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Ur.22' Zweites Blatt
Mittwoch 22. September |937
Gießener Anzeiger tGeneral-Anzetger für Oberhessen)
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wickeln. Vielfach litt der Blüteoerlauf im Frühling unter der Nässe oder unter dem kalten Wetter, das Ende April und anfangs Mai herrschte. Deshalb war auch der Ertrag an Kirschen, Mirabel - l e n und Frühpflaumen mäßig. Besser hielten sich dagegen Pfirsiche, vor allem an der Bergstraße, im Rheingau und im Taunus. Als gut wird die Ernte in Zwetfchen bezeichnet, allerdings mit Ausnahme, denn es gab Orte, die fast keinen Behang an den Zwetschenbäumen zeigten, während in den Nachbardörfern durchaus zufriedenstellende Ernteerträge vorhanden waren. Ganz allgemein
LPD. Das Rhein-Main-Gebiet hat nicht nur für die heimische Obstversorgung besondere Bedeutung, sondern es ist darüber hinaus auch Lieferant für weite, weniger obstreiche Landstriche unserer Heimat.
schon Ende August und anfangs September den Märkten. .
Viel Aepfel, Birnen knapper.
Sehr zufrieden kann man mit dem Ertrag Aepfelbäume sein, die im Taunus, in W e t t e r a u , im Rheingau, im Ried und an
des Rhein-Main-Gebietes mindestens normal, gut gewesen ist.
Steinobff litt unter der Nässe.
Weniger günstig konnte sich das Steinobst
Ausgezeichnete Beerenernte.
Ueberall im Rhein-Main-Gebiet war die Beerenernte, soweit es sich um Johannis- und Stachelbeeren handelte, recht gut, so daß nicht nur der häusliche Bedarf voll gedeckt werden konnte, sondern auch genügende Mengen für die Marmeladefabrikation übrigblieben. Ungleichmäßiger ist die Erdbeerernte ausgefallen, die unter der Trockenheit litt. Mengenmäßig dürfte der Ertrag des Vorjahres in den meisten Erdbeergemeinden nicht erreicht worden sein, obwohl der Fruchtansatz ungewöhnlich reich war. Aber die Erdbeere braucht nicht nur warmes Wetter, sondern auch Nässe. Heidelbeeren gab es reichlich in den ersten Erntewochen. Die «Sammler in den Wäldern des Taunus, des Odenwaldes und der Pfalz fanden die Sträucher übersät mit den leckeren blauen Beeren, aber die späteren Sorten fielen vorzeitig ab, da ihnen Feuchtigkeit fehlte. Das gleiche' gilt von den Himbeeren, die frühzeitig zu Ende gingen. Dafür gab es aber große Mengen Brombeeren. Man kann wohl sagen, daß in einzelnen Gegenden, etwa an der Bergstraße und im Rheingau, die Beerenernte überdurchschnittliche Erträge gebracht hat, und daß sie in allen andern Orten
fache wird ihm immer wieder entgegentreten: Es besteht ein allgemeines Mißverhältnis zwischen den Abmessungen der verfügbaren Wohnräume und den allgemeinen angebotenen Möbelstücken. Fast noch schlimmer aber ist es zu bewerten, daß Möbel in der für ihn als Inhaber einer Kleinwohnung gegebenen Preisgrenze meist nur minderwertige Nachahmungen teurer Möbelformen darstellen.
Es erwächst für Hanhwerk, Industrie und Handel die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß geeigneter Kleinwohnungshausrat -auf den Markt kommt, der frei ist von kurzlebigen modischen Einflüssen und sich zugleich in der Preisgestaltung der Kaufkraft der Mehrheit unserer Volksgenossen anpaßt. Durch das Reichsheim st ättenamt der Deutschen Arbeitsfront ist mit der Herausgabe grundlegender Bestimmungen über Siedlerhausrat und mit den in Gemeinschaftsarbeit festgelegten Lieferbedingungen für Siedlerhausrat bereits vorbildliche Arbeit hierfür geleistet worden ebenso durch das Hausratzeichen der Deutschen Arbeitsfront. Durch die Werbeschau des Deutschen Möbels soll nun erreicht werden, daß innerhalb der Gesamtherstellung guter deutscher Möbel auch der Hausrat für Kleinwohnungen und Siedlungsbauten stärker als bisher gepflegt wird.
