wohl aber aus einem im Zeichen des „Gedeihens" stehenden Flurumgantz, dem altüberlieferten germanischen Bittgang über die Fluren, zum Gruß und zum Segen der Saat. Und, wieder in enger Verbindung zum menschlichen Lebensschicksal und Lebenssegen, leben die sinnbildlichen Züge solch alter Umgänge ja auch in den heutigen Fasnachts- züaen noch fort!
Jedenfalls entspricht die Bezeichnung „Fastnacht" weder dem Sinn noch dem Inhalt des Festes, noch seiner volkssprachlichen Ueberlieferung. „Fastnacht ist ein fahrlässig oder absichtlich verfälschter Be- griff, und die Zeugnisse der Mundarten, der eigent- nchen Sprache des Volkes, verlangen geradezu nach einer Bereinigung, nach einer Wiedergut' machung zur unverfälschten Fasnacht!
Dr. H. Strobel.
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Hitler-Jugend, Unterbann Gießen: 20.30 Uhr Elternabend in der Turnhalle am Oswaldsgarten. — Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr: „Wasser für (Sani» toga". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Weiße Sklaven"; 23 Uhr: Nachtvorstellung „Kreuzweg einer Liebe". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Es geht um mein Leben". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung der Oelgemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Professor Otto Dill.
Erstaufführung „Wasser für Lanltoga" im Sladttheater Gießen.
Aus dem Stadtheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die Erstaufführung des fpan- nenden Schauspiels „Wasser für Canitoga" von Georg Turner statt. „Wasser für Canitoga" erlebte bei seiner Uraufführung und seinen weiteren Erstaufführungen einen so stürmischen Erfolg, daß fast alle Bühnen sich dieses Schauspiel sicherten. Der Intendant des Stadtheaters, Hermann Schultze- Griesheim, erwarb die Aufführung dieses Schauspiels sofort nach seiner erfolgreichen Uraufführung. Die Spielleitung führt Anton Neuhaus. Es wirken mit: Inge Birkmann, Rose Stirl; Gerhardt Frickhoeffer, Gert Geiger, Hans Geißler, Victor von Gschmeidler, Wolfgang Kühne, Karl-Ludwig Lindt, Paul Nierem Peter Schorn, Hans Seitz, Karl Volck, Fritz Walter. — Bühnenbild: Karl Löffler. — Die Vorstellung findet als 17. Vorstellung der Freitag-Miete statt und beginnt um 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. —
BOM., Unfergau 116.
Dlenflbefehl!
Am Sonntag, 24. Januar, treten alle Mädel- und Jungmädelgruppen um 16.45 Uhr an den ihnen zugewiesenen Plätzen an:
Mädel- und JM.-Gruppe Gießen-Süd: Selterstor
„ „ „ „ Nord: Marktplatz
„ „ „ „ Mitte: Kreuzplatz
„ „ „ „ Ost: Stadttheater
zur Werbeaktton für Heimbeschaffungen.
den. Wir empfehlen den Besuch dieser hervorragenden Aufführung. Die Bestellungen der gewünschten Karten geben-die Gefolgschaftsführer bzw. Führer der Sondereinheiten direkt an die Theaterkasse.
Die Veranstaltungen zur Heimbeschaffungsaktion.
Der Unterbann Gießen tritt anläßlich der Heimbeschaffungsaktion mit einer großen Veranstaltung heute abend an die Oesfentlichkeit. Zu der Veranstaltung find nochmals die Eltern der Hitlerjungen, darüber hinaus alle an der Heim- beschaffung interessierten Volksgenossen herzlichst eingeladen. Der Elternabend findet in der Turnhalle am Oswaldsgarten, heute Freitag, um 20.30 Uhr, statt.
*
** D i e Beiträge der Vieh besitzerund Viehhändler nach dem Reichsviehseuchengesetz betrifft eine Bekanntmachung der Stadtverwaltung in unserem heuttgen Anzeigenteil, auf die wir besonders Hinweisen.
** Straßenkanal -Bauarbeiten schreibt das städtische Hoch- und Tiefbauamt in einer Bekanntmachung in unserem heuttgen Blatte zur Vergebung aus. Interessenten mögen auf die Bekanntmachung achten.
Schwurgericht Gießen.
