lk.142 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen-
Vien8tag.22.Zuni 1937
Aus der Stadt Gießen.
Verzicht auf eine Gardinenpredigt.
Da sitzt der Junge, kaum Zwanzigjährige. Er hat eine Dummheit gemacht! Nun läßt er den Kopf hängen. Einen Augenblick überlegt man sich (und kommt sich dabei wie ein Mummelgreis vor, wenn man auch nicht viel mehr als zehn älter ist) —: man könnte dem Jungen jetzt eine hübsche Rede halten. Man könnte etwa sagen:
„Dummer Kerl, so wie dir ist es mir gegangen. Aber muß das sein, daß es dir genau so geht? Reicht es nicht, daß ich Lehrgeld gezahlt habe und hundert und tausend und hunderttausend meiner Altersgenossen in allen Zeiten und Zonen? Nun sei schon vernünftig und paß auf! Tu dies nicht, tu das nicht! Es schmeckt gar nicht so gut, wie du glaubst! Der Nachgeschmack, das hast du ja nun auch schon ein paarmal gemerkt, ist sehr bitter! Ist es nicht' auch eine dumme Sache, kein Geld zu haben, weil man es hinausgeworfen hat, um dann so dumm dasitzen zu müssen? Könntest du nicht, glaub es mir, sehr munter sein und doch nicht ab und zu so ganz daneben?"
So eine Rede könnte man halten. Sehr lange, sehr würdig, sehr wahr. Man hat sie ja auch schon Gehalten, und man hat den Erfolg gesehen. Es gibt einen Erfolg in solchen Reden. Man hat sie ja auch gehalten bekommen. Was etwas werden will, gärt. Der Prozeß läßt sich nicht beschleunigen. Manchmal bleibt so etwas ein Leben lang Most und wird schließlich faulig und schlecht — aber wenn es gut werden soll, dann kann man es nicht durch Zureden gutmachen. Ist es nicht wunderbar, daß sich alle jungen Kerle selber die Hörner ablaufen müssen und daß sie das Leben selber vor die Hürden wirft, über die sie springen müssen — oder verlieren? Man kann ihnen alles sagen! Die ganze Erfahrung kann man ihnen erzählen! Sie hören gar nicht recht hin. Sie lächeln höflich, wenn es hochkommt und denken: „Ja, dir ist es vielleicht so ergangen, mir wird es nicht so gehen!" Es geht ihnen doch so! Aber ist es nicht herrlich, daß sie meinen, immer und immer wieder, bei ihnen, ausgerechnet bei ihnen mache das Leben eine Ausnahme und höfliche Verbeugung?
Wenn man ein klein wenig Einfluß auf so ein junges Pferd hat, soll man es ein wenig zügeln, aber nicht zusammenreißen. Sonst wird es nur schlimmer mit ihm. Etwas gibt es auf der Welt, das kann uns niemand schenken. Das kann man nur erfahren, nämlich eben: Erfahrung! r. k.
Dornoiizen.
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Eiste Nacht mit Hindernissen". — Oberhessischer Kunstoerein: Skagerrak-Ausstellung, 17 bis 19 Uhr, Gesellschaftshaus, Sonnenstraße.
Sladtlheater Gießen.
Im Rahmen der Sommerspielzeit gastiert am Samstag, 26. Juni, auf seiner Deutschlandtournee das Berliner Ensemble Ada Tschechowa, C. Heinz Klubertanz und Ernst P i t^ s ch a u mit „Laß uns träumen ...!", ein Spiel in drei Akten von Heinz Klimmer. Die Namen der Mitwirkenden bürgen für einen genußreichen Abend. Vorstellungsbeginn 20, Ende 22 Uhr. Spielleitung: Carl-Heinz Klubertanz; Bühnenbild: Karl Löffler.
Deutsche Arbeitsfront.
Kreiswallung Dellerau.
