Nr. 298 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 22. Dezember IM
Aus der Stadt Gießen.
Wintersonnwende.
Tag der Wintersonnwende. Mitten im Nebel des Winters hat das Himmelslicht seinen tiefsten Stand erreicht. Nun steigt die Sonne wieder. Das Leben siegt.
Ein Fest der Freude war das für unsere Altvordern. Ein heiliger Gruß zum aufsteigenden Licht war der tiefe Sinn des Mitwinterfestes. In diesen Tagen lag tiefster Frieden über dem Land. Jeder Streit, jeder Zank ruhte. Wer den Julfrieden verletzte, mußte es dreifach büßen. Ueberall herrschte Feststimmung. Tänze wurden aufgeführt und Opfer dargebracht am flammenden Holzstoß. Von dem Sonnwendfeuer trug man den Brand in das Haus und entzündete am Herdfeuer einen schweren Eichenklotz, der weiteralimmte und allen davon erzählte, daß nun das Licht wieder Sieger geworden über die Finsternis.
Das uralte Sonnwendfest war nicht nur auf eine kurze Zeit zusammengedrängt, sondern es umfaßte die Spanne von zwölf Tagen. Beinahe zwei Wochen lang kämpfte die Sonne im Dunkel, überwogen die Nächte. Diese zwölf Nächte, denn die Germanen zählten nicht nach Tagen, wurden die „heiligen" genannt. Mit ihrem Ende stirbt das alte Jahr,' ein neues steigt herauf. In den heiligen Nächten kämpfen die Götter mit den teuflischen Unholden der Finsternis. Die Menschen aber schauen nicht Nur zu. Sie wollen auch kämpfen. Durch Anrufen, Opferbringen und Feuerbrände wollen sie den guten Göttern helfen. Brennende Holzräder werden zu Tal gerollt. Die Asche vom Sonnwendfeuer streut man auf die Aecker, um neue Fruchtbarkeit zu erzeugen.
Den umziehenden bösen Geistern tritt man mit Lärm entgegen. Mit Holzgeräten wird geklappert, mit Peitschen geknallt. Kennen wir heute nicht auch das Lärmen in der Neujahrsnacht?) Haben dann aber die Götter des Lichts jiber die dunklen Mächte der Finsternis gesiegt, dann kommt der helle Schluß des Julfestes, das Freudenfeuer mit Tanz und dem Sprung durch die Glut. Häßlich verkleidete Puppen, die Unholden, werden ins Feuer geworfen und unter Lachen und Höhnen verbrannt ...
So schwingt auch heute noch uralter Brauch und die Erinnerung an die germanische Sonnwendfeier in unserm Herzen mit. Vieles haben wir in unsere Weihnachtsfeier übernommen. Gibt uns das Lichtermeer am Weihnachtsbaum nicht den Widerschein des Julfeuers? Zeugen die Geschenke unter Dem Tannenbaum nicht von unserer Liebe zu allen Familienangehörigen, Freunden und Volksgenossen? So pflegen wir Familiensinn und Nächstenliebe.
Sonnwende! Lodernde Feuerräder, die von der Höhe zum Tale eilen, verkünden den Sieg der Sonne. Die Menschen sind erlöst von dem Dunkel. Voll Zuversicht schauen sie in tue neue lichtbringende Zeit ...
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
SA., NSKK. und die Werkscharen der DAF.: 21 Uhr auf dem vorderen Trieb vor der Volkshalle „Wintersonnwendfeier". — Stadttheater: 15 bis 17.30 Uhr „Schneewittchen". (Ausverkauft.) — Gloria-Palast (Seltersweg): ,,An der blauen Adria". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Heimweh". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 19 Uhr Weihnachts-Kunstausstellung. — Weihnachtsmesse auf dem Oswaldsgarten.
Der rveihnachlsspielplan im Sladllhealer.
Aus dem Büro des Gießener Stadttheaters wird uns geschrieben: Der Weihnachtsspielplan ist so vielseitig gestaltet, daß er jedem Besucher etwas bietet. Am ersten Weihnachtsfeiertag findet die Erstaufführung der Oper „Enoch Arden" von dem jungen Komponisten Ottmar G erst er statt, der der Erstaufführung seines Werkes in Gießen beiwohnen wird. Ottmar Gerfter wurde in unserer Nachbarstadt Braunfels als Sohn eines Arztes ge-, boren, besuchte das Gymnasium in Wetzlar und beschäftigte sich schon als Schüler mit Kompositionsversuchen. Die Uraufführung von „Enoch Arden" fand Ende November 1937 an den Städtischen Bühnen in Düsseldorf statt, seitdem ist die Oper bereits von 42 Bühnen zur Aufführung angenom-
Hilfe für das WHW.
