Nr. 221 Erstes Blatt
187. Jahrgang
Mittwoch, 22. September 1937
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Oie großen Wehrmachtsmanöver in Norddeutschland
Die Ausgangsstellung.
Swinemünde, 21. Sept. (DNB.) Die Wehrmachtsmanöver 1937 haben am 20. September um 8 Uhr morgens begonnen. Es handelt sich um die erste zusammengefatzte Hebung der drei Wehrmachtsteile. Seit Schaffung einer selbständigen Luftwaffe sind derartige Manöver notwendig, um die einheitliche Führung der Wehrmacht und das operative Zusammenwirken der drei Wehrmachtsteile in entscheidenden Phasen des Krieges zu erproben. Um die Luftwaffe nicht nur zur Unterstützung des Heeres und der Marine einzusetzen, sondern vor allem als Trägerin des offensiven Luftkrieges im feindlichen Land zu ihrem Recht kommen zu lassen, ist es nötig, große operative Lagen zu spannen.
Die Manöoerleitung hat daher einen „Rot"- und einen „Blau"-Stab angenommen, die sich bereits seit einiger Zeit im Kriege befinden. Die Grenze zwischen Blau im Osten und Rot im Westen verläuft von dem westlichen Rügen zwischen Schwerin und Waren in Mecklenburg über Magdeburg nach Süden westlich des Leipziger Industriegebietes. Bis zum 20. September war weder zu Lande noch zur See und in der Luft eine wesentliche Entscheidung gefallen. Rot war bei seinem Angriff gegen das blaue Industriegebiet im Süden auf erbitterten Widerstand gestoßen. In der Mitte der Front und nördlich der Elbe bei Magdeburg hatten nur unbedeutende Kämpfe stattgefunden. Der Aufmarsch der blauen Kräfte war zum Manöverbeginn noch nicht beendet. Die Kräfte zur See haben sich auf Minen- und U-Bootkrieg sowie auf unbedeutende Zusammenstöße leichter Unter-Streitkräfte beschränkt. Eine starke blaue Transportflotte war in Pillau und Königsberg zusammengezogen. Die Einschiffung ostpreußischer Truppen hatte bereits begonnen Dis Vorherrschaft in der Luft war von feiner der beiden Parteien errungen worden. Hohe Verluste und ungünstige Witterung hatten in den letzten Tagen zu einem Abflauen der Kampfhandlungen geführt.
Der erste Kampftag.
So war die Ausgangstage bei Beginn der Manöver am Montagfrüh. Inzwischen sind die Kampfhandlungen im Nordabschnitt der $ront, also im eigentlichen Manövergelände Pommern und Mecklenburg, bereits im Gange
Auf Grund dieser Ausgangslage, die einen neuen Abschnitt in einem bereits im Gange befindlichen Kriege einleitet, ergab sich am Abschluß des ersten Manövertages folgende Lage:
In Fortsetzung der bereits eingeleiteten Operationen griffen starke rote Kräfte auf der allgemeinen Linie nördlich Malchow-Teterow nordostwärts Gnoien an, wobei auf dem rechten Flügel südlich des Malchiner Sees starke Panzerkräfte zum Einsatz kamen Diesen gelang es, die südlich des Malchiner Sees stehenden schwächeren blauen Kräfte zu durchbrechen und ostwärts des Malchiner Sees nach Norden eindrehend in allgemeine Richtung Stavenha- gen vorzustoßen. Motorisierte rote Teile gingen bei Penzlin vor. Blau gelang es nach schweren Kämpfen, am Abend etwa die allgemeine Linie Brudersdorf — Neukalem — Teterow südlich Malchin und damit die Brückenköpfe bei Demmin und Malchin offen zu halten. Nördlich davon konnte schwächere in Tribsees über den Trebel—Recknitz-Abschnitt vorgegangene rote Kavallerie zurückgeschlagen werden.
Auf See wurde die Gefechtsberührung auf Grund von Meldungen der Luftaufklärung trotz recht schlechter Sicht herbeigeführt. Es kam zu bisher ergebnislosen Gefechtshandlungen zwischen den beiderseitigen schweren Einheiten. Zwischen U-Boo- ten und U-Bootjägern entwickelten sich verschiedentlich Kämpfe, wobei auf beiden Seiten Ausfälle ein- katen. Im übrigen waren Kleinbootsverbände bei
der Parteien im Wach-, Sicherungs- und Minensuchdienst eingesetzt.