Die Gauarbeitsschule eröffnet in Hohenstein im Taunus eine „English Boarding Adult School", eine neuartige Pflegestätte für Berufsund Umgangs-Englisch. In zwei Jnternatslehrgän- gen, einem dreiwöchigen, der Anfang Juni und einem vierwöchigen, der Mitte Juli beginnt, wird zwar keine Gelegenheit zur Erlernung der englischen Sprache, aber eine ausgezeichnete Fortbildungsund Vervollkommnungsmöglichkeit geboten. Mit
Vorbedacht sind beide.Lehrgänge mitten in die sommerliche Urlaubszeit gelegt, denn der Aufenthalt im Internat „Hohenstein Castle" soll nicht nur der fremdsprachlichen Schulung, sondern gleichzeitig der Erholung dienen. Aber auch die Freizeit tritt mit Wanderungen, Spiel, Sport und geselliger Unterhaltung aller Art wiederum in den Dienst der Sprachenpflege, denn Englisch bleibt die für alle Teilnehmer vorgeschriebene Umgangssprache. Der planmäßige, nach ganz neuen Gesichtspunkten vorgehende Unterricht, der nach Möglichkeit im Freien stattfindet, ist aus die Vormittagsstunden beschränkt. Die Abteilung für Berufserziehung und Betriebsführung der DAF. in Gießen erteilt gerne Auskunft.
MOr Die deutsche Arbeitsfront D N.S.-0emeintchaft „Kraft durch freude".
Omnibusfahrl an den Rhein. Am Sonntag, dem 27. Juni 1937, führen wir eine Omnibusfahrt an den Rhein durch, die folgenden Verlauf nimmt: Gießen — Großen-Linden — Bad-Nauheim — Friedberg — Bad Homburg — Königstein — Wiesbaden — Schierstein — Rüdesheim — Lorch — Bad Schmalbach — Esch — Usingen — Bad-Nauheim — Gießen. Der Fahrpreis beträgt pro Teilnehmer 6,30 Mark. Anmeldungen nimmt die Kreisdienststelle entgegen. 4244D
Neuer Sportkursus. Am Dienstag, 22. Juni 1937, beginnen wir in der Turnhalle des Lyzeums einen neuen Sportkursus nur für Frauen „Fröhliche Gymnastik". Anfang 20.30 Uhr.
Sonderzug nach Düsseldorf. Zur großen Reichsausstellung „Schaffendes Volk" fahren wir am 26., 27. Juni 1937 einen Sonderzug nach Düsseldorf. Abfahrt Samstag 14 Uhr. Rückkunft Sonntag, 24 Uhr. Teilnehmerpreis: enthaltend Fahrt, Ueber- nachtung, Frühstück, eine Abend- und eine Tageskarte 9,20 Mark. Anmeldungen müssen sofort erfolgen.
Danziger Studenten besuchen Gießen.
Auf einer Besichtigungsfahrt durch Deutschland werden am 3. Juli 18 Danziger Studenten auch Gießen, seine Universität und die hiesigen und umliegenden Industrien besichtigen. Die Gäste aus der freien Stadt Danzig werden mehrere Tage in Gießen weilen.
Gießener Wochenmarktpreife.
* Gießen, 22. Juni. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, V2 kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, deutsche Eier, Klasse S 11, Klasse A IOV2, Klasse B 10, Klasse C 9V2, Klasse D 9, ungezeichnete 8, Enteneier 10 bis 11, Wirsing, gelb, V2 kg 12 bis 15, Weißkraut 10 bis 12, gelbe Rüben, neue, das Bündel 12 bis 15, rote Rüben 12 bis 15, Spinat, V2 kg 18 bis 20, Römischkohl 12 bis 15, Bohnen, grün, 25 bis 30, Erbsen 20 bis 25, Tomaten 35 bis 55, Zwiebeln 15, Rhabarber 8 bis 12, Kartoffeln, alte, 5, 5 kg 46 Pf., der Zentner 3,85 bis 3,95 Mark, neue, V2 kg 12 bis 16 Pf., Pfirsiche 50 bis 60, Himbeeren 45 bis 50, Birnen, ausländische, 80, Kirschen 35 bis 50, Stachelbeeren 20 bis 35, Johannisbeeren 25 bis 50, Erdbeeren 20 bis 25, Blumenkohl, das Stück 20 bis 50, Salat 8 bis 10, Salatgurken 15 bis 35, Oberkohlrabi 7 bis 12, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.