Beamtinnen spenden neue Kleidungsstücke und Wäsche.
Wie seither, so wurde auch in diesem Jahre von den weiblichen Beamten des Reichsbundes Deutscher Beamten e. V. Kreis etter au eine Sammlung für das WHW. veranstaltet. Durch die Hilfsbereitschaft der Beamtinnen konnte ein beträchtlicher Teil neuer Kleidungsstücke und Wäsche an den Gau Hessen-Nassau abgeliefert werden.
Spende eines Deutschamerikaners.
Von Herrn Philipp Keßler in Lang-Göns wurde unserer Schriftleitung heute der Betrag von
vierzig Mark zugestellt, der von dem Deutsch- Amerikaner Karl Keßler, geboren in Großen- Linden, jetzt wohnhaft in Milwaukee (Amerika), als Spende für das W i n t e r h i l f s w e r k des deutschen Volkes an Philipp Keßler in Lang- Göns geschickt worden war. Die Spende wurde uns zur Weiterleitung an die zuständige Stelle ausgehändigt. Der Spender Karl Keßler in Milwaukee fühlt sich mit seiner oberhessischen Stamm- Heimat stets aufs engste verbunden und hat dieser Einstellung auch schon wiederholt durch Stiftungen verschiedener Art zum Besten von hilfsbedürftigen Volksgenossen Ausdruck gegeben. Einen neuen Beweis dieser Verbundenheit soll seine jetzige Spende für das WHW. darstellen. Wir haben den Betrag an die Kreisamtsleitung Wetterau der NSV. in Gießen weitergeleitet.
Gotdaten bescheren 70 Kindern.
*
l
70 Kinder begrüßten freudig den Nikolaus bei den Soldaten.
Das I. Bataillon unseres Jnf.-Rgts. 116 und die Regimentseinheiten (13., 14. Kompanie) hatten auch diesmal wieder 70 Kinder, die von der NSV. vorgeschlagen waren, zu einer Weihnachtsfeier in die Bergkaserne eingeladen. Pünktlich erschienen die Kinder, zum Teil allein, an der Hand von Geschwistern oder mit der Mutter. Die Soldaten hatten die Feier mit militärischer Gründlichkeit vorbereitet. Auf weißgedeckten Tischen, die mit Tannengrün und Lichtern geschmückt waren, standen gehäuft volle Schalen mit Backwerk, Schokolade, Aepfeln und Nüssen; ferner waren richtige Kuchenberge auf- gebaut.
Als die Musik mit einem Weihnachtslied die
Feier begann, marschierten die Kinder in geschlossenem .Zuge ein. Bald füllte lebhaftes Lachen und Plaudern den Saal, hatte jedes Kind feinen Platz und fühlte sich heimisch. Nachdem gemeinsam das Lied vom Tannenbaum gesungen war und der Re-, gimentskommandeur, Oberst H e r r I e i n, eine kurze, herzliche Ansprache gehalten hatte, begannen die Helferinnen mit großen Kannen die Runde und jedes Der Kinder konnte Schokolade trinken, so viel es wollte. Da Hub denn ein vergnügtes Schmausen an. Die Kuchenberge schmolzen unter dem kindlichen Zugriff rasch zusammen, und was nicht bewältigt werden konnte, wurde mit Aepfeln, Nüssen und
Backwerk in eigens dafür vorgesehene Tüten verstaut. Den Höhepunkt der Feier bildete dann das Erscheinen des Nikolaus, dem von einigen Kindern schöne Verse aufgesagt wurden, worauf dann jedem Kinde ein Geschenk überreicht wurde. Für die Mädchen gab es Puppen,' Stickkästen und mancherlei Spiele, für die Knaben hatte der Nikolaus Baukästen, Eisenbahnen und ebenfalls mancherlei kindliche Gesellschaftsspiele bereit. Mit dem gemeinsam gesungenen Lied „Stille Nacht, heilige Nacht" klang die Feier aus. Dankbar, satt und hochbeglückt schieden die Kleinen aus der Kaserne und begaben sich nach Hause. — (Aufn.: Neuner, Gießeiner Anzeiger.)