Hausrat für Kleinwohnungen
N S G. Wer heute als Kleinwohnungsinhaber mit bescheidenen Einkünften vor der Aufgabe steht, den Hausrat zu beschaffen, kennt die Schwierigkeiten, die ihm auf der Suche nach geeigneten Einrichtungsstücken begegnen. Vor allem die eine Tat-
Gute Obsternte im Rhein-Main-Gebiet
Aber keineswegs gleichmäßiger Behang.
ren studier! er die Bücher: „W ie baue i cb ein Einfamilienhau s?" Skizzen hat er schon mehrere gemacht; in zehn Jahren wäre er vielleicht so weit gewesen. Um so schöner, daß dieser Wunsch schon jetzt in Erfüllung gehen kann. Für ihn ist das Problem jetzt gelöst/.,Wie baue ich ein Einfamilienhaus?" Mit Hilfe der Preußisch-Süddeutschen! Uebrigens spielt er auch schon länger als zehn Jahre in der Lotterie, früher nur in einer anderen Stadt Er wird weiter spielen.
Nachdem wir auch der Frau weiterhin viel Glück und vor allem gute Erholung gewünscht haben, scheiden wir. Acht Leute — und jeder 50 000 Mark. Wieviel Menschen mögen an diesem Glück teilhaben? Aber das muß man sagen: Haltung haben die Hallenser! Sie lassen sich durch nichts aus der Ruhe, aus dem durch Arbeit und Pflicht oorge- schriebenen Gleise bringen, selbst nicht durchs Große Los.
Das muß man sagen: Die Verwaltung der Preußisch - Süddeutschen Klassenlotter i tz arbeitet präzise und schnell, musterhaft: Punkt neun Uhr wurden, unter Höchstspannung eines mit Zuschauern vollbesetzten Saales, die Glücksräder in Bewegung gesetzt. Zweimal ein tonvolles „Hm", was Einsatzgewinn oder 150 Mark bedeutet — bann: „300 Mark!" Das Große Los auf Nummer 1 96 7 1 0. Fünf Minuten später wissen wir bereits, daß bas Los in Vierteln gespielt wirb, in ber einen Abteilung in Schlesien, in ber anberen Abteilung in Halle.
Wir steigen in ben kleinen Wagen: Auf nach Halle; wir sollen dabei sein wenn ben Glückspilzen bie Freudenbotschaft überbracht wird. In Vierteln wird das Los gespielt? Das sind je 200 000 Mark für jeden, märchenhaft. Wir fahren über die Avus, Potsdam liegt bald hinter uns. Das Laub der Bäume zeigt den Frühherbst an; goldbraun, wein- rot, dunkelgrün — das gibt einen kräftigen Farbakkord. lieber dem Fläming pfeift ein unfreundlicher Wind; wir ziehen die Mäntel fester und schlagen den Kragen hoch. Aber den Windmühlen, die hier noch nicht durch die moderne Technik umgelegt wurden, ist dieser Wind gerade recht. Wittenberg, bie Lutherstadt, ist freundlich geschmückt, Stadtkirche, Schloß und Schloßkirche bilden eine imposante Silhouette. Jenseits der Elbe ändert sich das Landschaftsbild. Reichs-Elektrowerke, Braunkohlenbergbau, Fabrikanlagen — das ist die moderne Industrielandschaft, reizvoll unterbrochen durch hochgelegene Ortschaften, weitragende Kirchtürme und einige wenige Wälder.