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** Versorgungsamts - Pers 0 nalie. Der Verwaltungssekretär August Kimmel vom Versorgungsamt Gießen wurde mit Wirkung vom 1. Mai 1937 zum Verwaltungsinspektor ernannt.
** Der Gießener Tanzklub „Rot- Weiß" in Bad Wildungen erfolreich. Der Tgnzklub „Rot-Weiß" Gießen, der im vergangenen Jahre von vier auswärtigen Tanzturnieren mit 1. und 2. Preisen in der B- und E-Klasse heim- 1 kehrte, ist auch in der diesjährigen Turnierzeit wie
der auf der Höhe. Bei dem am letzten Samstag in Bad Wildungen von dem Reichsverband zur Pflege des Gesellschaftstanzes in der Reichstheaterkammer veranstalteten Reichsoerband-Tanzturnier um die Meisterschaft von Kurhessen konnte das Tanzpaar B u e s und Frau von Tanzklub „Rot-Weiß"-Gie- ßen bei starker Konkurrenz in der B-Klasse den
1. Preis erringen. Daß der Tanzklub „Rot-Weiß zur Zeit über gute Paare verfügt, geht schon daraus hervor, daß zu dem Turnier am 10. Juli in Bad Ems von Gießen drei Paare gemeldet werden konnten« Wie wir erfahren, plant der Tanzklub „Rot-Weiß" für den Herbst die Abhaltung eines größeren Tanzturniers in Gießen.
Unsere Trachtengruppe in Frankreich.
Georg Heß berichtet...
Gegenwärtig weilt eine Trachtengruppe aus unserer Heimat in Frankreich. Diese Gruppe setzt sich, wie wir bereits berichteten, aus Hüttenberger, Schlitzerländer, Odenwälder und Hinterländer Paaren zusammen. Am Mittwoch der vergangenen Woche versammelten sich die 22 Teilnehmer unter der Leitung von Georg Heß (Leihgestern) im Frankfurter Hauptbahnhof und wurden dort von der Gauleitung mit allem Notwendigen für dieAus- landsfahrt versehen. Mit dem O-Zug ging es zunächst nach Freiburg i. Br., wo die 'Hessen herzlich willkommen geheißen wurden. Die Nacht vom Donnerstag zum Freitag wurde in Freiburg verbracht, und am anderen Morgen wurde die Fahrt im Omnibus nach Frankreich angetreten. Der Leiter der Fahrt wurde nun mit Devisen bedacht, und die Gruppe konnte einen Tagesproviant an Essen und Trinken mitnehmen. Unseren Hessen wurde ein tüchtiger Dolmetscher, ein Elsaß-Lothringer, beigegeben, von dem sie bald erfuhren, daß die Hessen die einzige Gruppe seien, die an dem Internationalen Treffen der Volkstumsgruppen in Frankreich teilnehmen sollten. Die Burschen und Mädchen wußten diese besondere Ehre zu würdigen und waren sich dessen bewußt, was es heißt, Deutschland in Frankreich zu vertreten. Alle waren sie sich darüber einig, daß sie für Deutschlands Ehre zu wirken hatten.
Die Kontrolle an der Schweizer und an der französischen Grenze ging reibungslos vonstatten. Kaum, daß das Gepäck nachgesehen wurde. Die Fahrt führte dann über Basel, Neufchatel, Lausanne und Genf. Unbeschreiblich war der Eindruck, den unsere Hessen während der Fahrt, 100 Kilometer entlang dem Genfer See gewannen! Ein großes Erlebnis war allen auch der überwältigendeAnblick der Bergwelt. Kaum gewahrten sie dessen, daß sie 400 Kilometer zurücklegten und dabei zehn Stunden im Autobus saßen.