men worden. Musikalische Leitung Paul Walter, Spielleitung Wolfgang Kühne, Einstudierung und Leitung der Chöre Heinz Markwardt, Choreographie Irmgard Zenner, Bühnenbild Karl Löffler. Die in eigener Werkstatt hergestellten Kostüme sind entworfen von Sophie Buchner, ausgeführt von Willy E n d r i ch. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Anfang 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr.
Der zweite Weihnachtsfeiertag bringt eine Wiederholung des großen Märchenerfolges „Schneewittchen" nach Grimm von Trude Wehe. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim, musikalische Leitung Heinz M a r k w a r d t, Tänze Irmgard Zenner, Bühnenbild Karl Löffler. Da bisher jede Vorstellung des Märchens ausverkauft war, ist es ratsam, die Karten möglichst bald im Vorverkauf zu entnehmen. Die Vorstellung beginnt um 15 Uhr und endet 17.30 Uhr. — Am Abend auf vielseitigen Wunsch Wiederholung der großen Erfolgsoperette „Eine Nacht in Venedig" von Johann Strauß. Musikalische Leitung Joachim P o p e l k a ,
Spielleitung Karl Ludwig Lindt, Tänze Irmgard Zenner, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet außer Miete statt und beginnt um 19 Uhr, Ende 22 Uhr.
HZ., Bonn und Zungbann 116.
Belr.: Weihnachlsurlaub.
Der diesjährige Weihnachtsurlaub des Bann- und Jungbannftabes beginnt am Mittwoch, 22. Dez., um 16 Uhr und endet am Dienstag, 4. Jan. 1938.
Belr.: kameradschafksabend am 23. Dezember.
Arn kommenden Donnerstag, 23. Dez., 20.15 Uhr, findet, wie im Vorjahre, in Gießen ein Kameradschaftsabend aller Unterbannführer, Gefolgfchafts- führer und Stellenleiter des Bannes 116 statt. Die Genannten Führer haben sich am 23. Dezember bis 20.15 Uhr auf der Dienststelle einzufinden.
Belr.: Winlersonnwend-Feier.
Auf Anordnung des Reichspropagandaleiters finden die Sonnwend-Feiern in diesem. Jahre am
22. Dezember statt. Die Wintersannwende wird von allen Standorten der Hitler-Jugend gefeiert. In größeren Orten feiert die HI. die Sonnwend-Feier wie im vorigen Jahre mit der jj. Für die Durchführung der Sonnwend-Feier in Gießen if? Unter» bannführer Dr. Schneider verantwortlich.
Belr.: 2. Lehrgang auf der Bannsührersck)ule.
Ich erinnere hiermit an die Beschickung Des 2. Lehrganges auf der Bannführerschule in Nieder- Wöllstadt vom 9. bis 15. Januar 1938. Die Ein- berufungspapiere gingen den Einheiten bereits zu.
(^DMwtRMrötiWroiit
Sporfamt 7lSG. „Straff durch Freude".
In den Weihnachtsferien vom 23.12.1937 bis einschließlich 3.1.1938 fallen sämtliche Sportkurse der NSG. „Kraft durch Freude" in Gießen aus. (8519D
Ruhl adio eparaturen
Seliersweg Nr. 67
Telephon Nr. 3170
1897 D
Der Weihnachtsmann in der Arbeiterunterkunst „Waldeslust".
Eine schöne Weihnachtsfeier wurde am gestrigen Dienstagabend im großen Speisesaal der Arbeiterunterkunst „Waldeslust" den Arbeitern bereitet. Zu der Feier erschienen für die DAF. Kreisobmann Hermann Wagner, für die Bauleitung Bau- (eiter Ei chholz, für das Arbeitsamt Oberregie- rungsrat Dr. List, außerdem nahmen die Betriebsführer, Architekten und Ingenieure teil. Der Saal war mit zwei Weihnachtsbäumen, mit Adventskränzen und vielen Tannenzweigen geschmückt.