Unter dem Vorsitz des Landgerichtsrats Heid wurde am gestrigen Donnerstag die zweite Schwurgerichtsverhandlung der ersten diesjährigen Schwur
gerichts Periode durchg^ührt. Als Beisitzer waren die Landgerichtsräte Schneider und S ch a e g tätig. Die Anklage vertrat Gerichtsassessor Maier, die Verteidigung führte Rechtsanwalt Krüger (Gießen).
Der 36jährige Heinrich Matthes aus Lichen- roth (Kreis Gelnhausen) stand unter der Anklage der Verleitung zum Meineid sowie des Meineids. In einer Sitzung der letzten vorjährigen Schwurgerichtstagung, in der die damaligen Angeklagten wegen Meiyeiüs zu Freiheitsstrafen verurteilt worden waren, wurde der jetzige Angeklagte als Zeuge vernommen. Die Anklage warf ihm vor, daß er in dem damaligen Schwurgerichtstermin unter Eid eine unwahre Aussage gemacht habe. Weiterhin warf die Anklage dem Angeklagten vor, einen der seiner Zeit vor den Schranken des Schwurgerichts gestandenen Angeklagten zum Meineid verleitet zu haben.
Nach eingehender Beweisaufnahme verkündete das Schwurgericht nach fast zweistündiger Beratung in den Abendstunden das Urteil, das auf Freisprechung lautete. In der Urteilsbegründung wurde von dem Vorsitzenden ausgefuhrt, daß zwar starke Verdachtsmomente gegen den Angeklagten bestehen, jedoch eine verurteilende Erkenntnis allein auf die Aussage des seiner Zeit wegen Meineids verurteilten Zeugen K., dem durch Schwurgerichtsurteil u. a. die Fähigkeit, als Zeuge oder Sachverständige vernommen zu werden, aberkannt worden ist, nicht gestützt werden könne. Aus diesen Gründen habe das Schwurgericht zu einem Freispruch kommen müssen.
Pimpfe wollen gesunde Heime!
Von Iungbannarzt Dr. von Düngern.
bar;
mit Heller elekritischer Beleuchtung. Minde-
Noch immer haben viele Einheiten unseres Jung- bannes kein eigenes Heim: sie veranstalten ihre
mehr zu brauchen waren: ein muffiger Keller etwa mit schimmelbewachsenen Wänden, ein alter, feuchter Stall, oder eine zugige, nicht heizbare Dachkammer.
Kann das gesund sein: jode Woche ein-, zweimal abends in solchen Räumen zu sitzen? In feuchtkalten Kellern, bei deren Betreten einen schon fröstelt, mit dauernd kalten Füßen auf dem nicht untermauerten Boden, beim die Augen verderbenden Zwielicht einer Notbeleuchtung? Ein anderes von einer Gemeinde zur Verfügung gestelltes Heim war verwanzt!
Die Heime, die unsere Pimpfe brauchen, sollen genügend große, hohe, helle, saubere Räume fein; im Sommer gut lüftbar und im Winter gut heiz-
stens ein Hahn mit laufendem Leitungswasser zum Händewaschen und Kanalisation sollten heutzutage gerade für die Heranwachsenden Jungen selbstver-
gerichtet sind.
Gar keine schlechte Lösung dieses Wunsches nach dem vollkommen eigenen Bau, aber doch noch eine Notlösung, ist auch das Heim in Wieseck: ein alter Eisenbahnwagen, seiner Eisenbahnmöbel beraubt, dafür sauber ausgeweißt, mit Bänken, Ti- sehen, Bildern, einem wärmespendenden kleinen Eisenofen, von den Pimpfen gemütlich eingerichtet. Die Pimpfe wissen auch mit bescheidenen gebotenen Hilfen, wenn diese zweckmäßig sind, sich zu helfen.
Am wünschenswertesten sind Heime, die die Pimpfe in eigenen Neubauten sich vollkommen zweckentsprechend einrichten können. Daß die Ausführung solcher Wünsche keine Unmöglichkeit ist, beweisen verschiedene in letzter Zeit fertig gewordene derartige Bauten: zum Beispiel im Kreise Büdingen ein Neubau, der die Geschäftsstellen der HI. und des BDM. beherbergt und dann noch große schöne Räume enthält, die als Heime der Einheiten ein»
Heimabende im Freien, so daß bei Regen oder gerade für die Heranwachsenden Junge Kälte diese „Heimabende" überhaupt ausfallen stündliche hygienische Forderungen sein, müssen. Andere Einheiten haben zwar Räume als Heime zur Verfügung gestellt bekommen — aber manchmal Räume, die anscheinend sonst zu nichts
Kreuz und quer durch Kleinasien.