Am Freitagabend gegen 20 Uhr trafen unsere Hessen dann in Aix-Les-Bains ein und wurden im Sitzungssaal des Rathauses (der mit Hakenkreuz
fahnen und der Trikolore geschmückt war) vom Bürgermeister der -Stadt empfangen. Dort wurde ihnen ein mächtiger Rosenstrauß überreicht, und der Bürgermeister hielt eine Ansprache, die unseren Landsleuten übersetzt wurde. DerBürgermeister gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß die deutsche Volkstumsgruppe der Einladung Folge geleistet habe und sprach die Hoffnung aus, daß der Besuch dazu beitragen möge, das Verständnis zwischen deutschen und französischen Menschen zu fördern. Nachdem unsere Burschen und Mädchen zu einem Ehrentrunk Champagner aufgefordert waren, dankte der Dolmetscher für die Trachtengruppe und deren freundlichen Empfang. Auf der Fahrt in das Hotel, das die deutschen Gäste für die Nacht beherbergen sollte, wurde der Trachtengruppe von vielen Franzosen herzlich zugewinkt. Im Hotel selbst wurden sie auf das Beste bewirtet. Mit großen Erwartungen auf den nächsten Tag schlief man ein.
Am andern Morgen, also am Samstag, gab es einen Stadtrundgang; dann hatte die Stadt zu einem Frühtrunk eingeladen, und nach der Mittagspause wurden die Badeanlagen besichtigt. Auch lernten unsere Hessen eine romantische Grotte kennen, in der sich die Schwefelquelle des Heilbades befindet. Am Abend fanden dann im Saal des Casinos die ersten Darbietungen der ausländischen Gruppen statt, wobei unsere Hessen die Ehre hatten, als erste Gruppe aufzutreten. Unsere Burschen und Mädchen sangen frisch und unbekümmert ihre Volkslieder und zeigten Tänze, die mit großem Beifall ausgenommen wurden. Der Beifall wurde stürmisch, als die Hessen gar noch Nelkensträußchen in die Menge der französischen Zuschauer warfen. Der Sonntag brachte eine Gedenkfeier am Ehrenmal gefallener Franzosen, bei der auch unsere Hessengruppe einen Kranz niederlegte. Am Nachmittag fand dann eine Veranstaltung int Freien statt, bei der wieder alle Volkstumsgruppen austraten.
Heber den weiteren Verlauf der Fahrt unserer Trachtengruppe in Südfankreich werden wir noch berichten.
Formationen der Bewegung feiern Sonnenwende
Gonnenwendfeuer über dem Bergwerkswald.
Zu abendlicher Stunde zogen am vergangenen Samstag unter dem Gesang manchen Marschliedes die Kameraden des SA.-Sturmes 11/116 unter der Führung von Sturmführer Bauer hinaus zum Bergwerkswald, um dort in schöner Gemeinschaft eine feierliche Stunde zu erleben. Auch Obersturmführer Walter nahm daran teil. Nach der Ankunft auf dem für die Feier vorgesehenen Platz lagerte man sich zunächst bis zum Einbruch der völligen Dunkelheit im hohen Gras unter Büschen und Bäumen. Schließlich erklang das Kommando zum Antreten. Im offenen Viereck formierten sich die Mannschaften Um den aufgerichteten Holzstoß, der seine Umgebung mächtig überragte. Fackeln wurden entzündet, und nach einem kurzen Vorspruch hielt Sturmführer Bauer eine Ansprache, in der er an den Kampf der SA. um die Erneuerung des Reiches erinnerte und dann davon sprach, wie unerschütterlich der Glaube an das deutsche Volk und seinen Führer in jenen Kämpfern gelebt habe, die
ihr Leben für die Bewegung gaben. Er sprach ferner vom tieferen Sinn der Feier der Sonnenwende, in der schon die Altvorderen Erneuerung und Läuterung sahen. Mit einem Aufruf zu steter Opferbereitschaft, zu unerschütterlicher Treue zu Führer und Volk schloß der Redner. In ernstem Schweigen folgten die Kameraden den überzeugenden Worten und klaren Gedanken ihres Sturmführers. Im weiteren Verlauf der Feier sprachen einige Kameraden, aus Reih und Glied heraus, dichterische Worte und Verse, die in nachhaltiger Weise die tiefe Bedeutung des Tages der Sonnenwende und die symbolische Kraft des Feuers in dieser Nacht zum Ausdruck brachten.
puhen Sie ein Klavier mit Sand?