Nach gemeinsamen Abendbrot und nach dem Liede „O Deutschland hoch in Ehren" hielt Kreisobmann Wagner eine Ansprache, in der er betonte, daß nach einem Jahre schwerer Arbeit und nach erfüllter Pflicht alle ein Recht zur Freude
hätten. Auf das, was geleistet worden fei, dürften auch die Versammelten stolz sein. Was der Führer zu den Reichsautobahnarbeitern gesagt habe, gelte auch für die Kameraden der Arbeit an dieser Stelle. In weiteren kurzen Darlegungen sprach Kreisobmann Wagner noch über die sozialen Maßnahmen im neuen Deutschland und wünschte zum Schluß den Arbeitskameraden ein schönes Fest im Kreise ihrer Lieben zu Hause.
Bauleiter E i ch h o l z stattete den Arbeitern den Dank für ihre tatkräftige Mitarbeit ab, und bezeichnete das vergangene Jahr als ein Jahr des Erfolges. Er forderte auf zur Dankbarkeit gegenüber dem Führer, der uns den Frieden sichere, während allenthalben jenseits unserer Grenzen Aufruhr und Krieg herrsche. So wollten wir nun stille Einkehr halten, Weihnachten würdig begehen, weiterhin in Achtung und in treuer Kameradschaft zusammenstehen, denn ohne Achtung und Kameradschaft sei ein Erfolg nicht möglich. Auch er wünschte den Kameraden ein frohes Weihnachtsfest und jedem ein erfolgreiches neues Jahr.
Lagerleiter F a u l ft i ch gedachte dann in kurzen Worten des Führers, und in das dreifache Sieg- Heil auf den Führer stimmten die Arbeitskameraden begeistert ein.
Nachdem Kamerad Seitz vom Stadttheater mit einigen humorvollen Schnurren in oberhessischer Mundart aufgewartet und herzlichen Beifall gefunden hatte, kam der Nikolaus, Gert Geiger, und brachte jedem Arbeitskameraden ein stattliches Weihnachtspaket. In hübsches buntes Papier eingepackt und verschnürt fand jeder Arbeitskamerad in feinem Paket zwei Paar gute wollene Strümpfe, fünf Zigarren, ferner Zigaretten, Aepfel und Wech- nachtsgebäck vor. Gleichzeitig wurde Tee — ein Schuß Rum war darin untergebracht — in großen Mengen ausgegeben, fo daß die Festfreude vollkommen wurde. Die herzliche Dankbarkeit für die schöne Weihnachtsfeier kam übermächtig in dem ipit großer Andacht gesungenen Liede „Stille Nacht, heilige Nacht" zum Ausdruck.
Mamanten-Komödie
Vornan von Horst Biernath.
12. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Nie! Das niemals!" schrie Humphrey wild. u,Unb wenn ich im Kielschwein pennen müßte oder tn einem Rettungsboot! Aber mit dem Kerl zu- Ifammen? Nie!"
„Seien Sie doch vernünftig!" mahnte Zanten Ibegütigenb. ,^Sie haben ja gehört, daß es mit dem Siamantenraub nichts ist."
2Iber Humphrey blieb jedem Zuspruch unzugänglich. „Ein Zufall, daß er die Diamanten nicht er» mischt hat! Doch ich bleibe dabei, daß er ein Gau- mer und Bandit ist! Und schließlich: Wenn er das «auch nicht wäre — aber mir ist der Kerl einfach miderwärtig! Einfach unausstehlich? Ich kann den Burschen nicht riechen! Verstehen Sie?!"
Kapitän Zanten griff nach seiner betreßten Dienstmütze und stülpte sie über seinen Schädel. „Ja", jagte er mit bedauerndem Achselzucken, „da kann | man nichts gegen tun, mein Junge. Andere Vorschläge oermaa ich Ihnen im Augenblick nicht zu »unterbreiten. Also: Wenn Sie durchaus an Bord bleiben wollen, dann müssen Sie eben selber zu- jjehen, wie Sie unterkommen!"
Es war offensichtlich, daß der wackere Onkel Paul einen wesentlichen Teil seiner sonst so guten Vanne eingebüßt hatte.
„Nehmen Sie mir's nicht übel, Onkel Paul! Sat Humphrey bestürzt, als er das Barometer so iiallen sah. „Aber Sie müssen mich verstehen: Der Kerl ist in meinen Augen ein Ekel."
