Kr.95 Drittes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 22. April (937
Aus der Stadt Gießen.
Beschauliche Rast.
Die Sonne blinzelt ein wenig, kommt dann strahlend hervor, um nach einer Weile plötzlich wieder zu verschwinden. Sie scheint ein neckisches Verstecktspiel zu treiben, wobei ihr die rasch ziehenden Wolken bald als Helle, bald als dunkle Kulisse dienen. Aber im ganzen ist es recht erträglich draußen, und wo die Sonnenstrahlen ausfallen, entfachen sie eine spürbare Wärme.
Sofort sieht die Stadt um einige Grade festlicher aus. Merkwürdig, im Frühjahr genügt ein bißchen Wärme und Sonnenschein, um dem Getriebe in den Straßen und Gassen heiteren Schwung und farbigen Glanz zu verleihen. Am reizvollsten ist es allerdings zu dieser Zeit in den Anlagen Das Grün des Rasens prunkt mit einer fast unglaublichen Frische, die knospenden Zweige nehmen sich verheißungsvoll aus, und der muntere Vogelgesang klingt wie eine fortwährende Huldigung an den Frühling.
Und eben darum sind die Bänke in den Anlagen wieder ein begehrenswertes Ziel. Vor allem in den Mittagsstunden, wenn der Pulsschlag der Stadt etwas geruhsamer pocht und die Arbeit die Menschen freigibt zu einer kurzen Rast. Es ist etwas Schönes um eine solche Rast, wenn die Helligkeit des Frühlingstages weiße Schleier webt und der feuchtwarme Atem des Lebens aus Blatt und Strauch zu bringen scheint.
Kommt aber der Nachmittag, wo die Mittagsgäste längst wieder im Büro und in der Werkstatt ihrer Pflicht nachgehen, dann ist es bei den Bänken in der Anlage nicht einsamer. Im Gegenteil, es scheint eher etwas geselliger zuzugehen, wenn auch diese Geselligkeit die friedvolle Ruhe und das gemächliche Ausspannen liebt Denn da sind neben den jungen Frauen und Mädchen mit Kinderwagen vor allem die alten Leutchen, die für die Bänke eine besondere Zuneigung haben. Sie kommen zu Zweien oder Dreien, steuern bedächtig auf eine bevorzugte Bank und genießen das Werden des Frühlings mit andächtiger Schau. Ihre Unterhaltung ist spärlich, sie bewegt sich meist um einfache Dinge und gilt in diesen Tagen häufig der Erinnerung an den einen oder anderen, der noch im vorigen Jahre mitten unter ihnen saß und den jetzt der kühle Rasen deckt.
Die Sonne macht sich rar in diesem Frühjahr, und das wird am allermeisten bedauert von jenen alten Leutchen, die auf den Bänken m der Anlage gern zur beschaulichen Rast ein wenig in der Wärme sitzen. Aber vielleicht war es wirklich nur ein Verstecktspiel, mit dem uns die Sonne bisher ein bißchen an der Nase herumführte, um in den kommenden Tagen um so glanzvoller zu strahlen. Wenn das der Fall sein sollte, wollen wir uns nicht weiter beklagen, und dann werden auch jene alten Leutchen auf der Bank es zufrieden sein, denen der Sonnenschein die beschwerlichen Tage des Alters erhellt.
Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Stadttheater: 20 bis 22 Uhr, 1. Volkstümliches Konzert „Schöne Melodien". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die gläserne Kugel". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Gefährliches Spiel".
1. Volkstümliches Konzert im Stadttheater.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Das Städtische Dreihefter, das vor der Uebernahme der künstlerischen Aufgaben des Musiklebens des Kurbades Bad-Nauheim sich erstmalig in seiner neuen, bedeutend vergrößerten Zusammensetzung dem Gießener Publikum und seinen Freunden oor- stellt, veranstaltet am heutigen Abend ein erstes volkstümliches Konzert unter dem Programm „Schöne Melodien". Mit dieser in der Zusammensetzung des Programms vielgestaltigen Veranstaltung verabschiedet sich unser Orchester zugleich von seinen Gießener Musikfreunden. Die musikalische
Aufruf an sämtliche Betriebsführer!