Nachdem in den Vortagen die Luftstreitkräfte beider Parteien nur geringe Kampftätigkeit entfaltet hatten, griff Rot am 20. Dezember mit starken Kampfkräften die Verkehrs- und Wirtschaftszentren von Berlin und mit schwächeren Teilen die Hafenanlagen von Königsberg und Pillau an. Der nachhaltig geführte Angriff auf Berlin wurde auch in der Nacht zum 21. September fortgesetzt. Die blaue Luftwaffe brachte ihre starken zum Schutze Berlins zusammengezogenen Abwehrkräfte, durch den Flugmeldedienst rechtzeitig alarmiert, mit Erfolg zum Einsatz, so daß der Angriff auf Berlin nach schweren Luftkämpfen mit blauen Jägern im zusammengefaßten Feuer der Flakartillerie nur noch mit Teilen an den Stadtkern herankam. Die Haltung der Bevölkerung war mustergültig. Mit den eigenen Kampfverbänden stieß Blau mit Wucht nach und griff erfolgreich rote Flugplätze und Verkehrsanlagen im Raume Bremen — Hamburg — Hannover sowie die Hafenanlagen von Hamburg an. Auf beiden Seiten herrschte lebhafte Tätigkeit der Aufklärungsflieger
Der Führer im Muövergebiei.
Nachdem der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht am Montag den wechselvollen Kämpfen um die Brückenkopf-Stellung von Malchin beigewohnt hatte, nahm er zunächst am Dienstagvormittag im Beisein des Generalobersten Freiherrn von Fritsch einen Vortrag im Hauptquartier der Manöverleitung des Heeres in Neubrandenburg entgegen. Sodann begab sich der Führer auf das Gefechtsfeld der blauen Partei und später zu den Truppen auf roter Seite, deren Bewegungen er aus der Gegend von Rosenow mit dem Generalfeldmalschall von Blomberg gemeinsam verfolgte.
Die Bevölkerung, die trotz des regnerischen Wetters die Truppenbewegungen und Kampfhandlungen der großen Manöver wieder mit größtem In
teresse verfolgte, grüßte den Führer mit stürmischer Begeisterung und bereitete ihm in allen Orten einen jubelnden Empfang.
Die Parteien.
Kriegsmäßiger Einsatz aller Truppen.
Am Manöver nehmen teil: Vom Heer bei Blau eine Armee mit zwei Armeekorps, b e i R o t ein Armeekorps, dazu starke motorisierte Panzerkräfte; von der Kriegsmarine bei beiden Parteien Panzerschiffe, Kreuzer, Zerstörer, Torpedoboote, Minensuchstreitkräfte, U-Boote und Kleinbootoerbände; von der Luftwaffe bei beiden Parteien Kampfoerbände, Aufklärungsoerbände, Jagdverbände und Flakeinheiten. Kriegsmäßig werden durch Einheiten der brei Wehrmachtsteile dargestellt: Die Kampfhandlungen des Heeres nördlich der Linie Angermünde—Neustrelitz—Waren— Schwerin; die der Luftwaffe im Raume Stolp— Emden—Paderborn—Sagan. Bei der Kriegsmarine kommt der gesamte Seekrieg in der Ostsee durch Flotte, Seeflieger und Küstenschiffe zur Darstellung.
Die Gesamtmanöver werden durch den Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generalfeldmarschall von Blomberg, vom Fliegerhorst Tutow bei Demmin aus geleitet Für die drei Wehrmachtsteile sind unter den Oberbefehlshabern des Heeres, der Kriegsmarine und der Luftwaffe eigene Leitungs stöbe in Neubrandenburg, Swinemünde und Gatow bei Berlin tätig. Die blaue Partei wird von General der Infanterie von R u n d st e d t, dem Oberbefehlshaber der Gruppe I, geführt, die blauen Seestreitkräfte von Admiral Carls, die blauen Luftstreitkräfte von General der Flieger K a u p i s ch , dem Kommandierenden General des Luftkreises II Parteiführer von R o t ist Genera! der Kavallerie Knochenhauer, der Kommandierende General des X. Armeekorps. Die Führung der roten Seestreitkräfte hat Vizeadmiral Boehm, die der roten Luftstreitkräfte General der Flieger Halm, der Kommandierende General des Luftkreises VII.
Lllstaimiffe auf Swinemünde stören die Truppentransporte aus Ostpreußen.