„Schon gut, schon gut", brummte der Alte. „Aber weshalb, zum Teufel, waren Sie nicht fünf Minuten vor ihm bei mir? Jetzt natürlich ist guter Rat !:euer..." Auf der Schwelle hielt er Humphrey noch einmal fest. Er überzeugte sich durch einen -aschen Blick in die Runde, daß kein Lauscher in ber Nähe war. „Und, wie gesagt, mein Junge, wegen der Diamantengeschichte hab' ich Ihr Wort? Kein Mensch darf was davon erfahren, daß die geraubten Koffer Kieselsteine enthielten! Auch die jmnge Dame nicht, deren Kabine Sie so reichlich nit Gemüse geschmückt haben!"
Humphrey nickte eifrig: „Sie können sich felsenfest auf mich verlassen, Onkel Paul!"
Zanten verabschiedete sich mit einem herzlichen Handschlag und kletterte breitbeinig mit schwingenden Hangelbewegungen die eiserne Treppe zur Brücke empor.
Humphrey blieb noch eine Weile unschlüssig vor der Kabinentür stehen. Dann entsann er sich seiner Verabredung mit Carola, sie im Speisesaal aufzusuchen, und ging sehr langsam und etwas topplaftig, wie ein Segler, Hessen Ladung verrutscht ist, über das Bovtsdeck zu' den Gesellschaftsräumen.
Ja, die Unterredung mit Onkel Paul hatte ihm einen schweren Stoß versetzt. Aber er gehörte zu den zähen Naturen: Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, das blieb dort fest wie angenietet. Und natürlich war und blieb Martini, schuldig ober nicht, ein Bandit! Man mußte ihm auf den Fersen bleiben. Eine innere Stimme gebot das, ein Jägerinstinkt, eine dunkle Vorahnung kommender Ereignisse. Hatten sich nicht schon in den letzten Stunden mancherlei Dinge ereignet, die zumindest merkwürdig waren? Eine ansehnliche Reihe seltsamer Zufälle — und eben dem Anschein bloßer Zufälligkeit dadurch entrückt, daß ihrer so viele waren; wenn man sie miteinander in Zusammenhang brachte, bekamen sie plötzlich ein anderes Gesicht'. Da war einmal der erste Zufall, daß Herr Martini den „General Smuts" versäumt und im letzten Augenblick die Fahrgelegenheit mit der „Catharina" erwischt hatte... Und dann auch schon Zufall Nummer zwei: Ausgerechnet an Bord der „Catharina" befanden sich — angeblich als Vergnügungsreisende — zwei bei Martinis Anblick sehr aufgeregte Herren von derselben Minerva- Mine, deren Panzerwagen mit einem vvrgetäusch- ten Transport wenige Stunden vorher überfallen worden war... Und nun kam der gute Onkel Paul und erzählte klipp und klar, der beraubte Transport hätte aus Kieselsteinen bestanden... Bitte sehr! Wie war denn das möglich, daß Zanten überhaupt Dorf diesem von der Minengesellschaft doch zweifellos mit größter Heimlichkeit vorbereiteten Transport wußte, aber keine Ahnung hatte ober keine Ahnung haben wollte, wo sich bie echten Steine befänden? Und weshalb feine ängstlichen Ermahnungen, ja nichts von dieser Geschichte verlauten zu
lassen? Wer konnte dem richtigen Transport hier von Bord aus etwas anhaben, wenn — ja, wenn bie Diamanten sich eben nicht an Borb selbst be- fanben? Teufel ja! Humphrey erschrak fast vor sich selber, vor der Schärfe unb Klarheit seines Denkvermögens. Unb plötzlich fuhr es ihm burch bie Knochen: Wenn nun Martini genau so viel wußte wie Zanten unb wie er selbst? Wenn Martini aus irgendwelchen Quellen erfahren hatte, was sich in bcn Koffern bes überfallenen Transports befunben hatte? v
Humphrey tappte bstnblings vorwärts. Wie burch ein Wunber kam er ohne Sturz am Fuß einer Wintfche vorüber unb rannte sich auch nicht ben Schöbel am Oberbau ber Brückentreppe ein. Er stand, ohne recht zu wissen, wie er borthin gekommen war, vor ber Speisesaaltür, drückte sie auf unb besann sich plötzlich, baß er ja gekommen war, um Carola zu treffen.