Halle finden wir in einiger Aufregung. Die Zeitungsfilialen sind umlagert. Freudestrahlend empfängt uns der Lotterieeinnehmer, dem unser Kommen telephonisch angekündigt ist. „Endlich ist das Große Los nach Halle gefallen, fast sah es schon so aus, als wollten die Berliner es stets für sich haben!" Wir erklären ihm, daß doch Berlin 20maI so viel Einwohner hat, wie Halle, daß die Berliner außerdem sehr fleißige Lotteriespieler seien, daß die Berliner verhältnismäßig nicht mehr gewännen als bie Provinz. Ader keine langen Reben wir wollen boch bie Freubenbotschaft überbringen.
Zu Dritl fahren wir los, in bie östliche Vorstabt. Es ist niemanb zu Haus. Also kehrt — an bas entgegengesetzte Ende ber Stadt. Hier wohnt ein Spieler, der sogar zwei Viertel hat. „Bei mir spielt er Zum ersten Male; ich kenne ihn gar nicht", erzählt unser Einnehmer. Wir kommen in eine kleine Straße, die alle Bausünden der Vorkriegszeit aufweist — unfreundliche, schmucklose Miethäuser, dazwischen Lagerplätze und kleine Industrieanlagen. Hier soll jemand wohnen, der demnächst 400 000 Mark sein eigen nennt? Dafür kann er ja die ganze Straße kaufen! Wir haben kein Glück mit den Glücklichen. Auch dieser ist nicht zu Hause; er kommt erst gegen Abend von der Arbeit.
Den dritten Spieler fassen wir endlich. Aber leider — eine Unterhaltung mit ihm ist unmöglich. Mit Geld hat er täglich zu tun, mit viel Geld sogar. Er ist Kassierer eines großen Unternehmens. In aller Kürze teilt ihm der Lotterieeinnehmer mit, warum hier plötzlich drei Mann bei ihm erscheinen. Skeptisch hört der Spieler, was ihm gesagt wird. Das Große Los? Er begreift nichts, er denkt viel zu sehr an seine Arbeit, an seine Kasse. Erst als er die Botschaft zum zweitenmal vernimmt, da zuckt es plötzlich über sein Gesicht, er lacht, wir beglückwünschen ihn unauffällig — aber er kann hier ja nicht fort, er kommt morgen. Etwas verdutzt steigen wir wieder in den Wagen „Wenn einer 30 Jahre oder länger seine Arbeit tut und nichts als seine Pflicht kennt und darüber, wie dieser hier, alt und grau geworden ist, dann gidt's nichts, was ihn von seiner Pflichterfüllung abhalten könnte. Und wenn's das Große Los wäre!" Ob er bas Los allein spielt? Wir wissen es nicht.
Stippvisite bei Glückspilzen
Wenn man das Große Los gewinnt...