Vortragsabend in der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.
kulkurslelle.
Folgende Theatervorstellungen könnt ihr besuchen: Mittwoch, 27. Januar, Oper „Carmen"; Preis 1 Mark. Mittwoch, 3. Februar, Tanzabend und „Die schöne Galathe"; Preis 1 Mark. Mittwoch, 10. Februar, Schauspiel „Wasser für Canttota , Preis 0,50 Mark.
Die Karten müssen immer bis spätestens Montag, 18 Uhr, bestellt werden. Vergeßt nicht das Geld mitzubringen.
Die Führerin des Untergaues 116.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Belt. Theaterbesuch.
Am Mittwoch, 27. Januar, kann die Oper „Carmen" zum Preise von 1 Mark von uns besucht wer-
«en einem Vortrag über einen amerikani- ndschaftsteil und dem kommenden Vortrag über Grönland brachte die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde am gestrigen Donnerstagabend einen solchen über Kleinasien. Was der Vorsitzende, Univ.-Pros. Dr. Klute, in seinen Begrüßungsworten über dieses Land alter Kulturerscheinunaen und wechselvoller landschaftlicher und geologischer Eindrücke, in diesem Kernland des heutigen türkischen Staates andeutete, das wurde durch den Dorttag des Dr. P. Fickeler aus München bestätigt.
Aus seinen vielseitigen Erlebnissen einer reit- gions- und kulturgeschichtlichen, geographischen und geologischen Studienreise im Jahre 1934, die der Vortragende mit dem jetzt in Königsberg (Pr.) befindlichen Dr. Leinbach unternommen hatte, schilderte er anschaulich dieses Land. Ausgezeichnete, zum Teil farbige Reifebilder boten den zahlreichen Zuhörern einen guten Einblick in die Verhältniffe dieses Landes. An Hand einiger Karten bekam man einen Eindruck von der Größe und geographischen Beschaffenheit dieses Hochlandes, dessen unterfchied-
liche Niederschlagsmengen eine verschiedenartig» Pflanzendecke hervorzaubern. Die moderne Türket ist bemüht, einen Ausgleich zu schaffen und durch künstliche Bewässerung dem fruchtbaren Boden Ernteerträge abzugewinnen, die sie unabhängig von der Einfuhr macht. Bisher stand der Tabak an erster Stelle der türkischen Ausfuhr, von der er den vierten Teil ausmacht. Aber auch Haselnüsse, Baumwolle und Südfrüchte sind reichlich vorhanden.
Der Vortragende erläuterte dann die Fortschritte Kemal Atatürks in der Erschließung des Landes durch ein ausgedehntes Eisenbahnnetz, das noch verdoppelt werden soll. Die Schilderungen seiner Reisen von Tschuruk über Erserum, Sivas und To- kas an das Schwarze Meer, nach Afiun-Karahisfar, in die Salzwüste und der Besuch der Hauptstadt Ankara, unterstützt von einer Fülle von Bildauf- nahmen, waren sehr aufschlußreich. Die Beschreibung der geologischen Beschaffenheit weiter Landstriche ließ die Naturschönheiten dieser Gebirge und Hochebenen erkennen, in die reizvoll eingebettet typisch orientalische Städte mit ihren Moscheen, Minaretts >-nd Flachdächern sind und die Talschluchten und Bergkegel und sogar Schneegipfel in reicher Fülle aufweifen. Diele Bilder aus dem Leben der Einwohner gaben Aufschluß über die Modernisierung der auf ihre Eigenart sich besinnenden Türken. Interessant war es zu hören, daß sie an Stelle des ihnen fremdländischen Fezes die europäische Schirmmütze, die sie zur besseren Verrichtung ihrer religiösen Bräuche mit dem Schild nach hinten auffetzen, tragen. Bilder von dem Markttreiben und Straßenleben ließen erkennen, wie orientalisches Wesen in neuen, von Europäern angenommenen Formen, unbehindert weiter strömt.