Wahrscheinlich aber hatte Carola feine Unter» rebung mit Zanten zu lange gebauert; benn er suchte sie auch hinter ben Säulen unb in ben Nischen vergeblich. Der Saal war fast leer. Der größte Teil ber Fahrgäste hatte sich nach bem ersten Imbiß in bie Kabinen zurückgezogen, um sich für bie lange Ueberfahrt wohnlich einzurichten.
Zu ben wenigen noch Anwesenben gehörte bas Ehepaar Smith. Dem Asketenleib des Reverenbs sah man ben gefunben Appetit, ben er entwickelte, nicht ohne weiteres an. Seine Gattin, bie ihr Mahl bereits beenbet hatte, fanb bafür um so mehr Zeit, ihn liebevoll zum Zulangen zu ermahnen unb baran zu erinnern, baß bei ben unsicheren Wetter- verhältnissen bes süblichen Atlantiks kein Mensch Vorhersagen könne, ob es ihm morgen auch noch schmecken würbe.
Humphrey bemerkte ferner eine Dame in reiferen Jahren, bie aus unerfindlichen Grünben in großer Eile Ansichtskarten beschrieb, als befänbe sich ber nächste Briefkasten in unmittelbarer Nähe, unb schließlich ein älteres Ehepaar, fraglos Rentner, bie aus Mangel an Beschäftigung zur Anhängerschaft Fletchers gehörten unb jeben Bissen unter schwerer geistiger Anstrengung sechsunbbreißigmal unter bie Zähne schoben. Humphrey zählte mit, aber er ertappte weber ihn noch sie auf einem Irrtum.
Die Stewarbs räumten bie verlassenen Tische ab. Beim Anblick der Schüsseln zog sich Humphreys Magen schmerzhaft zusammen unb gemahnte ihn daran, baß fein heutiger Morgenimbiß aus zwei Flaschen Selterswasser und einer Rolle Pfefferminztabletten bestauben hatte. Er nahm also an einem hellen Fenstertisch mit Aussicht aufs Sonnenbeck Platz unb ließ sich vier weiche Eier, eine Doppel» Portion Schinken, Sarbinen, Appetitbissen, Lachs unb Brot auftragen unb verzehrte biefes kleine Frühstück mit einer Hingabe, bie schon beinahe schamlos zu nennen war. Erst später, beim zweiten Glas Portwein unb ber ersten Zigarette, roanbte er seine Aufmerksamkeit wieder ber Umwelt zu und gewahrte plötzlich, baß sich unter ben Mitreisenben, bie sich's inzwischen auf^ben Liegestühlen bes Son- nenbecks beguem gemacht hatten, auch Martini beraub.,
Das lenkte feine Gebauten augenblicklich in die alten Gleise. Er beobachtete Martini lange und war sicher, hinter ber Tüllgarbine selber nicht gesehen zu werben.
Martini trug ein Buch unterm Arm, einen karminrot eingebunbenen, ziemlich dickleibigen Wälzer. Er wählte seinen Plötz mit viel Sorgfalt und rückte ben Stuhl lange hin und her, bis er in einer erwünschten Lage stand.
Humphrey auf feinem Posten kniff die Augen zusammen; er verfolgte jede Bewegung des anderen mit grimmiger Genugtuung. Jawohl, mein Junge, stell dich nur harmlos! Mach dir's recht bequem und lies deinen Schmöker! Aber mich führst du mit deiner frommen Maske nicht hinfers Licht, alter Wolf im Schafspelz! Mich nicht! An mir wirst du dein blaues Wunder erleben!
Ach, Humphrey war von einer wunderbaren Gelassenheit erfüllt; er fühlte sich seiner Nerven so sicher, als ginge es zum Scheibenschießen. Er streckte feine Beine behaglich unter den Tisch und rauchte feine Zigarette mit Genuß zu Ende. Dann stand er auf unb reckte sich. Er spannte seinen Körper und empfanb mit freubiger Genugtuung, wie feine Muskeln hart unb febernb sich strafften. Er wölbte ben Brustkasten unb horchte auf seinen Atem. Sein Herz schlug ruhig... Er nickte befriebigt: Er war tadellos in Form'
(Fortsetzung folgt.)