Gegen Abenb sind wir wieder vor dem kleinen Haus in der östlichen Vorstadt. Das hier ist ein alter Bekannter, ein treuer Kunde unseres Einnehmers. „Heil Hitler! Herr M., wir haben wieder einmal einen Heinen Gewinn gemacht!" „So, wieviel ist es denn?" Erst jetzt bemerkt der Spieler, ein rüstiger älterer Mann, daß der Einnehmer nicht allein gekommen ist. „Nicht aufregen, es ist dieses- mal eine ganze Menge, es hat sich gelohnt, es ist das Große Los!" „Wie ist denn das möglich?" Etwas blaß ist er doch geworden; aber er faßt sich schnell. Wir müssen es ihm schwarz auf weiß zeigen, daß es seine Nummer ist, die das große Rennen gemacht hat Etwas spät kommt es ja, das große Glück. Er ist, was man ihm nicht ansieht, an die 70 Jahre, und seine Frau ist schon einige Jahre tot. Sein Leben lang hat er tüchtig arbeiten müssen; vom Lehrling zum Handwerksmeister ist ein schwerer Weg Den Betrieb hat er zwar seinem Sohn übergeben, aber er hilft immer noch ordentlich mit. Jetzt wird er’s sich etwas bequemer einrichten; um Dummheiten zu machen, dazu ist er ja zu alt. Immerhin, wenn er so alt wird, wie seine Eltern, dann hat er noch gute 30 Jahre vor sich. Die weitere Unterhaltung ergibt, daß »rein alter Kunde der Preußisch-Süddeutschen ist. Wohl an die 40 Jahre spielt er schon. Glück hat er öfter in seinem Leben gehabt. Schon einmal hat er einen Hauptgewinn gemacht; in einer Tombola gewann er einen Flügel. „Die jungen Leute? Die bekommen vorläufig keinen Pfennig! Die sollen arbeiten. Ich habe auch mehr als 50 Jahre vom Morgen bis in die Nacht arbeiten müssen." Er wird alles in Ruhe abwarten. Wenn das Geld ba ist, bann wirb er sich entschließen, wie es angelegt wirb. Einige Verwanbte, ja, bie wirb er unterstützen. Da ist einer, ber vor Schulden nicht aus ben Augen gucken kann; ein anberer kommt auf keinen grünen Zweig, weil sein Betriebskapital zu klein ist. Und diese Nacht, versichert er, wird er genau so gut schlafen wie sonst; eine Flasche Bier wird er trinken, weiter nichts. Was hat der Mann für Nerven! Sie sind vielleicht das Geheimnis seines erfolgreichen Arbeitslebens, seines großen Glücks.
Aber es ist dunkel geworden, höchste Zeit, noch einmal zu unserem dritten Mann zu fahren. Jetzt ist er zu Hause; er wußte es schon. 400 000 Mark — feiert er jetzt ein rauschendes Fest? Fließt der Sekt in Strömen? Nichts von alledem; als wir kommen, sitzt er an seinem Schreibtisch, schon wieder über seine Arbeit gebeugt. Strahlend nimmt er unsere Glückwünsche entgegen. Er hatte, auf dem Wege nach Hause, im Vorübergehen eine Zeitungsüberschrift gelesen, so obenhin auch die Nummer gesehen. Einige Schritte weiter kommt ihm der Gedanke: „Ist das nicht deine Nummer?" Zurück und noch einmal gelesen — 106 7 10! Ob's nicht ein Druckfehler ist? An einer anderen Zeitung die Nummer noch einmal geprüft und nun im Eilschritt nach Haus, bis er die beiden Viertellose in Händen hat — die Nummern stimmen! Ob er allein spiele? „Wo denken Sie hin? Acht Mann teilen sich in den Gewinn, alles technische und kaufmännische Angestellte." Acht Mann, da bekommt jeder 50 000 Mann. Gebrauchen können sie's alle. Einer hat sich ein kleines Haus gebaut und wußte schon nicht, wie er es durchhalten sollte. Mehrere haben eine große Familie.
Bei ihm selbst fommt’s gerade zur rechten Zeit. Seine Frau, seit Jahren schwerkrank, kann nun endlich eine Kur machen. Seinem Vater, dessen Grundstück demnächst zur Zwangsversteigerung kommen sollte, wird er vor einem argen Schicksal bewahren. Vier Jahre Krieg und drei Jahre Arbeitslosigkeit sind schließlich auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen Sein Arbeitseinkommen kann er jetzt verbrauchen; die Kinder werden eine
Bergstraße gut trugen, wobei es allerdings erheblich mehr Wirtschaftsobst gibt Die besseren, aber auch empfindlicheren Sorten, tragen auch in guten Aepfeljahren nicht so reich. In manchen Dörfern hätte der Ertrag der Aepfelernte noch wesentlich besser sein können, wenn man auf die pflegliche Behandlung der Obstbäume sorgfältiger achten wollte. Den Birnen hat das Wetter während der Blüte nicht zugesagt, es war zu kalt. Die Befruchtung ließ deshalb zu wünschen übrig, in einigen Gegenden haben auch späte Nachtfröste den ohnehin geringen Behang schwer geschädigt. Wohl werden augenblicklich genügend Birnen angeboten, aber die Vorräte sind mefft nicht sehr groß, vor allem in den besseren Sorten. Wirtschaftsbirnen gibt es am meisten, da sie auch keineswegs so empfindlich sind, wie die besseren Birnen und das Spalierobst.