Das würde seinem Glanz wohl nicht bekommen. Genau so isfs mit Ihren Zähnen. Für sie ist das Feinste gerade gut genug. Probieren Sie mal Nivea-Zahnpasta. Die erhält Ihre Zähne u. schont den Zahnschmelz.
Haben wir da gelacht!
Von Gert Lynch.
Am Rande des Dorfes, wo die Kiesgruben liegen und vereinzelte Birken wachsen, steht eine braune rissige Lehmhütte mit kleinen viereckigen Fenstern. Die Rückseite des Häuschens ist mit Brettern verschalt, die das Wetter schwarzgrau gebeizt hat. An der Giebelseite, wo die ausgefahrene Straße vorbet- schlängelt, wurzelt ein alter, knorriger Holunder. Der bemooste Stamm stützt die Lehne der Knuppel- bank.
Hier fitzt am Feierabend der Piwacker Tim und schwingt aus den Knien die Ziehharmonika, daß es durchs ganze Dorf klingt. Auf feiner Achsel schnurrt Ratz, der taube Kater, reibt das Ohr an Tims Bartstoppeln und tappt jedesmal nach der Bierflasche, wenn Tim einen Schluck nimmt.
Tim kennt viele Lieder und spielt gut, und manches Fenster im Ort öffnet sich. Die eifrigsten Zuhörer aber find die Kinder. Sie liegen bäuchlings im spärlichen Gras vor der Knüppelbank. Die Jüngsten, die nicht nach Hause wollen, müssen von den Aelteren fortgeschleift werden.
Gegen zehn Uhr klopft Frau Piwacker an die Scheibe. „Schlafenszeit", sagt Tim und dehnt die Arme. Doch einige Burschen betteln hartnäckig: „Tim, erzähl' noch was, wo ihr gelacht habt.
Und Tim, der weit umhergekommen ist und das Donaugebiet von Passau bis zum Schwarten Meer kennt, läßt sich erweichen. In jeder Geschichte, die er erzählt, fällt die Redensart „Haben wir da gelacht!" Meist gibt es bei den Geschichten gar nichts zu lachen, aber sie sind dermaßen spannend, daß es allen den Atem versetzt. Die Geschichte, wie er von einer Giftschlange gebissen wurde und die Wunde mit dem glühenden Messer ausbrannte, soll er erzählen, obgleich er sie schon an die zwanzigmal erzählte. „Haben wir da gelacht , schllderte er, „als die glühende Klinge das Fleisch verschmorte und mein Kollege, der Peter Haberstroh dieses lange Laster meinte, es riecht wie aus dem Münchner' Oktoberfest, wie Ochs am Spieß. „ , r
Die Zuhörer versuchen zu lachen und kräuseln die Lippen. „Und das mit „öer Zigarre, Tim, erzähl das auch noch, maast?"
Und er erzählt das auch noch. Im Felde war es, im Balkan unten, als ihm die Serben mit einer Flintenkugel die Zigarre aus dem Maul herausschossen, und wie er sich dann, ha, ha, einfach eine andre angesteckt hatte. „Haben wir da gelacht!
Alle lachen. Am- meisten die kleine Forsterresl, die breitbeinig am Boden sitzt und sich nicht mehr beruhigen kann.
„Nun hör schon auf mit Kichern", sagt Tim, in-! dem er aufsteht, seine Harmonika unter den 2lrm| klemmt und ins Haus geht.
Am andern Morgen, kaum daß der Hahn aus- gekräht hat, klopft es hart an die Tür. Die Gendarmen find es, die eine Haussuchung vornehmen. Sie öffnen das Pökelfaß, stochern im Heuschober, scheren den Kartoffelhaufen und das Brennholz auseinander, gabeln im Misthaufen herum, aber sie finden nichts. „Piwacker", sagt der Kommandant, „Sie sind der beste Schütze im Umkreis. Das Wildern nimmt kein Ende mehr, und die Spuren führen zur Kiesgrube. Man munkelt so allerlei, nehmen Sie sich in ad)V."
