r als Vertreter der Brigade 147 und der Standarte 116, sowie Orts- gruppenleiter Thomas als Leiter her Ortsgruppe Gießen-Nord das Wirken und die Verdienste des Heimgegangenen als Gefolgsmann unb alter Mitkämpfer bes Führers, als stets opferbereiter Helfer
Ihre Worte überstürzten sich, unb über .hr schmales Gesicht spielte bie Glut ber Erregung.
Er schob sie grob beiseite.
„Muß ich mir benn bie Unverschämtheiten einer Wahnsinnigen gefallen lassen? Entfernen Sie sich sofort aus bem Zimmer!"
Er packte sie bei ben Schultern, boch Mabel kam ihr zu Hilfe unb stieß ihn zurück.
„Ich glaube alles, was bie Dame sagt, alles!" erklärte sie unb wies auf die Tür. „Sie müssen gehen, Sie unb nicht biefe Dame. Sie sinb ein Heirats- schwinbler, jetzt, ich weiß jetzt Bescheib. Mit eine blonbe Frau Sie hatten auch eine schlechtes Gewissen. Aber bas ist sehr egal jetzt. Fort! Ober ich klingle." Sie öffnet bie Tür. „Aus meine Augen, ich weiß jetzt, ich fein beinahe bie Frau von eine Hochstapler geworben."
Ihr Französisch würbe vor Erregung immer schlechter, unb rote Flecken brannten auf ihren Wangen.
Günther Grevenstein erkannte, hier gab es für ihn nichts mehr zu retten; jetzt barg jeher längere Aufenthalt für ihn nur Gefahr. Er verließ, ohne ein einziges Wort zu verlieren, bas Zimmer und hastete fort, so schnell er konnte.
Als er auf der Straße stand, blickte er sich vergebens nach seinem Auto um. Zum Teufel, was bedeutet denn das nun wieder? Wo konnte das Auto hingekommen fein?
Ein Mann kam auf ihn zu. Grevenstein fuhr zurück.
Der Mann lachte breit: „Ich will ja nichts von Ihnen, muß Ihnen aber von einem Herrn mit weißem Spitzbart was bestellen Er sah wie Sie aus, nur älter.
Wahrscheinlich war es der Herr Vater. Er beschrieb Sie mir und sagte, wenn so ein Herr aus bem Hotel käme, sollte ich sagen, er wäre im Auto mit dem Gepäck in die Rue de Grenelle gefahren. Es wäre irrtümlich etwas mit in bie Koffer gekommen, was er wichtig brauche. So, nun habe ich alles bestellt, bezahlt bin ich schon."
Er brehte sich um unb ging pfeifenb davon
Günther Grevenstein war vor Wut wie gelähmt. Das war ja heute ein verdammter Tag, ein Tag, der ihn mit einem Schlag wieder in die Misere zurückschleuderte, der er endgültig entronnen zu sein glaubte. Er war verzweifelt und wußte nicht, was tun. Sollte er noch einmal in die Rue de Grenelle? Eigentlich mußte er es tun, er konnte doch die Juwelen nicht einfach im Stich lassen.
Erregt kam er im Palais Rethel an und fand den Grafen mit einem Fremden und den Koffern in seinem Arbeitszimmern. In Gegenwart des Fremden zwang er seinen Zorn leidlich nieder, aber ehe er überhaupt etwas sagen konnte, stellte der Graf vor: „Dieser Herr ist Henri Duplessis, ein alter Bekannter von mir unb einer unserer besten Privat- betektive. Ich traf ihn zum Glück vor ber Haustür, gerabe als ich Ihnen nachfolgen wollte, und nahm ihn mit. Auf dem Wege nach dem Hotel Continental, wo ich Sie mit Recht bei Mabel Jonson vermutete, unterrichtete ich ihn kurz über die Sad)* läge, und weil wir das Auto mit den Koffern fanden, befahl ich dem Chauffeur, heimzufahren. Uebri- gens hat ber kleine hübsche Hanbkoffer sein Geheim
fach schon unterwegs öffnen müssen unb uns sein Geheimnis enthüllt."
Es zog eine Zeitung, die ausgebreitet auf dem Tische lag, beiseite, und sah Günther Grevenstein das Diadem. Es funkelte ihn mit dem Rest seiner Brillanten unb Siphire an.