Nußernle sehr gut.
Schließlich darf man die ungewöhnlich gute Nußernte nicht übersehen, die dieser Herbst gebracht hat. Sie wird an der Bergstraße als Rekordernte bezeichnet, im Rheingau ist sie gut, im Taunus ist man mit der Nußernte zufrieden. Da nach den Nüssen erhebliche Nachfrage besteht, dürsten in den nächsten Jahren zu den zahlreich angepflanzten neuen Nußbäumen noch weitere hinzukommen.
^unbfunfprogramm
Donnerstag, 23. September.
6 Uhr: Choral, Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Bäderkonzert. 10: Schulfunk. 10.30: Hausfrau, hör zu! 11.40: Deutsche Scholle. 12: Mittagskonzert. 13: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Dem Opernfreund. 15: Volk und Wirtschaft. 15.15: Für unsere Kinder. 16: Operettenmusik im Wandel der Zeit. 18: Zeitgeschehen im Funk. 19: Kunterbunt??? Ein buntes Mosaik von Sendungen. 20: Nachrichten. 20.10: Kunterbunt??? 21.15: Konzert. 22: Nach- richten (auch aus dem Sendebezirk), Sportbericht.
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Deutsche Tragödie.
Zu Jürgen Lsiullenwevers 40V. Todestage.
In einer Zeit gewaltiger Umschichtungen, als Martin Luther seine Thesen an die Pforte der Wittenberger Schloßkirche heftete, als die unfreien Bauern aufbrachen, die Bürger sich gegen die Bevormundung ihrer Patriziergeschlechter erhoben, als das Reich von Karl V., dem spanischen Habsburger, regiert wurde, stand in Lübeck Jürgen Wullen- w e v e r auf, ein Hamburger Bürger, gewann die Liebe der Lübecker, stürzte die Patrizier und brachte das Gemeinwesen ans Regiment. Er war ein Revolutionär in des Wortes bester Bedeutung. Aber er war mehr als einer der vielen Revolutionäre feiner Zeit, er begnügte sich nicht mit dem, was seine Zeit charakterisiert: mit einem Kleinkrieg um eine Standesmacht, deren Interesse nicht über eng- begrenzte Bezirke hinauszuwachsen vermochte. Jürgen Wullenwever war einer jener vereinzelten Männer zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die eine deutsche Idee vertraten; er selbst war erfüllt von ihr wie kaum jemand vor ihm. Darum hat die Geschichte ihn in die Reihe der großen Deutschen gestellt.
Seine Tragödie steht nicht allein, aber ihr Ausgang ist einer der beklagenswertesten. Unverstanden in seinem heroischen Bestreben, gehetzt von .übermächtigen Gegnern, verraten von der Unzulänglichkeit derer, für die er feinen Kampf führte, von Mißgunst verfolgt und von Eigensucht seiner Nächsten gefangen, ein Handelsobjekt seiner Bezwinger, starb er nach dem Spruch eines ungesetzlichen Bauerngerichts, das feine Feinde bestachen, am 24. September 1537 am Tollenstein bei Wol- senbüttel unter dem Richtschwert des Henkers.
Bis in das vergangene Jahrhundert hielt sich das Urteil, das weltliche und gesetzliche Machthaber über Jürgen Wullenwever gefällt hatten, und noch heute begegnet man Ansichten, die das Urteil der Geschichte nicht wahr haben möchten, das den Pro- I zeß Wullenweoers als den „scheußlichsten Justizmord der deutschen Vergangenheit" anprangert.