Die Hitlerjugend führt auch in diesem Jahre wieder ihre Sommerzeltlager durch. Sinn und Zweck, körperliche Ertüchtigung und Pflege der Kameradschaft, kann aber nur erreicht werden, wenn ämtlichen im Beruf stehenden Junggenossen der erforderliche Urlaub zur festgesetzten Zeit gewährt wird.
Zur Berücksichtigung in den Betriebsurlaubslisten geben wir nachstehend die Zeltlagertermine bekannt.
1. Bannzeltlager.
Hitler-Jugend, Bann 116:
Vom 20. bis 27. Juni 1937: Jugendgenossen der Gefolgschaft-10, 16, 17 und Motor-HI.
Vom 4. bis 11. Juli 1937: Jugendgenossen der Gefolgschaft 6, 7, 8 und 12/116.
Vom 18. bis 25. Juli 1937: Jugendgenossen der Gefolgschaft 1, 2, 5/116 und Marine-HI.
Vom 1. bis 8. August 1937: Jugendgenossen der Gefolgschaft 3, 4, 14, 15 und Nachrichten-HI.
Vom 15. bis 22. August 1937: Jugendgenossen der
Leitung hat Kapellmeister Paul Walter. Als Solisten wirken mit Friedel F o r n a l l a z, Hildegard I a ch n o w und Ernst August Waltz. Das Konzert dauert von 20 bis 22 Uhr. Die Veranstaltung ist außer Abonnement. Kartenverkauf an der Theaterkasse und durch die bekannten Kartenoerkaufsstellen der NSG. „Kraft durch Freude".
/ XX Die deutsche Arbeitsfront
,77 K N.S.-6ememschatt „Kratt durch kreude"
Amt Feierabend.
Letzte Sondervorstellung der Oper „Zar und Zimmerman n." Am Samstag, 24. d. M., bringen wir als letzte Opernaufführung dieser Spielzeit die komische Oper von Lortzing „Zar und Zimmermann". Eintrittspreise sind 1,— unb 1,20 Mark. Karten finb auf ber Kreisbienst- stelle erhältlich^ Beginn 19.30 Uhr.
Amt Reifen, Wandern und Urlaub.
Sonntagsfahrt an den Rhein. Am Sonntag, 2. Mai, führen wir mit einem Omnibus eine Tagesfahrt an den Rhein durch. Die Fahrt geht durch den Westerwald über Montabaur nach Ehrenbreitstein, von dort nach Braubach. Hier ist bei längerem Aufenthalt Gelegenheit gegeben, die Marksburg zu besichtigen. Abends fahren wir über Bad Ems durch das herrliche Lahntal nach Gießen zurück. Der Preis der Fahrt ist 5,50 Mark. Fahrkarten sind auf der Kreisdienststelle erhältlich.
Von der llniversität.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Durch Erlaß des Herrn Reichserziehungsministers wird der ao. Professor Dr. med. Anthony, bisher in Hamburg, als Dozent der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen zugeteilt.
Beförderungen in der Motorgruppe Hessen des ASKK.
NSG. Laut Korpsführer-Befehl vom 20. April 1937 wurde in der Motorgruppe Hessen des NSKK. eine Reihe von Beförderungen ausgesprochen:
In der Motorstandarte 47 Hanau wurde der Staffelführer Friedrich Eugen Streckfuß zum Oberstaffelführer befördert.
, Zu Staffelführern wurden befördert: Sturmhauptführer Metzler vom Stab der Motorgruppe Hessen und die Führer der Staffeln I/M 49 E. Hamm, II/M 147 H. Jäger und III/M 147 W. Hartmann.
Zu Sturmhauptführern wurden befördert: der Führer der selbständigen Staffel M II, Obersturm-
Gefolgschaft 9, 11, 13/116 und alle die 1937 noch nicht im Zeltlager waren.