So merkwürdig sich die Eisenbahnzüge mit den modernen Bahnhöfen, großzügigen Getreidespeichern und den Bauten in europäischer Architektur neben den orientalischen Städtebauten ausnehmen, so lassen sie doch den Aufbauwillen des um seine Freiheit ringenden Türken erkennen. Die Ernsthaftigkeit dieses Vorgehens spricht auch aus der Verdrängung des Kaffeeanbaues durch den Teeanbau und der Opiumerzeugung zugunsten der Zuckerrübe. Früher war die Türkei auf die Zuckereinfuhr angewiesen, jetzt versorgt sie sich selbst.
Der Vortragende wußte auch sehr überzeugend von den guten Beziehungen des Dritten Reiches zur modernen Türkei zu erzählen, und mit Freude gedachte er des türkischen Entgegenkommens bei der Besichtigung der Stadt" Erserum, deren Betreten Engländern und Franzosen und selbst den Italienern nicht gestattet wird. Zum Schluß zeigte der Vortragende Aufnahmen aus der großzügig aufgebauten neuen Hauptstadt Ankara mit ihren im Stile europäischer Architektur erbauten Hochschulen für Musik und Landwirtschaft, für deren letztere Deutschland 40 000 Bände deutscher Literatur gestiftet hat. Durch die Bevorzugung deutscher Eisenbah- nen, deutscher Ingenieure und Wissenschaftler haben sich sowohl die kulturellen, wie die wirtschaftlichen Wechselbeziehungen zwischen der Türkei und Deutschland oertteft, und der Redner sprach die Hoffnung aus, daß es dem großen türkischen Führer Kemal Atatürk auch gelingen möge, im An» schluß an die alten Kulturen und die reiche Geschichte dieses Landes eine bodenständige, eigenwillig türkische Kultur erstehen zu lassen.
3n denFamilienbläiiem
beginnt heute unser neuer Vornan:
„Oer Giechlin"von Fontane
Vas fremde Gesicht.
Roman von Caren.
23. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Ich erklärte ihm immer und immer wieder, daß ich nichts mit ihnen zu tun haben wollte, ich weigerte mich aufs entschiedenste, dir auch nur ein Wort davon zu sagen. Ach, dieses stundenlange Hin- undherreden, diese furchtbare Nervenanspannung und dabei immer die Angst, ihn zum Zorn zu reizen, so daß er womöglich hingeht und die Polizei auf mich hetzt. Denn das ließ er natürlich immer so sanft durchblicken ... Ach, Liebster, ich war stets halbtot nach diesen Zusammenkünften!"
„Armes Kind! Und dann ...?"
„Dann kam eines Tages auch noch Monno, und dann nahmen sie mich zu zweien in die Arbeit, stundenlang. Das war an jenem Abend, weißt du, als ich so spät heimkam und sagte, ich sei in der Oper gewesen. Nie in meinem Leben werde ich diesen Abend vergessen! Monno mußte zum Glück am nächsten Tag wieder abreisen. Aber er bombardierte mich von Mailand aus mit poftlagernben Briefen, er drängte und drohte, stellte mir ein Ultimatum ..."
„Ein Ultimatum? Bis wann?"
„Bis Ende des Monats, schrieb er. Wenn ich bis dahin die Sache nicht eingeleitet hätte, würde er sich zu seinem Bedauern gezwungen sehen, den .direkten Weg' einzuschlagen. Ob er damit den Weg zu dir meint ober zur Polizei, weiß ich nicht. Das eine war mir fast so schrecklich wie das andere."
Die junge Frau stand auf und strich sich vor dem Kaminspiegel eine hereinfallende Locke hinters Ohr zurück. Sie näherte ihr Gesicht dem Spiegelglas und betrachtete stumm und aufmerksam die feinen Kummerlinien um Mund und Nasenflügel.
„Was nun, Frank?" fragte sie leise.
Sie hörte hinter sich sein ruheloses Wandern, sah im Spiegel sein gesenktes Profil, dessen Linie jetzt noch schärfer und energischer gezeichnet schien. Ein stummer, verbissener Zorn spannte seine Wangenmuskeln.
„Ich hätte Lust, diesen Bertrand heute abend noch an die Luft zu setzen", brach er plötzlich aus.