Entartete Patriziergeschlechter hatten die Hanse an den Rand des Verderbens gesteuert; der große Verband war auseinandergefallen in die Wester- finge, die niederländischen und die Osterlinge, die deutschen Städte; Schweden, Dänemark und Norwegen hatten sich dem deutschen Einfluß entzogen. In der letzten Stunde der Hanse begann Jürgen Wullenwever sein Erneuerungswerk. Er hätte der Unterstützung aller deutschen Mächte sicher sein müssen, wäre das Reich nicht in ungezählte Splitter
zerfallen gewesen, die die Eigensucht über des Reiches Belange stellten. Jürgen Wullenwever galt diesen Mächten als Neuerer, der gefürchtet und darum zu bekämpfen war; er galt ihnen auch als Empörer gegen alle Obrigkeit, weil er die aus ange- maßten Rechten die Städte beherrschenden Patrizier ihrer Aemter entsetzt hatte; er war also abzustrafen wie ein Verbrecher. Schließlich war er für die Altgläubigen ein Ketzer, der verfemt werden mußte. Und als nun dieser Neuerer, Empörer und Ketzer sein gewaltiges Werk wirklich zu schaffen schien, als er das Vertragsbrüchige Dänemark aus eigener Kraft besetzte, das Banner der Hanse wieder im Winde der nördlichen Meere knattern ließ und eine erstarkende Hanse die Vormachtstellung im Norden bezog, da liefen sie Sturm gegen den Urheber des Werkes, das sie ein Werk des Teufels nannten.
Deutsche Mächte unterstützten gegen den Erneuerer der Hanse fremde Feinde, sie wiegelten die Städte gegen ihn auf, stifteten Empörungen und Attentate gegen ihn an, scheuten nicht List noch Gewalttat, Bestechung oder Verleumdung, ihn zu Fall zu bringen. Während das lübilche Heer siegreich in Dänemark stand, müße die Stadt eine Belagerung erleben. Da forderte Wullenwever Opfer von seinen Bürgern, die feit Generationen daran gewöhnt waren, Soldknechte für sich Krieg führen zu lassen. Sie wollten nicht opfern und sagten ihrem einstmals geliebten Bürgermeister das Vertrauen auf. Sie zwangen ihn zu einem unvorteilhaften Frieden, der den Grund zu seinem Sturz legte. Ein Mißgeschick seines Generals in Dänemark, eine Niederlage des lübischen Heeres, bei dem Wullenwever weilte, benutzten seine Gegner, ihn vollends zu Fall zu bringen. Als man ihn später in bischöflich bremischem Gebiet verräterisch fing und vor Gericht stellte, hatte er ungezählte Ankläger, keinen Verteidiger. Ein deutscher Mann stand ohne das Verständnis Deutschlands vor feinen Richtern, die ihm auf der Folter die widersinnigsten Geständnisse erpreßten. Nach diesen fällten gedungene Bauern auf Weisung ber den Spruch selbst nicht wagenden Mächte sein Todesurteil.
Er war seiner Zeit um Jahrhunderte voraus; in feiner Zeit konnte er fein Werk nicht verwirklichen. Die Hanse war zudem ein Schiff, das ein zu großes Leck hatte. Nur ein einziger Wille im Reiche hätte es stopfen können. Statt dessen riß man es gewaltsam weiter auf, überließ England und Spanien die Beherrschung der Meere und sah tatenlos dem Absinken des stolzen Hanseschiffes mit feinem letzten Steuermann zu. So vollzog sich mit Wullenweoers Schicksal eine deutsche Tragödie.
H. P. Uhlenbusch.
arbeiten durfte. Durch seinen Tod im Januar d. I. brach für mich die Münchener Tätigkeit ab. In Gießen arbeite ich teils assistierend, teils selbständig an der Ausstattung mit. — (Ausnahme: «Stabt» thectter-Archiv.)