„Könnt ihr mir etwas nachweisen?" entgegnet Tim. „Habt ja den Bau schon im letzten Jahre durchsucht und auch nichts gefunden. Haben wir da gelachk!"
„Unterlassen Sie diese dumme Redensart" sagt der Kommandant und verläßt ohne Gruß mit den beiden Wachtmeistern die Hütte.
Frau Piwacker zittert an allen Gliedern und umfaßt mit beiden Händen den Arm des Sohnes: „Tim", sagt sie, „um meiner Seligkeit willen, ich flehe dich an, du wirst doch nicht...? Denk an deinen Vater, der beim Wildern ums Leben kam! Ich würde die Schande ein zweites Mal nicht überleben."
„Aber Mutter, bist wohl nicht recht gescheit, ich und wildem? Daß ich nicht lach'!" Er löffelt vergnügt seinen Schmarrn. Dann klopft er der Mutter beruhigend auf die Schulter, hängt die Joppe um seine Achseln und geht zur Arbeit.
Der Holzschlag ist diesmal nahe beim Dorf. Vormittags schabt das Schopsereisen, das die Rinde der umgelegten Stämme in langen Fladen herunterschält. Dann wird wieder gefällt. Axtschläge dröhnen, Späne wirbeln, Splitter spritzen. Die Säge razt, und das Holzmehl stiebt in dünnen Strahlen davon und zieht lichte Blessen über die dunkle Matte.
Die Rotfichte, wo Tim und fein Partner arbeiten, beginnt zu schwanken, so daß die Säge klemmt. Tim eilt zur Werkzeughütte, um die Hartholzkeile zu holen. Hier, auf der Schneise, erblickt er die kleine Försterrest. „Grüß Gott, Tim", ruft sie und lacht über das ganze Gesicht.
„Was treibst denn du hier im Walde?" fragt er.
„Wir haben doch Ferien", antwortet sie, und ich suche Erdbeeren. Magst welche?" Und sie reicht ihm ein Rankensträußchen, aus dem blutrote Walderdbeeren heraushängen.
„(Belts Gott", sagt Tim, nimmt das Sträußchen und läuft weiter.
„Tim?"
„Was noch?" Er hält inne und wendet sich um. „Erzähl doch nochmal von der Zigarre, wo ihr so gelacht habt!"
„Ja, bist denn närrisch geworden? Jetzt unter der Arbeit? Geh schon nach Hause, wir können dich hier nicht brauchen." Er läßt sie stehen und geht zum Schlag zurück. Niemand bemerkt, daß das Kind nachfolgt.
Tim treibt zwei Keile in den Schlitz, und dann wird fortgefägt Ein Zittern läuft durch die Aeste, der Stamm schaukelt, die Keile fallen heraus, es knäckert und ächzt, die Säge verstummt, zischend neigt sich der Wipfel, die Holzhauer treten zurück. Tim wirft einen Blick in die Richtung, wo der Baum aufschlagen wird, und zuckt zusammen. Er springt bei und stemmt sich mit allen Kräften gegen den finkenden Stamm. Die Stiefel werden tief in die Walderde gepreßt, der Körper krümmt sich, die Schulter knackt und gibt nach, und die Notfichte verändert noch im Fallen die Linie, rutscht Tim am Arm herunter und poltert mit dumpfem Krach zu Boden, daß die Gründe erbeben.
Einen Schritt von der Stelle entfernt, wo der gewaltige Wipfel das Moos zerpeitfchte, sitzt Rest. Der Schreck hat ihre Arme gestreckt, und ihre Hände halten krampfhaft ein frisches Sträußchen, an dem die Erdbeeren leuchten.
Tim steht da wie ein alter Mann, krumm und mit eingezogenen Schultern. Er keucht; fein Atem ist kurz und abgehackt. Als er sich überzeugt hat, daß Refl gerettet ist, spielt ein schiefes Lächeln um feinen Mund. „Haben — wir — da gelacht", stammelt er und fällt erschöpft vornüber, während das Kind schrill aufheult.