Deutsches Jungvolk, Jungbann 116: Vom 27. Juni bis 3. Juli, 11. bis 17. Juli, 25. bis
31. Juli, 8. bis 14. August 1937: Stämme II bis V (Land).
2. Baldur-von-Schirach-Zelllager.
Hitler-Jugend, Bann 116: Jugendgenossen mit besonderer Einberufung aus sämtlichen Gefolgschaften und Deutsches Jungvolk, Jungbann 116: Stamm I (Gießen). Vom 1. bis 13. August: Dauer 14 Tage.
Die Teilnehmer dieses Lagers sind angewiesen worden, sich sofort nach Erhalt ihrer Einberufung mit ihrem Betriebsführer in Verbindung zu setzen.
Gießen, 20. April 1937.
Der Führer des Bannes 116: Rohrbach, Unterbannführer.
Der Führer des Jungbannes 116: Taesler, Stammführer.
führer I. Bauer (Aschaffenburg) und der Führer der Staffel I/M 147 Schäfer.
Dachböden werden entrümpelt.
In den nächsten Tagen wird die bereits ange- künd'igte Entrümpelung der Dachböden durchgeführt. Die Polizei macht nochmals darauf aufmerksam, daß nach der Entrümpelung Polizeibeamte und Amtsträger des Reichsluftschutzbundes zur Kontrolle eingesetzt werden. Bei Beanstandungen müssen die betreffenden Wohnungs- ober Hausinhaber bie Dachböben auf ihre eigene Kosten entrümpeln lassen. Darum befolgt bie Anordnung unb stellt die abzuliefernden Sachen bereit, denn es entstehen an diesen Tagen keinerlei Kosten für den Abtransport usw.
Billige Ditamine.
ZdR. Etwas wissen unb* banach hanbeln, ist zweierlei. Jeber führt heute Worte über zweckmäßige Ernährung im Munbe, spricht von Vitaminen und anderen Nährstoffen, lebt aber durchaus nicht immer danach. Wie wäre es, da ja über den Nährwert von Kohlehydraten und Vitaminen kein Zweifel besteht, wenn man einmal den Anfang machte, ein äußerst gesundes und noch dazu sehr billiges Nahrungsmittel zu verwenden — die Marmelade? Gerade jetzt im Frühjahr ist auch der größte Liebhaber der ewigen Schmalz- und Butterstullen etwas überdrüssig geworden und für ein Marmeladenbrot um so eher zu haben. Darüber hinaus hat die Marmelade noch den Vorteil, auch zu Kuchen als wohlschmeckende, erfrischende unb nahrhafte Beigabe zu Speisen mancher Art und Tunken verwanbt werden zu können. Die verbilligte Marmelade, von ber, um sie- wirklich ein Dolksnahrungsmittel werben zu lassen, in diesem Jahr noch größere Mengen als im vergangenen Jahre hergestellt würben, ist mit ihrem Preis von 18, 28 und 32 Pf. je Pfund so preiswert, wie man es sich nur wünschen kann. Mit ihren verschiedenen Arten sorgt sie bafür, baß jeber eine Sorte nach seinem Geschmack finbet. Darum sollte gerabe jetzt, ba bas frische Obst bes Frühjahrs noch nicht herangereift ist, ber Körper aber Hunger nach Vitaminen hat, bie Marmelabe in keinem Haushalt fehlen.
Hoher Wasserstand der Lahn.
Unsere heimischen Fluß- und Bachläufe — für uns in ber Stabt besonders auffällig bie Lahn und bie Wieseck — führen seit bem gestrigen Mittwoch wieber sehr viel Wasser. Der anhaltenbe Regen am Montag, bie Regenfälle in ben Nachmittags- unb Adendstunben am Dienstag und der zum Teil heftige und stürmische Regen in der Nacht zum Mittwoch hatten ein rasches Ansteigen des Wasserstandes zur Folge. Schmutzigbraun wälzen sich die Wassermassen der Lahn daher: teilweise trat
der Fluß über seine Ufer und bildete wieder große Seen. Auch die Wieseck brachte wieder erstaunlich viel Wasser, und im Laufe des ganzen gestrigen Tages waren die Wiesen am Amtsgericht und am Ph'ilosophenwald hoch überschwemmt. In der vergangenen Nacht fiel der Wasserstand wieder etwas, da aber die Regenfälle anscheinend und nach ber Wettervoraussage noch weiter anhalten sollen, wirb das Hochwasser kaum wesentlich zurückgehen.