Wir befinden uns m Swinemünde an einem besonders großen Platz bei der blauen Partei. Wie das Hinterland bis Berlin liegt auch die Küste in tiefstem Dunkel. Doch bei näherem Zusehen überzeugt man sich davon, mit welcher Wachsamkeit die Festungsbesatzung auf der Hut ist. Schwere und mittlere Batterien bestreichen die Küste und die Einfahrt. Die Durchfahrt nach Stettin wird ständig von kleinen Motorfahrzeugen überwacht. Man wartet auf das Eintreffen der aus Königsberg angemeldeten Truppentransporte über See. War es Dienstagnachmittag schon mehrfach roten Flugzeugen geglückt, bis nach Swinemünde vorzustoßen, so wird auch zu Beginn der Nacht die feierliche Stille der Ostsee bald durch das Heulen der Sirenen gestört. Die Finger der Scheinwerfer faßten in das Dunkel. Fast sofort haben sie auch den Störenfried, der bald in einer Spinne von Leuchtarmen gefaßt ist. Doch ein Bombenangriff folgt auf den anderen Eben ist das erste Tran sp ortschiff von dem aus O st - preußen erwarteten blauen Truppentransport durch und läuft in hoher Fahrt nach Stettin. Der übrige Truppentransport, der unterwegs schon heftigen roten Angriffen ausgesetzt war, muß auf hoher See bleiben und bis weit nach Mitternacht warten, ehe die Luftlage die Einfahrt erlaubt.
Inzwischen zeigt sich die Wirkung der zähen roten Angriffe. Bei den Kasernen haben Bomben eingeschlagen. Ein Stadtteil brennt. Der zivile Luftschutz ist in voller Aktion, um des Feuers Herr zu
werden. Dem unter die Wolken gehenden Angreifer erleichtert heller Mondenschein die Arbeit. Jetzt hat es auch beider Fähre eingeschlagen. Drüben am anderen Swineufer, bei der Versorgungsstelle der Kriegsmarine, hat es gezündet. Munition geht hoch und erleuchtet taghell das schaurige Spiel. Der Luftschutz der Wehrmacht arbeitet angestrengt. In das Surren der Propeller, das Dröhnen der Flaks mischt sich das Geräusch der Motorspritzen. Aber, wenn eben ein Brand nachläßt, dröhnen neue Einschläge.
Swinemünde in Flammen bietet em gespenstisches Bild. Mit Fackeln, Rauchbomben und Leuchtkörpern wird durch die Schiedsrichter ein wirklichkeitsnaher Eindruck vorgetäuscht. Zwei Stunden schon wüten die Brände. Der Ort ist in stickigen Dunst gehüllt. Rauchschwaden ziehen über die Swine und hinaus zur See, dazwischen die Strahlen der Wassergarben. Eine Räumbootflottille und Minensuchboote benützen den Schleier, um die Einfahrt zu gewinnen. Immer wieder arbeiten die Scheinwerfer und bellen die Flaks. Doch Rot läßt noch nicht nach. Längst nach Mitternacht, während immer noch Brände lodern, können die blauenTrans- porter d i e Einfahrt gewinnen. Auch dann dauert es noch geraume Zeit, bis die Ausladung beginnen kann. Die Heeresformationen aus Ostpreußen haben einen Eindruck davon bekommen, was in einem modernen Krieg zum Schutze der Küste und der lebenswichtigen Seewege d i e Kriegsmarine zu leisten hat.
=/■ Hi
Das Spiel der Scheinwerfer bei dem Luftangriff auf Berlin und die Flugzeuge, die von dem grellen Licht bestrahlt wurden. — (Scherl-M.)
3m Londoner Zwielicht.
Bei der Dölkerbundstagung ist es bisher nicht immer nach dem Wunsch der Genfer Regisseure gegangen. Zuerst fiel Sowjetspanien bei der geheimen Wiederwahl für den Ratstisch mit Pauken und Trompeten durch, obgleich noch kurz vorher alle anwesenden Staatsmänner den Hetzreden des Valencia-Bolschewisten Negrin ohne Einspruch zugehört hatten. Aber was die sehr ehrenwerten Völkerbundsmitglieder öffentlich und vor den Augen der Welt nicht zu tun wagten, das besorgten sie mit dem diskreteren Stimmzettel um so gründlicher: sie verabreichten den Sowjets und ihren demokratischen Freunden einen gehörigen Denkzettel. Der so freigewordene Ratsplatz muß durch Wahl eines anderen Völkerbundsmitgliedes besetzt werden, und zwar frühestens 48 Stunden nach der Aufstellung einer neuen Kandidatenliste. Es ergab sich nun die merkwürdige Erscheinung, daß gerade die beiden Mächte, die man ursprünglich mit einem Ratssitz „beglücken" wollte, nicht die geringste Neigung zeigten, für einen solchen Posten zu kandidieren. Man dachte nämlich in erster Linie an O e st e r- reich oder Ungarn, aber beide Staaten ließen unter der Hand wissen, daß sie an einer derartigen Verlegenheitskandidatur fein Interesse hätten. Wir haben für diese Zurückhaltung das größte Verständnis, denn bisher hat ja die Genfer Einrichtung nicht das geringste getan, um die berechtigten Ansprüche der einstigen Mittelmächte auf Revision des militärischen und politischen Zwangsstatuts von St. Germain und Trianon zu unterstützen. Als Gefängniswärter Europas und als Büttel der Beute- macher hat der Völkerbund viel von feinem guten Ruf verloren, kein Wunder also, daß jetzt die Ratssitze wie Sauerbier feilgeboten werden.