„Der Kerl ist derselbe Halunke wie Monno — nur noch unsympathischer. Wenn ich ihn ..."
Er verstummte vor der beschwörenden Gebärde, mit der Evelyn beide Arme hob, als ob sie ihn aufhalten, von einem unsinnigen und verderblichen Beginnen zurückreißen wollte. Sofort dämpfte er seinen Ton. „Ich werde es überschlafen, Liebling. Du hast recht, man muß sich das alles erst überlegen, haarscharf überlegen, bevor man einen Entschluß faßt. Man soll nichts übers Knie brechen."
Er horchte auf. Es hatte geklopft. Paula, das Stubenmädchen, kam, um zu Tisch zu bitten.
*
„Bist bu es, Ina?"
Der alte Lenk blieb keuchend auf dem letzten Treppenabsatz stehen und blinzelte nach oben, von wo ihm im Halbdunkel des Sttegenhauses eine weibliche Gestalt entgegenkam. Er hatte sich nicht getäuscht. Es war seine Tochter, die da in Hut und eberkleidem, mit einem umfangreichen Paket un- term Arm, die Treppe herunterftieg.
„Gehst du noch fort bei dem Wetter?"
Das Mädchen nickte. „Ich muß den Lampenschirm für Schellers liefern, er war schon für Samstag versprochen. Es ist ziemlich weit, in Der Moorgartenstraße. Kann sein, daß es spät wird. Der Kaffee steht in der Röhre."
Der Alte warf ihr über seine Brillengläser einen unzufriedenen Blick zu.
„Was du jetzt bloß immer zu rennen haft den ganzen Tag", brummte er verdrießlich.,, Immer den aufgewärmten Kaffee! Hast du noch mal nach dem Ofen gesehen, daß mir nicht wieder, wie gestern, das Feuer ausgeht?"
Er stieg kurzatmig und hüstelnd höher. Von droben beugte er sich noch einmal übers Geländer. „Ina — hörst du, bring mir doch wieder mal ein paar Marken mit! Der Scheller, der ist doch Hotelier, der muß doch Marken kriegen von überall. Vielleicht hat er zufällig schon die neue Cuba. Frag ihn doch mal. Die Cuba — die neue, hörst du?"
Ina warf eine karge Antwort über die Schulter. Als ob sie keine anderen Sorgen hätte als seine neue Gubji, mit der er ihr dauernd in den Ohren lag. Als ob sie den Kopf nicht mit Wichttgerem voll hätte, haha ...!
Ina ertappte sich auf einem bitteren Auflachen. Sie ertappte sich jetzt öfters dabei, daß sie wie ein
altes Weib mit sich selber schwatzte, auf offener Straße, daß sich die Leute nach ihr umdrehten. Kein Wunder! Wenn man immer so allein ist, wenn man keinen hat, mit dem man sich ausspre» chen kann, keine Menschenseele! Immer allein mit seinen Sorgen und seiner Angst. Kein Wunder, daß man darüber spinnig wird!
Wenn sie nicht wenigstens Frau Schnäbeli gehabt hätte! Sie fühlt zwar im Grunde, wie nutzlos und unsinnig diese Besuche bei den Astrologinnen sind, die sie sich in letzter Zeit angewohnt hat, aber sie gibt sie nicht auf, weil sie sonst niemand hat, mit dem sie sich aussprechen kann, und ein wenig Hoffnung nimmt sie stets mit heim, um bann doch immer wieder enttäuscht zu werden. Sie ist zu verrannt in ihr Unglück, als daß sie merkte, wie sie von diesen Frauen ausgebeutet wird. Sie macht sich schnell auf den Weg, um Frau Schnäbeli, bte ihr empfohlen worden mar aufzusuchen. Aber erst den Lampenschirm abliefern. Das sind auch wieder fünfzehn Franken. Ob bte Schnäbeli sich viel zahlen läßt?