Der Gras blinzelte zu Günther Grevenstein hin.
,Hch fürchte mich nicht mehr vor dem von Ihnen angebrohten Skanbal; ich habe es mir überlegt, es wäre feige. Also, ich behalte das Diabem, um es feiner rechtmäßigen Eigentümerin zurückzugeben, unb alles, was ich Ihnen zuqestehe, ist, baß Sie der Juwelen wegen, die schon fehlen, nicht verfolgt werden sollen. Nun gönnen Sie gehen ober fahren, wohin Sie wollen, falls Sie es nicht vorziehen, in Paris zu bleiben unb Anklage gegen mich zu erheben. Ich stehe zur Verfügung. Ich bin alt unb einsam, brauche auf niemanb Rücksicht zu nehmen unb wage es, ben von Ihnen angebrohten Skanbal herauszuforbern. Keiner würbe dabei geschäbigt werben, nur wir beibe."
Das Telephon melbete sich.
Günther Grevenstein wäre bem Grafen am liebsten an bie Kehle gesprungen, aber ber scharfe Blick bes Detektivs hielt ihn in Schach.
Der Graf rief, nachbem er ein Weilchen gelauscht, in ben Apparat: „Wirklich? O, bas ist ja eine feine Entdeckung, unb Sie können von Herzen froh fein, Miß Mabel, bem Gauner boch entgangen zu fein."
Dan wanbte sich Günther Grevenstein brüsk um unb ging zur Tür. Er ließ feine Koffer einfach im Stich unb schritt, fast ein wenig taumelnb, schnell an seinem vor bem Palais Rethel roartenben Auto vorbei. Der Chauffeur sah ihm verwunbert nach.
Günther Grevenstein erinnerte sich plötzlich mit Genugtuung daran, daß in seiner Brieftasche Geld steckte unb sich auch ein paar kostbare Ringe unb Krawattennadeln dabei befanden.
Er dachte, daß nun alles gleich war und es am klügsten fei, sich damit abzufinden. Als Hasardeur mußte er sich schon daran gewöhnen, auch Partien zu verlieren, bei denen alle Chancen zu seinen Gunsten gestanden hatten.
Er überzeugte sich, ob er auch seinen Paß gut eingesteckt hatte, bann überrechnete er flüchtig, wieviel er noch an Banknoten besaß. Die Ringe unb Nabeln hatten auch hohen Wert.
In einem ber Abenbzüge verließ er mit kleinem, schnell zusammengekauftem Gepäck Paris und reifte nach Genua, von dort wollte er übers Meer. Ein Ziel würde ihm untverwegs noch einfallen, vielleicht war es diesmal Buenos Aires.
27.
Gegen Abend wurde im Hotel (Continental ein Päckchen für Franziska Radix abgegeben. Es kam vom Grafen Rethel und war von einem Brief begleitet. Franziska las ihn sofort.
„ ... sende ich Ihnen die versprochenen Bilder Ihres Vaters. Wählen Sie davon aus, welche Ihnen am besten gefallen, ober behalten Sie alle, es steht Ihnen frei. Eine angenehme Neuigkeit: Ich hatte Glück und kann mein Versprechen halten, denn es gelang mir, Grevenstein das Diadem wieder abzujagen. Die Juwelenpracht ist allerdings schon stark gelichtet, aber es bleibt
Oie Siegermannschaft ans dem Gerätekaripf in Lollar.
%
O
Die Mannschaft des Vereins für Leibesübungen Lollar (von links nach rechts: Grothe, Bierau, Deibel, Moos), die den Sieger stellte.
(Aufnahme: Scherd, Lollar.)
von notleidenden Mitmenschen, insbesondere von hilfsbedürftigen Kampfkameraden. Der Leiter des Kavallerie-Vereins Gießen, Schneidermeister Hartmann, widmete bem alten Kavalleristen unb 23er» einstameraben ehrenbe Abfchiebsworte, als Sprecher feiner Berufsorganisation roibmete ihm der Leiter des Gaststättengewerbes von Gießen und Umgegend, Leopold Herr, Worte bes Dankes und bes treuen Gebenkens. Zahlreiche Kränze und Blu- menfpenben würben am Grabe niebergelegt.
Arbeitsdienst hat Ruh.