So wie in unserer unmittelbaren Heimat, so schwollen auch bie Bachläufe in ben Tälern unseren weiteren Umgebung stark an. Die Lumba führt wieber viel Wasser zu Tal, in ben tiefgelegenen Gebieten ber Wetterau haben sich viele Teiche unb Seen gebUbet, ba ber Boben so burch- näßt ist, baß er kein Wasser mehr aufzunehmen vermag.
Wie aus Frankfurt gemelbet wirb, hat ber Landregen, ber am Dienstag unb in ber Nacht zum Mittwoch über, ganz Sübwestbeutschlanb nieberging, in einzelnen Gebieten ungewöhnliche Wassermengen gebracht. So fielen in Frankfurt z. B. 23 bis 25 Millimeter Regen. Das bebeutet auf ben Ouabrat- meter 23 bis 25 Liter Wasser. Einßelne Orte im Taunus melbeten noch weit stärkere Regenfälle.
Jahreshauptversammlung der Gießener Freiwilligen Feuerwehr.
Die Gießener Freiwillige Feuerwehr hielt — wie bie Wehrleitung uns berichtet — am 17. April im „Frankfurter Hof" ihre biesjährige Hauptversammlung ab. Der Wehrführer, Hauptbranbmeister Koch, eröffnete nach Melbung unb Begrüßung an ben Brandinspektor Lenz bie Versammlung unb erstattete ben ausführlichen Jahresbericht 1936/37. Der burch Tob ausgeschiebenen Kameraben Kraus unb Gutdub würbe in ehrenbem Gebenken gebucht. Für treue 25jährige Pflichterfüllung in ber Wehr würben bie Kameraben H. Hoos unb H. Schmibt burch ben Wehrführer mit einem Geschenk beehrt. Der Kassenwart, Ober-Branbmeister H e i ß l e r, erstattete ben Kassenbericht für Rechnungsjahr 1936/37, wofür ihm auf Antrag Entlastung erteilt würbe. Der Voranschlag für bas Rechnungsjahr 1937/38 wurde vorgelegt unb genehmigt.
Der neue, für bas Sommerhalbjahr aufgestellte Uebungsplan würbe eingehenb besprochen. Die in biesem Plan vorgesehenen Hebungen für Feuer- unb Luftschutz stellen an ben einzelnen Feuerwehrmann unb Führer große Folgerungen unb verlangen restlose Einsatzbereitschaft, benn mit Ablauf bes Sommerübungsplanes soll die Ausbildung des Ein- heitsfeuerwehr-mannes, sowie die gründliche Aus- dildung an den motorisierten Großlöschgeräten vollständig abgeschlossen sein, so daß die Freiwillige Feuerwehr jederzeit in der Lage ist, im Falle einer Brandkataftrophe mit der Berufsfeuerwehr gemeinschaftlich zu arbeiten. Die im Juni unb August bie- ses Jahres in Bübingen unb Nieder-Bestingen statt- finbenben Verbandstage werben von ber Wehr besucht.
Branbinspektor Lenz bankte ber Wehr im Auftrage ber Stabtverwaltung für ihre bisher geleistete Arbeit im Dienste ber Nächstenliebe zum Schutze von Gut unb Eigentum ber Stabt und ihrer Bürgerschaft vor Feuersgefahr, unb forderte bie Kameraben auf, auch weiterhin ihre uneigennützige Pflicht laut bes abgegebenen. Gelöbnisses zu erfüllen.
Mit bem Treuebekenntnis zu Volk unb Führer würbe bie Versammlung burch ben Wehrführer geschlossen.
Das soll Jhce Zahnbürste schaffen?
Sie soll jeden winzigen und entlegenen Winkel Ihrer Zähne erreichen? Das wird sie nicht allein schaffen. Da muß schon Nivea-Zahnpasta helfen! Die sorgt dafür, daß jedes Eckchen gründlich und doch schonend gereinigt wird und daß Ihre Zähne weiß und gesund erhalten werden
Besuch im „Raabennest".