Tim wird auf der Bahre ins Dorf gebracht und ins Bezirkskrankenhaus übergeführt, wo man einen Schlüffelbeinbruch feststellt. Die Aerzte sind der Meinung, daß bei der Bärennatur des Verunglückten alles ausheilen wird.
Die ersten, die Tim besuchen, sind der Oberförster und seine Tochter. Resl legt einen Lärchenstrauß auf das Bett und stellt einen Krug mit Walderdbeeren auf das Tischchen. Dann forscht sie mit großen Augen in Tims Zügen. Der aber lacht sie an, zieht den gesunden Arm aus der Decke und läßt zwei Finger an ihrem Bauch entlangspazieren. „Es kriecht ein Käfer fribbelfrabb!" Da muß auch Resl lachen. „Ich danke dir schon, Tim, daß du mir das Leben gerettet hast!" sagt sie und hascht seine Hand.
„Piwacker", sagt ernsthaft der Oberförster, „auch ich danke Ihnen! Zwischen uns war Mißtrauen. Das soll jetzt anders werden. Wenn Sie wiederhergestellt sind, können Sie Jagdaufseher in meinem Revier werden. Ich denke, daß dann nicht mehr gewildert wird — einverstanden?"
Die beiden Männer sehen sich in die Augen und schütteln sich stumm die Hände.
Glona-palast:
„Eine Nacht mit Hindernissen".
Fedor von Zobelti tzens verliebte und witzige Geschichte von dem jungen Seeoffizier, der ver- botenerweife und heimlich eine Nacht auf Urlaub fährt, um nach monatelanger Abwesenheit ! ne kleine Frau in einem norddeutschen Hafenstäd.chcn zu besuchen, ehe er im Morgengrauen, als ob nichts gewesen wäre, wieder nad) Schanghai in See sticht — diese schöne Geschichte hat im Laufe der Jahre verschiedene Verwandlungen durchgemacht: ursprünglich war's ein Roman unter dem Namen „Der Klapperstorchverband", dann wurde ein Lustspiel daraus, das hieß „Weh dem, der liebt" und erschien vor einiger Zeit auch bei uns auf dem Theater. Jetzt hat zuguterletzt die Maxim-Film G. m. b. H. in Berlin einen Film daraus gemacht, der — mit geringen Abwandlungen und einem etwas verlängerten Epilog — im wesentlichen getreu den Spuren des Lustspiels folgt und dem Beschauer anderthalb Stunden ungetrübter Heiterkeit bereitet. Man kommt aus dem Lachen und dem Schmunzeln nicht heraus; es geht ja stellenweise recht unverblümt und anzüglich zu, aber die Situationen, die nächtlichen besonders, reizen unwiderstehlich zum Lachen. Es ist natürlich die alte Schwanktechnik, die hier mit unbestreitbarem Kombinationstalent angewandt wird; das Hübsche ist dabei, daß noch in den verrücktesten Szenen eine Spur von Wahrscheinlichkeit und Lebensnähe zu finden ist. F. B. Cor t an schrieb das Drehbuch; Carl Boese hat es mit geistesgegenwärtigem Sinn für Komik und hanebüchenen Pointen in .Szene gesetzt; es wird auch luftig gespielt, ßucie Englisch macht die kleine Kapitänsfrau mit dem legitimen, dennoch geheimen Abenteuer: sehr niedlich en ihrer Freude, ihrer Angst und ihrer stürmischen Verliebtheit; Georg Alexander scharmant und witzig als Dr. Pirovius; unter den mancherlei ergötzlichen Typen, die an dem kleinstädtischen Sturm im Wasserglase außerdem in erster Linie beteiligt sind, verdienen Brausewetter, Hans Richter, Eva T i n s ch m a n n und Josefine Dora an erster Stelle genannt zu werden: Fritz G e n s ck) 0 w (Rolf) und Erika B i e b r a ch (Gerten Kruse) seien nidjt vergessen.
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Im Beiprogramm sieht man die neue Wochenschau, einen unterhaltsamen Tierfilm und einen Vorspann zu den „Drei Kaiserjägern".
\ Hans Thyriot