Oie neuen Bücher des Insel-Berlages.
Der Insel-Verlag zu Leipzig legt sein Herb st programm vor. Aus dem Bereich der Weltliteratur verzeichnet es „Dantes Göttliche Komödie" in der Uebertragung von Freiherrn von Falkenhausen, die „Tragödien des So - p h o k 1 e s", übersetzt von Roman W o e r n e r und die erste vollständige deutsche Ausgabe des japanischen Romans „Genji", ber vor nahezu tausend Jahren von ber Hofdame Murasaki geschrieben wurde. An erzählenden Dichtungen erscheinen: der große Frauenroman „Kartrina" von S. Salmi- nen, der bei einem schwedisch-finnischen Preisausschreiben den ersten Preis davontrug und inzwischen einen Welterfolg errungen hat; „Sibylle und die Feldblumen" von Friedrich Schnack, „Erzählungen und Märchen" von Max Mell, „Die Maabe» burgische Hochzeit" von Gertrud Le Fort, „Fränkischer Sommer" von Andreas Zeitler, „Die drei Brüder" von Antoon Coolen, „Der Flachsacker" von Stijn S t r e u v e l s. Von Reinh. Buch» wald erscheint eine umfassende „Schiller-Biographie" in zwei Bänden. Reinhold Schneider behandelt ein bedeutungsvolles Stück deutscher Geschichte der Frühzeit: „Kaiser Lothars Krone" Di? Reihe ber Briefveröffentlichungen Rainer Mana Rilkes findet ihren vorläufigen Abschluß in den ..Briefen aus den Jahren 1914 bis 1921". „Jakob Böhmes Schriften" werden, neu ausgewählt von Friedrich Schulze-Mai zier, in die „Hausbücher ber Insel" ausgenommen. Eine vollständige Ausgabe von Leo T o l st o i s Roman „Anna Karenina" erscheint in zwei Bänden in der Bibliothek der Romane. Ein besonders reizvolles Weihnachtsgeschenk sind die „Deutschen Weihnachtslieber", von Vaul Koch, dem Sohne Rudolf Kochs, in feiner Frankfurter Werkstatt zweifarbig gedruckt. Zu den bisher vorliegenden acht Bildtafeln aus der Manessischen Liederhandschrift kommen imei weitere: Kaiser Heinrich und Wolfram von Eschenbach. Der „Insel-Almanach auf das Jahr 1938" enthält als Hauptstück einen großen Beitrag von Hans C a r o s s a , „Ankunft in München", in dem ber Dichter ben Lebensbericht seiner „Verwandlungen einer Jugend" fortsetzt.
Liselotte Erter, technische Assistentin.
Liselotte E r l e r, die für die Winterspielzeit als technische Assistentin an das Gießener Stadttheater verpflichtet wurde, schreibt über ihren Werdegang: In München wurden uns wißbegierigen Anfängern alle Schleusen der Theatermöglichkeit'en durch unseren verehrten Lehrer Professor Preetonus geöffnet.
Wir entwarfen in seiner Klasse für Szenenkunst Bühnenbilder, Kostüme und Illustrationen und durften zwischendurch in den Staatstheatern unsere Studien erweitern. Sogar bis zu Bayreuths geweihten Gründen drangen wir vor, horten Proben und vergewisserten uns über die materielle Zusammensetzung aller Dekorattonsteile. Mir widerfuhr nach dem zweiten Semester das Glück, in die Bayerischen Staatstheater verpflanzt zu werden, wo ich als Schülerin von Professor Linnebach Entwürfe für Szenen und Kostüme arbeitete und bald selbständige Ausführungen für einige Opern in Kostümen übertragen bekam. Wertvolle Belehrungen erhielt ich durch Prof. Pasetti, für ben ich später auch