Von Werner Schumann.
Im ersten Stock bes Hauses Leonharbtplatz 29 in Braunschweig finbet ber Besucher noch immer bes Dichters Türschilb: W. Raabe steht ba zu lesen, und bas alte, zierliche, weißhaarige Fräulein, bas die Tür öffnet und den Fremden mustert, trägt ganz die eigentümlichen Gesichtsmerkmale des Vaters, wie sie uns von den Bildern her bekannt sind: es ist die lange, schmale, spürsame Raabe- Nase, die scharf und doch gütig von unten heraufblickenden, kleinen Augen finb s, feine Stirn und das etwas Ausgezehrte der Wangen — welche Uebereinftimmung zwischen Vater und Tochter! Fräulein Margarethe Raabe, Malerin, ist die .Hüterin des Nachlasses. „Noch kann ich die Wohnung halten", sagt sie mit tiefer, männlich-fester »Stimme, „vielleicht wird dies alles einmal Museum." Das Wort trägt nun einmal den Beigeschmack des Angestaubten und Aufgebauten, und ich bin glücklich, noch so privat, wie ein Freund bes Hauses, idurch bie bürgerlich-behaglichen Räume geführt zu' merben. Nichts ist verschlossen unb nichts wirkt „ge- -stellt" — ber Geist jenes alten Mannes, ber biese ^Zimmerflucht nach bem Leonharbtplatz unb bem Altewiekring hinaus bis zu seinem Tobe im Jahre 1910 bewohnte, scheint noch umzugehen. Dieser Eindruck ber Wohnlichkeit wirb noch verstärkt beim Betreten bes Arbeitszimmers. Ist nicht alles, was Mir beim Klang bes Wortes „Stube" empfinden, lhier Wirklichkeit geworden: Beschaulichkeit, Wärme, «Geborgensein? Ein leiser Nachklang vom Bieder- imeier schwebt darin. Sofa und Sessel mit dem «grünlichen Plüschbezug, die Schlummerrolle auf dem Korbstuhl, der gepolsterte „Faulenzer" — ben Raabe «freilich nie zu benutzen pflegte, denn er war ein Mann ber Bewegung! —, ber beinahe ärmlich «wirkende Schreibtisch neben bem Fenster, bie Familienbilder unb überall auftauchenben Erinnerungsstücke, bas stimmt in Art und Anordnung so oanz zu einem Fabulier-Winkel jener lang zurück- liegenben Zeit und auch zu unseren Vorstellungen von ber häuslichen Umgebung bes Dichters ber ..Chronik ber Sperlingsgasse". Die aber schrieb er, man sollte es nicht vergessen, schon als Dreiunb- 5man3iqiät)riger in einem möblierten Ammer des Schneiders Wuttke in Berlin (Gpreegaffe 11, erster Stört) Und fein Braunschweiger Hauswirt hatte Ben guten Einfall, ihm zum 70. Geburtstag eine gerahmte Photographie lener unsterblichen Gaffe zu schenken, durch die er den steilen Weg zur wahren Volkstümlichkeit gegangen war: Sie hangt,
ein Stück gutes altes Berlin mit Rollwagen und Pferbegespannen, überm Sofa.
Raabe schrieb mit der Stahlfeber unb keineswegs mit bem Gänsekiel, er haßte ben Kitsch unb bie Rückstänbigkeit. „Ich habe", schrieb er als junger Mensch einem Freunde, „niemals ein Trauerspiel ber französischen Klassiker durchlesen können. Für die antike Welt ist mein Verständnis und meine Teilnahme eine geringe. Goethe lese ich erst seit drei Jahren, den ,Wilhelm Meister' habe ich noch nicht zu Ende gebracht, dagegen wußte ich schon zu Magdeburg den 1. Teil des Faust ganz auswendig. Es stecken eine Menge Gegensätze in mir, und seit . frühester Jugend habe ich mich selbstquälerisch mit ihrer Analyse beschäftigt. Ein ästhetisches Gespräch kann mich in den Sumpf jagen! Ich liebe einen Kreis guter Gesellen, eine gute Zigarre und, wenn es sein muß, einen guten Trunk..Treffender konnte sich Raabe nicht konterfeien. Der Humor freilich kam ihm, wie könnte es anders sein, erst mit den Jahren. Wissen und Lachen — bas Lachen bes Wissenden! — wollen erworben sein. So tritt uns ber ältere, ber 50jährige Raabe auf bem Fechnerschen Porträt entgegen, bas im Empfangszimmer hängt: ba hat er Auge unb Ohr für Leib und Sterben, aber auch, wie's im „Schübberump" heißt, für bas „Messer- unb Gabelgeklirr bes Lebens", das uns „obendrein recht vergnüglich stimmt". Und wer wollte ein Gedicht wie das aufrüttelnde „Ans Werk" („Aus bem großen Kriege") lesen, ohne hier schon ben Marschschritt des l.-Mai-Jubels unserer Tage herauszuhoren?