Ach Gott! — Ina Lenk seufzt laut vor sich hin. — Diese Besuche laufen ins Gelb, ihr ganzes Erspartes ist schon braufgegangen. Puh, wie kalt es schon ist! Man hätte eigentlich einen neuen Mantel gebraucht, etwas, Warmes. Es tft ja schon Oktober. Bald ist ber Winter ba ... der Winter! Wo es schon um vier Uhr dunkel wird und man vor Schnee und Kälte oft nicht aus dem Haus kann. Dann wird es aus sein mit dem stundenlangen planlosen Umherstreifen. Dem Warten und Lauern an zugigen Straßenecken, an Trambahnhalteftellen und auf Den Bänken öffentlicher Anlagen, wo jeder Fremde einmal oorbeikommt, wo er einem doch schließlich einmal in die Hände laufen muß, wenn man es aushält! Wenn man dann nicht von selber schlapp macht und die Kälte einen heimtteibt. Es ist heute abend schon kalt genug. Der Wind geht einem durch und durch, Und es schneit wohl auch ein bißchen? 3a, wahrhaftig — das, was sich da auf ihrem Paket gesammelt hat, bq$ ist Schnee. Ganz dünner, nasser Schnee ...
Sie wischt ihn mit dem Aermel fort, damit die Feuchtigkeit nicht auf den Lampenschirm durchdringt. Unschlüssig bleibt sie stehen. Ob sie trotzdem den kleinen Umweg über die Rathausbrücke macht? Da schlägt es gerade etwas von der Kirche. Halb
... halb sechs. An jenem Abend, als sie dem Mann auf der Rathausbrücke begegnete, war es auch um die Zeit gewesen. Bloß noch nicht so dunkel. Aber es ist ja auch einen Monat später. Damals--
halt!
Ina drängt sich plötzlich blindlings zwischen den Passanten durch. Der da vorn — der dunkle Ulster — ist er das nicht ..."
Nein — nicht. Wieder nicht. Jeder dritte Mensch hat jetzt auf einmal einen blaugrauen Ulster an und einen Svazierstock in der Hand. Jeder dritte Mensch sieht jetzt plötzlich von hinten Richard Stu» benjanb ähnlich. Als ob einen Gespenster narrten ...!
Erschöpft und durchfroren landete Ina Lenk eine Stunde später vor dem Haus Nummer 27 in ber Steinsttaße, wo diese Frau Schnäbeli wohnen sollte. Vorsichtig tastete sie sich eine halbdunkle, knarrende Stiege hinauf. Aus jeder Wohnung roch es anders, nach angebrannter Milch, nach Malzkaffee und schlechtem Speisefett. Ina mußte sich bücken, um bei ber elenden Beleuchtung die Türschilder zu ent» Ziffern.
Endlich: Schnäbeli. Angelika Schnäbeli, Charak« terologin. Ina drückte auf den Klingelknopf.
Es war Frau Schnäbeli selbst, die öffnete, eine wohlgenährte Person mittleren Alters, der man den häufigen Aufenthalt in höheren geistigen Sphären nicht ansah. Sie musterte die neue Kundin mit jenem mißtrauisch-sichernden Blick, den alle Leute haben, deren Gewerbe nicht staatlich konzessioniert ist, und führte sie dann in die Wohnstube. Man war offenbar gerade beim Abendessen. Dom Tisch er» hob sich ein junger Mensch, offenbar der Sohn der Schnäbeli, der die Eintretende neugierig anstarrte und dann mit seinem noch halbvollen Teller ins Nebenzimmer verschwand.
Frau Schnäbeli zog die Hängelampe tiefer und betrachtete die neue Kundin mit einem langen, ab» schätzenden Blick, der langsam von dem schneebe» tauten blauen Baskenmützchen abwärts glitt bis zu der vom Handschuh entblößten Linken, an ber ein kleiner, bescheibener Amethystring glänzte.
„Sie find verlobt gewesen, Fräulein", begann sie mit dem vorsichtig tastenden Tonfall aller Sy» bitten. Sie haben viel Schweres durchgemacht ..."
„Das weiß Gott!" kam es dumpf von den Lip» pen der Kundin. (Fortsetzung folgt.)
n5oße
lOPfg.
3n 3 Minuten ohne Tett % fiter oorjüg liehe Bratensoße für 10 Pfennig!
ist Zubereitung kinderleicht. Sie brauchen nur 1 Knorr -Bratensoßwürfel fein zerdrücken, glattrühren fifLXn ^mute" unter Umrühren kochen. Schon fertig! Diese Soße wirb allein ober zum
Strecken, Verbessern und Vlnben anderer Soßen verwendet. Hauptsache dabei:
"KhtiVv Bratensoße