Am morgigen Mittwoch werben 120 Männer des Reichsarbeitsoienstlagers 5/222 „Justus von Liebig" den letzten Ausmarsch aus dem Avbeitsbienstlager am Philosophenwald machen. Es handelt sich dabei um die Kameraden des Arbeitsdienstes, die ihrer gesetzlichen Dienstpflicht mit dem Spaten genügt haben und nunmehr in die Heimat entlassen werden. Die jungen Männer werden morgen Mittwoch, 13 Uhr, geschlossen vom Arbeitsdienstlager ab-
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PUTZT ALLES ^nutdiUL und schönend
immer noch ein gediegener Rest übrig, von dem Sie sich allerlei Schmuck arbeiten lassen können. Vielleicht hat Ihr Gatte bie Güte, mich morgen vormittag aufzusuchen, um bas Diabem in Empfang zu nehmen. Ich brächte es gern selbst, aber ich fürchte, Ihnen burch meine Gegenwart zu mißfallen, unb alles möchte ich eher als bas, feit ich erkannte, wessen ich mich gegen Ihre Eltern unb gegen Sie schulbig gemacht habe.
Verzeihen Sie einem alten Mann, wenn es Ihnen möglich, bas ist meine innige Bitte an Sie.
Ihr ergebener Jean Louis be Rethel."
Franziska reichte den Brief stumm ihrem Manne und öffnete rasch das Päckchen. Es enthielt wohl ein Dutzend Photographien, jüngere und ältere desselben Mannes. Schlank war er, feine Züge waren von geradem, feinem Schnitt, und feine Augen hatten etwas Sonniges, Frohes. Die meisten Bilder stellten ihn in Uniform dar, einmal sah man ihn zu Pferde.
Berthold Radix hatte inzwischen den Bries des Grafen gelesen und betrachtete jetzt ebenfalls die Bilder, sagte leise: „Famos sieht dein Vater aus, Frünze, und sehr liebenswert."
„Wie eigen das ist, daß ich plötzlich weiß, wie mein Vater aussah, als er meine Mutter liebte. Beide sind tot, aber mir ift’s, als gehörte mir das Andenken an die nie gekannte Mutter erst richtig, seitdem ich weiß, wer mein Vater gewesen."
Er nickte ernst. „Ich verstehe dich, Frünze." Gleich darauf lächelte er: „Wenn unser Kindchen groß sein wird, ganz gleich ob Bub ober Möbel, bann soll sein Herz allein entscheiben, so wie es bas meine getan. Der Liebe soll man nicht wehren."
Franziska wählte drei ber Photographien für sich aus, unb bann las sie ben Fries bes ©rafen noch einmal langsam, Wort für Wort. Sie legte ihn beiseite, schlang bie Arme um ben Hals ihres Mannes unb sagte ein wenig ftorfenb: „Du mußt mich nicht etwa für ein rührseliges Geschöpf halten, Ber- thel, aber, weißt bu, es ist in bem Brief ein Etwas, bas quält mich mieber. Das fetzt mir zu. Er tut mir so leib, ber alte Mann, unb nun ich mir meinen Vater vorstellen kann, ift’s, als ob ich ihn sagen hörte, ich solle ihm ein wenig entgegenkommen, ihm, ber boch mein Großvater ist."
Bertholb Rabix nahm ihren Kopf zärtlich in feine Hänbe unb küßte ben weichen jungen Munb
„Tue, was bir bein Herz eingibt, Fränze. Was bu beginnst, ist richtig unb gut!"
21 tn nächsten Vormitag betraten sie zusammen bas Palis Rethel, unb Franziska erklärte bem alten Manne weich unb gütig: „Ich möchte, baß mein einziger Blutsverwanbter uns, meinem Manne und mir, nicht fremb gegenübersteht. Ich bin auch nur em Mensch, ber sich an bas heilig roahre Wort halten muß: Richtet nicht, auf baß ihr nicht gerichtet werbet! Wir wollen uns besser kennenlernen unb gute Freunbschaft schließen, Großvater!"
Da neigte ber alte Herr bas Haupt unb küßte bte Rechte ber Enkelin lange unb anbachtsvoll.
Bertholb Rabix aber nahm bie Linke seiner Frau unb küßte sie ebenfalls, lächelte dann den Grafen an: „Ich bin ber glücklichste Mann der Welt, weil ich in der Lebenslotterie die liebste und klügste Frau gewonnen habe."