Bewegung, sagte ich, war bem arbeiteten Wilhelm Raabe ein Bebürsnis. „Mein Vater ist während ber Arbeit in diesem Zimmer in der Diagonale immer auf- und abgegangen, vom Schreibtisch bis zur Bibliothek. Oft konnten wir seinen Schritt hören. Er wanderte auch für sein Leben gern. Sehen Sie, dort am Bücherregal hängt noch seine alte Reisetasche..." Das kleine Fräulein langt sie mir herunter, die ihn so manches Mal auf Harzwanderungen begleitet hat. Sie ist altersschwach und geht in den Nähten auseinander.
Unb nun kommen wir zum Schönsten und Er- greifenbften: zu ben Büchern, in benen er geblättert unb gelesen, burch die er sich auf die eigenen Werke vorbereitet hat. Es ist eine nicht zu große, aber sehr erlesene Sammlung, zum Teil schon vom Großvater und Urahn überkommen, und in manchem schweinsledernen Büchlein finden sich die Namen und Daten dreier Raabe-Geschlechter. Die Leseleidenschaft hatte ihn ja einst zum Buchhandel getrieben! Andersen, Balzac, Dickens unb Thackeray,
bie schon feine Mutter liebte, haben ihn beeinflußt. Goethe unb Shakespeare finb natürlich ba in oerschiebenen Ausgaben, Schopenhauer unb Plutarch, Jakob Böhmes „Hohe und treffliche Grünbe vom breyfachen Leben" (1682), von ben Engländern Byron, Humes Essays und „The lettres of Robert Stefenson“. Freiligrath, der hatte ihn einmal begeistert als Lyriker. Auch Lichtenbergs Schriften sind vollzählig. Aus einer 1750 erschienenen „Beschreibung ber Stabt Nürnberg" hat er sich bie Unterlagen für bie schöne, kleine Erzählung „Des Reiches Krone", aus „Orbis sensualum pictus“ (1760) wichtige Einzelheiten für ben „Hungerpastor" geholt. Ein Buch nach bem anberen nimmt Margarethe Raabe aus ben Regalen, um mir Bleistift- Anmerkungen ihres Vaters zu zeigen. Er muß ein gewaltiger Leser gewesen sein. Und er bürste sich bazu eines ungewöhnlich starken Gedächtnisses rühmen. Eng wie diese Stube war oft seine Welt — aber groß ber geistige Raum, ber sich barüber wölbte unb für ben biese wohlgeorbnete Bibliothek hier Symbol ist.
Welche Stille im „Raabennest"! Vom Leonharbtplatz, ben man ganz überblickt, bringt kein Geräusch herauf. Vielleicht hat ber alte Herr bas Fernglas, bas in zerschlissenem Futteral auf bem Schreibtische liegt, zuweilen an bie ermübeten Augen geführt, um nach den Vorüberwanbelnben auf dem weiten Platz ober nach ben Vögeln im Gezweig ber Bäume zu äugen. Dann mag Zigarren- bampf in dicken Schwaden burch die Stubierstude gewogt sein. Es könnte, so meint man, alles erst gestern geschehen sein. Unb boch finb bie kleinen unb nebensächlichen Dinge ba auf Tisch und Pult — bas Tintenfätzchen aus Porzellan, ber geräumige Zigarrenkasten, ber Feberhalter, ber winzige Löscher, die sehr einfache Schreibmappe — längst Reliquie. Eine gesplitterte Granate aus bem beutsch-franzö- sischen Kriege biente bem Dichter als Aschenbecher.