Die zweite unvorhergesehene Tatsache war die Rede des Herrn Eden, die man zwar allgemein mit großer Spannung erwartet hatte, die aber keinerlei neue Gesichtspunkte für die gegenwärtige Situation enthielt. Die Politik des britischen Außen» ministers, die so flott auf eine neue Sanktjonsära hinsteuerte, hat wieder mal einen Knick bekommen, wobei es nicht unwahrscheinlich ist, daß Eden einem Wink aus London gehorchte. Ministerpräsident Chamberlain legt im Hinblick auf die noch im An- fangsftabium befindliche englische Aufrüstung großen Wert darauf, daß Großbritannien sich gegenüber Italien und Deutschland nicht allzu scharf ins Zeug legt. Die hohe Beamtenschaft des Foreign Office dagegen segelt noch immer im Fahrwasser vorkriegszeitlicher Anschauungen, die sich mit dem unorganischen Machtstreben der französischen Staatskunst nur allzu oft decken. So zeigt die englische Politik, wie sie in der Genfer Rede Edens mehr angedeutet als erläutert wurde, auch jetzt wieder ihr verschwommenes Gesicht. Sie vermeidet klare Entscheidungen und verbindliche Aussagen Der Londoner Nebel hüllt auch die dringendsten Probleme in ein ungewisses Zwielicht.
Was soll man beispielsweise davon denken, wenn Herr Eden in Genf eine Lanze für eine freiere Weltwirtschaft ohne Devisenkontrolle bricht, obgleich England selber durch seine Pfunbabwer- tung und seine auf der Reichskonferenz von Ottawa festgesetzten Schutzzölle den Anfang mit einer Art Empire-Autarkie gemacht hat? Was soll man zu der Feststellung Edens sagen, daß nur 3 v. H. der Rohstoffe in den Kolonien erzeugt würden, obgleich sich die Briten den Luxus dieser Kolonien leisten, die ja angeblich nichts einbringen, sondern nur Kosten verursachen? Auch die Theorien des eng» lischen Außenministers, daß die Bemühungen um die Wiederherstellung des internationalen Handels nur von Erfolg gekrönt fein könnten, wenn a n - bere Staaten, die sich heute in Schwierigkeiten befinden, bereit wären, durch eine Aenderung ihrer Politik das Wiederaufleben des Welthandels herbei« zuführen und das Vertrauen wieder herzustellen. — auch diese Theorie muß man als ein typisches Erzeugnis der englischen Mentalität betrachten, d"nn sie bezweckt ja nichts anderes, als uns gegen Lieferung von Rohstoffen zur Aufgabe eines berechtigten politischen Anspruches, nämlich zum Verzicht auf die Rückaabe unserer Kolonien zu bewegen. Ein solches Schachergeschäft aber kommt für uns um so weniger in Frage, als es sich dabei für Deutschland nicht allein um die Wohlfahrt, sondern auch um die Freiheit und Ehre der Nation han- delt. Solche Gesichtspunkte mögen dem Geist- E^ens und vieler feiner Landsleute vielleicht fremd fein, für uns aber sind sie ausschlaggebend.
Wie sehr es den Engländern bei ihrer Politik nicht in erster Linie um die Verteidigung moralischer Prinzipien, sondern um die Behauptung ihrer Macht zu tun ist, bas zeigt übrigens auch eine andere Gegenüberstellung, die sich aus der Praxis der britischen Gegenwartspolitik ergibt Eng- land war bislang ein scharfer Gegner der deutsch- italienischen Forderung, dem nationalen Snini-n d i e Rechte einer kriegführenden Partei zuzusprechen. Demgemäß lehnte es auch die Durchsuchung englischer Handelsschiffe an der Iva- Nischen Küste ab und schützt noch heute im ganzen Mittelmeer den Union Jack, selbst wenn er zur Tarnung bolschewistischer Waffentransvorte mißbraucht wird, durch seine Kriegsschiffe. Ganz anders ist die britische Haltung im Fernen Osten, wo sich John Bull offenbar nicht stark genug fühlt, um feinen Anspruch geltend zu machen.' Hier haben es die Engländer den Japanern ohne weiteres gestat- ten müssen, britische Handelsschiffe an der chinesi- scheu Küste anzuhalten und tu kontrollieren fSier mußte es England auch dulden, daß sich Javan auf den Registrierschwindel, d. h. auf getarnte Waf- fentransporte unter britischer Flagge nicht einläßt. Die Lehren, die Europg gus der zwiespältigen Haltung der englischen Politik ziehen muß, liegen klar zutage. Heinrich Evers.