Eine Ueberraschung aber wartet meiner noch im Empfangszimmer, das wir burch ein kleines, stilvolles Kabinett betreten. Raabe als Zeichner! Da wirb, als mir die Mappe mit den zahllosen Zeichnungen und Skizzen zur Hand nehmen, die Dame des Hauses lebendiger, aufgeschlossener, und mit Worten der Bewunderung — sie ist ja hier als Malerin in ihrem Fach — zeigt sie mir die zierlichen Blättchen mit jagenden Pferden, Soldaten, Segelschiffen im Sturm. Es sind überwiegend Miniaturen aus dem 30jährigen Krieg, zum Teil auf Korrektur-Umschläge mit der Schreibfeder gezeichnet, Produkte einet immerwachen Phantasie, hinflutend in Leben und Bewegung. Die bildliche Begleitmusik zu feinen Romanen unb Erzählungen.
Welch ein Wiberspruch zu bem Skeptizismus ber Statuette, bie ihn als zurückgezogenen Sinnierer in langwallendem Bart unb Mantel zeigt!
Als Wilhelm Raabe 70 Jahre alt war, am 8. September des Jahres 1901, hat ihm bie Nation die Geburtstagslichter angeftedt. Nach bem „leisen Anspülen bitterer Fluten" brach die Sonne bes Ruhms burchs Gewölk, die Dichter traten vor und zeugten für ihn, ja, huldigten ihm mit Worten, die ihnen nur die Liebe eingeben konnte. Eine dicke Mappe mit „Erinnerungsblättern" liegt vor uns auf bem Tisch: und bas Fräulein mit bem schlohweißen Haar hält die schönsten hoch und lieft sie langsam in reinster braunschweiger Mundart vor. Gustav Falke, Felix Dahn, Friedrich Lienhardt, Martin Greif, Hans Thoma, Wilhelm Busch und Gustav Frenssen sind unter ihnen. „2)rei große Dinge", schrieb Peter Rosegger, „hast du dein Volk gelehrt: den Glauben an das Gute, die Liebe zu den Menschen, die Treue zur Heimat." Unübertrefflich bündig und herzlich aber war ber Geburtstags- fpruch Detlev von Äliencrvns: „Ich habe bich sehr lieb". Dem Besucher, ber bas „Raabennest" verläßt, klingen hie fünf Worte noch lange nach.
Zeitschriften.
— Die Aprilfolge von Westermanns Monatsheften bringt mit bunten Bilbwiebergaden bie Würbigung bes Münchener Malers Frieber Wegert, besten Kunst traumtiefer Ferne gleicht, mit Klängen in ben kristallischen Farben, bie eigenartig unb boch nahe berühren. Ein anberer farbiger Beitrag führt in bas Gebiet ber Schwälmer Bauernkunst mit ben vielseitigen Mustern ihrer bunten Stickereien unb Strickarbeiten. Mit einer geistvollen Betrachtung „Flucht aus ber Oper?" wirb zu bem heutigen Opernproblem Stellung genommen. Liebevolles Versenken in bie Natur bebeutet eine bichte- risch erfühlte Betrachtung über „Die Seele ber Bäume", mit schönen Aufnahmen in Tiefdruck- Wiebergabe. Auch bie kurze phänologische Betrachtung „Wenn ber Frühling wieberkommt ..." ver- bient hier Erwähnung. Das rassische Problem wird von einer neuen Seite her aufgegriffen in einem Beitrag über „Rhythmus unb Rasse" wozu charakteristische Schriftwiebergaden gehören. Die Abhanb- lung über „Die Neugestaltung bes beutschen Ehe- scheibungsrechts" unb das Thema, ob Nom unb Hellas überrounbene Kräfte finb, werben intereffie- ren. Erzählungen von Uli Klinisch, Joseph Müser, Richarb Euringer, unb manche andere Veröffentlichung noch, vervollständigen den reichen Inhalt.


